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Periodical volume Nr. 46, 23.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Beilage zu Nr. 46 des „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Sonntag, drn 23 Februar 1913 
Oie bunte Moche 
Plauderet für den „Friebeaauer Lokal-Anzeiger". 
Berti», den 2 t. Februar. 
Berliner Verkehrssorgen. — Das Rauchverbot. — Beförderungs 
statistik. — Der Tiefstand des Königlichen Lchauspielhasues. 
Unser Lpielplan. — Roch einmal brise Lasker-Schüler. — Schilda 
in Berlin. — Der verunglückte Engländer. 
Seit die Berliner Hoch- und Untergrundbahn drn Fahrgästen d as 
Rauchen verboten hat ist die Zahl der besördetten Personen er- 
hebltch geringer geworden. Trotzdem hat heute die Direktion der 
Berliner Stadtbahn gleichfalls einen Fühler ausgestreckt; schüchtern 
und bescheiden wir die Märzveilchen, die hinter der Siegesallee schon 
die blauen Köpfchen hervorstrecken und verwundert nach dem Königs- 
platz hiuübergucken, weil dort die Königlich Preußische Architektur 
G. m. b. H eia Opernhaus ganz allein für sich bauen will. 
Also: Ganz beschämt gesteht die Siadibahnverwaliung ein, daß 
auch fie die Raucherabteile abzuschaffen gedenkt, sobald die 
Pläne der Bahn Cleliriflerung turchgeführt sind. 
Das ist ein bischen viel auf «in Mas. 
Die Berliner Stadtbahn ist doch ohne Frage eine Einrichtung, 
die anscheinend aus d.r Tertiärzelt auf uns überkommen ist. Im 
BrockhauS steht zwar, fie stt in den Jahren 1875—1881 gebaut. 
Doch s-it ich selber die Schwäche habe, Büter zu schreiben, habe ich 
mich auch ter Tugend eni wähnt, an Gedrucktes zu glauben. Man 
wird überhaupt ein gehässiger Mensch, wenn mau täglich mit diesen 
verrußten, asthmatischen Zügen unserer lieben, alten Stadtbahn fährt. 
Anspieln» Leidensstrecke Wilmersdorf—Ebersflraße—Schömberg- 
Poisdamer Bahnhof ziehen wir tagtäglich mit einer Stundcn- 
getchwtndigkett von 16—20 Kilometern den schillernden Ge 
staden des Zentrums zu. 4 5 Kilometer ist die gesamte Streck: lang; 
13—15 Minuten gebraucht ur-s-r Zügle dazu. 
Man steigt schon verärgert «in, denn die Griffe der Wagen find 
immer schmutzig Ich lasse zwar stets ganz beschetcen die Türen von 
anderen Reijendru öffnen, — title, nach Ihnen, — aber dennoch wird 
man schwarz. Dann kommt die mutfige, dumpfe Luft der viel zu 
engen «bleste, in die dann noch der Moschusduft einer Dame mit sehr 
großen Federn auf dem Hut die sogen. Vroßstadtnote bringt. 
U d da soll mir daü Recht genommea meiden, mit einer ehrlich 
riechenden Zlgarelle über die Niedeiträchtigkeiieri deS Lebens hinweg 
zukommen! 
Auf dieser Bahn hab.n sich im lrtzlen Berichlssahr 171 f 62 829 
Personen geärgert und emgeschwärz!; rder sind, wie cs im amt- 
lichen Etil heißt, bcsmdnt worden. Die Straßenbahn besörderte 
614 093 731 Menschen; Omnibusse bcnvtzlcn 158 £06 612 Personen. 
Zum ersten Mal wurde in der Besörbeiungrsiatislik die erste 
Milttarde erreicht und gleich um 4 Millionen überfchrilten. Der 
Berliner muß eben immer gleich ins Große gehen! 
Deutliche Ziffern rcdet^auch die Unfallstatistik. Durch Un 
fälle auf der Straßenbahn wurden 34 Menschen getötet und 1014 
Personen verletzt. Im Hochbahnbetriebe kamen 4 Menschen zu Tode. 
