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Periodical volume Nr. 96, 24.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

1. Beilage zu Nr. 281 des „Friedenauer Lokal Anzeiger". 
^Sonntag, den 30. November 1913. 
Advent. 
Von Mar garete Gutmann. 
Während noch die Weihe des Totenfestes über unsrer 
Seele liegt, während rauhe Novemberstiirme die letzten 
Fetzen der sommerlichen Kleider von den Bäumen zerren 
und die Farben der Natur in totes Grau übergehen, er 
blühet droben im Garten Gottes ein Stern von niege 
sehenem Glanz, so hell, so leuchtend, daß vor ihm alle die 
tausend und abertausend Himmelslichter erblassen und eine 
ganze Welt in seinem Lichtkreis tritt. Das ist die Fackel, 
mit der der Herr der Welt verkündet: Nüstet euch, mich zu 
empfangen; das ist die Gottesleuchte — der Weihnachts- 
ftern. lind wie durch einen Zauber durchströmt neues Leben 
die Menschheit, versinkt jedes Leid unter der Freudemyelle, 
die sich über die Welt ergießt. Wer zeigt mir das Kämmerchen, 
in das nicht ein Schein des himmlischen Lichtes gefallen 
wäre, wer das Auge, in dem sich sein Glanz nicht spiegelt? 
Tie Armen und die Reichen, die Alten, die Jungen, sie 
alle sind voll Seligkeit; die einen, weil sie geben können, 
die die andern, weil sie empfangen dürfen. 
Drinnen in der Stadt erstickt der „Weihnachtstrubel" 
fast die-innerliche Freude des Gemütes. Wohl bietet es 
ein prächtiges, ein buntes Bild, das Großstadtleben zur 
Weihnachtszeit: Die prunkenden Schaufenster, die freudig 
hastende Menge, dazwischen die schreienden Straßenverkäufer, 
die ihre knarrende und quiekende Jahrmarktware feil bieten 
und an den Straßenecken und auf den Plätzen die Weih 
nachtstannen, die nicht wissen, ob sie sich nach ihrer Wald- 
heimat sehnen oder lieber auf den bevorstehenden Christ 
baumschmuck freuen sollen. Die dünnen Kinderstimmchen, 
die ihre Hampelmänner und Wachskerzen feil bieten, ver 
schwinden fast in dem Lärm und Gewühl. O, man kann 
sich nicht satt sehen, an den ständig wechselnden Bildern, 
man wird mit fortgerissen von dem Lärmen und Treiben; 
man wird berauscht. 
Und doch, wem es einmal vergönnt war, die Zeit des 
Advents fern dem Hasten und Drängen der Großstadt, in 
der andachtsvollen Stille der Natur zu verleben, der wird 
zugeben, daß aller Glanz festlich erleuchteter Säle-'nichts ist 
gegen die schweigende Pracht mit welcher der Alabastersaal 
der Natur den Advents-Wanderer umgibt. Wie tausend und 
abertausend prachtvoll geschmückte Christbäume, so stehen die 
stolzen Hachwaldstannen im kristallenen Schmuck, mit 
dem der Winter ihre Zweige behängen hat, reich und 
schwer. Rings um dich her waltet ein Schweigen so lief 
und feierlich wie in einem Tom, wenn der letzte Beter 
hinausgegangen ist. Das Gewölbe deines Domes, das 
funkelnde Sternenfirmament ist verschleiert durch die 
dämmrige Atmosphäre. Träiimend schreitest du umher, 
bleibst manchmal stehen und lauschest dem Engelsgesang, 
der in diesem Dome schläft und dabei ist es dir, als hottest 
du gedämpfte. Münsterglocken und ferne WeihnachtLmelodien. 
