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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

noch über Einzelheiten daraus zu berichten. Herr Beuck 
begann mit dein Hinweis, daß das Gesetz dem Besitz wieder 
neue Lasten bringe. Die Werlzuwachssteuer sei aus 50 v.H. 
ermäßigt worden; nur 400 Gemeinden haben noch Privilegien 
die ihnen daS siecht geben, bis 1 1915 noch 100 v. H. zu 
erheben. Es würde zu weit führen, hierauf näher einzu 
gehen. Die neue Reichssteuergesetzgebung gipfelt nun in 
zwei neuen Steuern, in der Wehrsteuer und in der Besitz 
steuer. Der Wehrbeitrag ist ein einmaliger, der aber in 
drei Raten erhoben wird. Die Besitzsteuer kommt jetzt 
und dann alle 3 Jahre zur Anwendung. Es ivird alle 
3 Jahre der Wertzuwachs berechnet und besteuert. Der 
Wehrbestrag stellt ein Novum dar. Der Vortragende verlas 
hierzu die Ausführungen des Staatssekretärs, datz man über 
den Erfolg des Wehrbeitragsgesetzes iin’ Dunklen tappe; es 
seien 1200 Millionen Mark Einnahmen aus dieser Steuer 
errechnet worden, inzwischen seien aber Stimmen aufgetaucht, 
die diesen Satz noch ganz erheblich erhöhen. Der Wehr- 
beitrag ist nicht so schlimm zu berechnen, wie es scheinen 
könnte. Er wird berechnet nach dem Vermögen und nach 
dem Einkommen. Das Ergänzungssteuergesetz ist ja allen 
bekannt, sodaß jeder auch über die Vermögensausstellung 
unterrichtet ist. Die Bestimmungen über die Vermögens 
berechnung sind daher nicht allzu fremd. Es ist das Kapital 
vermögen, das gewerbliche Vermögen und das Vermögen 
aus dem Besitz' festzusetzen. Die Berechnung der Grundstücks 
wette unterscheidet zwei Arten von Grundstücken. Haus- 
grundstücke und — nun, nicht etwa unbebaute Grundstücke, 
sondern Grundstücke, die dauernd zu forstwirtschaftlichen, 
landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Zwecken bestimmt sind. 
Die Berechnung geschieht nach dem Ertragswert und zwar zum 
25 fachen Betrage des Steuerertrages bei ordnungsmäßiger 
Bewirtschaftung. Bei Grundstücken, die Wohn- oder gewerb 
lichen Zwecken dienen, wird als Ertragswert das 25 fache 
des Miets- oder Pachtertrages berechnet. Wenn es der 
Steuerpflichtige verlangt, kann die Berechnung auch nach 
dem gemeinen Wert erfolgen. Der Ertragswert bildet 
jedoch die Regel; es wird in Großberlin jeder gut 
tun, statt der Regel den gemeinen Wert einzusetzen. Das 
Vermögen der Frau wird mit dem des Mannes zusammen 
berechnet, nicht jedoch das Vermögen der Kinder,Ostias be 
sonders zu berechnen ist. Für die Ermittelung des Ver 
mögens gilt der 31. Dezember. Die vollen 1000 Mark 
werden nach unten abgerundet. Ter Vortragende bespricht 
dann die Berechnung des Einkommens und die Berechnung 
der Steuer nach dem Einkommen. Die Tarife sind hier 
nicht so einfach. Er bezieht sich auf die herumgereichten 
Drucksachen und erläutert an Beispielen die Steuer 
berechnung nach dem Einkommen. Die Wehrbeitragser 
klärung ist wie die anderen Steuererklärungen vom 4. bis 
20. Januar einzureichen. Redner erwähnt noch den General 
pardon, der Strafen für frühere zu geringe Einschätzung des 
Besitzers erläßt. Ec empfahl dann, sich gleich richtig ein 
zuschätzen . und nicht etwa, bei Einkommen aus Gewerbe 
