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Periodical volume Nr. 5, 06.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

gesetzte Beschrieben von Vereinigungen und Angehörigen 
der handeltreibenden und gewerblichen Mittelstände» ver 
anlaßt haben. ES heißt darin unter andermr „Er liegt 
mir fern, durch ein Verbot deS gemeinsamen Warenbezug» 
oder der Beteiligung an Konsumvereinen» die auf dem 
Boden deS GesttzeS lediglich prioatwirtschaftliche Zwecke 
verfolgen, in da» perfönliche Selbstbestimmung-recht der 
Beamten einzugreifen. Wenn auch vom allgemeinen 
volkswirtschaftlichen Standpunkt au» manche» dafür spricht, 
daß die Bediensteten der StaatSeisenbahnverwaltung ihre 
Waren möglichst durch Vermittlung des Klein- und Zwischen 
handels beziehen,' so muß doch ihrer freien Entscheidung 
überlassen bleiben, in welcher Weise ihnen - die Deckung 
ihrer wirtschaftlichen Bedürfniffe am zweckmäßigsten erscheint, 
vorausgesetzt daß dies in einer für Beamte angemessenen 
Form geschieht." Die Uebernahme von Aemtern im Vor 
stand und AufstchtSrat der Konsumvereine durch StaatS- 
bahnbeamte soll in allen Fällen von der Genehmigung 
der Eisenbahndirektion abhängig sein. Diese könne erteilt 
werden: wenn für 'den Konsumvereins ein unabweisbares 
Bedürfnis besteht, wenn Vereine mit eigenen produktiv- 
genossenschaftlichen Betrieben von der ihnen gesetzlich zu- 
stehenden Ermächtigung, die Erzeugnisse auch an Nicht- 
Mitglieder abzugeben, keinen Gebrauch machen und wenn die 
dienstliche Tätigkeit der Beamten nicht darunter leidet. 
Der Erlaß gibt sodann eingehend die Voraussetzung an, 
unter denen die Gründung einer Konsumvereinr anzuer 
kennen ist oder nicht und in welcher Weise ein gemein 
samer Warenbezug stattfinden darf. 
o Vom Güterverkehr. Von der Potsdamer 
Handelskammer, Sitz Berlin, wird uns folgendes mitge 
teilt: In den Monaten Februar und März pflegt all 
jährlich ein gesteigerter Güterverkehr einzutreten, der be 
sonders die bedeckten Güterwagen stark in Anspruch nimmt. 
In der Hauptsache kommen Düngemittel und landwirt- 
schaftliche Erzeugnisse in Frage. Da die Wirtschaftslage 
anhaltend günstig ist, rechnet die Eisenbahnverwaltung für 
die Monate Februar und März 1913 mit sehr starken An 
forderungen an bedeckten Wagen. Damit diesen An 
forderungen möglichst rechtzeitig entsprochen werden kann, 
erscheint eS dringend erwünscht, daß mit dem Bezug der 
Massensendungen für daS Frühjahr frühzeitig, d. h. schon 
im Januar begonnen wird. Durch volle Ausnutzung deS 
Ladegewichts der Güterwagen würde die BedarfSzahl an 
Wagen wesentlich eingeschränkt werden können; ferner 
würde die schleunigste Be- und Entladung der Wagen den 
Wagenumlauf verbessern. Die Verkehrtreibenden werden 
daher zum eigenen Vorteil und zum Vorteil der Gesamt- 
heit dringend gebeten, sich dem frühzeitigen Bezug ihres 
Frühjahrsbedarfs angelegen sein zu lassen, daS Ladegewicht 
der Wagen auszunutzen und die Wagen möglichst schnell 
zu behandeln. Hierbei wird noch besonders darauf hinge 
wiesen, daß bei Ausnutzung der Ladegewichts der Güter 
wagen von 15 und mehr Tonnen Ladegewicht ein Fracht- 
nachlaß gewährt wird. 
o Im Haudelsttgister gelöscht wurde die Firma 
Ernst Orto, Baugeschäst in Berltn-Frtedenau. 
