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Periodical volume Nr. 50, 27.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

betrieb verlief wieder musterhaft und ohne Störung. Vor 
steherin de» Ferienheims war hie Johanniterfchwrster 
Fräulein Marie Köhler. Die Wirtschaft-leitung lag in 
den Länden von Frau voffe-Frtedenau. AIS „Kinder 
tanten" waren tätig: Frl. ElSbeth Söffing, Verltn-Haleosre, 
3 Kurzeiten» Frl. Emmi Arndt. Berlin-Lichterfelde, 2 Kur 
zeiten, Frl. Mari« Schindler, Podelzig, 2 Kurzeiten, Frl. 
Margarete Heller, Berlin 2 Kurzeiten. Die letztgenannte« 
4 Damen verwalteten ihr Amt ohne jede pekuniäre Ent 
schädigung ; ihnen sei deshalb an dieser Stelle der Dank 
de« Verein- ausgesprochen. — Die Pflegeresultate waren 
günstig. Die Durchschnittsgewicht - Zunahme 1,284 kg. 
Ein Kind, da« 2 Kurzeiten hindurch im Ferienheim war, 
nahm ll 1 /» Pfund zu. Der Verein entsandte 3 Kolonien 
nach seinem Ferienheim in Zinnowitz: Die 1. Kolonie 
vom 1.—29. Juni, bestehend au« 25 Mädchen, die 2. 
Kolonie vom 6. Juli—8. Aug. bestehend aus 23 Knaben 
und 13 Mädchen, die 3. Kolonie vom 15. August bis 
12. September bestehend aus 85 Knaben und 1 Mädchen. 
Die Wegekosten wurden getragen: füc 49 Kinder vom 
Bei ein, für 27 Kinder von den Eltern der Kinder, für 17 
Kinder von der hiesigen Armen-Verwaltung, für 2 Kinder 
von Gönnern der Kinder. 2 Kinder waren je zweimal dort, 
weil zwei mal für sie bezahlt wurde. 2 Knaben, für welche die 
Eltern Pflegegeld bezahlt hatten, mußten entloffen werden, 
da sie sich der Hausordnung nicht fügen wollten. Krank 
heiten sind — außer einigen belanglosen Halsentzündungen 
— nicht vorgekommen. Außerdem unterhielt der Verein 
während der Sommrrferten eine Halbkolonie, an der 25 
Kinder teilnahmen. Die Leitung hatte Herr Lehrer Lang« 
übernommen. 
o Ttratzeubahn-Zettmark««. Die Zahl de« ständig 
die Straßenbahn benutzenden und fest abonnierenden 
Publikums wächst durch die Zusammenziehung deS Haupte 
geschästSlebenS auf da- Innere von Berlin immer mehr. 
Bisher war die Beschaffung der Zeitmarken für die „Große 
Berliner" infolge der geringen Zahl von Verkaufsstellen 
und deS zu den Hauptzetten sich dadurch ergebenden 
Andranges stets mehr oder weniger mit Umständen und 
Zeitverlusten verknüpft. Zur Bequemlichkeit ihrer über 
ganz Groß-Berlin verteilten Kundschaft hat die in den 
weitesten Kreisen bekannte Zigarren,Firma Paul Juhl, 
Tabak-Industrie.Ges. m. b. H., Berlin-Pankow-Hamburg 
vorerst in 28 ihrer durch Aushänge kenntlich gemachten 
Filialen den Verkauf von Zritmarken der Großen Berliner 
Straßenbahn A. G. ehrenamtlich übernommen. Der Verkauf 
findet vom 28. jeden Monats bis 3. deS darauffolgenden 
Monat« statt. Die verkauftstelle für Friedenau befindet 
sich in der Filiale der Firma Paul Juhl, Tabak.Industrie- 
Gesellschaft m. b. H., Rhetnstraße Sb. Ohne Zweifel ist 
diek eine nicht hoch genug zu schätzende Annehmlichkeit, 
von der schon heute ausgiebigster Gebrauch gemacht wird. 