betrieben. zu sparen. Das könnte bei der nächsten Besitz 
berechnung nach 3 Jahren durch die Erhöhung des Wertzu 
wachses unangenehm für den Betreffenden werden, da für 
die Berechnung des Wertzuwachses' ein erheblich höherer 
Prozentsatz in Betracht kommt. Der Vortragende schloß .mit 
einem ermunternden Schlußwort au die von der Wehrsteuer 
getroffenen Besitzer. Reicher Beifall wurde ihm zu teil und 
der. Vorsitzende sagte ihm für die lichtvollen Aussührungen 
noch besonders Dank. In der Aussprache wurden von den 
Herren Dr. Schaefer, Draeger, Schmidt, Konieczka, Pusch 
und Passow noch verschiedene Fragen gestellt, die Herr 
Beuck beantwortete, ll. a. erklärte er, daß Pensionen, Wit 
wengeld usw. nicht berechnet werden. Bei Verlagswerten 
kommen ideale Werte nicht inbetracht. Hypothekenzinsen, 
die am 31. Dezember fällig sind, können vom Bargeld ab 
gezogen werden. Vom Besitz des Grundstücks sind die Hy 
potheken abzurechnen. Wenn besondere Verhältnisse (Markt 
usw) nicht die volle Mietserzielnng für Läden ermöglichen, 
so kann das mir berücksichtigt werden. Für Aktiengesell 
schaften gilt die Bilanz. Nochmals wurde dem Vortragenden 
reicher Beifall gespendet. Zu Abgeordnelen für den Verein 
der Vororte Berlins wurden die bisherigen Abgeordneten 
wiedergewählt. Für den Bund der Hausbesitzer-Vereine Groß 
berlin wurden die Herren Dreger, Engelhardt, Niemann 
und Lehmann abgeordnet. Bei diesem Punkt kommt Herr 
Schmidt auf die 2. Hypotheken zu sprechen. Ec empfiehlt, 
im Bunde dahin zu wirken, daß bei Erwerb eines Grund 
stückes durch den Hypothekengläubiger in der Zwangsver 
steigerung diesem die Umsatzsteuer erlassen werde. Dadurch 
werde eine Besserung auf dem Hypothekeumarkt eintreten. 
Herr Konieczka erb'ickt die Schwierigkeiten in der Hypotheken» 
beschasfung einzig in der ivahnsinnigen Bautätigkeit und der 
Ausführung von Schwindelbauten. Es müßte die Bautätig 
keit so schwer wie möglich gemacht werden, der zweite Teil 
des Gesetzes zur Sicherung der Bauforderungen eingefühlt 
werden (lebhaftes Bravo). Herr Loos meint, daß auch viel 
an. der Uneinigkeit der Grundbesitzer liege, man müßte gleich 
mäßig in Großberlin die Mieten um 10 Proz. erhöhen. 
Herr Rechtsanwalt Bering fragt an, welche Direktiven den 
Vertretern des Vereins inr Bunde gegeben werden sollen. 
Der Vorsitzende antwortet, daß man Direktiven nicht geben 
könne, die Abgeordneten werden aber hier hoffentlich recht 
oft Bericht geben. Es wird hierbei noch bemerkt, daß über 
die Vorgänge im Verein der Vororte niemals berichtet 
wurde und Herr Beym'el erklärte, daß von den 10 Vertretern 
des Vereins er stets nur allein den Versammlungen des 
VororteoereiuS beigewohnt habe. HerrRuhemann betonte noch, 
daß man unsere Verkehrsfragen im Vororteoerein vorbringen 
müßte. Das gab Veranlassung, die Debatte auf Verkehrs 
fragen überzuleiten. Herr Franzelius erklärte, daß er als 
Vorsitzender des Verkehrsausschuffes immer rege in dieser 
Hinsicht tätig gewesen sei; da lasse er sich keine Vorwürfe 
wachen. Herr Draeger gab bekannt, daß im Zwcckverband 
am Montag die Durchführung der Straßenbahnlinien 01 
und 40 durch die Saarstraße nach Steglitz beschlossen werde. 
