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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Sonntag, den 23. März 1913. 
Die bunte Mocks 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 21. März. 
Frühling in Berlin. — „Na, wenn schon!" — Reform der Männer- 
tracht. — Die Kniehosen kommen. — Die „kleine Glocke." — 
Die grösste Dummheit des Jahrhunderts. 
Ter Frühlingsfeier freies Glück ist den Berlinern nicht besch ieden. 
Die weihevolle Osterstirnnruna kennen wir nur von der Bühne 
her, auf der schlecht angezogene Statisten „vor dem Tor" spazieren 
gehen, und nicht wissen, wohin sie mit ihren Armen sollen, während 
sie mit Angstgefühlen die herrlichen Goetheworte sprechen. 
Etwas von dieser geschminkten Rampensphäre liegt über dem 
Osterfest, über der ganzen Märzstirnmung der Großstadt. Der 
Berliner macht aus allen: ein modisch ausgeputztes Melodram; 
einerlei ob es ein Fürstenempfang, oder ein sonniger Frühlingstag 
oder ein Erlebnis im Reiche der Kunst ist. 
Gar nicht zu reden von den Feiertagen des Jahres, die mehr 
und mehr ihrer Bedeutung entkleidet wurden. Die spürt man hier 
überhaupt nicht mehr. 
Der vorbereitende Eifer des Gründonnerstag ist ganz 
unbekannt; der feierliche, schwere Ernst des Charfreitag lastet 
hier auf feiner Kinderseele; der Osterglocken befreiender Klang 
versinkt und ertrinkt in dem gewaltigen Lärm der Riesenstadt. 
Rur ein verhallendes Schluchzen bittender Glocken wallt über die 
Mietskasernen und der Vorübergehende halt vielleicht verwundert 
einen Augenblick inne, und denkt der Frage nach, wen die mächtigen 
und gelinden Himmelstöne in diesem Gewühls noch suchen. 
Gewiß: Auch hier freuen sich Alt und Jung der wieder wärmer 
wehenden Luft; des helleren Himmels und der frischen Hoffnungen, 
die nach des Winters starrer Leblosigkeit auch in unserem Stein- 
meer wieder aufblühen. Liber wir können keinen Ausdruck für das 
Symbol dieser Freude finden. Und dann geniert sich der Berliner, 
diesen Gefühlen Ausdruck zu geben. 
Das mag paradox klingen; es ist aber so. 
Man möge den Versuch machen und etwa mit schwärmerischem 
Ton feststellen, das draußen vor dem Tor der Krokos blüht .... 
„Ra, wenn schon" ist mehr, als eine sogenannte Schnodderig 
keit. Es ist unter Umständen Glaubensbekenntnis und Lebens 
anschauung weiter Kreise, denen es als Stufe höchster Vollkommen 
heit dünkt, blasiert und wurschtig zu sein. 
Aber selbst der normale Mittelenropäcr wird manchmal durch 
das aufdringliche Berliner Leben in die Notwendigkeit versetzt, sich 
dusch dieses Wort mit den Erscheinungen abzufinden. 
So flatterte mir dieser Tage eine Kampfschrift der „Gesell 
schaft für Reform der Mäunertracht" aus den Schreibtisch. 
Diese Gesellschaft hat ihren Sitz natürlich in Berlin. Ein Pastor, — 
ich glaube, er amtiert nicht mehr, — ist Schriftführer. (Sin. Professor, 
ein Offizier a. D., und andere Herren sind, — gewiß mit den löb 
lichsten Absichten, — im Vorstand. 
Diese Herren wollen nichts mehr und nichts weniger, als daß 
die Berliner einen hochgeschlossenen Rock, einen weiten, hals 
freien Kragen und Kniehosen tragen sollen . . Na, wenn schon! 
Vorerst sind, glaube ich, erst die Herren gemeint. Mit den 
Damen wird die Gesellschaft wohl kaum den Krieg beginnen wollen. 
Die Herren wollen der „wahren Schönheit" und vor allem der 
„wahren Zweckmäßigkeit" dienen. Sie sagen, die, Männertracht sei 
nüchtern, langweilig und monoton, und vor allen: nicht kleidsarrr. 
Man kann diese Bestrebungen durch wenige Worte sä sbourämn 
führen. 
