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Periodical volume Nr. 134, 10.06.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

trizitätswerk liegenden Gemeinbegrundstück beschlossen. Diese 
zunächst als Privatmarkt betriebene Veranstaltung hat 
sich aber leider in der dortigen Gegend nicht bewährt. 
Wenn anfänglich der Besuch seitens der Händler auch ein 
verhältnismäßig guter mar, so ließ doch der Verkehr von 
seiten des Publikums von Anfang an zu wünschen übrig. 
Dementsprechend zogen sich natürlich auch nach und nach 
die meisten Händler zurück, sodaß die Marktstandsgeldein- 
nahme, die im Ecöffmmgsmonat Mai 470 M. betrug, im 
November kairm noch 200 M. eingebracht hat. Diese Er 
scheinungen sind lediglich darauf zurückzuführen, daß die 
Lage des Grundstücks eine sehr versteckte und daher für den 
Marktverkehr die denkbar ungünstigste ist. Deshalb trat 
auch der kollegialische Gemeindevorstand s. Zt. dafür ein, 
den Markt an der Wiesbadenerstraße zu eröffnen. Wir 
sind gezwungen, um das neue Unternehmen der Gemeinde 
lebensfähig und rentabel zu erhalten, von neuem auf diesen 
Gedanken zurückzukommen und der Gemeindevertretung vor 
zuschlagen, den Markt nunmehr auf dem öffentlichen Straßen 
land der Wiesbadeuerstraße zwischen Schillerplatz und Rhein 
gaustraße einzurichten. Die breite Straße init ihren Bürger 
steigen und Promenaden bietet dort ausreichend Raum für 
die aufzustellenden Marktbuden. Die weiteren Einzelheiten 
bezgl. der Einteilung des Marktes dürften zweckmäßig dem 
Marktauöschuß zu überlassen sein. Auf Wunsch werden wir 
in der Sitzung an der Hand eines Planes näheren Auf 
schluß darüber geben.. Es steht ohne Zweifel fest, daß sich der 
Marklbetrieb dort infolge der günstigen Verkehrslage lebhaft 
entwickeln wird und auch die Händler wieder Vertrauen zu 
denr neuen Markte gewinnen werden. Selbstverständlich 
wird und muß nunmehr aus dem bisherigen Privatmarkt 
ein zweiter öffentlicher Wochenmarkt werden, ausge 
rüstet mit all' den Privilegien eines solchen. Damit würde 
wohl auch den Wünschen des größten..Teiles der Gemeinde 
vertretung entsprochen sein. Im übrigen bleibt alles beim 
alten. Es finden nach wie vor wöchentlich drei Märkte 
und zwar Montags und Donnerstags von 7 bezw. 8 Uhr 
morgens bis 1 Uhr mittags und Sonnabends von 4 Uhr 
nachmittags bis 9 Uhr abends statt. Auch das Markt 
standsgeld mit 20 Ps. pro Quadratmeter wird beibehalten. 
Auf den neuen Wochenmarkt würden schließlich bis auf 
weiteres die Bestimmungen des alten Wochenmarktes an der 
Lauterstraße Anwendung finden. Die durch die Verlegung 
des Marktes entstehenden Kosten sind nach vorläufiger 
Schätzung so gering, daß sie voraussichtlich aus laufende» 
Mitteln gedeckt werden können, andernfalls würden wir sie 
später bei der Gemeindevertretung beantragen. 