—> Das ist der Wind, der durch die Bäume streicht, daß es 
klingt, wie wenn unsichtbare Hände in leise klingende Harfen 
greisen und holde Eugelsstimmen dazu singen: 
O, du Wunderzeit, 
O. du Weihnachtstraum, 
mit dem Lichtgeleit 
aus dem Slernenraum. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o „Weltreisende". In den letzten Jahren macht sich 
eine neue Form des verschleierten Bettler- und Land- 
slreichertums bemerkbar. Sogenannte „Weltreisende" wandern 
von Ort zu Ort und betteln auf den Straßen und in den 
Wirtschaften das Publikum unter dem Dorwande des Post 
kartenverkaufs und dergleichen an, indem sie gleichzeitig be 
haupten, daß sie wegen einer Wette oder aus anderen 
Gründen die Welt zu Fuß umreisen müßten. Die Post 
karten pflegen das Bild des „Weltteisenden", die Embleme 
seiner Heimat und des Weltverkehrs zu tragen. Das 
Publikum soll milde Gaben verhältnismäßig reichlich in die 
Taschen des Reisenden fließen lasten, weil es den wahren 
Charakter des Unternehmens nicht kennt. Nicht zum 
wenigsten aber trägt zur Irreführung des Publikums der 
Umstand bei. daß die „Weltreisenden' oft Bücher vorzeigen, 
in denen Polizeibehörden unter Beidrückung des Dienst 
siegels bescheinigen, daß der Buchinhaber den Amtsbezirk 
passiert habe. Diese besonders von kleineren Behörden ge 
übte Gepflogenheit ist geeignet, dem auf Ausbeutung des 
Publikums gerichteten Unternehmen den Anstrich der Reellität 
und besondere Zugkraft zu verleihen. In einem ministeriellen 
Erlaß wird daher darauf hingewiesen, daß es geboten sei, 
dem gekennzeichneten Treiben entgegenzutreten und unter 
Umständen ?eine Bestrafung wegen Bettelns oder Land 
streichens herbeizuführen. Da übrigens der Verkauf von 
Postkarten in der berührten Weise sich als Gewerbebetrieb 
im Umherziehen darstellt, so wird in denjenigen Fällen, wo 
der Tatbestand des Bettelns oder Landstreichens im Sinne 
der Vorschriften des Sttafgesetzbuchs sich nicht einwandfrei 
feststellen läßt, stets zu prüfen sein, ob nicht ein Vorgehen 
wegen Zuwiderhandlung gegen die Wandergewerbesteuer an 
gezeigt erscheint. 
o Ter konservative Verein Friedenau hielt gesteni 
Abend im Kaiser-Wilhelm-Gatten eine öffentliche Versammlung 
ab, in der der Reichstagsabgeordnete Arnstadt, Vertreter des 
Wahlkreises Mühlhausen-Langensalza, über „Deutschlands 
Zollpolitik" sprach. In mehr alS einstündigen, oft von leb 
haftem Beifall unterbrochenen Ausführungen gab der Redner, 
der selbst ein kleiner ländlicher Besitzer ist, ein Bild der 
Entwicklung der deutschen Wirtschaftspolitik seit dem Jahre 
1879. Er schildette eingehend die Wirkung des Zolltarifs 
und der Handelsverttäge auf die einzelnen Berufsstände. 
Landwirte, Gewerbetreibende, Industrielle, Beamte und 
Arbeiter. Die augenblicklichen Partciverhältmste im Reichs 
tag seien zwar nicht, besonders günstig für die Fortsetzung 
unserer augenblicklichen zollpolirischen Grundlage, indes sei 
zu hoffen, daß sich doch noch eine, wenn auch kleine, 
Mehrheit dafür finde. Das Kartell der schaffenden Stände, 
zu dem sich Landwirtschaft, Industrie und Mittelstand zu 
sammengeschlossen hätten, werde dem Hansabund, dem Bund 
der Industriellen und dem Bund der Festbesoldeten ein 
gutes Gegengewicht bieten. Es sei auch irrig, die gegen 
wärtige Teuerung auf unsere Zollpolitik zurückzuführen. 
