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Periodical volume Nr. 25, 29.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

o Der Samariter- und Helferinnenkursus des 
Vaterländischen Frauen - Vereins Friedenau beginnt am 
Freitag, dem 5. Dezember, Abends S l j 2 Uhr im Gymnasium 
am Maybachplatz. 
o Die Altcrsabtcilung des Männer-Turnvcreins 
zu Friedenau hatte am Dienstag das Vergnügen, Turn 
genossen einesjanderen Vereins auf dem Turnsaal als Gäste 
begrüßen zu dürfen. Die 5. Altersabteilung der Char 
lottenburger Turngemeinde hatte cs sich nicht nehmen lassen, 
einen Besuch, den der Vorsitzende Herr Hofrat Fehler vor 
einigen Wochen bei ihnen machte, zu erwidern. Zehn alte 
Herren fanden sich auf dem Saal ein, um an dem Turnen 
teilzunehmen. Da von den Fciedenauer Turnern 37 er 
schienen waren, so entwickelte sich bald ein lebhaftes turne 
risches Treiben, das dem Zuschauer ein frisches, wechsel- 
volles Bild darbot. Nachher versammelte man sich in der 
„Kaisereiche" beim Glase Bier, wo der Vorsitzende Herr 
Fehler Gelegenheit nahm, die Gäste in einer kurzen An 
sprache zu begrüßen. Landgerichtsrat Hasselbart dankte im 
Namen der Charlottenburger Turnfreunde für die freundliche 
Aufnahme. Er wies auf die alten angenehmen Be 
ziehungen hin, die er in früheren Jahren zu der Alters 
abteilung, als deren Mitglied unterhalten hat, und die stets 
eine schöne Erinnerung für ihn sein werden. Mit dem 
Wunsche, daß die Charlottenburger Abteilung recht bald 
Veranlassung haben möge, die Friedenauer Tumgenossen in 
derselben herzlichen Weise bei sich begriißen zu können und 
einem ,,Gut Heil" auf den Verein, schloß er seine Aus 
führungen. Wechselnde Vorträge und Lieder sorgten für 
eine fröhliche Unterhaltung. Als dann noch bekannt wurde, 
daß der Kneipwart der Friedenauer Altersabteilung, Herr 
Dr. Reichle, den Professorentitel erhalten habe, erreichte die 
freudige Stimmung des Abends ihren Höhepunkt, die 
die Turngenossen noch lange an froher Tafelrunde zu 
sammenhielt. 
o Friedenauer Bürgerverein. Die nächste Mitglieder 
versammlung findet am Mittwoch, dem 10. Dezember, 
abends 9 Uhr pünktlich, im Restanrant „Kaisereiche", 
Rheinstr. 54, statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. 
Landkrankenkasse und Abonnementsvercin (Alles und Neues 
zur Dienstbotenversicherung). Aussprache über die wichtigsten 
kommunalen Tagesfragen. Gäste sind willkommen. — Da 
die Frage, welcher Kasse die Dienstherrschaften beitreteu 
sollen, immer noch nicht geklärt ist, so dürfte der Versamm 
lung ein guter Besuch beschiedeu sein. Insbesondere sind 
auch Damen, soweit sie Dienstboten beschäftigen, in dieser 
Versammlung willkommen. 
o Das Orchesterkonzert des Musikpädagogiums 
Boru-Hilgenberg, Rheinstr. 5. findet morgen, Freitag 
Abend 8 Uhr im Festsaal des Rcform-Nealgymnasiums in 
der Homuthstraße statt. Der Eintritt ist frei. Programms 
sind kostenlos in der Musikalienhandlung von Schwartz, 
Rheinstr. 60, in der Theaterkasse von Wertheim und Abends 
vor Beginn des Konzertes am Saaleingang zu haben. Es 
wird sehr um pünktliches Erscheinen gebeten. 
o Die Jungfrau von Orleans wird nun auch im 
Film in den „Hohenzollernlichtspielen" erscheinen. In zwei 
Akten wird das Leben der Jeanne d'Arc vor unseren Augen 
entrollt. Das großartige Filmwerk ist an Ort und Stelle 
der geschichtlichen Ereignisse aufgenommen worden. Ein 
Reiterroman, der ebenfalls in den „Hohenzollernlichtspielen" 
gezeigt wird, betitelt sich „Seine Carriere", in 3 Akten. 
