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Periodical volume Nr. 31, 05.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

reichen nicht au», um auf eine solche Fülle von Glück« 
wünschen, wie ich sie zu meinem 70. Geburtstag von allen 
Seiten empfangen habe, persönlich zu antworten. Bär 
allem auS den Kreisen de» Deutschen Sprachvereins bin 
ich von den Mitgliedern des Gesamtvorstandes wie von 
den Zweigvereinen und Einzelmitgliedern mit so vielen 
Zeichen von Freundschaft und Liebe überschüttet worden, 
daß ich alle, die meiner so gütig gedacht haben, — jeden 
einzeln — bitten darf, den Ausdruck meine« allerherzlichsten 
Dankes hiermit entgegenzunehmen. 
o Die söge«, „kleine Droschke", welche nur Platz 
für zwei Personen bietet, und daher leichter und schneller 
ist, alS viersitzige Wagen, deren Rücksitze häufig nur Nls 
tote« Gewicht mitgrführt werden, hat sich so gut bewährt, 
daß die Einstellung weiterer Droschken diestS Typs von 
der Verkehrsabteilung des Poltzet-PräsidtumS genehmigt 
worden ist. Wie wir hören, sollen zunächst 25 Kleine 
Droschken" zugelassen und demnächst in den Betrieb ein 
gestellt werden. Von den bisher im Verkehr befindlichen 
Wagen dieser Art unterscheiden sie sich dadurch, daß der 
zweite Sitz neben den Führerplatz fortfällt und dieser 
Raum dann zur Unterbringung kleiner Gepäckstücke einge 
richtet wird. 
o Die Witterung im Februar soll eine ziemlich 
veränderliche sein. Nach den Mondvierteln soll sich mit 
dem Neumond (6.) regnerisches und windiges Wetter ein 
stellen. Erstes Viertel den 14., läßt Heller und kalter 
Wetter vermuten. Vollmond den 21., wird rauh und 
kalt. Letzter Viertel den 27. tritt mit Tauwetter ein. 
o Firmeneiutragnug. Nr. 40 558. Bosse & 
Rößler, Gesellschafter sind: Franz Bosse, Kaufmann und 
Erich RöSler, Kaufmann. Offene Handelsgesellschaft, welche 
am 28. Januar 1913 begonnen hat. 
o Friedeuauer Bürgerverein. In der Haupt- 
Versammlung deS BürgeroereinS, die gestern Abend tm 
„Hohenzollern" stattfand, wurde zunächst der vom Schrift 
führer Herrn Sekretär Pietsch verlesene Verhandlungsbericht 
der letzten Versammlung ohne Einspruch genehmigt. Darauf 
machte der Vorsitzende einige Mitteilungen, VereinSetn- 
ladungen, die bereit- erledigt sind, und gab Kenntnis von 
einem Schreiben des Herrn Dr. Tänzler, der darin be 
merkt, daß er wegen Erkrankung in der Versammlung 
nicht erscheinen könne. Es wurden hiernach 8 neue Mit 
glieder aufgenommen. Der Vorsitzende berichtet dann über 
daS verflossene Geschäftsjahr: Im Mittelpunkt deS Jahres 
standen die Wahlen zur Gemeindevertretung, die ein für 
den Verein günstiges Ergebnis gezeitigt haben, indem alle 
von den beet maßgebenden Vereinen aufgestellten Kandi- 
baten auch gewählt wurden. Aus dem Vorstande deS 
BürgeroereinS sind 3 Herren in die Gemeindevertretung 
gekommen. Dadurch sei die Arbeit F füc die Betreffenden 
kolossal oewackisen; die vielen Sitzungen usw. nehmen jeden 
sehr in Anspruch, er fei ihnen eine Arbeit erstanden, die 
auf die Dauer raum zu tragen fein wird und er wisse nicht, 
ob da das eine oder das andere Amt nicht darunter leiden 
müsse. Weiter gab der Vorsitzende Bericht über die vom 
Verein im Laufe des JahreS veranstalteten Versammlungen 
und Besichtigungen. Er bemerkte u. a., daß sich Herr 
Ingenieur Platzmann bereit erklärt hätte, kurz vor Er 
öffnung der WilmerSdorfer Untergrundbahn, die Mitglieder 
deS BürgeroereinS in besonderen Wagrnzügen über die 
ganzen Strecke der neuen Schnellbahn zu fahren. Dieses 
Angebot sei dankbar angenommen worden. Der Vorstand 
hielt zahlreiche Sitzungen ab und auch die Mit 
gliederzahl der Verein« habe sich in befriedigender Weise 
erhöht. Der BllrgerkommerS habe in diesem Jahre 
mangels einer geeigneten Saales am Geburtstage deS 
Kaisers leider nicht stattfinden können. Der Vorsitzende 
bedauert dies außerordentlich und verlas auch den Schrift 
wechsel mit dem Gemeindeoorstand um Genehmigung einer 
Aula für den BllrgerkommerS. Der Gemeindevorstand 