Es gibt in unserem Gesellschaftbild wohl keinen schöneren Anblick, 
als wenn ein gut gewachsener Herr einen elegant sitzenden Frack 
mit freier, wohlerzogener Natürlichkeit trägt. Bedingung ist, wie 
gesagt, daß ein guter Schneider am Werke war. Wer allerdings 
in: Frack oder im Smoking wie eine Käte Kruse-Puppe oder ein 
Leichenwagenkutscher aussieht, der wird auch in der Jdealtracht des 
neuen Männcrbundes kein anderes Bild abgeben. 
Dann soll unsere Kleidung monoton sein! Vom „Pyfama" 
bis - zum Ulster, - Bern-* Smvking bis • zierst" litewkaärtkgen Hausiock 
haben wir doch wahrlich eine Wandlung durchgemacht, die alles 
andere, als langweilig und einseitig ist. Ter moderne und ange 
zogene Mann hat für Berns, Sporr, gesellschaftliche und offizielle 
Veranstaltungen doch heute eine ganz stattliche Reihe von Anzügen, 
die in allen Formen nnd Farben den Geschmack und die Persön 
lichkeit des Trägers widerspiegeln können. 
Das ist eine Wahrheit, der sich selbst die unentwegten Jüger- 
f cmdmannen der neuen Kniehoscngesellschaft :::. b. H. nicht ver- 
chließen können. 
Und dann überhaupt und so . .' . . 
Ich möchte die Berliner Kommerzienräte, unsere dünnbeinigen 
Lebejünglinge und alle sonstigen Herren der Schöpfung einmal in 
Kniehosen sehen 
Hand aufs Herz, Ihr Puritaner, oder besser noch: Hand aufs 
Knie: Es wäre ein unmöglicher Anblick. Gewiß: Ein gut ge 
wachsener Mensch könnte Kniehosen tragen. Er würde sogar 
vorteilhaft damit aussehen. Aber wir sind doch alle keine Apolls, 
und gerade unsere Generation hat wahrlich so viel studiert, daß 
Heinrich Heine mit seinen Rückschlüssen oorahnend treffende Wahr 
heit gesagt hat. 
Das große Borrecht der Damen, alles zu tragen, was Menschen 
list ersinnt, ist uns nicht gegeben. Voller Neid sehen wir jetzt 
wieder, daß das kleine Hütchen zur großen Mode unserer lieben 
Frauen geworden ist. 
Das Berliner Straßenbild hat urplötzlich, über Nachts ein ganz 
anderes Aussehen erhalte::. Die großen Hüte. sind verschwunden 
und kleine, runde, über die Ohren gezogene Eierschalen decken die 
verdrehten Köpfe, um die sich alles dreht, und die schon schicksals- 
starke Männer von Eisen verdreht haben .... 
Dieses Hütchen tritt so heftig in Erscheinung, das? man sich 
mit ihm auseinandersetzen muß 
Den: keinen Weltengeist entrückt, 
sing ich die große Ode: 
„Die kleine Glocke", bunt geschmückt, 
heißt jetzt die große Mode! 
Wie neckisch wird der kleine Topf 
mit lieben Blümchen garnieret! 
Der ausrangierteste Frauenkopf 
wird jugendlich dapieret! 
Doch auf dem Topf: Sieh an, sieh an! 
Wie keck und kühnlich steht er: 
Ein Federwisch ragt himmelan; 
an 60 Zentimeter. 
Das wippt und nickt und tut sich was, 
wie cs noch nie sich bewegt hat.... 
So wippt der Kiebitz, der in das Gras 
gesprenkelte Eier gelegt hat. 
Heil! Selbst die ältesten Mamas 
werden dies Hütchen tragen .... 
Jetzt wissen wir Männer endlich, was 
die kleine Glocke geschlagen! 
Wenn das alte Ritterwort noch heute Geltung hat, daß der 
„kleine Hut dem kleinen Geiste frommt", könnte man fast 
ungalante Schlüsse ziehen. Und dann haben die Damen doch 
wirklich auch schon Riesenhütc auf ihre kleinen Köpfe gesetzt, vor 
denen es selber dem derben Goetz von Berlichingcn gegraut hätte. 
