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Periodical volume Nr. 30, 04.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

sich verdoppeln würden. Aucki ist mit einer Verzinsung 
der Aufwendungen, die die Unterbringung der Kasse in 
MietSräumen verursachen würde, bei der Kürze der Frist 
bi« zur Fertigstellung des Verwaltungsgebäudes nicht zu 
rechnen. Diese Frist würde außerdem noch um die Zeit 
verkürzt werden, die die Durchführung des Genehmigungs 
verfahrens beansprucht. Die Zwischenzeit soll dazu dienen, 
die Angelegenheit soweit zu fördern, daß der Eröffnung 
der Kaffe im Jahre 1915 nichts im Wege steht. TS wird 
daher beantragt, zu beschließen: Die Gemeindevertretung 
erklärt sich grundsätzlich mit der Errichtung einer Ge 
meindesparkasse im neuen Verwaltungsgebäude und mit 
deren Eröffnung frühestens am 1. April 1915 einverstanden. 
Vorlage betreffend Genehmigung elneS Nachtrages zur Besoldung», 
ordnung für die Lehrpersonen der Volksschulen. 
In der jrtzigen Besoldungsordnung ist nur über die 
Zulage des. Letter- der Hilfsklaffe für schwachbesähigte 
Kinder Bestimmung getroffen. Da aber zu Ostern 1913 
eine zweite Hilfsklaffe eingerichtet und durch einen Lehrer 
besetzt werden soll, muß auch die Zulage dieser Lehrer- 
geregelt werden. ES ist deshalb erforderlich, folgenden 
Nachtrag zur BesoldungSordnung zu erlaffrn: 
Nachtrag zur Besoldungsordnung für die Lehrpersonen 
an den Volksschulen zu Berlin-Friedenau vom 21. November 
1912. Auf Grund de- Beschluffes der Gemeindevertretung 
vom . . Februar 1913 erhält der vorletzte Schlußsatz der 
Besoldung-ordnung folgenden Wortlaut: Die Lehrer, der 
HtlfSklaffen für schwachbefähigte Kinder erhalten eine jeder 
Zeit wtedrrrusltche, nach Ablauf von 10 Jahren penstonS- 
fähige Zulage von 400 M. Wir ersuchen die Gemeinde 
vertretung, zu diesem Nachtrag die Zustimmung zu geben. 
Vorlage betreffend Wahl eine» ArmenpflegerS. 
Berichterstattung erfolgt mündlich in der Sitzung. 
«Makes« 
tRachdruck unserer o-Originalarttket nur mit QueLenaugabe gestattet) 
o Der Monat Februar. Wie sein Vorgänger, der 
Januar, so wurde auch der Februar angeblich von dem 
zweiten römischen Könige Numa PompiliuS (715—672 
o. Chr.) dem damaligen Jahre, daS aut nur 10 Monaten 
bestand, eingefügt. Man führt den Februar auf das 
lateinische Wort Februura zurück, war Sühnopfer be 
deutet; ander« wieder legen ihm den Namen einer alt- 
italienischen Gottheit unter: FebruuS. Zu Ehren dieser 
Gottheit wurden zu Rom vom 48. biS zum 28. Feste ge- 
feiert. Bei uns heißt der Februar auch Hornung. Nun 
steigt schon reichlicher der Saft in die Bäume und die 
hübschen silbrrgrauen Weidenkätzchen sprengen bald die 
braune Hülle. Dennoch aber ist der Februar ein ge 
strenger Herr, und nach dem schönsten Sonnentag kann dar 
ärgste Schneewetter, der grimmigste Frost eintreten! Jetzt 
sind die Tage der Pfannkuchen und Bretzeln — Die Zeit 
der Maskerade! Die Schellen klingeln jetzt nicht nur auf 
der Straße, wenn ein Schlitten oorllbersaust, sondern auch 
aüf^dnt Tanzsälen, wo sich die Menschen in-Ritter, Fern, 
Clown und Dominos verwandeln. 
o Der Schure Ist verschwuudeu. Unsere Straßen 
reinigung hat in kurzer Zeit für eine schnelle Säuberung 
unserer Straßen nach dem großen Schneefall am Freitag 
gesorgt. Die an den Bordschwellen aufgeschüttet gewesenen 
Schneeberge wurden verschiedentlich in die Gully» versenkt. 