Die Firma Paul Juhl bittet uns noch darauf hinzu, 
weisen, daß Marken für Zeitkarten ü 7.70. 10.20, 20,40 
Mark, sowie Marken für Schülerkarten für 3 M. und 
4 M. zu haben find, und daß der zu zahlende Betrag im 
Jaterrffe der schnellen und glatten Abfertigung abgezählt 
bereit gehalten werden mbge. Dir Marken-BetkausSstellru 
sind jedoch nicht befugt, Anträge wegen Aenderung der zu 
abonnierenden Linien, wie alle sonstigen Aufragen entgegen 
zunehmen. 
o Konkursverfahren Ueber den Nachlaß des am 
18. Juli 1612 zu Berlin Steglitz verstorbenen Bankbeamte» 
Eduard Friedrich Waldemar Hugo Dorlle, Thorwaldsen- 
stroße 21 wohnhaft, ist am 20. Februar 1913, Vormittag- 
11 Uhr, da« Konkursverfahren eröffnet. Der Konkurs 
verwalter August Belter in Berlin W 30, Haberlaud, 
straße 3, ist zum Konkursverwalter ernannt. Konkurs- 
fordervngen sind bis zum 5. April 1618 bei dem Gericht 
anzumelden. — In dem Konkursverfahren über da» Ver 
mögen der Firma E. Lepptn u. Co., offene Handelsgesell 
schaft zu Spandau mit Zwetgntedeilaffuug in Berlin, In 
haber Witwe Elise Lepptn, geb. Siegmeyer, zu Berlin- 
Friedenau. Stubenrauchstr. 73, und Architekt Bauer und 
Zimmermeister Wiesner in Berlin, ist zur Abnahme der 
Schlußrechnung de« Verwalter«, sowie zur Anhörung der 
Gläubtgrr über die Erstattung der Auslagen und die Ge 
währung einer Vergütung an die Mitglieder der Gläubiger, 
ausschusses der Schlußtermin auf den 1. April 1913, 
Vormittags 10 Uhr, bestimmt. 
o Der «ohne' fche HilfSvereiu für Krankenpflege 
ans den Miss «Stationen veranstaltet einen BortragS- 
Abrnd am Sonntag, dem 2. März, Abend» 1 / S s Uhr, im 
großen Saale de» Gemeindehauses zu Friedenau, Kaiser- 
Allee 7611. Bortrag de« Herrn Marinestabiarzt a. D.. 
Speziylarzt Dr. Landgraff: „Christliche Krankenpflege im 
Dienst der Mission". Ltchtbtldervortrag de« Herrn Miss.- 
Inspektor Zernick: „Jadiev. Land und Leute" (Kronprinzen- 
Reise). Ansprache de« Schriftführers, Herrn Pfarrer Kleine. 
Eintrittsgeld wird nicht erhoben. 
o Die Hanptversammlnng des Friedenauer 
Vereins für Ferienkolonie» (S. B.) findet am Mitt- 
woch, dem 3. März. 8'/, Uhr Abend« im oberen Saale 
de« „Hohenzollern" statt. Die Tagesordnung lautet: 
Mitteilungen. Geschäftsbericht de» Vorsitzenden. Kaffen- 
bericht. Bericht über den Pflegebetrieb 1912. Beschlnß- 
faffung über den diesjährigen Pflegebetrieb. Ablösung der 
Hypothek und eo. Verkauf der 5000 M. Westfäl.-Prov.- 
Anleihe. Wahlen nach Maßgabe der Satzungen. Verschiedene». 
o Von der i« Domchorkonzert des Friedenauer 
ParochialverrinS am 28. Februar mitwirkenden Violinistin 
Frau Fordan-Elger«, der Gattin deS bekannten Bioltn- 
meisterS Elger«, lasen wir in allen Kritiken nur rühmen»- 
wertes. Vor allem wild die sicher« Technik, der schöne 
Ton und die warme Empfindung hervorgehoben, die den 
Vortrag der Künstlerin durchweg auszeichnete. Wie wir 
hören, find noch einige EintrittSkarlen zu dem Konzert in 
den Papierhandlungen von Eber», Rhrinstr. 15 und Koffa- 
kowSki, Echmargendorferstr. 35, zu haben. Sn der Abend 
kaffe werden auch, soweit der Raum eS zuläßt, Karten für 
Stehplätze zu 50 Pf. sowie auch für Schulen numerierte 
Sitzplätze zu halben Preisen ausgegeben. 
o „Wandervogel". Am 81. Januar hielt der 
„Wandervogel" E. B. für Jugeudwandern, der fett Jahren 
an den hiesigen Lehranstalten tätig ist, im Schloßpark zu 
Steglitz feine Jahresversammlung ab. Die Berichte der 
einzelnen Vorstandsmitglieder gaben ein erfreuliche« Bild 
über die Tätigkeit de» Vereins im letzten Jahre. Der 
bisherige Vorstand, bestehend aus den Herren Prof. 