Herr Bering fragte den Zweckverbandsvertreter, ob im Zweck- 
verbände auch schon über eine Querverbindung in Friedenau 
gesprochen worden sei. Unsere^Gemeindevertretung hätte in 
dieser Hinsicht bisher glatt versagt. Die Gemeindevertretung 
überläßt es der Bürgerschaft, sich im Zplschriftenteil des 
„Friedenauer Lokal-Anzeigers" aufzuregen und zu ärgern. 
Er müsse den Vorwurf erheben, da man nie etwas von der 
Gemeindevertretung hörte. In einer kleinen Gemeinde, wie 
cs Friedenau ist, habe die Bürgerschaft ein Recht, mit der Ge- 
mein deverlrätungHand in Hand zu gehen und mit ihr zu arbeiten. 
AberdieGemeindevcrtretung isthier zu abgeschlossen,zuerclusiv. 
Von selbst komme nichts, mir müssen auftreten und sagen, 
das was wir brauchen, müssen wir haben. Der Vorsitzende 
antwortete, daß er auch mal in der Lage mar, nicht der 
Gemeindevertretung anzugehören und da habe er ähnlich 
wie Herr Bering geurteilt. Er sei erst ein Saulus gewesen, 
wurde aber ein Paulus. Die Gemeindevertretung nimmt 
e§ u:it Verkehrsfragen sehr epust. Es sei daher gewagt, zu 
zu sagen; die Gemeindevertretung habe versagt. Es ist nicht 
Schuld der Gemeindevertretung, wenn ihr das nicht gelingt, 
was sie erstrebt. Herr Bering bemerkt, daß er nicht danach 
strebe, in die Gemeindevertretung zu kommen, er könne sich 
so viel freier äußern. Er habe auch nicht gesagt, daß die 
Gemeindevertretung nichts leistet; er habe nur gesagt, 
daß man nichts von ihr höre. Die Herren mögen doch 
einmal an die Oesientlichkeit treten und über das, was in 
der Gemeindevertretung vorgeht, berichten. Herr Lemm er 
klärte, er habe das Gefühl, daß die Herren für den neuen Teil 
Friedenaus im Westen kein Interesse habe. Alles werde 
für den Osten getan, für den Westen geschähe nichts. Herr 
Schmidt meint, die Anlieger von Straßen, durch die 
Straßenbahnen geführt werden, seien davon nicht sehr 
erbaut. Der Wirt werde dadurch geschädigt. Die Mieter 
wollen ruhig wohnen. Herr Beymel widersprach dieser 
Ansicht. An seinem Hanse gehe auch die Straßenbahn 
vorüber, die Mieter lassen sich dadurch nicht stören. Herr 
Lemm meint, daß wir zu Großberlin gehören und uns nicht 
vom Verkehr ausschließen können. Damit mar diese Be 
sprechung erledigt. Von der Wahl eines Ausschusses zur 
Vorbereitung der Vorstandswahlen wurde auf Antrag des 
Herrn Lehmann Abstand genommen. Es scheiden diesmal 
aus die Herren v. Wrochem, Bering, Dreger und Matthies. 
Die Generalversammlung findet am 10. Januar statt. 
'Bei Jnteressenfragen berichtete der Vorsitzende, daß der 
Vereinsbotin, Frl. Meißner (genannt Kamerad Marie) aus 
Anlaß des Vereinsjubiläums ein Geschenk von 50 M. 
gemacht wurde. Frl. Meißner habe schon vorher dem 
Verein gratuliert und habe dann auch für das Geschenk 
gedankt, indem sie erklärte, auch ferner dem Verein ihre 
Dienste zu leihen. Der Vorsitzende sprach hierüber seine 
Freude aus. Den. Vereinsgründern, soweit sie noch 
Mitglieder sind, wurden silberne Medaillen überreicht, 
wofür die Herren Schremmer, Dr. Lorenz und Kreuschmer 
in längeren Schreiben danken. Den Herren Ober 
bürgermeister Schnackenburg, Haustein sen. und Licht 
heim habe der Vorstand ein Begrüßungsschreiben und die 
Vereinschronik übersandt. Herr Geheimrat Homulh sprach 
darauf den Herren v. Wrochem, Engelhardt und Bracker 
Dank und Anerkennung aus für ihre Tätigtest, Mühe inio 
die Arbeit, die sie zum Jubiläum geleistet haben. Ec brachte 
auf diese drei Herren ein Hoch aus. in das lräilig einge- 
Mmrnt wurde. Der Vorsitzende dankte Herrn Homulh und 
brachte seinerseits ein Hoch auf die Vereinßgriinder aus. 
