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Periodical volume Nr. 74, 30.03.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Krirderrarrer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Rheinstr. 15,1.50 M. vierteljährlich; durch 
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sefondere 
Seelen llUttvocbr 
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Zeitung.) 
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Kesirksuerein Züdweft. 
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Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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«r 74 
Berlin-Friedenau, Soinilaq, den 80 März 1913. 
20 Iahrg. 
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nehmen entgegen: 
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Nebenstelle Sl Zschalig, Odenmaldstr. 7, 
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stellgeld. Für Selbstabholer monatlich 50 Pfg. 
Oepelcken 
Letzte Nacstrirbten 
Berlin. Gestern wurde an der Weidendammer 
Brücke die Leiche eines jungen Mannes gelandet. Wie 
die Ermittlungen jetzt ergeben haben, handelt eS sich um 
den 14 jährigen Sohn Felix deö Ehepaares Dalleh aus 
der Friedeberger Straße, der Selbstmord beging, weil er 
in keiner Lehrstelle aushielt. 
Schlei». Fürst Heinrich XlV. jüngere Linie ist heute 
früh um 4 Uhr 16 Min. im jütstlichen Schlöffe in Schlei» 
gestorben. 
Parts. Der hundertfache Millionär und Schokoladen- 
fabrikant Senator Gaston Meunier und deffen Gattin, die 
sich zurzeit in Cannes befinden, wurden gestern bei einem 
Aukfluge nach der Blumenstadt Grosse von einem Auto- 
mobtlunfall ereilt. Infolge deS Bruches eines LeitungS- 
drahtcS fuhr daS Auto gegen einen Baum und stürzte tu 
einen Straßengraben. Der Chauffeur kam mit leichteren 
Verletzungen davon, das Ehepaar Meunier erlitt jo fiLwere 
Kontusionen, daß eS nach dem Krankenhause von Graste 
gebracht werden mußte. 
London. Auf eine Anfrage deS Daily Expreß an 
den König Nikolaus von Montenegro, wie ec sich in der 
Skutart-Angelegenhett zu verhalten gedenke, ist die Ant- 
wort eingetroffen, daß der König niemals eine Entscheidung 
der Großmächte annehmen würde, durch die Montenegro 
verhindert werden soll. Skutari zu erobern. König Nikolaus 
erklärt, daß die Mächte durch Schaffung eines künstlichen 
Albanien Montenegro zu ersticken versuchen; er aber sei 
enlschioffen, die Beschießung von Skutari trotz aller War 
nungen fortzusetzen und die Stadt zu erobern. 
Sofia. Schükrt Pascha ist mit seinem Stabe, be- 
stehend au» zwölf Paschas und mehreren höheren Offizieren, 
au« Adrianopel nach Sofia abgereist. 
Die köderen Spulen unci äie 
öffenllicke Meinung. 
Boa Ech. ObenegierungSrat Dr. A. Matthias. 
Daß die öffentliche Meinung eine starke Abneigung 
gegen die höheren Schulen hegt, ist leider eine nicht weg- 
zulengnende Tatsache. Wo die Preffe in tadelnder Kritik 
Zustände an den höheren Schulen bespricht, wo die 
literarische Welt in Romanen Gestalten von Schülern vor 
führt, die unter der Quälerei der Schule ein jämmerliches 
Dasein führen, wo Bücher oder Broschüren erscheinen, 
welche die deutsche Schule anklagen wegen ihres ExamenS- 
drillS, wegen ihrer herzlosen Maffenabrichtung, ihres 
polizeilichen Zwange» und ihres gemütlosen bürokratischen 
Betriebes, da liest man solche Aeußerungen überall mit 
Behagen, da wandert die betreffende Lektüre von Hand zu 
Hand und von HauS zu HauS. Und wo auf der Bühne 
Schultüte oder Lehrrrgestalten erscheinen, die sich an der 
Jugend und der Menschheit durch ihre amtliche Kälte und 
Bosheit oder durch pädagogische Verschrobenheit ver 
sündigten, da setzt e» frenetischen Beisall und Helle 
Schadenfreude. Und wo ein Redner hohe Morte spricht 
über das „Schulelend" unserer Zeit, da jubeln Tausende 
ihm zu, ohne zu prüfen, ob Sachkenntnis dem rhetorischen 
Schwünge der hohen Töne entspricht und ohne zu srogen, 
war denn der Redner an positiven Vorschlägen zu bieten 
hat. Und wenn die Zeitungen von Schülerselbstmorden 
berichten, so kann man sicher sein, daß die öffentliche 
Meinung zunächst die Schule unter Verdacht nimmt und 
sie verantwortlich zu machen sucht für dar Unglück. 
