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Periodical volume Nr. 8, 09.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

der Adels für OjfizierSstellen sollten fallen. Wir wissen, 
daß dieser Programm noch heute aus Erfüllung wartet. 
Sine weitere Reform war damals die Abschaffung der 
Prügelstrafe. Doch die Soldatenmißhandlungen sind trotz 
Reformen und der zu begrüßenden energischen königlichen 
Willens noch nicht auSgestorben. Freiherr o. Stein er- 
kannte, welche gemeinsamen Kräfte in der Nation unbe 
wußt und unentwickelt schliefen und wollte daher im Volke 
das Gefühl der Selbständigkeit wecken. Wie weit eS mit 
der Selbständigkeit de- Volke« gekommen ist, wissen wir; 
wir sind wieder inj das System der Bevormundung ge 
fallen. Die Kosten für da« Heer feien «norme und eigent- 
lich habe er ja darüber al« Landtagskandidat nicht zu 
rtden, .da die Heeressache dem Reichstage angehe. 
Aber auch die einzelnen Staaten werden durch die 
Kosten de« Heeres belastet. Wie drückend und wie 
schwer dikse Lasten auch auf daS ganze Volk ruhen 
mögen, so müsse man sie doch bestreiten. Die letzten 
Monate haben rS bewiesen, was ein starkes Volktheer für 
die Nation bedeute. Die Kosten für daS Heer lassen sich 
vergleichen mit der Prämie für eine Feuerversicherung. 
Nicht aus Zwang. auS staatSmännischer Erkenntnis müssen 
wir für eine starke Wehr eintreten. Er wendet sich dann 
gegen die militärische Ueberhebung, die durch das Reserve- 
osfizierkorpS tief hinein greift in die Rechte deS Volker. 
TS komme ihm manchmal lächerlich vor, wenn auf einer 
Visitenkarte neben dem bürgerlichen Beruf daS militärische 
Verhältnis verzeichnet steht. Dadurch werde der Glaube 
erweckt, das Militärische wäre die Hauptsache. DaS 
Hauplprinzip wäre dagegen damals gewesen, daß der 
StolzdeS Bürgers gehoben werde. Als 2. Punkt erwähnt 
der Redner darauf die Schaffung der Städteordnung 
vor hundert Jahren. Auch hier wollte Freiherr vom Stein 
die Kräfte der Bürger entfalten, indem er den Städten 
die Selbstverwaltung zuerkannte. Dar deutsche Vaterland 
sei ein Vaterland der Städte, in keinem Lande seien in 
den Städten derartige ZentralisationSpunkte geschaffen, wie 
im Deutschen Reiche. Die Städte beruhen auf der Kraft 
der erwerbenden Volkes und diesem Volke gäbe man daS 
Dreiklassenwahlrecht. Woher kommen die kommerziellen 
Kräfte unseres Volker? Sie kommen von unten herauf aus 
der Arbeiterschaft und dem Zusammenhalt deS Hand 
werkerstandes. Neue Kräfte sind gewonnen durch den 
Unternehmerstand, der mit Telegraph und Telephon den 
Weltball umspannt und dazu gesellt sich daS Heer der 
Beamten und Angestellten. Aber wenn man an die 
politische Ausbildung all dieser Kräfte geht, dann heißt 
ü von oben herab, daS machen wir (Zusttmnrung). Wenn 
wir weiter kommen wollen, muß dem Volke daS Selbst 
vertrauen eingeflößt werden, wie rS Freiherr v. Stein 
gewollt habe. Redner bespricht darauf die Bauern 
befreiung und betont, daß noch heute der Bauernstand 
geknechtet werde, unfrei sei. Vom Osten strömen die Massen 
in dar westliche Industriegebiet, leben in schlechter Lust 
und in schlechten Wohnungen, fühlen sich aber glücklicher 
so, da sie hier selbständig find. WaS bedeutet die Zahl 
der Völkerwanderung von damals gegen die Zahl der 
Staatsbürger, die jährlich von Osten nach Misten wandern. 