Auch die anderen Bilder finden wieder den Beifall der Be 
sucher, ganz besonders die humoristischen Gaden. Wir 
empfehlen also wiederholt diese vornehme Lichtbildbühne. — 
Am Sonnabend findet wieder eine Jugendvvrstellung 
statt, für die das Programm besonders gewählt und von 
Pädagogen begutachtet ist. Diese Vorstellung beginnt um 
3 Uhr. 
o Der Maudoliueu- und Gitarre-Verein E. R. L., 
Dirigent Herr F. Redlinger, veranstaltete am Sonnabend, 
dem 30. November 1913 im großen Saal des Kaiser 
Wilhelm-Garten ein Konzert. Die Zahl der Besucher allein 
beivies schon, welch hohes Interesse inan der Vereinigung 
entgegenbringt. Der Saal war bis fast auf den letzten 
Platz gefüllt. Ein vom Verein flott gespielter Marsch bildete 
die Einleitung des Programms. Auch die weiteren Vor- 
tragSstnckc des Vereins deuteten auf Fleiß und Mühe hin. 
Als Sängerin zur Laute verlieh Frau Viktoria Krüger dem 
Programm eine gute Abwechselung. Leider» war die Be 
gleitung etwas schwach: die auf dem Instrument hervorge 
holten Akkorde konnten etwas kräftigeren Anschlag vertragen. 
Im übrigen erkannte rnän eine gefällige Begleitung zu 
nächtlichen Abenteuers auf dem Rhein nahm mehr und 
mehr 'den Charakter eines richtigen Romankapitels an. 
Sie wller merkte kaum noch etwas von den phantastischen 
Uebertreibungen, die ihr da gleichsam ganz von selbst in 
die Feder liefen. Und ihr Bericht war so gespickt mit 
Ausrufen wie: „Was in aller Welt sollte ich davon 
denken !" „Was würden die Leute sagen, wenn sie ahn 
ten —!" „Kannst du dir meinen Zustand vorstellen, als 
es Mitternacht wurde, ohne daß man etwas von ihnen 
gehört hätte?" „Einer Amerikanerin muß man natürlich 
zugute halten, was kein deutsches Mädchen ungestraft 
wagen dürfte", und was solcher liebenswürdigen Andeu 
tungen mehr waren, daß es jedem Leser freistand, sich 
dahinter die übelsten Dinge von dem Verlauf jener abend 
lichen Wasserfahrt vorzustellen. 
Noch nicht zufrieden mit dieser endlosen Seelen 
ergießung, schrieb sie auch noch einen umfänglichen Brief 
an den Viconne, ui» ihn vor allen weiteren unklugen und 
unüberlegten Schraten zu warnen. Sie meinte es dainit 
ja in einem gewissen Sinne wirklich gut mit ihm: denn da 
sie überzeugt war, daß seine Spekulation auf Sylvias 
Hand rettungslos fehlgeschlagen sei, hoffte sie ihn damit 
vor aller unnützen Zeitvergeudung zu bewahren und ihm 
klarzumachen, daß es höchste Zeit sei, sich nach einer an 
deren Erbin umzusehen. 
Als sie die Briefe endlich zum Kasten trug, fühlte sie 
sich i» der Tat merklich erleichtert und sah den kommen 
den Ereignisse» mit bedeutend inehr Fassung entgegen, 
als sie sie vorhin bei Sylvias überraschenden Neuigkeiten 
aufzubringen vermocht hatte. 
