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Periodical volume Nr. 301, 23.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

wert nach durchschnittlichen Mietpreisen der letzten 10 
Jahre — bei staatlich nicht veranlagten Gebäuden und da 
gegen sollen nicht die Grundsätze der staatlichen Veranlagung 
zur Anwendung kommen, sondern es soll vom Magistrat 
ein Jahresmietszins ermiitelr werden, der für Räume 
gleicher Benutzungsart, Lage und Beschaffenheit zu zahlen 
sein würde, also ein Jahresmietzins, der sich nicht, wie bei 
der staatlichen Veranlagung, aus dem durchschnittlichen 
Mietsprcise der letzten 10 Jahre ergeben, sondern durch die 
Lage des Wohnungsmarktes im gegebenen Zeitpunkt be 
stimmt werden würde. Diese Verschiedenheit der Veran 
lagung könnte sogar bei einem und demselben Gebäude 
wirksam werden, z. B. einem Tienstgebäude, das auch 
staatlich veranlagte Dienstwohnungen enthält. Das muß 
notwendig zu wesentlich verschiedenen Ergebnissen für Ge 
bäude sonst gleicher Art, also zu einer grundsätzlich ver 
schiedenen Bemessung des Nutzungswertes und damit der 
Gebühren führen, ohne daß die Verschiedenheit ihren Grund 
in dem unterschiedlichen Umfang der Benutzung hätte, und 
ohne daß überhaupt eine innere Notwendigkeit für die Ver 
schiedenheit vorläge. Das aber führt notwendigerweise zu 
Ungleichmäßigkeiten, und deshalb wird die ganze Gebühren 
ordnung ungültig 
Wie unangenehm die schwankende Beurteilung des 
Oberverwaltungsgerichts für die betroffenen Gemeinden ist, 
bedarf keiner besonderen Darlegung. Die Ursache hierzu 
liegt in der Gesetzgebung. Im Gesetz müßte positiv zum 
Ausdruck gebracht sein, was unter den festen Normen und 
Sätzen des § 7 zu verstehen ist und welche Maßstäbe für 
die Gebührenberechnung zulässig sind. Auch ist es nicht 
eiirzusehen, weshalb die Gemeinden nicht berechtigt sein 
sollen, einen .Gebührenpflichtigen, der auf Grund einer 
aus formellen oder materiellen Gründen für rechtsungültig 
erklärten Gebührenordnung freigestellt worden ist, auf Grund 
einer nunmehr rechtsgültig zu erlassenden neuen Ordnung 
mit rückwirkender Kraft nachträglich für diejenige Zeit heran 
zuziehen, iu der er die Kanalisation tatsächlich benutzt und 
die Vorteile der Veranstaltung genossen hat. ivobei natürlich 
der Zeitraum der Nachforderung, wie dies z. B. in den 
§8 83 und 84 des Kommunalabgabengesetzes geschieht — 
zu begrenzen sein würde. Durch die jetzigen gesetzlichen 
Bestimmungen erfolgt eine ungerechtfertigte Bereicherung 
einzelner Gebührenpflichtiger gegerlüber den anderen 
Pflichtigen, die in gleicher Weise an der Benutzung der 
Veranstaltung, teilgenommen haben. Eine gesetzliche Klar 
stellung der.bestehenden Rechtsunsicherheit ist dringend er 
forderlich, um, die Gemeinden vor weiteren Verlusten zu 
schützen. Auch wäre , es sehr erwünscht, wenn dem so klaren 
und verständlichen Kommentar von Noell/Freund einige den 
gesetzlichen Bestimmungen entsprechende Muster von Ge 
bührenordnungen beigegeben würden. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Zur Stadtwerdung. In einer Konferenz die gelegent 
lich des Empfanges der Abordnung des Verbandes der 
größeren preußischen Landgemeinden (unter Führung des 
Bürgermeisters Buhrow-Sleglitz) bei dem Minister des 
Innern stattfand, wurde auch über die Stadtwerdung der 
Berliner Vororte gesprochen. Der Minister stand den 
hierbei vorgebrachten verschiedenen Wünschen freundlich 
gegenüber, erkannte die Mißstände, besonders für die großen 
Landgemeinden an und stellte in Aussicht, diesbezügliche 
Gesetzentwürfe in einer der nächsten Sessionen dem Land 
tage vorzulegen. Dabei soll erwogen werden, ob den 
größeren Landgemeinden die Möglichkeit der Stadtwerdung 
erleichtert werden soll, ohne daß hiermit ein Ausscheiden 
aus dem Landkreise verbunden sein muß. — Die im letzten 
Satz eröffnete Aussicht wird auch hier freudig begrüßt werden, 
zumal man sich bekanntlich in unserer Gemeinde ebenso wie 
in Steglitz seit geraumer Zeit vergeblich uni die Sladl- 
werdung bemüht hat. 
