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Periodical volume Nr. 304, 29.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

um den Schnee festliegen zu lasten. So ging er gar bald 
in Wasser und Schlamm über. Dieses Schneegeschlacker, 
aus Gefrorenem und Nassem zusammengesetzt, haftet sich mit 
widerlicher Anhänglichkeit an unsere Fersen und ist durch 
die von ihm ausgehende Nässe und Kälte nicht nur ein 
SlimmungSoerderber, sondern auch ein Krankheitsstifter. 
Sobald es nämlich Geschlacker gibt, gibt's auch überall 
Husten, Schnupfen, Influenza — und kranke Stiefelsohlen. 
Hoffen wir, daß das abscheuliche fröstelnde Wetter uns 
möglichst verschont. Lieber harter, knackender Frost! 
o Die Landtrankenkasse von Friedenau in der Ried- 
straße 3ö, eine Treppe, hat jetzt keine leichte Arbeit. Dort 
müssen alle Dienstboten beiderlei Geschlechts die in Friedenau 
beschäftigt, sind angemeldet werden und zwar bis zum 
1. Januar 1014, an dem die durch Reichsgesetz vorgeschriebene 
Krankenversicherung beginnt. Es kann den Arbeitgebern, 
beziehungsweise Dienstherrschaften ein wesentlicher Schaden 
dadurch erwachsen, wenn sie ihre Dienstboten nicht rechtzeitig 
anmelden. Abgesehen von der vorgesehenen Strafe kann 
ein Dienstbote in den ersten Tagen des Januar erkranken 
und dann hat die Herrschaft allein die nicht unerheblichen 
Kosten einer längeren Krankheit (eoenll. bis 39 Wochen) 
allein zu tragen. Es kann nicht dringend genug empfohlen 
werden, auch solche Dienstboten anzumelden, die bereits zum 
2. Januar (dem offiziellen Umzugstage) gekündigt sind. 
Diese können nach den, Verlassen des Dienstes erkranken, 
ohne anderweit zur Krankenkasse angemeldet zu sein, auch 
in diesem Falle können der jetzigen Herrschaft erhebliche 
Nachteile erwachsen. Jedenfalls tut man gut, die rechtzeitige 
d. h. sofortige Anmeldung nicht zu versäumen. Die Beamten 
der Landkrankcnkasse haben wegen der vielen Anfragen 
gegenwärtig einen schweren Stand, doch erhält jeder Inter 
essent - wie wir uns selbst überzeugt haben, bereitwilligst 
die gewünschte Auskunft. 
o Auszeichnung. Dem Kgl. Hoflieferanten Paul 
Kreßmann, Inhaber der Firmen I. P. Trarbach Nachflg. und 
Bordeanx-Jmport-Gesellschast, die in Friedenau, Mosel- 
straße 1,2, eine Weinstube unterhält, ist auch vom Kron 
prinzen der Hoflieserantenlitel verliehen worden. 
o Tilvestcr-Touderzüge über die Stadt- und Ring 
bahn werden laut Bekanntmachung der Kgl. Eisenbahn- 
Direktion Berlin in großer Zahl verkehren. Die letzten 
Züge vom Potsdamer Ringbahnhof gehen z. B. ab! 2.07 
(an Treptow 2.35, an Charlottenbucg 3.17), 2.37 (an 
Treptow 3.05, an Schlesischer Bahnhof 3.10), 257 (an 
Neukölln 3.18, an Grünau 3.39), 2.44 (an Eharlsttenburg 
3.11), 3.04 (an Charlottenburg 3.31); ab Stralan-Rummels- 
bnrg 2.55 (an Charlottenburg 3.32, an Eruuewald 3.39), 
3.01 (an Charlottenburg 3.38, an Westend 3.45); ab 
Grnnewald 2.18 (an Stralau-Rummelsburg 3.03, an 
Grünan 3.29), 2.28 (an Stralau-Rummelsburg 3.13 (an 
Lichtenberg-Friedrichssclde 3.19); ab Charlottenburg 2.50 
(an Stralau-Rummelsburg 3.33, an Lichtenberg-Fricdrichs- 
felde 3.39); ab Schlesischer Bahnhof 3.29 (an Grünau 4.02 
früh) usw. Auf der Görlitzer Eisenbahn werden die letzten 
Züge abgelassen: ab Görlitzer Bahnhof 3 Uhr (an Königs- 
wusterhausen 3.44); ab Königswusterhausen 2.01 (an Berlin 
Görlitzer Bahnhof 2.40 nachts.) 
v Tie Uiuzugstermiue beim Jahreswechsel verschieben 
sich — da der erste Januar ein Feiertag ist — um einen 
Tag. Es sind deshalb zu räumen Wohnungen von zwei 
Zimmern am 2. Januar bis Mittags 12 Uhr, von drei 
Zimmern am 3. Januar und von mehr Zimmern am 4. 