Durch Omnibusse wurden im letzten Jahre 17 getötet, 46 schwer und 
2i9 leicht vorletzt. 
In der Millionenstadt fallen die Opfer der Straße zu Tausenden, 
deun nicht aufgezählt in dieser Liste sind die »itlen, die durch Wagen, 
AutoS und Unfälle um ihr Leb n kommen. 
Auch die armseligen, kümmerlichen und mittellosen Individuen 
fehlen hier, denen des Daseins Not das schwache Leben nimmt. — 
Die Zahlen der Eialiftik reden immer eine zwingende, gewaltige 
Sprache. Was sih auch ereignen mag, über alles wird getreulich 
Buch geführt. 
Und selbst die Tätigkeit deS Grasen Hülsen als Der- 
Mrller unseres Königlichen Schauspielhauses nimmt "sich ick 
hellen Schein unerbitttlicher Zahle» ganz eigenartig aus. Jh blicke 
ans die letzten 36 Vorstellungen zurück. 36 Tage, die mit erschrecken 
der Schnelligkeit dahmgegangea sind. Wie sühne der Graf sein künst 
lerische» Erbe? 
Während der drei Dutzend Tage wurden nur 8 Stücke gegeben, 
die wertvoll urd bildend auS dem reichen Schatz der denischen 
Literatur gehoben wurden: 3 Mal Schiller, je eu, Mal Goeche, 
Freytag, Wiidenbruch, Shaketpeare und G'illparzcr. Dann felgte 
9 Mal der „Austauschlentriani" (ein durch seine Harmlosigkeit 
entwaffnender Schmalzfcbmarren); 6 Mal das .Wieselchen' (die 
Mattilt hätte wegen Beleidigung geklagt, wenn man cs ihr sätschtich 
zugeschrieben hätte); 5 Mal .Der große König" (eine Laujsiade, 
die mit L teratur nichts zu tun hat und in der Kowödienwirljchast 
bet .HasemannS Töchtern' einrangiert weiden kann); 3 Mal .Die 
glückliche Hand', (die Abonnenien w:inen); je 2 Mal „Cotbrrg" 
und »1818“, und dann einmal die Premiere von Bluwenrhals „Ein 
Wafsengang', die sich bekanntlich zu einem Begräbnis I. »lasse 
auswuck S. 
Man möchte seine Verse an die Weide am Busch hängen und 
Klageliider singen über die betrübende Tatsache, daß wir ln Berlin 
kein Theater haben, daS sich etwa auch nur annähernd mit den 
Theatern in Hamburg, Drei den, Köln oder Stuttgart mrffen könnte! 
Dabei glauben es die meisten Berliner nichl und können eS nicht 
fassen, daß es in der .Provinz' auch Kultur geben soll! 
Ich greife blindlings einen Satz heraus, der bezeichnend ist für 
diese Auffaffung. 
Ern junger Mann. der seine liierarischen Anfälle in einem 
MontagSblatt austobt schrieb hl seiner Irtz en Plauderei! 
.Natüillch kann eine Dichterin wie Else Lasker-Schüler mit ihrer 
glutheißen Seele in der Provinz nicht wirken. Diese Leute 
dort sind tatsächli^ ti- * ->«-u, reif, "m die Groß; solcher F:au 
ersoffen zu können, und was sie über die Sammlung, die zu Gunsten 
der Dichrerrn Dummum-t muv, sich aus Berlra beiichle» ließen, zeigt 
so recht den Kulturttcfstand und die Auffassung der 
Provinzpresse.' 
Nun hatte ich, wie den Lesern wohl noch etinnerlich sein wird, 
gleich vielen normalen Menschen, mich heftig gegen diese widerliche 
Schuorreret der Freunde der genannten Dichtelin ausgesprochen. 
Ich will mich eines weiteten Uiieils enlhalicn und will die Leser 
selber richten lassen. . . 
