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Periodical volume Nr. 54, 04.03.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Berlin für die Zentralstelle bei Verbandes der Recht!- 
auskunftsstellen und dem Verein zur Erbauung eine! 
Schiffahrtsweges Leipzig-Berlin Beiträge und stellte den 
EtätSooranschlag für 1913/14 fest. DaS Versicherung«- 
gefetz für Angestellte bestimmt, daß die Beiträge von 
den Arbeitgebern und den Versicherten zu gleichen Teilen 
zu entrichten sind. Wie verschiedentlich bekannt geworden 
ist. haben sich einzelne Arbeitgeber bereit gefunden, die 
BeitragShälften ihrer Angestellten auf eigene« Konto zu 
übernehmen. Wenn auch zugegeben werden muß, daß 
Fälle vorkommen können, in denen die Uebernahme der 
ganzen Beiträge durch den Arbeitgeberzweckmäßigerfcheint, 
so ist doch stets zu überlegen, daß. ein solche! Entgegen 
kommen auch unerwünschte Folgen haben kann. ES liegt 
nur zu nahe, daß daß Vorhandensein von Präzedenzfällen 
zu immer ernkuttn Ansprüchen der Angestellten verführt 
und daß dadurch dtr eine Hauptzweck des Gesetzes, die 
Angestellten zur eigenen Sparsamkeit und Fürsorg« für 
die Zeiten deS Alter! und der Krankheit zu erziehen, 
v«eitelt werden kann. Sollte ein Arbeitgeber nach reif 
licher Erwägung zu der Auffaflung kommen» daß einer 
seiner Angestellten die gesetzlichen Lasten durchaus nicht 
tragen kann, so würde es immer vorzuziehen sein, wenn 
der Angestellte durch eine entsprechende Erhöhung seine« 
Gehalter in die Lage versetzt würde, seine BeitragShälfte 
aus eigener Tasche zu entrichten. Da! wachsende Miß 
trauen deS Publikums gegen den Erwerb zweitstelliger 
Hypotheken rechtfertigt die Befürchtung, daß eine Ge 
sundung de! BaumarkteS überhaupt nicht mehr eintritt, 
wenn nicht die zweifellos vorhandenen Mißstände im 
Hypothekenwefen beseitigt werden. Die Mißstände beruhen 
vor allem in der häufig einseitigen Ausnutzung der Vor 
schriften deS Hypothekenrechts, die dem erststelligen 
HypothekmgläubigerS in wirtschaftlich nicht gerechtfertigter 
Weise Vorteile vor den nachfolgenden Hypothekengläubigern 
sichern. AIS Haupterscheinungsformen der beklagten Miß- 
stände können gelten das sog. Verschieben der Mieten, da« 
Dorrangieren der Hypothekenzinsen, die GerichtSproxlS in 
Sachen deS EigentumSvorbehaltS an eingebauten Inventar- 
stücken und die Tatsache, daß häufig Häuser abgeriffen 
werden, ohne daß der Hypothekengläubiger davon Kenntnis 
erhält. Zur Beratung von Abhilfe-Maßnahmen setzt die 
Handelskammer einen Sonderausschuß auS Vertretern 
sämtlicher am Baumarkt interessierten Kreise ein mit der 
Befugnis, die von ihr gefaßten Beschlüsse selbständig aus 
zuführen. — Weiterhin bezeichnete die Handelskammer die 
Abänderung deS dänischen Gesetzes über dar Apotheker- 
wesen als erwünscht, damit der Export 'deutscher Drogen 
nach Dänemark nicht ganz unmöglich gemacht werde, 
und befürwortete eine stärkere Besteuerung der Ftlial- 
betriebe im Detailhandel, sprach sich aber gegen die 
Tendenz der gegenwärtig bestehenden oder geplanten 
Eondergewerbe-Steuerordnungen auS, die eine stärkere Be 
steuerung sämtlicher größeren Betriebe, auch der industriellen, 
herbeiführen wollen. — Die Kammer trat dafür ein, 
daß dir gesetzlichen Zeugengebühren an Gewerbetreibende 
ia jedem Falle, also unabhängig von dem Nachweis eine« 
entgangenen Gewinns oder einer sonstigen Erwerbs- 
schädigung, gezahlt werden. — Die bahnamtlichen 
StativnSb«Zeichnungen weichen zum Teil von den 
politischen Ort-bezeichnungen ab. So heißt die Bahn 
station Berlin-Lichtrrfelde immer noch Groß-Llchterfelde. 