Januar jedesmal bis 12 Uhr Mittags. Auf Verlangen des 
Zuziehenden neuen Mieters muß aber diesem schon am 2. 
Januar mindestens ein Zimmer eingeräumt werden. Der 
Umzugstermin für Hauswarle und Dienstboten beiderlei 
Geschlechts ist wie immer beim Quartalswechsel der 
zweite des Monats, also diescsmal Freitag der zweiten 
Januar, nach Schluß der Tagesarbcit, also ungefähr um 6 Uhr 
Abends. Diese Termine sind die ortsüblichen und bedürfen 
keiner besonderen amtlichen Bekanntmachung. 
o Das Vorrecht der Neujahrskarte. Postalisch ge 
nießt die Neujahrskarte insofern ein gewisses Vorrecht, als 
auf ihr gewisse Zusätze handschriftlich beigefügt werden 
können und sie doch als Drucksache befördert wird. Hinzu 
gesetzt werden kann die Adreste des Absenders und fein 
Titel. Ferner dürfen darauf gute Wünsche, Glückwünsche, 
Danksagungen, Beileidsbezeigungen und andere Höslichkeits- 
formeln handschriftlich mit höchstens fünf Worten oder mit 
den üblichen Anfangsbuchstaben hinzugefügt werden. Das 
selbe ist auch für Weihnachlskarten sowie für gedruckte 
Visitenkarten zulässig, nicht aber etwa bei anderen Karten. 
Unmittelbar nach der Bewältigung des Weihnachtspaketver 
kehrs stellt der Neujahrsbriefoerkehr an die Post ungewöhn 
liche Anforderungen. Das Publikum kann aber sich und 
der Post die Arbeit wesentlich erleichtern, wenn es einige 
einfache Regeln befolgt. Vor allem kaufe man sich möglichst 
bald und nicht am Abend die nötigen Briefmarken. Man 
braucht daun nicht am Schalter zu warten. Die Adresse 
soll gerade jetzt besonders deutlich und ausreichend sein, 
Straße und Hausnummer einhalten, bei Sendungen nach 
Berlin auch den Postbezirk und das bestellende Postamt. 
o Den Schornsteinfegern ist die Ncujahrsgratulation 
verboten. Die Schorustcinfcger-Zwangsinnung in Berlin 
! macht bekannt: 
„Allen Schornstcinfegcrgesellcn und -lchrlmgcn. die von Be- 
zirks-Zchornstelnfegermcistern beschäftigt werden, ist das Einsammeln 
von RcujahlSl eldein, die Forderung von Trinkgeldern nicht nur 
paliz il'ch. auf Grund des Regulativs vom 4. März 1912, verboten, 
sondern auch von ihren Arbeitgebern streng untersagt. Zuwider- 
Handlungen werden mit Entiassuirg bestraft. In den letzten Jahren 
tnben sich Personen, die dem Schornsteinfegerhandwerk fernstehen, 
oder auch Leute, die außer Arbeit sind, dieses Verbot zunutze gemacht. 
Um diesem Unfug, der alljährlich viel Acrgcr bereitet, Einhalt zu 
gebieten, bitten wir, dcrartigeit Gratulanten keine Geschenke zu geben, 
denn nur so ist cs möglich, diese Unsitte gänzlich auszurotten." 
o Der neue Teltower Kreiskalender, Jahrgang 1914, 
Verlag von Rob. Rohde, Berlin W. 35, Lützowstr 87, Preis 
50 Pfg., reiht sich in seiner Ausstattung und seinem Inhalt 
seinen Vorgängern würdig an. Als besonderer Vorzug ist 
zu bemerken die Deutlichkeit und Klarheit seiner zahlreichen. 
Illustrationen. 