Paul Zeeh, der eifrigste Borkämpser für die Dämmermuse der 
vielgenannten Dichterin, veröffentlicht im .Zeitgeist' eine lange 
literarische Würdigung Eise Laskers. 
Er bringt dort, um die Eigenart der Dichterin zu kennzeichnen, 
das nachstehende Gedicht zum Add uck: 
Der Tibcttcppich. 
Deine Seele, die die meine ltevet, 
ist verwirkt mit ihr im Tcppichttbet. 
Strahl in Strahl verliebte Farben, 
Sterne, die sich himmeilang umwarben. 
Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit 
Maschentausendadertausendweit. 
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron, 
wie lange küßt d-tn Mund den meinen wohl 
und Wang die Wange buatgeknüpfte Zeiten schon? 
ES folgt nun tn 71 Zeilen eine .Eiklärung' dieses Gedichtes, in 
der cs u. a. heißt: 
.Deine Seele, die die meine liebet,' leitet mit dem innig- 
weichen ,d' einsetzend die Verknüpfung der beiden Seelen ein. 
Das „i* in .liebet', durch das sonst verwerfliche, hier einzig- 
schöne ,e' sehnfüchtlg hinausgezogen, klingt liebend fort in 
dem ,i" d:r zweiten Zeile. Aenderung der räumlichen Dimension 
(d<s seelisch-gcoarophtscheu Schauplatzes): Der Teppich ist 
selbst Tibet, dos Teppichtibct. An die Vokalfolge ,e' ,i" 
schließt sich d!e umgekehrte ,t" .e'. Man dreh« den Tepvich 
f lbst um, urd man hört: Teppich. Da die inhaltliche Um- 
orehungsmöglichkeit von Tibetiepplch in Teppichttbet mit diese: 
klanglichen nichts zu tun hat, wer erschrickt da nicht vor der 
Schöpserlrast der Sprache, vor der Perspektive einer Einuklang- 
idenltlät tiner anderen Welt, von der »Tibet', .Teppich'' nur 
Bruchstück und schwacher Abglanz ist?" 
Dann wird die zweite Strophe auSernandergepolkt und später 
heißt eS dann ncch: Das .verwirkt" verschwistcrt sich mit .ihr" durch 
,ir"; „r-b" tn .Farben' kehrt in „Kostbarkeit' und .aber" wieder. 
Das .um" in .umworben" wandelt sich in .unsere Maschen" in 
.Moschus", .ahl" oder ,la' erscheint wieder in .Strahl", .lang', 
„Lama", „Pflanzen". 
So geht das in anmutiger Reihenfolge weiter. Im „Zeit 
geist"!!! Zcch, der sich an die W iß'sche „Erklärung" hält, weiß Biel- 
leicht nicht, daß Else Lasier Schul rs schönstes Poesiegedlcht in die 
tiefsinnigen Worte ausklingt: „Blühherlala", bei dem ich immer 
an das herzerfrischende „Bürlala" unseres Kommersbuches erinnert 
werde. 
Nein, für diese Kuliur haben wir kein Verständnis! Auch silbst 
dann nicht, wenn man uns den schönsten Tibcttcppich unter das 
literarische Gewissen legt. Der Bierlala ist mir immer sympatlsch; 
der Blühheitala läßt mich so kalt wie der Dalai Lama, zwei Person- 
lichkciten, zu denen ich keinerlei Beziehungen unterhalte. 
So dunkel, wie das geistige Dämmerreich dieser Leute, ist mir 
auch ein Stretch der Berliner Stadtverwaltung. Ein Streich, 
der an die schönsten Zeiten deS mondbeschienenen Schilda erinnert. 
An der Potsdameistraßc dehnt sich der alte, herrliche Kleist 
park. Im Hintergründe ragen die edlen, graben Linien des Kammer 
gerichts, hinter denen die dunkelsten juristischen Labyrirthe vermessen 
und gangbar gemacht weiden. Abends ist der Park geschlossen. 