Der Marktausschuß hat sich mit der Angelegenheit ein 
gehend beschäftigt und in Uebereinstinimung mit demselben 
beantragen wir, beschließen zu wollen: Der bisher auf dem 
Gemeindegrundstück Rheingaustr. 27/28 untergebrachte Piivat- 
markt wird dort aufgehoben und als öffentlicher Wochen 
markt nach der Wiesbadeuerstraße zwischen Schillcrplatz und 
Rheiugaustraße verlegt. Das Weitere wird dem Marklaus- 
schuß überlassen. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Veranlagung des Wehrbeitrags. Der Vorsitzende 
der Einkommensteuer-Veranlagungskommission in Steglitz, 
Geheimer Regierungsrat Dr. Kühne, veröffentlicht folgende 
Bekanntmachung: 
Auf Grund des L 36 des Reichsgcsetzes über einen einmaligen 
außerordentlichen Wehrbeitrag wom 3. Juli 1913 (R. G. Vl. S. 505) 
wird hiermit jeder, der ein Vermögen von mehr als 200"0 M oder 
der bei mehr als 40 o M. Emtommen mehr als 10 060 M Ver 
mögen hat, oder der Personen mit so chem Vermögen und Ein 
kommen zu vertreten Hat, in den Gemeinden Bertrn-Friedcnau, 
Beilin-Lichterfetde, Berlin-Steglitz und Zehlendorf aufgefordert, die 
Vc>mvgensertiärung nach dem vorgeschriebenen Forniular in der 
Zeit vom 4. Januar bis cinschl. 20. Januar 1914 dem Unter 
zeichneten schriftlich oder zu Protokoll unter der Versicherung ab 
zugeben, daß die Angaben nach bestem Wissen und Gewitzen ge 
macht sind. Die oben bezeichneten Personen sind zur Abgabe der 
Vermögcnserklärnng verpflichtet, auch wenn ihnen eine besondere 
Aufforderung oder ein Formular nicht zugegangen ist. Auf Ver 
langen werden die vorgeschriebenen Formulare von heute ab bei 
dem dortigen Gemeindevorstande kostenlos verabfolgt. Die Ein 
sendung schriftlicher Erklärungen durch die Post ist zulässig, geschieht 
aber auf Gefahr des Absenders und deshalb zweckmäßig mittels 
Frankfurt nach Calais gefahren, warum begaben sie sich 
in dasselbe Hotel und wollten ihn dort warten lassen, 
ohne daß jpine Dienste bis jetzt irgendwie in Anspruch ge 
nommen worden war n? 
Er dachte an alles Mögliche; aber der Gedanke an 
einen Zweikampf tarn ihm nicht, wahrscheinlich, we.l er 
sich vorstellte, das; jeinands der sich zu einem Zweikampf 
anschickt, unmöglich eine so ruhige und würdevolle Haltung 
bewahren könne, wie sie ihm sein Herr während der ganzen 
Dauer dieser langen Reise gczllgt halte. Sehr viel Zeit 
zum Raren und züin Ueberlegen wurde ihm ja auch nicht 
gelassen. Vor dem Hotel,"das sie gleichzeitig mit dem 
Vicomte erreichten, stand ein geschlossener Einspänner, und 
während der Franzose mit dem Rutscher desselben sprach, 
trat auch Graf Hoiningen an den Wagenschlag, um einen 
Blick in das Innere des Gefährts zuwerfen. Dann winkte 
er ;e neu Eh..ufseur zu sich heran und händigte ihm einen 
Brief ein. " ‘ 
„Rehmen Sie das einstweilen in Verwahrung," sagte 
er. „Es ist nicht unmöglich, daß ich länger, als sich jetzt 
voraussehen läßt, in Frankreich zurückgehalten werde. 
Sollte das der Fall sein, und müssen Sie ohn» mich nach 
Frank urt znrückichrmi, so händigen Sie dem Baron von 
Witzteben, meinem Schwager, diesen Brief aus. Nehmen 
Sie ihn gm in acht; denn sein Inhalt ist wichtig.' Unter 
keinen Umständen aber dür.en Sie ihn aus der Hund 
geben, bevor Sie nicht ganz sicher sind, daß ich wirklich 
außerstande bin, nach Deutschland zurückzukehren.? 
„Aber wie soll ich wissen, Herr Gras, das; ich ohne Sie 
nach Frankfurt zurückfahren muß, wenn nicht Sie selbst 
mir den Befehl dazu erteilen?"' 
„Seien Sie unbesorgt. Es wird Ihnen schon von 
irgend jemand in unzweideutiger Weise mitgeteilt werden. 
Vorläufig haben Sie weiter »lchts zu tun, als hier eine 
Weile auf mich zu warten." 
„Und wie lange'soll ich hier auf den Herrn Grasen 
warten?" 
Kurl Dietrich blickte L»»i Schein aus seine Taschenuhr. 