Sohnrry als Vorsitzender und Herrn von Pustau als 
Schatzmeister wurde einstimmig wiedergewählt. Dem 
Vorstand steht zur Seite der Betrat, der sich aut den 
Herren Oberlehrern Dr. Brinkmann (2. Vorsitzender), 
Prof. Dr. Albrecht, Prof. Dr. Kampfmryrr, Dtpl.Jng. 
Thiede, sind med. Schottky. Frau Clara Hacker und 
Fräulein Mancke zufammenf.tzt. Auskunft über alle An 
gelegenheiten der Knabengruppen erteilt stad. med. 
Schottky, Steglitz, Fichtestraße 12a, der Mädchengruppen 
Frau Cl. Hacker. Steglitz, Fichtestraße 55a. Sonstig, 
Anfragen und Mitteilungen sind, soweit sie nicht An 
gelegenheiten betreffen, die Herrn von Pustau unterstehen, 
an den 2. Vorsitzenden, Steglitz, Albrrchtstraße 32, zu 
richten. Für den an Wilmersdorf grruzendru Teil unserer 
Gemeinde ist der Geheime Hofrat Arthur Vogel. Weimarische 
Straße 1 (veamtenwohnhauk) gern zur Auskunft in 
Wandervogelangelegrnheiten bereit. 
o Der Einzug des dänischen König-paare» 
wird heute Abend tn den Pfalzburg-Luhtspieleu", Kaiser- 
allee 75. Ecke Bachrstraße vorgeführt. Außerdem werden 
in diesem intimen Lichtspieltheater noch eine Reihe anderer 
interessanter Film« gezeigt. Wir empfehlen unseren Mit 
bürgern wiederholt den Besuch in den „Pfalzburg-Lichtspielen/ 
oDie Kartoffel«AnSstellung bet Herrn Restaurateur 
Grube „Zum Grenzschlößchen". Laubacher- Ecke Kreuz- 
nacherstraße, findet beim Friedenauer Publikum große« 
Jatereffe. SS sind aber auch ganz kolossale Stücke, die 
dort ausgestellt sind; die schwerste Kartoffel wiegt fast 
3 Pfund. Diese eine Kartoffel genügt also schon zu einer 
Mahlzeit für eine starke Familie. Die Ausstellung dauert 
noch bis Sonntag Abend. Wir empfehlen allen, die diese 
Ausstellung noch nicht gesehen haben, sie zu besuchen. 
o Flüchtig geworden ist nach Beruntrruungrn in 
Höhe von mehr al« 300 000 M. der 35 Jahre alte, au« 
Falkenberg tn der Mark gebürtige Direktor Paul Richard 
Lindner au« der vrymelstraße 19 zu Steglitz. Lindu« 
war zuletzt Generaldirektor der früheren LandoerwertuugS- 
gesellschaft und jetzigen Land- und Jadustriebank tn der 
Burgstraße 28. Durch falsche Buchungen setzt« er sich i« 
Laufe der Zeit in den Besitz von mehr al« 800000 M. 
SlS feine Veruntreuungen entdeckt wurden, verschwand er 
plötzlich au« seiner Wohnung. Seine Familie, seine Frau 
mit sechs Ktudern im Atter von zwei bis zwölf Jadren, 
ließ er zurück. Jetzt sucht ihn die Kriminalpolizei. Rach 
sicheren Anzeichen hat er die Reise nach Amerika angetreten. 
