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Periodical volume Nr. 68, 20.03.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Quellen und Brunnen, und am Rhein heißt eS wer am' 
Gründonnerstag fastet, bekommt daS ganze Jahr kein 
Zahnweh. In Westfalen braut man in diesen Tagen die 
Negenstärke, d. i. ein Gemisch von 9 verschiedenen Früh- 
lingSkräutern. Dieser Trank soll das ganze Jahr hin 
durch gesund und stark erhalten. Vielfach werden am 
Gründonnerstag besondere Speisen gegessen: besonders ist 
es allgemein üblich, etwas GrüneS zu genießen, denn dann 
bleibt man nach dem Volksglauben gesund und ist das ganze 
Jahr vor Geldmangel geschützt. Am Gründonnerstage 
gelegte Eier gab man den Dienstlruten» damit sie bester 
heben und tragen könnten. Sie hießen Ablaßeier, weil 
man im Abendmahl Vergebung der Sünden hatte. Der 
Genuß solcher Eier sollte auch vor Bruch schützen. Eben 
so sollte man alle in der Gemeinde vorhandenen Hexen er 
kennen, wenn man sich mit einem solchen Ci in der Tasche 
auf einen Kreuzweg stellt« oder wenn man in der Kirche 
bet Sonnensch-in durch dasselbe hindurchsah. 
o FrühlingSeiuzng. Morgen Vorm. 6 Uhr tritt 
der Frühling kalendermäßig seine Herrschaft an. Sein 
Kommen erfreut jeden, bietet eS doch die Bürgschaft für 
die nun eintretende Auferstehung in der Natur. Als rot 
wangiger, lachender, von Lebenslust übersprudelnder Knabe, 
geschmückt mit frischem Grün und den ersten duftigen 
Blumen, kommt er, getragen von den linden Lüften, in 
da« Land gezogen. Seine Aufgabe ist, neues Leben, neue 
Lust und Freude zu spenden. Ec schmückt die Erde immer 
mehr mit dem zarten ersten Grün, da« als echte Farbe 
der Hoffnung mit seinem lieblich leuchtenden Schein, die 
Ahnung von neuem Leben und neuem Mut in den Herzen 
der Menschen weckt. Tr bricht die letzten Herrschaft- 
versuche de- Winters mit gewaltiger elementarer Macht 
und damit auch das Leben in der engen dunstgefüllten 
Stube. Jetzt heißt die Losung: Hinaus in die frische, 
reine, würzige FrühlingSluft, die Lunge und Herz erquick, 
und stärkt, welche die Wangen mit gesundem Rot über 
zieht und den ganzen Menschen neu belebt, hinaus zu den 
singenden, jubelnden Vögeln, schwellenden Knospen und 
blühenden Blumen. Aber auch .Herein" du schöne 
FrühlingSluft I Daß sie Wohn- und Schlafgemächer mit 
ihrem gesundheitspendenden Duft erfülle und der Frühling, 
wie draußen in der Natur, den Winter auch auS jedem 
verstaubten und modrigen Winkel in den Wohnungen 
htnauSkehre und sein erfrischender Geruch so wie Natur 
und Herz auch HauS und Zimmer durchwehe. Die 
FrühlingSlosung heiße: „Herzen, Türen und Fenster auf, 
Lust und Leben ist da — laßt sie einziehen." 
o Das Kaiserliche Statistische Amt soll nach 
einem Beschluß de, Regierung nach Zehlendorf verlegt 
werden. Ja den Voranschlag für 191.3 sind bereits 25 000 M. 
für die erforderlichen Vorarbeiten eingestellt worden. De, 
Bau, der auf Zehlendorfer Gebiet aufgeführt werden soll, 
wird in der Nähe der auf Dahlemer Gebiet liegenden 
Bakteriologischen Landesanstalt errichtet werden. Neben 
dem Monumentalbau des Statistischen Amtes, der mit 
einem Kostenaufwand von 3—4 Millionen errichtet werden 
soll, ist ein Wohnhaus für den Präsidenten vorgesehen. 
