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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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„vtmtmm LNai-Anzelger 
Sonntag. öffn 16 März 1913 
»»» 
^okäLes 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Rechtzeitig einkaufen r Je näher das Osterfest 
kommt, umso stärker wird der Andrang der Käufer in den 
Putz- und Modkgeschäften. Wie de: Verband Berliner 
Spezialgeschäfte dem deutschen Käuferbunde (Berlin- 
Friedenau, RubenLstraße 37) mitteilt, liegen schon in der 
ersten Märzwoche alle Frühjahrsneuhriten in Stoffen, 
Mänteln. Kleidern und HUten bereit, nur die Käuferinnen 
können sich immer noch nicht entschließen, die nötigen An- 
schaffungea zu machen; sie wissen freilich schon, daß sie 
Neues brauchen oder die neue Mode mitmachen wollen, 
aber dem einen fehlt bei dem ständig wechselnden Wetter 
die richtige Einkaufsstimmung, die anderen warten, weil 
sie auf eine noch größere Auswahl hoffen, um nur das 
„Alleroparteste" kaufen zu können — und schließlich drängt 
alle Arbeit sich in die Woche vor Ostern, in die „stille" 
Woche zusammen. Sonntage und Nächte mliffen zur 
Hilfe genommen werden, um alle Aufträge auszuführen, 
alle Aenderungen fertig zu stellen. So wird die stille 
Woche zu einer Woche überstürzter, atemloser Arbeit für 
Geschäftsleute, Angestellte^ Arbeiter, und zum großen Teil 
durch die Schuld des kaufenden Publikums, das seine Be 
sorgungen von einem Tage zum andern verschiebt, ohne 
darart zu denken, daß die Einkäufe und Bestellungen in 
letzter Stunde nur erledigt werden können auf Kosten der 
Ruhezeit der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Deutsche 
KäuferLund richtet deshalb anfalle Käufer die Bitte, die 
FrühjahrLbeforgungen noch in der ersten Hälfte des März 
zu machen. Sie finden dann besondere Auswahl und 
dürfen schnellerer Lieferung und sorgfältigerer Arbeit gewiß 
sein alS kurz vor dem Osterfest. 
o Ueber die Einstellung der ftandesaniMche» 
Veröffentlichungen laufen bei uns täglich Anfragen 
und Beschwerden ein. Wir hatten schon vor einiger Zeit 
mitgeteilt, weshalb wir außerstande sind, die so gern ge. 
lesenrn StändrSamtSnachnchten zu veröffenllichen. Der 
Regierungspräsident hat nach drin Vorgang anderer Re 
gierungspräsidenten die Standesämter rrsucht, keine Aus 
züge aus den Registern mehr an die Zeitungen zu geben. 
Infolgedessen ist die Preffe nicht in der Lage, Auszüge zu 
veröffentlichen. Wir bedauern daS sicherlich nicht minder 
als unsere Leser, da wir wissen, wie lebhaft daS Interesse 
der Leserschaft gerade für die Peisonenstandsnachrichten ist. 
Eine Aushebung der Verfügung ist nicht zu erwarten, 
höchstens kann die Anordnung gemildert werden, wie eS 
im Regierungsbezirk ArnSberg geschehen ist. 
o „Johanna Stegen anno 1813", das virraktige 
Schauspiel aus den deutschen Befreiungskriegen von unserem 
Mitbürger Görlich Hinderstn, (Martin Maria Horst) er 
zielte, wie man uns berichtet, bei seiner Uraufführung im 
Stadt Theater zu Lüneburg bei glänzender Darstellung 
einen durchschlagenden, von Akt zu Akt sich steigernden, 
Erfolg. DaS ausverkaufte; - festlich erleuchtete Haus 
prangte im Schmuck von Tannengirlanden, welche von 
den Retchsfarben durchüiüttden waren. DaS OsfizltzrkorpS, 
der Oberbürgermeister von Lüneburg, die Spitzen der 
städtischen Kollegien und zahlreiche Mitglieder der 
hannoverschen Aristokratie wohnten der Vorstellung bet. 
Der Dichter wurde wiederholt begeistert gerufen, und 
konnte mit dem Direktor deS Theaters, Königlichen 
Kommissionsrat Grünbrrg, dem Obcrregisseur Walter 
Steinert, welcher sich um de Inszenierung deZ Werkes be 
sonders verdient gemacht hatte, und den Hauptdarstellern 
immer wieder vor dem Vorhang erscheinen. 
Nie bunte Mocbe 
Plauderer für den „Friedenau» Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 14. März. 
