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Periodical volume Nr. 287, 07.12.1913 1. Beilage zu Nr. 287

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

1. Beilage zu Nr. 287 des „Friedenaner Lokal-Anzeiger". 
Sonntag, den 7. Dezember 1913. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Tie Stellung des Handwerks zur Krüppel- 
fürsorge. Vereine, die sich mit Krüppelfürsorge be 
schäftigen, haben neuerdings eine lebhafte Tätigkeit entfaltet, 
:on Krüppel im Landmerk unterzubringen. Es geschieht 
dies dadurch, Lab Handwerkern, die Krüppel zur Ausbildung 
bei sich aufnehmen, eine Belohnung und Auszeichnung zuteil 
wird. Zu diesen Bestrebungen nimmt jetzt, das Handwerk 
in AuSführnngen Stellung, die wohl, wie das .Heidelberger 
Tageblatt" meint. > ie Ansichten seiner amtlichen Vertreter 
wiedergeben. Es wird ausgeführt, daß das Handwerk es 
zwar der Hebung seines Ansehens nicht sehr förderlich er 
achtet, wenn seine Betriebe als Zufluchtsstätten für halbe 
Arbeitskräfte angesehen werden, trotzdem aber will sich das 
Handwerk dieser Fürsorge nicht ganz verschließen. Es wird 
daraus hingewiesen, daß es nur wenigen Krüppeln gelingen 
wird, wirklich die Rolle eines Vollhandwerkers zu erringen; 
die meisten werden auch dort nur Handarbeiter bleiben 
können. Außerdem ist der Daseinskampf im Handwerk 
heutzutage so hart, und die Vollkraft eines Gesunden gehört 
dazu, sich zu behaupten. Ans diesem Grunde haben schon 
viele Handwerker, um ungeeigueie junge Leute in deren 
eigenem Interesse von dem Gewerbe fernzuhalten, eine 
ärztliche Untersuchung vor Antritt der Lehre zur Bedingung 
gemacht. Denn nahezu alle Gewerbe verlangen heute einen 
völlig gesunden Körperbau. Das Handwerk hält es daher 
für zweckmäßiger, wenn Krüppel sich mehr den ungelernten 
Beiusen, z. B. Schreiber, Heimarbeiter usw. zuwenden. 
v .Königliche Höhere Maschinenbauschule zu Stettin. 
Wie uns mitgeteilt wird, beginnen die Heizer- und Ma 
schinistenkurse au der Kgl. Höheren Maschinenbauschule zu 
Stettin am 7. bezw. 12. Januar 1914. Die Kurse haben 
den Zweck, diejenigen Kenntnisse zu vermitteln, die zur 
Führung und Wartung von Dampfkessel-, Dampfmaschinen-, 
Gaslrastmaschinen-, Källeerzeugiings- und elektrischen An 
lagen erforderlich sind. Die Heizerkurse dauern 4 Tage. 
Die Kurse für Maschinisten 2 Wochen. Die Kurse folgen 
aufeinander und können beide belegt werden. Schluß der 
Anmeldungen am 1. Januar 1914. Das Schulgeld be 
trägt für den Heizerkursus 8 M., für den Maschinistenknrsus 
22 M. und ist im voraus an die Schulkasse zu entrichten 
Ferner hat jeder Teilnebnrer für llnsallversich rung 50 Pf 
zu zahlen. Am Schluß eines jeden Kursus findet eine 
Prüfung statt. Alle die Kurst betreffenden Schreiben sind 
an Die i gl. Höhere Maschinenbauschule zu Stettin, Frieden 
straße lOo, zu richten. 
o Was trinkt das Schulkind und was soll cs 
trinken? Ueber diese Frage schreibt Schlilarzt Dr. Moritz 
Evbn Breslau iin „Archiv für Pädagogik": Während die 
Ernährung des gesunden Schulkindes jetzt mehr beachtet 
wird. wie früher, wird die Flüssigkeitszusuhr noch vielfach 
als quantite iiügligenMa betrachtet. Der Verfasser bemerkt 
zum Schluß: Das geinnde Schulkind trinkt meist zu viel 
Milcb, zuviel alkoholische Getränke, zu wenig klares reines 
Waller, auch zu wenig Kaffee. Es soll als gesundes Schul 
kind mehr Wasser, das auch mit Fruchtsäften vermischt 
werden kann, trinken. Weil die Furcht vor dem Kaffee- 
geni'.ß unbegründet erscheint, soll dessen Genuß besonders 
empfohlen sein, von besonderen Ausnahmen abgesehen — 
z. B. bei längeren Märschen, genügt ein viertel Liter Milch 
pro Tag, die man auch mit Kakao oder Schokolade oder 
Tee gemischt der» gesunden Schulkinde reichen kann. Sofern 
die Eltern dem Biergenuß huldigen, soll gelegentlich, aber 
nur älteren Kindern 1 /. i — l Wasserglas leichten (obergärigen) 
Bieres gestattet sein. 