08 Verleihung von Hypotheken durch die Richs- 
versicherungSanstalt für Angestellte. Durch die am 1. Januar 
in Kraft getretene Versicherung für Angestellte sind bereits 
in den ersten Monaten bedeutende Kapitalien angesammelt, 
sodüß die ReichSversicherungSanstalt, wie uns mitgeteilt 
wird, in der Lage ist, größere Beträge als Hypotheken 
ausgeben zu können. 
o Das Zweigpostamt in der Cranachstrafte ist 
jetzt umgebaut worden. Der Schalterraum ist vergrößert 
und ein neuer Schalter für die Paketannahme eingerichtet 
worden. 
o Zur Äewäitiguug des Osterfestverkehrs im 
Berliner Vorortverkehr werden außer den bekanntgemachlen. 
regelmäßig verkehrenden Vorortzügen noch eine Reihe von 
Sonderzügen zur Beförderung gelangen. So an den drei 
Osterfeiertagen bei gutem Wetter auf der Strecke Straus 
berg—Stadtbahn—Spandan West, zwischen Strausberg und 
Schlesischer Bahnhof, zwischen Charlottenburg und Spandau- 
West und in umgekehrter Richtung. 
o 39 Jahre Hebamme. Am 22. März sind er 
30 Jahre, laß F-äulein Grabow den schweren ver 
antwortungsvollen Beruf als Hebamme ausübt. Sie geht 
auch heute noch mit derselben Freudigkeit und bei geistiger 
und leiblicher Frische diesem Berufe nach. So manchem 
Erdenbürger hat sie im Laufe dieser vielen Jahre den 
Eintritt inS Dasein verschafft, der heute vielleicht schon 
selbst wieder Vater oder Mutter ist. Wir hoffen. daß ihr 
scheinen freuen als ich, aber ist es nicht ein bißchen ge 
wagt, jetzt schon hierher zu kommen?" 
„Er hat ja darauf bestanden," sagte Sir Harry, der 
die Antwort übernahm, denn Julius'Stimme war so leise, 
daß man sie kaum hörte. „Und da er wieder gesund 
werden wird, und Robert und ich keine Lust haben, dann 
von ihm geprügelt zu werden, so haben wir ihm eben den 
Willen gecan und ihn in dem Dogcart des alten Blumer 
hierhergebracht." 
Julius befeuchtete seine trockenen Lippen, und es ge 
lang ihm, sich hörbar zu machen. „Als ich Sie vor zwej 
Stunden sah," sagte er zu Black, der ganz dicht zu ihm 
herangetreten war, „da konnte ich Ihnen nur andeuten, 
daß der wahre Schuldige Rüben Hislop war, der unter 
Scharnocks Befehl stand. Aber ich fürchtete, daß Olivia — 
daß Fräulein Maitland — daß ein falscher Verdacht —'" 
‘•s „Es bedarf keines Wortes weiter, Herr Doktor," unter 
brach ihn Black. „Sie können vollständig beruhigt sein. was 
diese Angelegenheit anbetrifft. Und nun, Herr Baron, 
bringen Sie mit Hilfe Ihres getreuen Famulus den Doktor 
hinauf in sein Zimmer, und schaffen Sie ihn ins Berr. 
Und Sie, Herr Wachtmeister Winter, verhaften Sie diesen 
Menschen auf meine Verantwortung, ich werde den Haft 
befehl 'Nachträglich erwirken." 
Der Wachtmeister, der froh war, daß ihm endlich eine 
bestimmte Rolle zuertcilt wurde, ging mit schweren Schritten 
um das Billard herum bis zu der Polsterbank, auf der 
Trenkley mit auf die Brust herabgesunkenem Kopf lehnte. ‘ 
„Vorwärts," sagte er in seiner trockenen militärischen > 
Weise, „Sie können sich im Polizeigewahrsam weiter aus 
ruhen," ' 
auch ferner die beste Gesundheit brschieden ist, damit sie 
weiter in dem ihr liebgewordenen Beruf tätig sein kann 
zum Wöhle unserer Mitbürger. 