Berlin und die Franzosen. — Die neuen literarischen Dr. Looks. 
— Das schöne Berlin. — Tie Kinos der Neichshauptstadt. — 
Line neue Steuer. — Bade bei Tage. — Berliner Bauschwindel. 
Wcrn im Tiergarten, hinter den welßlcuchtenden Denkmälern, der 
Lerz beginnt; wenn die ersten Berliner Veilchen ganz schüchtern au! 
dem jungen Grün gucken dann ist die Zeit gekommen, in der Berlin 
regelmäßig aufs Neue entdeckt wird. 
Es find immer Franzosen, die im Vorfrühling die ReichS- 
hauptstadt der „Barbaren" aussuchen. Zhre Entdeckung beginnt mit 
der verblüffenden Feststellung, daß ans der Leipziger stiege ein rasender 
Verkehr donnernd brandet und endet mit der nicht weniger inler. 
essanten Behauchung, daß dle Berliner rote Haare haben, JägerwLiche 
Nagen, in den Nächten schwere Biere trinken und am Tage in fliehen- 
der Hast den Fremden auf die Füße treten, ohne „Pardon" zu sagen. 
DaS Ergebnis dieser Entdeckungen wird dann, — wie wir es 
j tzt wieder im „Mattn" sehen, von diesen BerufSentdeckern zu einer 
Artikeinihe verarbei et, die im allgemeinen die Urberschrift tragen: 
„Berlin alS Kunststadt", .DaS Berliner Nachtleben", 
„Teutonische Kultur" und „Der Berliner Schutzmann." 
Dieien Haber die Franzosen aischei end g.-nz t«s»,-0e e öS Herz 
geschloffen. Vielleicht ruft sein Helm-, die..Erinnerung an heiße, 
rölkertrennende Tage wach. AuS dies«« Eltllvbe schildern die großen, 
phantasier,jchen Kinder von der Seine den Berliner Schutzmann als 
eine Art Massenmörder in Jdealkonturrenz mit Revolvrrschießen, Ver 
haften. Blutvergießen und Lassowersen. 
Nach den französisch«« Leuzbcrichlen NeseS JahreS mutz der 
Berliner Schutzmann ein Mensch sein, der sofort explodiert, wenn man 
ihn ansieht. 
Er muß sein, wie die in kleinen Kästchen eiugeschlossenen Schreck 
figuren, die, von wenig wählerischen Onkel! gern den kleinen Neffen 
mitgebracht weiden, und die dem Unschuldigen, der den Messingriegel 
des Deckeis verschiebt, neckisch an die Nase springen. — 
Der liebenswürdige Entdecker Berlins erzählt im „Mattn" dann 
noch weiter, daß dicse furchtbaren Schutzmänner leider not 
wendig find. Denn die Unsiittichkeit hat in dem modernen Riesen- 
babel derart überhand genommen, denn weder Rom, noch Budapest, 
noch Tokio, St. Petersburg, noch Tendcrloin von Nevyork konkurrieren 
können. Und selbst Paris wird ja fast in den Schatten gestellt! 
DaS wäre allerdings erstaunlich, und die Franzosen hätten wahr- 
lich allen Grund, daS Aufblühen Berlins in dieser Hinsicht mit 
neidischen Augen zu betrachten! 
Ir cs ist für den waschechten Franzosen eben tief bedauerlich, 
daß er auch in Berlin bei einer Art Abtrage speisen kann, und daß er 
darauf den „Bal Tabariu" zu finden vermag Uno die roten und 
weißen Laternen de- Place PIgalie, den Montmartre, die Commune 
und die Rue hechc; — Kinder, diese niederträchtigen Deutschen haben 
das ja auch schon allcS: Fi done! 
«Bir können unS trösten in der unS umgelegten Haut. 
Die Fremden, die von lieben Verwandten durch dieses steinerne 
Meer gejagt werden, bekommen von der Stadt Berlin weder die 
reichen Museen uud Kulturstätten und noch vor allem, die schönsten 
Teile der Stadt nicht zu sehen. 
Zu allen Jahreszeiten bietet Berlin intime Slsönheiten von be- 
rückendem Reiz. 
