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Periodical volume Nr. 32, 06.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

MdkMtt tsKul-Aorkizer. 
(Frirdenaner 
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Nr. 9S. 
Berlin-Friedenau, Donnerstag, den 6. Februar 1913. 
rr0. Iahrg. 
Depeschen- 
Letzte Nachrichte». 
Konstantinopel. Gestern früh entspann sich zwischen 
zwei bulgarischen Regimentern und türkischen Truppen 
bei Kavaklilöpö auf der Halbinsel Gallipoli ein Kampf, 
der noch heute andauert, und über dessen Verlauf noch 
nicht« bekannt ist. 
Konstantinopel. Rodosto am Marmarameer ist 
von den Türken bombardiert worden. Die Bulgaren haben 
Rodosto geräumt. Bet Myciophito, gleichfalls am Mar 
marameer, etwa 35 Kilometer südwestlich von Rodosto, 
hat daS türkische Kanonenboot ,Zohas" die bulgarischen 
Stellungen beschossen, wobei 400 Bulgaren gefallen sein 
sollen. Die Bulgaren haben sich von der Tschataldscha- 
linie nach Tscherkeßköi zurückgezogen, wo sie eine starke 
Verteidigungsstellung innehaben. Auf dem Rückzüge haben 
sie das Dorf Jzzidtnköi, dar dicht bei den türkischen 
Schützengräben liegt, in Brand gesteckt. 
Konstanttnopel. Die Kämpfe dauern auf der 
ganzen Linie fort. Besonder« heftig sind sie um die 
Ostsorts von Adrianopel. Bet dem gestrigen Bombardement 
von Adrianopel, das noch am späten Abend fortdauerte, 
sollen, wie sunkentelegraphische Meldungen von dort be 
sagen, neun Einwohner durch bulgarische Granatschüsse 
gelötet und zehn verwundet worden sein. Zwei Stadt 
viertel wurden in Brand gesteckt. 
München. Hier hat sich ein deutscher Schutzverband 
gegen die Fremdenlegion unter dem Präsidium de« Fürsten 
Sann-Wtttgenstein gebildet. Der Verband ist entschlossen, 
ÜBl erbitterten Feldzug gegen die Fremdenlegion zu 
organisieren, damit Frankreich ln Zukunft sein» Kolonien 
nicht mehr mit deutschen Söldnern erobert. 
Nizza. Bon der Sicherheitspolizei in Nizza sind 
drei Deutsche in dem Augenblick verhaftet worden, al« sie 
den österreichischen Hauptmann Karl Wondrak beim Karten- 
spiel mit gezinkten Karlen um dt« Summe von 6000 Fics. 
gerupft hatten. Die Verbrecher, die sehr elegant auftraten, 
sollen bereit« mehrere Opfer gefunden haben. E« handelt 
sich um den 34 Jahre alten Berliner Otto Schulz, den 
gleichfalls au« Berlin gebürtigen, jetzt aber in London an 
sässigen Gustav Wolff und den Kölner Wilhelm Klauben. 
London. Die indische Stadt Tatka Sing steht in 
hellen Flammen. Da« Feuer brach bereit« vor drei Tagen 
au«, und ganze Stadtzüge wurden in Schutthaufen oer- 
wandelt. Die Feuerwehren von Haiderabad und Karachi 
leisteten Uebermenschltche«. Verluste an Menschen werden 
nicht gemeldet, aber der Sachschaden soll ganz beträchtlich sein. 
London. Ein au« San Salvador, Mittelamerika, 
eingegangene« Telegramm berichtet, daß am Montag abend 
ein Versuch gemacht wurde, den Präsidenten Araugo zu 
l)er Staatsanwalt. 
“ Boa H. $Ut 
26. PUM ettlitak) 
Und nicht nur das Grübeln über dieses Rätsel ver 
darb Julius heute die Laune, es kamen auch noch andere 
Umstände dazu, die sein Gleichgewicht störten. Lady Graß- 
man war heute gar nicht wohl, und so war es ihm un 
möglich, eine Unterredung mit seiner Verbündeten zu 
suchen. Denn die heitere junge Gesellschafterin war heute 
fortgesetzt an das Krankenzimmer ihrer Herrin gefesselt, 
und Julius vermißte den kleinen, munteren Kameraden 
außerordentlich. 