Die bunte Mocke 
Berlin, den 5. Dezember 1913. 
Chinesische und deutsche Theaterkritiker. — Tie Lippe. — Ter 
Energos-Lchwindel. — Phineas Barnum. — Der „Lucces-Club". 
— Ter Tee im Kammergericht. — Die Berliner Leeschlange. — 
Ein Mißgeschick. 
In China werden neue Theaterstücke nur dann gelobt, wenn 
die Kritiker während der Vorstellung mit Tee, Früchten und andern 
Süßigkeiten bewirtet werden. 
Tie Blicke der Berliner Theaterdirektoren wandern sehnsüchtig 
nach dem Reich der Mitte, wo man demnach weder Freibillette 
kennt, noch die Verpflichtung hat. schlechte Stücke der Kritiker auf 
zuführen. Wie gerne würde mau hier zu Laude Tee und Früchte 
reichen! ES mußte aber starker Tee sei»! Und selbst dann, wenn 
sich Chinas milde Sitten bei uns einbürgern würden, selbst dann 
wäre an ein übereinstimmendes Lob nicht zu denken 
Jm„ Kleinen Theater" kam Ludwig Thomas „Sippe", — 
ohne Tee und Früchte, — erstmalig heraus. Ter kernige Bajuware, 
der durch seine „Moral" und durch die „Lokalbahn' bewiesen hat, 
daß er dem Wirkungsbereich des Theaters.kein Fremder ist, erlebte 
in dem kalten Dunstkreis der Berliner Premierenluft einen gelinden 
Mißerfolg. In andern Kulturzentren hätte man sich des „neuen 
Thoma" ehrlich gefreut. Er packt mit derber Hand seine Gestalten 
und stellt sie, lebenswahr und kernecht, auf die Beine. Er verzichtet 
auf — Tee und Früchte. 
Wer zu den glücklichen Menschen gehört, die sich ihr Vorteil 
erst beim Frühkaffee nach den kritischen Aeußerungen der Zeitungen 
bilden, muß in Berlin am eignen Verstand uird an dem Wesen 
der Kritik verzweifeln. 
Ein paar Stichproben: 
„Die „Sippe" war, Thoma kann die Wahrheit vertragen, ein 
glatter Mißerfolg." 
„Der Münchener begibt sich in ein Gebiet, das seinem Wesen 
fremd ist. Aus diesem Grunde hat er versagt." 
„Ein prachtvolles Stück! Ein echter Toma, indem man 
eine erfreuliche Steigerung seinen andern Bühnenwerken 
gegenüber stellen kann." 
„Das „Kleine Theater" hat Unglück. Es hat auf ein Zugstück 
gehofft und.ein Werk aufgegriffen, daLeinen Rückschritt Thomas 
bedeutet." 
In China hat man früher Kritiker, die trotz Tee und Früchten, 
schlecht urteilten, totgeschlagen. In Berlin ist das unmöglich. Ta 
bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in stiller Verzweiflung 
die Haare auszuraufen. 
Aber selbst da« darf man nicht einmal mehr tun! 
Hatte man sich früher, in einem TemperamentsauSbrnch der 
eigenen überkochender Volksseele die Haare ausgeriffen, dann war 
die Sache mit einem Energos-Kamm bald wieder behoben. 
Aber seit die Staatsanwaltschaft den Wunder-Kamm gewogen 
und zu leicht befunden hat, wachsen auf deutschen Tick- und Dumm 
köpf n keine Haare mehr! 
Wir alle kennen die prachtvollen Bilder, mit denen die Energos- 
Gesellschaft, besonders in August Scherls „Woche", aus dem dunklen 
Schacht menschlicher Dummheit die Schätze schlürft. 
„Ich war kahl" . . . 
„Bor Gebrauch und nach Gebrauch von Encrgos." 
