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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

o Soziale Probleme im Lichte der Bodenreform. 
lieber dieses Thema sprach am Freilag Abend in einer trotz 
der Weihnachtszeit gut besuchten Bersainminng des National- 
liberalen Onsvereins zu Friedenau Herr Oberlehrer Naegele 
vom hiesigen Realgymnasium. Das soziale Problem, so 
führte der Vortragende ans, liegt wie einstmals die Sphinx 
an dem Weg eines jeden Volkes und gibt ihm Rätsel auf. 
Das Volk, das die richtige Lösung findet, wird Sieger 
bleiben in dem heißen Ringen. Tic richtige Lösung aber 
kann unser deutsches Volk tmr finden, wenn es wieder die 
richtige Stellung zu seinem Grund und Boden, dieser 
Grundlage aller nationalen Existenz'und Entwicklung findet, 
wenn cs ihm gelingt, die allen Lohn und'Zins verschlingende, 
täglich höher steigende Grundrente, die jetzt einigelt Be 
vorzugten zufließt, wenigstens zum Teil wieder für das 
Volksganze zurückzugewinnen, wie es durch die Zuwachs- 
steuer und durch die Besteuerung des Bodens nicht nach 
dem Ertrag, sondern nach dem gemeinen Wert oder 
Verkaufsmerl geschieht. Durch beide Steuern wird dem 
gewissenlosen Spekulantcntum die Lust und Möglichkeit ge 
nommen, den Gruitd und Boden, der unserem Volk so not 
ist wie Luft und Wasser, künstlich zurückzuhalten, mit ihm 
wie mit einer beliebigen Ware zu schachern und ihn durch 
künstliche Preistreibungen allen denen zu verteuern, die auf 
ihm wohnen und arbeiten müssen. Auch die Schätze unter 
der Erde gehören der Gesamtheit, und eine kluge Volks 
vertretung darf sie nicht, wie es leider durch unser gegen 
wärtiges Bergbaurecht geschieht, bedingungslos aus der 
Hand geben ohne Einfluß auf die Mutuitg und die Preis 
bildung, sie muß diese Schätze ganz besonders vor dem 
bereits geschehenen und weiterhin drohenden Ankauf durch 
ausländische Spekulanten schützen. Das Problem de§ 
Schutzes der säst rechtlos den Bauschivindlern ausgelieferten 
Bauhandwcrker und die Schilderung der großstädtischen 
Wohnungsnot, die traurigen Bilder menschlichen Elendes, 
gesundheitlicher und sittlicher Gefahren enthüllte, lösten 
schließlich eine lebhafte Diskussion unter den Versammelten 
aus, au der außer dem Vorsitzenden, Herrn Geh. Regierungs- 
rat Vogt, die Herren Baurat Ochs, Rechnungsrat Richter, 
Wissenschaft!. Lehrer Lconhardt, Oberlehrer Dr. Gadow, 
Fabrikdireklor Schlüter, Ingenieur Schwarz, Rechtsanwalt 
Uhlenbrock und Kaufmann Terjung sich beteiligten. Der 
Eindruck der ernsten Fragen und Wahrheiten war so 
wirkungsvoll, daß eine beträchtliche Anzahl der Zuhörer 
ihren Beitritt zum Bund deutscher Bodenreforincr erklärten, 
um so für ihren Teil an der Entscheidung über Wohl und 
Weh unseres geliebten Vaterlandes mitzuarbeiten. 
o Der Zustand der Friedenauer Brücke im Zuge 
der Saarstraße ist bei regnerischem Wetter ein derartiger, 
daß es kaum möglich ist, die Brücke zu passieren. Da die 
viel zu kleinen Abflußrohre meistens verstopft sind, steht 
auch wenn es nur ganz wenig regnet, überall das Regen- 
wasser. Wenn ein Schöneberger Hausbesitzer den Bürgersteig 
vor seinem Hause nur einen Tag in einem solchen Zustande 
beließe, in dem sich die Brücke fast dauernd befindet, würde 
es schön Strafmandate regnen. 
o Männer-Tnrilvcrein Friedenau. Die 3. Männer 
abteilung beging die Feier ihres dreijährigen Bestehens durch 
ein Schauturnen, zu dem sich außer dem Turnrat de2 
Vereins die Angehörigen ihrer Mitglieder und Tnrnfreunde 
zahlreich eingefunden hatten. Nach dem einleitenden Kür 
turnen marschierte die Abteilung mit dem Liede „O Deutsch 
land hoch in Ehren" zu den Freiübungen auf. Sie wurden, 
obwohl nicht vorgcübt, in bester Ordnung durchgeführt. 