Ueberdies fiel es Julius auf, daß Sir Williams Be 
nehmen ihm gegenüber sich vollständig geändert hatte, 
seitdem er gestern um Urlaub gebeten, ohne eine Erklärung 
zu geben warum. Wohl war der Staatsanwalt höflich, 
aber er vermied jedes vertrauliche Wort, und zeigte auf 
fallende Vorliebe für die Gesellschaft des Herrn Trenkley, 
während er mit Julius nur die allernötigsten Worte 
wechselte. 
Wäre Julius nicht so tief beunruhigt gewesen, so 
hätte er sich entschieden über das Benehmen des Privat 
sekretärs höchlichst amüsiert. Diesem war es natürlich auch 
nicht entgangen, daß Julius aus irgendwelchem Grunde bei 
dem Chef in Ungnade gefallen war, und er zeigte sich 
nun als der richtige Speichellecker, der er war, sich über 
hebend gegen den Mann, der das Mißvergnügen des Vor 
gesetzten erregt hatte, und außergewöhnlich untertänig, 
sogar kriechend gegen den Staatsanwalt selbst. 
Trotzdem versäumte Julius nicht seine Pflichten. Den 
ganzen langen Tag ließ er in seiner Wachsamkeit nicht 
nach, verlor Sir William niemals aus den Augen, wenn 
dieser das Haus verließ und beobachtete jeden, der sich 
der Villa näherte. Aber nichts deutete darauf hin, daß 
die Villa das Ziel einer Verbrecherbande war, die es auf 
das Leben des Hausherrn abgesehen hatte. Im hellen 
ermorden. Der Präsident wurde mehrfach verwundet, aber 
nicht lebensgefährlich. Mehrere der Attentäter wurden ver- 
haftet, und einer, ein Guatemale. bekannte, daß die Ver 
schwörung in der Hauptstadt deS Nachbarstaates Guatemala 
auSgehickt worden sei. 
Was uns in Iriedenau noch Ml! 
(Schluß.) 
Wenn wir nun dem Plan der Errichtung einer 
,Neuen westlichen Vororts - Volksbühne" — rin etwas 
langer Titel, der sich wohl noch kürzen läßt — näher 
treten, so ergeben sich für die Gründung einer solchen 
mehrere Möglichkeiten. 
Die einfachste und bequemste wäre, wie schon gesagt, 
die eines SiadttheaterS. Leider soll dieser fromme Wunsch 
bei unserer Gemeindevertretung wenig Aussicht auf Erfolg 
haben; denn eS genügt hierzu nicht allein der gute Wille 
eine« kunstliebenden und kunstverständigen Stadtparlaments, 
sondern rS müssen auch Gelder vorhanden sein zur Br- 
willigung der 1. Hypothek — meist eine städtische Spar- 
lasse — und außerdem »in Reservefonds für öffentliche 
Kunstzwrcke, der zur Deckung der übrigen notwendigsten 
Ausgaben dient. Diese gesamte Finanzierung ist zwar 
keineswegs so schlimm, wie sie hier auf dem Papier aus 
sieht und für den betreffenden Stadtsäckel überwiegt der 
allgemeine Nutzen bald die aufgewendeten Ausgaben. 
Da ist z. B. der verstärkte Zuzug bessersituierter 
Bürger, die gesteigerte Fnquenz aus den Nachbarorten 
und da« dadurch vermehrte Einkommen der ansässigen 
Kaufleute und Industriellen, wa« deren Steuerkraft erhöht 
und so dem Stadtsäckel wieder zufließt. In unserem Falle 
müßte aber wohl außerdem, falls da« Theatergebäude an 
der Frtedenauer und Steglitzer Grenze zu stehen käme, auch 
die Steglitzer Gemeinde, welche ja den gleichen Vorteil 
hätte, sich ebenfall« zu gleichen Teilen an der Gründung 
beteiligen. Und da» diese Einigkeit je erzielt werden 
sollte, ist leider schwer anzunehmen. E« bliebe uns also 
nur noch die andere Möglichkeit, nämlich die, der privaten 
Wohltätigkeit-gründung unter dem Protektorat der 
Gemeindeverwaltung und wir könnten dann auch von 
einem Friedenauer Volkstheater, oder besser, falls eS zu 
lässig, -Stadttheater reden, wa« bet jeder Reklame für 
unseren Ort sehr viel au«machen würde. Auch wäre diese 
Gründung keine-weg« so schwierig, wie hier ansang» an- 
genommen wurde. Um diesen Plan auszuführen, müßte 
sich eine größere Anzahl angesehener Bürger, die von dem 
hohen ethischen und sozialen Wert einer idealen Volksbühne 
durchdrungen sind, zusammentun und eine Vereinigung 
bilden. Diese Bereinigung müßte Aufrufe erlassen mit der 
Aufforderung zur Zeichnung von Beiträgen in der Form 
von Anteilscheinen, welche mit dem Diskont unserer Groß- 
Sonnenschein lag sie da inmitjen ihres gutgehaltenen 
Parks, ihrer grünen Rasenplätze und bunten Blumen 
beete, das Bild eines friedlichen englischen Heims. 