„Vor Gebrauch" zeigte meistens das Gesicht eines Herrn» dem 
die Kniescheibe aus dem Kops wie von Motten zernagt aussah. 
Aber nach dem GebrauchI 
Ta blickten die gleichen Gesichter stolz in die Welt: mit einer 
dichtbehaarten Perrücke geschmückt, so daß die Träger aussahen wie 
ein Pianist oder ein alter Mandrill. Diesem neckischen Treiben 
hat die Stadlsanwaltschaft ein Ende bereitet. 
Bis jetzt ist festgestellt, daß von München aus 400000 Energos- 
Kämme zum Preise von 25—30 M. das Stück verschickt worden sind. 
Der effektive Wert des einzelnen Kammes 95 deutsche Reichs,'- 
Pfennige! 
Rund 10 Millionen Mark haben gutgläubige Menschen. Glatz 
köpfe und haarlose Lebewesen für diesen gleißeuden Humbug be 
zahlt. der ausnahmsweise nicht von der Berlin ausging! Selbst 
verständlich wurde hier, bei uns, eine prunkende Filiale unterhalten. 
Muß man den Organisator dieses Schwindels nicht bewundern? 
Diesen trefflichen Kenner der Volkspsyche? 
Wer erinnert sich nicht an Barnum und Bailey, jenes 
amerikanische Riesen-llnternehmen, das vor Jahren ungezählte 
Millionen aus dem deutschen Vaterlande holte? 
Das war eine Gründung von Phineas Barnum, der ein 
Genie, ein König im Reiche des Humbugs war. Ja, er war mehr: 
Er war Philosoph. 
Er hat zwei Bücher geschrieben, die ich beide ohne nennens 
werten Erfolg gelesen habe: „Die Kunst reich zu werden" und 
„Die Geschichte des Humbugs". 
Ich wette: Tie Münchener Energos-Leute haben beide Werke 
m>t beißein Bemühen studiert. Es war nur Zufall, daß sie nicht 
an der Spree wohnten Sie hätten so gut in den Rahmen hier gepaßt. 
Tenn was in Berlin an solchen Riesen-Schwindel- 
G rund ringen geleistet wird, übertrifft die Energos-Leute und 
Phineas Barnum zusamuren genommen. Auch einige englische 
llnternehmungeii, die tatsächlich auf der Basis des plumpesten 
Schwindels,, von Berlin aus Millionen aus Deutschland ziehe», 
sind überreif für die Staatsanwaltschaft. 
Oder bin ich mit meinem Urteil z>l scharf, Mister Virtojr 
Segno, Berlin SW. 11, Teffauer Str. 28, 1. Erage. 
Wer zahlt Ihnen denn, riear Sir, die 12 000 Mark Büromiete 
jährlich für Jdien famos n „Succes-Clnb"? Haben sie nicht 
im letzten Geschäftsjahr anderihalb Millionen Mark nach London 
abführen können? Woher ich das weiß? 
Das sind die geheimen Kräfte, die Sie, sebr verehrter Mister 
Segno-Energos-Barnum. in der menschlichen Seele zu wecken ver 
mögen. Ich weiß auch, daß der Staatsanwalt, nachdem er ver 
gebliche Erperimenle mit dem Energos-Kamm am eignen Haupte 
versucht hat, demnächst den Weg z» Ihnen finden wird. Den Weg 
des Erfolges, den Sie für 40 Mark jähilich Ihren Mitgliedern so 
leicht machen wollen, Sie lieber Junge, Sie. Warum schlagen Sie 
Ihre Zelte denn nicht in Albanien auf? Oder meinetwegen in 
Bulgarien, wo Ferdinand den Geschmack am Regieren verloren hat? 
Aber weshalb soll man sich ärgern über das, was uns die 
Fremde beschert; Hai man doch in den eignen Mauein genug Grund, 
sich die Haare auszuraufen. 
Wir verfilmen in Berlin augenblicklich Hebbel und das 
Kammergericht wird zu einem Fünf-Uhr-Tee hergegeben 
Wenn auch der Zweck die Mit el heiligt, und wenn auch die Wohl- 
tätigkeit 5» Gunsten der Säuglinge hier in Frage st hl, so könnte 
man in Berlin doch andere Räumlichkeiten finden, als den großen 
Sitzungssaal des neuenKammergerichtsl Mit dem Wort Kammer 
gericht verbinden wir einen so bedeutungsvollen, großen und ich 
möchte fast sagen: feierlichen Begriff, daß man die flir'enden und 
gewiß sehr nett angezogenen Damen der Berliner Gesellschaft ge 
trost darinnen miffen könnte. 
