Path:
Periodical volume Nr. 300, 22.12.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Vorschrift dafür fehle, nach welchem Maßstabe solche Grund 
stücke, die keinen Nutzungswert haben, zn der Gebühr heran 
gezogen werden sollen, für ungültig erachtet. 
Da wir den Standpunkt vertraten, daß alle Grund 
stücke, gleichgültig, ob sie nach den Bestimmungen des Ge 
bäudesteuer-Gesetzes einen Nutzungswert haben oder nicht 
wie z. B. Kirchen und Museen, wenn sie an die Kanali 
sation angeschlossen sind und diese benutzten, auch gleich 
mäßig zur Kanalisationsgebühr herangezogen werden sollten, 
so mußte für Grundstücke, die staatlicherseits zur Gebäude 
steuer nicht oder nur teilweise veranlagt werden, ein Ersatz 
dieses Nutzungswertes ermittelt werden. Tie Bestimmungen 
des Gebäudesteuergesetzes vom 21. Mai 1861 mit ihren 
Veranlagungsgrundsätzen erschienen uns hierzu nicht ge 
eignet, da sie sich nur beziehen auf diejenigen Grundstücke, 
die der Veranlagung zur Gebäudesteuec tatsächlich unterliegen. 
(Schluß folgt.) 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Origina!artikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Neue Hoffnung darf heute in die Gemüter der 
Menschen einziehen. Denn der kürzeste Tag ist erreicht, und 
bald werden wir das Zunehmen des Tages bemerken. Die 
Sonne tritt 12 Uhr Mittags in das Zeichen des Sleinbocks 
und hat um Mittag den größten Abstand vom Scheitel 
punkte. Der Winter beginnt! Hoffentlich bringt er als erste 
Ueberraschung zu Weihnachten ein Geschenk von Frau Holle 
in Gestalt einer blitzsauberen, weißen Decke. 
o Der goldene Sonntag hat unsere Geschäftsleute, 
soviel wir erfahren konnten, befriedigt. Er ist für sie wirk 
lich ein „goldener" geworden. Das ist mit Freuden fest 
zustellen Ergibt sich daraus doch auch die Tatsache, daß 
unsere Bürgerschaft mehr und mehr dahin gelangt, ihre 
Einkäufe im Orte zu besorgen. Das Leben in unserer Haupt 
geschäftsstraße, der Rheinstraße, war vor allem am Abend 
recht rege. Einzelne Geschäfte hatten besonders stark zu tun, 
hier mußten sich die Käufer manchmal etwas gedulden, bis 
sie bedient werden konnten. Trotz Einstellung ».von Aus 
hilfspersonal hatten alle Hände voll zu tun. Menu nun 
auch noch die Geschäftslage bis zum Feste die erhofften 
Einnahmen bringen, werden auch unsere Geschäftsleute fröhlich 
ihr Weihnachtslied singen können 
o Gärtnerische Anlagen am Teltowkanal. Bekannt 
lich har die Verwaltung des Teltowkanals schon vor einigen 
Jahren mit der Errichtung von Gartenanlagen an den Ufern 
dieses Wasserlauses begonnen. Im letzten Berichtsjahre 
1912 13 erfuhren die Anlagen eine wesentliche Erweiterung 
durch die Melioration des trockengelegten Teltowsees. Nach 
dem im Jahre 1908 die südliche Hälfte mit Pflaumen 
bäuinen bepflanzt worden ist, wurde im Berichtsjahre auch 
der nördliche Teil zur Anpflanzung von Kernobst (haupt 
sächlich Aepfel) in Angriff genommen. Die zum Teil sump 
fige Fläche wurde entwässert; das dichte Weideugebüsch, 
welches sich auf dem jungfräulichen und nährstoffreichen 
Boden gebildet hatte, wurde gerodet rmd verbrannt 
und eins Fläche von rund 170000 Quadratmeter mit 
rund 2500 Apfelbäumen, 100 Stück Steinobst und 2000 
Himbeeren bepflanzt. Etwa 11000 Quadratmeter wurden 
als Baumschule zur Anzucht von Koniferen und als Kultur 
land zur Anzucht von Spätgemüse hergerichtet. Die ältesten 
Qbstpflanzuiigcn am Teltowkanal enthalten etwa 2260 Stein- 
obstbäuine, 550 Kernobstbäuine, ->850 Haselnußbüsche. Die 
Baumschulen umfassen 30899 Quadratmeter und sind mit 
rund 130 700 Pflanzen bestanden. Sie lieferten 60 Bäume, 
10730 Pflanzen für eigenen Gebrauch, 12100 Pflanzen 
für die Chausseen, 5330 Pflanzen für sonstige Stellen, 
Summa 28220 Stück Pflanzen. Der Gesamtivert beträgt 
7555,90 Ml. Tie gärtnerischen Anlagen einschließlich Obst 
pflanzungen umfassen 375000 Quadratmeter. Die Länge 
der Grenzhecken und der Hecken an den Brückenrampen be 
trägt 16533 Meter. 
