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Periodical volume Nr. 43, 19.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friedenauer 
Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Rheinstr. 15, 1,6V M. vierreljährlich; durch 
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Jeelen lUlttvocKr 
Mrzblan „Seifenblasen". 
fernfprecker, Umt pk»l,borg 212S. lägtlH üßeNdS. 
«Kal-Ailjchel. 
Zeitung.) 
Organ für dm Kriedmauer Ortsteil -an Zchdneberg und 
^erirksnerein Ziidwest. 
KeNagrn 
Jeeten Sonntag! 
Liatter für cieulscb« grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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Kr. 43 
Berlin-Friedenau, Mittwoch, den 19 Februar 1913. 
20. Iahrg. 
Friedenauer Adreßbuch 
1 ist erschienen. 1 ttl ^ 
Preis 2 Mark. 
Verlag Rheinstraße 15. 
Oepelcken 
Letzte Nackricbten 
Mülheim a. R. In der katholischen Engelbertkirche 
wurde heute früh 1 /i7 Uhr der OrdenSgeistliche Wenger 
von einem Geistesgestörten im Beichtstuhl erschossen. 
Neuyork. Die blutige Revolution in Mexiko hat 
mit dem Eiege der Aufständischen geendet. Präsident 
Madero ist gestern Abend durch einen Siaattstreich abge 
setzt und von dem bisher regierungstreuen General 
Vtanquet verhaftet worden. General Huerta übernimmt 
provisorisch die Präsidentschaft. Mit Madero sind sämt 
liche Minister verhaftet worden. Der Staatsstreich ist auf 
die Initiative der Generale Blarquet und Huerta zurück 
zuführen, um dem Blutvergießen ein Ende zu machen. 
Marseille. Ein starker Sturm wütet im Mittel- 
mrer. Da» Paketboot „Sidibrahin" b«findet sich in 
gesährlicher Lage, da eS eine Havarie an der Maschine 
erlitt. 100 Passagiere befinden sich an Bord.. Zwei 
Schleppdampfer wurden zur Hilfeleistung entsandt. 
Bukarest. Er bestätigt sich, daß auch Rußland io 
Sofia für Rumänien eintritt. " Rußland und Frankreich 
sollen auf die bulgarische Regierung einwirken, um die Ab 
tretung SilistrienS zu erzielen. 
Konstantinopel. Die Türken nahmen heute bei 
Scharköt eine neue Landung vor und landeten eine be 
trächtliche Truppenmacht, welche bisher an Bord von 
TraiiLportschrffen gewartet hatte. Nähere Nachrichtrn über 
dnr Verlauf der Landung werden stündlich erwartet. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Origiualartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die mündliche Abitnricnteoprüfuufl im 
Helmholtz. Realgymnasium im Friedenauer VuSrett findet 
am Tonnersrag, dem 20. d. Mt«, statt. 
o Eine neue NcgierungSpolizriverordnung 
über die Anlage der Vorgärten. Wie wir erfahren, 
hat unser vauamt vom Regierungspräsidenten die Mit 
teilung erhalten, daß di« F^age der Anlage der Vorgä-ten 
in den Bororten durch eine neueRegierungSpolizrioerordnung 
geregelt werden soll. 
o Die LegltimatkonSkarte« zu den morgen statt, 
findenden Wahlmännerwahlen zur Landtagswahl sind 
sitzt im B«sitz der Wahlberechtigten. Wir machen darauf 
aufmerksam, daß nur die auf diesen Karten angegebenen 
Wahlzeiten und Wahllokale die richtigen sind. Bei von 
Setten einiger Parteileitungen versandten Einladungen 
zur Wahl ist dar nicht der Fall. Man gehe möglichst 
zeitig zur Wahl, denn diese muß pünktlich geschlossen 
werden, selbst wenn noch Wahlberechtigte anwesend sind. 
o Zur LandtagSersatzwahl. Im Anzeigenteil der 
heutigen Nummer oeiöffentttcht außer dem „Fortschrittlichen 
Verein" auch die „Natiovalliberale Partei" im Wahlkreise 
Teltow Beetkow-Srockow Wilmersdorf einen Aufruf zur 
morgigen Wah'männerwahl. 
o Zur Nachahmung empfohlen! Das Lehrer 
kollegium unseres Reform > Realgymnasiums hat ge 
schlossen den Beitritt zu drr „Fürsorgeoereinigung 
patriotischer Männer unh Frauen FriedenauS für hilfsbe 
dürftige KriegSoeteranen erklärt. Wir begrüßen diesen 
Entschluß deS Lehrerkollegiums unserrs Realgymnasiums 
und hoffen, daß er in unserer Bürgerschaft vielfach zur 
Nacheiserung anregen möge. Der monatliche Beitrag zur 
Fürsorgevrreinigung betiägt nur 10 Pfg. 
o Da« russische Trio im Königlichen Schloß. 