In all diese Verstimmung kommt aber wie ein Lichtblick 
die Nachricht, die ein Kapitän aus Berlin, der in der englischen 
Handelsmarine dient, an die hiesige Preffe hat gelangen lassen: 
Er hat in der Straße von Bab el Mandeb eine Seeschlange 
gesehen! 
Ich bin sechs Mal durch die tödliche Glut dieser fieberheißen 
Meerenge gekommen ohne je di ses Glück gehabt zu haben Aber 
immerhin freut es einen doch ehrlich und aufrichtig, wenn man zu 
Zeiten wieder etwas von diesem trauten Bekannten der Sommer- 
Redakteure, hört . . . 
Du guter Freund, ich grüße Dich 
mit dankerfülltem Blick: 
Nach sieben Jahren kehrtest Du 
auf diese Wett zurück. 
Ter Winter naht, und plötzlich bist 
Du dennoch wieder da. 
Gewöhnlich war's zur Sommerzeit 
wenn man dich staunend sah. 
Du bist es, bist der Alte noch, 
bist 20 Meter lang, 
und mit gewohnter Konsequenz 
entziehst Du Dich dem Fang. 
Tu bist es, der den Stachelkamm 
auf schlanken Rücken trägt, 
und der mit hellgeschlipptem Schwanz 
die grünen Wogen schlägt. 
Du kommst der Welt zur rechten Zeit: 
Wir brauchen wieder 'was. 
das uns erregt und uns erhebt 
in all dem Streit und Haß! 
Das uns're aufgeregte Zeit 
vertieft und neubeseelt .... 
Tu bist für uns der rechte Kerl, 
der grade noch gefehlt. 
Obwohl der Kapitän in der Berliner Presse das liebe Tier 
sehr eingehend und ausführlich beschreibt, kann ich mich des Ein 
drucks nicht erwehren, daß die Eeeschlange zur Gattung der 
Energos-Gesellschaft gehört und für die Mitgliedschaft des 
„Succeß-Club" reis ist. 
Wie weiter zu lesen steht, hat der Käpitän das Tier photo 
graphiert und er will das Bild schicken, sobald die Platte entwickelt 
ist. Die Platte wird, glaube ich, unterwegs zerbrechen. Sollte sie 
aber glücklich ankommen, dann wird sie voraussichtlich in unserer 
bekannten Zeitschrift „Nimm mich mit" veröffentlicht werden. 
Diese brachte in Ihrer Nr 9 die Nobelpreisträger im 
Bilde. Unter ihnen sieht man auch den guten Paul Rosegger. 
Rosegger wird nicht wenig erstaunt gewesen sein, als er das las. 
Vielleicht hat er auch an die Zeitschrift einen Brief gerichtet und 
um Auszahlung des Preises gebeten, der bekanntlich ein paar 
hunderttausend Mark beträgt. 
Das wäre für einen Dichter ein immerhin mitzunehmender 
Zuschuß zur Vierteljahrsmiele, die, nach ewigen Gesetzen, am 
1. Januar fällig ist. Heinrich Binder. 
Vereins-Dachrichten 
Am Montag tagen: 
Friedcnauer Gesangverein für gemischten Chor: Uebungsstunden 
V.9— Vjll Uhr im Hohenzoller», Handjcrystr. 04. Dirigent: Musik 
direktor Heinrich Weinreis. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Herrn XI. W. zur Erwiderung, daß die hiesige Ortskrankenkasse 
ebenso wie alle anderen Orlskrankenkassen in Groß-Berlin im 
„Vorwärts" inserieren, weil diese Zeitung unbedingt die von den 
Arbeitern am meisten gelesene ist. Ter große Teil der hier ver 
sicherten Arbeiter wohnt nicht in Friedenau, liest daher auch nichr 
unser Ortsblait. Auf Grund des Statuts muß sowohl im ,Frir- 
üenauer Lokalanzeiger", als auch im „Vorwärts" inseriert werden 
und die seit 10 Jahren bestehende Bestimmung hat stets die Zu 
stimmung der Aufsichtsbehörden gefunden und das dürfte Herrn 
LI. W, wohl genügen. Es werden auch nur zweimal im Jahre die 
Generalversammlung und jede 2 Iah e die Wahltermine inseriert, 
was wohl keine „Unmasse" Geld kosten kann. Ein Arbeitgeber. 