AuS Anlaß einer Beschwerde, die durch den Verbands- 
direktor von Groß-Berlin Übermittelt worden ist, soll bet 
den Jnterefftntrn Umfrage gehalten werden, ob der jetzige 
Zustand zu allgemeinen Beschwerden führt. — In einer 
der Versammlung vorgetragenen Prozeßsache wurde die 
Klausel „Versand gegen Kaffe oder Nachnahme" dahin 
ausgelegt, daß der Verkäufer die Ware entweder unter 
Nachnahme schicken, oder vor Absendung der Ware 
Vorauszahlung de§ Preises verlangen kann. 
o Der 1. Elternabend der 3. Gcmcindeschuke 
findet am Sonntag, dem 9. März, Abends 8 Uhr, in der 
Aula deS Realgymnasiums, Homuthstraße, statt. Schüler 
und Schülerinnen führen rin Festspiel von Frl. Margarete 
Münsterberg, „Lorbeer und Palme', Kriegs- und FrtedenS- 
bilder zur Jahrhundertfeier 1813—1913, auf. Dabei 
werden Gedichte der Freiheitssänger Arndt, Körner, 
Schenkendorf vorgetragen,' und der gemischte Schülerchor 
singt Lieder, die zumeist auS der Liederdichtung der Be 
freiungskriege ausgewählt sind. Programme für 30 Pfg., 
die zum Eintritt berechtigen, werden abgegeben im Amts 
zimmer der 3. Schule, Rheingaustraße 7, von den Damen 
und Herren de« Kollegiums und beim Schuldiener. 
o Kranke»«Uuterstütz«nglkaffe a. G. selbst« 
ständiger Handwerker im Bezirk der Handwerks- 
kümmern zu Berlin und Frankfurt a. O. (Begründet von 
der Handwerktkamme: zu ©erlist, Bellealliancestr. 5) hielt 
am 24. Februar cr. ihre Jahresversammlung in den 
Kammersälen ab. Au! dem Jahresbericht ist hervorzu 
heben, daß die Kaffe in der Lage war, in der Verhältnis- 
mäßig kurzen Zeit feit ihrer Einführung, am 1. September 
1910, einen Reservefonds von 84 964,29 M. zurückzulegen, 
Krankengeld wurde im Geschäftsjahr 1912 ln Höhe von 
124 766.70 M. auSgezahlt, Ersatz von Unkosten für Arzt 
und Arznei wurde mit ildbl.öS M. gewährt. Ferner 
wurde etner vom Vorstand vorgelegten Statutenänderung 
die Zustimmung erteilt, die dte Erweiterung der Kaflen- 
leistun^en bei erkranktem aber arbütsfähigen Mitgliedern 
bezweckt und die Auszahlung von Sterbeunterstützung vtl 
zu IÖ0 M. — je nach, der versicherten Klaffe und ohne 
Extcabeitrag — gewährleistet. Die BorstandSwahleu er« 
gaben die Wiederwahl deS 1.. Vorsitzenden, Herrn Ehren 
obermeister Hugo Ltnsener, Berlin, und die Wiederwahl 
d»S HandwerkskammervorstandSmitgliedeS Herrn Echvrü- 
steinfegerobermeisterS Köhler, Brandenburg a. H>; neu in 
den Vorstand wurde geryählt. Herr Graveur Carl Potgt, 
Neukölln. Nähere Auskunft wird erteilt im Kassenbüro 
BelleaManctstraße 8. Meldungen werden dortselbst ent- 
grgengenommen. 