Aus dem Inhalt ragt in erster Linie hervor eine auch iür 
weitere Kreise hochinteressante volkstümliche Darstellung nrir 21 Ab 
bildungen über die geologischen Verhältnisse des Kreises Teltow, 
aus der Feder des als Autorität rühmlichst bekannten Gcheinicn 
Bergrats Professor Tr. Keilhack in Berlin. Ein Bericht des Kanal- 
direklors Slevers über den Tcltowkanal schildert die Vcrkchrs- 
cntwicklung des K nals und enthält wissenswerte Ausführungen 
und Beschreibungen über den in Neukölln und Britz neu hergestellten 
Kanal, der den Neuköllner Cchiffahrlskanat mit dem Teltowkanal 
verbindet und dessen Einweihung und Eröffnung iin Frühjahr 1914 
bevorsteht. Eine Beschreibung der neu eingeführten Motorschiffe 
der Kreisschiffahrt ist von größerem allgemeinen Interesse. Das 
Hauvtereignis des vergangenen Jahres im Kreise Teltow war die 
Jahrhundertfeier der Schlacht von Großbccren. Es ist deshalb 
verständlich, daß der Kaleiidcr eine größere Zahl von Bildern aus 
den Großbecrener Fcsttagyr bringt. Tie Chronik in Wort und 
und Bild gibt eine Zusammenstellung bedeutungsvoller Ereignisse 
des vergangener! Jahres. An der Spitze steht die Einweihung des 
Stadions und die am selben Tage veranstaltete Kaiser-Ruder 
regatta in Grünau. Aus dem übrigen Inhalt seien folgende Aus 
sätze erwähnt: Miitcnmalde als Residenz von Amtsgcrichtsrat Haeckcl 
in Potsdam, das Teltower Stadlwappen von Bürgermeister Pnlleske, 
die Steglitzer Pumpstation von A. Rivcl, ein teltowsches Dorf irr 
den Kampfeslagen des August 1813, Kanonen-Bcrge—Teuselssec 
von Wilhelm Rcichner, der „Tote Mann" bei Spandau von dem 
selben Bcrfasicr sorvie über eine wahre Begebenheit aus den Tagen 
der Schlacht von Großbeeren. Tie Monatstaseln zeigen Bilder 
aus alter und neuer Zeit des Kreises, z. B. die alte Steglitzer 
Kirche, das Jagdschloß Grunewald; Bilder von den Scenkctten des 
Kreises: am Teupitzer See, an der Rotte, an der Kleinen Müggcl, 
ain Todnitzsee. Schließlich sei besonders aufmerksam gemacht auf 
die Adressensammlung sämtlicher Behörden im Kreise Teltow, die 
für Private rvie Geschäftsleute gleich großes Interesse haben wird. 
Neu eingeführt ist ein Führer und Ratgeber für Erholung 
und Reise, der die ersten Blätter des Kalenders einnimmt und 
Auskunft gibt auf die Fragen: Wohin im Frühling und Sommer? 
Wohin auch im Winter? Wir tonnen unsern Mitbürgern das 
wichtige »nd belehrende Nachschiagebuch auss beste empfehlen. 
o Zwangsverstcigerungsergebnisse. Fregestraße 30. 
d.'in Postbeamten Adalbert v. Grabowski in Berlin-Steglitz, 
Ahornstr. 30, gehörig. Fläche 9,99 Ar. Rutzungswert 
10 100 M. 93Ut dem Gebot von 143 500 M. bar blieben 
die Frau Kaufmann Anna Hölzel, geb. Burckhardt, iir 
Berlin-Pankow, Hcrthastr. 12, das Fräulein Hedwig Burck- 
hardt und das Fräulein Martha Burckhardt, beide in 
Berlin-Schöneberg, Albcrlstr. 15, zu gleichen Rechten und 
Anteilen, meistbietend. — Lesövrestr. 9 in Gemarkung 
Berlin-Friedenau, dem Klempuermeister Jacob Soor, im 
selben Hause gehörig. Fläche 10,05 Ar. Rutzungswert 
13 020 M. Mit dt Gebot 172 000 M. bar blieb der 
Schlächtermeister tztzv Schäfer in Berlin. Wrangelstr. lOn, 
Meistbietender. —> jser-Allee 67, Ecke Mainauer Straße 1 
in Berlin-Friedenwjem prakt. Arzt Dr. Carl Günther, rm 
selben Hause, gehst Fläche 14,68 Ar. Nutzungswert 
18 600 M. Mit st Gebot von 833 000 M. bar blieb 
die Friedenaucr Lantzoerbs-Akt.-Ges. zu Berlin Kochstr. 62, 
Meistbietende. — Rjstr. 9 in Gemarkung Berlin-Steglitz, 
dem Töpfermeister Jeph Kopale, im selben Hause, gehörig. 