Positiv und liberal auf kirchlichem Gebiet. 
Mit diesen beiden Begriffen wird seit längerer Zeit in der 
Oeffentlichkeit so viel gearbeitet, daß cs wohl Pflicht jedes 
evangelischen Christen ist, sich über ihre Bedeutung Klarheit zu ver 
schaffen. Mir ist das trotz aller Mühe leider nicht gelungen. 
Besonders vermag ich nicht zu ergründen, warum man als Anhänger 
der einen unbedingt ein Feind der andern sein muß, wie es z. B. 
in den Vereinen der Positiven und Liberalen in der Nathanael- 
gemeinde zum Ausdruck kommt. Tenn ich kann mich von der 
Ansicht nicht freimachen, daß ein guter evangelischer Christ beides 
sein muß, positiv und liberal; positiv, indem er an dem Her 
gebrachten auf dem Gebiete der Glaubens- und Heilslehren der 
evangelischen Kirche als etwas Verehrung-würdigem festhält, es 
hütet und hegt wie einen Schatz; liberal, indem er sich soviel 
geistige Freiheit wahrt, um den Ergebnissen einer ernsten und 
gewissenhaften Forschung »ach Wahrheit Zugeständnisse zu machen, 
indem er also von dem Hergebrachten auch etwas dranzugeben 
vermag, wenn es sich im Lichte solcher Forschung als unrichtig 
oder unhaltbar erweist. Darum ist es mir z. Zt. noch unver 
ständlich, wie sich ein guter Christ nur positiv und liberal nennen 
kann und wie z. B. die Wabl eines Kirchenvertreters oder Geist 
lichen von dem unumwundenen Bekenntnis zu der einen oder 
anderen Richtung abhängig geinncht werden kann. Aber solche An 
schauungen sind ja wohl nicht mehr zeitgemäß. Denn fast überall 
heißt es: hie positiv, hie liberal. Darum unterbreite ich der 
weiteren Oeffentlichkeit die Frage: Was heißt positiv und liberal 
auf kirchlichem Gebiete, wo liegen die unüberbrückbaren Gegensätze 
in beiden Richtungen, wo ist die Grenzscheide zwischen positiv und 
liberal zu suche», die Linie, jenseits welcher ein evangelischer Christ 
anshörl, positiv zu sein und nun als liberaler bekämpft werden 
muß oder umgekehrt? Als Mitglied der Nathanaelgemeinde rechne 
ich hierbei besonders auf Belehrung durch die „Positiven" und 
„Liberalen" dieser Gemeinde, deren Widerstreit meines Erachtens 
von einschneidender Bedeutung für das ganze kirchliche Leben dort 
ist. Und in Beziehung auf diesen Widerstreit kann ich nicht umhin, 
noch folgende Fragen auszuwerfen: Braucht denn unsere evangelische 
Kirche zu ihrer gedeihlichen Entwicklung in Wirklichkeit nicht beide 
Richtungen, wie das liebe Brot? Tie positive als das erhaltende, 
wachsame, die Kirche vor Unbesonnenheiten und Sprüngen ins 
Dunkle bewahrende Element, die liberale als das im Drange nach 
Wahrheit vorwär:sstrebende, die Kirche stets neu belebende, sie vor 
Erstarrung und Versumpsung schützende Element? Mahnt ferner 
die gegenwärtige große Not unserer evangelischen Kirche nicht laut 
genug zum Zusammenschluß aller wohlgesinnten Kräfte, um dem 
Ansturm, der von allen Seiten auf sie eindringt, erfolgreich be 
gegnen zu können? Ich hoffe, daß mit der Beantwoitung der 
obigen Fragen auch diese eine befriedigende Losung finden. 
Täumich. 
Gerichtliches 
P. Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelte die Straf 
kammer gegen den Kaufmann Fritz Leidert wegen wiederholten 
Sitttichkeilsverbrechens. L. war beschuldigt, in Wilmersdorf bezw. 
Friedenau in der Zeit vom 10. August d. Js. und Ende August 
sich an Schüler und Schülerinnen ans Friedenau und Wilmers 
dorf in unsittlicher Weise vergangen zu haben und zwar in 
mindestens 6 Einzelfällen. — Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr 
Gefängnis auf Grund des belastenden Ergebnisses der Beweisauf 
nahme. — In einem zweifelhasten Falle wurde L. freigesprochen. 