Allerdings hat der Himmel durch mildes Wetter mit 
Regen auch dazu beigetragen, daß der Schnee gar bald in 
unseren Straßen verschwand. 
' o Zur Gründung des Groß-Berlluer Aerzte- 
verelus für Sonntags-Vertretung schreibt die Berl.-Arrzte« 
Corr.: Die Ausführlichkeit der Berichte in der Prrffe sind 
ein erfreuliches Zeichen dafür, daß auch dar Publikum mit 
vollem Verständnis dieser Bewegung folgt, in welcher 
seine eigenen Interessen mit denen der Aerzteschaft Hand 
in Hand gehen. Da- Blatt betrachtet al- Mitglieder de- 
Verein- alle Eroß-Berliner Aerzte, die sich zur Ueber 
nahme des Sonntagsdienste- bereit erklärt haben. Die 
näheren Einzelheiteri.überDienst,Honorierung etc (.Mindest 
satz fünf Mark für Prioalbesuche beim kleineren und mittleren 
Publikum!“) sollen in einer Dienstanweisung festgelegt 
werden, mit deren Ausarbeitung der Vereinsvorstand be 
traut ist; zugleich mit der Dienstanweisung werden ein 
für die Zwecke des Sonntagsdienste- übersichtlich bearbeiteter 
Plan von Groß-Berlin nebst alphabetischem Straßenvec- 
Tage der Totenschau stattgefunden Hütte, Julius dagewesen 
wäre, um seinen Chef vor der Gefahr zu schützen. Dies 
sah aus, als sei der Tag gewählt worden, weil er ab 
wesend war, und dadurch erschien die erste Theorie wieder 
hinfällig. Es gab nur eine Art, wie sich die beiden wider 
sprechenden Annahmen vereinigen ließen, aber das war zu 
furchtbar, um überhaupt daran zu denken, und die Idee 
war auch kaum in seinem Hirn aufgetaucht, als er sie 
wieder verwarf. Das Mädchen darüber zu befragen, wäre 
eine Beleidigung gewesen, und wie konnte er siebeleidigen, 
die ihn eben zum glücklichsten Sterblichen gemacht hatte! 
Und selbst wenn er gewollt hätte, so hätte er die Sache 
augenblicklich nicht weiter verfolgen können, denn plötzlich 
riß sich Olivia mit einem kleinen Schreckensschrei von 
ihm los. 
„Dort kommt jemand vom Schloß her," sagte sie leise 
und hastig. „Bitte, geh jetzt, noch darf niemand wissen, 
wie wir zueinander stehen. Auch ich muß fort. Und denke 
daran, was du mir versprochen hast, laß den schrecklichen 
Geheimpolizisten ja nicht hierherkommen." 
„Du kannst auf mich rechnen," versetzte Julius, aber 
sie hörte ihn wohl gar nicht mehr, so rasch lief sie in der 
Richtung nach den, Schlosse davon. Derjenige, der ihre 
Flucht veranlaßt hatte, und der ihr jetzt entgegenkam, 
war Louis, der französische Diener. Offenbar-wär er aus 
geschickt worden, um sie zu suchen, denn er'war ohne 
Mütze, die er zu einem- weiteren Gang wohl aufgesetzt 
hätte. 
Julius war über die Unterbrechung seines zärtlichen 
Tete-a-tete sehr ärgerlich, denn er hätte sie noch so vieles 
zu fragen, ihr noch so vieles zu erzählen gehabt und hätte 
noch länger in dem Genuß des neuerrungenen Glückes 
aeschwelat. 