o Sin „Friedensfest auf dem Balkan" betitelt 
sich die Veranstaltung, die der „Tennis- und Hockty- 
Klub 99 E. V- Friedenau' au! Anlaß seines 14. Gründungs 
festes auf Freitag, den 14. März, im „GefellschaftShauS 
des Westens", Hauptstraße 30/31, festgesetzt hat. Die 
Einladung zu diesem fröhlichen Fest, an dem sämt 
liche AttachöeS, Friedensdelegierten, KrtegSkorrefpondenten, 
Schlachtenmaler ü. a. teilnehmen, geschieht von Kirkktliffe 
aus durch folgendrs Poem: Alle Türken und Balkanier 
treffen sich im G. d. W., — ES entwickelt sich ein Leben, 
gerade wie vor der Moschee. — Truppen der Tschataldscha- 
ttnie ruhen sich vom Kampfe aus, — BafchibozukS, 
KomitatfchiS geh'n so früh heut nicht nach Hau«. — Die 
EffrndlS tanzen heute, die sonst nur dem Tanz zuschau'n, 
— Wenn die schönen FatmeS tanzen, Sklavinnen und 
Türkenfrau'n, — Wenn der Pascha mit Zuleika sich im 
Walzertakte wiegt — Und der Grieche den Bulgaren um 
Saloniki betrügt. — Enver B-y geht Arm in Arm mit 
den Albanesenfürsten, — Während die Montenegriner 
lechzend vor Skutari dürsten — Und ProchüSka zum 
Krakowiak sich ein Srrbenmädchen winkt, — Derweil in 
London man schon friedlich einen FriedenSmokka trinkt. — 
Aber Haremswächter, die Eunuchen — Sollt Ihr heut 
vergebens suchen — . ... ja Kuchen! — Reisepässe, die 
auch zum Betreten deS Kriegsschauplatzes berechtigen, sind 
bei Herrn Paul Wiencke in Wilmersdorf, Weimarische 
Straße 13, sowie bet den Klubmitgliedern zum Preise von 
1 M. zu haben. 
o Eine große öffentliche Protestversammlung 
aller Gastwirte in Großberlin findet am Mittwoch, dem 
5. März, Nachmittags 4 Uhr, im großen Saale der 
Brauerei Friedrichshain gegen die vom Berliner Magistrat 
beabsichtigte^ Einführung einer Bier- und Lüstbalkettssteürr 
statt. Die einberufenden Verbände und Vereine bezeichnen 
eS als eine Pflicht aller Gastwirte Großberlins, an dieser 
Versammlung teilzunehmen. 
o Die Ausstellung von Tpeisr« und Saat« 
kaetoffeln in Grube'« „Grenzschlößchen", Laubacher- Ecke 
Kreuznacher Straße (gegenüber dem Elektrizitätswerk) ist 
bis Sonntag, kam 9. März, verlängert worden, um allen, 
die bisher noch nicht diese interessante Ausstellung be- 
.sichtigen konnten, hierzu noch die Gelegenheit zu bieten. 
(Bergl. Anzeige.) 
o Sie versuchen es immer wieder! Einen 
schweren UuglückSfall hatte gestern wieder die Unsitte, von 
einem in voller Fahrt bcfindtichen Straßenbahnwagen ab 
zuspringen, in der Schloßstroße zur Folge. Die Arbeiterin 
Emma Hein, die bei der Steglitzer Firma Metz u. Co. in 
der Schloßstraße beschäftigt ist, überfuhr die Haltestelle 
und sprang daher während der Fahrt vom Wagen; sie 
blieb bewußtlos auf dem Damm liegen. Dr. Swoboda, 
der schnellstens zur Stelle war, nahm sich der Verun 
glückten in tatkräftiger Weise an und sorgte für ihre Ileber- 
sührung nach dem Kreiskrankenhause. 
