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Periodical volume Nr. 58, 09.03.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Krirdenaner 
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Nr 58 
Berlin-Friedenau. Sonntag, den 9 März 1913. 
20. Iahrg. 
Hn der Gruft MlKelms I. 
Zur Erinnerung an selncn 25 jährigen Todestag, den 9. M!rz. 
Ihr Genien, neiget Palmenzweige, 
Germania, verhülle dich, 
Und jedes laute Wort erschweige, 
Rings werd' eS still und feierlich. 
Hier ruht dein Kaiser I Hoch an Jahren, 
Regierte er mit milder Hand. 
Wir alle durften ja rrkahren 
Sein Wirken für daS Vaterland. 
In rauher Jugend ernsten Tragen, 
Da stählte sich sein Geist mit Kraft, 
Daß er am Ende durfte sagen: 
„Mit GotteS Hilf' hab' ichs vollbracht!" 
Den deutschen Stämmen durst er bieten 
Ein einig' deutsches Vaterland. 
— O mög' es treu der Lnkrl hüten 
Und schirmen stets mit starker Hand! — 
Drum, Genien, windet grüne Reiser, 
Streut sie Luisens Lieblingksohn — 
Sanft schlummre, erster deutscher Kaiscr, 
Bi» einst dich ruft Jehova? Ton! — 
Helmuth Dirner>8ricdenau. 
vepefcken 
Letzte Nachrichten 
Berlin. Der Besuch deS Herzogs und der Herzogin 
von Cumberland am Berliner Hofe wird in den letzten 
Tagen des März stattfinden. — Der Kaiser wird wahr- 
scheinlich doch noch in diesem Jahre — unmittelbar nach 
dem Besuch des Cumberländer HerzogSpaare^s — nach 
Korfu reisen. 
Berlin. Auf der Unfallstation Tempelhofer Ufer 
wurde letzte Nacht der auS Dresden zugereiste 27jährige 
Kaufmann Ludwig Spanholz mit einer schweren Bauchvrr- 
Irtzung eingeliefert. Ec war mit einer Frauensperson aus 
trm Tempelhofer Feld gegangen, dort wurde er von einem 
unbekannten Mann überfallen und vollständig ausgeraubt. 
Er hat zwei Stiche in die untere linke Bauchhöhle er 
halten. Nach Anlegung eine» NotoerbandeS wurde er in 
die Königliche Klinik geschafft. 
Rom. Am Bord deS neuen Torpedojägers „Jntre- 
pido" entzündete sich während der Probefahrt infolge 
Röhrenbruchs im Maschinenraum daS zur Heizung ver 
wendete Naphthaöl. Dank dem blitzschnellen Eingreifen 
der Maschineningenieure wurde der Brand gelöscht, ehe er 
den Naphtabehälter ersoffen konnte. So ist eine Kata 
strophe verhindert worden. 
Pari». AuS London kommt die Meldung, daß der 
Gesundheitszustand der Exkaiserin Eugenik ihrer Umgebung 
Der ötaataasiwalt. 
Im H. Hill. 
22 Pi Mw» »1«* Hw) 
Olioia kannte den Beamten nicht, dessen Kommen sie 
gefürchtet hatte, sie hatte ihn niemals gesehen. Und sie 
glaubte. Black sei einer von den geheimnisvollen Genossen, 
die sich in den letzten Tagen uni Franz Scharnock ver 
sammelt hatten. Und hätte sie selbst geahnt, wer er war, 
und daß zwei Wörter mit ihm ihr und Julius' ganzes I 
Schicksal hätte ändern können, es hätte nichts genützt, denn 
er war viel zu weit entfernt, als daß sie seine Aufmerk 
samkeit hätte auf sich ziehen können. 
Daß irgend etwas Furchtbares ihrer harrte, konnte sie 
sich nicht länger verhehlen. Scharnock hatte ihr ja mit 
klaren, deutlichen Worten gesagt, daß man sie hier lassen 
würde, um die Folgen dessen zu tragen, was er und seine 
Mutter mit Hilfe der übrigen Genossen verbrochen hatten. 
Und wenn sie zu seinen höhnischen Worten das hinzufügte, 
was Julius ihr erzählt hatte, so konnte sie sich wohl 
denken, daß das Verbrechen, um welches es sich handelte, 
die Ermordung Sir William Eraßmans war, des ernsten 
stattlichen Mannes, der in Gemeinschaft mit seiner liebens 
würdigen Gattin sie so freundlich aufgenonnncn hatte, als 
sie auf Wunsch der Gräfin seinen Besuch drüben in der 
Villa erwidert hatte. 