ES wird unsere Leser interessieren, daß, wie der Hosbertchl 
meldet, daS russische Trio. welches am letzten Donners 
tag mit so großem Erfolge bet unS in Friedenau im 
Kunstabend konzertierte, am Tage darauf im Königlichen 
Schloß vor dem Kaiserpaar und seinen Gästen tm Hof- 
konzer! mitwiikke gemeinsam mit Fräulein ÄrtHt-LeMadilla, 
Herrn Jidlowker und Herrn Prof. Marteau, der ja auch 
unS Fctedenauern kein Fremder ist. 
o In der öffentlichen Beamteuversammlung, 
die gestern Abend sür dt« westlichen Vororte deS Land- 
tagSwahlkreiseS Teltow—Beetkow in Steglitz stattfand, er 
fuhr der konservative Kandidat, Eisenbahn-Obersekretär 
Haseloff, eine glänzende Absage. Schon der Beifall, den 
der Referent LandtagSabg. Ober-Postassistent DeltuS ge 
funden, ließ erkennen, wie die Beamtenschaft über die Be- 
amtenfreundltchkeit der Konservativen denkt. Zum vollen 
Durchbruch kam diese Stimmung aber erst, als ein konser 
vativer Beamter für die konservative Beamtenkandidatur 
eintrat und der Versammlung empfahl, die Politik aus 
dem Spiele zu lassen und Herrn Haseloff zu wählen, weil 
er eben Beamter sei. Dem Redner erschien eS gleichgiltig, 
welcher Partei «in Beamter angehört; die Hauptsache sei, 
daß rin Beamter gewählt werde. AlS dieser konservative 
Beamte tadelte, daß sich der Bund der Festbesoldeten dem 
Hansabunde angeschlossen habe, im selben Atemzuge aber 
- erklärte, der Beamte habe den Standpunkt deS Konsu 
menten zu vertreten, brach schallendes Gelächter auS. Zu 
rufe: Also wohl Anschluß an den Bund der Landwirte! 
usw. LandtagSabg. DeliuS, der schon in seinem Refererat 
vor der Vertretung einseitiger StandeStnteressen gewarnt 
hatte, geißelte sofort mit scharfen Worten diese nackte 
Jniecess-vpolttik. Ec wieS noch einmal kurz hin auf die 
Ausführungen seines Referats. Nicht einer Klassen-, nicht 
einer Massenpartei solle man folgen, sondern einer Partei, 
die die Jiteressen aller Klassen auszugleichen suche, einer 
AuSgleichSpartki, und da« sei die fortschrittliche Volkspartei. 
Sie trete ein für die berechtigten Wünsche aller Volks 
schichten, also auch für die berechtigten Wünsche der Be 
amtenschaft. Die Folgen der konservativen Wirtschafts 
politik habe mit dem gesamten Mittelstände in dem letzten 
Jahrzehnt die Beamtenschaft am eigenen Leibe gespürt» 
deshalb sei sie nicht mehr wie früher die Leibgarde der 
Konservativen. Der Einzelne müsse Verständnis für die 
Wünsche der Nachbarschaft zeigen, Fühlung mit anderen 
Kreisen suchen; nur so sei «in gegenseitige« Verständnis mög 
lich. daß im Interesse der Beamtenschaft, im Jntereff« von 
Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft zum Wähle 
dis Vaterlandes unbedingt nötig sei. Alle Kräfte seien 
zusammenzufassen zum Kampfe für ein freiheitlicher 
Preußen I DaS sei ein waschlopptger Standpunkt, wenn der 
konservative Redner seinen Kollegen empfohlen habe, e« 
mit allen Parteien zu halten. Jede Partei habe ihre be 
stimmten Grundsätze, auch die konservative Partei. Sie 
werde sich nicht von einem mittleren Beamten, der in ihre 
Rethen tritt, dazu bewegen lassen, ihre Richtlinien zu oer- 
lassen, die der unteren und mittleren Beamtenschaft nicht 
freundlich seien, wie dies jahrzehntelange Erfahrung zeige. 