Krankenkasse, ohne Rücksicht ob sie angemeldet sind oder nicht, oder 
gehören nicht dazu, dann unterliegen sie überhaupt keiner Ver- 
si-dcrungspflicht und muffen die durch Erkrankung eutstihendcu Koste« 
selbst tragen. Unterltßt der Haurbcsitzer aber die Anmeldung, so 
läuft er Gefahr, daß. wrnn sich hinterher die Bersicherungipsticht doch 
herausstellt, er alle »ufwenduugen der Krankenkasse dieser zu erstatten 
hat (§ 50 KrankenveisichemugSgesetz). Dagegen ist er eben geschützt, 
wenn er seinen Portier zur Anmeldung bringt uud abgewiesen wird, 
da ihm hier eine vorsätzliche oder fahrltsfige Unterlassung seiner An 
meldepflicht nicht zum Borwurf gemach» «erden kann. DaS Reich!- 
verficherungsamt hat mit der Krankenverficherung zur Zeit noch gar- 
nicht- zu tun, vielmehr werden Streitigkeiten gemäß § 58 deS Gesetzes 
durch die Aufsichtsbehörden, d. h. also Landrat und bei Stadtkreisen 
wie Schöneberg durch den Magistrat enischieden. (Beschwerde an den 
Regierungspräsidenten, »eitere Beschwerden an den Oberpräsidenten). 
Die Entscheidung der »uffich!Sbehörde kann d inn noch binnen vier 
Wochen miite!S Klage im ordentlichen Rechtswege oder im B-r- 
waltungSstreitverfahren je nach lavdcSgesetzlicher Bestimmung anze- 
fcchien werden. Jedoa, wird in all-n diesen gälten niemals 
«ine generelle Entscheidung getroffen, sondern eS wird vielmehr nur 
ein Einzelfall eutschieden. Will also der Hausbesitzer grundlegende 
Entscheidungen herbeiführen, jo müßte er die verschiedenen Fälle heraus 
greifen uud bis zur letzten J-stanz durchfechten. Da sich aber die 
Rechtslage mit dem 1. Januar 1914 ohnehin ändert, erscheint dieses 
zwecklos. 
o Der Priuz-Heiurich.Wettflug der Eüdwest- 
gruppe wird am 10. bis. 17. Mat, der Rundflug um 
Berlin am 30 und 31. August (event. 6. und 7. September) 
und die Herbst Flugwoche in Johannisthal vom 28. Sep 
tember bis 5. Oktober d. I«. stattfinden. 
o Der Friedenauer Verein für Ferienkolonie« 
(E. V. u. M. St.) hält am 6. März seine Hauptver 
sammlung ab. Dem Geschäftsbericht 1912 entnehmen wir 
folgende«: Im Geschäftsjahre 1912 zeigte der Verein 
wieder da« Bild einer rührigen Weiterentwicklung. Der 
Vorstand hielt 23 Sitzungen ab. Seinen Bemühungen ist 
e« gelungen, für den Verein die Rechte einer „milden 
Stiftung" zu erwerben, die ihm durch Verfügung der zu 
ständigen Minister unterm 24. Juni 1912 zuerkannt 
wurden. Besondere Fürsorge wurde der äußern und 
inneren Ausstattung de« Ferienheims gewidmet. Am 1. 