Aber als bestimmt kann angenommen werden, daß die reiche 
Russin, von der es jetzt im berliner Holzpapierwalde rauscht, ein 
ganz kleines Hütchen mit einer ganz großen Feder getragen hat. 
Sie hat ja auch für 126000 Mark Brillanten in einem 
Handtäschchcn getragen, und dieses Täschchen in einem Kino in 
der Garderobe abgegeben! — Unter den vielen „Rundfragen", die 
B3 
betriebsame Redakteure erlassen, habe ich noch immer die Frage 
nach der größten Dummheit des Jahrhunderts vermißt. 
Sie ist jetzt durch die Ereignisse beantwortet worden .... 
Eine Frau, die Gattin eines reichen, russischen Rechtsanwalts, 
hat 4 Stunden Aufenthalt in Berlin. Sie trägt ihren gesamten 
Schmuck, den sie einer Familienfeier halber mit nach Deutschland 
nahm, in einem Handtäschchen (!) bei sich. Sie geht in ein Cafö 
und setzt sich zu einer „Dame". Bald kommen zwei Kavaliere, die 
sich als Offiziere vorstellen. Man geht in ein Kino. Zu vieren. 
In allen Ehren. Tie Russin erzählt den Herrschaften, welche Werte 
sie bei sich trägt. Fragt, ob man in Deutschland wohl solche 
Sachen in der Garderobe abgeben kann. Aber natürlich. Die 
Kavaliere nehmen die Garderobenmarke an sich und in der Pause 
holen sie den Schatz .... Die einfachste Sache von der Welt! 
Mittlerweile hat die Kriminalpolizei schon festgestellt, daß die 
beiden Kavaliere der „Monokelleutnant" und der „Adi" waren; 
zwei bekannte Typen aus der Dunstsphäre der Berliner Verbrecher 
welt. Ihre Helfershelferin war eine Frau Pfeffer, die unter dem 
Namen „Baby" im Palais de banse nicht unbekannt war, und 
deren Mann sich gestern erschossen hat. Aus Kummer über die 
Frau, die schon seit Monden nicht nach Haus gekommen war. 
Ein Armband im Werte von 3000 Mark für 20 Mark. — Ein paar 
Ohrringe im Werte von 2000 Mark um 15 deutsche Reichsmark. 
Es galt ihnen nur, ein paar Groschen zu bekommen, um in der 
dritten Klasse irgend eines O-Zuges das Weite zu suchen 
Eine Komödie, die nicht einmal durch den Schuß nachdenklich 
stimmt, der widerlich hineinplatzt. Eine Komödie, deren Haupt 
rolle aber von der Russin gespielt wird. Von einer Frau, die 
Berlin in vier Stunden so gründlich kennen gelernt hat, daß sie 
wohl nie wieder in Frühlingstagen die Sehnsucht packt, von der 
Newa an die Spree zu kommen. Heinr. Binder. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Zur Landtagswahl. 
Herrn R. J. erwidere ick auf seine in Nr. 65 dieser Zeitung ent 
haltene Z.sckrift kur, folgendes: Ich behaupte nach wie vor, daß das 
bestehende Landt.igswahlrecht die Interessen des Mittelstandes nicht 
benachleiliat, sondern voll zur Geltung kommen läßt. In den Städten 
genügte 1908 — ich wiederhole das — meistens ein Einkommen von 
2700 Mark auf dem Lande 1350—1500 Mark um in der zweiten 
Klaffe wählen zu können. Die Statistik weist nach, daß ein Steuer 
zahler mit ein«::: Einkommen von 1200—1801- Mark auf dem Lande 
in 6955. in der Stadt in 2906 Wahlbezirken schon iu die zweite Klasse 
kan:, mit einem Einkommen vo 1800—3000 Mark in 2376 bezw 3297 
Wahlbezirken. Düse Talsachcn sprechen doch sür die Richtigkeit meiner 
Behauptung. Ich empfehle dem Artikelschreibir Einficht in die Wähler 
listen von Friedenau zu nehmen, wo er Gelegenhe t hat, festzustellen, 
daß der Mttlelftand vorwiegend in der zwcit-n Klaffe, leilwefte. sogar 
in der ersten wählt, und sich nicht mit d.r dritten begnügen muß 
Recht schlecht ist Herr R J über die Parleivrrhältnisse in den Ha- sa- 
städtcn informiert. Daß daselbst der Liberalismus fick in der Minder- 
heit befinden soll. daö glaubt wohl dieser' Herr selbst nicht. In 
Lübeck wurde im Jahre 1905 beschlossen daß von den 120 Mitgliedern 
de, Bülgcischast 105 von denen gewählt werden solle.", die mindestens 
20' 0 i ark Einkommen haben lind nur 15 van denen unter 2000 Ma:k. 