Sobald der letzter Besucher ihn verlassen hat, flammen au hundert 
leuchtende Bogenlampen auf, die den Par' die ganze Nacht über 
in ein secnhaftes Lichtmccr hüllen. Drr Mond verkriecht sich scheu 
vor der irdischen Konkurrenz .... 
Draußen, am Kreuzberg. breitet der Viktoriapark seine 
Flächen, die jetzt in schüchternem Grün dem Lenz enlgcgeniiäumen. 
Dieser Park ist zur großen Freude viel einsamer und zweisamer 
Menschen von einer immerwährenden öffentlichen Gastlichkeit. Bon einer 
Gastitchk-it, die sehr viel benutzt wird. Hier aber breitet Frau Nacht 
ihre Fittiche und eine Dmkheit liegt über Bärmen und Sträuchern, 
die man höchst-nS Abends noch beider märchenhafien Thranbeleuchtung 
unserer Sradlbahnzüge findet. 
Man spricht so gern von dun Lichimccr Berlin. Wenn die 
Lampen im Kleistpark durchaus brennen sollen, um durchr isendcn 
Engländern die Besichtigung deS KawmergeiichteS auch bei Nacht zu 
ermöglichen, dann sollte mau doch wenigstens auch den Viklorlapaik 
eiwaS belcuchien, um durchreisenden Engtändrrn die Gelegenheit zu 
geben, sich eine Brieftasche mit 20600 M. durch zarte Hand ebenfalls 
bei Beleuchtung stehlen zu lasse». Denn ter von diesem tragischen 
Geschick gestern Betroffene konnre leider der Polizei nicht einmal an 
geben, wie die sicher nicht vornehme Dame aussah. Seine Be 
schrcibung, daß es sich um eine Laty von annähernd „eia feet“ 
Größe handelt, paßt in Berlin leider auch cnf Damen, die nicht die 
ttvöhnhril HM», dlüchreisei'd":'Fec»ide in die NälmschönhUIen der 
abendlichen RelchSvauptüadr einzuweihen.- 
Heinr. Blnder. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übcmchmcn ivir feine Verantwortung.) 
Zur Berufswahl unserer Töchter 
Mütter, die für ihre Toatter einen Beruf wühlen wollen, machen 
w!r darauf aufmerksam, daß in der Frödct'jchen Klndergäitneiinnen- 
RildungLavstalt in Beilin, wilche bereils 46 Jahre besteht, Anfang 
April wiederum ein neuer halbjähriger Kursus zur Ausbildung von 
Kindergäitnerinnen beginnt. Za Kindergärtnerinnen erster Ordnung 
werden solche junge Mädchen ausgebildet, die eine mittlere oder 
höhere Mädchenschule besucht haben, die von geringerer Bildung 
Ivanen Fröbel'sche Kinderpfl'geiinnen werden. Den obgehenden 
Schülerinnen werden kostenfreie Stellungen vermittelt. Der Beruf 
eignet sich besonders für solche junge Mädchen, die dem Familienleben 
nicht erilficmdei werden wollen. Eie wilden nicht nur der Hausfrau 
eine treue Gehilfin, sonrern auch ihren Zöglingen eine liebevolle Er 
zieherin in Schule und Haus sein. Auswärtige Schülerinnen erhallen 
preiswerte Pensionen. Die Satzungen weiden kostcntoS versendet 
Jede nähere Auskunft erteilt gern' und weist drn Familien ohne 
Gebühren Kindergärtnerinnen nach die Voisteherin Anna Boltze, 
Berlln N-, Elsafserstr. 19 11, die täglich von 4—5 Nh: Nachm., außer 
Mittwoch und Sonnabend, zu sprechen ist. A. B. 