Selbst in Freiheitsländern sei eine allgemeine Teuerung 
festzustellen, die vielfach noch viel höher sei. als in Deutsch 
land. Jedenfalls sei in Deutschland seit 1880 die Lebens 
haltung sämtlicher Schichten der Bevölkerung beträchtlich 
gestiegen trotz der allgemeinen Teuerung. Redner besprach 
dann die einzelnen Zölle auf Getreide, Futtermittel, Vieh 
und Fleisch und wies nach, daß die Einnahmen aus diesen 
Zöllen nur Vs aller Zolleinnahmen Deutschlands ausmachen 
und daß die Haupteinnahmen demnach aus den Zöllen auf 
andere, nichtlandwirtschaftliche Produkte kommen. Mehr als 
die Hälfte aller nach Deutschland kommenden Waren seien 
überhaupt zollfrei, trotzdem seien aber auch diese Produkte 
beträchtlich im Preise gestiegen. Mit dem Wunsche, daß 
der Reichstag in dem neuen Zolltarif ein gutes und brauch 
bares Instrument für den Abschluß neuer Handelsverträge 
schassen werde, schloß der Referent unter lebhaftem Beifall 
aller Zuhörer. In der Aussprache wurden noch von ver 
schiedenen Rednern ergänzende Ausführungen im zu 
stimmenden Sinne gemacht und besonders auch auf die Not 
wendigkeit der Jndustriezölle im Interesse der Arbeiter 
hingewiesen. Der Erfolg der Versammlung war, daß 
mehrere neue Mitglieder dem Verein beitraten, der nunmehr 
bereits 140 Mitglieder zählt. Wie zu Beginn der Ver 
sammlung der Vorsitzende, Geh. Rat Hoffmann, mitteilte, 
sind bei der letzten Landtagswahl über 1000 Stimmen auf 
die konservativen Wahlmänner gefallen. 
Die bunte Mocbe 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 28. November 1913. 
Vom Tango bis zur Hundesperre. — Der gefährdete Dreibund. 
— „Sie kämmt sich ihr blaues Haar." — Die Zwiebel-Hctty. — 
Harry Walken und Maximilian Harden. — Lowising von Belgien. 
— Hanne Nüte als Erzieher. — Lennor Debotini-Kuhlicke. 
Man soll dem Schicksal keinen schnöden Undank zollen. 
Madame Klio versorgt uns hinreichend mit fetten Bissen, und 
besonders der im Rollen der Zeit stehende Journalist vermag sich 
kaum zu retten vor der Fülle der Geschichte. 
Vom Tango, der im unechten Flitterglanz neuberliner Salon 
kultur den erhabenen Geist der Zeiten prediat, bis zur Hunde 
sperre, die hier allmälig zur Qual wird, müssen tiefgründige Leit 
artikel geschrieben werden! 
Ist denn vielleicht wegen des genannten Tanzes der Dreibund 
nicht in einer gewissen Gefahr? — Der Kaiser verbietet den 
Tango, während die Königin von Italien ihn heftig tanzt, um 
die zunehmende Ueppigkeit anscheinend durch argentinische Glicder- 
vcrrenkungen fortzumassiercn. 
Daß die schöne Elena Tango tanzt, braucht uns eigentlich 
kaum seelisch zu erschüttern. Als Tochter des durch die Liqidation 
der Balkan G. m. b. H. sattsam bekannten Herrn Nikita aus der 
Hammelstadt Cetinje kann sie sich das erlauben. 
Vielleicht läßt sie auch, um ganz auf der Höhe zu sein, die 
üppige Flut ihres schwarzen Haares lila, violettgrün, rubinblau 
oder kornblumenrot färben. Wer weiß! Denn diese farbige Neu 
heit der Pariser Modelaune beschäftigt augenblicklich die Herzen 
unserer lieben Frauen, und folglich haben auch die Journalisten 
Stellung zu dieser Kulturfrage zu nehmen. 
In Berlin wenigstens. 
Wenn die spitzbärtigen Pariser aber etwa glauben, daß sie 
uns in dieser Frauenfrage auch nur um eine Nasenlänge voraus 
sind, irren sie sich. 
Mit berechtigtem Stolz verkündet umständlich und gewissenhaft 
ein großes Berliner Lokalblatt, daß schon seit zwei Wochen in der 
Motzstraße und am Kurfürstendamm in verschiedenen Bars Damen 
mit violettem und blaugefärbtem Haar zu sehen sind. Sie 
mischen dort Getränke von mystischer Beschaffenheit, die der gut 
gläubige Lebejüngling dann dankbar als „Cocktail" entgegennimmt. 
Ist der edle Saft aber eine Mark teurer, heißt er „Flipp", und 
dem Jüngling wird nach dem Genuß noch schlechter. 