Ihnen folgten Turnen in drei gut besetzten Riegelt mit 
G rätewechsel und zum Schluß Ballspiele. Die turnerischen 
Leistungen der Abteilung fanden bei den Gästen das leb 
hafteste Interesse. Nach dem Turnen versammelte sich die 
Abteilung mit ihren Güsten zu einer kleinen stimmungs 
vollen Feier im „NheineckV Herr Oberlehrer Fieberg, der 
verdienstvolle Tnrnwart der Abteilung, begrüßte nach dem 
ersten „Allgemeinen" die zahlreich erschienenen Gäste. Er 
betonte den hohen Werl des deutschen Turnens für die 
körperliche Entwickelung und Kräftigung und seine wohl 
tätige Einwirkung auf Herz und Geist. Allzulange sei die 
verdienstvolle Tätigkeit der deutschen Turnerschaft für die 
Gesundheit unseres Volkslebens verkannt worden. Erst in 
letzter Zeit wachse das Verständnis dafür.. Noch immer 
ständen aber viele Deutsche, namentlich aus den gebildeten 
Kreisen, den Bestrebungen der Turnerschaft {fern, hauptsäch 
lich wohl deshalb, weil sie weder Wesen und Ziele, noch 
den Betrieb der Turnvereine kennen. Die gesunde Ent 
wickelung des deutschen Turnwesens werde sich sicher aber 
immer mehr Bahn brechen. Dafür bürge der Geist, der 
die deutsche Turnerschaft beseelt, der gleiche Geist, der auch 
unsere deutschen Turnfeste beherrscht. Redner schilderte dann 
seine erhebendenden Eindrücke vom 12. deutschen Turnfest 
in Leipzig. Die stolze Begeisterung, die alle Teilnehmer 
erfüllte, nicht zum wenigsten auch die deutschen Turner aus 
dem Auslande, die aus aller Welt herbeigeströmt waren, 
haben nachhaltigen Widerhall geweckt bei allen, die für 
deutsche Art Gefühl und Verständnis haben. Daran 
anknüpfend würdigte Redner noch die besonderen Verdienste 
der' deutschen Turnvereine im Auslande Um die Erhaltung 
des Deutschtums, ihr Wirken für die Pflege deutscher Sitte 
und deutscher Sprache. Im Namen des Turnrats dankte 
der Vercinsvorsitzende Herr Geh. Hofrat Fehler. Er zollte 
der Abteilung volle Anerkennung für ihre turnerischen 
Leistungen, deren Fortschritt unverkennbar sei und wünschte 
ihr unter ihrer bewährten Leitung weitere Erfolge. Ein 
von einem Turngenossen gedichtetes humorvolles Loblied auf 
die Turnerei leitete zur Fidelitas über. Stürmischer Jubel 
dankte dem Verfasser. Die fröhlichste Stimmung war so 
von selbst'gegeben und hielt den Abend über unvermindert 
an. Allgemeine Lieder und Einzelvorträge wechselten in 
bunter Folge. Lebhaften Beifall ernteten u. a. die gemüt 
vollen Volkslieder, die eine junge 'Dame zur Laute sang. 