habe jedoch alle Anträge abgelehnt und nur die Turn 
hallen zur Verfügung gestellt. Diese seien jedoch für eine 
derartige Feier nicht geeignet und so mußte in diesem 
Jahre auf die Abhaltung eines BürgerkommerseS ver 
zichtet werden. Der Vorsitzende bat zum Schluß seine Be- 
richteS die Mitglieder, rege mitzuarbeiten für den Verein 
und allgemein interessierende Fragen selbst zur Besprechung 
zur bringen. Ueber die Kassenverhältnisse berichtete der 
Kassenprüfer Herr Wittig. Die Einnahmen betrugen 
460,70 M., die Ausgaben 335,30 M., sodaß ein Bestand 
von 125,40 M. verbleibt. Er bat, den Kassensührer zu 
entlasten. Die Entlastung wurde erteilt, ebenso wurde 
auch dem Gesamtoorstand die Entlastung erteilt. Die 
satzungsgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die 
Herren Dr. Tänzler, Kühn und Mißfeldt wurden darauf 
wiedergewählt. Ein Antrag der SchutzoerbandeS für dir 
Grunewaldseen, um Beitritt deS BürgeroereinS mit 
einem Jahresbeitrags von 30 M., wurde noch auf die 
Tagesordnung gesetzt. Herr Dr. Badt befürwortete den 
Beitritt. Die Herren Schwartz, Kalkbrenner, Willig und 
Kühn stimmten grundsätzlich den Ausführungen deS Herrn 
Dr. Badt zu, glaubten jedoch, daß die sehr schwache Vcr- 
einSkasse den dauernden hohen Beitrag nicht werde auf 
sich nehmen können. Anträge auf Ablehnung und Ver 
tagung wurden hinfällig, als ein Mitglied erklärte, den 
Beitrag zum Schutzoerband für den Bürgerverein auf 
bringen zu wollen. Dieser Angebot wurde dankend an 
genommen. Ebenso stimmte man für den Antrag des 
Herrn Kalkbrenner, den Gemeindevorstand zu ersuchen, 
einen Beitrag für den Schutzverband zu bewilligen. Man 
kam darauf zu der Besprechung über die Landkranken- 
kasse. Den Bericht hierüber hatte Herr Dr. Badt über 
nommen. 
Dies» führte einleitend aus, daß in letzter Zeit viel Falsches über 
die Landkrankenkafle in Wort und Schrift vorgebracht »orden sei. Er 
habe sich eingehend mit der neuen ReichSverflcherungsordnung bc- 
fchüftigt und möchte nun an der Hand des neuen Gesetzes in sachlicher, 
objektiver Weise berichten. Unter Anführung der betr. Paragraphen 
der RelchsverficherungSordnung gab der Bortragende ein anschauliches 
Bild über die neuen Bestimmungen für das Krankenkafferwelm. Er 
erläuterte zunächst die Zuständigkeit der Landkrankenkafsen; vni den 
4 Gruppen, die dieser Kaffe zugeteill sind, interesfiert für Friedenau 
in r dle eine Gruppe der Dienstboten. Man könnte daher vielleicht 
richilger von einer »Dienstboten Versicherung" sprechen. Die Alt der 
Verwaltung hab« bei der nüchternen Betrachtung nicht mitzusprechen, 
da« seien polnische Ansichten, hier gelte nur die rein praktische Frage 
und da treffe die Landkrankeukafic alo Diensibotenkrankenkaffe gerade 
da« rechte. Er bespricht näher die Zuständigkeit der Allgemeinen 
Ortskraukcnkaffen und kommt daun zu den Rechten der einzelnen 
Gemeinden. Nicht die Gemeinden haben darüber zu entscheiden, 
sondem die ObcrverficherungSämter nach Anhörung der VerficherungS- 
ämter. Die Stadtkreise haben eigene verficherungöämter, darum seien 
diese bereits gefragt worden. Der Kreis Teltow habe ferner ebenfalls 
ein BcrsicherungSamt und in diesem Kreise haben noch besondere. Ber- 
ficheruugstürter die Gemeinden Steglitz und Köpenick. Denn also für 
das Vcrficherungsamt de- Kreises Teltow die Errichtung einer Land- 
krankenkaffe angeordnet wird, so gehört ihr Friedenau ohne weiteres 
zu. DaS Oberversicherungsamt kann aber nach § 229 nach Anhörung 
der VersicherungSpfllchtigen das Bedürfnis zur Errichtung einer Sa«d- 
krankenkaffe ablehnen. DaS Recht der Entscheidung habe also nur 
daS Qberverstchcrungamt. Die ganze Besprechung in der Gemeinde, 
veriretunq hatte also nur rein akademtsch-theorettschen Wert. Allgemein« 
OrtSkrankenkaffe und Landkrankenkafle seien nicht atS gleichwertige 
Anstalten nach § 261 anzusehen. Die Berwaltung der Landkranken« 
kaffe sei ihm auch nicht sympathisch, doch daS sei reine Gefühlssache. 
