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Periodical volume Nr. 305, 30.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Nähe der Betriebswerkstätten Tempelhof errichtet wird. Dort 
mache es nichts aus, wenn zu den vielen Gleisen noch S bis 10 
Gleise hinzukämen. Die Stadt sollte versuchen, eventuell durch Aus 
tausch von Ländereien die Verlegung de« geplanten Abstellbahn- 
Hofes nach dieser Gegend die größte Gefahr abzuwenden. Eine 
große Anzahl der Anwesenden unterz ichnete den Einspruch gegen 
die Ausführung des Projektes. Herr Oberbürgermeister Pagels 
machte zum Schluß noch besonders darauf aufmerksam, daß die 
Einsprüche bis zum 31. Dezember d. Js. zu erfolgen haben. 
o Ordensverleihung. Dem im Ministerium der 
öffentlichen Arbeiten beschäftigten Geheimen RechnungZrat 
Rechen dach, Wielaudstraße 33, ist vom Großherzog von 
Hessen das Ritterkreiiz 1. Kl., des Verdienstordens Philipps 
des Großmütigen, verliehen worden. 
o Die Durchführung der Straßenbahnlinien 61 und 
87 durch die Bismarckstraße ist durch die ungünstige Witterung 
der letzten Zeit erheblich verzögert worden. Bis zur Berg 
straße sind die Gleisanlagen fertiggestellt. Dagegen ist der 
weitere Teil der Bismarckstraße bis zum Stadtpark Steglitz 
noch nicht fertiggestellt worden. Bis zur. Eröffnung der 
neuen Linien wird daher noch geraume Zeit vergehen. 
o Weihnachtsfeier im F. M.-G.-V. Daß fröhliche 
Sängersleute auch ein fröhliches Weihnachtsfest zu feiern 
verstehen, ist wohl selbstverständlich. Und so stand die 
Weihnachtsfeier, die der „Friedenauer Männer-Gesang-Verein 
1875" gestern Abend im großen Saale der „Schloßbrauerci 
Schöneberg" beging, unter dem Zeichen einer fröhlichen 
Familienfeier. Vollzählig waren die Vereinsmitglieder mit 
ihren Familien erschienen und besonders groß war die Zahl 
der Kinder, für die ja eigentlich das Fest veranstaltet 
wurde. Nachdem zu einigen Tänzen aufgespielt war, 
traten die Sänger vor die Bühne. Gleichzeitig flammtest 
auch die elektrischen Kerzen an dem großen Weihnachtsbaum 
auf. Der Vorsitzende, Herr Paul Schmidt, rief nun die 
Kinder um sich und eröffnete mit einer kurzen Ansprache 
die Feier. Er wies in seiner Rede auf die jetzt kahle und 
öde Natur hin. Nur ein Baum strahle in dieser Leere mit 
hehrem Glanz, das sei der reich geschmückte Tannenbaum 
Die Bedeutung des Tannenbaums für die christliche 
Gemeinschaft und die Bedeutung des Weihnachtsfestes als 
des schönsten und höchsten Festes der Christenheit, legte er 
dar. Möge das: Ehre sei Gott in der Höhe" und Friede 
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! auch diese 
Feier erfüllen. Die Sänger stimmten darauf das alte und 
immer schöne Weihnachtslied: „Stille Nacht" an. das in so 
vorzüglicher Weise vorgetragen, innig und weihevoll in die 
Herzen klang. Fräulein Thiel saug hierauf mit guter 
Stimme und gutem Dortrag ein Liedchen: „Weihnachtszeit", 
wofür ihr reicher Beifall zuteil wurde. Von mehreren 
Kindern aufgeführt, ging nun das Festspiel: „Das verlorene 
Weihnachlspüppchen", in Szene. Tie kleinen „Schau 
spieler" erfreuten allgemein durch ihr flottes, freies Spiel 
und ihr vorzüglich mimisches Talent. Besonders die kleinen 
und kleinsten „Weihnachlspüppchen" waren allerliebst und 
zum Entzücken. Auch die Tänze und Gesänge der Schnee 
flocken und die drastischen Reden von „Rumpel und 
Strumpel" fanden viel Beifall. Stürmisch wurde den 
kleinen Darstellern am Schluß der Vorstellung applaudiert. 