Ueberwältigend in ihrer Komik waren die parodierenden 
beiden tiroler Buam, die gleichfalls von einem Turngenosscn 
verfaßte lustige Schnaderhüpfl vortrugen. In launigen 
Worten wurde der Damen gedacht, die durch einen kleinen 
improvisierten Fackelzug noch besonders geehrt wurden. Der 
fröhliche harmonische Verlauf des Abends wird allen Teil 
nehmern sicher wieder die angenehmste Erinnerung hinter 
lassen. Die Abteilung turnt Dienstags und Freitags von 
7 bis 0 Uhr in der Turnhalle des Reformrealgymnasiums 
in der Homuthstraße. Anmeldungen neuer Mitglieder 
iverden gern gesehen und können in den Turnstunden 
erfolgen. 
o Die Weihnachtsfeier des Friedenauer Parochial- 
bereins findet bekanntlich heute Abend in der Aula des 
Reformrealgymnasiums, Homuthstraße, statt. Gestern war 
bereits die Feier für die Schulen und Kinder, die einen 
zahlreichen Besuch -auszuweisen halte. Den Hauptanziehungs 
punkt der Veranstaltung bildet das lustige Weihnachtsspiel 
„Müller III", mit Gesang, Tanz und Kinderorchester von 
Georg Engel. Reizende Szenen hat der Verfasser in diesem 
„Friedenauer" Stück geschaffen Wir möchten den Besuchern 
des heutigen Abends nicht die Freude vorweg nehmen. 
Aber andeuten dürfen wir wohl, daß sie etwas hören werden 
von der „inkognito" erfolgten Grundsteinlegung des Rat 
hauses, vom Falke!tpaar aui dem Kirchturm, von der 
Hundespcrre, vom musikalischen Privatmarkt, vom ver 
säumten Anschluß an die Untergrundbahn usw. usw. 
Und wie Gcndarmericwachtmeister Müller III alles in Grund 
und Boden verdonnert und den ganzen Vorstand auf die 
Bühne zitiert, ist einfach zum „Kugeln". Diese kurzen An- 
deutungen mögen für heute genügen. In stimmungsvollster 
Weise klingt das prächtige Stück aus. Im ersten Teile werden 
verschiedene musikalische Genüsse geboten. Fräulein Lambeck 
singt, Herr Gesanglehrer Echölzel spielt die Orgel und die 
Herren Tormin, Lucke und Engel erfreuen iiii Zusammen- 
spiel von Cello, Klavier und Harmonium. Tie Festan 
sprache hält heute Herr Pfarrer Vetter; gestern sprach Herr 
Pfarrer Pilchowski, der von der Weihnachtsfeier aus seiner 
Jugendzeit im ländlichen Orte erzählte. 
o Stenographischer Bezirkstag und Wettschreiben. 
Der letzte Bezirkstag des Stenographenbundes Stolze-Schrey- 
Eroß-BcrliN (dem jetzt 58 Vereinigungen mit 2400 Mit 
glieder angehören) fand in Berlin statt. Bei dem Wett 
schreiben im Königstädlischen Gymnasium wurden von 200 
Teilnehmern 278 Arbeiten im Schncllschreiben, 181 Arbeiten 
im Rechischreiben abgegeben, daneben etwa 40 Leistungen 
im Wettlesen. An Höchstleistungen wurden erzielt: 380 
Silben (Journalist A. Kuntze), 350 Silben (Ernst Heltivig) 330 
Silben (Bankbeamter Richard Tyralla), sämtlich vom Kurz 
schrift-Verein Berlin, auf den insgesamt über 100 Aus 
zeichnungen entfielen. Im Wettlesen erzielten die Höchst 
leistungen mit 530 Silben auf die Minute Bankbeamter 
Zindler (Stcn. Ges. 1889), mit 518 Silben Stuermann 
(Verein Bäckler), mit 511 Silben Bankbeamter O. Lehrmann 
(K. V. Berlin). Die besten Arbeiten im Rechtschreiben 
lieferten Mar Zindler (Ges. 89) und Erich Lutz (Verein 
Tiedt). Der Festakt im Lehreroereinshaus wurde eingeleitet 
namens des fcstgebenden Vereins (K. V. Berlin) durch eine 
Begrüßungsansprache des 1. Vorsitzenden, Bankbeamten 
Heinrich Günther. Der Bundesvorsitzende, Kgl. Polizei 
sekretär A. Steuk - Charlottenburg, brachte nach geistoollen 