Gleichzeitig setzte man das Wahlaiter von 21 cm 25 Jahre herauf 
Hiermr stimmten alle Liberalen. In Hamburg bestand die Bürger- 
sckaft zurzeit der Wahlrefonnberaiung cus 13 Sozialdemokraten, 
1 Antis unten und sonst lauter Liberalen. Hleivon haben nicht weniger 
als a ; 7 , nämlich 120 gegen 22 für die Wühlrechlsärde ung gestimmt 
In Br men hat die Bürgerschaft meh malS die Nebcrtraqung des 
Rcichstaqtwahlrechts auf ihren Staat abgelehnt zul-tzt am 29. Januar 
.9 3 Nur 16 Sozialdemokraten und 10 bürgerliche Mitglieder stimmten 
dafür. Das Haidelskummirges.tz scheint der Aitikelschrerber üb rherrpt 
nock nickt gelesen ju haben, sonst müsste er wissen daß die W-Hten, 
cur Handelskammer nach dem allgemeinen Wahlrecht, dem ProPortSngl- 
w chirechl' öbtt dem Kläffenwahlrechk vorgenommen werden können 
In der Berliner Handelskammer haben die „inlschiederr" Liberalen — 
ich b.h up e das nochmals — das Dreiklaffen-Wahlsystem 1905 ein 
stimmig eingeführt und damit die m lllenn und kleineren Gewerbe 
treibenden beinahe entrechtet Für Einführung der Pluralwahlrechts 
in Reoß j 8, an 6 eile des seither belt.nd.iien gleichen Wahlrechtes 
Halen alle drei dem Landtage angehörenden liberalen Abgeordneten 
gestimmi, wodurch die Vorlage Geich wurde. Daß die Kommunen 
kein Befugnis, kein Recht haben soll-.n, sich um ihr eingenes Wahl 
recht zu kümmern, ist ein theoretischer Standpunkt. In Wirklichkeit 
haben die verschiedensten kommunalen Körons-Haften sich wiederholt 
mit dieser Frage beschäftigt uob beschäftigen können. Es wäre traurig, 
w n es ar.dtls wäre. Herrn R J. empfehle ich, seine eigene Parlei- 
preffe daramhin nachzulesen, er wird d«cs da bestätigt finden. Gewiß 
haben endgültig di; gesetzgebenden Faktoren zu befchlteß;::, aber warum 
haben denn die Liberalen, alö sie die Mehrhelt im preußischen Ab- 
geoidnclenhause besaßen, denn nicht auf eine Aenderung hingewirkt? 
Der sp-tagende Puuki ist und bleibt die Tatsache, daß die „entschieden" 
L.beralen dort wo si: noch env.s zu sagen haben, garnicht daran 
denken, daS Reichst-g?w.hlrecht einzuführen, währenddem sie sür 
Preußen dieS- strikle fordern, weil sie der Ablehnung durch die Re 
gierung und der rechtsstehenden Parleieu sicher sind. Nach alledem 
kann ich g tröst den objektiv tunkenden Lese n die Entscheidung darüber, 
w r sich bst dieser Auseinander etzung blamiert hat, überlaffen. Herr 
R. J wird, wenn er überhaupt in s icher: Fragen lünftig mitreden 
will gu run, sich v rher genauer über seine Partei zu infornneren. 
W r mit Worten wie „Uniichlgkeit" u:w leichlsinnig umgeht, ohne 
positive Beweise zu erbringen, hat das Recht verwirkt anderen politische 
Unkenntnis vor.mwerscn. Damit schließ; ich die Besprechung. 11. 