o Der Ortsausschuß für die Natioualflug- 
spende (Vorsitzender: Bürgermeister Walger) lädt zu einem 
Lichtbilderoortrage am 21. Januar, AbendS 8Uhr nach 
der Aula deS ReformrealgymnasiumS ein. Luftfchisser- 
Hauptmann a. D. Dr. A. Hildebrandt spricht über .Die 
Notwendigkeit einer starken Luftflotte von Luftschiffen und 
Flugzeugen." Die Eintrittspreise betragen 2 M., 1 M., 
50 Pf. für numerierte Sitzplätze und 30 Pf. für numerierte 
Stehplätze. 
o Die Vereinigung selbständiger Schneider 
meister von Friedenau und angrenzenden OrtSteilen feiert 
ihr 10. Stiftungsfest am Dienstag, dem 10. Februar, 
abends Uhr im Kaiser-Wilhelm-Garten. Näheres 
wird noch bekannt gegeben. 
o Oeffeutliche Wählerversammlung. Die Fort 
schrittliche Volkspartei und die Nationalliberale Partei 
gehen bei der Landtagsersatzwahl in unserem Wahlkreise 
Teltow—Wilmersdorf—BeeSkow—Storkow ebenso Hand 
in Hand wie bei der letzten NeichStagswahl. Mittwoch, 
den 8. Januar 1913 wird sich der nach den getroffenen 
Vereinbarungen von der Fortschrittlichen DolkSpartei auf 
gestellte und von der Nationalliberalen Partei unterstützte 
Kandidat Herr Pfarrer Traub - Dortmund im Kaiser- 
Wilhelmgarten, Friedenau, Rheinstr. 65 den Wählern vor 
stellen. Beginn der Versammlung: 8 l / 2 Uhr pünktlich. 
Jedermann ist willkommen! Etnberufer der Versammlung 
sind der Verein der Fortschrittlichen BolkSpartei für Friedenau 
und Umgegrnd. der Nationalliberale OrtSverein für Friedenau, 
der Liberale Verein für Schöneberg und der Hansabund 
für Gewerbe, Handel und Industrie, Ortsgruppe Friedenau. 
Voraursichtlich ist in der Versammlung auch eine Ansprache 
des fortschrittlichen Reichstag-abgeordneten, Klempnermeister 
Bartschat au» Königsberg i. Pr. zu erwarten. 
o Ttenographeuvereiu Ttolze-Schrcy zu Frie 
denau. Der in der gut besuchten Hauptversammlung am 
Freitag gewählte Vorstand setzt sich folgenderweise zu 
sammen: Herr stuä. theol. Frirdr. LucaS, Echmargen- 
dorferstr. 21, 1. Vorsitzender; Herr Lehrer Lüdtke, WieS- 
badenerstr. 11, 2. Vorsitzender; Fräulein Frieda Kalkbrenner, 
1. Schriftführer; Herr G. Perniß, 2. Schriftführer; Herr 
Ernst Müller. 1. Kassenwart; Fräulein Dori» Wichert, 
2. Kassenwart; Herr Bruno Radtke 1. Bücherwart; Fräulein 
Gertrud Miermeister 2. Bücherwart, Fräulein Regina 
Rothgirßer, Beisitzer. Geschäfts- und Kassenbericht wurden 
genehmigt, fünf neue Mitglieder aufgenommen. Der Verein 
hält auch weiter feine UebungSstunden jeden Dienstag von 
8 x / 2 bis 10 Uhr im Restaurant Hohenzollern, Handjery- 
straße 64 ab. Beitritt»er!lärungen und Anmeldungen für 
Anfängerunterricht sind zu richten an die beiden Vorsitzenden. 
o Deutscher Flottenverein (Ortsgruppe Berlin- 
Friedenau). Am Montag, dem 13. Januar, abends 8V 2 
Uhr spricht im Feslsaale? in der Homuthstraße Se. Exzell. 