o Silberne Hochzeit. Gestern beging der Gym- 
nasiallehrer M. Wentzel, Moselstr. 7 wohnhaft, mit seiner 
Gemahlin dos silberne Ehejubiläum. Leider läßt der ge 
sundheitliche Zustand des Herrn Wentzel gegenwärtig zu 
wünschen übrig. Er war vor einiger Zeit an einer Blind- 
darmentzündung erkrankt und hatte deshalb im Lichter- 
selber Krankenhause Aufnahme gefunden. Um jedoch daS 
Jubilium zu feiern, verließ er gestern das Krankenhaus 
und begab sich in seine Wohnung. Wir hoffen, daß Her, 
Wentzel recht bald wieder vollständig gesundet. Und in 
diesem Sinne wünschen wir dem Jubelpaare noch recht 
viele Jahre einer glücklichen Ehe. 
o Die Teltower Kreisschiffahrt eröffnet am 
1. Osterfeiertag ihre FrühlingSfayrten auf den Gewässern 
der Havel und des Teltow-Kanals. Der Verkehr erstreckt 
sich halbstündlich zwischen Wannsee-Neubabelsberg-PoiSdam 
und stündlich von den genannten Stationen nach der Mach- 
nower Schleuse. Diese Fahrten finden dann weiter am 
2 Osterfeiertag Und an sämtlichen Sonntagen bis zum 
1. Mai statt, wo der volle Fahrplan in Kraft txilt. 
o Die Einführung einer Filiaisteuer hat auch 
unser Nachbarort Steglitz beschlossen. In Steglitz erwartet 
man eine Einnahme von 50 000 M. aus dieser neuen 
Steuer quelle. Im übrigen hat man sich auch in dem 
nächsten Jahre in Steglitz wieder mit 110 Prozent Ein» 
kommensteuer befreunden müssen, die Hundesteuer ist von 
20 auf 24 M. erhöht worden. Der Etat schließt in den 
Gesamtzahlen mit 11 746 600 M. ab. Von besonderem 
Interesse sind die Schlußausführungen deS Steglitzer 
Stadtkämmerer« in seiner EtatSrede: 
„Wir haben unseren Etat mit den alten Steuelsätzrn balanziert, 
wir haben auch noch einige Reserven zur Verfügung, avec wir dürfen 
und dethalb nicht in Sicherheit wiegen und mit unseren Reserven, ti 
snd sitz' wirklich die l-tzien, vorschnell aufräumen. Die sollen und 
müssen noch recht lange ausreichen, denn um jede 10 Prozent Mehr- 
'Uschlag zur Einkommensteuer wird erbttiert weiter gekämpft. II-d 
wenn wir uns zurückjiehen müssen, so muß dieser Rückzug in sie 
ächste Verleitizungsstellung ein geordneter sein. Schritt für Schritt 
nicht sprunghaft, fluchartig. Danach müssen wir unsere Steuerpoiiiik 
einrichten, und diese Steuerpolitik muh sich vereinigen mit einer weisen 
Vebammgspolltik und mit weiser Sparsamkeit, dann glaube ich, 
werden wir den Wettbewerb bestehen." 
o Firmeneiotragung. In dar Handelsregister ist 
eingetragen worden: Nr. 40 778. Firma Olto Marz-lli-r 
in Berlin-Friedenau. Inhaber: Otto Marztllier, Architekt. 
Berlin-Friedenau. Branche: Baugeschäst. Geschäftsräume: 
Ringstraße 28. 
o Ans Anlaß der -Jahrhundertfeier fand in der 
vergangenen Woche im Landwehrosfizter-Casino in Berlin 
ein Festmahl statt, an dem sich sehr viele Oft ziere bt 
teillgten. In besonderer Weise wurde die Feststimmung 
durch die Anwesenheit Sr. Majestät deS Kaisers erhöht. 
Die festliche Ausschmückung der Räume, die seit der Grund 
steinlegung in den Händen der Firma Fr. Maecker 
Nachf. Inh. Wilhelm Fechtner, Hierselbst liegt, war auch 
diesmal wiederum von Herrn Fechtner ausgeführt worden. 