Ait-Berlin im Schimm» einer weißen Sternen Winternacht; die 
Pfauenii-sel tm Frühling, wenn die alten Baumiirsen aus großer, 
tvaiglicher Zelt sich in prächtige Blütenmäntel hüllen; im Herbst, wenn 
das Gold der Blätter einen üppigen T-ppich aus dem Tiergarten zu unserm 
Siegestor rollt; am Januarabend, wenn Nebel und Schnee den 
Potsdamer Platz zu einer gigantischen, dunklen Vision gestalten; jetzt, 
an hellen VorsrühttngSabenden, wenn über der goldenen Kuppel deS 
Reichstags blutrot die Sonne sinkt, und wenn die prachtvolle 
Silhouette dieser Kuppel wie ein Altar des Völkerjchicksals in den 
roten Sonnenflammen steht. . . 
Berlin ist schön. 
Man muß seine Studien und Entdeckungsreisen nur nicht'lediglich 
ans die Frieorichstadt ausdehnen, die allerdings dem kullivtcrten 
Fremden die Freude an dieser eigenartigen Stadt nehmen kann. 
Man tut vielleicht nicht unrecht, wenn man die ganze Friedrich- 
stadt mit einem bunten Film vergleicht. So flimmernd, in ewigem 
Weisel, zieht alles an den geblendeten Augen vorüber. Ueber die 
Lichlrcklamen der Friedrich- und Leipzigerstroße müßte ein besonderes 
Kapitel geschrieben weiden. Daß ferner die gesamte Friedrtchstraß: 
demnächst ein einziges „Lichtdildtheat»" ist, unterliegt auch keinem 
Zweifel. Nach den neuesten Feststellungen sollen in Berlin nur 520 
Kinos sein. Im ganzen lieben deutschen Vaterland gibt eS 2900. — 
ES ist erfreulich, daß wir hier den sechsten Teil haben. Von diesen 
520 scheinen aher 5lG in der Friedrichstraße zu liegen. 
Da ist es kein Wunder, daß ganz Berlin unter dem Zeichen des 
KinoS steht. Mehr, als irgend ein« andere Stadt der Welt! Die 
Kinder auf der Straße schimpfen sich schon „KinozeroS"; die Berliner 
Theater spielen nur Glücke, die mit dem Kino in irgend einem 
Zujammeuhang stehen. „Filmzauber", die „Kinokönigin", „Leben und 
Lichtbild". 
Nächstens wird anscheinend bei Reinhardt der letzte lebendige 
Schauspieler hinter einem Gitter gezeigt/ Die andern sind teils ver- 
hungert, teils find sie Regiffeure im Kino geworden. 
Da sich nun die Oeffentlichkeit einmal sehr heftig mit dieser 
Kuliurerscheinung befaßt, — in" Deutschland sind täglich 
1392 000 Men fiten im Kino, — so blieb dem Berliner Magistrat 
schirrßilch auch nichts anderes übrig, als sich mit dem Kino zu be- 
schäftigen. Wenn sich ein Magistrat nun aber mit irgend ein» Sache 
„beschäftigt", so versteht man darunter, daß er ausliftelt, wie hoch 
und wie schmerzlich er eben diese Sache in der Besteuerung hoch 
treiben kann. Das hat der Berliner Magistrat mit den KinoS nun 
mit einer Gründlichkeit getan, die -allerdings den Unternehmern auf 
die Nerven gehen kann. DaS Merkwürdige ist, daß er bei der neuen 
Sleuerfkala die Varietes und vor allem die Tanzvcrgnügungen viel 
menschlicher und milder behandelte, als die Kinos. Vielleicht steht 
der wohllöbliche Magistrat der Haupt- und Residenzstadt Berlin aus 
dem Standpunkt, daß ein neuzeitliches Tanzvergnügen, daß übrigmS 
bald von einem Eliergtfecht nicht mehr zu unterscheiden sein wird, 
der Kultur mehr dient, alS der, die oder das Kino. — Ich weih 
nicht, weichem Geschlecht dieses Dort angehört. 
Die Skala zeigt das folgende Gesicht: 
Steuer für Eintrittskarten: 
In Höhe von 
Kino 
Varieiö, Zirkus 
usw. 
Tanz- 
belustignngen 
5 Pf. 
0,30 M. 
f ! '' 
10 . 
050 „ 
0,40 M. 
— 
15 „ 
0,75 „ 
1,00 „ 
1,23 M. 
20 . 
1,00 , 
1,50 „ 
.1 
25 „ 
— 
— 
2,00 „ 
30 „ 
1,50 „ 
2,00 , 
2,50 , 
40 , 
200 , 
2,50 , 
50 . 
2,50 „ 
800 , 
8,00 „ 
viele.Männfiscelen erfreuen, muß man die «höhle Besteuerung der 
KinoS alS ungerecht empfinden. 