Und auch um dieser beiden willen flehte sie zu Gott, 
er möge ihr einen Ausweg zeigen, um den jungen Arzt zu 
befreien, der sich seltsamerweise den Beschützer des Staats 
anwalts genannt hatte. Aber die Schatten des Abends 
sanken herab und noch zeigte sich keine Aussicht auf Er 
lösung aus ihrer schrecklichen Lage. Auf die Möglichkeit 
einer Flucht, durch die schwere eisenbeschlagene Tür oder 
durch das vergitterte Fenster hatte sie niemals gerechnet. 
Und es war ihr jetzt vollständig klar, daß, wenn diese Tür 
nicht durch Freund oder Feind geöffnet wurde, sie hier 
ausharren mußte, bis der Tod in seiner abschreckendsten 
große B.s rgnis einflöße. Die Exkaiserin hat sich bet 
einem Epaziergange erkältet. 
Athen. DaS erste direkte Telegramm auS Janina. 
datiert von gestern 8 Uhr abends, ist beim Krieg». 
Ministerium eingetroffen. Es meldet den Einzug deS 
Thronfolgers Prinzen Konstantin in Janina. Ec wurde 
von 15 000 Einwohnern, die ihm ent^egengezogen waren, 
mit Begeisterung- und unter Freudentränen begrüßt. Ein 
Teil der türkischen Armee ist vorgestern nacht nach Albanien 
entflohen. 
Newyork. Die Exp'osionkkatastrophe auf dem Pa- 
tapscefluß am Eingang de« Hafen» von Baltimore war 
noch um vieles furchtbarer, als man nach den ersten 
Meldungen annahm. Die Zahl der Toten wird h-ute 
auf gegen hundert geschätzt und beträgt mindesters 86. 
200 Menschen sind verwundet, davon 50 tödlich. — 
Die Gewalt des Luftdrucks war so groß, daß das Fundament 
deS StaatSkapitolS in AnnopotiS und die Wolkenkratzer 
von Baltimore erschüttert wurden. Tausende von Menschen 
flohen, von Panik eifaßt, da sie ein Erdbeben, vermuteten, 
auf die Straße. — DieExpiosionSkatast ophe scheint duichUn 
Vorsichtigkeit eineS Vorarbeiters veranlaßt worden sein, der 
die Neger zu schnellerem Arbeiten antrieb. Dabei schlug er mit 
einem Verladehaken so heftig auf eine Kiste Dynamit, um sie 
auf ihren Platz zu rücken, daß die Kiste «xplodterte und 
den Mann in Stücke z-rriß. Fünfzehn Neger, die dabei 
standen, rannten wild schreiend aus dem Laderaum hinaus 
und sprangen zum Teil in» Woffer, zum Teil in ein Boot, 
mit dem sie eilends fortruderten. Dichte Rauchwolken 
stiegen au» dem Laderaum hervor, die übrigen Holzteile 
fingen zu brennen an. und kurz darauf erfolgte die Explosion, 
die den ganzen Dampfer vollständig zerriß, so daß n 
augenblicklich verschwand, 
Zum 9. März. 
25 Jahre sind heule oerfloffen, seit dem Tage, da 
Kaiser Wilhelm I. einging zum ewigen Frieden. In 
Wehmut gedenken wir deS Dahingeschiedenen, deffen An 
denken im Herzen der deutschen Nation nie erlöschen kann 
und wird, und die Erinnerung an manchen Charakterzug, 
der der Herzensgüte deS edlen Monarchen ein glänzendes 
Zeugnis ausstellt, an gar manche Anekdote auS dem 
reichen Leben deS hohen Verblichenen wird heute wieder 
in unserem Gedächtnis wach. 
„Unzertrennlich wird sein hehrer Nrme verbunden 
bleiben mit aller Größe deS deutschen Vaterlandes!" Also 
bekundete seines VaterS Größe Kaiser Friedrich in seinem 
Aufruf: „An mein Volk!" Die Taten, die'zur Größe des 
deutschen Vaterlandes den Grund gelegt haben, die Erfolge 
auf den Schlachtfeldern und die Errungenschaften der 
FrtedenSarbeit lasten sich von der Persönlichkeit, von dem 
Wesen und Wirken des ersten HohenzollernkaiserS nicht 
Gestalt sie erlöste. Schon jetzt fühlte sie sich schwach und 
elend vor Hunger und Kälte. 