Die auf die Freiheitskriege Bezug nehmenden Gemälde 
waren mit großen Loibeer-F-stonS geschmückt. In be- 
sonderer Weise war daS Bild der Köntgin-Luise, das 
unmittelbar hinter dem Platz deS Kaisers aufgestellt war. 
dekoriert. Zur Umrahmung deS BitdeL waren frisches 
Eichenlaub und Maiblumen verwendet worden» als 
Hintergrund dienten blühender Flieder, Lo-beeren und 
Mandelbäumchen, während nach vorn wunderbare blühende 
Rosen den Abschluß bildeten. Der Kaiser sprach sich Über 
die Ausschmückung deS FeftsaaleS sehr lobend aus und er 
kundigte sich nach der auSsührenden Firma. Beim Heim 
gange entnahm er der Dekoration einige Eichen und 
Maiblumen. 
o Eia Geschenk des Kaisers für die Christus» 
kirche der Goßaerfchen Mission in Ranchi. Sonn 
abend, dem 22. Februar traf der deutsche Generalkonsul 
Graf von Luxburg in Ranchi ein; er kam im Aufträge 
Sr. Majestät deS Deutschen Kaisers, um eine Prachtbibel 
für die ChristuSkirch« zu überreichen. Die Schüler und 
Schülerinnen der Goßnerschen Mission waren zur Be 
grüßung am Wege entlang aufgestellt, viele mit Papier- 
fähnchen. Sie machten ihren Salam und boten dem hohen 
Gaste das erste „I su Sahay" („Jesus die Hilfe", der 
dortige christliche Gruß). Am Sonntag war die Kirche 
gedrängt voll; nach der Predigt deS MlistonarS Rio Slosch 
trat Graf von Luxbnrg an den Taufstein, die kostbare 
deutsche Bibel tu. der Hand haltend, die anwesend-n 
Er klopfte seinem Gefangenen auf die Schultern und 
wandte sich gleichzeitig an Black: „Wie ist's mit den 
Handschellen?" 
„Nehmen Sie sie lieber," sagte der Inspektor. „Er ist 
ein schlüpfriger Kunde, und er könnte Ihnen im Dunkeln 
entwischen." 
Winter holte die Handschellen hervor und mit einem 
scharfen: „Hände her!" schüttelte er Trenkley ungeduldig. 
Dann schaute er ihm ins Gesicht und mit einem merk 
würdigen Ausdruck in den Augen wandte er sich noch ein 
mal an den Inspektor. 
„Ich weiß nicht, ob er mir im Dunkeln entwischen 
wird," sagte er trocken, „aber Ihnen ist er im hellen 
elektrischen Licht entwischt." 
32. Kapitel. 
Nach dem Stur m. 
Hermann Trenkley, der niederträchtige schleichende Ver 
räter, war tot. Infolge der Angst und Aufregung hatte 
ihn ein Herzschlag ereilt. Black ging mit einigen raschen 
Schritten zu ihm hinüber, fühlte ihm den Puls und er 
kannte wie sein Kollege, daß das Leben entwichen war, 
eine Ueberzeugung,, die der Arzt, den man vom Kranken 
bett Sir Williams holte, bestätigte. Der ereignisvolle Tag 
hatte mit deip Tod des feigsten, aber eines der gefährlichsten 
der schurkischen Bande geendigt, die gegen den Staats 
anwalt intrigiert hatte. Und damit waren sie besiegt, 
ohne daß eine einzige Verhaftung hätte stattfinden müsse», 
denn die-übrigen waren nur gehorsame Werkzeuge in den 
Händen Scharnocks.gewesen. 
Missionare und zwei eingeborene Pastoren standen im 
Ornat auf dem Altarplatz. Missionar-PräseS D. Dr. 
Nottrott nahm die Bibel entgegen. Der Generalkonsul 
sagte, daß der Kaiser auf den Bericht deS Prinzen Reuß, 
welcher vor einem Jahre als Generalkonsul die dortige 
Mission besucht, diese Bibel der deutschen Mission in 
Ranchi stifte. Weiter sprach er in wohltuendem Interesse 
für die Missionsarbeit den Wunsch aus, daß eS der Mission 
gelingen möge, in vielen Herzen die Erkenntnis der Wahr 
heit der Christentums zu pflanzen und die KolS zu treuen 
Untertanen der englischen Regierung zu erziehen. 