o Ausländische Arbeiten. Wir machen darauf auf 
merksam, daß alle ausländischen Arbeiter bis spätestens 
30. Januar k. Js. die Ausfertigung einer Arbeiter- 
legitimaüonskarteu für das Kalenderjahr 1914 bei der 
Polizeibehörde ihres Beschäftigungsortes beantragt haben 
müssen. Versäumen sie diese Frist, so haben sie außer der 
Zahlung der Ausfertigungsgebühr von 3 M. für jede Karte 
auch Zwangsmaßregeln zu gewärtigen. 
o Versteuerung! von Automaten. Das Kgl. Haupt 
zollamt bittet uns. im Interesse der beteiligten Gewerbe 
treibenden darauf hinzuiveisen, daß nach den Stempel-' 
gesetzen im Laufe des Monats Januar 1914 die auf Bahn 
höfen oder anderen öffentlichen Orten und Plätzen oder in 
Gast- und Schankwirtschaflen aufgestellten Waren-, Schau-, 
Sterestskop- oder Scherzautomaten sowie die Musikautomaten 
und alle mechanischen Musikwerke, gleichviel ob diese Oeff- 
nungen für Geldeinwurf besitzen oder nicht, für das Ka 
lenderjahr 1914 gegen Lösung einer Jahreskarte zu ver 
steuern sind. Die Versteuerung hat der Eigentümer des 
Automaten oder, wenn der Automat einem anderen zur 
Benutzung überlassen ist, dieser bei der zuständigen Zoll 
stelle zu bewirken. Für die bis zum Jahre 1913 ver 
steuerten Automaten usw. hat die Weiteroersteuerung unter 
Vorlegung der Steuerkarte zu geschehen. Erfolgt die Ver 
steuerung nicht rechtzeitig bis zum 31. Januar 1914, so 
muß Bestrafung eintreten. 
o Das große Millionenprojekt, das auf dem Ge 
lände zwischen der Rubens-, Haupt- und Jnnsbruckerstraße 
und der Wannseebahn große Ausstellungshallen, ein Schiller- 
theater sowie ein Wellenschwimmbad in riesigen Dimensionen 
vorsah, kann jetzt als gescheitert angesehen werden. Zu 
nächst schien die Ausführung des kühnen Projektes, das für 
die weitere Entwickelung dieser Gegend sicherlich von der 
größten Bedeutung gewesen wäre, schon gesichert zu sein. 