(Festsetzung folgt.) 
zeichniS und eine Anzahl von Kartenbriefen und Melde 
karten an die Aerzteschaft versandt werden. Zur Bestreitung 
der Kosten der Organisation des Sonntagsdienstes ersucht 
der Vorstand die Mitglieder, den auf 3 Mark bemessenen 
Jahresbeitrag alsbald an den Schatzmeister, Dr. Horwitz, 
Großbeerenstraße 20, gelangen lassen zu wollen. 
o Quittung' Für die Familie Paasch haben wir 
noch 5 M. von Ungenannt erhalten und der genannten 
Familie überwiesen. 
o Der Verein der Fortschrittlichen Volks 
partei für Friedenau und Umgegend hielt gestern Abend 
seine ordentliche Hauptversammlung im Restaurant „Hohen- 
zollern" ab, die vom Vorsitzenden Herrn Geh. Rechn.-Rat 
Kalkbrenner gegen 9 Uhr eröffnet wurde. Nachdem der 
vom Schrififührer Herrn Steinhardt verlesene Verhand- 
lungSbertcht der letzten Versammlung genehmigt war, er 
stattete der Vorsitzende den Jahresbericht in etwa folgen 
den Worten: 
DaS Geschäftsjahr 1912 brachte uns gleich im Anfange, am 
12. Januar 1912 die ReichStagiwahl, mit deren AuSgang wir für 
Friedenau sehr zufrieden fein können. Der von der Fortschrittlichen 
VolfSpartei aufgestellt« und , von den Natlonallibcralen unterstttzte 
Kandidat, Univerfitätrprofessor Dr. Spiegel, erhielt in Friedenau 
3532, während es die Konservativen nur auf »26 Stimmen brachten. 
Der verein hielt ab: 12 Vorstaudsfitzungeu, 4 Mitgliederversammlungen, 
1 öffentliche Versammlung. Das letzte Vierteljahr stand im Zeichen 
der Landtagsersatzwahl. Mit großer Freude weise ich auf den aus 
gezeichneten Besuch und Verlauf der öffentlichen Versammlung de» 
neuen Jahre» hta, in der unser Kandidat, Herr Pfarrer Traub-Dort> 
mund, seine Ansprache gehalten hat. Mit großer Freude stelle ich 
auch fest, daß unser Ruf an die Opferwilligkeit unserer Mitglieder 
nicht vergeben» gewesen ist. Eia Teil unserer Mitglieder hat den 
Jahresbeitrag erhöht, fodaß sich unsere Finanzen um rund 100 M. 
jährlich besser stellen. Ich Hesse, daß auch noch der Rest der Mit- 
glleder sich besinnen und den Beitrag erhöhen wird.' Wir sollen für 
daS Mitglied 1 M. an den Provtnzialverband abgeben. Da» ist 
felbstverstöndlich nur möglich, wenn alle Mitglieder ihre Schuldigkeit 
t»n. 3,60 M. zahlt jeder sozialdemokratische Arbeiter. Das müssen 
sich alle Gegner der Sozialdemokraten zu Herzen nehmen. Allen Mit- 
gliedern möchte ich aber auch noch anS Herz legen die Werbung neuer 
Mitglieder. Noch immer fehlen uus einige Mitglieder zu 200. Die 
Abgänge waren in diesem Jahre zu hoch! 4 Mitglieder: Die Herren 
Kaufmann Dzieyk, Steuerrat a. D. Kühne, MagtstratSbeamter Schmidt, 
Pkof. Dr. Wunschmanu, haben wir durch den Tod verloren. (Die 
Anwesenden ehren da» Andenke« der Verstorbenen durch Erheben von 
den Plötzen). Durch Fortzug nach Berlin, Charlottenburg, Halensee, 
Chemnitz, München, Antwerpen, Petrrtburg büßten wir Mttglteder ein. 