Herr Generalleutnant z. D. von Wrochem über die Frage: 
„Sind wir für den nächsten Krieg gerüstet?" Die stimm- 
berechtigten Mitglieder der Ortsgruppe werden außerdem 
zu der am Montag, 20. Januar, abends 8*/ 2 Uhr im 
Kaiser Wilhelm-Garten, Rheinstraße 65 I, staufindenden 
Generalversammlung eingeladen. 
o Dr. Paul Ertcl hält in der Akademie für Musik 
John Petersen einen Zyklus von 10 Vorträgen, in denen 
er Tristan und Isolde, Meistersinger, den Nibelungen-Ring 
und Parstsal von Rich. Wagner mit musikalischen Er- 
läuterungen bespricht. Billets für alle 10 Vorträge 5 M. 
sind in der Musikalienhandlung von Schwarz, Rheinstr. 60 
zu haben. 
o Ev. Bund (Zweigverein Schöneberg-Fciedenau- 
Steglitz). Eine öffentliche evangel. Versammlung findet 
am Mittwoch, den 8. Januar im großen Saal der Schloß- 
brauerei, Hauplstr. 121, statt. Beginn abends 8Uhr 
pünktlich. Eintritt frei. Eröffnung und Ansprache durch 
den 1. Vorsitzenden Herrn Oberstleutnant a. D. Bauer. 
Vortrag Seiner Exzellenz deS Herrn Generalleutnant z. D. 
E. v. Liebert-Berltn, Mitglied deS Reichstages: „Deutsch 
tum oder Weltbürgertum?" Vortrag de» Generalsekretärs 
de» Evangelischen BundcS Herrn Zimmerli-Berlin: Deutsch- 
evangelische Not unserer Zeit, der Evangelische Bund eine 
Notwendigkeit." Schlußwort Herr Pfarrer Rodatz von 
Apostel-PauluS-Schöneberg. 
o Im Lauterplatz-Kasino begann gestern daS 
große Preiskegeln, dessen Fortsetzung und Schluß am 
Sonntag, dem 12. Januar stattfindet. Die Betriliguag ist 
eine recht rege gewesen. Viele unserer Friedenauer Kegler- 
größen waren zu sehen. Der augenblickliche Stand ist 
jedoch nicht als besonders hoch^anzusehrn und cS steht zu er 
warten, daß am kommenden Sonntag noch mancher heraus 
zuholen ist. Die Verteilung der Preise findet am Montag, 
dem 13. Januar, abends statt. Im TageSrestaurant findet 
von 5 Uhr ab ein vorzügliches Künstlerkonzert statt. Für 
eine ausgezeichnete Küche sowie beste Getränke ist eben 
falls Sorge getragen. Also alle Kegler am Sonntag auf 
nach dem Lauterplatz-Kostno. 
o DaS Gute bricht sich Vahu. Die .Hohen 
zollern - Lichtspiele" in der Handjerystraße 64 waren 
an den letzten Abenden von einem auSerwählten Publikum 
besucht, daS sich in dem vornehm ausgestatteten Etablissement 
recht wohl zu fühlen schien. Die rührige Direktion gibt 
sich alle erdenkliche Mühe, auch den verwöhntesten 
Ansprüchen zu genügen. Was wir sahen, war erstklassig. 
Tadellose Bilder in abwechslungsreicher Folge, musikalisch 
von einer vorzüglichen Künstlerkapelle illustriert, kommen 
mit zweifachem Programmwcchsel in der Woche allabendlich 
zur Vorsllhrung. Trctz erheblicher Unkosten sind die 
Eintrittspreise auf das normale Maß festgesetzt worden. 
Mit Genugtuung kann bemerkt werden, daß alle albernen 
Harlekinaden und obskönen Bilder grundsätzlich ausge 
schaltet sind, sodaß daS Programm dem vornehmen 
Charakter des eleganten Hauses entspricht. Da» bessere 
Publikum Friedenaus braucht nicht mehr nach Berlin zu 
fahren, um ein erstklassiges Kino zu besuchen. — DaS 
von morgen (Dienstag) zu» Vorführung gelangende neue 
Programm bringt alS Hauptschlager daS moderne vchau- 
spirl .Wiedergefunden", ein stimmungsvolles Drama in 
2 Akten. „Mut einer Telegraphistin" ist ein amerikanischer 
Lebenrbtld und „Der Amerikaner" eine Sensation aur 
dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. In einer 
farbenprächtigen Naturaufnahme wird der Fluß Clyote in 
Schottland gezeigt. Das wissenschaftliche Gebiet vertritt 
der Film .Asbestgewinnung in Amerika". Von den 
lustigen Schlagern fei die entzückende Komödie „Die feind- 
lichen Nachbarn" erwähnt. Neuestes aus aller Welt schließt 
dann der Spezialbericht der Hohenzollern-Lichlspiele in 
sich. Also wiederum ein Programm, daS für ein ge 
bildetes, bessere» Publikum bestimmt ist. 