und 2. September stattete der Vorstand dem Heim einen 
Besuch ab und unterzog eS tn allen seinen Teilen einer 
sehr eingehenden, gründlichen Revision. Er fand alle« zu 
s tner vollen Zufriedenheit und bekam von dem Leben und 
Treiben im Helm, von dem ungezwungenen, ja herzlichen 
Berkehr der „Ktndertanten" mit den Fertenkolonisten den 
besten Eindruck; er schied mit dem Bewußtsein, daß dort 
für unsere Kinder in vorzüglicher Weise für Körper und 
Gemüt gesorgt ist. DaS Heim macht durch sein gefällige« 
Aeußerr, seine wohlgepfleaten gärtnerischen'Anlagen und 
durch die Sauberkeit und Ordnung in seinem Innern auf 
jeden Besucher einen angenehmen Eindruck. Da« Inventar 
ist um 15 klomplette Bettstellen, 2 Kleiderschränke und 
verschiedene HauSgeräte vermehrt worden, so daß die Aus 
stattung fitzt für Ferienkolonien von 40 Kindern aus 
reichend ist. Di« Mitglied« zahl betrug Ende 1911 628, 
die Abgänge durch Tod, Verzug und Art ritt 47. Ende 
1912 zählte der Verein 642 Mitglieder, so daß die Mit 
glied-rzahl trotz der Abgänge im Jahre 1612 
wieder gestiegen ist. — Nach dem Kaflrbertcht b-t'vg 
der Bestand ,am Schluffe deS Jahre« 1911 479,71 
Mark, hierzu die Einnahme deS Jahre« 1612 12 849.24 
Mark, zusammen 13 328,95 M., hiervon ab die 
Ausgabe im Jahr- 1912 10 501.84 M., bleibt Bestand 
2827.11 M. Außerdem besitzt der Berein: Rom. 5000 M. 
31/g % westfälische Provinz Anleihe und 2000 M. Pot», 
damer Kreditbank-Aktien. Auf dem Ferienheim in 
Zinnowitz lastet «ine Hypotheksoon 18 000 M., Gläubigerin 
ist die Sächsische Bodrnkredttanstalt. Frau Generalarzt 
Klara Taubner — verstorben am 31. März 1912 zu 
Chorlottenburg, Klriststr. 15 — hat dem Verein eine Erb 
schaft von 10 000 M. hinterlassen. Nach Eingang der be 
antragten landesherrlichen Genehmigung zur Annahme der 
Ebschaft, beabsichtigt der Vorstand mit Hilie der zur Ver 
fügung stehenden Mittel die auf dem Ferienheim ruhende 
Hypothek auSzuzahlrn. In den Einnahmen befinden sich 
u. a. 1750,50 M. Mitgltederbeiträge, 2712,44 M. Ein- 
«ahme am Blumeutag, 803,25 M. Konzert am 2. No 
vember 1912, 381,45 M. Hau-kollekte, 2000 M. von der 
Gemeinde, 1005 M. von der Armenverwaltung, 
1646,50 M. Einnahme aus der 2 (bezahlten) Kürzest, 
600 M. aus der Sachs-Stiftung; dte übrigen Beträge sind 
v-rfchiedene Stiftungen. In den Ausgaben sind größere 
Summen, Anlage brr Portierwohnung im Erdgeschoß 
1445 M, Jnventaroermehrung 2019.14 M., Pflegegrld 
einlchl. Gehalt, Löhne usw. 4522,77 M. Der Pflege- 
„Deine Herstellung war allerdings etwas plötzlich," 
erwiderte sie. 
Ein eigentümlicher, harter Ausdruck kam in Scharnocks 
Augen. Dann sagte er mit kühlem Lächeln: „Ich sehe, du 
hast an meiner Krankheit gezweifelt, nun, das macht meine 
Aufgabe um so leichter. Ich bin hierhergekommen, um dir 
gegenüber offen zu sein, und deshalb will ich dir auch ruhig 
zugestehen, daß der Krankenstuhl nur eine Täuschung war, 
die sich zu gewissen Zwecken als nötig erwies. Da du dir 
ähnliches schon vorher gedacht hast, so bedarf es meinerseits 
keiner langen Erklärungen mehr. Ich bin in viele An 
gelegenheiten verwickelt, liebe Olioia, von denen du nichts 
weißt, und von denen du auch nie zu erfahren brauchst, 
wenn du mir antworten willst, wie ich es wünsche." 
Die Frage, die er zu stellen gedachte, war deutlich in 
des Mannes Zügen zu lesen, wenn er sie auch nicht in 
Worten ausgesprochen hatte. Mit eisigen Fingern griff 
die Angst an das Herz des Mädchens. Sie versuchte Zeit 
zu gewinnen und stammelte; „Du hast mich ja noch nichts 
gefragt." 
„Nun, ich werde jetzt fragen," erwiderte er, und erhob 
sich von seinem Stuhl. Hochaufgerichtet stand er in seiner 
ganzen schlanken Größe vor ihr, ein ganz verschiedenes 
Bild von dem zusammengesunkenen Kranken im Rollstuhl, 
der bei den Londoner Wohltätigkeitsveranstaltungen eine 
so bekannte und gern gesehene Persönlichkeit war. „Wir 
verlassen dieses alte Schloß in wenigen Stunden, und was 
ich dich fragen wollte, Olioia, ist das: „Wirst du mit uns 
kommen?" 
Einen Augenblick setzte die Frage sie in Verwunderung 
und Verlegenheit. Sie rief ihr ihre Abhängigkeit von den 
sonderbaren Verwandten in Erinnerung, mit denen sie i 
zusammengewohnt hatte, solange sie denken konyte^und 1 
denen sie Obdach und tägliches Brot verdankte. Selbst 
nach ihrer Unterredung mit Julius hatte sie sich nicht 
ganz klar gemacht, daß, was auch die Zukunft bringen 
mochte, ein Weiterführen des alten Lebens unmöglich ge 
worden war. 