Also: Warum soll man undankbar sein gegen das Walten des 
Schicksals, das einem so viel farbige Neuigkeiten und neue Farben 
mit liebender^Hand auf den dunklen Lebensweg streut . . . 
Man sollte des Dankes und der Freude voll sein, wie Hetty 
Green, eine der reichsten Frauen Amerikas, die gegenwärtig in 
Paris ihren 78. Geburtstag feiert. 
Mit dieser gewiß würdigen Dame haben sich die Journalisten 
gleichfalls auseinanderzusetzen. Tenn Hetty, — Gott, wie niedlich 
für 78 Jahre. — erklärt, daß sie dem Schicksal nicht genug danken 
kann für ein Geschenk des Himmels, das ihr Leben, Vermögen und 
Gesundheit bewahrt hat: Die Zwiebel! 
Hetty erzählt, daß sie schon vor grauer Zeit, als sie noch jung 
und knusprig war, täglich so an 6 bis 19 Ziebeln zu sich ge 
nommen habe. — Angenehme Nachbarschaft! — Nach Ihrer Ansicht 
hat die Zwiebel eine bazillentötende Wirkung. Es wird nun viele 
Menschen geben, die sich jetzt mit mehreren Zentnern Zwiebeln für 
den schon hereingebrochenen Winter versorgen. Auf der andern 
Seite aber werden griesgrämige Skeptiker mit der verblüffenden 
Behauptung kommen, daß Hetty vielleicht auch ohne Zwiebelsaft 
78 Jahre alt geworden wäre. 
Vielleicht macht die alte, zwiebelselige Dame auch noch die 
neue Mode mit, und färbt ihre Haare, — sofern noch solche vor 
handen sind, — mit Zwiebelsaft zu einer prachtvoll grüngelb 
schillernden Tolle! 
Wie gesagt: Ereignisse über Ereignisse! 
Es kommt noch hinzu, daß Harry Walden, der vom Olymp 
heruntergefallene Rampen-Apollo mit dem Monokel, auf seine allen 
Tage ernst genommen werden will. Er taucht jetzt am VortragS- 
tisch auf und liest Goethe und Bischer .... 
Zu bemerken ist, oaß Waiden das Monokel während der 
Vorlesung abnimmt, was allerdings von dem zuhörenden Backfisch- 
Kollegium allgemein bedauert und als philisterhaft gescholten wird. 
— Aber daS größte Ereignis der Saison ist, daß die Vorlesung 
Harrn Waldens kaum zur Hälfte besucht war! 
Nur die unerschütterliche Garde, die postlagernd schreibenden 
Backfische, war zur Stelle. 
Soll man das als ein Wetterleuchten neuer Zeit, als ein sieg 
haftes Zeichen peinlicher Erkenntnis dankbar preisen? Hat man 
endlich genug von den widerlichen Szenen, bei denen die fette 
Hysterie des Westens die vorlesenden Helden fast in Stücke ge 
rissen hat. 
Selbst ein Vortrag Maximilian HardenS vermag in 
Groß-Berlin keinen Saal mehr zu füllen. So war es letzthin in 
der Philharmonie, als der Vielgenannte, Vielgeschmähte manche 
leere Reihe übersehen mußte. Gewiß: Ein Gefühl, wie wenn man 
der eignen Leiche die letzte Gefolgschaft leisten müßte! 
Die Gegner jauchzen: Harden ist erledigt; die Mumie Harden 
gehört der Vergangenheit. Die Getreuen aber, die diesem genialen 
Wirrkops Gefolgschaft leisten bis zum Tod, rufen erbittert Weh 
über diese verflachte Zeit, die nicht mehr reif und würdig ist, Herrn 
Harden zu verstehen und seine, von der Sella herab mit Grazie 
und Koketterie vorgettagenen Leitartikel in all ihrer Höhe und Tiefe 
zu erfassen. — 
Aber das sind ja alles Kleinigkeiten. 
Weit wichtiger sind die entzückenden Geldgeschäfte, die die 
Prinzessin Luise von Belgien in Berlin gemacht hat. Bei 
dem Prozeß gegen die Gräfin Fischler-Treuberg, die für eisgraue 
Wucherer Schlepperdienste geleistet hat, kommen Dinge zur Sprache» 
die Madame Klio mit goldenem Griffel in ihr Hauptbuch ein 
tragen sollte. 
