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Periodical volume Nr. 70, 25.03.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Fm-emn Likal-Ameim 
(Kriedenauev 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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70. 
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Berlin-Friedenau, Dienstag, den 25. März 1913. 
20. Iahrg. 
Oepelcken 
Letzte I^Lchrichten 
Halle a. E. In der vergangenen Nacht schlich sich 
die Dtenstmagd Minna Elze in Schafstädt bet Halle mit 
einem Beil in da« Schlafzimmer ihrer Herrn,' des Troß- 
oiehhändlei» R. Heinrich, und verletzte ihn schwer durch 
Beilhiebe. Dar Mädchen beging die Tat au« Rache dar» 
über, daß er am Tage vorher von seinem Herrn wegen 
einer Fehlers zur Rede gestellt worden war. 
Ludwigrhafen. Heute morgen gegen 6 Uhr brach 
in dem an die Eisenbahn in Ludwigrhafen anstoßenden 
Lagerhause, dar an die Gelreidefirma Simon vermietet ist, 
Feuer aur. Bei den Löscharbeiten stürzte die große Leiter 
ein; dabei wurde der Feuerwehrmann Wagner getötet und 
die beiden Feuerwehrleute Thewald und Schmidt leben«, 
gefährlich verlitzt. 
Neapel. Der Vesuv ist wieder in Tätigkeit. Seit 
24 Stunden hört man unterirdische» Getöse und Erdstöße 
find wahrnehmbar. Auf der Ostseite de» Vulkan« haben 
fich mehrere rauchende Krater gebildet. ' : ' 1 
Kopenhagen. Der Au«wandererdampfer „Tietgen", 
der auf der Fahrt von Kopenhagen nach Neuyork begriffen 
war, erhielt am Sonnabend in der Mitte de« Atlantischen 
Ozean« eine drahtlose Meldung von dem schwedischen 
Dampfer „TexaS", der führungSlo«, ohne Schraube, im 
Meere trieb. Der ,Ttetgen" eilt« sofort zu Hilfe und 
brachte die 43 Paffagiere und die Mannschaft de» „TexaS" 
glücklich nach Amerika.' 
Rom. Eine au« Crtinje ringetroffene Meldung be» 
stätigt die Belgrader Nachricht, wonach der Kommandant 
von Skutari Unterhandlungen behuf« Uebergabe der Stadt 
angeknüpft hätte. 
Rom. Die hiesigen maßgebenden Kreise find über» 
zeugt» daß der österreichisch-monteuegrirtische Konflikt güt 
lich beigelegt werden wird. Sollte Montenegro aber den 
Willen Olsterreich» und der änderest Großmächte nicht 
respektieren wollen, so wird die Londoner Konferenz die 
Erteilung etine« Exekutivmandat» an Oesterreich und Italien 
beantragen. Auf Grund eine- europäischen Auftrag» würde 
Italien sich an einer militärischen Aktion Oesterreich» be- 
teiltgen, sonst nicht. 
Cetinje. Amtlich wird gemeldet, daß General 
Dschawid Pascha sich mit 15 000 Mann am Fluffe Ekumbi 
den Serben ergeben hat. 
Neuyork. Wie der Gouverneur von Nebraska und 
der Bürgermeister von Omacha erklärten, find mindesten» 
zweihundert Personen in der am Westufrr de» Missouri 
gelegenen Siadt Omacha durch den Orkan um» Leben 
gekommen. 
Sckulaufnabme - erste Sebuheit. 
‘ Wieder naht die Zeit heran, da die Eltern ihre sechs- 
jährigen Lieblinge zur Schule bringen müssen. Wer in 
den erwartungsvollen Kindecaugen zu lesen versteht, dem 
wird e» sofort klar, daß der Eintritt in die Schule von 
einschneidender Brdeutung für da« Leben de» Kinde» ist. 
Bl» dahin waren seine Tage nur dem Spiele gewidmet; 
e« kannte noch keine Berantwortlichkeil. Jetzt naht der 
Ernst de» LrbenS; denn sein Tun und Lassen, seine 
Leistungen und sein stttliche» Verhalten werden nun ge 
wertet und find bestimmend für sein spätere» Leben. 
