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Periodical volume Nr. 277, 25.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Krankenkasse haben die Dienstboten anzugehören? Die R. V. O. 
hat uns, abgesehen von einigen anderen K«ssenarten, neben der 
Ortskrankenkasse a!s neuen Vcrsichcrungstragcr die sog. Land- 
krankenkasse gebracht. Tie Errichtung beider Kasscnarlen neben 
einander bctrachret das Gesetz als das von vornherein Gegebene, 
legt es aber unter gewissen Voraussetzungen in die Hand der Gc- 
meindevcrbände, von der Errichtung der einen .oder der anderen 
Kassenart abzusehen. Die Gemeindekörperschaften Friedenaus haben 
der Errichtung beider Kassenarten zugestimmt; wir haben also in 
Friedenau nebeneinander die Allg. Ortskrankcnkassc und die Land 
krankenkasse. Der L.-K. haben alle Personen anzugehören, die zu 
den Dienstboten zu rechnen sind. Die Land-Krankenkasse ist für 
Friedenau die einzige Versichcrnngseinrichtnng für 
Dienstboten, Sie ist eine öffentliche Behörde. Ihr müssen, 
ich betone ausdrücklich das Wort „müssen", ihr müssen die Dienst 
boten angehören. Es gibt im allgemeinen für die Herrschaften 
keine Wähl zwischen dieser Kasse und irgend einem anderen 
Institut. Auch der Abonnements-Verein von Dienst- 
herrschaften für kranke Dienstboten in Groß - Berlin, mit 
dem wir uns heute Abend noch mehrfach beschäftigen müssen, 
kommt für die Versicherung der Dienstboten ohne weiteres nicht 
in Frage. Soweit liegen die Verhältnisse klar! Nun hat aber das 
Gesetz eine Befrciungsmöglichkeit geschaffen und zwar wird 
aus Antrag des Dienstherrn von der Versicherung befreit, wenn 
folgenve drei Bedingungen erfüllt sind: 
1. Dem Dienstboten muß ein Rechtsanspruch gegen den Dienst- 
herrn auf Krankenunterstützung eingeräumt werden, die den 
Leistungen der Landkrankenkasse Friedenau völlig gleich 
wertig ist. 
2. Der Dienstherr muß die volle Unterstützung aus eigenen 
Mitteln decken. 
3. Die Leistungsfähigkeit des Dienstherrn muß sicher sehr.. 
Werden diese Bedingungen erfüllt, dann steht es dem Dienst- 
herrn frei, seine Rückversicherung bei einem Prioatverein, z. B. bei 
dem erwähnten Abonnementsverein, zu suchen oder von einer Ver 
sicherung ganz abzusehen. Die Erfüllung der 3 Bedingungen ist 
aber keineswegs so einfach. Was die 1. Bedingung anbelangt, so 
muß der Rechtsanspruch des Dienstboten an seinen Dienstherrn durch 
schriftlichen Vertrag festgelegt iverden; denn dieser Rechtsanspruch 
muß gesetzlich vertretbar und der Landkrankenkasse nachweisbar sein. 
Die 2. Bedingung, der Dienstherr muß die volle Unterstützung aus 
eigenen Mitteln decken, bedarf an sich keiner Erläuterung; mir per 
sönlich will allerdings zweifelhaft erscheinen, ob dieser gesetzlichen 
Vorschrift entsprochen ist, wenn z. B. der Abonnementsverein die 
Zahlung übernimmt. Ich vcrnrute, daß diese Frage sehr bald zu 
Streitverfahren führen wird. Die Erfüllung der 3. Bedingung 
dürfte die schwierigste und für alle Teile lästigste sein. Die Land 
krankenkasse Friedenau hat die Leistungsfähigkeit der Dienst- 
herrschaften jit prüfen und muß meines Erachtens dabei mit der 
größten Vorsicht vorgehen, denn sie hat für die erkrankten Dienst 
boten einzutreten, wenn die Arbeitgeber nicht leisten. Es entstehen 
nun die großen Fragen: In welcher Weise prüft die Kasse die 
Leistungsfähigkeit und wer wird sie für leistungsfähig halten? Daß 
in allen Fällen die Steuerveranlagung als Nachweis dienen kann, 
ist ausgeschlossen. Sie gibt keineswegs immer ein umfassendes und 
zuverlässiges Bild der Verhältnisse. Es spielen dabei auch nach 
trägliche Ermäßigungs- und Befreiungsanträge eine gewisse Rolle. 