o Ungültige Ulnsatzsteuerordnung. Die Gemeinde 
steuer-Ordnung von Berlin-Steglitz enthält im § 3 u. a. die 
folgende Bestimmung: 
„Tie Umsatzsteuer beträgt bei bebauteii Grundstücken eins vom 
Hundert, bei unbebauten anderthalb vom Hundert des Wertes des 
Grundstücks Als unbebaut gelten Grundstücke auch 
dann, wenn nur Schuppen, Baracken und ähnliche der einstweiligen 
Benutzung oder andere vorübergehenden Zivccken dienende Bau 
lichkeiten darauf errichtet sind. Hostäume und Hausgärten bebauter 
Grundstücke unterliegen der Steuer von anderthalb vom Hundert 
insoweit, als sie nach Umfang und Lage abgesondert baulich ver- 
meribar sind." 
Auf Grund dieser Bestimmung, die auch in der Frie- 
denauer Umsatzsteuer-Ordnung enthalten ist, wurde die 
Südliche Bodenerwerb--Gesellschast m. b. H. in Berlin wegen 
Erwerb eines in der Nähe des Teltowkanals gelegenen 
Grundstücks zu 2995 M. Uinsatzsteuer herangezogen, wobei 
auf den bebauten Teil 91 000 M., auf den unbebauten Teil 
139 000 M., gerechnet wurden. Die Gesellschaft beantragt 
zunächst Ermäßigung nach einem Werte von 180 000 M., 
erklärte sich aber dann mit 180 000 M. einverstanden, als 
der Gemeindevorsteher die Steuer nach diesem Werte er 
mäßigte. Aber weiter hält die Gesellschaft die Zulegung 
des Grundstückes in einem bebauten und unbebauten Teil 
den Verhältnissen widersprechend, da das Grundstück bebaut 
sei und eine wirtschaftliche Einheit bilde. Sie klagte deshalb 
gegen den Gemeindevorsteher vor dem Kreisausschuß. Dieser 
hielt die Bestimmung der Steglitzer Steuerordnung, daß 
Hvfräume und Hausgärten bebauter Grundstücke der Steuer 
von anderthalb vom Hundert insoweit unterliegen, „als sie 
nach Umfang und Lage abgesondert baulich verwertbar sind", 
in taisächer und rechtlicher Beziehung für zu unbestimmt 
und daher nach der Entscheidung des Oüervermaltungsgerichts 
vom 26. Februar 1907 für ungültig. Da in solchen Fällen 
die Besteuerung ausschließlich nach dem für bebaute Grund 
stücke geltenden Satze zu erfolgen hat, wurde die Umsatzsteuer 
nach einem Werte von 19 000 M. auf 1900 M. ermäßigt. 
o Neuer Noman. Morgen beginnen wir mit dem 
Abdruck eines neuen Ronians: „Der Verwalter", von Rudolf 
Elche. In höchst spannender Weise schildert der Roman 
den dornenreichen Weg eines jungen Paares. Dem Leser 
wird ein farbenreiches, anziehendes Gemälde aus dem Leben 
entrollt, reich an fesselnden Schilderungen. Wir hoffen auch 
mit diesem Roman wieder den Beifall unserer verehrten 
Leserinnen und Leser finden. 