o Der Trompeter von Säkkiugcn gab in der 
vergangenen Nacht ein Gastspiel in Friedenau. Morgenr 
gegen 4 Uhr wurden die Anwohner der Jllstraße durch 
Trompetenlöne aus dem Schlafe geweckt. .Behüt dich 
Gott" klang cs durch die Nacht und alle verliebten Jung 
fräulein rieben sich verwundert die Augen ob deS lieblichen 
Liebesliedes. Wir konnten allerdings nicht feststellen, ob 
die Liebesktänge einem holden Wesen galten. Jedenfalls 
waren viele Bewohner nicht sonderlich erbaut von dieser 
nächtlichen Ruhestörung und eS spricht auch nicht für eine 
gute polizeiliche Aussicht während der Nacht, daß der 
Trompeter daS Lied ungestört zu Ende blasen konnte. 
o „Mir kaun nichts gestohlen werden", sagte 
am Sonnabend eine Frau zur Flurnochbarin, die sie warnte, 
als jene zum Markte ging und ein gut gefülltes Poltemonaie 
irr die äußere Kleidertasche steckte. Leider hatte sich die 
so diebessichere Dame aber geirrt, denn es wurde etwas 
gestohlen, nämlich das Portemonaie mit Inhalt von einigen 
zwanzig Mark. DaS gleiche Unglück traf eine andere Frau, 
welcher gleichfalls das Markteinkaussgeld aus der Tasche 
entwendet wurde, während sie an einer FleischeroerkaufS- 
bude stand. In diesem Falle war die Brute für den 
Dieb bezw. die Diebin «twar geringer. 
o Freiwillig aus dem Leben geschieden ist der 
21 Jahre alte Schauspieler BrunoGutschow aus der Branden 
burgischen Straße 82 in Wilmersdorf. Gr wohnte bei 
seiner Mutter, hatte das Glaserhandwerk erlernt, fühlte 
sich aber mächtig zum Theater hingezogen. Er trat auch 
in kteinen Rollen öffentlich auf, geriet dann in leichtlebige 
Gesellschaft, wo er mehr Geld ausgab, als er befaß, dt 
unterschlug mehrmals größere Beträge, die er zur Bezahlung 
von Rechnungen von seiner Mutter erhalten hatte. Reue 
voll kehrte er zu seinem Handwerk zurück, daS ihm aber 
zu wenig zusagte, um zufrieden zu sein. DaS Bohöme- 
leben beim Theater hatte ihm beffer gefallen und den 
Traum vom KUnstlerruhm konnte er nicht vergrffen. Miß 
mutig ging er in den Keller, öffaete einen GaShahn, um 
zu sterben. Als man ihn auffand, war ec bereit« tot. 
Das Truggold des TheaterlebenS hatte ein blühendes 
Menschenleben vernichtet. 
o Wcihnachtöbaumbrand. Am Sonntag, abends 
gegen 6 Uhr hat Rubensstraße 15 ein brennender Weihnacht-- 
bäum eine Wohnung im Gartenhaus in Brand gesetzt. 
Die schnell herbeigeeilte Feuerwehr brauchte nicht mehr in 
Tätigkeit zu treten. 
Uereins-ULchrichterr. 
Heute DienStag tagen: 
Evangelischer Skbcilerocreiii für Friedenau und Umgegrnd. AbendS 
8 1 /, Übt im oberen Saale des Kaiser-Wilhelm-Garten, Rheinstr. 65. 
Herr Referendar Krug berichtet vom Brandenburgischen Provinzial- 
verbandttage tn Berlin; Abrechnung vom WeihnachtLfest; BerschiedeneS. 