Einschreibebriefs. Mündliche Erklärungen werden von dem Unter- 
zeichneten oder der ihm beigeqebenen Beamten Mittwochs und 
Sonnabends in seinem Amtstokale — Rotheiiburcpiraße 16 — in 
der Zeit von 10 bis 1 Uhr zu Protokoll engcgcngenommen Wer 
die Frist zur Abgabe der ihm obliegenden Vermögenserklärung 
versäumt, ist gemäß § 38 des ReichSgesek.es mit Gelöst, äse bis zu 
500 M. zu dcr Abg ibe anzuhalten, auch hat er einen Zuschlag von 
5 bis 10*' 0 des geschuldeten Weinbeitrags verwirkt. Wissentlich 
unrichtige oder unvollständige Angaben in der Vermögenserklärung 
sind in den §8 56 bis 58 des Reichsgesetzes mit Geldstrafen und 
gegebenen Falles mit Gefängnis bis zu sechs Akmiaten bedroht. 
Gibt ein Beitragspflichtiger bei der. Veranlagung zum Wehr- 
beitrag oder in der Zwischenzeit seit dem Inkrafttreten dieses Ge 
setzes bei der Äeranlagürg zu einer direkten Staats- oder Gemeinde 
steuer Vermögen oder Einkommen an, das bisher der Besteuerung 
durch den Staat oder die Gemeinde entzogen worden ist, so bleibt 
er von der landesgcsetzlichcn Strafe und der Verpflichtung zur Nach 
zahlung der Steuer für frühere Jahre Urei. Wegen der Voraus 
zahlung von Beträgen und der Leistung freiwilliger Beiträge wixd 
auf Z 51 Abs. 2 des Gesetzes und die Ausführnngsbesü'mmungen 
des Bundesrats §8 63, 94 verwiesen. 
o Gegen das Obexlyzeum. Der neue Ministerial- 
erlaß vom 11. Oktober d. I. hat bekanntlich die Be 
rechtigungen der Oberlyzeen erweitert. Aus diesem Grunde 
wird auch hier wieder in den zuständigen Ausschüssen unserer 
Gemeinde die Frage des Aufbaues unserer Königin-Luise- 
Schule mit einem Oberlyzeum neu erwogen. Ta mag die 
Stellung interessant sein, die das Bürgeroorsteherkollegium 
der Stadt Göttingen zu dieser Frage genommen hat. Der 
Magistrat dieser Stadt stellte den Antrag, das dortige 
Lyzeum durch ein Oberlyzeum zu vervollständigen. Das 
Vürgervorsteherkollegium lehnte diesen Antrag jedoch fast 
einstimmig ab. Diese Stellungnahme der Bürgervorsteher 
ist in der Hauptsache darauf zurückzuführen, daß die sämt 
lichen im Bürgeroorsteherkollegium sitzenden Akademiker sich 
außerordentlich abfällig über das Frauenstudium ans 
sprachen. Die dem Bürgeroorsteherkollegium angehörenden 
beiden Universitälsprofessoren, die aus eigener Erfahrung 
urteilen körnten, fällten über das Frauenstudinin ein.geradezu 
vernichtendes Urteil. Der bekannte Hygieniker Professor 
Tr. Neichenbach führte aus: 
„Der neue Atinisterialerlaß über d'e neuen Berechtigungen der 
Qberlyzeen gibt mir Anlaß zu allerschmersten Beden'ey, denn er 
geht darauf'hinaus, den Mädchen die Zulassung zum Universiläts- 
studium zu erleichtern. Ich muß mich aber aus hygienischen 
Gründen mit aller Schärfe gegen das Frauenstudium anssprechen, 
weil die körperliche Konstitution der meisten Mädchen den An 
strengungen des Sludiunis nicht im entferntesten gewachsen ist. 
Das Frauenstudiuin ist jetzt schon nahezu Modcsache geworden. 
Wenn mir durch die Errichtung eines Oberlyzenms den Mädchen 
den Weg zur Universität erleichtern, dann schaffen wir auch unter 
den Frauen ein akademisches Proletariat." 