o Die Vollversammlung der Potsdamer Handels 
kammer, Sitz Berlin stellte am 7. November er. den Jahres 
bericht für 1913 fest und nahm Vorschlagswahlen für das 
Amt von Handelsrichtern und stellvertretenden Handels 
richtern vor. Die Zündholzfabrikanten, die unter der Lencht- 
mittelsteuer besonders stark zu leiden haben und deshalb die 
Konkurrenz der Taschenfeuerzcuge um so stärker empfinden, 
streben die Einführung einer Steuer für Zündholz-Ersatz 
mittel au. Die Kammer lehnte es ab, dem Antrage auf 
Befürwortung dieser neuen Steuer stattzugeben. Die zu ge 
wissen Tageszeiten regelmäßig eintretende Ueberfüllung 
von Stadt-, Ringbahn und Vorortziigen führt z. T. 
darauf zurück, daß Tausende von Angestellten und Arbeitern 
genau zur gleichen Stunde den Betrieben der Großindustrie 
zuströmen, um die Arbeit dort aufzunehmen, und nach ge 
taner Arbeit in gewaltigen Massen von dort wieder Hinaus 
strömen. Es ist daher angeregt worden, den Andrang der 
Arbeiterschaft zu einzelnen Bahnhöfen auf einen etwas 
längeren Zeilrmim zu verteilen und zwischen den einzelnen 
benachbarten Fabriken eine Staffelung des Arbeitsbeginnes 
festzulegen. Die allgemeinere Durchführung dieser Maß 
nahme ist bisher an dem Widerstände der Arbeiterschaft ge 
scheitert. Die Kammer beschloß auf ein Ersuchen der-Eisen- 
bahudircktion, nochmals durch Fühlungnahme mit den be 
teiligten Betrieben die Staffelung des Arbeitsbeginnes zu 
fördern. Die Kammer beschloß in der Presse ihres Bezirks 
auf die wirtschaftliche Gefahr, die dem deutschen Tabak 
handel und der deutschen Tabakindustrie infolge der Tätig 
keit des englisch-amerikanischen Tabaklrustes droht, hinzu 
weisen. Bei der Handelskammer ist darüber Beschwerde ge 
führt morden, daß die Bekanntmachungen von öffentlichen 
! Versteigerungen, die auf Grund der gesetzlichen Be- 
! stimmungen vielfach bei Postanstalten, Güterabfertigungen 
und Zollämtern vorzunehmen sind, häufig völlig unzu- 
■ reichend sind. Es kommt, wie eine von der Kammer ver- 
‘ austastete Umfrage ergeben hat, nicht selten vor, daß infolge 
der mangelhaften Bekanntmachung die Kenntnis von der 
j Versteigerung auf den Kreis der Beamten der betreffenden 
j Behörde beschränkt bleibt und dadurch nur ein ganz ge 
ringer Bersteigerungserlös erzielt wird. Die Kammer be 
schloß die Anregung zu geben, daß die einzelnen Behörden vor 
jeder Versteigerung den kaufmännischen Vereinen oder ge 
eigneten Persönlichkeiten, die für Weiterverbieitung in 
Interessentenkreise sorgen, Mitteilung machen. In ver- 
fckiiedencn Städten des Kammerbezirks ist behördlichcrjeits 
der Wert der „freien Station" auffallend niedrig fest 
gesetzt, wenn es sich um das Slener Einschätzungsverfahren 
(Abzngssähigkeit der Geschäftsunkosten) handelt, dagegen be 
sonders hoch, wenn es gilt, die Beitragsklasse für die An- 
gestelltenverficherung zu ermitteln. Hierdurch wird der Ein 
druck hervorgerufen, als ob das Interesse der betreffenden 
Kassenverwaltung für die Festsetzung des Wertes der „freien 
Station" maßgebend sei. Die Kammer beschloß, dafür zu 
sorgen, daß an den einzelnen Orten die Werlfestsetzung ein 
heitlich erfolgt. Zum Gesetz über die Sonntagsruhe im 
Handelsgewerbe stellte die Handelskammer folgende Anträge: 
1. den beteiligten Geschäftsinhabern ist bei der ortsstatutarischen 
Regelung ein Mitwirkungsrecht in der Form zu geben, daß sie 
vorher über die zu treffenden- Beschränkungen, Untersagungen und 
Erweiterungen der Sonntagsarbeit, sowie über die Lage der Be- 
schäftigur.gszeit abzustimmen haben. 2. Das Recht des Zuende- 
bcdiencns der beim Ladenschluß im Laden anwesenden Kunden ist 
im Sonntagsruhegesetz ausdrücklich festzulegen. 3. Der Anspruch 
auf Gewährung einer augemeffenen Mittagspause an die Gehilfen 
soll an denjenigen Sonntagen: wo die Beschäftigung nicht mehr 
als 4 Stunden dauert, wegfallen. 