Noch viel weniger angängig ist es, sich aus bestimmte Einkommciis- 
und Vermögenssätze festzulegen, und etwa, wie es beispielsweise 
der Abonnementsverein vorschlägt, zu sagen: „Wer 4800 M. Ein 
kommen oder 60M M. Vermögen hat, ist leistungsfähig." Das 
hieße die wirtschaftliche und familiäre Vielseitigkeit unseres heutigen 
komplizierten Lebens völlig verkennen. Wer ist bei der heutigen 
Unsicherheit überhaupt dauernd leistungsfähig? Der Privatmann 
doch keineswegs imnier. Der Beamte und Lehrer, sofern sie ein 
höheres Diensteinkommen haben, bieten eine gewisse Sicherheit. 
Doch bei allen können nicht die reinen Einkommens- mrd Ver- 
mvgenSziffern allein nraßgebcnd sein. Die gesamte Lebenslage, die 
Stärke der Familie, Verpflichtungen gegen hilfsbedürftige Anver 
wandte, etwaige Schulden, auch die persönliche Lebensweise usw., 
alle diese Umstände können einen Dienstherr» so schwer belasten, 
daß er trotz eines hohen Einkommens nicht leistungsfähig ist. Das 
Oberversicherungsamt hält j. B. einen Beamten mit 6000 M. Ein 
kommen mchk unbedingt für leistungsfähig. Es hat also" gar 
keilten Sinn, wenn die Kaste sich auf eine bestimmte Einkommens- 
und Permögensgrenze festlegen ivürde, es sei denn, daß man sie 
sehr hoch normiert. Ich möchte nicht unterlassen, aus eins auf 
merksam zu machen: Der Vorstand der Landkrankenkasse entscheidet 
über die Aefreiungsantrüge; der Vorstand ist aber zu - 3 mit 
Dienstboten besetzt, die sich also ebenfalls mit den Anträgen zu 
beschäftigen haben und denen der Einblick in die Verhältnisse 
der Herrschaften nicht vorenthalten iverden darf. Sie sehen, meine 
Damen und Herren, daß die eingehende Prüfung der Leistungsfähigkeit 
für beide Teile, Dienstherrschaft und Kasse, ein ebenso unangenehmes 
wie auch durchaus notwendiges Uebel ist. licbrigcns erwächst der 
Kasse noch nebenher die Pflicht, die Verhältnisse der Herrschaften 
befreiter Dienstboten von Zeit zu Zeit nachzuprüfen, uni sich zu 
vergewissern, daß auch die Voraussetzungen für die Befreiung noch 
vorhanden sind. Die Schwierigkeiten, die die Handhabung der 
Vesreiungsvorschriften bereitet, wachsen dadurch, daß die Befreiung 
nur für die Person des einzelnen Dienstboten gilt. Beim Antritt 
eines jeden neuen Dienstboten muß der Besreinngsautrag 
iviederholt und die Erfüllung, der 8 Bedingungen nachgewiesen 
werden. Ausdrücklich hervorheben muß ich, daß die Zugehörigkeit 
zu einer privaten Versicherungsanstalt, z. V. zum Abonnements- 
Verein, nicht befreiend wirkt und für die Landkrankenkasse Frie 
denau garnicht von Bedeutung sein darf! Eine andere Anschauung 
ivürde direkt gegen das Gesetz verstoßen, welches verlangt, daß 
allein die eigene Leistungsfähigkeit des Dienstherrn ausschlaggebend 
sein soll. Meine Damen und Herren, welche Schwierigkeiten sich 
aus den Befreiungsanträgen in den meisten Fällen ergeben werden, 
wird Ihnen nach diesen Ausführungen verständlich sein. Und den 
jenigen, die vermöge ihrer brillanten Einlommcnsverhältnisse 
glauben, den Befreiungsantrag mit Erfolg stellen zu können, kann 