Hoiningen hatte seinem Vater unterdessen eine kurze 
Nachricht übersandt,, dahin lautend, daß er inorgen mit 
ihrem Gesang. Die von drei Kindern (Schülern des Herrn 
Redlinger) gespielten Stücke, erfüllten mit voller Befriedigung 
das Ohr der Zuhörer. Mit losendem Applaus i« die 
Leistung der Kinder von den Gästen begrüßt. Ferner 
brachte Herr F. Redlinger zwei Soli auf der Mandoline 
zum Vortrag. Das erste „Allegro" von S. Ranieri be 
gleitete Frl. Elsa Hankow sehr nett auf dem Klavier. Das 
zweite Solo „Andante religioso", eine Original-Komposition 
des Herrn Redlinger, wurde schon früher in Fachzeitschriften 
der Mandolinen-Musik lobend als feinfühliges gutes Werk 
besprochen. Herr Redlinger bewies gleichzeitig sein Können 
auf dem Instrument, wofür er anhaltenden Beifall erntete. 
Der Abend verlief zu voller Anerkennung der Gäste. Ein 
anschließendes Tanzkränzchen vereinigte die Mitglieder und 
Besucher bis in die frühen Morgenstunden. 
o Stuf der Treptow-Sternwarte finden folgende 
wissenschaftliche Kino-Vorträge statt: Am Sonnabend, dem 
6. Dezember, Nachm. 5 Uhr zum ersten Male: „Euro 
päische und erotische Jagden", Abends 7 Uhr: „Mit dem 
Norddeutschen Lloyd von Berlin nach Neuyork" (gehalten 
von Dir. Dr. F. S. Archenhold), am Sonntag, .dem 7. 
Dezember, Nachm. 5 Uhr: „Die Bewohnbarkeit der Welten" 
(Lichtbildervortrag von Dir. Dr. Archenhold), Abends 7 Uhr: 
„Europäische und erotische Jagden", am Montag, dem 8. 
Dezember, Abends 7 Uhr: „Scott's Reise zum Südpol und 
ein Blick ins Weltall", am Dienstag, dem 9. Dezember, 
Abends 8'/, Uhr spricht Dir. Dr. F. S. Archenhold über: 
„Unsere Erde als Planet" unter Vorführung zahlreicher 
Lichtbilder. Mit dem großen Fernrohr werden Saturn 
und Mond beobachtet. 
o Nach Veruntreuung von Mündelgeldern ist der 
Gemeindeobersekretär Faber aus Zehlendorf geflüchtet. Das 
veruntreute Geld, dessen Fehlen bis jetzt festgestellt wurde, 
gehört einem kranken Manne, der sich in einem Santorium 
befindet. Kurz nach Antritt seines Urlaubs hat Faber etwa 
46 000 M. erhoben und damit die Flucht ergriffen. Man 
vermutet, daß er nach England gegangen ist. Durch eine 
Geldsendung an seine Frau und das Ausbleiben aus seiner 
Dienststelle wurde man stutzig und kam nach einer genaueren 
Prüfung seiner Geschäfte der Veruntreuung auf die Spur. 
Amtliche Gelder sind nicht veruntreut. Der Zehlendorfer 
Gemeindevorstand hat sich nach Bremen und Bremerhaven 
begeben, um Spuren des Flüchtigen festzustellen. Faber 
bewohnte mit seiner Frau, mit der er seit neun Jahren 
verheiratet war, seit zwei Jahre eine aus drei Zimmern be 
stehende Wohnung im ersten Stock des Hauses Milinowski- 
straße 1 zu Zehlendorf. Das Ehepaar lebte sehr zurück 
gezogen und in bescheidenen Verhältnissen. Das Eheleben 
war nicht glücklich. Auffällig war den Nachbarn der starke 
Verkehr, den Faber mit seinen Mündeln unterhielt. Mau 
nimmt an, daß sich dieser nicht nur auf Amtsgcschäfte er 
streckte. Es besteht auch die Vermutung, daß er auf die 
Flucht eines seiner Mündel, das ihn besonders häufig be 
suchte, mitgenommen hat. 