Wer di« höheren Schulen von heute genauer kennt, 
wer sie nicht nur au« der Ferne steht oder ouS Erinnerungen 
weit zurückliegender Jugendzeit beurteilt, muß sich wundern 
Uber die eigentümliche Stellungnahme der öffentlichen 
Meinung. Denn e» ist doch eine durch die wirklichen 
Verhältniffe beweisbare Tatsache, daß in unseren 
höheren Schulen sehr vieles bester geworden ist gegen 
früher. Mag auch noch manches zu wünschen übrig 
bleiben swo bliebe e» dar nicht bet allen Dingen und 
bei jedem Menschen), da» muß man denn doch beijgenaurr 
Prüfung unserer höheren Schulen zugestehen, daß in ihrer 
Verwaltung und in ihrem ganzen Betriebe daS ehrlichste 
Bestreben besteht, zu beffern, wo man nur zu brffrrn die 
Möglichkeit hat. ES ist zu keiner anderen Zeit soviel an 
und in den Schulen gearbeitet worden, wie heutzutage. 
Seit 20 Jahren sind allmählich in Preußen an die 140 
Semtnaranstalten in Verbindung mit unseren höheren 
Schulen geschaffen, in welchen der junge Nachwuchs meiho- 
bisch geschult und angemeflen vorbereitet wird für den 
schweren Beruf de8 Lehrers. An den Lehrplänen, den 
VersetzungS- und Prüfungsordnungen wird unablässig im 
humanen Geiste gearbeitet, um die Freude an der Volks 
schule zu mehren; eS wird an vielen Strllrn versucht, der 
Individualität der Schüler Rechnung zu tragen und die 
einzelne Persönlichkeit in ihrer Eigenart mehr zu berück- 
sichtigen; die Strasbestimmungkn werden in mildem Geiste 
gehandhabt; weite Kreise innerhalb der Lehrerschaft sind 
der Meinung, daß man aus höheren Schulen fast ganz 
der Strafe entraten könne. Die körperliche Ertüchtigung 
tritt neben der geistigen Arbeit in ihre Rechte ein: zahl- 
reiche Turnvereine bestehen an den höheren Schulen; in 
Preußen haben wir etwa 140 Rudervereine mit nahezu 
3000 Ruderern an den höheren Schulen; im übrigen 
Deutschland kommen noch etwa 30 Vereine mit nahezu 
700 Schülern dazu. Diese schöne Selbstbetätigung der 
Schüler geht Hand in Hand mit der Schule und mit ihren 
Lehrern, die in guter Kameradschaft, ja stellenweise in herz 
licher Freundschaft zu den Schülern halten. Und auch 
innerhalb der Schulen verbreitet sich die Selbstbetätigung 
der Schüler mehr und mehr in maßvoller Ausnützung der 
Freiheit und in Pflege der Selbstzucht. 
Und trotzdem sitzt die öffentliche Meinung am Wege 
und jammert wie eine hysterische alte Frau, über die im 
Grunde de» Herzen» unsere Jugend — von degenerierten 
und altklugen Großstadtkindern abgesehen — herzlich lacht, 
weil ihr gesunder Körper und Geist und ihr frischer Humor 
sie dazu zwingt. 