nichts besseres geraten werden, als sich ebenfalls der Landkrauken- 
kasse anzuschließen. Warum auch nicht? Bietet doch die Land- 
krankenkasse Friedenau den Dienstboten dieselben Unterstützungen, 
wie z. B. der Abonnementsverein, bei zum Teil wesentlich 
niedrigeren Beiträgen, bei gleicher Begucmlichkeit und unter Ver 
meidung aller durch den Befreiungsantrag geschaffenen Unbequem 
lichkeiten. Lassen Sie mich zunächst auf die Leistungen der 
Kasse eingehen: Unsere Fricdcnauer Gemeindekörpcrschaften haben 
auch hier ein weitgehendes sozialpolitisches Verständnis für die 
Bedürfnisse unserer Zeit bewiesen. Sie haben die Leistungen der 
Kasse weit über die gesetzlichen Pflichten hinaus bemessen. Ich will 
sie kurz ausführen: Die Krankcnhilfe wird bis zur Dauer von 39 
Wochen gewährt. Sie umfaßt: Freie ärztliche Behandlung, freie 
zahnärztliche Behandlung, freie Arznei und Heilmittel, Zahlung 
eines baren Krankengeldes im Falle der Arbeitsunfähigkeit, freie 
Krankenhausbehandlung, die Fürsorge für Genesende bis zur 
Dauer von 6 Wochen und die Unterbringung in Erholungsheimen 
und Hilfsmittel gegen Verunstaltungen und Verkrüppelungen, die 
nach beendetem Heilverfahren nötig sind. Das bare Krankengeld 
beträgt, wenn der Dienstbote bis zu 28 M. Monatslohn bckuinnit, 
00 Pfg. und bei höherem Lohne 1,40 M. pro Tag, auch für Sonn- 
uüd Feiertage. Die Dienstherrschaften find berechtigt, dasKraukcngeld 
vom Lohn des Dienstboten abzuziehen. Der A.-V. gewählt zwar 
auch I,b0M. Krankengeld pro Tag, cs darf aber nicht abgezogen 
werden. Somit führt die Mitgliedschaft im A.-V. zu einer ganz 
unberechtigten, vom Gesetzgeber gar nicht gewollten Bereicherung 
des Dienstboten. Die freie Krankenhausbehandlung wird gewährt, 
wenn die Kaffe oder der Arzt sie anordnen, wenn cs sich um eine 
ansteckende Krankheit handelt, oder wenn die Behandlung im Hause 
zu einer erheblichen Belästigung der Dienstherrschaft führt, oder die 
Behandlung und Verpflegung im Hause überhaupt nicht möglich 
ist. Hausbesuche der Aerzte dürfen selbstverständlich gefordert 
werden, wenn der Dienstbote nicht in dev Lage ist, den Arzt auf 
zusuchen. Es besteht bei der L.-K.' Friedenau die freie Arztwahl. 
Das heißt, dem Dienstboten steht die freie Wahl unter fast allen 
praktizierenden Aerzten Friedenaus und der Nachbarorte offen. 
.Auch Wochcuhilfe wird in iveitgehcndftek Weise auf die Dauer vvn 
8 Wochen geleistet. Sie besteht aus den Hebammendiensten, der 
ärztlichen Geburtshilfe und einem Wochengelde in Höhe des vorhin 
genannten Krankengeldes, also in Höhe von 90 Pfg. bezw. l,40 M. 
pro Tag. An Stelle des Wochengeldes kann auch Kur und Ver 
pflegung in einem Wöchnerinncnheim gewährt werden. _ Den 
Schwangeren wird bei Arbeitsunfähigkeit infolge SchwangerschgslS- 
befchwerden ein Schwangerengeld ebenfalls in Höhe des Kranken- 
geldcs gezahlt. Ferner genießen sie freie Behandlung durch Arzt 
und Hebamme. Die Wöchnerinnen, die ihre Neugeborenen stillen, 
erhalten von der 7. bis zur 12. Woche ein Stillgeld, das die Hälfte 
des Krankengeldes ausmacht. 