Noch vernichtender war das Urteil des bekannten 
Astronomen Professor Dr. Ambronn: 
„Ich bin durchaus dafür, daß die allgemeine Bildung der 
jungen Mädchen verliest wird, damit sie einem modernen Haus 
wesen besser vorstehen können. Aber die Mädchen zum Universttäts- 
studium zu drille», halte ich für völlig verkehrt. Vor allem halte 
ich es für deplaziert, Maßnahmen zu unterstützen, die geeignet 
sind, das Universiiätsstudium den Mädchen zu erleichtern. Unter 
den jetzt in Götlingen studierenden jungen Mädchen sind nur 
ganz außerordentlich wenige, die die Qualität haben, das Studium 
diircbznsühren. Ein sebr großer Teil der S'udentinnen betrachtet 
die Hörsäle nur als Surrogate der Ballsäle. Aber auch Gründe 
der Staat-erhaltung sprechen dagegen. Ein Oberlehrer hat heute 
vor dem 40. Lebensjahr keine Aussicht aus Anstellung. Freilich, 
wo eine Oberlehrcrin steht, da steht kein Oberlehrer. Je mehr 
Frauen studieren und sich in die akademischen Berufe drängen, 
desto mehr wird es den Männern erschwert, eine Familie zu be 
gründen. Der Staat unterbindet die Familiengründung durch die 
Erleichterung des Frauenstudiums, und hinterher klagt er dann 
über den Geburtenrückgang." 
o Tie Schulden des Kreises Teltow stellen sich zu 
Beginn desRechnungsjahres1914 auf insgesamt 73051702,33 
Mark, wovon etwa 54 Millionen ' gemeinsam mit der 
Stadtgemeiude Wilmersdorf getragen werden und etwa 19 
Millionen als alleinige Schulden des Kreises (d. h. nach 
dem Ausscheiden von Wilmersdorf aus dem Kreisverbande) 
zu betrachten sind. Den Hauptanlvjl dieser Schuldenlast 
nimmt der Tellomkanal mit nicht weniger als 46 021 257 
M. in Anspruch; es folgen in der Höhe der Sunimen 
Kranken- und Schwesternanstalten mit 9 203 856 M. Die 
Verkehrsanlagen, d. h. die Kreischausseen usw., erforderten 
7,972 038 M., die Kreisstraßenbahnen 4 222 850 M., das 
nunmehr verpachtete Elektrizitätswerk am Teltomkanal 
1 545 317 M., die Kleinbahnen 1 256 936 M.. die Kreis- 
schiffahrt 878 004 M. Die Kreishäuser in der Viktoria- 
straße und Könerstraße stehen mit etwa 1,4 Millionen Mark 
gebucht. Zur Verzinsung und Tilgung der Anleihen sind 
im nächsten Etatsjahr an Kreiszuschüssen 895 200 M. und 
an Zuschüssen der Stadt Wilmersdorf 123 063 M. vor 
gesehen. 
o Die Schutzvorrichtung der Straßenbahn. Der 
Minister der öfsenilichen Arbeiten hat die Königlichen Auf 
sichtsbehörden auf die Zweckmäßigkeit der bei den Berliner 
Straßenbahnen benutzten Schutzvonichtunacn _ gegen das 
Uberfahrenwerden hingewiesen. Dieser seit längerer Zeir 
an den Triebwagen befestigten, aus Taster und Fangmulde 
bestehenden Vorrichtung verbesserter Londoner Bauart stellt 
der Minister das Zeugnis aus, daß sie den nach dem 
jetzigen Stande der Technik an eine solche Vorrichtung zu 
stellenden Anforderungen entspricht und sich bewährt hat. 
o Zu dem Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe 
im Handelsgewerbe hat der Verein der Deutschen Kauf 
leute, Organisation für Handlungsgehilfen und Gehilfinnen, 
Berlin 8. 14, an die Reichstagsabgeordnetew^ine Eingabe 
mit dem Ersuchen gerichtet, dem Entwurf in der vorliegen 
den Fassung ihre Zustimmung nicht zu geben, sondern da 
hin zu wirken, daß dem neuen Gesetz eipe Fassung gegeben 
wird, der in der Hauptsache folgende Boi schlüge zu Gründe 
liegen: 
„Im Handelsgewerbe dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter 
an Sonn- und Feiertagen nicht beschäftigt werden, mit Ausnahme 
des letzten Sonntags vor Weihnachten, an dem eine Beschäftigung 
bis zu 8 Stunden, aber nicht nach 6 Uhr abends, gestattet ist. — 
In offenen Verkaufsstellen solcher Gewerbe, die sich ausschließlich 
mit dem Vertrieb von Milch, Fleisch, Backwaren und Eis ^befassen, 
darf an Sonn- und Festtagen ein Geschäftsbetrieb bis zu 2 Stunden, 
jedoch nicht unterbrochen und nicht über 10 Uhr vormittcg; hinaus 
stattfinden " 
o Die Berliner Biersteuer für ungültig erklärt. 