Wenn dem Eintritt in die Schule und der ersten 
Schularbeit solche Bedeutung zukommt, dann ist e» heiligste 
Pflicht der Eltern, ihre Kinder auf diese Zeit in geeigneter 
Weise vorzubereiten. Leider gibt «» immer noch unvor 
sichtige Väter und Mütter, die bei Unarten der noch nicht 
schulpflichtigen Kinder auf die Schule hinweisen, al» auf 
den Ort, wo sie für jede Verfehlung strenge Strafe 
empfangen werden, und somit Scheu oder gar Angst säen, 
anstatt Vertrauen zu erwecken. ES bedarf kaum der Sr- 
wähnung, daß die Methodik de» Unterricht» in den letzten 
Jahrzehnten ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat, so- 
daß unter einigermaßen normalen Verhältnissen im ersten 
Schuljahre nur ein ganz geringer Prozentsatz von Kindern 
zurückbleiben darf. Auch ist man im „Jahrhundert de» 
Kinde»* allenthalben bestrebt, den Kleinen den Uebergang 
von der Zeit de» bloßen Spielen» zu der de» Lernen» nach 
Möglichkeit zu versüßen. Vorsichtige Eltern werden die 
Schule nur al» da» Hau« bezeichnen, wo gute Lehrer den 
artigen Kindern viel Schöne» erzählen wollen und deren 
Lernbegier befriedigen, wo sie sich mit fröhlichen Kameraden 
tummeln und mit ihnen im Lernen wetteifern dürfen. 
In keinem Schuljahre erfährt der KindeSgeist eine 
solche Bereicherung wie in der Slementarklaffe. Welche Un 
summe von Vorstellungen wird hier geklärt, vertieft und neu 
aufgenommen! Damit aber da» Kind, da» au» seiner bis 
herigen Lebensweise jäh herauSgeriffen wird, solche 
geistige Arbeit ohne Schaden für seinen Körper zu leisten 
vermag, muß seiten» der Eltern, der Körperpflege erhöhte 
Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die kleinen Schul 
rekruten müssen Abend» zeitig zur Ruhe gehen, damit da» 
junge Hirn ausruhen und neue Kräfte sammeln kann, 
eine Notwendigkeit, gegen die gerade in dm Städten im 
Frühling und Sommer häufig in unverantwortlicher Weise 
gesündigt wird. Wer schulpflichtige Kinder hat und bei 
ihnen allseitige gedeihliche Entwickelung schauen will, darf 
nicht daran denken, alle Festlichkeiten bi» zum Schluff« 
auszukosten. Selbst bet sorgsamer Beobachtung und 
Pflege tritt während der ersten Schulzeit zumeist ein 
Stillstand im Körperwachstum ein infolge der veränderten 
Leben«art, de» langen Aufenthalte» in mehr oder minder 
verbrauchter Schulluft und der ungewohnten geistigen An 
strengung. Geringere Eßlust ist eine häufige Erscheinung, 
und dazu kommen die bekannten Kinderkrankheiten. Wie 
soll sich da ein zartes Kind entwickeln, da» am Morgen 
au» süßem Schlummer gerissen, hastig angezogen und halb 
schlaftrunken an den FrühstückStisch gebracht wird! 
Die Sauberkeit verdient ganz besonder» Erwähnung. 
Die Kleidung kleinerer Kinder, die selten Wasser oder 
Bürste zu sehen bekommt, verbreitet üble Gerüche, und 
da» kann für die Schule unangenehm werden, da dort 
40—50 von ihnen stundenlang in einem Zimmer zu 
sammen sind. Auch muß man an den Lehrer denken, der 
so manche» unbeholfene Händchen liebevoll führen soll. 
Er wikd gewiß seine» Amte» mit noch größerer Hingabe 
walten, wenn die Kleider und Finger seiner Schar hübsch 
sauber sind. Ja man wolle nicht vergessen» daß gründ 
liche» Waschen und regelmäßige» Baden den jugendlichen 
Körper erfrischt und widerstandsfähiger macht. 
Der Lernstoff de» ersten Schuljahre» wird vielfach 
unterschätzt, und doch ist er von ausschlaggebender Be 
deutung für die geistige Entwickelung der Kinder. Man 
kann ihn mit dem Fundamente eine» Hause» ver 
gleichen. Die Nachteile von unsicheren» lückenhaften 
AnsangSkenntnifsen bleiben jahrelang bemerkbar; sie find 
kaum au-zurotten. Hat dagegen ein Kind den Unterricht«, 
floss des ersten Schuljahre» wirklich ersaßt, so kann man 
mit einiger Sicherheit behaupten, daß e» sich bei geordneter 
Weiterarbeit ein gewisse» Maß von Kenntnissen unbedingt 
anzueignen vermag. 