Die BeitragSbcrechnung kann nach dem Einkommen odrr nach dem 
OrtSlohn geschehen. Die Allgemeine Ortskrankcnkasse kann die 
Bestimmung derverechnungnachdemOrislohnebenfallSln ihreSatzungeu 
aufnehmen. Der OrtSlohn wird alle 4 Jahre für die einzelnen 
Bezirke durch Veröffentlichung im Amtsblatt festgesetzt. Diese Be« 
rechnuvg nach dem O:töl»hu läßt das Gesetz als eine unsoziale Ein 
richtung erscheinen. Doch hat man zu entscheiden zwischen gewerb 
lichen Arbeitern und Dienstboten, deren Entschädigung doch nicht nur 
in Bargeld erfolgt. Der gewerbliche Arbeiter muß ein Krankengeld 
erhalten, da er auch für seine Verpflegung aufzukommin hat. Für 
dle Dienstboten ober sei die Landkrankenkafle außerordentlich geeignet. 
Der w/seutllche Unterschied zwischen Allgemeiner OrtSkrankenkaffe und 
Laudkrauktiikaffe bestehe in der erweiterien Krankenpflege. Die erstere 
Kaffe kann, die Landkrankeukcffe muß Krankevhaurpfiege gewähren 
und darin liege der große Borteil. Wenn eine gewerbliche «rbeiterln 
erwerbsunfähig wird, so kann sie trotzdem zu Hause ihre Wirtschaft 
besorgen. Die ErwerbStLtigkeit deS Dienstboten aber fei die Wirtschafte« 
sührung. Würde ein Dienstmädchen bei Erwerbsunfähigkeit eine kletneHand- 
reichung machen, fo kövne dieS schon als Beschäftigung angesehen werden. 
WaS soll aber eine Herrschaft mit einem erwerbsunfähigen Mädchen im 
Hause? Die Krankenkaffe hat mit Recht die Uebcrführung ins Kranken 
haus in nicht schwierigen Fällen abgelehnt. Die Landkrankenkafle aber 
wird die erwerbsunfähigen Mädchen ine Krankcnbaus schaffen muffen. 
Redner kam noch auf den Abonnementsverein zu sprechen, Ucnn 
dieser nicht anerkannt würde, so könne er nur als Rückversicheruug 
gelten. Diese Rückoerficherung würde aber nicht von drr Kranken»»- 
ficherungSpfücht befreien. Wird aber der Abonnementsverein aner 
kannt, daua fliegt die Landkrankeukaffe ohne weiteres auf. Er habe 
den genauen Kennerder ReichSversicheruvgSordnuvg, den Abgeordneten 
Mugdan befragt, ob denn die Möglichkeit bestände, baß wenn die 
Landkrankenkafle nicht zum 1. Januar 1914 errichtet werde, fie noch 
«päter eingerichtet werden könne. Darüber konnte aber auch der 
betreffende Abgcordncte keine Auskunft geben. DaS sei eine große 
Lücke tm G.'setz. Herr Dr. Badt kommt zum Schluß, baß die Linb- 
krankeukaffe nicht gegen daS Jntenfle derDIenstmädchcn spreche, 
unbedingt aber für daS Ss.ftr«ff« der Dienstherrschaft, da die 
Landkrankenkafle niedrigere Geiträqe (er habe 24 M. berechnet) er« 
heben werde, alS die Allgemeine Ortikrankenkaffe. Ec betonte noch, 
daß er vom ärztlichen Standpunkt durchaus kein Jatereffe an der 
Sache habe. Sondern nur nach der praktischen Frage auf 
Grund deS Gesetzes geurkeitt habe. Der Vorsitzende dankte dem 
Berickterstatter und verlas den folgenden Brief des-Herrn Mar 
Davidsohn. 