Der Bezirksausschuß Berlin hat auf die Klage von sechs 
Berliner und Schöneberger Brauereien gegen den Berliner 
Magistrat die klägerischen Brauereien von der Biersteuer 
freigestellt und die ganze Berliner Biersteuerordnung für 
ungültig erklärt. Der Magistrat will dagegen Reoision 
einlegen. 
o Erhebliche Gefahren drohen der künftigen Ent 
wickelung des Mariendorfer Ortsteils Südende und des 
angrenzenden Gebiets von Schöneberg durch die mit dem 
Ausbau des großen Verschiebebahnhofs Temvelhof von der 
' Eisenbahnverwaltung verfolgten Pläne. Die Eisenbahn- 
verwaltung ist bekanntlich genötigt, die zurzeit auf Berliner 
Gebiet befindlichen Lokomotioschuppen zu beseitigen, um 
weiteren von den angrenzenden Grundstückseigentümern er 
hobenen Schadensforderungen zu entgehen. Statt nun diese 
in einem Wohnviertel unmöglich gewordene Anlage weiter 
hinaus zu verlegen, wo die Bestimmung von Geländeflächen 
für Jndustriezwecke auch derartige große Lokomotivschuppen 
anlagen erträglich erscheinen läßt, plant die Eisenbahnoer 
wallung. wie es heißt, mit Genehmigung des Ministers den 
Bau in unmittelbarer Nähe des Billenvorotts Südende, der 
ebenso, wie das Nachbargebiet Schönebergs, für ein ruhiges 
Wohnviertel bestimmt ist. vvn dem doch grade solche An 
lagen. wie es sogar der Preußische Wohnungsgesetzentwurf 
verlangt, durchaus ferngehalten werden sollen. Mit Recht 
wehren sich die Beteiligten gegen diese Berräucherung ihrer 
ruhigen Wohngebiete. Die Haus- und Grundbesitzcrvereine, 
die Bürgervereine und Bezirksvereme von Südende und 
Schöneberg haben, wie wir hören, gegen die Pläne der 
Eiscnbahnvermattung Einspruch erhoben. Wir wollen 
hoffen, daß eine nochmalige Erwägung dieser wohziungs- 
politischen Gesichtspunkie und vor allein die Rücksicht auf 
die später nicht ausbleibenden und auch hier genau so wie 
in Berlin begründeten Schadensersatzansprüche der benach- 
teiligten Grundeigemümer die Eisenbahnoerwaltuug zu einer 
Aenderung ihrer Pläne bestimmen wird. 
. o Kinder als Erwerbsmittel. Gerichtsassessor Tormin 
hat in der Vereinigung der Berliner Gemeindewaisen 
räte einen Vortrag gehalten, ivouach allein iin März d. I. 
in 75 deutschen Zeitungen 572 verschiedene Anzeigen ge 
funden wurden über Weggabe von Kindern und ferner 688 
Gesuche um Annahme von kleinen Kindern. Er bat ihn 
mit Rat und Tat zu unterstützen und die Tageszeitungen 
ans diese Anzeigen durchzulesen und zu untersuchen. Die 
Geldinteressen spielen bei der Annahme von Kindern die 
Hauptrolle. Oft kommt es den Pflegeektern. nur auf das 
Geld an. Das Interesse des Kindes wird meist in keiner 
„Sagen wir: eine Sniiide oder ein wenig' darüver. 
Jedenfalls müssen Sie sich darauf einrichten, den Naa>- 
mittags >.g benutzen zu können. Bis dahin mache» Sie 
stch's hier so bequem als möglich. Sind Sie mit Geld 
mitteln, auch für die etwaige Rückfahrt, zur Genüge ver 
sehen ?" 
„Reichlich, Herr Graf!" 
„Nun, dann ist's gut. Sie haben mich vollkommen 
verstanden, nicht wahr?" 
„Vollkommen, Herr Graf! Aber — aber ich möchte 
doch gern ■ -" 
„Kein Aber, mein Lieber, und keine überflüssige Neu 
gier. Zu seiner Zeit wird sich schon alles findeni Vor 
allem versäumen Sie nicht, ausgiebig zu frühstücken. Guten 
Morgen!" 