Bei einem richtigen Unterricht-betriebe muß die Lern 
arbeit der Grundklaffe fast aurschlteßlich in der Schule 
erfolgen. E« liegt sogar eine Gefahr darin, dem Hause 
viel zu überlassen; denn die heutigen Väter und Mütter 
fallen gar oft in die verkehrten» zeitraubenden Lehrweisen 
ihrer Eltern zurück, obwohl sie selbst schon nach besseren 
Methoden unterrichtet worden sind. Neue» ringt sich 
schwer allgemein durch. Darum können die Eltern der 
neu eingeschulten Kinder nicht oft genug ersucht werden, 
sich vertrauensvoll an den Lehrer zu wenden, wenn ihnen 
da« Lehrverfahren, da« bei ihrem Kinde zur Anwendung 
kommt, unverständlich ist. Sie dürfen eine» guten 
Empfange» sowie freundlicher Auskunft gewiß fein, ihnen 
selbst bleibt Aerger und den Kleinen manche Träne erspart. 
Außerdem kann e» für sorgsame Eltern kaum eine reinere 
Freude geben, al» selbst die Schularbeiten des Anfänger» 
zu überwachen und zu beobachten, wie sich allmählich die 
Tore de» kindlichen Geiste» öffnen, wie der kleine Liebling 
langsam und sicher in seinem Wissen und Können fort- 
schreitet. Welch liebliche» Bild, wenn ein Vater nach den 
Mühen de» Tage» am Abend fein lernbegierige» Kind auf 
dem Schoße hält und ihm in trautem Gespräche seine 
Fragen beantwortet! Darin zeigt sich echt deutsch« Art, 
deutscher Familiensinn. Möchten unsere Eltern noch der 
anstrengenden und aufregenden Berufsarbeit immer mehr 
Freude und Erholung suchen in der liebevollen Hingabe 
an ihre Kinder, in reger Beschäftigung mit ihnen, dann 
wird da« heranwachsende Geschlecht fähig sein, allen Auf 
gaben der Zukunft gerecht zu werden. X. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartilel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Feiertage vorüber! Mit dem Osterwetter 
konuten wir im allgemeinen zufrieden sein. Wenn e» auch 
nicht ganz so war, wie e» der im hellen Sonnenlicht 
strahlende Karfreitag vorausahnen ließ und wie es unsere 
Wetterkundtgen ansagten. Der Himmel blieb fast den 
ganzen Tag über bedeckt. Aber die Temperatur war eine 
äußerst milde, namentlich am ersten Feiertage. Htnau» 
in» Freie! hieß die Parole. Und so wanderte die Familie 
mit Kind und Kegel und dem lieben Osterbesuch nach den 
im Waldrsgrün liegenden AutflugSstätten. Da» weite freie 
Gelände zwischen Frtedenay, Schmargendorf und Dahlem 
glich in diesen Tagen einem Ameisenfeld: hin und zurück 
strömten dichte Menschenscharen. Nach dem milden Winter- 
weiter hatt« man bet den diesmal noch dazu so früh 
fallenden Osterfeiertagen schon weiße Ostern erwartet. Wie 
angenehm enttäuscht wurde man nun, da e» ein grüne» 
Ostern war. Die Sträucher stehen bereit» im zarten Grün 
Qäumenae Menschen. ., 
Roman von Dora Duncker. 
(Nachdruck verboten.) 
1. Kapitel. 
Ein eisiger Nordost fegte durch die engen Straßen der 
kleinen» märkischen Landstadt und trieb den Schnee in 
weißen Wolken vor sich her. Er rüttelte an den ge 
schlossenen Fensterläden und ließ das rötliche Licht der 
alten Laternen unsicher hin und her schwanken. 
Die Straßen lagen still und menschenleer. Wer nicht 
dringend mußte, ging sicherlich nicht aus dem Haus, sondern 
blieb am warmen Ofen sitzen. _ , v „ 
Nur auf dem alten Markt und in der Heugasse, 
die dicht neben dem Rathaus auf den Markt einmündete, 
herrschte einiges Leben. Man hörte Türen klappen, Laden- 
klinaeln anschlagen, eilig trippelnde und hart aufstamp ende 
Tritte auf den steinernen Stufen, die zu den Ladenturen 
führten. Vermummte Frauengestalten tauchten in dem 
unsicheren Licht der Straßenlaternen auf und verschwanden 
wieder, Männer mit aufgeschlagenen Rockkragen und tief 
in die Stirn gezogenen Hüten stapften durch den Schnee. 