„Wohin sollte ich sonst gehen?" murmelte sie unent 
schlossen. 
„Allerdings, wohin?" bestätigte Scharnock, der ihre 
Unentschlossenheit für Schwäche hielt. „Aber, Olioia, eins 
will ich dir sagen, wenn du mit uns kommst, so geschieht 
es nur als meine zukünftige Frau. Es ist die unabweis 
bare Bedingung, unter der meine Mutter dich mitnimmt. 
Ehe du dich entschließt, muß ich dir noch weiter sagen, 
daß Furchtbares dich erwartet, wenn wir dich hier zurück 
lassen. Man wird dir ein Verbrechen zuschreiben, an dem 
du nicht den geringsten Anteil hast. Aber niemand wird 
dir glauben, kein Leugnen wird dir helfen, denn alle Tat 
sachen deuten darauf hin, daß das Verbrechen dir zur 
Lost fällt oder daß du wenigstens hervorragend daran 
beteiligt bist." 
Olivia faß wie versteinert, der einzige klare Gedanke, 
der ihr blieb, war der, was IuUue, der dort hinter der 
Wand lauschte, wohl von diesem gefühllosen Heiratsantrag 
halten mochte, in dem kein Wort von Liebe vorkam. Sie 
hatte sich schon lange unter Franz Schornocks heißen Blicken 
beunruhigt gefühlt, aber sie hatte nie geahnt, daß er die 
Absicht hatte, sie zur Frau zu begehren. Zu jeder Zeit 
hätte sie auf diesen Antrag mit einer glatten Weigerung ge 
antwortet, aber heute, wo alle ihre schlimmen Ahnungen 
sich bestätigt hatten, empfand sie ihn als Beleidigung. Und 
dennoch, hatte sie das Recht, sich beleidigt zu fühlen ? Ent 
stammte sie nicht derselben Familie wie er? 
Allmählich wich der ohnmächtige Zorn der sie einfüllte. 
und machte klareren Gedanken Platz. Und da kam es 
plötzlich wie eine Eingebung über sie. Dieser Vorschlag 
Scharnocks gab ihr das Mittel in die Hand, Julius zu 
befreien. Sobald die Bande das Schloß verlassen hatte 
und sie allein hier zurückblieb, gab es nichts leichteres. 
Und selbst wenn sie diese Idee nicht gehabt hätte, hätte 
sie sich nie entschließen können, Franz Scharnock «ine 
andere Antwort zu geben. Nur eins konnte sie nicht ver 
stehen, nämlich, daß ihr Vetter offenbar die Tatsache über 
sehen hatte, daß Jutius, wenn es ihm gelungen war, 
seinen Verfolgern zu entgehen, in der Lage sein würde, 
sie gegen die geheimnisvolle Antlage zu schützen, mit der 
Scharnock ihr drohte, und ihre Unschuld zu beweisen. 
„Du bringst deine Werbung in so kühlen Worten vor, 
daß ich wirklich daran zweifeln muß, ob es dir ernst 
danüt ist." sagte sie endlich mit einem nervösen Lachen. 
„Im Gegenteil, es ist mein höchster Wunsch," sagte 
Scharnock eifrig. „Ich wollte mich nur nicht vor dir er 
niedrigen und von dir erbitten, wovon ich annahm, daß 
du es mir verweigern würdest. Aber es bedarf wohl keiner 
Worte, um dich zu überzeugen, daß ich schon lange dein 
glühendster Verehrer gewesen bin. Wenn dich also weiter 
nichts abhält * 
„0, bitte, es lag nur nichts ferner, ois falsche Hoffnungen 
in dir erwecken zu wollen," beeilte sich Olivia ihn zu 
unterbrechen. „Ich habe dich niemals im Licht eines Lieb 
habers betrachtet, und ich könnte cs auch niemals. Nach 
deinem Geständnis und bei dem Geheimnis, das dich und 
meine Tante umgibt, könnte ich überhaupt nicht mehr mit 
euch zusammenleben, auch nicht unter den alten Bedingungen. 
Ich weide Hierbleiben, meine Unschuld muß ja an den 
Tag /omnien, ich fürchte mich nicht." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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