o Dachstuhlbrand. Gestern Abend gegen ^6 Uhr 
kam in dem Hause Bahnhofstr. 3 Eck« Wieland Straße, 
das im Erdgeschoß die Jacob Knoopschen Weinstuben 
(Inh.: Fritz DrogieS) beherbergt, in einer nach drm Hof 
zu gelegenen Mansardenwohnung Feuer au! Die 
Flammen griffen schnell um sich und gefährdeten den 
ganzen Dachstnhl. Der Schöneberger Feuerwehr, die bald 
am Brandort eintraf, gelang eS. da! Feuer auf seinen 
Herd zu beschränken. Eine Stube und auch teilweise die 
Küche der Mansardenwohnung sind von den Flammen 
vernichtet worden. Die Ursache ist unbekannt. Die Frau 
de! Wohnungsinhabers hatte am Nachmittag die Wohnung 
verlaffeu. Der Ofen war, wie auch nachträglich feftgtfleut 
werden konnte, fest verschlossen. Der Mann kam erst nach 
6 Ühr nach Hause; eS war also zur Zeit deS AuSbruchS drS 
Feuers niemand in der Wohnung anwesend. 
o Ei» schwerer Einbruch wurde in der Nacht 
vom Montag zum DtenStag bei dem Schneidermeister 
Carl Nitschke in der Thorwaldsenstraße 12 verübt. Gegen 
2 Uhr ging die große Ladenscheibe in Trümmer. AIS der 
Besitzer und andere Hausbewohner gleich darauf am Tat 
ort.erschienen, fanden sie da! Schaufenster bereits aus 
geräumt vor. Die Diebe hatten die große Spiegelscheibe 
mit zwei großen Mauersteinen eingeworfen und die aus 
gelegten wertvollen Stoffe mitgenommen. Obgleich die 
Verfolgung sofort aufgenommen wurde» entkamen die 
Diebe in der wenig belebten Gegend ziemlich schnell. 
y Selbstmord verübt durch Vergiftung mit Leucht 
gas hat der hier Mofelstr. 11 wohnhafte Schuhmacher 
Tfchirbs. Der 36 jährige Mann war seit vielen Jahren 
an Tuberkulose erkrankt. Obwohl er in Fürsorge war 
und auch von unserer Gemeinde unterstützt wurde, befferte 
sich sein Zustand nicht. Sein schwere! Leiden mag ihn 
denn auch veranlaßt haben, den Tod zu suchen. Trotz 
sofortiger Gegenmaßregeln seitens des herbeigerufenen 
ArzteS und der Sanitäre durch Einflößen von Sauerstoff 
gelang es nicht, den Bedauernswerten tnS Leben zurückzu 
rufen. Sein Leichnam wurde nach der Friedhofskapelle 
gebracht. 
Verems-Dackrickten 
Am Dienstag tagen: 
Vor den Vereinen für Frauenstimmrecht spricht am Dienstag, den 
4. Miro, Abends 8'/, Uhr in den Spichernstlen, Spichernstr. 3, in 
einer öffentlichen Versammlung Miß Eckstein aus Lüashingtou über: 
.Die grauen und der Frieden, Kvlluraufgaben der Gegenwart'. Miß 
Eckstein spricht deutsch. Gäste, Männer und Frauen, sind willkommen. 
Morgen Mittwoch tagen: 
8'/, Uhr. Frtedenauer Verein für Ferienkolonien. Hauptver 
sammlung im oberen Saale des .Hohenzollern". 
Theaterverein ,-kerreS" 1873. Sitzungen jeden Mittwoch 9'/, Uhr 
im VerrinSlokal Paul Eponholz, Steglitz, Körnerstr. 48c. Gäste als 
Mitglieder willkommen. 
Scköneberg 
—o In der gestrigen Sitzung, der Stadtverordneten 
versammlung widmete der stellvertretende Vorsteher 
Molkenbuhr dem oerstorbeninOberbürgermetsterSchustehrus- 
Charlottenburg einen warmen Nachruf. „Der Bersto;bene 
hat bewiesen', so schloß der stellvertretende Vorsteher 
seinen Nachruf, „daß er nicht von kleinlichen Jntereffen 
geleitet war und darum ist auch Schöneberg von der 
Trauer mit berührt. Wie SchustehruS gewirkt hat, ist be 
kannt ünd ich brauch feine Verdienste nicht zu wieder 
holen. Ich bringe aber die aufrichtige Trauer zum Aus 
druck, von der auch Schöneberg betroffen ist." Weiter 
teilte der Stadtoerordnetenvorsteher Molkenbuhr mit, daß 
der Stadtv. Kuznitzkt infolge der vielfachen Angriffe fein 
Mandat niedergelegt habe. Ec bedauerte den Austritt deS 
Stadto. Kuznitzkt aus dem Kollegium und sprach ihm für 
,ferne 15 jährige Tätigkeit den Dank der Stadt Schöneberg 
aus. Zu dem Antrage der Stadtv. Jatzow (ltb. Verringg.) 