Dann ging es zur Bescherung. Jedes Kind bekam seinen 
reichlichen „Teller" und dazu einen kleinen Gegenstand, ein 
Spielzeug oder ähnliches. Der Festesjubel hatte damit 
seinen Höhepunkt erreicht. Aber die Freude hielt bei Alt 
und Jung noch lange Zeit an, als es zuni Kindertauz ging 
und schließlich die Erwacbsenen das Tanzbein schwingen 
konnten. Der Mänirerchor erfreute noch durch einige Lieder: 
„Es ist ein Ros' entsprungen" und „Gretula". Mitternacht war 
längst vorbei, als man die festliche Stätte verließ. 
o Das Geheimnis der schwarzen Maske, welches 
die russische Presse seit längerer Zeit beschäftigt, wird von 
heute ab im Biofoulheaier in der Rheinstr. 14 dramatisch 
irr 3 Akten von russischen Hosschauspielern dargestellt, vor 
geführt. Ein eigenartiges Milieu zeigt sich uns in inter 
essanter Weise. Neuartig ist darin eine bisher wenig be 
kannte Variante des sog. amerikanischen Duells, in dem die 
Gegner im Dunkeln, nur das Glimmen von Zigarren 
sehend, auf einander losschießen. Die Handlung ist sehr 
spannend, die Darstellung großartig. Auch das Lustspiel 
in 2 Akten: „Das Millionen-Dienstmädchen* ist fesselnd 
und humorvoll dargestellt. Ein hübsches Drama rst der 
Film: „Ein tragischer Korso", während die Bilderfolge: 
Der Reis vom Ambau bis zur Ernte eine tresiliche'Natur 
aufnahme wiedergibt. Tie beliebte Biosonrevue von Patho 
fröres bringt wieder eine ganze Kollektion von Vorgängen 
aus aller Welt in bunter Folge. Julius hat ein Duell ist 
ein drolliger Trickfilm, bei dessen Anschauen man aus dem 
Staunen und Lachen nicht herauskommt. Dazu kommen 
■ »«»„ 
noch einige ulkige Einlagen. Das Programm des Biofon- 
IheatheaterL bietet des Unterhaltenden soviel, daß ein Be 
such desselben jedenfalls lohnt. Anfang 6 Uhr, an Sonn- 
und Feiertagen 4 Uhr. 
o Hockey-Wettspiel. Die Hockey-Union Friedenau 
(vereinigte Mannschaft des Friedenauer Gymnasiums und 
des Schöneberger Helmholtz-Realgymnasiums) schlug mit 
ihrer zweiten Mannschaft die erste Mannschaft des Köllnischen 
Gymnasiums mit 13 : 1. 
o Versuchter Einbruch. Am 2. Weihnachtstage, wahr 
scheinlich Abends nach 10 Uhr, öffneten Einbrecher die Tür 
zur Wohnung des Herrn Kaufmann Matzing, Odenwald- 
straße 8. Jedenfalls wurden die Spitzbuben dann gestört 
oder durch das in der Wohnung zurückgelassene Hündchen 
erschreckt, sodaß sie nicht zur Ausführung des beabsichtigten 
Diebstahls kamen, sondern unter Zurücklassung eines Schlüssels 
flohen. Die Wohnungsinhaber fanden später nur die Korridor 
tür geöffnet vor. Gestohlen war nichts. 
Gedenket der darbenden 
und stierenden Böge!! 
o Polizeibericht. AIs gefunden sind hier angemeldet 
worden: 1 Henkeltopf, 2 Portemonnaies mit Inhalt, 
1 Perlenkette, 1 Pompadour mit Inhalt, 1 Kassenschein. 
Die rechtmäßigen Eigentümer vorbenannter Gegenstände 
werden aufgefordert, ihre Ansprüche binnen Jahresfrist 
im hiesigen Fundbüro, Feurigstraße 7, Zimmer 6, geltend 
zu machen, da sonst anderweit darüber verfügt werden wird. 
Vereins-^achriAten 
Morgen Mittwoch tagen: 
Thcalerverein „Terres" 1873. Sitzungen jeden Mittwcch 
0'/, Uhr im Vereinslokal Paul Spanholz, Sreglitz, Körnerstr. 48 e. 
Gäste als Mitglieder und Spieler sind herzlich willkommen. 