kleberblicken aus dein Gebiete der Jitdustrie, der Klarst und 
Wissenschaft und der deutschen Kurzschrift das Kaiserhoch 
aus. Der Festredner, Redakteur Dr. Fritz Specht, würdigte 
in ausgezeichneten Ausführungen das Lebcnswerk des 
Schöpfers des Häufigkeitswörterbuchs der deutschen Sprache, 
Geheimen Rechnungsrats F. W. Kaeding, dem er die an 
läßlich des 70. Geburtstages erfolgte Ernennung zum Ehren- 
mitgliede bekanntgab. Auch der Lebensgefährtin des Ge 
feierten gedachte der Redner in treffender Weise. Der Ver 
bandsvorsitzende, Redakteur Mar Bäckler-Berlin feierte in 
glänzender Ansprache den Jubilar als Organisator voll 
Feuereifers sowie als leuchtendes Vorbild von Tatkraft und 
Gewissenhaftigkeit. Er überbrachte namens des Verbandes 
eine schöne Blumenspende. Aus allen Teilen des Reiches 
waren Glückwünsche eingegangen. Geheimrat Kaeding 
dankte tief bewegt und gab ein fesselndes Bild aus aller 
und neuer stenographischer Zeit. Aus der Schar der an 
wesenden Ehrengäste seien besonders der Systemmiterfinder 
Ferdinand Schrey-Lichlerfelde, Studienrat Dr. Amsel und 
Rektor Sonntag erwähnt. Vorträge von Goethe und Heine 
bot in bekannter vorzüglicher Weise das Ehrenmitglied des 
Bundes, Di*, jur. Alfred Daniel. Zwei Kapitel des neuen 
bedeutungsvollen Romans der Schriftstellerin Hildegard 
von Hippel (einer Nachfahrin des bekannten Freiheitshelden 
von 1813) „Der unbekannte Gott" brachte in klangvoller 
Weise und mit feinstem Verständnis Frl. Frida Hintze zu 
Gehör. Der gemütliche Teil des von 500 Personen be 
suchten Festes nahm einen guten Verlauf. 
o Der .Kommunalvcrein Schöneberg (Friedenauer 
Ortsteil) hält seine Monatsoersammlung am Dienstag, dem 
10. Dezember d. Js., abends 8V 2 Uhr, im Restaurant 
„Burghof", Hauptstr. 85 ab. Die Tagesordnung enthält u. a.: 
Dienstboten- und Krankenversicherung, Das Projekt einer 
„Stadthalle Groß-Berlin" in Schöneberg für eine Automobil- 
Ausstellung. Gäste sind willkommen. 
o Die Freiwillige Sanitätskolonne Friedenau ver 
anstaltet ihre Weihnachtsfeier am Freitag, dem 19. d. M., 
Abends 8 Uhr, im Restaurant „Kaiser-Wilhelm-Garten". 
o Der Mandolinen- und Eitarren-Bercin „E. R.S." 
in Friedenau hat in seiner letzten Monatsversammlung bc- 
schlossen, den Verein vom 1. Januar 1914 ab „Mando 
linen- und Gitarren-Chor Redlinger' in Friedenau 
zu nennen. Die Vcranlaffung zu dieser Namensänderung 
gaben verschiedentliche Anfragen der Kouzertbesucher. welche 
sich über die Bezeichnung „E. R. S." (ehemaliger Redlingcr 
Schüler) nicht klar waren. Wir wünschen der strebsamen 
Vereinigung — welche nach wie vor ihre Uebungsabende 
jeden Dienstag Abends 9 Uhr im Kaiser-Wilhelm-Garten, 
Rheinstr. 05 abhält — unter ihrem neuen Namen dieselben 
guten Erfolge als unter ihrem alten. LI. 
o Das U. T. in der Hauptstr. 49 in Schöncberg 
erfreut sich fortgesetzt des Zuspruchs aller Kreise. Die 
Vornehmheit und Gemütlichkeit dieses Lichtbildtheaters macht 
es, daß sich dort jeder wohl fühlt und froh genießt, was 
ihm geboten wird. Die stilvolle Innenarchitektur, die intime 
Beleuchtung sind dem Auge wohlgefällig. Und das Bild 
ist von wunderbarer Klarheit, Ruhe und Plastik. Vollständig 
aufgehoben ist das 'Flimmern,' "da'nur die neuesten Filine 
vorgeführt werden. Sogenannte „verregnete" Bilder werden 
dort nicht gezeigt. Das Programm ist stets mit Geschick 
und Geschmack zusammengestellt, von besonderer Schönheit. 