Woher nun diese eigentümliche Erscheinung? Neben 
mancherlei anderen Gründen trägt besonders die Nervosität 
und der Pessimismus unserer ganzen Zeitrichlung die 
Schuld. Nervöse Leute und Pessimisten urteilen rasch und 
mit Vorliebe ins Allgemeine hinein, sie haben, da ihr 
Auge nicht sonnenhaft ist, keinen Blick für Sonne und Licht- 
seiten der Leben», für die guten Eigenschaften der Menschen 
und daS gute in den Verhältntffen. Wie die Zeitrichtung 
verstimmt ist, so ist'S auch die öffentliche Meinung. Und 
nun nehme man hinzu, daß in der öffentlichen Diskussion 
die Verärgerten daS große Wort führen und eS so laut 
führen, daß die Stillen im Lande, die doch vielfach einige 
Erfahrungen haben und doch auch ein Urteil besitzen» sich 
nicht recht hervocwagen. Die Berufensten» sich zu wehren, 
wären die Männer von der Schule selbst. Anstatt immer 
nur über GehaltS. und Standesfragen, über Rang und 
Würden, diese „Dekorationen für Toren", zu diskutieren, 
sollten sie an die Oeffentlichkeit treten und aufklärend 
wirken über die wichtigsten und innerlichsten Fragen 
unseres Schullebens und damit einen „Kulturbeitrag" von 
gutem Werte liefern. Die Schulmänner kümmern sich zu 
wenig um die irregeleitete öffentliche Meinung; sie bedenken 
zu wenig, daß neben dem vielen Unberechtigten in ihr 
auch manches Berechtigte enthalten ist, daß neben vielen 
ungerechten Forderungen auch manche gerechte Forderung 
einher läuft. Und bei dem Berechtigten und Gerechten 
sollten die Schulmänner einsetzen, um gegen alles Front 
zu machen, was aus Unkenntnis der wirklichen Schulver- 
hältniffe oder aus verärgerter Stimmung an harten und 
schroffm Urteilen, an unwahren Behauptungen und 
Fälschungen, an ungerechten Anklagen und an böswilligen 
Angriffen und an leichtfertigen Verallgemeinerungen in die 
Welt gerufen wird. Auf, > die Mensur also gegen die 
Fälscher der öffentlichen Meinung! Die Preffe ist e» gewiß 
nicht, die die Schuld trägt, daß da« Urteil an vielen 
Stellen so irregeführt ist. Wer sie genauer kennt, weiß, 
daß sie in ihren besten Organen noch immer gern kundigen 
und gewiffenhaften Urteilen gern ihre Spalten geöffnet hat. 
Sie wird sich der frischen und fröhlichen Mitarbeiter freuen, 
träumende Menschen. , 
Roman von Dora Duncker. 
5, (Nachdruck vkriotm.) 
Erst am nächsten Morgen, nachdem er fast zwölf 
Stunden traumlos geschlafen hatte, fand er den dicken 
Brief der Mutter auf seinem Arbeitstisch liegen. Der.Um 
schlag war vollgestopft von Zeitungen mit blau angestriche 
nen Inseraten. Dazu schrieb die Mutter: 
„Mein inniggeliebtcr Sohu! Wir, Berta, Lottchen 
und ich. schicken Dir einen Haufen Zeitungen mit schönen 
Angeboten für einen so talentvollen Menschen wie Du. 
Mit einer oder der anderen Sache wirst Du schon Dein 
Glück machen, mein Herzcnssohn, wenn es mit den: Malen 
nicht so rasch weitergehen sollte, wie Lottchen und ich cs 
hoffen und Dir von Herzen wünschen. 
Es geht mir recht gut. und wir sind in unseren zwei 
Stuben recht nett und gemütlich eingerichtet und warten 
nur sehnsüchtig, daß Du uns besuchen sollst, mein geliebter 
Junge, wenn Deine Zeit es gestattet. 
Beria hat natürlich vielerlei auszusetzen. Du weißt, 
sie ist nie recht zufrieden. Liber deshalb darf man ihr 
nicht böse sein. Sie ist eben aus anderem Holz geschnitten, 
als Du, mein Junge, und Dein Vater, und ich es — durch 
Euch geworden bin. Bertas Vgter war ein praktischer 
Mann und sie hat's mir. wie Du ja selber weißt, bis 
beute 'nicht verziehen, daß aus dem rentablen Bäcker- 
ge sch äst ihres Vaters ein unrentables Vuchgeschöft gewor- 
den ist Im übrigen aber ist sie ein tüchtiges und braves 
Mädchen, trotz all ihrer Schroffheiten iind Harten. 