Damach gab der Vorsitzende Kenntnis von dem Prozeß 
eines Mitgliedes wegen Benutzung der.Wohnung zu Wasch 
zwecken. Das Mitglied wurde mit seiner Klage vom 
Schöffengericht Schöneberg abgewiesen, hauptsächlich aus 
dem Grunde, weil keine Wäscheordnung in seinem 
Hause bestehe. Die Versammlung stimmte dem Vor 
schlage des Vorsitzenden zu, dem betreffenden Herrn ein 
Schreiben des Vorstandes zuzustellen, in weichern gesagt wird, 
daß in Großberlin eine Wäscheordnung nicht üblich ist und 
nirgends besteht. Dieses Schreiben dürile dem Kläger für 
seine' Berufung wertvoll sein. Herr Schmidt beantragte 
dann, auf die Tagesordnung der Geueraloersammluug den 
Punkt: „Gemeindcvertreterwahlen" zu setzen. Es wurden 
noch Anfragen über die Porticrversichcrung gestellt und be 
antwortet. Herr Flauger empfahl, Dienstmädchen, auch wenn 
sie ab und zu gewerblich tätig sind, bei h Landk auken- 
kasse anzumelden. Eine Frage betraf die Durchlcguug der 
Eutsmuthsstraßet Herr Draeger erklärte, daß das Ent 
eignungsverfahren schwebe und aller Voraussicht nach Anfang 
nächsten Jahres zur Entscheidung gelange. ' Herr Konieczka 
erklärte, daß eine Gemeinde das Recht habe, ohne Hinter 
legungen eine Straße durchzuführen. Friedenau hätte also 
nicht nötig gehabt, die Durchlegung auf die lange Bank zu 
schieben. Herr Loos bekannte sich als der Fragesteller und 
gebrauchte recht scharfe Worte unserer Gemeindevertretung und 
unserm Gemeindevorsteher gegenüber, die nicht mit Energie 
an die Sache herangegangen wären. Herr Draeger betonte, 
daß man damals die Durchlegung nicht so schnell wollte 
erfolgen lassen, um der schnellen Bautätigkeit vorzubeugen. 
Herr Ruhemann stimmte Herrn Draeger zu. Es lag da 
mals ein juristisches Versehen vor. Die Gemeindevertretung 
wäre s. Zt. von Herrn Schuackeuburg juristisch nicht richtig 
beraten worden. Die Gemeinde habe keinen Schaden, für 
die Anlieger aber wären die Kosten höhere geworden. Herr 
; Konieczka bemerkte, daß die Gemeinde doppelten Schaden 
! durch die versäumte Durchlegung der Gutsmuthsstraße hätte. 
Einmal wären ihr die Steuern entgangen und dann habe 
sich dort ein derartiges Publikum hingezogen, daß man nur 
mit einem Guminiknüppel bewaffnet sich in jcucr Gegend 
blicken lassen darf. ES müßten diese Zustände schleunigst 
. beseitigt werden. Da weitere Fragen nicht vorlagen, so 
schloß der Vorsitzende gegen l /,l Uhr die Versammlung.' 
o Friedenauer Lehrer-Verein. .Die Jugeudschristen- 
Kommission, Vors. Herr Rektor Jaeschke, Blaukenbergstr. 10, 
mußte auch in diesem Jahre von einer Weihnachts-Aus 
stellung guter Bücher für die Jugend absehen, weil es 
an einem geignetcn Raum fehlte. Dafür hat aber ein jedes 
Kind ein Verzeichnis passender, empfehlenswerter Schriften 
in die Hand bekommen. Die Ellern werden gebeten, bei 
ihren Weihnachtseinkäuien, soweit sie sich auf Bücher er 
strecken — ein gutes Buch ist ein treuer Freund — dieses 
Verzeichnis zu Räte zu ziehen uud genau auf Titel, Vertag 
j uud Preis zu achten. 
o Blühende Primeln! Eine um diese Jahreszeit 
! seltene Naturerscheinung können wir in dem Garten vor 
; dem Hause Haudjerystr. .03 beobachten. Dort blühen zur 
! Zeit die Primel». Außerdem trägt in einem Vorgarten in 
der Lauter straße ein Tulpenbaum volle Knospen. 
v Todesfall. Am 10. d. M. verstarb hier nach 
langem Leiden Herr Bauköorsteher Hermann Müller. 