Wohnen doch nicht weniger als 1 / i Million Polen in 
Westfalen! Wie viele Werte könnten da unserem Volke 
geschossen werden, durch Schaffung menschenwürdiger 
Zustände im Osten und Aufteilung deS Großgrundbesitzes 
in zahlreiche Bauerngüter. Daß der Kleingrundbesitz dem 
Staate mehr einbringt, bezeugt auch ein Artikel deS Herrn 
o. Oppenheim. Darnach komme beim Großgrundbesitz 
1 Pferd auf 15 ha Besitz gegenüber 9 ha beim Klein 
grundbesitz, 1 Stück Rindvieh bei 4,2 ha Großgrundbesitz 
gegen 1,9 Kleingrundbesitz. 1 Schwein auf 7,5 ha Groß 
grundbesitz gegen 1,8 ha Kleingrundbesitz. Ebenso ist der 
Körnerbau ergiebiger beim Kleingrundbesitz als beim Groß 
grundbesitz. Letzterer gewinnt die 12 fache Frucht Winter 
korn auf 9,07 ha, der Kleinbesitz das gleiche schon aus 
^Sie sind eine gute Schauspielerin, aber Sie werden 
mich nicht zum zweitenmal an einem Abend hinters Licht 
führen," erwiderte Julius. 
„Das ist nicht meine Absicht; auf mein Ehrenwort, 
ich will Sie nicht betrügen," widersprach sie eifrig. „Ich 
will nur Ihr Bestes, und ich würde alles tun, um Sie davon 
abzuhalten, so leichtsinnig in Ihr Verderben zu rennen." 
„Ich zweifle nicht daran," entgegnete Julius spöttisch. 
„Weil Sie den Auftrag der fürchterlichen Persönlichkeit aus 
führen wollen, die Sie geschickt hat. Und um Ihren Zweck 
zu erreichen, spielen Sie mir ein ganz rührendes persön 
liches Interesse vor. Nein, meine verehrte junge Dame, 
ich muß Ihre Schmeicheleien ebenso höflich und bestimmt 
ablehnen, wie Ihre Drohungen. Ich bin fest entschlossen, 
der Fahne des liebenswürdigen Inserenten zujuschwören, 
wenn er sich bei mir melden sollte." 
Jetzt war cs an dem Mädchen, ärgerlich zu werden. 
Ihre roten Lippen warfen sich schmollend aus, dann 
öffneten sie sich, um zwei Reihen pcrlcnweißer Zähne zu 
zeigen, und Julius dachte lachend, es sähe fast aus, als 
wolle sie ihn beißen. Aber che sie sich entschließen konnte, 
wie sie ihren Zorn in Wort oder Tal äußern wolle, hörte 
man Schritte an der Tür, und das junge Mädchen warf 
Julius noch einen Blick zu, in dem Zorn, Bitte und Bor 
wurf sich spiegelten, dann floh sie wie ein gescheuchtes 
Reh, um an der Tür beinahe mit einem hochgewachsenen, 
aber ein wenig gebeugt gehenden Manne zusammen 
zustoßen. 
„Die junge Daine scheint cs ja merkwürdig eilig zu 
haben," sprach der Eintretende, und seine Worte klangen 
auffallend scharf und klar, wie die eines Menschen, der ge 
wöhnt ist, viel in der Oeffentlichkeit zu reden. Beim 
Sprechen schob er den weichen Filzhut, den er tief in die 
Stirn gezogen hatte, etwas zurück, und Julius erkannte 
sofort das Gesicht, das er schon oft im Bilde in den 
illustrierten Zeitungen gesehen hatte. 
Der Mann mit der breiten Stirn und dem klugen 
hageren Gesicht war kein anderer als der berühmte und 
gefürchtete Erste Staatsanwalt, Sir William Graßman. 
Eine schöne Unbekannte und ein berühmter Jurist! 
Das waren an einem Abend zwei merkwürdige Besucher in 
einem kleinen armseligen Drogengeschäft der inneren Cito. 
Dieser Gedanke flog Julius durch den Kopf, als er das 
Nähertreten des Herrn erwartete. 