ul Gen., Bürgerdeputierte und Kuratoriumkmitglieder, die 
nicht StadtoetorSnete sind, von der Bestimmung auSzu- 
schlnßen, daß den Mitgliedern der städtischen Körper 
schaften Arb'eiten für die Stadt nicht übertragen werden 
^dürfen, erklärt Stadtv. Küter, daß seine Fraktion gegen 
-den Antrag stimmen würde, weil er eine Durchbrechung 
de« Vertrages bedeute, daß Stadtverordneten und Bürger- 
deputierten keine städtischen Arbeiten übertragen werden 
dürfen. Dieser Standpunkt sei berechtigt. Stadtv. 
v. OlszewSki teilte namens der liberalen Fraktion mit, 
daß der Antrag Jatzow beachtenswert fei, daß aber auch 
der Standpunkt der sozialdemokratischen Fraktion berechtigt 
wäre; eS wäre am besten, sich in einem AuSschuffe über 
die Fragen auszusprechen. Die Versammlung beschloß, 
den Antrag einem AuSschuffe zu überweisen. Der Etat 
für die Slraßenreinigung, der Feuerlöschetat, der Gärtnerei- 
etat und der Kapital- und Schuldenetat wurden ohne er- 
hat, wird er ja nicht schwer zu finden sein. Die zwei 
jungen Leute, Herr Robert Brandts mit seinen Bluthunden, 
und Fräulein Nora Bilcon mit ihren Ueberlegungen, 
nehmen uns wahrhaftig die ganze Arbeit aus der Hand. 
Hallo, da kommt noch einer, den sie nicht leiden mag. 
Guten Tag, Herr Brandts. Womit können wir Ihnen 
dienen?" 
Peker Brandis, der Lehrer mit den Augen, die niemand 
gerade ansehen konnten und dem schmutzig roten Haar 
schopf war ins Zimmer getreten, und blickte von einem 
zum andern der beiden Polizeibeamten, wobei die Furcht 
ihm deutlich auf dem niederträchtigen Gesicht geschrieben 
stand. Die Knie zitterten ihm, und er ließ zweimal seinen 
schäbigen Hut fallen, ehe er endlich anfing zu sprechen. 
„Ich bin gekommen, um ein Bekenntnis abzulegen," 
brachte er schließlich heraus. „Ich - — ja, mein lieber 
Herr Black, ich — ich — 
„Großer Got!" rief der Inspektor. „Reden Sie sich 
nicht um Ihren Kopf, wenn Sie es durchaus nicht wollen. 
Man braucht Sie übrigens nur anzusehen, um zu er 
kennen, daß Sie etwas auf dem Gewissen haben. Sie 
wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie der blutdürstige 
Schurke sind, der dem armen Sir William das Lebenslicht 
auszublasen versuchte!" 
„Gott bewahre mich davor," rief der Lehrer und warf 
einen flehenden Blick zum Himmel. „Ich bin so unschuldig 
an dieser gräßlichen Tat, wie ein neugeborenes Kind. Aber 
ich habe Ihnen gestern nicht die ganze Wahrheit gesagt, 
und nachdem die schrecklichen Dinge hier passiert sind, möchte 
ich mir doch diese Schuld von der Seele wälzen." 
«Aha, Doktor Pensold ist also doch im Schulhaus ge 
wesen, trotzdem Sie es gestern so eifrig leugneten?" ries 
der Inspektor. 