Die Stadt zeigte, wie schon berichtet wurde, hierfür großes 
Interesse, indem sie Hypotheken auf dem Grundstück stehen 
lasten wollte und so das Unternehmen unterstützte. Als 
indessen der Pächter des Geländes, der bekannte Führer 
der Kommunalliberalen, Michalski, eine hohe Abfindungs 
summe für die vorzeitige Räumung verlangte — er bean 
spruchte 100 000 M. — und schließlich die Stadt verlangte, 
daß die Ausstellungshallen unter Androhung einer hohen 
Konventionalstrafe bis zum 1. September 1914 fertiggestellt 
werden sollten, traten die ersten finanziellen Schwierig 
keiten ein, zu denen schließlich noch persönliche Differenzen 
hinzukamen. Wenn auch die Verhandlungen bisher noch 
njchl abgebrochen sind, so darf man doch kaum noch astf 
eine Verwirklichung des Projekts rechnen. Uebrigens sind 
bereits Kräfte an der Arbeit, die die Ausstellungshallen auf 
dem früheren Willmannschen Gelände zwischen Rubens-, 
Haupt- und Sponholzstraße erstehen lassen wollen. Da sich 
hierfür nicht nur die Terrain-Gesellschaft, sondern auch eine 
große Bank interessiert, ist es nicht ausgeschlossen, daß das 
Projekt an dieser Stelle errichtet wird. Sicherlich würde 
eine Ausführung hier wesentlich billiger werden, da die Ab 
findungssumme und die Kosten für die gewaltigen Erd 
arbeiten, die auf dem zuerst in Aussicht genommenen Ge 
lände sich auf etwa 80 000 M. beliefen, hier wegfallen 
würden. Das Projekt eines Schillertheaters und eines 
Wellenschwimmbades hat man vollkommen aufgegeben. 
o 3nt Schmückung des Weihngchtsbanmcs. Seit 
dem die flüssigen Gold- und Silberbronzen so billig ge 
worden sind, tut man besser, die Nüsse mit solcher Bronze 
mittels eines feinhaarigen Pinsels zu vergolden und zu ver 
silbern. Das zeiiraubende Ausschmücken der Nüsse mit dem 
bisher üblichen Blattgold und Blattsilber fällt dadurch weg, 
und bronzierte Nüsse .gewähren einen schönen Anblick, 
namentlich wenn der Weih'nachlsbaum im Lichlerglanze 
steht. Um einen beschneiten Weihnachtsbaum herzustellen, 
legt man kleine Wattebäuschchen fein geputzt auf die Aeste 
und Zweigs. Damit nun diese Wattebäuschen sich durch 
die brennenden Lichter nicht entzünden können, wendet man 
imprägnierte Watte an, die man dadurch erhält, daß man 
Watte durch Natronwasserglas zieht und an einem warmen 
Ort trocknen läßt; sodann lockert man die Wattebäuschen und 
schmückt dann mit ihnen den Baum. Naironwasserglas ist 
in jedem Drogengeschäst zu erhalten Effekt machen auch 
Schneebälle aus solcher Watte, die man mit Gummiarabikum- 
lösung betupfen und mit Gold- und Silberflimmern be 
streuen kann. Dieselben können auch zum Verbergen eine« 
Geschenkes dienen, und je nach der Größe der Gabe bis zur 
Riesengröße angefertigt, dann auch einem aus Watte her 
gestellten Schneemann .zu Füßen gelegt und im die Arme 
gedriickt werden. Vergoldete Eier verschönern den Baum 
ganz bedeutend. Dian bestreicht ausgeblasene Hühner 
eier niit Goldbronze. Die Löcher an den beiden Enden 
beklebt man mit Goldpapier, nachdciit an eineni Ende 
ein Faden zum Aufhängen angebracht ist. Leicht an 
zufertigen sind auch die sehr gut sich ausnehmenden Post 
pakete aus Streichholzschachteln. Die Schachteln werden 
mit. Papier ausgelegt und mit kleinem Konfekt angefüllt. 
Man verpakt sie darauf in Gold- und Silberpapier, um 
schnürt postmäßig und versieht dieselben mit Siegel und 
Adresse an je eines der Kinder des Hauses. Vielleicht ge 
fallen manchem auch Ketten, die man sehr leicht aus den 
bekannten, schmalen, gedrehten Blechstreifen, wie sie zum 
Aufhängen des Baumschmuckes verwendet werden, anfertigen 
kann. Mai biegt dazu jedes Streifchen Zusammen, steckt 
ein zweites hindurch, formt auch dieses zum Ringe und 
fährt so fort, bis eine beliebig lange Kette entstanden ist. 