(Forl/etzung folgt.) 
2.1 ha. Die politische Macht werde im Osten von den 
Junkern ausgebeutet. Würde man dein Bauern wirklich 
die politische Selbständigkeit ausüben lassen, so wäre daS 
Ergebnis in den Dahlen ein vollständig anderes. Darauf 
wandte sich der Redner dem Beamtentum zu. Er illustrierte 
di«b Gewissenhaftigkeit der Beamten an einem Vorfall. Ec 
schickte eine Postanweisung nach BreSlau und fügte 5 Pfg. 
Bestellgeld bei. Diese 5 Pfg. bekam er später wieder 
zurück (Heiterkeit). Die Gewissenhaftigkeit unserer Beamten, 
die sich in solchen Kleinigkeiten zeigt, beweise aber daS 
Pflichtgefühl Unserer Beamten. ES können in unserem 
Staate nicht 5 Pfg. verschwinden; er kenne aber Staaten, 
in denen weit mehr verschwinde. Er weist ferner auf daS 
Pflichtgefühl hin, daS alle Beamten beseele, hebt z. B. 
besonders die Beamten de« Post- und EisrnbahndiensteS 
hervor und kritisiert eS dann scharf, daß man diesen 
Begmten di« staatsbürgerlichen Rechte, schmälere und ihre 
politische Ansicht beeinflusse. Redner erklärte sich für voll 
ständige Koalitionsfreiheit. Wenn gefügt werde, die 
Menschen wollen immer mehr, so müsse er sagen, die 
Menschen wollen alle mehr. WaS dem einen recht sei, 
sei dem andern billig. ES sei ihm manchmal ein Rätsel, 
wie die Hausfrauen der Arbeiter und kleinen Handwerker 
mit dem geringen Verdienst ohne Schulden auskommen. 
Hut ab, vor solcher Frau, müsse er da sagen (Beifall). 
Er spricht sich gegen die Gratifikationen, die er als 
unwürdige Zuschüsse bezeichnet, aus und tritt für eine 
würdige Entlohnung aller Arbeiter und Angestellten ein. 
Ein fernerer Punkt der Reformen von 1808 war die 
Schaffung der Mintsterverantwortlichkeit, die auch heute 
noch nicht durchgeführt fei. Auch die Einführung einer 
Verfassung hat Freiherr v. Stein durchgesetzt. Nach Ansicht 
deS Herrn v. Oldenburg gibt eS allerdings für daS Heer keine 
Verfassung; in Hannover sagte er, daß da« Militär dem 
König den Eid leiste. DaS wäre dann so etwa« wie ein 
revolutionäres Element. ES ist nur gut, daß diese 
Ansicht eine private Ansicht deS Herrn Oldenburg 
sei. Er wendet sich darauf der Landtagswahl zu und 
erklärt sich für unbedingte Uebertragung deS Reichst agS- 
wahlrechtS für den Landtag (Bravo). Selbstverständlich, 
wenn man das nicht bekommen könne, so sei eS eine Frage 
der Taktik, zu nehmen, was zu erreichen sei. Das ganze 
Streben aber müsse auf daS Reichstagswahlrecht gerichtet 
fein. Er hebt hervor, daß man Elsaß-Lothringen «in 
besseres Wahlrecht gegeben habe. Weiter wendet er sich 
gegen den Polizeistaat. ES könnte da manches besser fein, 
wenn wir selbständiger wären und nicht bei jeder Gelegen 
heit nach der Polizei rufen. Nach Ausführungen deS 
Herrn Prof. v. LiSzt, feien von 20 Staatsbürgern 12 schon 
mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt gekommen. So groß 
wären die Strafmöglichkeiten. KoalitonSfreiheit wünsche 
er für Unternehmer und Arbeitnehmer. Bezüglich der 
Frauenbewegung sei er für volle Uebertragung der 
staatsbürgerlichen Rechte an die Frauen (Beifall). Er be 
tont, wie vor 100 Jahren der Geisteskultur trotz großer 
Schwieriekeiten das Augenmerk zugewendet wurde, wie in 
dieser schweren Zeit die Universität Berlin gegründet wurde. 