„Nein, nein, darüber habe ich Ihnen die reine Wahrheit 
gesagt. Doktor Pensold war nicht in meinem Haus. Aber 
ich hätte Ihnefi erklären können, wieso der Hund in mein 
Studierzimmer kam. Ich hätte cs auch gleich getan, wenn 
ich mich nicht geschämt hätte. Der Tabaksbeutel, den Sie 
dem Hund zu riechen gaben, gehörte nicht Pensold, sondern 
mir. Es ist einer, wie man sie zu Dutzenden kauft, und 
Doktor Pensold besitzt wahrscheinlich einen ähnlichen, den 
Fräulein Bilcon zu erkennen glaubte." 
„Und wie kam Ihr Tabaksbeutel hier in den Park, 
wenn ich fragen darf? Dann müssen Sie doch in der 
Nacht, in der Doktor Pensold verschwand, oder ganz früh 
am Morgen hier gewesen sein?" 
„In der Nacht," gestand der Lehrer und befeuchtete sich 
die trockenen Lippen. „Fragen Sie nicht weiter, ich werde 
Ihnen alles erzählen. Ich bin änmlich von Natur etwas 
neugierig und habe mir dadurch schon manche Unannehm 
lichkeit zugezogen. Außerdem schlafe ich schlecht und pflege 
zuweilen in der Nacht aufzustehen und umherzuwandern. 
So ging es mir auch in der Nacht vom Dienstag zum 
Mittwoch. Als ich keinen Schlaf finden tonnte, erhob ich 
mich, kleidete mich an und inachte einen Gang durch die 
* Stadt. Als ich hier an der Villa vorüberkam, sah ich, daß 
aus einem der Fenster des Erdgeschosses noch Licht schimmerte, 
und ich schlich mich in den Garten, um zu sehen, wer da 
noch so spät auf sei. Als ich durch das Gebüsch auf das 
Haus zuging, erlosch das Licht und gleich darauf erschien 
es wieder, aber diesmal oben in einem der Schlaszimmcr- 
senster. rechts von der Haustür." 
„dasselbe Zimmer, durch welches der Mörder in das Schlaf 
zimmer Sir Williams eindrang." 
„So," fuhr Braudis fort, dessen Verlegenheit etwas 
abgenommen hatte, als er sah, daß cr vielleicbt eine nütz 
liche Auskunft geben könne, „dann steht wahrscheinlich das, 
was ich in jener Nacht bemerkte, mit dem Mordversuch 
im Zusammenhang, vorausgesetzt, daß Doktor Penfolds 
Abwesenheit ebenfalls damit zu tun hat. In dein Augen 
blick nämlich, als das Licht in dem oberen Fenster erschien 
sah ich einen Mann über den Rasen schleichen. Er mußte 
sich augenscheinlich vorher irgendwo verborgen gehalten 
haben, denn er war ganz plötzlich da. Er schlich sich unter 
das Fenster, das halb offen stand, und warf einen kleindn 
Kieselstein gegen die geschlossene Hälfte. Sofort ersänen 
jemand am Fenster, und der Untenstehende warf ein 'zu- 
sammengcfaltetes Papier, das zwischen ein gespaltenes 
Stückchen Holz gesteckt, so geschickt hinauf, daß der andere 
cs gleich beim ersten Mal auffing. Sobald er sich davon 
überzeugt hatte, daß das Schriftstück in die Hände dcs'Oben- 
stehenden gelangt war, eilte er davon und verschwand 
durch das Haupttor auf die Landstraße hinaus. Ich folgte 
ihm in angemessener Entfernung, aber als ich aus dem 
Park hinaustrat, war er verschwunden, als ob die Erde 
ihn verschluckt habe, und auf dem ganzen Wege nach dem 
Schulhaus sah ich keine lebende Seele mehr." 
t 4°^ om Fenster war sthne Zweifel der junge 
Pensold,"sagte der Inspektor. „Das sind ja sehr interessante 
Sachen, dle-vie uns da erzählen. Und nachher haben Sie 
nichts mehr von ihm gesehen?" 
(tzortjetzunss folgt.)
        
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