Eiszapfen kann man in derselben Weise herstellen wie die 
Schneebälle, nur muß man sie in länglicher, fingerstarker 
Form herstellen. Sehr niedlich sind auch vergoldete halbe 
Wallnußschalen, welche man oben und unten je zweimal 
dicht nebeneinander durchbohrt. Durch die Löcher zieht man 
farbige Bänder, die zun, Au'hängen dienen. Füllt man 
die Nußschalen mit Moos, so hat man kleine Bettchen. In 
jedes derselben kommen zwei Püppchen, die man leicht aus 
Erbsen mit bemalten Gesichtern, die eine Spitzhaube er 
halten und auf mit Watte umwundene Holzstäbchen gespießt 
iverden, anfertigen kann. 
o Eine Protestvcrsammlnng wird sich am Montag, 
dem 29. Dezember, Abends ^-zklhr, im „Burghof", Haupt- 
straß; 86, mit der Errichtung eines Abstellbahnhoscs zwischen 
der Rubens- und Tempelhoferstraße beschäftigen. Nach den 
ausgelegten Plänen beabsichtigt die Königl. Eisenbahn- 
direktion den Bahnkörper der Wannseebahn zwischen der 
Tempelhofer- und Rubensstraße um 33 Meter zu ver 
breitern, um hier Platz für die Leerzüge zu schaffen. Außer 
dem ist die Errichtung von Lokomotivschuppen sowie eines 
Kesselhauses mit einem großen Schornst^n in Aussicht ge 
nommen. Da hierunter die ganze Gegend schwer leiden 
muß, sollen die Interessenten aufgefordert iverden, recht 
zeitig, d. h. bis zum 31. Dezember, gegen die Anlage Ein 
spruch zu erheben. Die Versammlung wird vom Kommunal 
verein Friedenauer Ortsteil einberufen. Ob sie noch irgend 
einen Erfolg haben wird, erscheint allerdings fraglich. 
o Weihnachtsfeier der Höheren Mädchenschule von 
Frau Rudel. Am Sonnabend, dem 20., fand in der 
Aula des Gymnasiums am Alaybachplatz die Weihnachts 
feier W Höheren Mädchenschule von Frau E. Rudel (vorm. 
Roeuneberg'sche Höhere Mädchenschule), Moselstr. 5, statt. 
Der schöne, stimmungsvolle Saal, in dem eine herrliche 
Tanne ii^,hellem Glanz erstrahlte, war bis auf den letzten 
Platz gefüllt. Der erste Teil der Feier bestand aus Dekla 
mationen und Chorgesängen. Die von drei kleinen 
Schülerinnen der X. Klasse erzählte Weihnachtsgeschichte 
übte wie immer ihren Zauber aus. Herr Pastor Boehm 
aus Schöneberg hielt die Ansprache. Er wandte sich vor 
allem an die Schülerinnen und in der Form eines 
reizenden, kleinen Märchens behandelte er den Gedanken, 
daß unsere wahre Heimat nicht auf Erden sei. Der zweite 
Teil brachte das Weihnachltzfestspiel: „Winterseier" von 
Hallig, in dem sich Deklamationen, Solo- und Chorgesang 
abwechselten. Der darin austreiende Weihnackttsmann weckte 
den begeisterten Jubel der Kleinen, der sich noch steigerte, 
als er aus seiner großen Kiepe 37 Püppchen, die von den 
Schülerinnen der oberen Klassen für sie angekleidet worden 
waren, unter sie verteilte. Mil dem schönen, alten Liede: 
„O Tannebaum" schloß die von echt deutscher Weihndchts- 
stimmung durchdrungene Feier. 
o Pfadfinders WeihuachtSfcst. Sonnabend Nachmittag 
versammelten sich die Pfadfinder unseres 3. Feldbalaillons 
mit ihren Angehörigen im Restaurant „Waldpark" in 
Grunewald, um gemeinsam, ihr Weihnachlsfest zu begehen. 
ihrem Anblick des Ausspruchs Platons: „Im Körper wie 
in Ser Seele eines vollkoinmenen Menschen ist es da 
schöne Ebenmaß, der schöne Rhythmus, die schöne Harmonie, 
die uns das Gefühl des Guten und Schönen erweckt." 