o Die Verhaftung eines Bestohlenen durch die 
Schöneberger Kriminalpolizei erregt in Wilmersdorf Auf 
sehen. In der Brandenburgischen Straße 11 in Wilmers 
dorf wurde ein Einbruch in eine Villa verübt, bei dem den 
Einbrechern angeblich eine Stradivarigeige im Werte von 
50 000 M. und Schmuck im Werte von 10 000 M. in die 
Hände gefallen sein soll. Ter Wohnungsinhaber machte der 
Vecsichernngsgescllschaft von den: Diebstahl Anzeige und 
forderte die Versicherungssumme von 13 000 M. Bald nach 
dem Einbruch meldeten sich nun eine Anzahl Gläubiger 
des Bestohlenen, die Anspruch ans die Versicherungssumme 
erhoben, da der Wvhnungsinhaber bereits mehrere Male den 
Offenbarungscid geleistet habe. Die Ermittlungen ergaben 
schließlich, daß eine Anzahl der als gestohlen gemeldeten 
Gegenstände bereits längere Zeit in Lombard gegeben und 
die angebliche Stradivarigeige höchstens 1800 M. wert sei. 
Hierauf ivurde der Wohnungsinhaber, ein Kaufmann H., 
unter dein Verdacht des Erschleichens der Versicherungs- 
snmme in Haft genommen. 
o Ueberfall im Grnnewald. Vorgestern Abend gegen 
8 Uhr wurde im Grunewald in der Nähe des Luftbades 
Eichkamp der Dentist Alexander F. von einem Unbekannten 
überfallen und durch einen Schuß in die rechte Schläfe ver 
letzt. Auf der Rettungswache 2 erhielt er erste ärztliche 
Hilfe. Der Verletzte wohnte in Cyarlottenburg, Wilmers- 
dorfer Straße 407. 
o Polizeibericht. Als gefunden ist hier angemeldet 
morden: 1 Brosche. Die rechtmäßige Eigentümerin vor 
benannten Gegenstandes wird aufgefordert, ihren Anspruch 
dem Nachtzuge in Frankfurt einzutreffen beabsichtige, und 
daß er seinem Papa sehr dankbar sein würde, wenn er 
die verehrte Frau Tante für Dienstag zum Gabelfrühstück 
einlüde. Auf die Hinzufügung irgendwelcher Erklärungen 
oder Entschuldigungen haue er ganz und gar verzichtet; 
denn darüber, daß diese Erklärungen nicht in'einem Briefe, 
sondern nur mündlich gegeben werden könnten, gab es für 
ihn bei der jetzigen Lage der Dinge keinen Zweifel mehr. 
Geduldig wartete er jetzt auf irgendein Zeichen von 
Sylvia. Es schien ihm undenkbar, daß sie nicht den 
Wunsch haben sollte, von den wenigen kostbaren Stunden, 
die ihnen vor ihrer einstweiligen Trennung noch beschieden 
sein würden, möglichst viele in seiner Gesellschaft zuzu 
bringen. lind als dennoch Viertelstunde auf Viertelstunde 
verging, ohne daß ihn eine Botschaft erreicht hätte oder 
die geliebte Gestalt sichtbar geworden wäre, widerstand er 
dem Drängen seiner heißen Sehnsucht nicht länger und 
schickte ein Zimmermädchen zu ihr mit der kühnen Mel 
dung. daß er für den geplanten Spaziergang bereit sei. 
Klopfenden Herzens wartete er auf Aniwort, aber diese 
Antwort fiel leider ganz anders aus, als er es in seiner 
frohen Zuversicht gehofft hatte. 
Miß Sylvia Pendleton ließ ihm sagen, daß sie sehr 
beschäftigt sei, und daß sie darum nicht beabsichtigte, das 
Hotel beute noch einmal zu verlassen. Herr Wcstenholtz 
werde freundlichst ersucht, den Wagen pünktlich um acht 
Uhr am nächsten Morgen bereitzuhalten. 
Das war sehr niederschmetternd, und Hoiningen faßte 
den grimmigen Enlschluß, sie diese Grausamkeit zehnfach 
entgelten zu lassen, wenn sie erst seine Frau sein würde. 
Dann aber glitt ein sarkastisches Lächeln über sein Gesicht, 
als er daran dachte, dafz das hiesige ^Telegraphenamt 
binnen Jahresfrist im hiesigen Fundbüro, Feurigftr. 7, 
Ziminer 6, geltend zu machen, da foiyt anderweit darüber 
verfiigt werden wird. 