Lchöneberg 
—o Der Militärverein Schöneberg hält am Sonnabend, 
den 8. Januar, d. Js. abends 9 Uhr im kleinen Saale der 
Schloßbrauerci, Hauptstr. 122/123 feine diesjährige erste 
Monarsoerfammlung ab, zu der ehemalige Soldaten, die 
gewillt sind, beizutrelen, als Gäste herzlich willkommen sind. 
Beilrittsanmeldungen nimmt der Vorsitzende, Telegraphen- 
sekrelär O. Koch, Beriin-Schöneberg. Eisenacherstr. 45, an. 
—o Eintragung ins Handelsregister. Bei Nr. >414. 
(Firma Wilhelm Michalsky in Berlin-Schönebcrg): Inhaber 
jetzt: O-kar Michalsky, Architekt, Berlin-Wilmersdorf. Der 
Uebergang der in dem Betriebe des Geschäfts begründeten 
Forderungen und Verbindlichkeiten ist bei dem Erwerbe des 
Geschäfts durch den Architekten Oskar Michalsky ausgeschlossen. 
Niederlassung jetzt: Berlin-Wilmersdorf. 
Berlin und Vororte 
o Wilmersdorf., Dsx Wilmersdorfer Stadtverordneten 
versammlung hat in ihrer gestrigen geheimen Sitzung den 
Vertrag mit der Stadt Schöneberg, nach dem vom April 
nächsten Jahres die Stadt Wilmersdorf das Recht hat, das 
Schöneberger Krankenhaus zu benutzen, einflimmig ange 
nommen. 
o Zehlendorf. Einen weiblichen Generalvormund hat 
unsere Gemeinde an Stelle des nach großen Unterschlagungen 
flüchtig gewordenen Generalvormundes, Obersekrctärs Faber, 
erhalten, indem man nunmehr eine Dame, die Gattin 
eines Beamten. Frau Frieda Köpke, zum Generalvormund 
gewählt hat. Frau Köpke, die ihre Stelle ehrenamtlich 
versieht, ist der erste weibliche Generalvormund in Deutsch 
land. — Von dem flüchtigen Obersekretär Faber konnte trotz 
eifriger polizeilicher Nachforschung bisher keine Spur entdeckt 
werden. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Geehrte Redaktion! Bitte in Ihrem geschätzten Blatte folgender 
aufzunehmen. Dieselbe Anfrage die ich heute halte, wollte ich schon 
im Vorjahre halten, ich glaubte aber, der Kirchenoorstand hätte 
nach den Erfahrungen des Vorjahres, diesmal rechtzeitig Vorsorge 
getroffen. Wie vielen anderen, ist es auch meiner Familie Be 
dürfnis, sich vor der Weihnachtsbescherung an einer Predigt zu er 
bauen. Leider gelangt mir, wie im Vorjahre mein Wunsch nicht, 
weil Kirche und Gemeindehaus schon vor Beginn des Gottesdienstes 
zum Brechen voll waren. Genau wie im Vorjahre hielt es auch 
in diesem Jahre keiner der Herren Pfarrer für erforderlich, sich von 
dem Andränge der Erbauung suchenden Kenntnis zu verschaffen, 
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kurzer Trennung führte er Albertine als sein Weid heim,, 
und sie pries sich auch glücklich und pries ihn als Netter. 
Das Glück war ihm in seinem Beruf günstig und nach 
einigen Jahren wurde ihm die Leitung einer höheren Lchr- 
anst lt anvertraut. Aber sein Familienglück war nur von 
kurzer Dauer, denn seine an Luxus und geselligen Ver 
kehr gewöhnte Albertine machte Amprüche, die über sein 
Einkommen hinausgingen. So geriet er bald in peinliche 
Geldverlegenheiten. 
Als Ruhl nun gar feine einträgliche Stellung in der 
großen Stadt mit einer kärglich besoldeten im kleinen 
Burgstall vertauschen mußte, kam sich seine Frau als Ver- 
bannte vor, und von da ab mußte ihr Gatte fast Tag für 
Tag ihre Klagen hören: „Ich kann mich nicht in diese er 
bärmlichen Verhältnisse finden; ich verschmachte und ver 
sumpfe unter den Kleinstädtern!" Was aber würde ge- 
schenen, wenn nach dem Verlust des Amtes die Not herein 
bräche? Dann — das sah er mit Schrecken voraus — 
würde auch der letzte Rest upit Familienglück verloren 
gehen. 
Ruhls trübe Gedanken und düstere Vorstellungen cr- 
suh en eine Unterbrechung durch das pittoreske Bild, 
wo ches sich seinen Blicken beim Verlassen der Allee bot. 