Das ist eine Frage, welche j.tzt bei d:m Herannahen der Schul- 
enllaffungen die Herzin vieler Eltern bewegt. Haben doch viele junge 
Mädchen eine gute Echulbildurg erhalten unb möchten nun das 
erworbene Wissen auch nutzbringend verwerten, ohne noch eine weitere, 
j hrelange Ausbildung duichzumachen. Da sei auf d:n Beruf einer 
Kleinktnderlehreiin hingest sen. Die Vorbereitnng hierzu, wie sir in 
gediegener Weise daS Obeilin-Eeminar in Berlin C., Neue Grün- 
ftraße 19, bietet, dauert 1—1'/, Jahr. In dieser Z-it werden die 
Eeminartflinnen von bewährten Lehrkräften theoretisch und praktisch 
so weit ausgebildet, laß fie die Erziehung und eventuell den 
Untciricht von Kindern im Alter von 3—8 Jahren übernehmen 
können. Paffende Stellungen an Kleinkinderschulen und Kleinkinder- 
b-wahranstaUen, sowie an Kindergärten vermittelt di: Direktion der 
Anstalt gern. Die Nachfragen von seiten vornehmer Familien um 
Erzieherinnen können nicht zur Genüge befriedigt werden. Das neue 
Unterrichisjahr de» Oberliu-Eeminais beginnt am l. April. Anfragen, 
Prospekte und Meldungen bei dem Dinklor des Oberlin-Hauscs, 
Pastor Hoppe in NomaweS, oder bei der Diakonisse Marie Seeling, 
Berlin 6-, Neue Grünstraße 19. v. 
Was soll der Junge werden? 
Da cs gewiß Ellern gibt, ore sich jetzt noch nicht darüber klar 
sind, was ihr Sohn, ter zu Ostern die Squle verläßt, werden soll, 
finden wir es für angebracht, auf die Notwcndigkcst der nunmehrigen 
Entscheidung binzuweisen. Denn der Knabe kaun und soll sich schon 
während der Schulzeit auf seine künftig! Täitgkeit zu seinem eigenen 
Vorteil vorbereiten; nicht umsonst sagt das Sprichwort: Aller Anfang 
ist schwer, und: Lehrjahre find keine Hcirenjahie. Darum geschieht 
eS oft, daß ein Knabe zwei- oder dreimal seinen Bcruf wechselt und 
über kurz oder lang wieder im Elternhause eintrifft. Das möglichst 
vorherige Bekanntmachen erlttchtert den Ansang wesentlich. Der 
künfltqc Titchler kaun schon als Echulkuabe den Hobel fuhren lernen, 
und der künftige. Buchbinder schon sehr hübsche Papparbeiten als 
sicher liefern, überhaupt der künftige Handwerker sich in dem so sehr 
nützlichen Handfertigteilsunterricht auss Vorteiihafieste vorbereiten. 
Selbst der Besuch seiner späteren Arbeitsstätte oder der Umgang mit 
seinen nachmaligen ArbeilSgcnoffen wird ihm den Anfang erleichtern. 
Ein anderer wieder kann sich durch Bücher vorbereiten. Kurz, jeder 
muß sich jetzt schon klar sein, was er nach Ostern weiden will und an 
seine Vorbereitungen denken. Dann sei bei dieser Wahl auf die zu 
beiücksichiigendcn Gcsichtspunkie hingewiesen. „Ja, er war dazu zu 
schwach", hört man oft die Eltern sagen, die manchmal nur zu leicht 
einen Entschu'dignngsgrund gelten lassen, wenn ihr Sohn inS Eltern- 
Haus zurückkehrt. Das lehrt die Notwendigkeit, die Köiperbe- 
schaffenheit deS Knaben vor der Entscheidung tn Betracht zu ziehen, 
ja, bei einer so ernsten Sache vielleicht das Urteil eines Arztes cinzu- 
holen. Es ist zwar klar, daß ein schwächlicher Knabe nicht gut 
Fleischer werden kann, doch kommt die Ausbildung deS Körpers gerade 
in dieser Zeit mitunter erstaunlich schnell und niemand vermutet oft 
die Kraft und den Kern, welche in einem kleinen Körper 