Abg. DeltuS brachte hierfür nähere Beweise, die lebhaften 
Betfall auslöst,n, der sich zu einem jubelnden steigerte, alS 
ein Spezialkollege des konservativen Kandidaten» der 
nationall. Eisenbahn Oberstkretär Schröder erklärte, die 
große Mrhrzahl der E senbahnbeamten hätte keine Neigung, 
den konservativen Kandidaten Haselvff zu unterstützen; sie 
sei politisch so wett vorgeschritien, zu wissen, daß der 
einzelne Beamte in der konservativen Partei der Beamten- 
schast nichts nützen könne. Erst nach Mitternacht endete 
diese hochinteressante Versammlung, in der der Referent 
neben dem Wahlrecht alle veamtensorgrn, Besoldungs 
ordnung. Modernisierung des Beamtenrechts, da» Ber- 
sammlungS- und BereinSrecht der Beamten, daS Be 
schwerde- und PetitionSrecht u. v. a. ausführlich behandelt 
hat. In der Aussprache wurden die kläglichen BesoidungS- 
Verhältnisse einzelner Beamten des MaterialprüfungSamteS 
ausführlich besprochen. Abg. DeliuS übernahm eS, die 
Der ötaateanwalt 
Bau H. Hill. 
27. Mini MtriMl 
Ein zweiter Dogcart fuhr draußen vor und ihm ent 
stieg ein schlanker, beweglicher, älterer Mann in Uniform, 
mit kurz verschnittenem grauem Haar, dem,man den alten 
Soldaten auf hundert Schritte ansah. Er war das direkte 
Gegenstück zu dem dicken gemütlichen Black, aber dieser 
nickte Beifall, nachdem er einen raschen Blick auf ihn ge 
worfen hatte. Der Mann sah entschieden intelligent aus, 
mit ihm vereint ließ sich vielleicht etwas machen, und so 
eilte der berühmte Detektiv an die Tür und stellte sich dem 
Ankommenden vor, ehe dieser überhaupt Zeit gehabt 
hatte, die Füße zu Boden zu setzen. 
„Donnerwetter," rief Winter, „da haben wir aber 
Glück, daß Sie gerade hier sind, Herr Inspektor. Wohl 
wegen der Mordgeschichte, bei der der arme alte Brown 
sein Leben lassen mußte! Na, freut mich riesig, Sie zu 
meiner Unterstützung hier zu haben. Kommen Sie, wir 
wollen gleich mal hören, was der Gendarm zu sagen hat, 
viel wird's zwar nicht fein." 
Trenkley führte die beiden Herren nach der Bibliothek, 
wo ein Gendarm mit einem sehr roten Gesicht die stocken 
den Aussagen eines zu Tode erschrockenen Stubenmädchens 
umständlich in sein Notizbuch eintrug. Wachtmeister Winter 
erlöste das unglückliche Opfer sofort, indem er ihr erklärte, 
sie könne einstweilen gehen, bis man sie wieder rufen 
würde." 
„Das hat vorerst keinen Zweck, Collin," bemerkte er. 
„Gehen Sie lieber hinaus und suchen Sie im Park nach 
Fußspuren, die uns verraten könnten, von wo aus das 
Grundstück betreten worden ist. Unterdessen wird Herr 
Trenkley dem Inspektor und mir mitteilen, was eigentlich 
geschehen ist. Also bitte, Herr Trenkley. Durch Ihr Tele- 
gramm weiß ich, daß Sir William während der Nacht durch 
Mörderhand tödlich verletzt worden ist. Können Sie uns 
Näheres erzählen?" . , ' 
Der Privatfekretär lehnte sich gegen einen der. hohen 
geschnitzten Eichenschränke, die sich rings an den Wänden 
des Raumes befanden, Black suchte sich den bequemsten 
und tiessten der großen ledernen Klubsessel aus, und Wacht 
meister Winter blieb mit zusamniengenommenen Hacken in 
militärischer Stellung stehen und hörte aufmerksam auf 
das, was Trenkley zu sagen hatte. Aber das war nur 
sehr wenig. 
Trentleys ganze Erzählung beschränkte sich auf folgende 
Angaben. Sir William war am vorigen Abend, wie ge 
wöhnlich, um elf Uhr zu Bett gegangen. Er fühlte sich 
vollständig wohl, aber er war ärgerlich, weil Doktor Pen- 
fold, der Hausarzt, immer noch nicht zurückgekehrt war. 