Der Hauptschlager betitelt sich gegenwärtig „Eine Aeroplan- 
Heirat." Jaques Mareuil, der berühmte Flieger, entführt 
Einelte Senor, da deren Vater sich einer Verbindung seiner 
Tochter mit dem „Luftikus" widersetzt, im Aeroplan nach 
Englano. Das Paar läßt sich dort trauen und kehrt auf 
dem Luftwege nach der Heimat zurück, überfliegt das Haus 
von Ginettas Vater, der nach der Landung nun sich in das 
Unvermeidliche fügt. Interessant ist in diesem Film eine Wett 
fahrt zwilchen Flieger und Automobil. Ein anderes Drama, 
aus dem Amerikanischen führt den Titel „Gesühnt". „Vor dem 
Zusanimenstoß" ist eine aufregende Szene aus dem Leben 
des Eisenbahners. Die Groteske „Das Gefrierpulver" ent 
lockt stürmische Lachsalven. Noch lustiger aber ist die 
Humoreske „Mar als Zauberkünstler". Tränen werden ge 
lacht in diesem Schlager Max Linkers. Ein hübsches Land 
schaftsgemälde zeigt nur die Bretagne. Unter dem Titel 
„Die Hosenträger" verbirgt sich ein köstliches Lustspiel. Die 
U. T.-Woche bringt dann das Allerneueste aus aller Welt. 
Wir empfehlen also unseren Mitbürgern aufs wärmste, das 
U. T. zu besuchen. Sie werden dort rechte Freude haben. 
Auch dem Künstlerorchester, das die Bilder passend musika 
lisch illustriert, sei unser Lob zu teil. In liebenswürdigster 
Weise, aufmerksam und zuvorkommend wird auch jeder 
bis jetzt eine so erstaunliche Geduld bewiesen habe, ist 
doch noch nicht gesagt, daß diese Geduld ganz uner 
schöpflich ist." 
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich Sie 
gelangweilt habe. Aber diese kleine Vorrede war nach 
meinem Dafürhalten durchaus notwendig. Man muh doch 
feine Beweggründe klarlegcn, wenn man jemandem einen 
Vorschlag von einiger Bedeutung machen will." 
„Ah, Sie haben mir etwas vorzuschlagen?" 
„Allerdings. Etwas, das in me nein Vaterlande frei 
lich keiner so langen Vorrede bedurft hätte. Sie sind, 
ohne von mir dazu herausgefordert zu sein, zwischen mich 
und die Erfüllung meiner heißesten Wünsche getreten. Sie 
haben sich gegen mich benoinmen, wie inan sich nur gegen 
einen Todfeind beniinmt. Und da Sie sowohl Soldat als 
Edelmann sind, werden Sie sich, wie ich hoffe, nicht weigern, 
auch .die .Konsequenzen einer derartigen Handlungsweise zu 
trugen." 
„Verstehe ich recht? Sie wollen sich mit mir schlagen? 
Ich soll mich Mit Ihnen aus einen Zweikampf einlassen?" 
- „Sie haben mich ganz richtig verstanden, Herr Graf! 
Und zwar auf einen wirtlichen Zweikampf —- nicht auf ein 
Scheinouell, bei dem nur pro torma der Ehre Genüge ge 
schieht." 
Kurt Dietrich lachte — ein beinahe gutwilliges Lachen. 
„Sie müssen sonderbare Vorstellungen von dem Ehren- 
kodex habe», der für einen deuijche» Offizier maßgebend 
ist. Ich will rücksichtsvoll genug sein. Ihnen nicht des näheren 
ans inanderzu.egen, weshalb ich mich mit Ihnen nicht 
schlagen kann. Genug, daß es eine absurde Idee— daß cs 
einfach unmöglich ist." 