Während sie sprachen, waren aus dein zu dieser 
frühen Stunde noch sehr verschlafen aussehenden Hotel 
drei Herren getreten, von denen Hajenkamp bestimmt noch 
keinen je zuvor gesehen hatte. Diese drei Herren, von 
denen der eine ein längliches Futteral und der zweite 
einen kleineren viereckigen Kasten unter dem Arm trug, 
tauschten sowohl mit dem Vicomte wie mit dem Grasen 
höflich gemessene Grüße aus, und Ha enkamp sah, daß sie 
; von deyr Vicomte seinem Herren vorgestellt wurden. Dann 
! stiegen zwei von ihnen mit dem Franzosen und dem Grafen 
j in den Wagen, während der dritte unter einem ausgc- ' 
spannten Regenschirm auf dem Bock neben dem Kutscher ! 
\ Platz nahm. Im nächsten Augenblick segle sich das Ge- | 
fahrt, dessen Gaul nicht eben zu den feurigsten Exemplaren 
seiner Gattung zu gehören schien, in mäßig beschleunigte 
: Bewegung. 1 
Von der Vorstellung hatte Hasenkamp nichts weiter 
gehört, als daß einer der Herren von *dem Vicomte mit 
„Monsieur le Docteur" bezeichnet worden war, und ivun- 
üerbarerweise war es gerade dieser an sich recht belang 
lose Titel gewesen, der blitzartig eine Ahnung der Wahr 
heit in dem Gehirn des wackeren Ehauffems hatte aus 
leuchten lassen. Der Titel und das ominöse längliche 
Futteral, deffengleichen er schon einmal gesehen hatte, um 
zu erfahren, daß es zur Aufnahme von zwei für Duell- 
zwecke bestimmten Stoßdegen bestimmt war. Hajt.g zog 
er den Brief qüs der Tasche, dessen Aafschryi ec nou/ 
einmal gründlich studierte, wie wenn sie ihm irgendwelche 
wichtigen Ausschlüsse geben könnte. Das war nun ätl'ep- 
diugs nicht oer Fall, aver seine Gedanken maischieriei, 
trotzdem ays dem richtigen Wege wester. War .r wirklich 
nur zu dem Zweck mit nach Fraytreich genommen wor 
den, um eins» aus Frankfurt yntgebrachien Brief des 
Grafen an seinen Schwager persönlich' zurachzu befördern, 
während die Beförderung hurch die Post doch callin eine 
längere Zeir in Anspruch genommen hatte ? Wenn'es jo 
war, dann mußte es mir diesem Briese eine ganz besondere 
Bewandtnis haoen, uilü nachdem Ha,enkanrps Scharfsinn 
erst einmal ein Zipfelchen von dem Schleier des weyenn- 
nisses gelüstet, siel es ihm nicht mehr allzu schwer, -as 
ganze Geyeimais zu enträtseln. Die Degen, der Doktor, 
der Brief, der uut im Fall einer „Behinderung" seinem 
Adressaten zugestellt werden sollte, das alles reimte sich ja 
auf das klarste und anschaulichste zu animen. Und anrlar 
war dem braven Barschen nur noch das eine, wie sein 
junger Gebi.ter cs hatte über sich gewinnen können, ihn 
hier als eine Beute der schrecklichsten Angst und ungewiß» 
heit zürückzalasjeiij lvühretzd' er sich in" die furch.erltchste 
Lebensgefahr begab. Natürlich war für Hastnamp jetzt 
vvn Fiüi,stücken ebensowenig mehr die Rede als vvii au- 
tätigein Warten. In demseloen Augenblick, wo er in der 
Ferne die beiü.n Hinterräder des Wagens üin die Siragcn- 
ecke verschwinden iah, war.auch schon jctii Entschluß ge,aßt. 
Er eilte in das Hotel uud faßte ocit höchst erstaunt drein 
schauenden Portier am Ausschlag seines Rockes. 
„Horen Sie, mein Bester," sagte er, yil seine Kenntnis 
der französischen Sprache zusammennehmend. „Ich bramye 
ein Fahrrad — auf d,r stelle oral, che ich ein stzaycrav. 
Und Sie müssen es mir ohne loden Zettoertast verjwagen." 
(Kortsttzung folg,.)
        
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