Um den von mehreren Selten aufgestellten Behauptungen, daß 
die Friedcnnuer OrtSkrankenkaffe sich in fczialdemokiatischen Händen 
bistave, entgegen zu treten, erkläre ich Folgendes: Der Herr GeschiflS- 
führer, deffcn Befugnisse sehr beschränkt find, ist in den Vorstands- 
sitzungen nicht stimmbkrcchtrgt. Der Vorstand besteht u. a. auS zwei 
Arbeitgebern, bis Ende 1912 aus dem Prokurist der Akt.-Gef. Goerz, 
Herrn Möser, und meiner Person, seit Anfang d. IS. aus dem Ge- 
meinde-Beamten Henn Schulz und meiner Person. Diesen drei 
Personen wird doch wohl Niemand im Ernst Zugehörigkeit zur sozial« 
demokratischen Partei zumuten. Ferner gehören dem Vorstand vier 
Arbeitnehmer an. Auch diese vier Herren muß ich dagegen in Schutz 
nehmen, daß dieselben sich jemals von ihrer politischen Gesinnüna, über 
die ich übrigens mit denselben niemals gesprochen, in den Vorstands, 
sitzungen haben leiten taffen, sondern auch diese Herren haben stets 
gemäß den Gesetzes- und Statuten-Besttmmungen, die behördlich ge 
nehmigt und genau präzisiert find, ihre Beschlüffe gefaßt und zwar 
stets in voller jUebercinsttmmung mit den Arbeitgebern. Demnach ent 
spricht jene Behauptung nicht den Tatsachen. Ebenso Ist eS unwahr, 
daß auf Bestellung der hiefigen OrtSkrankeukaffe durch die Druckerei 
oder durch die Buchhandlung deS „BorwäklS" Drucksachen oder Schreib« 
Materialien geliefert sind. 
Herr Etraßenmeister Schulz bestätigte die Angaben deS 
Herrn Davldsohn. ES folgte nun eine rege Aussprache über 
die Landkrankenkasse, in der die Herren Kalkbrenner, Wittig, 
Schwarz, Kuhn und Prof. Fernbach manchen AuSsührungen 
deS Herrn Dr. Badt widersprachen. Besonders bezweifelt 
wurde, daß die Beiträge bei der Landkrankenkasse geringer 
sein werden, als bet der OrtSkrankenkaffe, wenn die 
Leistungen der Landkrankenkasse durch erweiterte Kranken 
pflege, wie Herr Dr. Badt sagte, höher sein sollen. Herr 
Kalkbrenner betonte auch, daß durch die Landkrankenkasse 
wieder neue Beamtenstellen geschaffen werden und man 
diese Ausgaben doch auch mit berücksichtigen müsse. Außer 
dem sei er entschieden dagegen, daß man der OctSkcanken- 
kasse die guten Risiken entzöge, nur um den Herrschaften 
die Beiträge eoentl. zu ermäßigen. Die Allgemeinheit soll 
teilnehmen und verpflichtet sein für die sozialen Ein 
richtungen. Warum wolle man die Gewerbetreibenden 
belasten zu Gunsten anderer Klassen. Wenn gesagt werde, 
die Landkrankenkasse müsse jedes erwerbsunfähige Mädcher 
inS Krankenhaus schicken, so sage er: so viele Kranken 
häuser gibl's ja garnicht. Herr Dr. Badt antwortete aus 
die verschiedenen Ausführungen und hielt seine Ansichten 
ausrecht. Zu einer Beschlußfassung kam eS nicht. Herr 
Schwartz regte dann noch an, daß im Bllrgeroerein ebenso 
eingehend über kommunale Fragen gesprochen werden 
möge, wie eS am Montag in einem politischen Verein ge 
schehen wäre. Die Versammlung wurde darauf gegen 12 Uhr 
geschlossen. 