D. Nottrott dankte im Namen der Mission zunächst dem 
Generalkonsul. Dann wandte er sich zur Gemeinde, 
zeigte die Bibel, öffnete ste und laS die Widmung, die der 
Kaiser eigenhändig geschrieben halte; ste lautet: „DaS 
Blut Christi macht unS rein von aller Sünde". 1. Joh. 1,7, 
Wilhelm, I. R., 1912. — Er legte der Gemeinde ans 
Herz, sich an dieses Wort zu hallen. Diese Ansprache 
hatte noch eine besondere Bedeutung: eS war die letzte, 
die D. Nottrott vor seinem Nachhausegeben an die Ge 
meinde richtete. Am nächsten Tage schlug die Abschieds 
stunde. Die Missionare versammelten sich um 3 Uhr in 
NottrotlS Hause; nach einer kurzen Abschied-andacht be 
stiegen die Scheidenden den Wagen. Die eingeborenen 
Christen ließen eS sich nicht nehmen, den Wagen zum 
Bahnhof zu ziehen. Große Schafen.begleiten den Wagen. 
Auf dem Bahnhöfe gab eS manche-Träne deS Schmerzes, 
ehe sich der Zug in Bewegung fitzte. Die Eisenbahn 
beamten ehrten den scheidenden Präses unserer Mission 
dadurch, daß sie Platzpatronen auf die Schienen legten, 
waS in Indien eine große Ovation bedeutet. 
o Der natkonvlliberale OrtSverein veranstaltete 
am 14. d. MtS. im Restaurant „Katsereiche" einen DrreinS- 
abend mit freier Aussprache über das Thema: DaS Be- 
oölkerungSproblem mit besonderer Berücksichtigung deS 
Geburtenrückganges in Deutschland. Die Besprechung 
wurde eingeleitet durch den 1. Vorsitzenden Herrn Geheimen 
Reg. Rat Vogt. 
Dleser wies zunächst auf den Zusammenhang der BevölkenmgS- 
frage mit den geplanten Hrersvorlagen in Deutschland und 8rankr«tch 
hin: ln Deutschland handelt eS sich um die volle Heranziehung der 
r ichlich vorhandenen waffenfähigen Mannschaft, in Frankreich um 
höchste Ausnutzung der Einzelkräfte wegen der infolge deS Geburten. 
rückgangeS schwindenden Volksmenge. Aber auch bei unS sei die Zahl 
der Geburten in einem stetigen Rückgang begriffen. Allerdings sei 
aus anderen Gründen die Zunahme der VölkSzahl in Deutschland in 
den letzien Jahrzehnten eine außerordentliche gewesen; sie habe sich 
>m Jahre 1820 noch auf etwa SS Millionen und 1810 auf rund 41 
Millionen belaufen, 1900 habe sie bereits 56, 1905: 60 und 1910 
fast 65 Millionen betragen. In dies-r Zunahme drückt sich der Ueber» 
gang vom reinen Agrarstaat zum Handels- und Industriestaat aus, 
nur dieser könne die Uuterhaltungsmittel für eine so große BolkSzaht 
aufbringen, während der reine Agrarstaat, wie b-ute noch Rußland, 
seinen BolkSüberschuß durch Auswanderung abgeben müsse. Wie sei 
>S nun zu erklären, daß mit dieser BevölkeningSzimahmc ein steter 
Geburtenrückgang Hand in Hand gehe? die Zahl d-r Gebmten habe 
auf 1000 Einwohner 1875 noch 42 betragen, 1910 nur noch 30 und 
sinke in den letz>en Jahren immer stärker. Aber zugleich habe ein 
noch enlschikdeaer Rückgang der Sterblichkcit eingesetzt. Auf 1600 
Einwohner seien 1876 noch 28 Personen gestorben. 1910 nur noch 17. 