„Es gibt nichts Unmögliches für einen Mann, der den 
ernstlichen Willen hat, es möglich zu machen." 
„Aber ich habe diesen Willen selbstverständlich nicht, 
und cs ist sinnlos, weiter darüber zu reden. Ich würde 
die Annahme der Herausforderung verweigern, weil kein 
Ehrenral der Welt Sie für satisfattionssähig ertlaren wurde. 
Das wird Ihnen nun hoffemUch genügen." 
„Nein, es genügt mir durchaus nicht. Ich gestehe 
allerdings, daß ich auf diese oder eine ähnliche Antwort 
vorbereitet gewesen bin. Und ich will Ihnen nicht Gleiches 
mit Gleichem vergelten, indem ich etwa den Verdacht 
ausspreche, daß Sie mir die ritterliche Genugtuung aus 
Feigheit verweigern. Nein, ich zweifle nicht an Ihrem 
Mule. Und darum bin ich noch iaimcr überzeugt, daß 
Sie nach einiger Ueberlegung meinem Wunsche willfahren 
werden." 
. „Das ist Unsinn. Und wenn Sie meine Antwort 
voraussahen, so begreife ich wirklich nicht, welchen Zweck j 
Sie mit dieser lächerlichen Herausforderung verfolgten. ! 
Vielleicht war es Ihre Absicht, dadurch meinen Zorn zu 
entwaffueir. Und ich will Ihnen d>rs Vergnügen machen, 
zu ertlären, daß Sie diese Absicht erreicht haben. Ich 
will glauben, baß cs Ihnen Ernst war mit dem Dueü. ' 
Und ich will cs für ein.» Beweis nehlnen, daß Sie ' 
noch nicht ganz ohne alle cheualereske Gesinnung sind. 
Betrachten w.r also unsere Rechnung als ausgeglichen. 
Aber ich warne Sic nachdrücklich, meinen Weg noch 
einmal zu lrsuzen. Ein zimitss Mal dürflen Cie weder 
auf mein Mittet-) rechnen, noch auf meinen Smn für 
Humor. Uiid die Saeye dürfte darum für Sie recht un» i 
angenehul ausgehen." I 
Es war unverkennbar feine Absicht gewesen, sich mit 
diesen Worten zu en'-jeruen; aber in dem Blick des Frau- 
zojcii war etwas, das ihn halb gegen seinen Willen be 
stimmte, zu bleiben. 
„Ja, wiederhole, daß ich Ihre Ablehnung nicht für 
eine endgültige nehme," sagte Marigay mit ganz leiser 
und sanfter Stimme. „Sie hat mm), wie ich schon be 
merkte, nicht ganz unvorbereitet getroffen. Und meine 
Pläne sind deshalb auch schon für den — hoffentlich nicht 
zu befürchtenden — äußersten Fall gefaßt, daß Sie von 
Ihrer Weigerung nicht abgehen sollten. Aber ich leugne 
nicht, daß es mir überaus peinlich jein würde, diese Pläne 
zur Ausführung bringen zu müssen." 
„Soll das eine Drohung fein?" 
„Ich gebe Ihnen anheim, es zu nehmen, wofür Sie 
wollen. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Graf, daß ich 
bei der gegenwärtigen Sachlage weder das Recht noch 
die Macht habe, allzu wählerisch.zu fein. Wenn Sie den 
Zwcitaiiipf ablehnen und wenn Sie von Ihrer Bewerbung 
um Miß Pcudlcton nicht freiwillig zurücktreten, so muß 
ich zu meinem Bebau.rn für das Unrecht, das mir ge- 
fche»,en ist, auf meine Weise Vergeltung üben." 
„Und diese Vergelt:: — marin wurde sie bestehen?" 
„Dari -, daß ia> Miy Peudikto» oder — wenn cs 
dahin lomiiieii sollte — die Giäjin Hviningen für immer 
ges-uschuflllch unmöglich mache." 
Kurt Sietrich starrte ihn an, als hätte er in einer 
fremden Sprache geredet. 
„Herr — ich will zu II rer Ehre annehmen, daß Sie 
nicht mehr wißen, was Sie sprechen." 
(tzortschung felgt.)
        
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