Endlich ging auch dieser lange Tag zu Ende, und 
wenn auch Julius der Lösung des Rätsels nicht näher 
gekommen war, so fühlte er sich doch erleichtert, als sein 
Chef und der Privatsekretär sich für die Nacht zurück 
zogen. Er selbst hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sein 
Bett erst aufzusuchen, wenn sämtliche Bewohner der Villa 
chlafen gegangen waren. Er pflegte dann erst nachzu- 
ehen, ob alle Türen und Fenster ordnungsgemäß ge- 
chlossen und alle Riegel vorgelegt waren. Er ging noch 
einmal alle Korridore ab, und häufig blieb er noch im 
Finstern sitzen, um zu horchen, ob sich vielleicht irgendwo 
Eindringlinge bemerkbar machten., Kurz, er tat alles, was 
ihm als Wächter oblag, ehe er sich in sein Schlafzimmer 
zurückzog, das neben dem Sir Williams lag und durch 
eine Tür mit diesem verbunden war. 
Heute abend war er durch die gestrigen Vorgänge 
und das fortgesetzte Nachdenken darüber, wie er den In- 
spettor verhindern könne, zu Olivia vorzudringen, der 
artig aufgeregt, daß er seine Nachtwache länger aus 
dehnte als gewöhnlich. Er stellte sich vor, daß jetzt die 
Zeit gekommen war, wo Inspektor Black in Beaconsfield 
ankam und sich in das „Hoiel zum Ochsen" begab, und 
dieser Gedanke wirkte durchaus nicht beruhigend auf seine 
Nerven. Er fühlte, daß er doch nicht schlafen könne, 
wenn er jetzt zu Bett ginge, und hielt es daher für das 
beste, länger als sonst aufzubleiben. Vielleicht zeigte sich 
irgend etwas, so daß sein Aufbleiben nicht umsonst war. 
Aber es blieb alles still, und so suchte er denn um halb 
zwei sein Schlafzimmer auf. Doch auch jetzt ging er noch 
nicht zu Bett, sondern zündete sich eine Pfeife an, und 
begann noch einmal ernstlich über das nachzudenken, was 
ihn den ganzen Tag beschäftigt hatte, nämlich wie er sich 
Black gegenüber verhalten solle. . 
Das Zimmer war nur durch die Kerze erleuchtet, die 
er von unten mit herausgebracht hatte, .gber diese mußte 
banken zu verzinsen wären und außerdem zur Vorbe 
stellung von Abonnements einladen mit der Vergünstigung, 
daß dieselben die besten Plätze erhalten. 
Die Protektion, oder besser gesagt, die Ueberwachung 
der Kommunaloerwaltung aber dient dazu, das Vertrauen 
der großen Menge zu stärken, daß ihre Gelder auch ge 
wissenhaft angelegt und verwaltet werden. 
DaS Schwierigste in diesem Falle wäre die Be 
schaffung der Hypotheken, doch dürften auch diese sich mit 
Bestimmtheit finden, sobald nur die Höhe der Zeichnungen 
einen genügenden Fundu» für d''e Sicherheit des gesamten 
Unternehmen« bietet und die Zahl der Abonnenten den 
genügenden Besuch deS Theaters garantiert. 