o Die Ortsgruppe Berliu.Friedenau de« 
Deutsche« FlotteuvereinS veranstaltet im Festsaal deS 
ReformrealgymnasiumS ihren 4. UnterhaltungSäbetrd. Nach 
dem der Vorsitzende, Herr Prof. Steig in warmen Worten 
des verstorbenen Admirals Hollmann, Vorsitzender des 
HauptauSschusseS für Berlin-Branderburg, gedacht, ergriff 
der frühere Chef deS Admiralstabes, Herr Admial ä Ja 
suite d. S. O. K. Büchse!, daS Wort zu seinem Vortrag: 
Deutsch-EnglischkS. England, so führte er auS, obwohl 
ein unS nahe verwandtes Land, steht noch im schärfsten 
Interessengegensatz zu unS. Seit der Zeit der Königin 
Elisabeih, seit dem 16. Jahrhundert also, ist England in 
ununterbrochenem Vorgehen, in ununterbrochenem Aus 
breiten feiner Weltmacht begriffen. Alle die alten Kolonial 
reiche, Spanien, Holland. Frankreich wurden in blutigen 
Kriegen niedergerungen und von der See verdrängt. Die 
Mitte des 19. Jahrhundert« krachte England auf die Höhr 
seiner Macht, in den unbestrittenen Besitz der Seeherrschaft 
der Erde, eine Stellung, die England benutzt hat und 
weiter benutzt, um dar politische SchiedSrichtertum in allen 
WelthLndeln auszuüben. In dieser unbestrittenen Ober 
herrschaft sieht sich England in zwei Staaten gestört, 
Deutschland und Rußland. DaS Vorgehen der letzteren 
Macht im fernen Osten, vor allem aber dar Erstarken 
Deutschlands verfolgt man in England mit ebenso wach 
samen wie mißtrauischen Augen. Seit Mitte deß 19. 
Jahrhundert- arbeitet die englische Politik mit Ziel- 
bewußtsein gegen unS. Vom dänischen Krieg 1864 bis zu 
den Marolkohändeln, immer ist die Hand der englischen 
Diplomatie im Spiele, die Karten gegen unS zu mischen. 
Unserm Kaiser verdankt daS deutsche Volk, daß ihm die 
Augen über die drohende Gefahr geöffnet, daß ihm durch 
daS Flottengesktz von 1897 die Grundlage einer starken 
Wehr zur See gegeben wurde. Deutschland wird zwar 
seine Flotte niemals zum Angriff gegen England aus 
nutzen, ihr bloßes Vorhandensein genügt schon, ganz außer 
ordentliche englische Seestreitkräste zu binden. Für Eng 
land gibt «s nun mehrere Wege, seine Alleinherrschaft zu 
sichern. Der Nächstliegende ist, Deutschlands Macht zu 
brechen und zu vernichten. Selbst ein Sieg über Deutsch 
land aber wild England solche Opfer kosten, daß seine 
Vormacht dadurch erschüttert wird. Ein zweiter Weg ist, 
immer mehr Schiffe zu bauen, gegen ein deutsches drei 
englische. Auch hier gibt er Grenzen. Die Statistik zeigt, 
daß der englische Schiffbau mit dem deutschen tm Ver 
hältnis nicht Schritt hält. England hat in den letzten 10 
Jahren seine Schlachtsiotte nur um ein einziges Linienschiff 
vermehrt; alle anderen Neubauten waren Ersatz für ältere 
Schiffe. Deutschland dagegen stieg von 15 Linienschiffen 
tm Jahre 1902 auf 28 im Jahre 1912. In Panzer 
kreuzern ist England jedoch weit voran: es steigerte seinen 
Bestand von 24 (02) aus 39 (12), Deutschland von 4 auf 
11. Die Zahl der Geschützten Kreuzer ging — wegen 
Leutemangel l — in England von 100 (1902) auf 67 
(1912) zurück, während wir von 16 auf 34 stiegen. Um 
Deutschland immer weiter zu übertrumpfen, muß England 
jährlich 168 000 t Schiffsbauten im Werte von 400 Mtll. 
Mark neu herstellen. Eine weitere sehr große Schwierig 
keit für die englische Marine ist der Mangel an Mann 
schaft und Offizieren; die englische Marine hat nur 74 
Ossiziere Zuwachs 1912 zu verzeichnen, Deutschland 184. 