HLndlerverein der NahrungLmUtrtbravche Friedenau. General 
versammlung Mittwoch, dem 8. Januar 1913, AbendS 9 Uhr im 
.Kaiser-Wilhnngarten", Rheinstr. 65. Jahresbericht. Kassenbericht. 
Wahl deS Gesamtvorstandes. Beteiligung der Detailisten am ReichS» 
Petroleummonopol. Regelung deS Gesamt Einkaufs. HLadler der 
SiahriingSmittelbrauche als GLste willkommen. 
Charlottenburger Touristeu-Ktub „MLrkische Föhre." SmEonnlag, 
dem 12. Januar 1913 unternimmt die Lchrlingsableiluug deS KlnbS 
ihre 27. Wanderfahrt nach: Erkner, WvtterLdorKr Schleuse, RüderS- 
dorfer Kalkberge, Fredersdorf. Versammlung 3 / 4 8 Uhr Bhf. Char- 
lollenkurg lHauP-portal). Abfahrt 8.10 Uhr. Terluehmergebühr 
1,95 M. ivkl. Bahnfahrt und Nachmittagskaffee. Die Echülerabteiluog 
unternimmt an demselben Sonntag ihre 33. Wanderfahrt nach: 
Frohnau, Hennigsdorf, Schvnwaldc, Fh. DamSbrück, Falkenhagen, 
Seegefeld. Dersammlung 3 / t S Uhr Bhf. Charlottenbnrg. Abfahrt 
8 8 Uhr. Teilnehmerkarte 0,90 M. inkl. Bahnfahrt und Nachmittagskaffee. 
Auskirufts- und Fürforgestelle (Kaiserallei 66), 
für r«»erk«löse: Aerztlichc Sprechstunden fürMLmier jeden Dienstag 
von 12—1, für Frauen uud Kinder jeden Mittwoch von 12—1 Uhr 
für Alkoholkranke: Aerztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
wieder dem Bücherftand und dem yarreiiven Aerküuser zu 
wandte, uud ein heißes Sehnen nach dem durch eigene Schuld 
verlorenen Paradies ergriff die alternde Frau. 
Die Seligkeit der beiden, die da durch versteckte Hecken- 
wege ihrem Heim zuwanderten, war zuerst zu groß für 
Worte. Sobald sie das Städtchen hinter sich hatten, er 
griff Erich Angl Hand und hielt sie fest in der seinen, 
aber erst als , 'hren eigenen Park betrete» hatten, 
zwischen dessen Bu. >cn sie vor zudringlichen Augen und 
Ohren sicher waren, erst dann schlang er beide Arme um 
die junge Frau und flüsterte: „Ist er endlich gckoinmen, 
der langerwartete Tag, mein Süßes, mein Liebstes?" 
Angelas Antwort war nicht zu hören, denn ihr Gatte 
hatte ihr den Mund mit einem Kuß geschloffen. 
Nach einer Weile sprach Erich lachend: 
„Weißt du auch, daß mein ganzes Gepäck nach Berlin 
fährt, Liebstes? Alle die schönen Slleibcr, die du deinem 
heruntergekommenen Man» hattest machen lassen! Ich be 
sitze augenblicklich nichts, als was ich um und anhabe." 
„Ach, was liegt denn an den Kleider», was liegt an 
dem ganzen Gepäck, wenn ich dich nur habe!" 
„O du leichtsinnige Hausfrau I" lachte er, „vielleicht 
ist alles verloren!" 
„Was tut's? Und wenn es noch viel mehr wäre! Es 
ist ja alles gleichgültig gegenüber der einen großen, herr 
lichen Tatsache, daß du mich wieder kennst, daß du mich 
deine Frau nennst, und daß du mich vielleicht — später 
einmal —" 
„Sie blickte schelmisch zu ihm auf. 
„Nun, was denn?" 
„Lieben lernst," flüsterte sie. 
„Dich lieben lernen!" ries er stürmisch. „Das brauche 
ich nicht zu lernen, mein Kleines, mein Süßes. Ich hab' 
dich von dem Augenblick geliebt, als du in das gräßliche 
Haus kamst, wo das Scheusal von einem Doktor mich zoll 
weise umbrachte, und seildcin hab' ich dich mehr und 
immer mehr geliebt, trotzdem ich's für eine Sünde und 
ein Unrecht an deinem Gatten hielt. Aber sag'. Liebste, 
warum hast du mir nicht unsern Trauschein gezeigt? Viel 
leicht hätte das meinem Gedächtnis aufgeholfen." 