Heute dagegen suchen Schwarz-Blaue die Geifieskultur 
möglichst zu begrenzen. In Straßburg habe man be 
stimmt, daß eine Stelle in der philosophischen Fakultät 
mit einem Katholiken besetzt werde. Schließlich schaffe 
man auch noch e'ie katholische Chemie. Redner streift 
kurz seinen religiösen Standpunkt. Ec spreche nicht gern 
über Religion in politischen Versammlungen, dazu sei ihm 
die Religion zu gut. Man sage auf schwarz - blauer 
Seile, die Religion müsse dem Volke erhalten bleiben, 
dabei denke man aber nicht daran, daß man selbst zum 
Volke gehöre. DaS besage doch nur, eS müsse Gehorsam 
bewahrt werden. Und auch dazu sei ihm die Religion zu 
gut. Er spricht sich gegen den kirchlichen Einfluß in der 
Schule aus, tritt für Gleichberechtigung sämtlicher Religions 
gesellschaften ein. Er sei heute nicht so, daß die Kirche 
dem Staate, sondern daß der Staat der Kirche gehorche. 
Wenn wir einen starken Staat hätten, wäre er auch für 
Aufhebung des Jesuitengesetzes. Was uns not tut und 
und waS wir nötig haben, sei eine bewußte liberale 
Politik innerhalb unserer bürgerlichen Kreise. Dem Worte 
des Herrn Geheimrat Ricßer, daß man Angst habe vor 
seiner eigenen Kurage, solle Lügen gestraft werden. Wir 
müssen unS aufraffen. Der StaatSgedank« muß getragen 
werden auS der Volksseele heraus. Wir kämpfen den 
Wahlkampf mit der Nationalliberalen Partei gemeinsam, 
der er dafür danke. Wir kämpfen ihn unter einem Banner. 
daS ein guteSBannir ist, daS istdieFreiheitundderFortfchritt! 
(stürmischer Beifall und Bravorufe). Der Vorsitzende 
dankte dem Redner und forderte die Versammlung auf, 
den Worten deS Kandidaten zu folgen und für den Geist 
der Selbständigkeit einzutreten. Der' Vorsitzende des 
Nationalliberalen OrtsvereinS, Herr Geheimer RegterungS- 
rat Vogt, bat darauf feine Parteifreunde, für Herrn 
Pfarrer Traub in der Wahl einzutreten. Alle linkS- 
liberalen Parteien müssen jetzt zusammen stehen. Der 
Kandidat sei nicht für daS nationalliberale Programm ver 
pflichtet. Getrennt marschieren und vereint schlagen sei 
aber nach der augenblicklichen politischen Sachlage ange 
bracht. Darum möge jeder Herrn Pfarrer Traub die 
Stimme geben. Der Vorsitzende der Ortsgruppe deS 
HanfabundeS Herr Rechtsanwalt Küster empfahl auch 
seitens deS HanfabundeS, auf dessen Richtlinien sich der 
Kandidat verpflichtet habe, die Wahl de« Herrn Pfarrer 
Traub. NamenS deS ReichsoereinS der liberalen Arbeiter 
und Angestellten sprach Herr Ingenieur Fritz Wilhelm. 
Auch er empfahl in längerer Rede, in der er 
auf daS Programm deS ReichsoereinS näher einging, 
die Wahl deS Herrn Pfarrer Traub, mit dem 
er schon in Dortmund zusammen gearbeitet habe und den 
er alS Freund der Arbeiter und Angestellten kennen und 
schätzen gelernt habe. Frau Maria LtschnewSka begrüßte 
seitens deS liberalen FrauenvereinS die Kandidatur deS 
Herrn Pfarrer Traub. Sie wies auf die Wohnungsnot 
und Mißstänbe in dem Reiche der cstelbischen Junker hin. 