Ich grüße Dich, mein lieber Sohn, und küsse Dich 
viele Male und zähle dir Tage, bis Du kommst zu 
i Deiner treuliebenden Mutter. 
Lottchen Heine hat uns treulich beigestanden. Sie ist ein 
sehr liebes Mädchen, das kannst Du glauben, mein Rolf." 
Nachdem Rolf den Brief gelesen hatte, stand sein 
Entschluß fest. Er wollte noch heute hinüberfahren und über 
den Sonntag drüben bleiben. Berta würde ihn, für die 
zwei Nächte ihre Kammer abtreten. Knurrend und brum 
mend, aber sie würde es tun. 
Nach den furchtbaren Kämpfen der letzten Wochen, 
nach den schweren, inneren Erlebnissen des gestrigen 
Tages fühlte er eine geradezu zwingende Sehnsucht, die 
Mutter zu umarnien, aus ihrer Liebe neue Krast zum 
Leben zu schöpfen. — 
Es war ein wundervoller Vorfrühlingsnachmittag, 
als der Zug an dem kleinen Städtchen hielt. Die langsam 
versinkende Sonne vergoldete seinen alten Pulverturm und 
das Stückchen roter Festungsinauer, das noch von alters 
her den Grenzwatt des Städtchens bildete. 
Rolf schlenderte durch die Straßen und um die alte 
gotische Kirche mit ihrem berühmten Altarbild herum. 
Im Pfarrgarten sprangen schon die ersten Blattlnospen 
auf. Wie ein blaßgrüner Schleier schimmerte es hinter 
dem schiefen Staketenzaun. 
Ueber den Alten Markt ging Rolf an der Heugasse 
vorüber bis ans östlichste Ende der Stadt, an deni die 
Chaussee zum Stadtwäldchen vorüberlief. 
Bekannte begrüßten ihn. Hier und da blieb er stehen, 
um mit einem oder dem andern ein Wort zu wechseln. 
Keine neugierigen oder mitleidsvollen Blicke folgten ihm 
heute. Frau Beckmanns frische Wäsche, sein sauber ge 
bürsteter, offen getragener Rock, sein nach dem ausgiebigen 
Schlaf frisches Aussehen schützten ihn davor. 
Er fand nur Berta zu Haus. Sie saß über dem 
Stickrahmen und fertigte eine mühsame Stickerei. 
Rolf wußte sofort, zu welchem Zweck. Er lobte Farben 
und Zeichnung und meinte, die kunstvolle Arbeit würde 
rasch verkäuflich sein. 
„Bestellt für ein Berliner Geschäft," sagte Berta kühl 
und trocken, aber sie freute sich doch über Rolfs Lob, 
wenn sie es sich auch nicht merken ließ. 
„Du triffst es schlecht. Mutter ist nicht zu Hause. Sie 
ist mit Lotte draußen in Heines Garten. Heine hat uns 
ein Stückchen Land zu einem Spottpreis abgelassen. Die 
beiden wollten sehen, wie es sich am besten für Gemüse 
zucht ausnutzen läßt. Man kann verkaufen und das Nötigste 
für den Haushalt ziehen." 
„Sehr vernünftig. Vermutlich deine Idee, Berta." 
Das Mädchen zuckte mit den hageren Achseln, und 
ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, sagte sie: „Nur eine 
selbstverständliche. Wir haben's nicht Zum-Rosen-und-Ver- 
gihmeinnicht-Pflanzen." 
Rolf griff nach seinem Hut. 
„Du willst dep beiden nachgehen? Genier' dich nicht. 
Bleibst du ein paar Tage? Oder hast du in Berlin zu 
tun?" 
Sie sah ihm mit scharfer Frage ins Gesicht. In dem 
Bewußtsein seines starken Willens zur Arbeit hielt er den 
Blick ruhig aus. 
„In nächster Woche wahrscheinlich. Ueber den Sonntag 
bin ich frei." 
Sie verabredeten alles Notwendige. Dann schritj. Rolf
        
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