Dann aber wäre auch bei einem solchen Unternehmen 
kein Risiko mehr, denn die gezeichneten Anteilscheine kämen 
nicht eher zur Verwertung und müßten so lange auf einer 
Großbank verzinslich hinterlegt bleiben, bi« I. die ge 
nügende Höhe zur Sicherung des Unternehmen« erreicht 
wäre, II. die genügende Anzahl Abonnenten sich gemeldet 
haben. III. die erste und zweite Hypothek beschafft sind 
und IV. die Behörde die Konzession zum Beginn de« 
Baue» erteilt hat. Ehe nicht diese 4 Punkte gesichert sind 
dürste wie gesagt von dem Gelde der Anteilscheinzeichner 
kein Pfennig verwendet werden und müßte dasselbe in 
sicherem Verwahrsam der Großbank unter Ueberwachung 
der Stadtverwaltung verbleiben. ' 
Vor dem Beginn de« Baue« lassen sich bei einem 
solchen volkstümlichen Unternehmen, wo der ständige, volle 
Besuch durck die Zahl der Abonnenten und diese 
wiederum durch die enorme Billigkeit garantiert ist, 
durch tüchtige Fachleute die Berechnungen derart festlegen, 
daß eine absolut gesicherte Basis für da« Bestehen de« 
Ganzen außer Zweifel steht. Viele internere Einzelheiten, 
als da sind, Verpachtungen deS RestauratS, der Garderobe, 
der Theaterzettel oder deren Reklameteil usw. müssen einer 
späteren Besprechung verbleiben. 
Jedenfalls würde sich für die Zeichner der Anteil 
scheine, neben der Förderung deS edlen Zweckes auch 
immer noch eine sichere und lukrative Kapitalsanlage er 
geben, wenn dieselbe auch niemals, wie eingangs erwähnt,- 
zu einer geschäftlichen Ausbeutung ausarten dürfte und 
sich auf eine 5proz«ntige Dividendenvertetlung beschränken 
müßte. 
Sehr viele werden die vorstehenden Ausführungen für 
zwecklos halten und da« Ganze al« unerreichbare Fantasie 
belächeln. Wo aber der rechte, feste Wille ist und wirk 
liche Liebe zur dramatischen Kunst, wo sich ernste Männer 
mit Kraft und Begeisterung an« Werk machen, da wird e« 
bei einiger Ausdauer und Geduld auch sicher gelingen. 
Und solche Männer mögen ihre Adresse freundlichst an die 
Geschäftsstelle diese« Blatte« senden, um da« Nähere zu 
erfahren. LI. Q-. 
doch einen genügenden Schimmer durch die herabgelassene 
Jalousie dringen lassen, daß man von draußen bemerken 
konnte, er sei jetzt in dem Zimmer anwesend. Und es 
mußte sich draußen jemand befinden, der so viel Kenntnis 
von den Wohnverhältnisse^ der Villa besaß, daß er wußte, 
daß das Licht aus dem Zimmer des jungen Arztes drang. 
Denn kaum hatte er sich niedergesetzt, als ein Kieselstein, 
so geschickt geworfen, daß er nur ein ganz leises Geräusch 
verursachte, gegen das Fenster flog. 
Julius liebte frische Luft, und seinem Wunsch gemäß 
stand das Fenster halb offen. Er brauchte daher nicht zu 
fürchten, durch Oeffnen desselben den nebenan schlafenden 
Staatsanwalt zu stören. Leise ging er durch das Zimmer, 
zog die Jalousie vorsichtig ein Stückchen hoch und schaute 
hinaus. 
Im selben Augenblick flog ihm ein zusammengefaltetes 
Papier entgegen, das in ein gespaltenes Stückchen Holz 
gesteckt und mit großer Geschicklichkeit herausgeworfen worden 
war. Er schaute hinaus, um zu sehen, ob der Bote unten 
warte. Aber trotz des Mondscheins konnte er auf dem kies 
bestreuten Pfad unter dem Fenster niemand sehen, wohl 
aber bemerkte er, wie sich eine schattenhafte Gestalt über 
den Rasen davonschlich, ängstlich bemüht, im Schutz der 
Gebüsche zu bleiben. 
Er trug den Brief in den Bereich seiner Kerze, öffnete 
ihn und las: 
„Geliebter meines Herzens! 
Komm' zu mir, sobald du kannst. Ich bin in grosser 
Verzweiflung. Wenn du nicht kommst, ehe der Tag an 
bricht, so sterbe ich vor Angst. Es ist gestern etwas Neues 
geschehen. Komm nicht an den Haupteingang, sondern 
an die kleine Tür unter dem Bogenfenster im westlichen 
Flügel. Ich schicke dies durch einen zuverlässigen Boten, 
der dich auch einlassen und zu mir Mren wird. Ich habe 
so viel Vertrauen zu deiner Liebe, daß ich ihm gesagt 
habe, er solle nicht auf Antwort warten. Vergib mir, 
mein Liebster, daß ich diese geheimnisvolleBotschait
        
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