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Periodical volume Nr. 264, 09.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Zuspruch fanden, den sie verdienten. Desto mehr aber kann 
sich der Verein des regen Interesses weiter.Kreise erfreuen, 
sobald er ciumak ins „Ausland" geht. So war cs auch 
gestern Der große Hauptsaal des „Gesellschaftshauses des 
Westens" in Schöneberg hat eine derartige Fülle wie gestern 
wohl selten erlebt. Im Parkett und auf der Galerie war 
kein Stuhl mehr zu haben und viele Besucher mußten sich 
init einein Stehplatz begnügen. Und dieses große Interesse 
wurde belohnt durch eine in allen Teilen wohlgelungene, 
künstlerische und genußreiche Veranstaltung. Unser Manner 
gesangverein bewies, daß er in seinem Bestreben, den 
deutschen Männergesang als Kunstgesang zu pflegen, mit 
Fleiß und Energie fortgeschritten ist unter der Leitung seines 
tüchtigen, hochbegabten Dirigenten Herrn Musikdirektor Paul 
Antonn. Das Stimmaterial hat sich seit dem letzten Male, 
da wir den Verein in einem öffentlichen Konzert hörten, 
durch den Zugang neuer Sänger noch wesentlich verbessert. 
In dem Vortrag aber sind auch manche Kanten, die durch 
allzu strenge Beachtung der Regel hervortraten, abgeschliffen 
worden. Der Dirigent hat das, was man Pädagogik nennen 
könnte, herausgebracht und unter Hineinlegung eigener Auf 
fassung durch Vertiefung in den Geist des Komponisten den 
äußeren Rahmen sowohl wie auch den inneren Gehalt erhöht 
und verschönt. So wurde jeder Vortrag mit lebhaftem 
Beifall bedacht. Mit dem stimmungsvollen Chor „Die 
Himmel rühmen" von Beethoven begannen die Vorträge; es • 
folgte das innige „Der Reiter und sein Lieb", dann der 
wuchtige Hegarsche Chor „Rudolf von Werdenberg", eine 
Prachtleistung des Vereins. Die lyrischen Gesäuge „Hell 
ins Fenster" von Kremser, „Mädel wie blüth's" von Krause 
und „Brautfahrt" von Baldamus erfreuten im zweiten Teil. 
Ten Schluß bildeten „Gretula" von Schwalm, „Der Trom 
peter an der Katzbach" von Möhring und die harmonien 
reiche Komposition unseres Mitbürgers Max Bruch „Vom 
Rhein". Ein tosender Beifall verlangte nach einer Zugabe. 
Sie erfolgte durch den Gesang des herzigen Volksliedes, 
„Im schönsten Wiesengrunde", womit dem Konzert zu 
gleich ein würdiger Abschluß gegeben wurde. Mit dem 
Gesangs-Konzert verbunden war ein Jnstrumentalkonzert, 
das teils den Männerchören vorausging, teils .mit diesen 
abwechselte. Die Kapelle des. Kaiser-Alexander-Garde- 
Grenadier-Regiments Nr. 1 führte es unter Leitung des 
Kgl. Musikdirektors Fr. Brase aus. Auch diesen musikalischen 
Darbietungen sei unbeschränktes Lob gespendet. Jedes 
Musikstück wurde mit stürmischem Beifall bedacht, sodaß das 
ausgezeichnete Orchester wiederholt Zugaben machen mußte. 
Einen besonderen Genuß verschaffte die Kapelle dem Musik- 
freund durch die Phantasie a. d. Oper „Freischütz", durch 
das Potpourri „An der schönen blauen Donau" von Strauß, 
das niederländische Dankgebet und - die Phantasie aus der 
Oper „Die lustigen Weiber" von Nicolai. Nicht enden 
ivvllte der Applaus, als mit dem Preußenmarsch auch dieses 
Konzert seinen Abschluß fand. Doch noch eine andere Ab 
wechslung mar den Besuchern beschieden durch die 
Rezitationen des bekannten und beliebten Vortragskünstlers 
Otto Erich von Wussow. Im ersten Teil ernste Sachen: 
1870 71, „Der jüngste Leutnant" und ein anderes Gedicht 
aus dem Militärleben, packend und wuchtig vorgetragen, 
im zweiten Teil mehrere heitere Geschichlchen und Gedichte, 
teils aus eigener Versschmiede. Der liebenswürdige 
Rezitator und heitere Plauderer wurde schon bei seinem 
Erscheinen auf der Bühne lebhaft begrüßt. Einmal oben. 