Als der Prinzessin in Berlin der Atem ausging, suchte sie 
Geld, Geld, Geld. Die angeklagte Gräfin stellte die Bekanntschaft 
mit einem Wucherer her, der sich bereit erklärte, der Prinzessin 
200000 Mark gegen Wechsel zu geben. Es war höchste Zeit, 
denn im Hotel „Kaiserhof" war der Kredit der Prinzessin er 
schöpft, und ihr wurde mittags nur dann das Diner serviert, wenn 
sie den Betrag für die Tagespension vorher beglichen hatte! 
So wohnen Prinzessinnen im Hotel „Kaiserhof" zu Berlin. 
Die leichtsinnige Luise unterschrieb den Wechsel, aber statt deS 
Geldes bekam sie nur den Wert in — — — Büchern. 25 000 
Bücher zum Ladenpreis von 200 000 Mark! Und nicht einmal 
die Bücher bekam sie ausgeliefert. . . . Nur 10 000 Stück von 
Reuters „Hanne Nüte" wurden ihr zugesandt. 
Da saß nun die arme Prinzessin in ihren seidenen Kissen und 
wußte nicht, was sie mit dem papiernen Ueberfluß anfangen sollte. 
Ganz wie im Märchen. 
Das war ihr letztes „Geldgeschäft" in Berlin. Reuter hat, 
sie selbst bekannte, einen heilsamen Einfluß auf ihr verstocktes Herz 
ausgeübt. Im Anblick der Bücherpakete kam langsam die Erkennt 
nis über sie, von dem sündhaften Leben des goldenen Leichtsinns 
zu lassen, und mit heißem Bemühen dahin zu streben, mit dem 
jährlichen Nadelgeld von 140 000 Mark auszukommen. 
Unsereiner muß ja auch mit noch weniger wirtschaften und 
die 140 000 Mark bewahren die Prinzessin immerhin vor der 
äußersten Not. 
Man stelle sich aber nur das verblüffte Gesicht der Prinzessin 
vor, als ihr die 10 000 Hanne Nütes ausgehändigt wurden! 
Daß Tu die Nase ins Gesicht behältst, — 
Lowising, dankerfüllt ist mein Gemüte: 
Du säufst, damit Tu nicht vom Stengel fällst 
10 000 Stück von Reuters Hanne Nüte! 
Ter Wuchrer, der Dich in den Krallen hat, 
schickt Bücher statt des Geldes zum Portier her. . . 
Du fühlst: Die große Armut in der Stadt 
kommt einzig von der großen Powerteh her! 
Du sinnst und denkst: Wat fall man dorbi dauhn? 
Das blanke Gold wär Dir entschieden lieber. 
Du ärgerst Dich womöglich blau und braun, 
denn in der Fixigkeit war er Dich ziemlich über. 
Und keiner naht, der noch Erbarmen hat; 
>s zieht der Gläub'ger Chor mit Ach und Weh her . . . 
Zu peinlich ist: Tie Armut in der Stadt 
kommt einzig von der großen Powerteh her. 
Tat is nu all so, as dat Ledder is . . . 
Nimm Buch für Buch und such cs zu vertreiben. 
Lowising. wenn die Not Dein Retter ist, 
dann kannst auch Du dem Reuter dankbar bleiben. 
Wer so, wie Tu, sein Gut vergeudet hat, 
nehm sich getrost Kartoffeln zum Tiner her, — 
und er erkenn': Tie Armut in der Stadt 
kommt einzig von der großen Powerteh her. 
Allerdings ist die Powerteh in des Reiches Mitte noch immer 
zu ertragen, und hier wird mit Grazie und Takt mehr Geld ver 
schleudert, als irgendwo sonst in der Welt. Die Londoner, Pariser 
und Wiener mit ihrer überlieferten Kultur, mit ihren höheren An 
sprüchen und mit der mangelnden „Gelegenheit" sind sparsamer, — 
die Amerikaner sind klüger, kurz: In Parvenuepolis kennt man 
nicht den Wert des Geldes. 