Ich höre lachen. Wer aber aus der Armenpraxis weiß, in 
welcher verzweifelten Lage sich oft diejenigen jungen Mädchen bis 
her befanden, die auf ihrem Lebenswege gestrauchelt sind, der wird 
die nunmehr gewährleistete Fürsorge für Mutter und Kind mit 
Freude begrüßen. An Sterbegeld gewährt schließlich die Land- 
krankenkasse zwei feste Sätze: 54 M. und 84 M., je nachdem der 
Monatslohn 28 M. übersteigt oder nicht. Sie sehen, aus diesen Aus 
führungen. daß die Leistungen ebenso hoch und z. T. noch höher 
sind als die des A.-V. Trotz dieser hohen Unterstützungen ist es 
möglich geworden, die Beiträge verhältnismäßig niedrig zu be 
messen. Sie betragen, wenn der Dienstbote bis 28 M. monatlichen > 
Barlohn, also rund 112 Taler pro Jahr erhält, für jede Woche 
48 Pfg., also jährlich 23,40 M. Erhält der Dienstbote mehr als 
28 M. nwnatlich — oder 112 Taler jährlich — dann beträgt der 
Betrag pro Woche 69 Pfg, ergibt für das Jahr 36,88 M. Ent 
lasten sie den Dienstboten vorübergehend oder arbeitet der Dienst 
bote infolge Krankheit nicht, dann sind für diese Wochen keine Bei 
träge zu zahlen, die Jahresausgabe verringert sich also. — Anders 
beim Abonnements-Verein. Dort ist ein Jahresbeitrag (nicht 
Wochenbeitrag) von 86 M. festgesetzt ohne Rücksicht aus die Höhe 
des Lohnes und den Eintritt der Arbeitsunfähigkeit. Beim 
A.-V. müssen die Beiträge vierteljährlich im voraus, bei der 
L.-K. monatlich nachträglich gezahlt werden. Bei der Land- 
krankenkasse haben außerdem die Dienstherrschaften das Recht, 
s /:! der Beiträge dem Dienstboten vom Lohn einzubehalten. 
Ob es zweckmäßig und in der Praxis durchführbar ist, von 
diesem Recht Gebrauch zu machen, läßt sich schwer beurteilen. 
Man muß sich eigentlich dafür aussprechcn, daß man allmählich 
dazu übergeht,diese- zdenDienstboteuselbst tragen zu lassen. Nachdem 
der Dienstbote die Segnungen der modernen Sozialpolitik genießt und 
das Recht hat, mit % Mehrheit über die Geschicke des Versicherungs- 
trägers zu bestimmen, muß er auch die Pflichten tragen; sonst wird 
er niemals lernen, das große Opfer, Pas Deutschland der sozialen 
Fürsorge bringt, zu verstehen und mit Ernst an diesem Werke mit 
zuarbeiten. Im Falle der Befreiung der Dienstboten von der 
Versicherungspflichk ist derselbe zu keinerlei Bcitragsleistung ver 
pflichtet. Ist der Dienstherr z. V. Mitglied des A. V.. dann muß 
er den vollen Beitrag aus eigener Tasche zahlen. Eine Verein 
barung mit dem Dienstboten dahingehend, daß er auch zu diesem 
Vereinsbeitrag beizusteuern habe, ist nicht nur ungültig, sondern 
nach der R. V. O. sogar strafbar. 
Meine Damen und Herren! Wir gelangen nun zu einem 
Gebiet, auf dem die meisten Unklarheiten im Publikum bestehen: 
Es umfaßt die Handhabung der Geschäfte der Landkrankenkasse 
Friedenau soweit sie den Verkehr der Kasse mit den Dienstherrschafken 
und den erkrankten Dienstboten betreffen. — Vorausschicken muß 
ich, daß die Versicherung, wie schon einmal bemerkt, sich auf die 
Person des Dienstboten bezieht. Mithin muß bei jedem Wechsel 
der abziehende Dienstbote namentlich abgemeldet und der neu zu 
ziehende angemeldet werden. Keineswegs ist es aber erforderlich, 
jedesmal zur Kasse zu laufen, um diese Formalität zu erfüllen. 
Vielmehr können die An- und Abmeldungen mit den polizeilichen 
Meldungen zusammen im hiesigen Einwohner-Meldeamt bewirkt 
iverden. Zu den Meldungen verpflichtet ist der Dienstherr. Die 
erstmalige Meldung zum i. 1. 14. muß der Kaste direkt eingereicht 
werden. Sie kann schon in der 2. Hälfte des Monats Dezember 
erfolgen und muß in den ersten Tagen des Januar geschehen sein. 
Es werden vorgedruckte Formulare für die Meldungen ausgegeben, 
die man unentgeltlich im Geschäftslokal der Kaste, in den meisten 
Bureaus unserer Polizei- und Gemeindeverwaltung und voraus 
sichtlich auch in den hiesigen Zeitungshäuschcn der Straßen und 
in Papierwarengeichästen erhält. Auf Wunsch werden sie auch zu 
geschickt. Tie Beiträge werden monatlich nachträglich durch den 
Kassenboten von den Dienstherrschaften abgeholt. Auch können sie 
durch eine Bank überwiesen oder durch die Post eingesandt werden. 