Weiterere schieden aus GejundhcitSrücksichten und anderen Gründen 
aus. Durch den Zugang von 33 Mitgliedern ist der Abgang zwar 
reichlich gedeckt, immerhin: Wir müssen schneller wachsen in unserem 
Mitgliederbestände l Gerade die jetzige Zeit der LandtagSersatzwahl 
dielet reichlich Gelegenheit für Werbearbeit. Unsere verbeheste tragen 
das Molto: „ES gibt heute so viele, die ssagen, sie haben eine 
liberale Gesinnung, aber sie tun nicht» dafür. Kommt und lull' Da» 
ist ein Ausspruch Friedrich NaumannS auf dem Mannheimer Partei, 
tage. Denken Sie immer an diesen Ausspruch und führen Eie ihn 
allen zu Gemüte, die Ihnen am Blettische, in Gesellschaft, im geschäft 
lichen Verkehr begegnen urd noch nicht organisiert find. Nur durch 
eine Organisation lassen sich Erfolge erzielen! , 
Ueber die Kassenverhältnisse berichtete Herr Dom- 
browSki. Die Einnahmen betrugen 654,47 M., die Aus 
gaben 420,38 M., fodaß ein Bestand von 234,38 M. ver 
bleibt. Er beantragte, den Kassrnführern die Entlastung 
zu erteilen. Dies geschah. Darauf kam man zur Vor- 
ständSwahl. Der Vorsitzende teilte mit, daß zwei Vor- 
standSmitglieder ausgeschieden seien: die Herren Werner 
und v. Wrochem. Der erstere wegen Verzuges. Herr 
v. Wrochem hat sein Amt wegen ArbeitSüberbÜrdung 
niedergelegt. In einem längeren Briefe schreibt dieser, 
daß der Vorstand schnell arbeiten müsse und dies 
könne er nur, wenn er stet- beschlußfähig sei. In 
der lltzten Zeit wäre dies oftmals nicht der Fall 
gewesen und er (o. Wrochem) habe selbst wiederholt 
fehlen müssen, da er durch andere Aemter an der Teil 
nahme verhindert war. Er wünsche, daß der Erfolg dem 
Verein auch ferner nicht ausbleiben möge. Im Kampfe 
für liberale Weltanschauung in Staat, Kirche und Schule 
werde man ihn auch ferner stet- auf dem Posten finden. 
Der Vorsitzende bemerkte hierzu, daß man Herrn 
v. Wrochem so leicht nicht von seinem VorstandSamte ent 
binden wollte, r- feien mehrere Herren zu ihm gegangen 
und hätten mit ihm verhandelt, aber Herr v. Wrochem 
blieb bei seiner Ablehnung. Man müsse Herrn v. Wrochem 
für seine Tätigkeit im Verein und für die liberale 
Sache in Friedenau dankbar sein; er habe eS verstanden, 
zu einer schweren Zeit die Liberalen in Friedenau zU 
sammeln und zusammen zu schließen. Der Vorsitzende bat 
zu genehmigen, daß er namen- des Vereins Herrn 
v. Wrochem schriftlich den Dank ausdrücke. Durch leb 
haften Zuruf wurde daS genehmigt. Ebenso gedachte der 
Vorsitzende mit Anerkennung de- ausgeschiedenen Herrn 
Werner, der früher als Kassierer im Vorstande tätig war. 
Der Vorstand habe sich nun bemüht, geeignete Personen 
für die Ausscheidenden zu gewinnen und schlage da Herrn 
Kaufmann Kurl Groß und die Lehrerin Fräulein Bertha 
Häusler vor. Obwohl letztere in einem Schreiben gebeten 
hat, sie nicht in den Vorstand zu wählen, bitte er doch, 
diese Wahl vorzunehmen, da e8 sehr erwünscht wäre, eine 
Dame, insbesondere eine so eifrige Dame wie Fräulein 
Häu-ler im Vorstand zu haben. Ter AlterSpräside Herr 
Jänicke übernahm nun die Leitung der Vorstandswahl. 
Durch Zuruf wurden wieder- bezw. neugewählt: zum 
1. Vorsitzenden Herr Geheimer RcchnungSrat Kalkbrenner, 
zum 2. Vorsitzenden Herr Prof. Dr. Fuchs, zum 1. Schrift 
führer Herr Kaufmann Steinhardt, zum 2. Schriftführer 
Herr Kaufmann Groß. Auf Wunsch des Herrn Buch- 
druckereibesttzer Leo Schultz tauschten die bisherigen beiden 
Kassierer ihre Aemter, fodaß Herr Kaufmann Michaelis 
zum 1. Kassierer und Herr Buchdruckereibesitzer Schultz 
zum 2. Kassierer gewählt wurde. Beisitzer wurden die 
Herren Ingenieur Behr, Justizrat Skopnik, Prakt. Arzt 
Dr. Süßmann, Fräulein Bertha Häuser und Lrhrer Wittig. 
Darnach wurden zu Kassenprüfern die Herren Afdring und 
DombrowSki wiedergewählt. Während nun Herr Prof. 