Aus diesem Grunde zahlte man auch dem Sennor Debotini 
10 Mark für das „Wahrsagen". Die Leser werden sich erinnern, 
wie ich mich vor drei Wochen hier mit dem Gentleman beschäftigt 
habe. Wie ich bestimmt aussprach, daß solcher Herr nur in Berlin 
wirken kann, solang es noch Tag ist. 
Tie Zeit hat meiner Sehergabe Recht gegeben. Als Herr 
Debotini in die Gefilde Potsdams hinüberwechselte, um auch dorten 
Dumme zu suchen, mußte er erkennen, daß die stille, vornehme 
Stadt seinem Wirken verständnislos gegenüber stand. 
Er wurde samt seiner Freundin verhaftet und auf seinen 
Stammbaum hin geprüft. Es ergab sich, daß der sonderbare 
Spanier Debotini den erquickenden Namen Kuhlicke führt und an 
der schiffbaren Spree das elektrische Licht dieser leichtgläubigen 
Welt erblickt hat. 
Der Mann hat im Berliner Westen innerhalb einer Woche 
über 4000 Mark von Menschen eingenommen, die gern die Schleier 
der Zukunft gehoben wissen wollen, weil die der Vergangenheit 
anscheinend nicht berührt werden dürfen . . . 
Gibt es da eine Powerteh in dieser armen Stadt? 
Kaum. Wir wollen aber mit mildem Lächeln auf das Markt 
treiben schauen und mit dem großen Philosophen von Stavenhagen 
bekennen: 
Wat fall einer dorbi dauhn? Heinr. Binder. 
ZuTcbriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Landkrankenkasse — Abonnementsverein — Ortskrankenkasse. 
In der letzten Zeit ist soviel über die Krankenversicherung der 
Dienstboten, Aufwärterinnen, Portiers usw. geschrieben, daß es sich 
kaum verlohnt, noch etwas zu sagen. Und doch halte ich es für 
erforderlich, einige Punkte, die für die Allgemeinheit von Interesse 
sind, in der Oessentlichkeit zu behandeln. 
1. Am Schluffe des Leitartikels in Nr. 270 deS Friedenauer 
Lokal-Anzeigers wird gesagt, daß die Landkrankenkasse Friedenau 
die niedrigsten Versicherungsbeiträge erheben wird. Dies ist jedoch 
nicht der Fall. Es erheben z. B. für einen Dienstboten mit 
30 M. Monatslohn (die meisten Köchinnen dürsten wohl mindestens 
diesen Lohnsatz haben): Ortskrankenkasse Charlottenburg 28,08 M.» 
Ortskrankenkasse Steglitz 32,70 M, Ortskrankenkasse Schöneberg 
32,70 M., Ortskrankenkasse Neukölln 32,70 M., Landkrankenkafse 
riedenau 35.88 M. Friedenau nimmt hiernach erst die fünfte 
telle ein und steht mit dem Beitragssatz des Abonnementsoereins 
fast gleich. 
2. Mit den Befreiungsgesuchen ist es eine heikle Sache. Die 
Landkrankenkasse scheint in dieser Beziehung besonders scharf vor 
gehen zu wollen. Ich gestatte mir daraus hinzuweisen, daß gegen 
einen ablehnenden Bescheid die Beschwerde beim Versicherungsamt 
des KreiscS Teltow in Berlin zulässig ist. Zu Nachprüfungen der 
Verhältnisse von Herrschaften ist die Kasse nur in Ausnahmefällcn 
berechtigt. 
3. Daß die Herrschaften den bei den Krankenkassen gemeldeten 
Dienstboten, Aufwätterinnen, Portiers usw. den.im Gesetz vorge 
schriebenen V, Beitrag bei der Lohnzahlung in Abzug bttngen, ist 
meines Erachtens sehr gerechtfertigt. Nur glaube ich, daß viele 
unserer geehrten Hausftauen dem HauSpersonal gegenüber zu nach 
sichtig sein und! aus eigenen Mitteln den ganzen Beitrag zahlen 
werden. Bedauerlich wäre dies auch im Interesse der pekuniär 
nicht so günstig gestellten Dienstherrschaften. Die dem AbonnemenlS- 
verein angehörenden Dienstherrschaften machen sich nicht strafbar,
        
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