Nun das Verhalten in Krankheitsfällen. Doppelt hilft, wer rasch, 
hilft! In dieser Erkenntnis hat die Landkrankenkasse Friedenau 
jeden bürokratisch engherzigen Zug aus ihrer Verwaltung verbannt. 
Es ist nicht erforderlich, wegen jeder Erkrankung erst zum Kassen 
lokal gehen zu müssen, uni sich dort nach langem Warten einen 
Kranken- oder Mcdiziuschein geben oder abstempeln zu lasten. 
Jeder Dienstbote begibt sich vielmehr dierckt zu dem von ihm aus 
gewählten Arzt. Er hat nur die Kasscnlcginiation zum Arzt 
mitzubringen, die der Herrschaft seiner Zeit nach der ersten An 
meldung zugestellt worden i;t. Auch die vom Arzt verschriebenen 
Arzneien kann der Dienstbote sich ohne weiteres aus der Apotheke 
holen, wo sie ihm unentgeltlich verabfolgt werden. Muß der 
Dienstbote auf Anordnung des Arztes ein Krankenhaus aufsuchen, 
so geschieht das ohne vorherige Genehmigung der Kasse. Ter 
Arzt händigt ihm einen mit der Firnia der LandkrankenkasseFriedenau 
versehenen Aufnahmeschein aus, mit welchem ihn das bctr. Kranken 
haus anstandslos aufnimmt. Dasselbe Verfahren wird selbst 
verständlich auch bei der Geburtshilfe beachtet. In zwei Fällen 
allerdings muß die Kaste vorher benachrichtigt werden: Erstens: 
Wenn der Arzt nicht die Krankenhausaufnahme anordnet, sondern 
der Dienstherr oder der Dienstbote sie verlangt, weil die Krankheit 
ansteckend ist oder die Behandlung im Hause die Dienstherrschaft 
erheblich belästigt. In diesem Falle muß die Kasse den Aufnahme 
schein ausfertigen. Ter zweite Fall: Wenn die Krankheit den 
Dienstboten arbeitsunfähig macht und nicht Krankcnhausbehandlung 
eintritt, muß er seinen Anspruch auf das bare Krankengeld un 
mittelbar bei der Kasse geltend machen. Diese Formalität ist auch 
beim A. V. zu erfüllen, wobei zü beachten ist, daß dessen Geschäfts 
lokal fich^ in Berlin befindet. Tie Geschäftsräume der Land- 
krankenkasse Friedenau, werden, nebenbei bemerkt, hier in der 
Nicdstraße 35 eingerichtet, in unmittelbarer Nähe des Wochen- 
marltes, der Post und des zukünftigen Rathauses, liegen also 
für die Tienstherrschaften sehr bequem. Sic sehen, meine Damen 
und Herren, wie außerordentlich weitgehend und liberal die Kasse 
ihren Mitgliedern die Inanspruchnahme der Kastenleistungen er 
leichtert hat. Schwierigkeiten und unliebsame Weiterungen können 
höchstens den Herrschaften begegnen, die ihre Befreiung erwirken 
wollen und erwirkt haben. Auch durch die Mitgliedschafc im A. V. 
gehen sie den Schwierigkeiten nicht aus dem Wege. Das Gesetz 
verlangt, daß bei jedenr Personalwechsol der Befreiungsantrag 
wiederholt -werden muß. Sie haben zwar nicht das einfache Au- 
und Abmeldc-Formular auszufüllen, (was zusammen mit der poli 
zeilichen Meldung geschieht), dafür aber jcdesnial erst den Rechts 
anspruch des Dienstboten zu beurkunden, dann den Befreiungsan 
trag an die Kaste zu stellen, ihn zu begründen und unter Umständen 
sich die wiederholte Nachprüfung ihrer Verhältnisse gefallen zu lassen. 
Selbstverständlich wird und darf die Kasse dabei nicht chikanös vorgehen. 