Dr. FuchS die Leitung der Versammlung übernahm, 
berichtete Herr Geheimral Kalkbrenner „AuS dem Gemeinde- 
parlament". Er streifte in seinem Bericht olle Fragen, 
die unsere Gemeindevertretung und auch unsere Bürger 
schaft in letzter Zeit eingehend beschäftigt haben. Zunächst 
sprach er über den RathauSbau und daS für diesen Bau 
genehmigte Programm. Er kritisierte besonders den von ihm 
schon in der Gemeindevertretung alS „Ballsaal" bezeichneten 
Bürgersaal, den keine Rentabilität versprechenden Raskeller, 
die Dienstwohnungen und die zum Schluß über diese Vorlage 
herbeigeführte geschäftSordnungkwidrige Abstimmung. DaS 
Elektrizitätswerk bezeichnete der Redner al« dir „Gold 
grube" Friedenaus, feit seinem Bestehen habe da» Werk 
491 000 M. Ueberschuß gebracht. Um eine weitere Aus 
nutzung de- Werke- zu erreichen, ist der Mindestverbrauch 
auf 12 M. festgesetzt worden. Der Turnverein habe an 
den Gemeindevorstand den Antrag gerichtet, die Gebühren 
für Benutzung der Turnhallen von 600 auf 300 M. herab 
zusetzen. Die Gemeindevertretung habe die Vorlage noch 
nicht erhallen, vielleicht kommt sie bei der Etatsberatung. 
Auch ein Antrag des JugendpflegeauSschusseS blieb 
noch ohne Antwort. (Herr Wittig bemerkt hierzu, daß der 
Gemeindevorstand für Benutzung der Aula drS Reform- 
Realgymnasiums durch die Jugendpflege 48 M. verlangt. 
Da die Jugendpflege keine Mittel habe, ruh« die Jugend 
pflege augenblicklich jHört, hörtf). Auch mit der Vervoll 
ständigung unserer Feuerwehr durch Anschaffung einer 
Drucksprttze gehe e- sehr langsam, trotzdem längst erwiesen 
ist, daß der gewöhnliche Druck der Wasserleitung zur wirk 
samen Bekämpfung eine- größeren Feuer- nicht ausreicht. 
Eiliger dagegen halte man ek mit der Vorlage betr. Er 
richtung eines Oberlyzeum- und der Gemeindevorstand 
arbeite immer noch an dieser Frage, aber er könne ver 
sichern, daß da- Oberlyzeum nie genehmigt werde. 
Andererseit» aber sei man sehr langsam mit dem so 
dringenden Ausbau vorhandener Einrichtungen und eS be 
durfte da u. a. vieler Interpellationen de- G.-V. Finke, 
um überhaupt eine Besprechung über die Ueberfüllung der 
unteren Klassen deS Realgymnasium- herbeizuführen. 
Tatsache sei, daß die beiden Eexlen dieser Schule zum 
April über 60 Schüler ausweisen werden und daß au« 
den Volksschulen überhaupt keine Schüler übernommen 
werden können (Hört, hört). Dann besprach Redner ein 
gehend die zuletzt von der Gemeindevertretung erörterte 
Frage betr. Errichtung einer Landkrankenkasse. In der 
Vorlage hieß e-, die Erklärung, ob eine Landkrankenkaffe 
errichtet werden soll oder nicht müsse, bi- zum 1. Februar 
eingereicht sein und in der Sitzung selbst zog der Ge 
meindevorstand plötzlich die Borlage zurück. Eine der 
artig schnelle Wendung der Ansichten wäre recht eigenartig, 
nachdem der Grmeiudevorstand so lange Zeit zum Ueber- 
legen gehabt hatte. Er stellte dann den Antrag: Die Land- 
kcankenkasseabzulehnen. zog abernach einer langen Besprechung 
aus taktischen Gründen den "Antrag im Einverständnis 
mehrerer Kollegen zurück. Die gewollte erste Lesung war 
erreicht und man kennt nun die Stimmung der einzelnen 
Herren und ihre Gründe. ES sind hauptsächlich zwei 
Gründe: die sozialistische Infizierung der Dienstmädchen 
soll vermieden werden; die Gemeinde will die Verwaltung 
der Kasse in eigener Hand bebakten und Ueberschüsse er 
zielen. Leider machte sich "gerade Herr v. Wrochem diese 
Begründung zu eigen. Er sprach von oem Gemeindever- 
ordneten Kalkbrenner, oder Hand in Hand gehe mit Herrn 
Richter, dem sozialdemokratischen Gnneindeoerordneten. Er 
könne aber Herrn v. Wrochem sagen, daß er in der Be 
urteilung der Sache auch Hand in Hand gehe mit Herrn 
Ott, der nicht zu seinen politischen Freunden gehöre und 
auch kein Sozialdemokrat sek. Wie Herr Ott, behandle 
auch er die Angelegenheit born Standpunkte absoluter 
Unparteilichkeit. Es handelte sich hier um eine gemein 
nützige Angelegenheit! Wenn er aber als Politiker über 
dar ganze Gesetz seine Ansicht auksprechen soll, so kann er 
nur wiederholen: da- Gesetz trägt den Stempel der 
konservativ-klerikalen Mehrheit. Die Hauptsache ist doch 
aber bei einer Krankenkasse Heilung, Wiederherstellung und 
Erhaltung der Arbeitsfähigkeit - und da tritt bei der Be 
urteilung der Frage die unerläßliche Rücksicht auf die 
Leistungsfähigkeit der Kaffe durchaus in den Vordergrund. 