manchmal mehr verborgen sind, als in einem großen. Hierzu spricht das 
Turnzeugnis der Schule. Bei der Frage, was der Knabe werden soll, 
bestimmen die Eltern nur zu oft die Eitelkeit. Die alte Silles daß 
der Sohn dem Vaier in seinem Berufe folgt, ist zwar nicht immer 
einzuhalten, aber im allgemeinen nur von Vorteil, wenigstens mehr 
zu empfehlen, als wenn jetzt jeder Handwerker meint, -sein Sohn 
müsse mindestens studieren; denn das Handwrrk hat immer noch 
goldenen Boden. In Frankreich wurde einstmals öffentlich darauf 
hingewiesen, daß es ous mehreren Gründen nicht ralsam sei, auf 
hohen Schulen viele Schüler auS niederen Ständen aufzunehmen, 
auch aus dem Grunde nicht, daß dann durch den großen Unterschied 
in der gesellschaftlichen Stellung, im Wissen, im ganzen Bildungs 
grade eine Entfremdung im Verkehr des Kindes zu den Eltrin herbei 
geführt werde. Natüillch hat dieser Drärgen nach oben auch eine 
Ucberfüllung der gebildeten Stände zur Folge; daher kommt <S, daß 
mancher biedre Hanlwerkemeister in besseren Verhältnissen befindet als 
ein hoher Beamter, der vielleicht sein Bruder ist und die kostspielige, 
lästige „Etikette" auf sich ruhen hat. Ferner ist cs durchaus keine 
Schande, wenn ein Sohn einen vermeintlich niederen BerufSzweig er 
greift, — niedriger ist er ja nur in den Augen des VorurteitS — 
wenn die Arlage» dazu nötigen. Davon gibt es viele Beispiele, die 
zu einem schlechten Ende führten. Diese Eiteikeit ist umso mehr 
falsch, je mehr Aussicht gerade die jetzige praktische Zeit auch i:l 
praktischer Bezhhung auf erfolgreichen E-werb bietet. Man bedenke, 
daß eS große und größte Industrielle gibt, die als Schloffergesellen 
begonnen haben. Also bei der Wahl eincS Berufes entscheide lörper- 
llche Beschaffenheit, Neigung und Anlagen. 
Singvögel heranzuziehen. Heutzutage ist ja jeder Land- und 
Forstwirt- jeoer Besitzer eures Gartens wie jeder Freund der gefiederten 
Welt davon überzeugt, wie nützlich die Vögel zur Vertilgung von 
Insekten sind. Dennoch ist soviit gewiß, daß nicht alles geschieht, was 
geschehen könnte, um die Vögel tn Gärien und Waldungen zu ziehen. 
Vor allem gehört hierher die Aufstellung von Trinkzcfäßen für die 
Vögel vor allem in Waldungcn oder Feldern, wo cö an nahegelegener 
Tiinkgelegenheit fehlt. Sehr interessante Erfahrungen sind in 
holländischen Staatswaldungen gemacht worden. Ein Förster ließ in 
einem trocken gelegenen Walde, wo eS an Triukstellen für die Vögel 
frhlle, ein Zemcntbecken von einem Meter Länge und 35 Zentimclrr 
Tiefe für Waffer errichten und sorgte für reaelmäß geö Füllen des- 
selben. Er hatte die Freude, daß sich in demselben Walde, wo früher 
wenig Vögel nisteien, sich viele Sänger niederließen, zumal in der 
Nähe des Beckens Nistkästen angebracht wurden. Wo früher selten 
ein Vöglein angetroffen wurde, hört man jetzt fröhliches Zwitschern, 
und vot allem hat die Raupenplage in dem Holz stark abgenommen! 
— Vielleicht wäre dies ein Hinweis, der so gefährlichen Nonnenplage 
entgegenzutreten! Jetzt wäre die beste Zeit, solche Triukstellen zu ei- 
richten, denn in kurzem kommen doch die Wandervögel zurück! Damit 
dürste dann freilich nicht gesäumt werden. L 8. 