Wirklich auf der Höhe ist allein die englische Echlachiflotte, 
die zurzeit aus 26 Dreadnoughts und 10 Panzrrkreuzem 
schwerster Art besteht, denen Deutschlands nur 17 
Dreadnoughts und 6 Panzerkreuzer modernsten Typ« ent 
gegenzustellen hat. Darum ist eS und bltibt eS für 
Deutschland LebenSintereffe und die einzige Möglichkeit, 
den Weltkrieg zu vermeiden, weiter an dem AuSbau unserer 
Flotte zu arbeiten, damit daS Verhältnis, das daS Flotten- 
gesetz erstrebt: 1,0 Deutschland gegen 1.6 England in 
kürzester Frist erreicht werde. — Die überaus klaren, von 
größter Sachlichkeit getragenen Ausführungen des Herrn 
Vortragenden fanden in dem stark gefüllten Saalen warmen 
und langanhaltenden Beifall. 
o Konzert des Königl. Hof« und Do«choreS 
(Schloßchor) am 28. Februar (nicht am 18.) in der Aula 
de« ReformrealgymnasiumS zu Friedenau.-' Mit großen- 
Erwartungen steht man in musikalischen Kreisen dem 
Konzerte deS Berliner Hof- und DomchoreS entgegen. 
Steht doch jetzt an der Spitze des Königlichen Institutes 
ein Mann, der sich durchseine außerordentlichen Leistungen 
auf dem Gebiete deS Chorgesanges einen Weltruf erworben 
hat. Die großen Erfolge, die Profeffor Rüdel durch die 
Leitung deS Königlichen OpernchorrS zu Berlin, vor allem 
aber die mustergültigen Chorleistungcn in den Bayreuther 
Festspielen, deren Chorleitung ihm seit 1906 übertragen 
wurde, lenkten die Aufmerksamkeit unseres Kaisers auf den 
feinfühligen Dirigenten, sodaß ihm seit vorigem Herbst die 
Direktion deS Hof. und DomchoreS übertragen wurde. 
DaS hochinteressante Programm verspricht einen hohen 
Kunstgenuß. Einlaßkarten zu 2,50, 2 und 1 Mark sind 
zu haben in den Papierhandlungen von EberS, Rheinstr. 15, 
KossakowSki, Schmargendorferstraße 35, Ehrlich, Kaiser- 
allee 85, Voigt, Südwestkorso 69, sowie an der Abendkasse 
in der Aula der ReformrealgymnasiumS. Baldige In 
anspruchnahme der Verkaufsstellen wird wegen deS zu 
erwartenden großes Andranges dringend empfohlen. Mit 
glieder des ParochialverrinS erhalten für jeden Platz 50 Pfg. 
Ermäßigung. 
o Die Feie« des 14. Stiftungsfestes deS Evangelischen 
Vereins junger Männer findet am Sonntag, dem 9. Februar 
statt. Es ist sehr zu wünschen, daß der Verein in seiner 
schweren Arbeit an der männlichen Jugend weitgehendste 
Unterstützung seitens der Friedenauer Bürgerschaft erfährt. 
Dank der rastlosen Tätigkeit seiner beiden Vorsitzenden war 
eS dem Verein in letzter Zeit vergönnt, viele neue Mit 
glieder aufnehmen zu dürfen. Dazu mögen auch die 
äußerst interessanten Vorträge beigetragen haben, die im 
Lauf der letzten Wochen den Mitgliedern dargeboten 
werden konnten, wie z. B. der Lichtbilderoortrag deS Herrn 
Dr. Riem „Werden und Vergehen im Weltall", und, ge 
legentlich der KaiserSgeburtStagSfeier, drr deS Herrn Rechn.- 
RaiS Seeler: „Kaiser Wilhelm II. und die deutsche Kriegs 
marine" zu dem der Flottenverein die Lichtbilder freund 
lichst zur Verfügung gestellt hatte. Man steht, wie sehr 
der Verein bemüht ist, die jungen Männer an sich zu 
fesseln und ihnen Gelegenheit bietet, ihre freie Zeit in an 
genehmer und vor allem in edler, gesunder Weise zu ver 
bringen. Hoffen wir, daß durch die schon erwähnte Feier 
deS Stiftungsfestes am Sonntag dem Verein neue Freunde 
und Mitglieder gewonnen werden und daß durch reichliche 
Abnahme von Programmen die Bestrebungen des BeretnS 
in hohem Maße gefördert werden. 
o Doppelbock. Im Restaurant zur Kaisereiche 
kommt morgen Donnerstag Vormittag ein ganz neues 
Bräu zum Ausschank. Das Königl. HofbräuhauS in 
München braute zum ersten Mal sogenanntes Bockbier, 
das den vieloerheißenden Namen Doppelbock hat. Dieser 
edle Stoff, der alle anderen echten Bockbiere an Geholt
        
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