Man wende sich gegen den Geburtenrückgang, lasse aber 
Frauen im Kindbett mit den jungen Menschenkindern 
sterben, indem man nicht für Hebammen sorge, 
forderte zum Kampf gegen Konservative und Zentrum ■ 
und ersuchte ihre Mitschwestern, dafür zu sorgen^ daß 
Männer wähltn gehen. Herr Rechnungsrat L>chw v 
wünschte zu wissen, wie sich der Kandidat zrw Frage 
SltpensionSre stelle. Herr Hennig vom hiesigen Coan- 
gelischen Arbeiter,Verein protestiert dagegen, daß Herr 
Wilhelm al« liberaler Arbeiter sprach. Dazu sei er nicht 
berechtigt. (Schkußrufe. Der Vorsitzende bittet, den Redner 
nicht zu unterbrechen.) Herr Wilhelm vertrete die Hirsch- 
Dunkerfchen Gewerkoeretnen, mit denen eS ebenso !wie mn 
der liberalen Partei rückwärts gehe. AlS Ingenieur sei 
Herr Wilhelm überhaupt nicht berechtigt, als Arbeite^ 
Vertreter aufzutreten. Herr Hennig erklärt, er sei auch 
liberaler Arbeiter, betont, daß er nicht für die Konser 
vativen spreche, sondern christlich-sozial sei. Wenn Liberale 
sich so eng verbinden mit der Sozialdemokratie, wo bleibe 
da noch der Unterschied. Ein Zwischending gäbe eS nicht. 
Man müsse gegen die Sozialdemokratie auftreten. Aber 
von den Liberalen haben bei der letzten Wahl tausende 
sozialdemokratisch gewählt (Zuruf: Sehr richtig). WaS die 
Person deS Herrn Traub anbetreffe, so möge der Herr 
Traub ja so angenehm sein wie möglich (Lachen). Warum 
haben sie gelacht (Erneute stürmische Heiterkeit). Da« 
Lachen verstehe ich wirklich nicht (abermals stürmisches 
Lachen). Wir sind doch nicht in einem Kasperletheater 
(stürmische Heiterkeit). Wenn er daS gewußt hätte, hätte 
er nicht geredet (wieder Lachsalven). Er spricht dann wieder 
gegen die Sozialdemokraten und damit gegen die liberale 
Kandidatur. Herr Hagen (Soz.) meint zunächst, daß Herr 
Hennig nicht ernst genommen werden könne. Wenn er 
sich um die Personen der Herren Traub und Kalkbrenner 
handelte, würde er diesen Herren bedingungslos seine 
Stimme geben. Jedoch sei die Kandidatur von anderem 
Standpunkte zu betrachten. Er wendet sich dann gegen 
die Ausführungen deS Kandidaten über daS Heer. DaS 
Heer sei weniger al« Macht gegen den äußeren als gegen 
den inneren Feind vorhanden. Ferner betont er. daß dort, 
wo in den Städten die Liberalen die Oberhand hätten, 
sie nicht besser seien als die Konservativen und die poli 
tische Organisation der städtischen Angestellten gleichfalls be- 
kämpfen. Er möchte mal sehen, wenn die hiesigen Gemeinde- 
arbeiter einer sozialdemokratischen Organisation beitreten 
würden? Es gäbe nach seiner Ansicht nur zwei Parteien, 
nämlich Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Und so bitte er, 
dem Sozialdemokraten die Stimme zu geben. Herr 
Direktor Schwuchow, der in Stolp»Lauenburg als 
liberaler Kandidat aufgestellt war, berichtet auS diesem 
Wahlkreise über die Mißstände, die dort bei der Land 
bevölkerung bestehen durch die Herrschaft der Groß 
grundbesitzer. Ec führt ähnliche Bilder an, die Frau 
LischnewSka. (Herr LooS ruft wiederholt: Das ist Hetzerei. 