PatentTchau 
mitgeteilt vom Patentbüro Johannes Koch, Berlin NO 18, Große 
Frankfurterflraße 59, Abschriften billigst. Auskünfte kostenlos. 
Cut Still«, Berlin-Friedenau, Südwestkorso 63: Empfängerapparat 
für die Fernüdertragung von Bildern, Photographien u. dgl, bei 
welchen die durch die Gebcrflelle in den Empfängerapparat ver 
ursachten Stromschwankungen auf eine elektrooptische Polarstatlons- 
einrich nng wirken. (Angem. Pat) 
__ Bcrlalan Duschnitz, Berlm-Frledenau, Fröaufstr. 2 und Arthur 
Müller, Berlin, Eteinmehllr. 22: Zahndüiste mit Rcinigungskörper 
auS Schwamm oder porösem Weichgummt, der auf einer vollen 
Gummiunterlage befestigt ist und mit dieser am Griff gehalten wird. 
(Angem. Pat) 
A.-G., Lauchhammcr, Lauchhammer und Dr. Ing-: Franz Jordan 
Bcilin-Ztiedenau, Thorwaldsenstr. 16: Vorrichtung zum Aushängen 
von ottsbcwegtichen Diuckluftschlagwerken. (Angern. Pat.) 
Paul Hietschcr, Bettln Friedenau, Offenbacherstr. 27: Anzeigevor 
richtung für Droschken. (GM.) 
Werk,lütten für Prazisions-Mechanik und Optik, Carl Bambero, 
Berlin Friedenau: Fluidkompoß auS durchbrochener Büchse mit Blech- 
cinsatz. (BM.) 
Literarisches 
„Der Richtige Berliner." Vor einigen Tagen dielt in den Räumen 
des brandenburgischen Provinriallandtaaes Herr Dr. Breudicke (inen 
Vortrag über den Berliner Humor und zitterte dabei fälschlich als 
letzt: Auslage deS Rietttgen Berliner bcS jüngst verstorbenen Prof. 
Hans Georg Mey:rs die fünfte; dieses Werk hat jedoch, von ^r. 
Eiegsr Mauermann herauSgegeven. bereits die siebente Auslage er- 
lebt. Da dies nun einem Spezialforscher, wie Herrn Dr. Brendicke 
entgangen zu sein scheint, ist es wohl angebracht, an dieser Stelle 
weiiere Kreise noch einmal kurz auf das Hauptwerk über di: Berliner 
Mundart aufmerksam zu machen. — Es ist dieses Brich für uns 
Berliner das schönstcjGeschenk, daS uns HanS Meyer machen konnte — 
„der jute, edle Meyer', wie er von seinen Schülern heimlich stets ge- 
nannt wurde. — So ehren wir ihn am besten, wenn wir seine Werke 
ehren! Wenn er uns auch vollendete Uebcrsetzungcn hinterlassen hat, 
wenn uns sein: künstlerisch vorzüglichen Verse auch stets im Andenken 
bleiben werden, so recht weilt er doch erst wieder unter uns, wenn 
wir seinen „Richtigen Berliner" (In Wörtern und Redensarten von 
Hans Meyer. Profeffor am grauen Kloster Siebente Auslage besorgt 
von Dr. Siegfried Mauecmann. Verlag H. S. Hermann, Berlin SW.) 
zur Lektüre wählen, da finden wir Humor und Güte. wie er beide in 
so überaus reichem Matze besessen hat. Und dem Nichtbcrliner sei'« 
verraten: er findet da eine eigene Grammatik und ein eigenes Wörter 
buch. Und im Anhang auch noch Verse, echte Berliner Verse und Jn- 
schrtsten und Spiele. Es ist dieses Buch den 5 Millionen Menschen 
gegenüber, die in Groß Berlin diesen Dialekt sprechen, wohl am Platze' 
uaü wäre zu wünschen, daß der „Richtige Berliner" dem „richtigen 
Berliner" auch serneihin ein treuer Gefährte bleibt. F. Käpcrnick.
        
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