D. s Schloß stand vor ihm. Es entstammte dem siebzehnten 
I hrhunüert und bot mit seinen hohen gesch <.ungenen 
Gieocln, zahlreichen Erlern und Türmen einen iinpoianten 
Anblick. Zu beiden Seiten der Freitreppe oes Portals 
breiteten Weinreben ihre Blätter über die SaniSteinmauern 
aus und umrankten die Fenster und zierlichen Erker. In 
üppiger Fülle hingen blaue dustüberhauchte Trauben von 
den Zweigen herab. Die Laubmassen der hohen Buchen 
und Nußbäume umrauschten das Schloß, ließen aber die 
Westseite des Vorplatzes frei, und von diesem schweiften 
des Rektors Blicke über die sanft zum See abfallende, nttt 
einen, Pavillon und Statuen geschmückte Rasenfläche zuni 
weiten Wasserspiegel hin, aus dem sich ein mit hohem 
Laubholz bestaudeues Jnsclchcn gleich einem riesigen 
Blumenkorb hervorhob. 
Ruhl stellre eben Betrachtungen über die ungleiche 
Verteilung irdischer Glücksgütcr an und die Klage: „Ach, 
wir Armen!" schwebte auf seinen Lippen, als der e.lte 
Kammerdiener des Grafen über die Freiircppe herablam 
und ihm meldete: Frau von Hainwald habe feine Ankunft 
bemerkt und erwarte ihn. Der Rektor folgte dem Diener 
zu einer Türe des Schlosses, die in das helle, behaglich 
eingerichtete Zimmer der Frau von Hainwald fühlte. 
Tante Bcrth, wie sie vom Grafen und allen Schloßbe 
wohnern genannt wurde, gehörte zu jeneu Frauen, die 
nicht nur um zu lieben, sondern um zu dienen in die ? 
Welt gekommen sind. Der Tod hatte ihr nach dreijähriger f 
: glücklicher Ehe den Gatten und ein Kind im Laufe eines 
einzige» Monats geraubt, c--latt zu grollen, faßte sic die cn 
Harle» Verlust als einen Wink auf, sich der Verirrten uno 
Leidenden mit eifervoller Liebe anzunehmen. Tic religtt ses 
Empfinden leitete sie zu der Ueberzeugung, daß jeoer wc-ar- 
haft gute Mcn.ch eine erlösende Mission nicht nur erfüllen 
könne, sondern auch erfüllen müsse. Solange Graf von 
Burgholm mit seiner zweiten Feau und seinen beiden ; 
! Söhnen noch ein Lehen sühne, dessen einziger Zweck und 
Inhalt materielle Genüsse bildeten, hatte sie dessen wieder- 
! holte Einladung, ihre Witwenjahre ans Schloß Burgholm j 
zu verleben, entschieden abgelehnt. Als von den beiden > 
um so auf Abhilfe deS UebelstandeS zu sinnen. Wir haben drei 
Pfarrer am Ort, es konnte also auch ein dritter Gottesdienst abge 
halten werden. An Platz fehlt e« nicht. Wozu sind di» kost 
spieligen Aulen im Reform-Realgymnasium, in der Königin-Luiss- 
Schule hergestellt? Doch nicht um einige wenige Schulfeiern abzu 
halten. Da das Thema „Austritt aus der Landeskirche" jetzt 
aktuell ist, so dürste es angebracht erscheinen, vor allen Dingen 
dafür Sorge zu tragen, datz jeder Erbauungsuchende auch auf seine 
Kosten kommt. Tie Uebcrlastung der Herren Geistlichen während 
der Feiertage mutz von den Herren aus Liebe zu Gottes Wort er 
tragen werden. Jcn Aufträge Vieler C. Treue. 