Der Vorsitzende ersucht, derartig« Zwischenrufe zu unter 
lassen.) Herr Direktor Echwuchow führt weiter auS, daß 
er all dies selbst gesehen und erlebt habe und nur Tat 
sächliches mitteile. Die liberalen Stimmen in diesem 
Wahlkreise seien auch nicht zurückgegangen, aber man habe 
dadurch, daß man den Wahltag auf einen Tag vor dem 
Weihnachtsheiligabend legte, viele liberalen Stimmen aus- 
geschlossen, da in dieser geschäftlichen Zeit mancher Kauf 
mann und Angestellte nicht wählen gehen konnte. Er tritt, 
nachdem er noch die Reden der Herren Hennig und Hagen 
unter die Lupe genommen, für die Kandidatur der Pfarrers 
Traub ein. Herr Gehl beschäftigt sich mit den Ausführungen 
der Herren Hennig und Hagen. Wenn Herr Hennig von 
einem Kasperletheater sprach, so müsse ihm dieser Vergleich 
gepaßt haben. Er möchte nur betonen, daß zu einem 
Kasperletheater auch immer ein Kasperle gehöre, durch den 
die LachmuSkeln gereizt werden. Junkern und Pfaffen 
dürfen keine Stimmen zufallen. Herrn Hennig möchte er 
nur sagen, daß Konservative und Sozialdemokraten sich 
schon häufig verbunden haben, und daß bei einer Wahl 
ein solches Bündnis nicht zustande kam, weil die Sozial 
demokratie zu anständig war, den Rubel anzunehmen, den 
die Konservativen rollen ließen. Herrn Hagen erwiderte 
er auf seine militärischen Ansichten, daß Bebel selbst erklärt 
hätte, daß, wenn e? sein müsse, er die Flinte auf die 
Schulter nehmen würde. Ec bittet gleichfalls, den 
Worten des Kandidaten zu folgen, die Selbständigkeit zu 
wecken und selbst mitzuwirken bei der Wahl. Jetzt wurde 
ein Schlußantrag mit großer Mehrheit angenommen. 
Auf der Rednerliste standen noch die Herren Hennig und 
Hagen. In seinem Schlußwort erklärte Herr Pfarrer Traub 
zunächst, daß er nach seinen Kräften für die Altpensionäre 
einzutreten bereit sei. Dann wendet er sich den Aus 
führungen des sozialdemokratischen und deS christlich-sozialen 
Redners zu, deren Ansichten er widerlegt. Auf die Be 
merkung, daß man ihn in den Himmel gehoben hätte, be 
merke er. daß er allerdings eine ganze Menge von Mär- 
tyrerium kennen gelernt habe. Ec möchte daS Lob, daß 
ihm gelten soll, gern auf die Märtyrer, die er kennen ge 
lernt habe, abgeben und betonen, daß er durchaus nicht 
stolz denke. Seine Stellung in der Stichwahlfrage gab er 
dahin bekannt, daß er, wenn er zwischen Schwarz und Rot 
zu wählen hätte, ohne lange zu überlegen Rot wählen würde 
(lebhaftes Bravo). Das würde durchaus der jetzigen 
politischen Stimmung entsprechen. Mit der Bitte, zahlreich 
an der Wahlurne zu erscheinen und mit einem begeistert 
aufgenommenen Hoch auf .Freiheit und Vaterland" schloß 
darauf Herr Geheimrat Kalkbrenner gegen 12 Uhr die Ver 
sammlung. 
o Wettbewerb fsit den Britzer Rosenpark. 
Auf daS von der Gemeinde Berlin-Britz veranstaltete 
Preisausschreiben zur Erlangung von Entwürfen für einen 
Rosenpark mit wissenschaftlicher Rosensammlung (Rosarium) 
sind 52 Entwürfe eingeliefert worden. DaS Preisgericht 
wird seine Entscheidung noch in dieser Woche fällen. Alle 
Entwürfe werden in der Zeit von Sonntag, den 12. bi« 
Sonnabend, den 25. dieses Monats in der Aula der neuen 
Gemrindeschule zu Berlin-Britz, Chausseestraße 137 (gegen 
über dem Kirchteiche) zur öffentlichen Ausstellung gelangen 
und können dort täglich von 1 bis 6 Uhr nachmittags 
von jedermann bei freiem Eintritt besichtigt werden.
        
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