-Doktor Pensold hatte am Nachmittag von Wycom.e tele 
graphiert, er werde noch am selben Abend wieder in 
der Billa eintreffen, aber er war trotzdem nicht erschienen. 
Dies hatte Sir William teils geärgert, teils beunruhigt. 
Doktor Penfold schlief in einem Zimmer dicht neben dem 
des Staatsanwalts und durch eine Tür damit verbunden. 
In seiner Abwesenheit hatte Trenkley sich erboten, dort zu 
schlafen, aber Sir William hatte dies Anerbieten abge 
lehnt, und der Sekretär hatte sich in sein eigenes Schlaf 
zimmer am andern Ende des Korridors begeben. 
So weit es sich bis jetzt 'herausgestellt hatte, hatte 
niemand im Hause während der Nacht das geringste 
Geräusch gehört, aber als der Diener früh morgens um 
acht an Sir Williams Tür klopfte, um ihn zu wecken, 
da erhielt er keine Antwort. Er probierte die Türklinke, 
fand aber die Tür verschlossen. Er begab sich darauf in 
Doktor Penfolds Zimmer und war sehr erstaunt, die 
Zwischentür weit offenstehend zu finden. Ein Blick in das 
Zimmer seines Herrn ließ ihn die schauerliche Entdeckung 
machen, daß Sir William, nur mit dem Nachthemd be 
kleidet, in einer Blutlache am Boden lag. Er war sofort 
zu dem Sekretär geeilt, um diesem die furchtbare Mitteilung 
zu machen. 
„Meine erste Sorge," fuhr dieser fort, während seine 
Blicke von einem seiner Zuhörer zum andern flogen, ohne 
bei einem lange zu verweilen, „war die, Schritte zu tun, 
daß Lady Graßman, die schon seit Jahren leidend ist und 
augenblicklich kränker als je, nichts von dem furchtbaren. 
Ereignis erfuhr. Nachdem ich dies rasch mit ihrer Gesell« 
schasierin, Fräulein Bilcon, verabredet hatte, eilte ich in 
das Schlafzimmer meines Chefs, und da es mir schien, 
als ob menschliche Hilfe ihm nicht mehr nützen könne, so 
verbot ich, ihn zu bewegen und legte ihm nur ein Kissen 
unter den Kopf. Die Haushälterin blieb bei ihm, während 
ich dafür sorgte, daß nach der Polizei und dem Arzt geschickt 
wurde. Da ich Sie in der Nachbarschaft wußte, Herr In 
spektor, so nahm ich mir die Freiheit, auch Sie hierher 
;u bitten, ohne damit der hiesigen Polizei zu nahe treten 
;u wollen." 
„Sie hätten nichts Besseres tun können," sagte der 
Wachtmeister. „Haben Sie irgendeine Ahnung, wie es dem 
Mörder möglich war, ins Haus zu gelangen?" 
Trenkley befeuchtete seine trockenen Lippen mit der 
Zunge. „Ja, die glaube ich allerdings zu haben," versetzte 
er hastig. „Ich ging um das Haus herum, während ich 
auf die Herren wartete, und fand, daß ein Fenster im 
Billardzimmer nur angelehnt war. Die Dienerschaft ver 
sichert, daß es gestern abend geschlossen war, und so kann 
ich mir nur denken, daß man den Riegel durch Einschie 
bung eines Messers von außen geöffnet hat." 
„Na, von innen wohl nicht," lachte Black lustig, 
während seine großen Augen den Erzähler scharf musterten. 
„Aber," fügte er hinzu, sofort wieder ernst werdend, „hier 
kommt der Doktor. Ich hoffe, Herr Doktor, Sie bringen 
uns nicht das Schlimmste I" 
Der ernst aussehende Herr in mittleren Jahren, der 
die ■ Bibliothek betreten hatte, schüttelte leise den Kopf. 
„Sir William lebt noch, aber das ist auch alles, was ich 
Ihnen sagen kann, meine Herren. Ich fürchte, der Fall 
ist hoffnungslos, aber ich habe sofort nach London tele 
graphiert und einen unserer ersten Chirurgen gebeten, zu 
einer Beratung hierherzukommen. Unterdessen werde ich 
alles tun, was in meinen geringen Kräften steht. Ich 
muß sofort wieder zu meinem Patienten, aber ich wollte 
Ihnen nur sagen, daß der Stich, der die linke Lunge ver 
letzte und beinahe das Herz getroffen hätte, entschieden 
mit der Absicht beigebracht wurde, Sir William zu töten." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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