ivvllte ihn das Publikum nicht wieder fortlassen; immer 
auss neue brauste der Beisoll auf, der sich bei den lustigen 
Sachen noch mit stürmischer Heiterkeit mischte. So war 
der Veranstaltung des „Friedenauer Männer-Gesangvereins, 
1875" nicht nur ein pekuniärer, sondern auch ein idealer 
Erfolg beschieden. Möge es daran auch bei späteren Ver- 
aiistaltiliigen des Vereins nicht mangeln. Zu wünschen wäre 
nur, daß. der Verein nicht ständig beim alten Programm 
bleibt, sondern auch einmal mit neuen Liedern aufwartet. 
— Dem Konzert folgte ein gemütliches Tanzkränzchen, an 
dem der weitaus größte Teil der Besucher teilnahm. 
o Im Evangelischen Arbeiter-Verein hörten die zahl 
reich erschienen Mitglieder nebst Gästen den äußerst lehr 
reichen Vortrag ihres Kameraden Herrn Kaufmann Paul 
Walter über „Ostindien", wohin er im Dienste der Goßnerschen j 
Mission gesandt war. Bei seinem 12jährigen Dortsein lernte i 
er Land und Leute gründlich kennen und berichtete eingehend 
über Klima, Bodenbeschasfung und Fruchtbarkeit des Landes, 
Lebensweise, Religionsgebräuche und Anschauungen der Be 
wohner, die wohl über hohe, dabei alte Kultur sich aus 
weisen, aber wunderbarer Weise das Eisen keineswegs be 
herrschen, aber für ihr Vieh, eine gewisse Heiligung besitzen. 
Auf alle Zuhörer machte der Vortrag eine» fesselnden Ein 
druck, sodaß dem Redner am Schluffe seiner Ausführungen 
sehr viel Dank gezollt wurde. — Wegen der dringenden 
Notwendigkeit großer Versammlungen — in Friedenau am 
6. Januar 1914 — zum Zwecke der Stellungnahme zum 
Massenstreik gegen die Kirche wird auf die Berichte vom 
3. Arbeiterkongreß und BrandenburgischenProvinzialverbands- 
Vertretcrtag in der Vereinszeitung in den nächsten Nummern 
verwiesen. Der bekanntgegebenen Jahresfestabrechnung folgte 
die Bekanntgabe der Weihnachtsfeier am 27. b, M- in her 
gebrachter Weise. Spenden von Freunden und Gönnern des 
Vereins sind auch in diesem Jahre voni Vorstände herzlichst 
erbeten. Die Kaiser-Geburtstagsfeier soll am 24. Januar 1914 
durch einen Gesangsabend der Vereins-Gesang-Abteilung, 
gemischter Chor, festlich begangen werden. 
o Haus- und Grundbesitzer-Verein in Friedenau. 
Die Monats-Versammlung findet am Freitag, dem 12. De 
zember 1913, abends 8'/z Uhr, im Saale des Restaurants 
„Kaisereiche" statt. Auf der Tagesordnung stehen: Verlesung 
und Genehmigung des Protokolls, geschäftliche Mitteilungen, 
Aufnahme und Anmeldung neuer Mitglieder, Vortrag des 
Herrn Stadtsekretärs Beuck, Berlin-Wilmersdorf, über „Wehr 
beitrag", Wahl von Delegierten für den „Bund der Haus 
und Grundbesitzer-Vereine Groß-Berlins", Wahl eines Aus 
schusses für Vorbereitung der Vorstandswahlen. Jntereffen- 
sragen und Fragekastcn. Gleichzeitig mit der Einladung zu 
dieser Versammlung geht den Mitgliedern die anläßlich der 
kürzlich begangenen 25 Jahrfeier herausgegebene Vereins 
chronik zu. 
o Was geht uns Friedenauer die Alkoholfrage an? 