-t° * 
0 
Beim Betreten des Hausflurs stieß Claire auf ihre 
Stiefschwester Julie, die nach Backfischart ihr üppiges rot 
blondes Haar lose über die Schultern wogelt ließ. Sie 
war eben über die Schwelle des Speisezimmers getreten, 
zog die Tür leise hinter sich zu und brach in ein Kichern aus. 
„Au, du, Claire," sagte sie, „da drin mird's sengerig. 
Ich hab' mich aus dem Staub gemacht. Mama ist mit 
Groll geladen. Die Tauben waren zäh wie Guinini. 
Die hingemordeten Tierchen rächten sich furchtbar 
durch llnverdaulichkeit. Der Superintendent schob den 
Teufelsbraten, den ihm Mama mit Grazie auf den Teller 
geschoben hatte, seufzend beiseite; keine Möglichkeit, ihm 
beizukommen! Mamas Pudding ist schrecklich bleichsüchtig i 
ausgefallen . . . eben wird er verspeist. Emma soll jetzt i 
die so lange ausgesparte Flasche weißen Burgunder 'rein- ! 
bringen — Chablis heißt ja wohl die vornehme Marke. 
Hoffentlich darf ich auch davon naschen!" 
„Wo willst du denn jetzt hingehen?" 
„Ich soll. das Obst hereinbringen. Mach' dich auf 
einige Püffe gefaßt, du Stütze der Hausfrau. Mama ist 
in scheußlicher Laune und ohne Donnerwetter geht's heute 
nicht ab." 
Sie lief der Küche zu und fließ leicht mit dem Dienst 
mädchen Emma zusammen, das einen mit Eis gefüllten 
Eimer ins Speisezimmer trug. 
Als Claire an der Tafel ihreii^Platz wieder einnahm, 
warf ihr die Mutter zornige, eine Strafpredigt verheißende 
Blicke zu. Die Aufmer ksamkeit der Erzürnten wurde gleich 
darauf durch Emma abgelenkt, die den Blecheimer geräusch- . 
voll neben sie hinsetzte. Die Hausfrau warf einen Blick ! 
darauf, riß dann weit die Augen auf und fragte mit 1 
stockender Stimme: „Ja, wo haben Sie denn den Wein > 
gelassen, Emma, ich sehe ihn nicht im Kühler?" * 
„Den hab' ich ins Eis gegossen," antwortete das Mäd 
chen zuversichtlich. „Gnä'ge Frau sagten mir ja ausdrücklich: 
Diese Flasche Wein kommt ins Eis, weil et janz wat 
Feines ist." 
Die Blicke der Gäste, die auf das stupide Gesicht des 
Dienstmädchens gerichtet waren, schweiften jetzt zu dem er 
blassenden der Hausfrau hinüber, die ihrem Erschrecken durch 
den Ruf: „Dieu, q iel malheur!“ Luft machte. 
Um die schmalen Lippen des Schulinspektors zuckte ein 
Lächeln, das die Mühe erkennen ließ, mit der er einen 
Heiterkeitsausbruch niederzwang. Der Doktor fuhr mit der 
Serviette nach dem Mund, der feiste Platte aber konnte 
feine Lachlust nicht bezwinge»; er lachte hellauf und setzte 
dann in entschuldigendem Tone hinzu: „Das Mädchen ist ja 
forchtbar komisch!" 
„Ja," bemerkte Frau Ruhl noch, bevor die bestürzt 
und verwundert umherblickende Emma das Zimmer ver- ; 
lasse» hatte, „ihre Naivität gewinnt aber für uns etwas j 
Tragikomisches, wir nennen sie deshalb Emma, die Aus- i 
sichtslose. Pour l'amour de Dien! Diese köstliche Flasche ! 