Die Austrittserklärungcn aus der Landeskirche 
Sie schreiben in Nr. 303 Ihrer Zeitung, datz sich die kirchlichen 
Körperschaften der Kircke „Zum guten Hirten" über mancherlei 
Matznahmen geeinigt Hütten, um den sich mehrenden Austritts 
erklärungen cnlgegenzuwirlen. In erster Reihe werden ein Flug 
blatt mit eine Predigt am 11. Januar genannt. Glauben die 
Herrschaften wirklich, daß sie damit auch nur einen einzigen Aus- 
trittslustigen bekehren? Wer sich mit einem so ernstem Schritte be 
schäftigt, wird sich durch die Druckerschwärze eines Stückes Papier 
nicht in fünf Minuten zu einer anderen Anschauung besttmmen 
lassen. Und die Predigt am 11. Januar kann und wird gewiß 
sehr schön sein, aber die AnStrittslustigen — und auf die kommt 
es doch in der Hauptsache an — werden nicht hingehen. Sie haben 
sich längst von dem Herrn Kanzelredner innerlich frei gemacht, der 
nach ihrer Ansicht immer nur auf das bessere Jenseits vertröstet, 
und der dem modernen Menschen so garvichts rechtes zu bieten 
weiß, außer dem Zukunstswechsel, an bessert Einlösung er doch nicht 
mehr glaubt. Es wird also wohl bloß bei der matten Propaganda 
bleiben und die Bewegung wird im Sande verlaufen. Warum soll 
die Kirche sich auch anstrengen? Treten ein paar Tausend ans, 
nun, ganz einfach, dann erhöhen wir die Kirchensteuern um ein 
paar Prozentchen, dann ist das finanzielle Gleichgewicht wieder 
hergestellt. Pastor, Küster, Kirchendiener, und alles was zum sonn 
täglichen Gottesdienst-„Betrieb" gehört, sind ja^ nicht von der 
„Konjunktur" abhängig. Sic predigen, spielen ttrqel, gehen mit 
dem Klingelbeutel heruin, öffnen oder schließen die Kirchtür, zünden 
die Lichter an oder löschen sie aus. genau nach ihren Dienstvor 
schriften und haben ihre Pflicht getan. 
Ich will Ihnen aber nur einen Fall erzählen, der sich erst vor 
wenigen Tagen zugetragen hat; klein und vedcuttmgslos an sich, 
aber doch in seiner Art kennzeichnend; ein Fall, der cur Streiflicht 
fallen läßt aus die geheimen und tiefen Gründe der Kirchenmiidig- 
keit so vieler sonst ganz ordentlicher Menschen und Staatsbürger. 
Daß der Fall sich nicht in Friedenau, sondern in einer anderen 
Vorortgemeinde Berlins zugetragen hat, tu! nichts zur Sache, da 
er ganz allgemeine Dinge und Vorgänge betrifft. Am zweiten 
Weihnachtsfeiertag war nach Abhaltung des Nachmittags-Gottes 
dienstes allgemeine Taufe. Acht oder neun Parteien hatten sich mit 
ihren Zeugen eingefunden, einer der Täuflinge, ein fünfviertel- 
jähriger Junge, ging schon selbst an das Taufbecken. Ec entstannnt 
einer Mischehe der Vater ist katholisch und die Mutier 
evangelisch —, erst nach langem Zögern hat der Vater, der kein 
Fanatiker ist, eingewilligt, seinen Stammhalter der evangelischen 
Kirche zuzuführen. Tie Tanfhandlnng beginnt, der Geistliche hält 
eine nach Sekunden zählende Ansprache, dann läßt er die 
Täuflinge herantragen, gibt ihnen den Namen, — der nächste, 
bitte — und in wenigeir Minuten ist die Geschichte erledigt. Ter 
Herr Kirchendiener hatte, noch während der Einleilnngsworte, die 
Lichter der Weihnachtsbäume ausgelöscht und die weiteren Auf- 
räumungsardeiten erledigt. Ter Organist hatte gewiß keine Zeit mehr 
gehabt, — die Leute hatten ja vorher genug Lrgelspiel gehöit. — 
ES handelte sich nämlich um die übliche Freiiause, die nur von 
den Leuten beansprucht wird, die keine „ordentliche" Tausfeierlichkeit 
bezahlen könne», die aber doch gekommen waren, um ihre Kinder 
in die Christenheit aufnehmen zu lassen, und die sich gerade den 
WeihnachtStag ausgewählt halten, weil er als der Geburtstag des 
Heilandes gilt. Einige der Taufgäste, die von ihren Heünais- 
dörfern hergekommen waren, um Patenstelle zu übernehmen, waren 