Vereins-Nackrickleii 
Anr Freitag tagen: 
Steiiographenverein „Stolze-Schrcy". '/,9 Uhr in der Gemeinde- 
Mädchenschule, Goßlerstraße. Diktatschreiben in verschiedenen Ab- 
teilungen. 
Schömberg 
— o Die Regulierung der Grunewaldstraße in Schöne 
berg betrifft eine Petition des Haus- und Grundbesitzer 
vereins an die Stadtverordnetenversammlung. — Die Keil- 
form der Grunewaldstraße ist dadurch entstanden, daß der 
damalige Fuhrherr Gläsig an der Ecke der Grunewald- und 
verlängerten Gleditschstraße (neben den Durchgang zur Dor- 
bergstraße) Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre 
ein Vorderhaus 6 Meter zu weit in die Straße hineinbaute. 
Erst als das Gebäude bis zuin zweiten Stockwerk gediehen 
war, wurde der Weiterbau inhibiert aber dann wieder ge 
stattet, weil G. nachwies, daß er tkach Zeichnung gebaut, 
die genehmigt worden war. Nach diesem Hause richteten 
sich dann alle weiteren Baupläne der Häuser auf der Süd 
seite der Grunewaldstraße. Die, beantragte Verbreiterung 
kann nur auf Kosten des Terrains des alten Botanischen 
Gartens erfolgen und müßte eigentlich auch die Häuser 
zwischen Elßholz- und Gleditschstraße treffen, wenn gleich 
mäßige Breite (allerdings mit einem Knick) geschaffen 
werden sollte. 
Zuschriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Verehrl. Redaktion! Nun erlebe ich doch noch die Freude, daß 
die Hausfrauen gegen die Dicnstbotenversicherung energisch vorgehen 
wollen. Habt Tank dafür. Ich fühle mich zu alt, um aktiv ein 
zutreten, will euch aber gern eine Stütze sein, denn in den 82 
Jahren meiner Ehe war nur einmal ein Mädchen drei Wochen im 
Krankenhaus, und ich hatte stets zwei Dienstboten. Aschenbrödel 
und Schmerzensträgerin, dies ist die richtige Bezeichnung für die 
deutsche Frau des Mittelstandes, und dazu wird viel geschrieben, 
daß sie nicht genug für die Vermehrung des Volkes sorgt. 
Widerlich ist geradezu die fortwährende Erwähnung des Schwanger 
geldes für die Dienstboten. Es ist ein Ansporn, wie mir scheint, 
daß in der Kammer nächtlicher Besuch sich einstellt, llnd wenn 
man nicht immer weiß, wes Geistes Kind der liebende Verehrer 
ist, tut dies wohl heute nichts zur Beunruhigung der Hausfrau, 
falls sie den Gatten mal Abends zu einem Erholungsstündchcn be 
gleiten möchte und ihre Lieblinge der Obhut des Mädchens 
vertraut!! Sollte trotz des Protestes das Gesetz in Kraft treten, 
dann, Frauen des Mittelstandes, wehrt euch gegen die Mutterschaft, 
damit, in der Arbeit von 'früh bis spät, nicht jede Lust am Leben 
in euch erstirbt, sondern daß ihr in ruhiger Freude, euch als Mensch 
fühlend, eurem Manne eine muntere Gefährtin sein könnt und ihm 
sparen helft, indem ihr ohne Kinder-eurem Haushalt allein vorsteht; 
denn wenn das deutsche Weib nicht in Kraft und Frische erhallen 
wird, vermag es nicht dem Vaterlande das Höchste zu geben. Für 
die Vermehrung des Volkes laßt dann unsere Dienstboten sorgen, 
denen ja so liebevoll ein ruhiges Wochenbett verheißen wird. 
Gänzlich unverständlich ist aber das Gesetz in Hinsicht der Auf- 
wartcfrauen, Frauen, die oft, nachdem sie am Ersten ihr Geld er 
halten. ohne Grund und Ursache-.am nächsten Tage fortbleiben 
und dadurch die Hausstau in die größte Verlegenheit bringen. 