Diese Begleiterscheinung des Geburtenrückgangs gebe auch dessen beste 
Erklärung: baß er nämlich im Wesentlichen ein Ergebnis zunehme», 
den Wohlstands, ein Zeichen aufsteigender kultureller Entwickelung sei 
Immerhin müßte bei weiter finkendem Geburtenstand einmal der Zeit 
pur kt kommen, wo dir geminderte Sterblichkeit den Ausgleich nicht 
mehr bieten könne; so heute schon in Frankreich. Sei es einmal so 
wett, so könne bei aller Höhe der Kultur eine große Minderung der 
Macht und innere Gesundheit deS Volkes und EtaatcS nicht aus 
bleiben. Die expansive Kraft eines Volkes beruhe wesentlich auf 
seiner Masse und diese bestimme endgültig auch seine Stellung tu der 
Wcltpolittk. Daher wäre eS falsch, diesen Vorgängen tatenlos gegen 
überzustehen. Freilich sei mit Moralpredigten mw. nichts auszurichten; 
aber cs müßten die Hemmungen, welche der Eheschließung und Auf 
zucht von Ködern namentlich ln den Großstädten entgegenstünden, 
möglichst verringert werden. WohnungS- und Bodenpolitik; eine ge. 
rechte Steuerpolitik, welche be( der Veiteilung der Steuerlast berück 
sichtige. wie viele Personen von einem Ewk mmen zu zehren Häven; 
eine Berücksichligung der Kivderzahl bet B:M ssung des Beamten- 
gehalis. namentlich aber Erhaltung, Förderung und Vermehrung deS 
Bauernstandes — daS feien einige Mittel, die einem gefährlichen 
Sinken des GeburteostandcS entgegenwirken köantev. 
In der weiteren Aussprache, gy welcher sich nament 
lich die Herren Rechnungscat Richter, RechtSanwalt 
Behring und Prof. Schmidt beteiligten, wurde besonders 
noch hervorgehoben, daß vielfach ein Hang zur Bequem 
lichkeit und Luxus vor der Ehe- und Kinderscheu schuld 
trügen; dem solle du'ch Pflege idealer G-sinnung, die tm 
Familienleben das höchste Glück finde, entgegengearbeitet 
werden. 
o Evangelischer Arbeiterverein für Friedeua« 
und Umgegend. DaS zur Nachfeier von Kaisers Ge 
burtstag im großen Saale deS Kalser-Wilhelm-Garten am 
letzten Sonntag stattuefundene GesangSsest hatte unter fast 
Am folgenden Morgen, als Black wieder in der Billa 
erschien, hatte Julius sich genügend erholt, um ihm einen 
genauen Bericht über alles erstattest zu können, was sich 
im Schloß zugetragen hatte, und so wurden auch die letzten 
Maschen des Netzes zerrissen, iu die Verbrecher mit 
so schlauem Vorbedacht Olivia verwickelt hatten. Julius 
konnte bestätigen, daß sie selbst, weis sie den Plänen Schar- 
nocks und der Gräfin im Wege gewesen, als Gefangene 
gehalten worden, und er konnte.zugleich erklären, warum 
man den Verdacht auf sie gewälzt hatte, denn Scharnock 
hatte es ihm ja in dem Refektorium höhnend verraten. 
Dies Geständnis, das der Verbrecher spöttisch triumphierend 
dem Manne gemacht hatte, deEer dem Tod verfallen 
glaubte, wäre natürlich niemals'über seine Lippen ge- 
kommen, wenn er geahnt Hütte, ..daß auch nur die ge 
ringste Hoffnung für die Rettung seines Opfers bestand. 
Nachdem er mit Julius gesprochen, erbat der Inspektor 
eine Unterredung mit Olivia. und es bedurfte auch unter 
den veränderten Verhältnissen seines ganzen Taktes, um 
sie dazu zu bewegen, daß sie ihm erklärte, warum sie sich 
geweigert hatte, ihn von Julius' Gegenwart im Schloß 
in Kenntnis zu setzen. 
„Ich wußte, daß Doktor Penfold durch Verrat dahin 
gelockt worden war," gab sie endlich zu. „Man hatte ihm 
einen gefälschten Brief zugestellt, der angeblich von mir 
kommen sollte, und ich fürchtete, daß seine Anwesenheit 
mißdeutet werden könnte. Auch mir hatte Herr Schaxnock 
einen gefälschten Brief von ihm übergeben, und ich fürchtete 
mich." 
l?chluß folgt.)
        
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