„Den hatte der Iustizrat noch, und der ist schwer krant 
gewesen und weilt augenblicklich mit seiner Frau i» Aegyp 
ten. Ich hätte mir ja allerdings einen zweiten verschaffen 
könne», aber da der Dotkor mir angeraten hatte, ich solle 
dich vorerst -nicht mehr mit der Sache quälen, so habe 
ich es unterlassen. Er sagte, dein Gedächtnis würde ganz 
sicher über kurz oder lang durch einen glücklichen Zufall 
wiederkehren, und du siehst, er hat recht gehabt!" 
Erichs Erinnerungsvermögen kehrte nicht gleich in allen 
Einzelheiten zurück, aber nach und nach wurde es immer 
besser, und schon nach wenigen Tagen konnte er ihr alles 
erzählen, was sich seit ihrer Trennung an ihrem Hochzeits 
tage vor beinahe zwei Jahren zugetragen hatte. 
Seine erfolgreiche afrikanische Mission näher zu be 
sprechen, gehört nicht in den Rahmen unserer Geschichte, 
von dieser Mission ist an anderer Stelle erzählt worden, 
und die diplomatischen Resultate derselben sind der ganzen 
Welt bekannt. Aber die Allgemeinheit hat nicht erfahren, 
daß er in die Gefangenschaft eines wilden Stammes im 
Hinterland geriet, wo er furchtbare Mißhandlungen er 
duldete, die den Grund zu all seinem spätere» Unglück 
legten. 
Ein Schlag auf den Kops mit irgendeinem stumpfen 
Instrument war die erste Urjache feine» Gednchtinsschwnn- 
Wüst: vollendeten, was der Schlag begonnen hatte. 
„Es doch merkwürdig," sagte er eines Tüges zu 
Angela, daß die Worte, die du auf dem Bahnsteig zu mir 
sagteil, mir plötzlich den Schleier von den Augen rissen. 
Es war wie ein Blitz, der plötzlich alles haarscharf beleuch 
tete, was nur vorher dunkel gewesen. Und doch, wenn 
mans genau überlegt, ist es gar nicht so merkwürdig, 
sondern ganz natürlich. | Sonderbarerweise erinnere ich 
nua, ;etzt ganz deuilich, f daß, als jener alte Heide zum 
Schlag gegen mich aushokie, mein letztes Bestreben war, 
che die Waffe mich traf, mir deine Züge vor Augen zu 
ruscii, wie sie damals ausgesehen hatten, als wir uns auf 
dem Balnisteig trennten. Es kam mir in jenem Augenblick 
hocyfter Ge;ahr zum Bewußtsein, daß du mir an unserm 
sonderbaren Hochzcftstage schon lieber gewesen, als ich mir 
enigeslcheii wollte. Ich glaube, ich habe sogar gelächelt 
als ich voran dachte, ivie ich dir die Hand zum letzten Gruß 
zum Fenster hineinreichte und zu dir sagte: „Vielleicht . 
ipotcr einntsll —" daun wurden wir auseinandergerisse». 
.. Als ,ch damals die Worte sprach, liebes Herz, wollte 
ich vamlt sagen, daß ich später einmal wiederkommen und 
um du.) werbe» würde, wie es sich gehört. Und als ich 
dort stand, von Wilden umgeben, in dringender Todcs- 
ir » ^i sl t-L C x Cn "! ir die Worte ein, und ich sah ein feines 
btaffes Gesicht, wie ich es im Rahmen des Kupeefenfters 
Zuletzt gesehen. Und diesen Augenblick der Unachtsamkeit 
benutzte der liebe alte Herr, um meinen Schädel die Be- 
tanntschnft mit eine», besonders schweren StückEisen machen 
zil tasjen, und der.Himmel allein weiß, wie lange ich ohne 
Bewußtsein gelegen." J 
(Schluß folgt.)
        
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