Der Verstorbene war zuletzt Vorsteher der Depositcnkasse 
der Dresdner Bank in der Kaiserallee Ecke Südwestkorso. 
Lange Jahre gehörte er unserem Männcr-Turuvercin au 
und war hier früher Turnmart der I. Männerabteilung, 
später der Altelsabteilung. Mit ihm ist ein langjähriger 
Friedenauer Bürger dahin geschieden, der sich in weilen 
Kreisen unserer Einwohnerschaft der besten Sympalhieu er 
freute. Die Beerdigung findet am Sonntag um 3 Uhr 
Nachmittags statt. 
o Tante Ete y. Heute siüh verstarb im Stubcu- 
rauchkrankenhause zu Lichleiselde die Witwe des Schrift 
stellers Eduard Jürgensen, im 50. Lebensjahre. Ein 
schweres Herzleiden, das sie schon seit Jahren piagie, niachle 
vor einigen Wochen ihre Aufnahme ins Krankenhaus not 
wendig. „Tame Ele", wie sie allgemein genannt wurde 
nach dem ihrem Gatten zugelegten Namen „Onkel Ete", bat 
viele gute aber auch viele ichmere Stunden in ihrer Ehe 
16. Kapitel. 
Der beinahe freundschaftlich vertrauliche Ton, den 
Marigny in seinem Briese aiizluchlagen gewogt halte, der 
Ton des gefelischackich Gleichstehenden, würde Kurt Dienich 
von Hoiningcn vielleicht belustigt haben, wenn diesem 
Menschen gegenüber bei ihm von irgendwelchen Humo 
rist! chen Euipffiiduiigeii halte die Rede sei» könne». So 
aber war alles, was sich i» ihm regte, lediglich ein Gefühl 
höchster Genugtuung über die Dummheir dieses Mannes, 
der sich ihm gewissermaßen selbst in die Hände lieferte. Er 
gönnte sich kaui» die Zeih ein hastiges Frühstück einzu 
nehmen, und verließ das Haus in der Absicht, sich in der 
ersten besten Droschke nach denl in Marignys Briefe als 
feine Adresse angegebenen, ihm völlig unbekannten, al'o 
vermutlich sehr bescheidenen Hotel zu begebe». Aber sein 
erster Blick siel auf seinen eigenen Wagen, der biizblank 
und wie zu einer laugen Fahrt gerüstet, vor dein gräf 
lichen Palais hielt. Seudem ihm fein Herr gestern abend 
erklärt hatte, daß er gesonnen sei, das vergebliche Suchen 
nach dem Vicomte vorläufig aufzugeben, lebte der wackere 
Hasenkamp nämlich in der festen Ueberzeugung, daß ihn 
plötzlich der Befehl erreichen würde, sich für eine Parforce- 
Tour in der Richtung gegen Stuttgart, Ulm und Fried 
richshasen bereitzumachen, und da er sich neuerdings in Leu 
Angelegenheiten feines jungen Gebieters das selbständige 
„Denken" angewöhnt harte, vermutlich, um nicht wieder, 
wie jüngst in Bruchsal, unvorbereitet von ben Lnigiiiffeu 
überrumpelt zu werden, so war er zu dem Schluß gekom 
men, daß es am besten sein würde, diese» Befehl gar nicht 
erst abzuwarten, sondern den Wagen zu jeder Sluuüe be 
reitzuhalten. In der Tat fehlte nicht bas gern gfte au 
der Zurüstu-g für eine lange Reise, der au:gicoi.ge,Ben» 
zmvorrat cbeusoweilig wie die nöllgen Korten uud Plane 
und der in Kurt Dietrichs Toileitezimmer immer bercst- 
gehaitene gepackte Koffer, dcn Haieiikamp sich in aller 
Frühe von dem geircucn Derriliger ohne Witz .il des Grafen 
hatte aushünÄgen lassen. 