Ueber dieses Thema spricht heute Abend 9 Uhr im Sitzungs 
saale der Gemeindevertretung im Reformrealgymnasium der 
Generalsekretär der Zentralstelle zur Bekämpsung des Miß 
brauchs geistiger Getränke Herr Prof. Gonser. Es sind 
hierzu besonders der Armenausschuß, Waiscnrat und Wohl 
fahrtsausschuß unserer Gemeinde, sowie die Vereine einge 
laden. Auch jeder sich für diese Frage interessierende Bürger 
ist hierzu eingeladen. 
o Die Hansa-Vnnd-Ortsgruppe Friedenau (1. Vor 
sitzender: C. F. Meineber, Friedrich-Wilhelm-Platz 6) hält am 
Dienstag, dem 9. d. M., Abends 8>/z Uhr im Restaurant 
Hohenzollern, Handjerystr. 64 eine Mitglicder-Versammlung 
ab. Hansa-Woche, Schutz der Arbeitswilligen, die Beschlüsse 
des Jiidustrierats, weitere Erhöhung der Lebensmittelzölle. 
stehen auf der Tagesordnung. 
o Der Steglitzer Verein für Gesundheitspflege hält 
am Mittwoch, dem 10. Dezember im großen Saal der Loge 
zu Steglitz einen Vortragsabend, bei dem Herr Dr. Winsch- 
Halensee über: „Der Krebs und seine naturgemäße Auf 
fassung, Vorbeugung und Heilung" hält. 
o „Rcisebilder aus süd- und ostafrikanischen Ko 
lonien" lautet das Thema, welches Fräulein Käthe Lehnert 
im „Verein von Freunden der Treptow-Sternwarte" am 
Mittwoch, dem 10 Dezember, abends 8 Uhr im großen 
Vortragssaale der Treptow Sternwarte unter Vorführung 
zahlreicher farbiger Lichtbilder behandeln wird. Die Vor 
tragende wird zur Sprache bringen: l. Ausflug in die 
Kapkolonie. 2. Mit der Kapkairobahn nach Rhodesia. 3. Be 
such der Vikloriafälle des Zambesi. 4. An der Ostküsle. 
5. Heimwärts über Aegyten. Gäste sind willkommen. Mit 
dem großen Fernrohr werden Mond und Saturn beobachtet. 
v Kanarien-Ausstellung. Vom 13. bis 15. d. Mts. 
findet in den Jndustrie-Festsülen, Berlin, Beuthstr. 19-20, 
eine große Ausstellung von Gesangs-, Gestalts- und Farben- 
Kanarien statt. 
v Deckcnbrand. Unsere Feuerwehr wurde am Sonntag 
früh 3 Uhr nach dem Hause Laubachcr Straße 15 gerufen. 
Dort wird z. Zt. im 3. Stockwerk eine leere Wohnung neu 
hergerichtet. Zum Austrockencn wurde der Ofen angeheizt, 
dabei aber vergessen, die Tür an der Feuerung zu schließen. 
Durch herausfallende Glut geriet nun der Fußboden in 
Brand. Die Unterwohner wurden das Feuer erst gewahr, 
als brennende Deckenteile in ihre Wohnung fielen. Sic 
riefen schleunigst die Feuerwehr, die mit einer Schlauchleitung 
das Feuer löschte. Die Aufräumungsarbcitcn nahmen etwa 
eine Stunde in Anspruch. Es ist von Glück zu sagen, daß 
durch diesen Brand nicht größeres Unheil angerichtet wurde. 