Mit Rücksicht auf die am 3l. Dezember d. Js. ein 
tretende Verjährung zahlreicher Forderungen ans Handels 
geschäften und sonstigen Rechtsgeschäften machte die Kammer 
ihre Vezirkseingesesseuen darauf aufmerksam, daß die Ver 
jährung durch einen gerichtlichen Zahlungsbefehl unter- 
vrochen werden kann. Formulare für Anträge auf Erlaß 
von Zahlungsbefehlen werden in der Geschäftsstelle der 
Handelskammer, Berlin 0. 2, Klosterstr. 41 verabfolgt. 
o Mietssiempel. Hauswirte und -Verwalter seien 
darauf aufmerksam gemacht, daß die Versteuerung der 
Miets- und Pachlverzcichniffe. die im Jahre 1912 in 
Geltung waren, bis spätens 31. Januar 1914 erfolgen 
niuß. Bemerkt sei, daß auch die inündiichen Verträge zu 
versteuern sind. 
o Die Weihnachtsfeier des Kludergottesdicustes der 
Kirche „Zum guten Hirten' zu Friedenau, die an: Dicuslag, 
dem 17. Dezember im Saale des Gemeindehauses vor sich 
ging, erfreute sich eines überaus zahlreichen Besuches, so daß 
am Donnerstag eine Wiederholung stattfinden mußte. Mit 
wahrer Begeisterung folgten Groß und Klein den Darbie 
tungen. die mit viel Sorgfalt und Liebe von Fräulein Liebich, 
Fräulein Hanich und Herrn cand. lheol. Jsleib einstudiert 
waren und welche die Kinder in bewundernswerter Weise 
vorführten. Es war eine Lust, die Kinderchörc (von Herrn 
Peters dirigiert und von Herrn von Freedeu begleitet» zu hören. 
Die frischen hellen Kinderstimmen jubelten noch einmal so 
fröhlich schon in der Vorfreude zum heiligen Weihnachtsfest. 
— Am ersten Abend redete Herr Pastor Vetter uiid Herr 
Pastor Kleine, am ziveileu Abend Herr Pastor Göruaudt. 
Mit herzlichen Worten loiesen sie die Kinder und deren Un 
gehörige auf das bevorstehende Fest hin, so daß wohl jeder 
eine echte Weibnachtssrimmung mit nach Hause nahiu. 
o In der Nathanaelkirche finden am 24. Dezember 
zivei Christfeiern statt, eine um 4 Uhr, die Pfarrer Wagner 
und eine um 5'/ 2 Uhr. die Pfarrer Lic. Dr. Becker 
halten wird. 
o Bescherung armer Kinder. Wie wir erfahren, 
werden von Frau Ziudler, Wilhelm-Haufistr. 14 wohnhaft, 
alljährlich zur Weihnachtszeit 16 arme Kinder vollständig 
eingekleidet. Auch in diesem Jahre hat die hochherzige 
Dame 16 armen Kindern diese Weihnachrsfreude bereitet 
und sie vom Kopf bis zum Fuß eingekleidet. Innige 
Dankbarkeit bringen die Bescherten der Geben», die ganz 
im Stillen ihre Wohltätigleit übt, aus. „Einen fröhlichen 
Geber hat Gott lieb!" 