Lächelnd nahm Hoiuiugen das alles wahr. Er 
durchschallte dentZedankeugang und die Absicht des braven 
Burschen; aber er. verlor kein Wort darüber, behandelte 
de Anwesenheit des Wagens wie etwas ganz Selbstver 
ständliches uud begnügte sich, dem Chauffeur nach 
sreuiidlichem Moigcngruß Marignys Hoteladresse zu geben. 
Das war für Hasenkamp ersichtlich eine kleine Ent 
täuschung, denn er wäre unzweifelhaft sehr viel lieber in 
die weite Welt hinausgefahren, um die schöne Ameri 
kanerin im Sturm zu erobern und sie wie auf einem 
Triumphwagen nach Frankfurt zurückzubringen. Aber es 
blieb ihm natürlich nichts anderes übrig als zu gehorchen, 
und zehn Minuten später hielten sie vor dem in der Tat 
recht einfachen G-sthose, den sich der Herr Dicomte aus 
irgendwelchen, ohne Zweifel triftigen Gründen als Absteige 
quartier ausersehen hatte. 
Der Portier schien bereits instruiert zu sein, denn der 
von ihm herbeigerufene Kellner führte den Grafen ohne 
vorherige Anmeldung zu eine!» Zimmer des ersten Stock 
werks, aus dem auf fein Anklopfen die wohlbekannte 
Stimme des Franzosen die Aufforderung zum Eintritt er 
gehen ließ. 
Artig erhob sich Herr de Marigny, der vor dem Schreib 
tisch gesessen hatte, von feinem «tuhl, als Kurt Dietrich 
von Hoiuiugen die Schwelle überschritt. 
„Guten Morgen, Herr Graf," sagte ex mit vollkommener 
Höslichteit. „Ich zweifelte von vornherein nicht daran. 
datz ich nacy ,.,-n yeutkgen Vormittag die Ehre haben 
würde, Sie ©et -r : <- zu sehen. HiiD ich bin aufrichtig er 
freut, baß ineil.^ Zuversicht mich nicht getäuscht hat. Sie 
werden mir ja ^ützvoen» daß gewisse Dinge, die sich 
zwischen uns zugeüagen haben, bringend der Aufklärung 
oder vielmehr einer gewissen Erledigung bedürfen. Aber 
in der Erinnerung au unser letztes Zusammentreffen halte 
ich cs nicht für ganz überflüssig, der Erwartung Ausdruck 
zu geben, daß unsere Aussprache sich diesinal in den unter 
wohlerzogenen Leuten üblichen Formen vollziehen wird. 
Raufbolde, die ihre Differenzen mit den Fäusten austragen, 
sind wir doch wobt beide nicht, Herr Gras Hoiningen." 
„Es gibt Fälle, in denen diese Methode die einzig 
angebrachte ist," lautete die kurze Entgegnung. „Und um 
einen solchen Fall wird es sich vermutlich damals gehandelt 
haben." 
„Lassen wir das zunächst auf sich beruhen. Aber 
wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? 
„Ich ziehe es vorläufig vor. ftehenzubleibcn. Zu 
Ihrer Beruhigung aber will ich noch hinzufügen, daß es 
sich an jenem Morgen in Bruchsal darum handelte, eine 
bestimmte Absicht innerhalb weniger Sekunden z : erreichen, 
und daß ich schon deshalb in der Wahl meiner Mittel nicht 
all;u heikel fe«n durfte. Hi.r f''ht uns ja etwas mcor 
Zeit zu Gebote. Und darum »..men Sie ohne Furcht vor 
den unmittelbaren Konsequenzen ausjprecheii, was Sie zu 
sagen haben." 
Der Bi onite zog die Augenbraue» in die Höhe. 
„Furcht?" wiederholte eft zSag-en Sie: Furcht, Herr 
Erai:" 
(vortsehung folgt.)
        
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