Chablis ist rettungslos verloren. Ich glaubte unserem I 
verehrten Gaste" — sie neigte sich mit strahlendem Blick 
dem Schulinspektor zu — „eine Freude bereiten zu können." 
„Ich hätte wahrscheinlich die Gabe nicht einmal ge 
bührend zu würdigen verstanden," erwiderte dieser, „denn 
ich bin kein Weinkenner. Außer leichtem Mosel kommt kein 
Rebensaft auf unseren Tisch." 
Iulchen setzte die Fruchtschale auf den Tisch und verteilte 
Dessertteller von feinstem Porzellan an die Tischgenoffen. 
Die Herren ließen sich die Mirabellen, Zwctschen und 
Aepfel wohl schmecken, die Töchter Plattes aber bewunderten 
die in zarten Farben gehaltenen Bilder, welche die Teller 
schmückten. Ausrufe wie „bezaubernd! reizend!" kamen über 
ihre Lippen. 9hm warf auch der Pater der ältlichen Jung 
frauen einen Blick auf den Tellerrand und bestätigte die Lob 
preisungen durch ein sonores „forchtbar nett!" 
Auch der Schulinspektor prüfte die anmutige Tellerdeko 
ration und bemerkte, gegen die Hausfrau gewendet: „Ei, 
das ist ja ein kleines Kunstwerk. Wohl ans Sevres?" 
„Rur das Porzellan, die Malerei ist von mir." Frau 
Ruhl gab diese Erklärung mit verschämter Miene ab und 
setzte lächelnd hinzu : „In meinem Jugend hatte ich mir 
inpnche Kunstfertigkeit angeeignet, die in der langen Verein 
samung verloren ging." 
„Aber Frau Ruhl, diese Kuiistübungen hätten Sie doch 
nicht vernachlässigen, sollen. Auf. eine solche Ausschmückung 
kann jeder Miniaturmaler stolz sein." 
,,Q ae youiez vons! Setzen Sie einen Raffael in die Stille 
dieser^Kleipstadr und er wird versumpfen und versauern." 
Sie warf dein Schulinspektor einen schmachtenden Blick 
zu, er aber erwiderte: „Diese Ansicht kann.ich doch nicht 
leisen, denn wir besitzen Küystler genug — ich nenne nur 
Leibl - die stn. der Einsamkeit gechbt und-die Werke von 
hohen;. Kunstwerl geschaffen haben. Auch Goethe bestätigt 
dies bekanntlich mit den Woneu: 
„Es bildet ein Talent sich in . der-Stille, 
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt." 
Er blickte auf die in; Zimmer befindliche Wanduhr 
und erhob sich. „Es ist schon spot und nrein Wagen wird 
vor dem „Goldenen Engel" bereit stehe». . Liebe Frau Ruhl, 
haben Sie Dank für Ihre sreundsiche Bewirtung. Falls 
Sie und meinen lieben Kollegen einmal Ihr Weg nach der 
Hauptstadt führt, darf ich wohl erwarten, daß S e m rSe- 
legeuheit geben werden, Ihre Gute zu oergc reu." 
Die ho lichen Abschiedsworte hatten einen kahlen Klang 
und als der Hausherr sich erbot. Len Galt durchs Städtchen 
zu geleiten, lehnte dieser die Aufmerksamkei: mit der Be 
merkung ab, daß ja Dr. Heilmann in den, Gasthaus 
wohne, wo er abgestiegen fe-. 
Wir haben bis zum Ma,l:Zutz auch den gleichen 
Weg," rief Plotke und erhob sich mit seinen Töchtern, die 
der Hausfrau unter den Ausrufen: „Es war mieser 
himmluch, entzückend, einzig bei Ihnen, gnädigste F au," 
die Hand küßt.n. 
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