P. 8. Herrn k. zur Erwiderung, daß ich absichtlich keine Stell, ng 
zu dem Vorgehen der Herren Richrer und Gen. bei der Landtags- 
EFatzwahl nahm, well das, was hierzu meinerseits zu sagen gewesen 
wäre scho - Herr K. Sch zum Ausdruck gebracht halle. Da Herrn k. 
aber scheinbar viel an meiner Ansicht liegt, so diene ihm zur Kenntnis, 
daß ich das Verhallen b efer Herren für folgerichtig halte und mir 
per önlich ganz besonders imponiert hat. Wenn, «re gezckeheu, sozial 
demokratische L-ahlmäymr den liberalen Äaudidaten wählen, so ist 
da; den Herren Liberalen ganz angenehm und wird nicht als Umfall 
bezeichnet Ja, Bauer das ist auch ganz was anderes! Die Be 
hauptung, ich hätte den Liberalismus beschimpft, weis; Ich als Un- 
wahr„eit zurück. Einen anderen als sachlichen Kampf zu führen, 
haben wir Konservativen nicht nötig ist uns auch nicht eigen. Unsere 
Argumente halten gegen den männlichen, werblichen, sächlichen und 
nein nsächlichen Liberalismus aus der ga-zen L nie stand Ich habe 
nur einen Artikel aus dem Bvrwärls zitiert, was Herr k. eben nur 
dcsh lb sonderbar findet, weil darin den Liberalen ganz gehöiig, 
allerdings mit etwas derben Worten, die W.hrheit gesagt wird Es 
kann doch Fälle geben, wo der DoiwäftS recht hat. V. 
Patentfckau 
mitgeteilt vom Patentbüro Johannes Koch, Berlin HO. 18, Große 
Frankfurterstraße 59, Abschriften billigst. Auskünfte kostenlos. 
Optische Anstalt. C. P. Goerz, Berlin - Friedman: Fahrtmeffer. 
(Ert. Pat.) ' . . 
E. Falkenberg, Bellin-Friedeuau, Sauerste. 38: Trichterförmig.« 
Hutnadcliührung mit Roh.ansatz. (GM.) 
K. Schulz, Belliu Friedenau, Kizaurstr. 12-13: Preffr M Her 
stellung von Röhrest, Drähten o. dergl. aus Biet oder sonstigem Merall. 
(GM.) 
Paul Tinuey, Birlin-Friedenav, Beckerstr. 20a: Sicherung, gegen 
des Herausfallen ohes daS HerauSstoßen der im Schlöffe steckenden 
Schluff I. (GM) 
Emil Fay, Berlin, Büiowstr. 4l, und Hermann Meyer, Berlin- 
Friedenau, Deidchhelmelsts. 3; Kniehebclsühruug für Schiebetüren 
o. dergl. (VA ) 
Der Gastwirt als Minister. 
Eine heitere Episode aus ernster Zeit. 
Kaiser Wilhelm I. war am 9. März 1888 gestorben, sein Sohn 
Friedrich Wilhelm, dem deutschen Bolke als .Unser Fritz" unvergeßlich, 
lag tolkrank in San Remo und dessen Sohn Wilhelm — ein noch 
unbeschriebenes Blatt — war jung und in StaatSgeschäften noch 
wenig erfahren. So kam eS, daß Trauer und Sorge gewaltig auf 
das Gemüt des deutschen Volkes lastete, umsomeür, als jenseits, der 
a en die Revanchelrommel wieder eifriger gerührt wurde. Eine 
ckkr Stimmung war überall im Reiche bemerkbar und erklärlich. 
Als dann die sterblichen Ucbeneste des alten Kaisers im kleinen alten 
Dom am Lustgarten aufgebahrt dem Volke gezeigt wurden, daS wetz- 
mütig Abschied nahm von seinem alten Herrn, da entstand an der 
damaligen schmalen Echloßfreiheit — wo sich jetzt daS BegaS'lchc 
Tode sanftlächeyde Antlitz sehen wollten. Der Lustgarten war abge- 
sperrt und nur truppweise wurden die Mafien an den alten ebr- 
würdigen Dom herangelassen. Polizei und Mllilär hielt mit Müh: 
die Ordnung aufrecht. Da aber immer weitere Mafien vcm Schloß 
platz her herandrängten, so war der Aufenthalt in dem dichten 
Menschevknäul beängstigend. Diele grauen wurden dergestallt 
.gepreßt«, daß fi- Hilfe riesen und manche ohnmächtig mit vieler 
Mühe in die kleinen Wirtschaften gebracht weiden mußten, wo sie sich 
nur langsam wieder erholten. 