Fläche 6,56 Ar. ptzungswert 6700 M. Mit dem 
Gebot von 102 ÖD#, bar blieb der Kaufmann Ennl 
Lemcke in ZehlendoGest, Prinz-Fricdrich-Karl-Straße 4, 
Meistbietender. 
o Aufgehoben purde das Zwangsversteigerungsver 
fahren über das (5)iibftiict Hähnelstr. 13 und an der 
Hähnelstraße dem Mermeister Ernst Buckenauer Berlin- 
Schöneberg, Hauptstr.ö, gehörig. 
o TheatervereMcrxcs 1873. Am I. Weihnachts 
feiertag feierte der feateroercin Terxes sein 40 jähriges 
Bestehen durch Konzt Theateranfführnng und Ball, ver 
bunden mit einer ^nbola. Ter Bauch war ein recht 
guter. Nach eiuigenMusikstückeu. die Anerkennung ver 
dienen, hob sich der rhang. Auf der Bühne hatten sich 
ehemalige und jetzig Mitglieder um das Vereinsbanner 
gruppiert. Herr Pauffponholz, der langjährige Regisseur 
des Vereins, sprach insusdrucksooller Weise einen Prolog, 
der mit lautem Beifalausgenommen wurde. Nach einem 
einleitenden Musikstücking das herzige Theaterstück „See 
manns Heimkehr am 3eihuachrs-Abend", Lebensbild mit 
Gesang in 3 Abteilun t von Hugo Schulz in Szene. Wir 
können nur feststellen, 
wirkenden die größte 
des Stückes beizutrage 
Herrmann erwähnt, d 
aß auch diesmal sich alle Mil 
che gaben, um zu dem Gelingen 
An erster Stelle sei Frl. Helene 
, . in Spiel und Gesang vorzügliches 
leistete; wiederholt ww sie hervorgerufen. Frl. Wilhelmine 
Herrmann spielte verststnisvoll die deutsche Frau, die mit 
Liebe und Achtung j ihrem Manne hält. Herr Paul 
Spanholz (Wilhelm Cteehuhn) war wieder, wie immer, 
in bester Form; ihm ebührt das Lob, au dem Gelingen 
des Stückes hohen steil zu haben Langanhaltender 
Beifall bezeugte ihm sts. Ferner seien erwähnt Paul 
Lorenz (August Schneeshn), Bruno Wolfs (Onkel Hackcheul, 
sowie Gustav Gründe (v. Salewski)), welche sich gut in 
ihre Rollen fanden. Inch Felir Müller (Franz). Meta 
Müller (Aurclia), ClarPeit (Clärchen) und Franz Rensstein 
(Brinkmann) gaben i( Bestes. — Nach der Vorstellung 
sprach Herr Meißner, fc Vorsitzende des hiesigen Vereins, 
seinen Dank aus für d zahlreichen Besuch und ehrte ins 
besondere Herrn Paul ponholz für seine langjährige auf 
opfernde Tätigkeit als egisscur des Vereins'und überreichte 
ihm im Namen des iereins einen herrlichen Kranz init 
Widmung. Auch der lrbandsvorsitzende der Privatthcater- 
vereine, Herr SchmüBerlin, sprach sich in lobenden 
Worten, nicht nur d Mitgliedern, sondern auch dem 
Publikum gegenüber, d die Vorstellungen unterstützt, aus. 
Mit einem kräftigen Hi:, hipp, hurra schloß er seine Rede. 
Alsdann trat der Tanzin sein Recht, der sich bis in die 
Morgenstunden hinzog. Viel schöne Gaben brachte noch die 
Tombola. 
o Ter FricdenaueiNäimer-Gesangverein 1875 begeht 
seine Weihnachtsfeier Ute (Montag) Abend 8 Uhr, im 
großen Saale der Cchs;brnuerei Schöneberg, Hauptstraße. 
o Die Weihnachfeicr des Krieger- uid Land- 
wehrvereins findet mqen (Dienstag) Abend im Vereins 
lokal „Hohenzollern" (erer Saal) statt. Anfang pünktlich 
6 Uhr. 
o Es ist richtig, 'ist keine Wunder mehr geschehen 
und doch hat es die Direon der Rheinschloß-Lichtsp'.ele, 
Rheinstr. 60 mit ihrer leen Leistung fertig gebracht, uns an 
solche fast glauben zu nchen. In der märchenhaft kurzen 
Zeit von 3 Tagen ist eshr gelungen, in den alten Räumen 
ein Theater zu schaffen das jedem, wohl auch dem ver 
wöhntesten Geschmack rtspricht und das trotz der be 
deutenden Vergrößerung sine intime Gemütlichkeit nicht ein 
gebüßt hat. Am meiste:werden diejenigen empfinden, was 
hier geleistet worden ist, oelche der letzten Vorstellung im 
nehmen. Er war in: Saal, als ich wieder jene sozialen An- i 
schaumigen darlegte, die iuir so verhängnisvoll wurden. 