Durch die Aufmerksamkeit der Unterwohner, die selbst in 
Lebensgefahr schwebten, ist ein weiteres Ausdehnen des 
Feuers verhindert worden. 
o Deckeüeinsturz in Wilmersdorf. Am Sonnabend 
Abend gegen 6U, Uhr brach in dein Schulneubau in der 
Prinz-Regenten-Straße 41 plötzlich unter donneiähnlichem 
Getöse die Decke eines über der Turnhalle belegencn Klassen 
zimmers ein. Der Schutt durchbrach dann noch einen Teil 
der Turnhallendecke. Personen wurden glücklicherweise nicht 
verletzt, da der Neubau bereits von den Arbeitern verlassen 
worden war. Man nimmt an. daß der Einsturz dadurch 
entstanden ist, daß die Versteifungen der Decke zu früh ent 
fernt wurden. Die Untersuchung ist eingeleitet worden. 
o Nach getaner Arbeit in den Tod. Der 19jährige 
Tapeziergeselle Ferdinand Z. aus der Halskestraße in Steglitz 
hatte in einem Laden Tapezierarbeilen zu erledigen. Als 
er diese beendet, zog er einen Strick aus der Tasche hervor 
und erhängte sich am Fensterkreuz. Der Meister, der einige 
Zeit später hinzukam, fand seinen Gesellen bereits als Leiche 
vor. Anscheinend ist der junge Mensch durch Liebeskummer 
in den Tod getrieben worden. 
o Lebensmüde. Als die im Hause Düppelstr. 16 in 
Steglitz wohnende Frau D. am Sonnabend früh ihren 
Mieter, den Postschaffner M., aus dem Schlafs wecken 
wollte, machte sie die prächtige Entdeckung, daß der Beamte 
über Nacht seinem Leben durch einen Reoolverschuß ein 
Ende gemacht hatte. M. war seit 15 Jahren im Steglitzer 
Postdienst tätig und unverheiratet. In einem hinterlaffenen 
Schreiben deutet der Selbstmörder Lebensüberdruß als 
Motiv an. Dienstlich lag gegen ihn nichts vor. Den 
Selbstmord führte M. im Bette aus. Er hielt die tödliche 
Waffe noch in der Hand, als ihn seine Wirtin auffand. 
o Selbstmord eines Knaben. Der 13 jährige Sohn 
Joachim der Hypothekenmaklerin Frau Sch. aus der Hohen 
staufenstraße in Schöneberg nahm sich gestern das Leben. 
Der etwas schwermütig veranlagte Junge halte einen Tadel 
sich so zu Herzen genommen, daß er in die Badestube ging 
und sich erhängte. Es wurden sofort drei Aerzte und auch 
die Feuerwehr mit dem Sauerstoffapparat zu Hilfe gerufen, 
aber alle Bemühungen waren vergebens. Der Knabe hatte 
sich, nachdem er den Kopf in die Schlinge gesteckt hatte, 
von dem Rand der Badewanne herabfallen lassen und dabei 
die Halswirbel gebrochen. 
Vereinsl7achrichten 
Am Dienstag tagen: 
Stenographenverein „Stolze-Schrey". V,9 Uhr in der Gemeinde- 
Mädchenschule, Goßlcrstraße. Diktatschreiben in verschiedenen Ab 
teilungen. 
Auskunfts- und Fürsorgestclle (Kaiserallee 66), 
kür Tuberkulöse: Aerztliche Sprechstunden für Männer jeden Dienstag 
von 12 1, für Frauen und Kinder jeden Mittwoch von 12 1 Uhr, 
für Alkoholkranke: Aerztl. Sprechstunde jeden Freitag von 12—1 Uhr. 
Scköneberg 
—o Der Kömgl. Kronenorden 1. Klasse wurde dem 
Wirkt. Geheimen Rat von Kitzing verliehen. 
Berlin und Vororte 
§o Im Dom veranstaltet der Kgl. Musikdirektor Hof- 
und Domorganist Bernhard Jrrgang am Dienstag, dem 
9. Dezember, Abends 8 Uhr, das nächste Orgelkonzert 
(Weihnachsmusik) unter Mitwirkung von Frau Charl. 
Kimpel (Sopran), Frau Vally Fredrich-Höttßes (Alt), Frl. 