Einmal zwischen sechs und sieben Uhr abends hatte sie 
entfernten Lärm gehört, und es war ihr gewesen, als ob 
dicht hintereinander zwei Pistolenschüsse gefallen seien. 
Aber es war wieder still geworden, und es hatte sich nichts 
weiter ereignet. Nach und nach wurde es iininer dunkler, 
die wehenden Zweige vor dem Fenster wurden imnrer 
schattenhafter, und endlich erfüllte tiefe Nacht den Raum. 
Verzweifelt sank das unglückliche Mädchen auf den Stroh- 
sack nieder und fiel bald in den tiefen, traumlosen Schlas 
vollständiger geistiger und körperlicher Erschöpfung. 
Wie lange sie so geschlafen halte, hätte sie nich sagen 
können, aber zwei Stunden nach Mitternacht erwachte sie 
plötzlich, und ein aufregendes Gefühl, aus Furcht und 
Hoffnung gemischt, ergriff sie. Sie hörtejemand die steinernen 
Stufen heraufkommen, die zu dem Türmchen führten, und 
einen Augenblick später knirschte ein Schlüssel in dem 
rostigen Türschloß. 
Langsam wurde die Tür geöffnet, und in ihrem 
Rahmen stand Franz Scharnock, mit einer elektrischen 
Laterne bewaffnet und betrachtete sie mit boshafter Be 
friedigung. 
„Nun, meine schöne Cousine," sagte er, nachdem er sich 
lange genug an ihrem Anblick geweidet hatte, „es hat dir 
wohl nicht allzugut hier gefallen ? Nun, deine erzwungene 
Zurückgezogenheit ist zu Ende und das hast du der Er 
gebenheit deines treuen Ritters, des Doktors Penfold zu 
verdanken. Wenn du mir freundlichst hinunterfolgen willst, 
so werde ich dich über die veränderte Lage der Dinge auf 
klären, die dadurch entstanden ist, daß der eigensinnige 
junge Mann sich endlich der höheren Gewalt gefügt hat." 
Er begann die Treppen hinunterzusteigen, und Olivin 
folgte ihm über die steilen Stufen. 
„So habt ihr also Doktor Pcnfölds Zufluchtsort ent 
deckt'?" wagte sie zu fragen. { 
Scharnock wandte den Kopf zurück und ließ ein 
spöttisches Lachen hören. „Er hat uns diese Mühe erspart," 
trennen. Gew ß haben zu den ruhmreichen Siegen im 
Kriege und zu den nicht minder ruhmvollen Triumphen 
der friedlichen Herrschertätigkett Kaiser Wilhelms des Eisten 
andere Große an Geist und Willenskraft mitgewirkt. Aber 
gerade auch dies erweist de« ersten Deutschen Kaisers 
wahrhafte Größe, daß er die Großen gefunden und fest 
gehalten hat, deren er als Helfer bedurfte, um Großes 
und Unvergleichliches für unser deutsches Vaterland zu 
vollbringen. 
Groß wie als Feldherr wurde er als FriedenSfürst, 
als Mehrer an den Gütern und Gaben deS Friedens. 
Auf der Höhe seiner kriegerischen Triumphe steht er vor 
allem als Bahnbrecher und Schöpfer der sozialen Gesetz 
gebung, deren grundlegende Bedeutung von Jahrzehnt zu 
Jahrzehnt stetig wächst. 
Als König Wilhelm vor 52 Jahren den Thron 
Preußens bestieg, sagte er in seinem ersten Erlaß an sein 
Volk: „ES ist Preußens Bestimmung nicht, dem Genuß 
der erworbenen Güter zu leben. In der Anspannung 
seiner geistigen und sittlichen Kräfte, in dem Ernst und 
der Aufrichtigkeit seiner religiösen Gcsinnung, in der Ber 
einigung von Gehorsam und Freiheit, in der Stärkung 
seiner Wehrkraft liegen die Bedingungen seiner Macht; 
nur so vermag cS seinen Rang unter den Staaten 
Europas zu behaupten." Diese Worte enthalten unoer- 
gängttche Wahrheiten. Leben wir in ihrem Geiste, so 
wahren wir am besten daS Andepken unseres großen 
HeldenkaiserS und sein- Vermächtnis. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Origiiialartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
0 Die Vorbereitungen für den öffentlichen 
FestkommerS am Montag Abend tm Festsaate d-S Real- 
pymnctstumS find soweit abgeschloffen, daß daS Programm 
für den Abend nun festliegt. Einzelne Vereine haben ihre 
Teilnah ne an dem Kommers bereits zugesagt. ES ist 
aber auch jeder Bürger Friedenau-, der keinem Verein 
angehört, zu dieser Jahrhundertfeier hierdurch eingeladen. 