Im Uebrigen lautete das Urteil gegen ihn auf 8 Monate Gefängnis. 
(:) Tie Fortnähme einer Zeitung von der Wvhnungslür hat 
schon oft zu einer schweren Bestrafung geführt. Das Landgericht III 
in Berlin hat jetzt miedcrunr einen Arbeiter, der eine von der 
Zeitungsausträgerin an der Wohnungstiir niedergelegte Zeitung 
fortgenommen hatte, rvegen Diebstahls bestraft, und zwar gleich 
mit drei Monaten Gefängnis. Leider sind auch hierorts Zeitungs 
marder keine Seltenheit. Derartige Fälle bitten wir uns zur 
Kenntnis zu bringen. 
Vermisstes 
*o Bauernregeln für den Dezember. Je dunkler es über 
Dezemberschnee war, je mehr leuchtet Segen im künftigen Jahr. — 
Wenn die Kälte in der ersten Adoentwoche kam, so hält sie zehn 
volle Wochen an. — Grüne Weihnachten, weiße Ostern. — Kalter 
Dezember mit Schnqe, gibt reichlich Korn auf Höh'. — Kalter 
Dezember und frnchtreich Jahr sind vereinigt immerdar. — Frau 
Lucia findet zu kurz den Tag, drum wird er verlängert acht 
Tage darnach. 
*o Pietro Mascagni. Er wurde am 7. Dezember 1863 in 
Livorno geboren. Seine musikalischen Studien führten ihn nach 
Mailand, wo er am dortigen Konservatorium Unterricht nahm. 
Ter Komponist Ponchielli und Saladino wurden seine Lehrer. 
Ohne besonderes Vermögen, hieß es für ihn vor allem, Brot mit 
seiner Kunst zu verdienen. Als gänzlich unbekannter junger 
Künstler beschloß er daher, sich dem Kapellmeisterberuf zu widmen. 
Er ging zum Theater und nahm Stellungen an, wie sie ihm im 
Augenblick günstig erschienen. An zahlreichen kleinen Bühnen 
waltete er als Theaterkapellmeister seines Amtes und hatte sich 
hierbei ehrlich durchzukämpfen. Er wurde später Dirigent des 
Musikoereins in Ccrignola und im Jahre 1895 Leiter des Kon 
servatoriums für Musik in Pesaro. Diese Stellung hatte er seinen 
Opernerfolgen zu verdanken, die ihn mit einem Schlage zum 
berühmten Künstler machten. Es war im Jahre 1890, als 
Mascagni bei einer von dem Mailänder Musikverlag Sonzogno 
ausgeschriebenen Opernkonkurrenz den ersten Preis für seine ein 
aktige Oper „Cavalleria rusticana" erhielt. Die erste Aufführung 
dieser Oper fand am 17. Mai 1890 in Rom mit beispiellosem 
Erfolge statt. Mascagni, dessen Name vorher niemand gekannt, 
wurde der berühmteste Opernkoniponist der danialigen Zeit, 
und sein Werk, das als das erste veristische Opernwerk zu be 
trachten ist und zahlreiche Gefolgschaft in der musikalischen Richtung 
fand, nahm den Siegeszug von Land zu Land. Der Komponist 
wurde mit Ehren überhäuft. Wo er seine Oper dirigierte, wurde 
er der Gegenstand tobender Begeisterung und hohe Dirigenten 
honorare wurden ihm von Amerika angeboten, wo er auf einer 
längeren Konzertreise goldene Lorbeeren ernten konnte. Rach der 
.Cavalleria ru»4cana" folgte als zweite Oper „Freund Fritz"; in 
Rom und Berlin 1891 aufgeführt. Sie hat nicht den großen Er 
folg seiner ersten Oper erreicht. Mascagni komponierte emsig 
weiter. Werk folgte auf Werk: „Die Rantzau" (l892), „Ratcliff" 
(1894), „Zanelto" und „Silvana" (1895), „Iris" (1898), ,l-s 
maa.-dero" (1901), „Amica" (Monte-Carlo 1905, Köln 1907) und 
„Jsabeau" als sein letztaufgeführtes Werk, sie sind das Produkt 
einer fleißig schaffenden Künstlernatur, jedoch nicht diejenigen Opern- 
werke geworden, die man nach dem ersten Opernerfolge Mascagnis 
erhofft hatte. Neun Opcrnwerke, von denen man heule so gut wie
        
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