Mitten in der Rede fiel mein Blick auf ihn. Ich hatte 
gerade von den törichte:: Vätern gesprochen, die Schätze 
zusammenscharren, u:n ^as Glück ^der Kinder zu sichern, 
uuo die iijucri sehr oft Fluch statt Segen vererben, da sah 
ich den Cr..sei: und erschrak, daß mir das Wort auf den 
2i,'!'ct: erwarb. Der dem Tod verfallene Mann starrte 
mich mit icinen tief in den Höhlen liegenden Augen 
fiu er an und als er, auf die Schultern seiner Schwägerin 
uiu; seines Kammerdieners gestützt, aus den: Saal hinaus- 
wanite, sagte ich mir: Nun wirst du für deine Ueber 
zeugung zum zweiten Male leiden müssen. Ich legte mir 
die Frage vor: Darfst du von den Deinen fordern, daß sie 
das Kreuz mit dir tragen?" 
„Ja, du darfst es! Wo es Meuschheitsfragcn gilt, 
muß die Wohlfahrt der Familie zurückstehen. Und daß 
ich dir's nur cingcftehe, deine Rede hat mich tief ergriffen 
und derart begeistert, daß ich nichts sehnlicher wünschte, 
als streiten und leiden zu dürfen für deine Ideen, stehen 
sic doch völlig in: Einklang mit den Erlüsungsgcdanken 
Christi!" 
Der Rektor streichelte das volle Haar und die heiße 
Wange der Knienden und sah ihr tief in die leuchtenden 
Apgcn. „Ja, in dir lebt und glüht eine opfermutige 
Seele, ein goldenes Herz, aber — deine Mutter ? 
Sie ist nicht geschasscn, um zu leiden, und der Gedanke, 
in Armut und Niedrigkeit leben zu müssen, ist ihr ent 
setzlich. Sie beklagt es jetzt schon, ihr Geschick mit dem 
eines Lehrers verbunden zu haben, würden wir gar heimat 
los, so ginge sie zugrunde." 
„Du darfst nicht gleich das Schlimmste befürchten, lieber 
Papa; vielleicht will dein Patron nur Kritik üben. Sich, 
feine Schwägerin, Frau Bertha, die ihm so treu zur Seite 
stand, will dir wohl. Sie wird sicher ihren Einfluß zu 
deinen Gunsten verwenden." 
„Aber aus welchem Grunde mag der Graf sich von: 
Krankenlager erhoben und in die Versammlung geschleppt 
haben? Wahrscheinlich ist ihm zugeflüstert worden, daß 
ich ein unverbesjerlicher Freigeist und Volksaujwiegler sei. 
Und der boshafte Zufall hat es gefügt, daß ich eine Ueber 
zeugung offenbarte, die sich im Sinne meiner heimlichen 
Feinde deuten läßt." 
„Wäre es möglich, daß du Feinde ballest, dann müßte 
ich allen Menschen mißtrauen. Nein, Papa, ich teile die 
Befürchtungen der Mutter nicht. Laß uns getrost und 
mutig sein. Und wenn das Schlimmste eintrifft, dann wollen 
wir Seite an Seite unsere Kraft erproben." 
Der Rektor küßte sie auf die Stirn und sagte leise: 
„Du liebes, hochherziges Kind! Ach, wenn deine Mutter 
dir doch gliche!" — Er sprang auf und schüttelte den 
Kopf, als wollle er alle Sorgen und sentimentalen Reg 
ungen von sich abwerfen. „Ja, du hast recht! Wir müssen 
beherzt dem kommenden Sturine entgegensehen! In dir 
wenigstens besitze ich einen treuen Kameraden, und dies 
Bewußtsein macht nüch ruhig. Schlaf' wohl, mein Kind! 
Hoffentlich kann auch ich während einiger Skuiiden der Nacht 
die peinlichen Erlebnisse dieses Tages und die drohende 
Gefahr des nächsten vergessen." 