o Ehrenvoller Auftrag. Dem Bildhauer Herrn 
Heinrich Mißfeldt, Wilhelmstr. 7, ist die Ausführung des 
Drei-Kaiser Denkmals für Tempelbnrg in Ponlmern über 
tragen morden. Das Denkmal besteht aus einem 5‘/ i Meter 
hohen obeliskartigen Aufbau/der die drei Brouzerellefs Kaiser 
Wilhelms I, Kaiser Friedrichs uud Kaiser Wilhelms II ent 
hält. Am Sockel sind Steinreliefs angebracht, die die 
Kriegsjahre 1813, 1866, 1670-71 und die Friedensjahre 
unseres jetzigen Kaisers versinnbildlichen. Die Enthüllung 
des Denkmals soll bereits im Juni nächsten Jahres erfolgen. 
v Ausstellung der CiuäscherungserklärnngAk. Nach 
8 9 des FeuerbestattungSgesetzes vom 14. September 1911 
haben die, welche dereinst eingeäschert zu werden wünschen. 
sprachen, die keinerlei Mißdeutung oder Mißverslündnls 
mebr zuließ, und so blieb den beiden Väter», die tags 
daraus in dem nämlichen Zuge an da- Krankenlager 
Kurl Dietrichs eilten, wohl nichts anderes übrig, als sie!) 
auch ihrerseits zu verständigen — eine Verstau igung, die 
übrigens um so weniger ernsiliche Schwierigkeiten bot, als 
sie von weiblicher Diplomatie auf sehr mirisame Weise 
unterstützt und gefördert wurde. Denn Mister Pendletons 
Reiscbcgleiterin ivar die kluge und liebenswürdige Mistreß 
Leland, während sich's die Schwester des allen Grasen nicht 
halte nehmen lassen, unverzüglich zu ihrem kranken Neffen 
zu eilen. Und in dein Gefühl, daß sie einiges Unrecht 
wieder gutzumachen habe, tat die alte Dame jetzt des 
Guten fast zu viel, um alles jo rach) uud jo angenehm 
als möglich zu einem gute» Ende zu leiten. 
Und d 5 (S iöe war denn auch so gut und so schön, 
wie zwei retmngsios uerliemc Herzen cs sich nur immer 
hatte» erträumen können. 
Au einem herrlichen Angnstmorgeii. als die Iungver- 
Mählten sich straolend vor Glück am Frühstückslijch eines 
Hoteis, des zweiten auf ihrer Hochzeitsreise, gegenüber 
saßen, zog Kurt Dierich einen 23 ief aus der Tasche. 
„Dies wurde nur h ute nachgeschickt, und ich »staube, 
weil» Lievling, der Inhalt ist auch für dich nicht ganz 
o!»»e Interesse." 
3 j o'a unbin da- Blast entgegen und warf einen 
Blick auf öiq Unterschrift. Unmutig zogen sich ihre Dräuen 
zusaininen. 
„Von dein Vicointe! Nein, von dieiem Menschen 
mag ich in ist- mehr wissen. Er ist das einzige Wesen aus 
der Well, das ich von ganzer Seele verabscheue." 
„Trotzdem bitte ich oich, Schatz, seinen Kries zu lesen. 
Wenn man so glücklich st wie wir, bar man gar kein 
Recht mehr, irgendeinen Menschen zu Haffen." 