über die geschäftsmäßig „flotte" und so ganz der Symbolik des 
Taufaktes zuwiderlaufende, nüchterne „Amtshandlung" nicht wenig 
erstaunt, aber der Respekt vor der „Kirche" ließ sie erst Worte 
finden, als sie schon draußen warew Hand aufs Herz! War die 
Hast geboten, war die Beschränkung auf das Allernötigste durch 
irgend welche Umstände bedingt? Hat der amtierende Geistliche, 
der doch hier die Autorität vertritt, wie sonst nirgendwo, sich die 
Frage vo, gelegt, ob er die Erwarlinigen seiner gläubigen Tauf- 
gemeinbe nickst stark enttäuschen würde? Mußte er sich als er 
fahrener „Geisteshirte" nicht sagen, daß mindestens die Hälfte der 
Taufgaste als Unzufriedene davon gehen würde, die das nächste 
Mai mit Achselzucken die Patenschaft ablehnen werden mit dem 
Hinweis darauf, daß ja der Herr Pastor selbst keinen Wert auf 
eine würdige AuLgestallung der Feier zu legen scheine. Und aller» 
lebten Endes, dämmt man damit die Kirchenflucht ein, der man 
nachher mit T-aktalen und besonderen Svnntagspredigten wieder 
beikommen will? Die Kirche muß bei sich selber anfangen, wenn 
ie die große Maste an sich fesseln will. Sie muß um die Gefolg 
schaft deS Volkes hart kämpfen, wenn sie nicht bloß „Landeskirche" 
ein will. Tie Zahl ihrer Gegner wächst in ernsterer nüchterner, 
materieller Zeit zusehends, und sie hat alle Ursache, diejenigen, die 
noch zu ihr hallen, liebevoll an sich zu seffeln, gleichviel ob arm 
ob reich. Sie verzichte lieber darauf, die bereits abtrünnig ge 
wordenen wieder zurück zu holen, aber sie bemühe sich, die jetzt 
noch ihr anhängenden, desto fester an sich zu ziehen. Datz das in 
erster Reihe durch würdige und die Gemüter ergreifende Aus 
führung ihrer wichtigsten Amtshandlungen geschieht — gleichviel 
ob mit oder vhne Entgelt —. ist wohl eine unerläßliche Forderung. 
ü. 
Gerichtliches 
(:) Wegen Betruges, begangen an seinen Kollegen, hatte sich 
vor dem Schöffengericht Schöncberg der Chauffeur Walter Schmidt 
zu verantworten. Der Angeklagte bestieg am 18. August an der 
Söhnen des Grafen aber der ältere im Duell gefallen und 
der jüngere bei einer Fuchshatz durch einen iMurz mit 
dem Pierde umgekommen war, und als gar den gebeugten 
Mann seine zweite noch junge Frau treulos verließ, da 
eilte Tante Bcrth zu dem Verlassenen und wurde ihm eine 
eifervolle Pflegerin. 
Vier Jahre hatte sie an der Seite des schmerleidcndcn 
Grafen zumeist in südlich gelegenen klimatischen Kurorten 
verbracht; Ende Mai erst war sie nitt ihm nach Burgholw 
zurückgekehrt, weil der an seiner Wiedergenesung ver 
zweifelnde Graf in der Heimat sterben wollte. 
Mit leisen Schritten trat Tante Bcrth jetzt ins Zimmer. 
Sie reichte Ruh! freundlich die Hand, führte ihn zu einem 
E-ker hi», wo beide sich niederließen. „Lieber Rektor," 
sagte sie leise, „es ist ein Sterbender, der Sie rufen ließ, 
um Ihnen die Erfüllung einer schwierigen Ausgabe anzu 
vertrauen." 
Ruhl sah der Sprecherin, die ihren Sessel nahe zu 
dem (einigen hingerückt hatte, überrascht in das blasse Ge 
sicht, aus dem zwei große blaue Augen treuherzig zu 
ihm herübcrblickte». „Sie sprechen von Ihrcni Herrn 
Schwager?" 
Als Tante Verth "M" ^rage bejahte, fühlte sich Ruhl 
erleichtert. Der freundliche Empfang ließ ihn vermuten, 
daß seine Befürchtungen betreffs der bösen Absichten des 
Patrons grundlos seien. 
„Wie Dr. Heiln,ann erklärte, steht das Ende nahe bevor. 
Für den Grafen bedeutet der Tod Erlösung von schweren 
Leiden; daruni kann ich nichts tun, als zur göttlichen 
Fügung Amen sagen und an der Stätte dos ewigen 
Friedens für ibn beten." ^Fortsetzung frizt.)
        
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