Haben wir da eine Verpflichtung, unser, für die Kinder treu zu 
sammengehaltenes Geld gewissenlosen Frauen zu opfern? -llnd wie 
wird es z. B. mit meiner Aufwartung? Die Frau war am 
l. Noveniber ein Jahr bei mir, in dieser Zeit erkrankte sie einmal, 
ihr Mann ist Angestellter der Eisenbahn, sie hatte den Bahnarzt 
meines Ortes, Arznei und alles- von der Kasse frei, war also 
versorgt; soll ich sie nun noch einmal einkaufen? Tann hätte sie 
ja gar nicht mehr nötig, gcsuird zu sein, sic wäre ja dopvelt 
versorgt (die Jnvalidenniarkcn klebe ich auch), doch sie ist eine 
junge, arbeitsfreudige Frau. Dann aber alle diese Unkosten für ein 
paar Stunden Hilfe des Tages. Das sind doch alles Unmöglich 
keiten! ' Frau l>. 
Geehrter Herr Redakteur! Bei dem Streit: Hie Orlskranken- 
kasse, hie Landkrapkcnkassc, will ich es nicht unterlassen, folgendes 
zu bemerken: Es ist traurig, daß als Publikationsorgan der Orts 
krankenkasse der „Vorwärts", gcwählst ist, ein Blatt, das das bös 
artigste Hetzblatt ist, den Klasscnhaß schürt und die Autorität des 
Staates untergräbt. Unwillkürlich würde dem Blatt eine besondere 
Bedeutung gegeben auf Kosten von Blättern anderer Parteic. Wir 
haben doch hier einen großen Teil der Arbeiterbevölkerung, be 
sonders der Angestellten, die nicht Sozialdemokraten sind. Ja, es 
gibt sogar Konservative unter ihnen, und doch verlangen diese 
nicht, daß für sie ein konservatives Parteiblatt gewählt wird. 
Darum hätte man sich in diesem, Fall damit begnügen können, 
den Friedenauer Lokal-Anzeiger allein zu wählen, an diese Zeitung 
nimmt Niemand Anstoß und die Orlskrankenkasie spart eine Unmasse 
Geld. M. W. 
Gerichtliches 
(:) Von der Potsdamer Strafkammer wurde im Berufungs- 
Verfahren der Schlosser Engelhardt wegen Unterschlagung zu 50 M, 
sicherlich nicht vor acht Uhr morgens geöffnet würde, und 
um völlig sicher zu gehen, schickte er das Mädchen noch 
einmal zu Sylvia zurück mit den, Auftrag, ihr zu sagen, 
daß es doch wohl besser sein würde, schon etwas frühe" 
, ufzubrechen, da der Weg in der Tat sehr lang sei, und 
da Miß Pendleton doch selber den Wunsch geäußert habe, 
möglichst frühzeitig in Stuttgart einzutreffen. 
Einen kleinen Teil seiner Rache glaubte er schon mit 
dieser höchst perfiden Botschaft genommen zu haben. 
14. Kapitel. 
Mit einem nicht unfreundlichen, aber doch merklich 
zurückhaltenden „Guten Morgen!" war Sylvia in der 
Frühe des nächsten Tages, wirklich schon eine halbe 
Stunde vor acht, aus der Tür des Hotels getreten. Mit 
raschem Blick hatte sie sich zu ihrer Genugtuung davon 
überzeugt, daß der neue Chauffeur, der in Stuttgart an 
Westenholtz' Stelle treten sollte, wenigstens die Fahrt 
dieses letzten Tages noch nicht mitmachen würde. Und 
vielleicht war ein klein wenig Dankbarkeit in dem Lächeln 
zu lesen, das sie daraufhin Hoiningen vergönnt hatte. 
Frau von Riedberg st-'k" sich nach besten Kräften be 
müht, liebenswürdig anmutig und sorglos auszusehen. Weil 
sie aber nichts von alledem wirtlich war, bekam ihr Gesicht 
einen nichts weniger als reizvollen und gewinnenden Aus 
druck, und sie saß in ihrer Wagenecke mit einem ge» 
quälten und unnatürlichen Lächeln, das allgemach zu einer 
wahrhaft mitleidswürdigen Eriinassr wurde. 
(Foitsetzung folgt.)
        
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