Clara Waege (Violine) und Herrn Walter Kratz (Brasche). 
Programme 10 Pfg. berechtigen zum Eintritt. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Sehr geehrte Redaktion! Obwohl ich weiß, daß Sie nicht gerade 
für jede Sünde Ihres Romandichters verantwortlich zu machen 
sind, erlaube ich mir doch den Hinweis, daß der verehrte Louis 
Traey sich mit seinem Rechcnerempel (Nr. 286 49. Forts. v. Sylvias 
Der alte Kammerdiener verzog pflichtfch ldigst die 
Lippen. Kurt Dietrich aber klopfte ihn auf die Schulter. 
„Machen Sie sich meinetwegen keine Sorge, treue 
Seele, Noch che die Sonne abermals aiisgezaii en >st, 
ivird sich alles in eitel Wohlgefail ii gelöst huben." 
Er sagte es ans ehrlichster Ucb.r eu ung, denn cs 
schien ihm undenkbar, daß die Hindernisse, die sich der Er 
füllung seiner Wünsche jetzt noch entgegcnilellte», sich nicht 
mit spielender Leichtn.keit überwinden lassen soll e». Auch 
nicht die kleinste Regung von Bangigkeit und Sorge war 
in s iner Seele, als der alte Graf jetzt, nach gemächlich 
beendetem Fr ihsiück, den Vorschlag machte, in der Biblio 
thek eine Zigarette zu rauchen; ja, er brannte vielmehr 
vor Verlangen, die Erklärungen zu geben, aus die der alte 
Herr, wie er ihm bereitwillig zugestand, ein gutes Recht 
hatte. 
Sobald sich die Tür des großen Bibliothckraumes 
hinter ihnen geschloffen hatte, placierte sich Gras Henningen 
in der Mitte der Längsmand, den Rücken gegen den 
Kamin > gekehrt, in dem natürlich jetzt, im Hochsommer, 
kein wärmendes Feuer brannte, und indem er die Hände 
in einer Napoleonspose ans dem Rücken zusainmcnlcgte, 
sagte er voll milden väterlichen Ernstes: 
„Run, mein Sohn, sage mir unumwunden und wahr 
heitsgemäß alles über diese verrückte Geschichte." 
Kurt Dietrich erinnerte sich sehr genau, daß er die 
nämlichen Worte zum letzten Male vor ungefähr zwölf 
Jahren aus dem Munde feines Vaters gehört hatte. Da 
mals hatte fich's darum gehandelt, ihn wegen irgendeines 
Übermut gen Jugendstreiches zur Rede zu stellen, und er 
mußte abermals lächeln bei der Vorstellung, daß der von 
ihm innig verehrte alte Herr den Sohn, der inz ri ehen 
mehr als einmal die Feuertaufe erhalt, n und der die 
.Hälfte des Erdballs auf gefahrvollen Reisen durchstreift 
hatte, noch auf die gleiche Weise ins Gebet nehmen 
wollte wie damals den halbwüchsigen Jungen. 
„Wenn ich dich recht verstehe, Papa, wünschest du von 
mir einen Bericht zu erhalten übe. das, was ich seit 
meiner Abfahrt von Frainsurt getan habe," sagte er frcnnv- 
lich und achtungsvoll, aber doch mit c nein merklichen 
llnterflang von selbstbewußter '-Bestimmtheit. „Wohl, ich 
habe diese Zeit dazu angewendet, dritten wicderyolt ge 
äußerten Wunsch zu erfüllen und eine Frau zu suchen, 
die würdig ist, den Namen einer Grüsiii Hoilüngcn zu 
trugen." 
„Herr i»i Himmel l — Das soll doch nicht etwa 
heißen, daß — daß du — eine hciinl che Heirat " 
Beinahe atemlos vor Schrecken hatte Graf Hoiningsn 
mit Anstrengung diese War e hervorgebracht. Sein Ge 
sicht hatte sich mit dunller Röte überzogen, und obwohl 
man noch nie von einem Schlagfluß in der sehr lang 
lebigen Familie gehört hatte, machte sich Kurt Dieirich für 
j einen Moment ernste Sorge um seines Vaters Zustand. 