3. Kapitel. 
Des Rektors Hoffnung erfüllte sich nicht. Der Schlaf 
blieb während der Nacht seinem Lager sern, eine wilde 
Flucht von Gedanken und Befürchtungen brachte sein Ge 
Hirn und Blut in Fieberhitze. Erst als der Morgen 
> graute, schlunnnerte er ein. Aber auch in seine Träuuie 
i hinein stahlen sich, drohenden Gespenstern gleich. Bilder 
der Vergangenheit und Zukunst. Beim Erwachen war sein. 
! Kopf schwer und in trüber Stiminung trank er in Eescil- 
i schast seiner Töchter Kaffee. Seine Frau hatte ihm in 
1 klagendem Tone versichert, daß sie unfähig sei. sich zu er 
heben; die schrecklichen Vorgänge des vcraangenen Tages 
hätten sie völlig zerschmettert. Iulchen, das diese mütter- 
liche Klage untaugehört hatte, bemerkte gleich darauf gegen 
Claire: „Mama ist immer zerjchniettcrt, wenn sie sich von: 
weichen Bett nicht trennen mag." Es tat Dr. Ruhl wohl, 
als ihn beim Antritt seines schweren Ganges nach Schloß 
Bnrgholin Elaire durch den Vorgarten begleitete. „Sei 
j furchtlos und stolz. Papa." sagte sie. ..Wer der Wahrheit 
dient, braucht, die Mächtigen nicht.zu fürchten!" 
In der 'Recht war Ir erste Reif gefallen und als der 
Rektor die Landstraße h.ter sich hatre und zun: User des 
Riedsees hiuüberschr.tt, sah er, daß auf den Wallern 
Morgennebcl mit der Taue rangen. Suis das rinnende 
Licht im Osten blickend, sifzte er: „Ein Bild des Wann 
heitskampfes! Wie lang mag es noch dauern, bis das 
Licht der Erkenntnis sich strchringt und die Nebel des Vor 
urteils, der >rüge und dc> Wahiiglaubens zerrinnen?" 
Bei dieser bangen Fr ge ;:el sein Blick auf ein hohes 
Gartentor, auf dessen Bogn sich die üppigen, sastiagrünen 
Laubmassen zweier Prackstxepi'ilare der asiatischen ulügcl- 
nuß senkten, die der Volksbund als Görlcrüäuiue bezeichnet. 
Die Bauinwipsel überragtm das Dach eines Landhauses, 
dessen Fassade sich hintxrjden Bäuinen versteckte. 
Für die Dorfbewohirr hatte dies Haus den Reiz des 
Geheimnisvollen. Um sicher seltsamen Bewohner willen 
nannte man es das Latrenhaus. Es gibt ja Toren ge 
ling, die dos, was iljneii seltsam oder unbegreiflich er 
scheint, als .verrückt") bezeichnen. Ruhl erinnerte sich, 
daß der Besitzer, ein kleiner, verwachsener Apotheker im 
Alter von cbva fünfzit Jahren, fast gleichzeitig mit ihm 
nach Burgstallgclomme» war und daselbst einen, zwischen 
den: Dorf nur'den: Pork'des Grafen belegencu. kleinen und 
verwahrlosten Vaueriihof angetanst hatte, der einer Witwe 
namens Laust gehörte, Der bu llige Käufer, Dr. Kruse, 
hatte seine in einer grüßen Handovstadt bclcgcne Apotheke 
verkauft und cu Laugschen Hof in seinen Landsitz besonderer 
Art verwand t, den er mit dosten.Mauern umgab. Man 
wüßte ün Di h daß dessen cnffcksttsi cs Haus kleine Anueo- 
bauien hat! in denen Dr. Krui.' allerlei Getier, wie 
Hunde, Zie: ögek, TcnGeri. est,cn Poup und Esel hielt. 
Das Ackerlau «:; ) die Witw ,.g . .Hofes hatte er in c-nen 
Park mit Ka ffenieichPerivanste'nnlochen und au den Teich 
schloß sich e> Aquarium. Mehr, war über das Innere 
des „Narren anjes" nicht benannt geworden, nur bat:e 
cs den Ansexi::, daß tie Anpflanzungen in: Lau'c von 
wohl gediehen .raren, denn, grüne!2aum 
einigen Ja n 
wiche! heckte: 
sich über die 
r-mnern der Bepßnng. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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