Als mir. das Gedränge, in dem ich mich auch befand, zu arg 
wurde und mir der Schweiß von der Stirne rann, während die Füße 
bis zum Knöchel in Schneeschlamm stanven — es waren 10 Grad 
Reaumur unter Null — da strebte ich rückwärts zu kommen, was 
mir auch nach andsrthalbstündlgem Bemühen gelang. Resigniert ver 
zichtete ich ous die Aufbahrung im Dom und ging nach einer leib 
lichen Stärkung nach Hause. 
Am nächsten Tage traf ich in der Breiten Straße den damals 
weit über Berlins Grenzen bekannten Wirt der Akademischen Bier- 
hallen in der Dorotheenstraße Theodor Müller. Auf meine Frage: 
„Wohin des Weges mit Trauerflor und Wichslops?" (Zylinderhut) 
antwortete er mit der ihm eigenen Bestimmtheit: J->'n Dom, zur 
Aufeahrungl" Ich erzählte ihm, wie es mir tags zuvor ergangen, 
er läch-lle überlegen und sagte: .Ich gehe durchs Schloß nach dem 
Lustgarten", was ich mir zu bczwciseln erlaubte. „Ich komme durch," 
meinte er im Brustton der Ueberzeugung, und als ich bedenklich mit 
dem Kopf schüttelte, sagte er: „Kommt mit, Ihr werdet» sehen." 
Ihr und Euch sagte er genr zu guten Bekanuten. Theodor Müller 
war eine stattliche Figur und hatte einen marlialischcn fast weißen 
Schuundart, man konnte ihn leicht bei seiner kerzcngiaden Haltung 
sür einen alten Offizier halten. 
Der Durchgang durch das Berliner Königliche Schloß wyr früher 
Jedermann gestattet, aber an jenen Tagen verboten, für Zivil- 
Personen ganz besonders. Wir schritten auf das Miftelportal 
zu, das Theodor Müller sogleich öffnete. Wir traft» in den 
Flur, wo rin Soldat Posten stand. Ohne diesen nur eines Blick-s,u 
würdigen, schritt Müller an ihm vorüber, ich ihm nach. Der Posten 
wußte anscheinend nicht recht, waS er tun sollie, ihm twpouteuc orc 
stolze Haltung meines Begleiters, auch mochte er — waS ich erst 
später bemerkte, gesehen haben, daß letzterer eine arotzc goldene 
Medaille an einem farbigen Bande am Halse trug. AIS wir schon 
im St. GeorgShofe waren, meldete er dem am Uachecingang stehen- 
den Feldwebel, der urs übrigens selbst gesehen haben muß, den Vor- 
gang. Inzwischen haltest wir den nach dem Lustgarten führenden 
Schloßflur eneicht, wo uns ein Posten mit den Worten anhielt: Halt, 
jst sich nicht erlaubt hurchgehenl WaS — fauchte ihn Müller hierauf 
au — Sie wollen uns nicht durchläffrn, kennen Sie mich nicht? Und 
Muuere war uocr vno uoer mir e^rven, aucvaiuen, '»innern unu 
Kreuzen in Gold, Silber, Kupfer, Bronze, und arrdsrr MrtäkftMd8ckt. 
Der Posten erschrack sichtlich, zitierte und — präsentierte das Gewehr. 
Ein anderer Soldat, der hinzukam, machte, als wir weiter gingen, 
daS Tor auf, stand stramm und ließ uns hinaus. Zar selben Z;it 
hörten wir den tzeldwcbel fragen: Wer war das? worauf der brave 
Pollak sagte: Ist sich Minister, hat ganze Brust voll Orden!' 
Wir waren tm Lustgarten und schritten unbehindert auf das Dom 
portal los. — Die braven Hüter des EchloßdurchgaugeS haben eS 
sicher nie erfahren, daß alle die Orden, die d.r vrrmeinlliche Mtnister 
trug nichts weiter waren als — Auszeichnungen von Gastwirts- und 
Kochkunstausstellungen. F,
        
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