„Nicht doch, Papa," beeilte er sich, beruhigend zu ver 
sichern. „Ich bin nock, nicht einmal so weit gegangen, 
die junge Dame um ihre Einwilligung zu befragen. Ich 
hoffe ja, daß ich ihr nicht gerade unangenehm bin, aber 
die Umstände waren nicht nach einer Werbung angetan, 
wie sie ihrer und meiner allein würdig sein kany. 
„Zunächst müssen wir natürlich ihre Familie kennen 
lernen und " 
„Zum Henker mit ihrer Famiiie! Bist du denn ganz 
von Gott verlassen, Kurt, daß du hier stehen und solchen 
! heillosen, höllischen Unsinn schwarten kannst?" 
„Ruhe, lieber Papa! Es geht doch wohl nicht an, in 
! solchem Ton von Mister Pendleton zu sprechen, dein nie 
mand in den Vereinigten Staaten seine Hochachtung ver 
sagt. Ohne im übrigen irgendwelche Vergleiche anzustellen, 
glaube ich doch sagen zu dürfen,' daß seine gesellsch ftliche 
St.lluug drüben in dem republikanischen Gemeinwesen 
nicht hinter der deinigen hier in Deutschland zurücksteht. 
i Was aber seine Tochter Sylvia betrifft, so scheint sie mir 
bedeutend beffcr geeignet, eine Grafenkrone zu trage», als 
sehr viele hochgeborene junge Damen meiner Bekannt- 
schaft." 
Graf Hoitlingen lachte spöttisch. 
„Das sinb die von Frau von Ricdbcrg erteilten Rekc- 
rcnzeii und Auskünfte — nicht wahr? Wahrhaftig, die 
würdige Dame scheint den Mund recht voll g nommen zu 
haben, als fich's darum handelte, einen Hoitlingen für 
ihren Schützling einzufangen." 
„Würde es uns nicht vielleicht schneller und ange- 
vtebnier zum Zicke führen, wenn ich dir im Zusammenhang 
alles erzählen dürfte, was sich wahrend der letzten Tage 
ereignet hat?" 
„Zu welchem Zweck? Ich habe die ganze Geschichte 
schon bis zum Uebcrdruß gehört, und zwar aus de» ver 
schiedensten Quellen. Von der Gräfin Herta, van deinem 
Hasenkamp, von dem Vicomte de Marigny. Und was die 
Personalien wie die Lebens, eschichte der famosen Frau 
von Riedberg betrifft, so hat dein- liebe Tan'e mich auch 
nicht mit der allerkleinsten widerwärtigen Cinzelh.it ver 
schont. Ich muß dir sagen, Kurt, daß ich ehrlich ernannt 
bin, wie sich ein Mann von deinem Alter und deinem 
gesunden Menschenverstand so gröblich mystifizieren lassen 
konnte. Ich will dir ja gern glauben, daß du ans gutem 
Herzen oder vielleicht ein wenig in jugendlichem Uebermut 
gehandelt hast, als du auf die Idee kamst, den Platz 
eines gewöhnlichen Chauffeurs einzunehmen, und daraus 
würde ich dir in der Erinnerung an gewisse lustige Vor 
kommnisse aus meiner eigenen Jugendzeit nicht einmal 
einen ernstlichen Vorwurf machen. Aber sich dann von 
einer solchen Kreatur ins Garn locken zu lassen wie es 
diese mit allen Hunden gehetzte uno mit allen Wassern ge 
waschene Frau von Riedberg ist, nein, das geht über 
m in-Fassungsvermögen hinaus." 
„Ich gebe dir die Versicherung, Papa, daß die genannte 
Dame nicht de» geringsien A ffpruch hat, sich als die 
Vermittlerin meiner Heirat zu betrachten." 
„Die Vermittlerin deiner Heirat — nein, solchen Er 
folges wird sie sich allerdings nicht zu rühmen haben. 
Dafür will ich fchon sorgen." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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