Mit einem strahlenden Lächeln sah sie ihn an. Venn 
einem solchen Argunicut konnte sie freilich nicht wider 
stehen. Sie nahin den auf den Tisch geworfenen Bries 
wieüer auf und las: 
> 
„Verehrter Herr Graf! l 
Es war meine Absicht, Sie zu tö en, aber das Schicksal ! 
hat anders entschieden. Uud ich bin froh, zu hören, daß i 
Ihre Verwundung nicht allzu ernstlich gewesen ist. Denn 
ich habe inzwischen eingesehen, das; mein Vorhaben eitel 
Unsinn gewesen ist, und daß es mir nur von der Ver 
zweiflung eingegeben werden konnte. Nun, da für mich 
alles zu Ende in, will ich Ihnen auch unumwunden und 
aus aufrichtigem Herzen eingestehen, daß das Mittel, durch 
das ich S>e gezwungen, sich mir zu stellen, eitel Sp ezel- 
fechterci gewesen ist. Nienrais habe ich im Ernst daran 
gedacht, die Drohung auszuführen, mit der ich Sie in 
, solche Erregung versetzte. Ein Franzose ist denn doch zu 
! ritterlich, um einer Dame gegenüber zn solcher Art von 
! Vergeltung seine Zuflucht zu nehmen. Wären Sie statt 
eines schwerblütigen Deutschen einer meiner Landsleute, 
so würden Sie mir von vornherein ins Gesicht gelacht 
habe», weil Sie gewußt hätten, das; nach dieser Richtung 
hin nichts von mir zu fürchten war. 
Diese beruhigende Versicherung ist im übrigen das 
einzige, ivas ich Ihrer verehrte» Frau Gemahlin als Hoch- 
zeitsangebinde zu Füßen legen kann. Den», ohne wesent 
liche Uebertreibung gesprochen, ich besitze keinen Sou. 
Wie Ibnen der Poststempel dieses Briefes zeigt, be- 
- finde ich mich zurzeit in Brüssel, wo mein Wagen von 
einem höchst nnsnmpckthischen Hotelbesitzer wegen der Ba 
gatelle einer unbezahlte» Rechnung mit Beschlag belegt ' 
ivorden ist. Wie es unter diesen Umstünden mit meinen 
Aus chten auf eine gute Partie beschaffen ist, werden Sie 
sich ungefähr selbst ausmalen kennen. Ich habe zwar noch j 
I nicht alle Hoffnung aufgegeben, aber — unter uns gesagt l 
— tdi werde meine Hoffnungen nicht wieder einen so 
abenteuerlich hohen Flug nehm.» lassen, wie in dem Ihnen 
bekannten g: Ile. 
Mit den schönsten Empfehlungen an Ihre verehrte 
Frau Gemahlin 
Ihr ergebenster Marigny." 
„P. S. Unser gemeinschaftlicher Bekannter Harro von 
Niedberg be,ludet sich zurzeit auf dem Wege mul, Amerika. 
Es sollen verschiedene Suchen aufgekommen sein, die ihm 
batten unangenehm werden rönnen. Und er host. in d-n 
Bereinigten Staaten ein geeig»stetes Feld für die B (cti- 
gimg feiner besonderen Talente zu finden. Darüber, wo 
er seine alten Tage verleben wird. I-egc ich kei/cn Zu eike! 
Aber es soll in Amerika ja ganz komfortable Geiänouisse 
geben." " " 
Nicht ohne Bewegung halte Sylvia den Brief zu Ende 
gelesen. 
„Er ist ein Abenteurer und ein Glücksritier," sagt" sie 
^aber bei alledem doch ei» unglücklicher, beklagenswerter 
Mensch. Und da ich ihn um meines Glückes wiile» nicht 
mehr hassen darf, ist es mir wohl erlaubt, Misteid „nt 
ihm z» fühlen. WRst du ihm antworten, Kurt?" 
, »Ich habe ihm bereits telegraphier:, baß ich bereit bin. 
seinen gepfändeten Wagen auszulösen. Vielleicht erreicht 
er das Glück eher, wenn er ihm im Auto nachjagen kann. 
Ich persönlich halte nach ineinen eigenen Erfahrunaen 
diese Ar,, se,n Gluck zu mache», nicht nur für die anae. 
nehmste, sondern auch für die sicherste. Habe ich nicht 
Sylvi^antwortete ihm nickt, aber sie schmiegte sich 
zärtlich ,n seinen Arm und sah mit einem Blick zu ihm 
auf, der tausendmal beredter war, als die süßesten 
Worte. 
Ende.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.