Die Festrede hält Herr Dr. Franke, historische lebende 
Bilder werden von Herrn Kunstmaler ZirgeS g> stellt und 
ferner wirken mit ein Schlllerchor von 150 Kindern, der 
Friedenauer Männergesangveretn 1875 und der Frtede- 
nauer Turnverein. 
0 Ueber die Grnndsteuerverhältnisse in Groß- 
Berlin gibt eine Darstellung de« Statistischen AmlS der 
Stadt Berlin Auskunft. Was zunächst die bestehend'« 
Sätze für bebaute Grundstücke anlangt, so bewegen sie sich 
vvn 0,80 0 / m deS gemeinen Wertes tn Nikolassee bis zu 
4 0/00 tn AdterShof. Unter den Großstädten von Groß- 
Berlin ist der bebaute Grundbesitz am wenigsten tu 
Wilmersdorf — mit 2 20 °/o 0 — belastet, e8 folgen Char- 
lottenburg mit 2.70. N-uköll» und SLöneberg mit 3 und 
sagte er, „indem er freiwillig sein Versteck verließ. Und 
er hat sich mannhaft verteidigt, ehe es uns gelang, ihn zu 
überwältigen. Und auch dann hat er nur uin deinet 
willen der Vernunft Gehör gegeben. Du kannst dir wirklich 
schmeicheln, liebe Olivia, daß dieser tollkühne Feuerfresse» 
dir so treu ergeben ist. Ich selbst bin stolz darauf, daß 
es mir gelungen ist, ihn als Rekruten anzuwerben, wenn 
auch nur zu vorübergehende» Zwecken." 
Der höhnische Ton der Mitteilung schien deren Wahr-' 
heit zu verbürgen, aber trotzdem fiel es Olivia schwer zu 
glauben, Julius habe sich den verbrecherischen Wünschen 
Scharnocks geneigt gezeigt. Und wenn er es getan hatte, 
sagte sie sich, dann mußte es sehr schlimm mit ihm ge 
standen haben. 
Als sie auf die große Haupttreppe kamen, zeigte ihr 
Scharnock die zerschmetterte Holzfüllung, durch die Julius 
entflohen war und lachte dabei, als ob es sich um ein 
außerordentlich freudiges Ereignis handelte. 
„Er hat sich seiner Freiheit nicht lange erfreut," meinte 
er, „wenn auch lange genug, um einen meiner wackeren 
Genossen mit seinem Revolver zu flügeln. Aber komm, 
unsere Zeit ist kurz, und ich habe dir noch manches zu 
sagen, ehe wir dich hier im Schloß zurücklassen." 
Er führte sie durch den Seitengang in das Boudoir, wo 
am vergangenen Abend Julius, den Revolver in der Hand, 
mit der Komtesse verhandelt hatte. Die alte Dame war 
auch jetzt in dem Zimmer, schon vollständig zur Reise ge 
kleidet und in kostbare Pelze gehüllt. 
Bier von Scharnocks Genossen saßen um den Tisch 
und nahmen eine eilige Mahlzeit ein, die sie nur einen 
Augenblick unterbrachen, um ihren Meister und seine Ge 
fährtin mit lustigem Grinsen zu begrüßen. Die Gräfin 
sprach kein Wort, sondern beschäftigte sich angelegentlich 
mit der Vertilgung mehrerer belegter Brote, wozu sie von 
Zeit zu Zeit aus einem Champagnerglas schlürfte. Aber 
ihre düsteren Augen verfolgten jede Bewegung Olivias. 
„So, meine teure Cousine, deine Fastenzeit ist zu 
Ende, bitte,, greise zu," sagte Scharpock und bediente sicb
        
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