In einem der letzten Häuser der Heugasse hatte die 
Ladenklingel schon seit mehr als einer Stunde mcht an 
geschlagen^ fle{ncn schmäln Raum, zwischen den Bücher 
regalen und dem Ladentisch saß ein ntcht mebr mnaes 
Mädchen mit müdem, verdrossenem Gesicht. Sie zog die 
stählerne Uhr aus der grauen Wollbluse, gähnte, und 
sich gegen die in einen hinteren Raum führende offene 
Glastür wendend, rief sie mit harter und lauter Stimme: 
„Wollen wir nicht schließen, Mutter? Es kommt ja doch 
kein Mensch bei dem Hundewetter." 
Aus dem Hinterzimmer trat bei dem Anruf der 
Tochter eine Frau mit schlichten grauen Scheiteln und einem 
guten, sorgenvollen Gesicht. Abwehrend meinte sie, daß 
von Schließen keine Rede sein könne. 
„Heut am letzten Abend, Berta. Wie kommst du 
nur darauf? Wo doch eine Menge Leute noch kommen 
wollten — zum letzten Male —" 
Die alte Frau stockte — Tränen traten in ihre Stimme. 
Mit einem grenzenlos wehmütigen Blick sah sie sich nach 
den Büchern auf den Regalen um. Dann fuhr sie mit 
der Hand wie liebkosend über die Bücherstöße auf dem 
Ladentisch und die alte rissige Holzplatte. Wie schwer er 
mattet ließ sie sich auf den Stuhl nieder, auf dem die Tochter 
zuvor gesessen hatte. 
Die stand hinter dem Pult, kramte Konten und Papiere 
zusammen und brummelte Unfreundliches vor sich hin. 
Die Alte sah an ihr vorüber mit leeren, trüben Blicken 
in den schmalen, mit Büchern vollgepfropften Raum. Ein 
schwerer beklommener Seufzer hob ihre Brust. 
Berta warf so geräuschvoll eine Papierschere auf die 
Pultplatte, daß die alte Frau zusammenschreckte. Dann 
kam das Mädchen hinter dem Pult hervor und sagte 
gereizt: 
«Nochmal und zum hundertsten Mal, Mutter, wenn 
dir's so sauer wird, die alte Bude aufzugeben, hättest 
du mit deinem kostbaren Rolf zu rechter Zeit ein Wort 
Hochdeutsch reden sollen." 
„Was hätte es genützt?" gab die Frau leise und 
ergeben zurück. „Er hat getan, was er konnte. Wir 
konnten uns nun doch mal nicht mehr halten." 
„Weil er sich selbst zu schade war für uns und ein 
simples Leihbibliotheksgeschäft, der Herr Hochhinaus mit 
seinem Studium und seinen Künstlermarotten," polterte 
Berta. 
Die Alte schüttelte den Kopf und sah die Tcchter cus 
trüben Augen an. 
„Du bist sehr ungerecht, mein Kind. Man kann nicht 
alle Menschen mit einem Maß messen. Rolfs Vater hat ihn 
doch nun einmal studieren lassen — weil er mit Recht 
viel von seinen Fähigkeiten hielt — er konnte ja nicht 
wissen, daß er selber so früh würde fortmüssen." 
Das Mädchen trat einen Schritt näher auf die Mutter 
zu und griff sie hart bei der Schulter: 
„Deinen Schmerz in Ehren, Mutter. Aber du mußt 
dir doch selber sagen: viel anders wär's wahrscheinlich 
auch nicht gekommen, wenn dein Mann — wenn Vater 
am Leben geblieben wäre, unpraktisch und ohne Geschäfts 
sinn, wie er war." 
„Er war eine Künstlernatur, wie Rolf es ist." 
„Mit der er verhungern wird, wie wir." 
Die Frauen schwiegen beide eine kleine Weile und 
hingen ihren bitteren Gedanken nach. Vom Rathaus schlug 
es.halb acht. 
Frau Kühne stand aus. Unruhig ging sie ein paarmal
        
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