Eine Zuschrift — u. unterzeichnet — im «Fried. Lokal- 
Anzeiger" vertritt seinen Standpunkt in der Sache genau; 
er verlas diese Zuschrift. Ju Sieglitz ist die Landkranken 
kasse einstimmig abgelehnt worben! Er gibt dann die betr. 
Paragraphen de» Gesetze- über die Ort-krankenkasse be 
kannt, wonach durchaus nicht nach sozialistischen Grund 
sätzen in der Kasse gehandelt werden kann. Bei der Land« 
krankenkasse aber sei die Sache noch sicherer! Dort er 
richtet die Gemeinde die Satzung. Dort werden die Vor 
standsmitglieder und die Mitglieder de- an Stelle de: 
Generalversammlung tretenden Ausschüsse» von der Ge 
meindevertretung ^gewählt. Die Versicherten sind und 
bleiben rechtlos! Sie haben da-Recht zu zahlen! DaS soll 
man billigen? Nein, daS fei ein Unrecht! Und.mit diesem 
Unrecht schafft man viel mehr neue Sozialdemokraten, als 
man durch die Landkrankenkasse der Sozialdemokcatte 
Abbruch zu tun glaubt. Der Dnmg nach Mitbetätigung 
in den Angelegenheiten de- öffentlichen Leben- bildet eine 
der stärksten Triebfedern der ganzen neuzeitlichen Arbeiter 
bewegung. Den Arbeiter, der sich seiner wachsenden 
Intelligenz voll bewußt ist, erbittert nicht- mehr, als die 
Annahme, daß er in diesen Fragen mit anderem Maße 
gemessen werde, wie die wirtschaftlich günstiger gestellten 
BrvölkerungSklassen. Auf der anderen Seite übt die 
praktische Mitarbeit wie überall, so auch in den Ange 
legenheiten der Versicherungen einen durchaus erziehlichen 
Einfluß aus. Sie schärft da- Verständnis für die Ver 
folgung der nur erreichbaren Ziele. Die Selbverwaltung 
der hiesigen Ortskrankenkasse ist gut. Da- hat der Ge- 
meindeoorstand selbst anerkannt. Ihre Einrichtungen und 
Reserven sind gut. Warum da rin Konkurrenz-Unter 
nehmen schaffen? Elwa de- UeberschusseS wegen? 7000 M. 
Ueberschuß hat der Gemeindevorstand kürzlich hrrauSge- 
rechnet. Phantastezahlen wurde ihm gesagt! Und er 
glaube, bei genauer Berechnung wird sich der Ueberschuß 
recht bald in ein Minus verwandeln, wie eS zum 
Beispiel die Gemeinde Charlottenbuig auch heran»- 
rechnet. Er fordert die Anwesenden auf, überall wo 
eS ihnen möglich sei, gegen die Landkcankenkasse ein 
zutreten. Darnach behandelte der Berichterstatter noch die 
nach seiner Ansicht glückliche Lösung der SchulhauSbau- 
frage und Einrichtung deS Spielplätze- hinter dem Fried-
        
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