Nicht weniger ungerecht ist auch «ine Verordnung, die demnächst 
die Berliner Hausbesitzer in ihren Mietverträgen zum Ausdruck 
bringen »ollen. Sie wollen nichts weniger und mehr, als das 
Baden zur Nachtzeit verbieten. 
DaS ist ja daS Angenehme der Berliner Wohnungen, daß man 
Tag und Nacht warmes, fließendes Wasser in Küche und Bad hat. 
Und diese Freude wollen uns die Leute nehmen! Da fühlen wir Mieter 
unS aber „erdroffeU" . . . 
Gewiß: es hört sich nicht schön an, wenn He» Meyer oder Herr 
Cohn nachts über meiner Wohnung sein Badewaffcr laufen läßt und 
wenn er sich dann in die weichen Fluten hlneinplumpscn läßt, daß ich 
des ken muß, daS Haus stürzt ein . . . 
Gewiß: Herr Mm» wiegt lebend 250 Pfund. Aber vielleicht 
hat er am Tage keine Zeit. Oder keine Lust! Eine gewiffe Sorte 
Frösche geht auch Nachts ins Waffer, und er soll viele McyerS geben, 
die nicht einmal deS Nachts so etwas tun. 
Ader warum lassen die Berliner Hausbesitzer nicht einfach die 
Wände stärker bauen????? 
Warum muß ich hören, wenn mein „Fuß. oder Kopfnachbar" (so 
lautet der technische Ausdruck), seinem Aeltesten eine Ohrfeige herunter- 
heut? Warum? 
Ich will eine Geschichte erzählen, die auf diese Frage Antwort 
gibt. In Steglitz bei Berlin, wo der Bauschwindel am üppigsten 
blüht, kommt Mittags atemlos der Polier zn dem „Unternehmer" 
gerannt. 
„Meester, bei reie HauS iS injestirzt"'. . . . 
„MenschcnSkiud, Erfind woll doof l Wie kann denn bet passieren? 
g „Ja,, wir hallen bet Jerüste wegjenomme» und da krachte 
„Ja, iS denn noch vich tapeziekt jewesen?" 
„Nee" .... 
„MrnschenSkind! Wie kennen Ee bloß det Jeliste wegnehmen, 
wenn noch nicht tapeziert iS." 
Diese Geschichte hat den Vorzug, nicht gerade wahr zu sein, aber 
doch eine tiefe Moral und eine treffende Kennzeichnung der Groß» 
berliner „DauvethLItniffe" zu enthalten. Helnr. Binder. 
Richtigstellung. In dem Artikel „Der Dank der Prinzessinen,, 
in der Beilage zu Nr. 54 muß cs richtig heißen „Prinzessinnen 
Nadcjdg und Cudoxie" und für „gesammelle" Geldbeträge. 
fühlen, wenn sie protestieren. Von flinken Rechtsanwälten wurden 
nun auch schon Eingaben aufgesetzt, in denen von ein» „Er 
drosselung" der Kinob« fitz« mit schau»lich ernsten Worten die 
Rede ist. Wenn man diese Eingaben liest, hat man daS Gefühl, 
nächstens an allen Straßenecken erfrorene und verhungerte Ktnobesitzer 
zu finden. 
Im Hinblick allerdings auf dit Dariötäs und die Lokale, in denen 
spüle Damen mit sehr roten Bäckchen durch ein herzhaftes Lämmerhüpfen 
Teck Lehranstalt Berlin-Steglitz. 
i Thh.: Ingenieur Pasl'Dßhling, Direktor. 
Elektrotechnik, Maschinen-, Hoch-, Tiefbau. Gas-, Wasser, 
Heizung, Lüftung. Elektromonteurkursus, Tages-, Abend 
unterricht. Vermessungstechnik. Programm frei. 
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Hefe ist jetzt auch in dauernd haltbarer Form in 10-Pfennig-Päckchen unter dein Nairren 
Dauerhefe „florylin" erhältlich, wodurch es möglich ist, beste Hefe im Haushalt vorrätig 
zu halten und jederzeit, also auch für unvorhergesehene Fälle die beliebten Hefcgebäcke 
bereiten zu können. — Rezept-Micher mit 199 verschiedenen Rezepten nebst einer leicht 
faßlichen Anleitung für das Backen mit Hefe versendet der Verband Deutscher Preßhefe- 
fabrikanten 6. m. b, I}., Berlin 9M u, an jedermann gratis und frmrko. — Also: 
wie zu allen Gelegenheiten, wo selb st gebackene 
Kuchen den Tisch zieren sollen, nehme man als 
Triebmittel Hefe (auch Barme oder Gest genannt). 
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