Immerhin darf sic auch nicht die nötige Vorsicht außer acht lasten. — 
Nu» aber weiter, meine Tarnen und Herren! Wie wird cs mit 
den streitigen Ansprüchen der Mädchen? Tie Dienstboten sind 
weder berechtigt noch verpflichtet sich unmittelbar an den A. V. zu 
halten, sondern iverden und müssen wegen streitigen lluterstützuugs- 
fvrdcrungcn die Herrschaften verklagen, und zwar vor dem ordent 
lichen Gericht, und meistens auf Grund eines Armutsattcstes! Tie 
Herrschaft hat mithin die Prozeßkosten zu zahle», selbst wenn sie 
den Prozeß gewinnt! Ich habe keine Bestimmung in der Satzung 
des A. B. gefunden, die die Herrschaften in solchen Fällen deckt. 
Gehört das Dienstmädchen der Landkrankenkasse an, dann ist die 
Herrschaft aus allem Streit heraus, Als Parteien kommen nur 
die Kasse und der Dienstbote in Frage. Das Strcitverfahren spielt 
sich vor den Bersichcrungsbehörden ab und kostet nichts. 
Meine Damen und Herren! Bevor ich zum Schluß komme, 
nivcqte ich kurz auf die Versicherung der Poriicrleutc eingehen, 
da die vielen Anfragen aus - dem Hausbesitzcrkrcisc beweisen, daß 
auch darüber Zweifel bestehen. In der Einleitung sagte ich, daß 
die Portierleute nicht zu den Dienstboten gehören. Verstcherungs- 
pflichtig sind sie aber vom 1. 1. 14. ab ebenfalls, und zwar der 
der hiesigen allgemeinen Ortskrankcnkassc. Sowohl der Mann 
als auch die Frau sind zu versichern, wenn beide Portierdienste 
tun. Ist der Mann durch anderweite Arbeit bereits versichert, dann 
ist eine nochmalige Versicherung seitens des Hauswirtes nicht er- 
orderlich. Der OrtSkrankinkasse haben ferner vom 1.1. 14. 
ab anzugehören alle Personen, die ich eingangs nicht zu den Dienst 
boten und daher nicht zur LandkraNkenkaste gehörig bezeichnete. Es 
ind also bei der Orrskrankenkasse zu versichern auß?r den Portiers 
lie sogenannten Stützen, die Hausdamen. Erzieherinnen, Kinder- 
stäulein u. dergl., sofern sie nicht etwa niedere Dienste verrichten, 
was wohl in sehr vielen Stellen der Fall sein wird, ferner die 
Aufwärterinnen, Scheuerfrauen, Waschfrauen usw. und schließlich 
die Ladenmädchen, Hausdiener, Laufburschen und dergl. — Auch 
diejenigen häusliche» Dienstboten, die, wenn auch nur in 
geringstem Umfange, gewerblich oder kaufmännisch tätig sind, 
haben der Ortskranhenkaffe, nicht der Landkrankenkasse anzugehören. 
Wenn also z. B. ein Dienstmädchen, das bei einem Schlächter, 
Bäcker, Kaufmann oder Gastwirt, überhaupt bei einem Geschäfts 
mann in Stellung ist, zeitweise beim Verkauf mit hilft, oder auch 
nur den Laden zu säubern hat. dann gehört ein solcher Dienst 
bote in die Ortskrankenkafse. 
Meine Damen und Herren! Ich bin am Schluffe meines 
Referats. Ich weiß, daß ich das Thema nicht völlig erschöpft habe. 
Meine Aufgabe habe ich darin, gesucht, die Oeffentlichkeit über das 
Wesen der Landkrankenkasse Friqdenau aufzuklären und die von 
dem Ab. V. aufgestellten unrichtigen Behauptungen rein sachlich 
richtig zu stellen. In der Diskussion, die zu erwarten ist, wird 
wahrscheinlich noch manche Früge ausgeworfen werden. Ich bin 
bereit, die Fragen, soweit ich dazu in der Lage bin, zu beantworten. 
Und nun möchte ich den Wunsch aussprechen, daß meine Worte 
nickt nur aufklärend gewirkt, sondern auch Verständnis erweckt 
haben für den großen sozialen Fortschritt, den Deutschland mit der 
einheitlichen gesetzlichen Regelung der Dienstbotenversicherung gemacht 
hat. Freuen wir uns der Segnungen und seien wir bereit, die neuen 
Opfer gern zu tragen. 
Mit Bravo und Beifall wurde der Bortrag aufge 
nommen. Es schloß sich hieran eine lebhafte Aussprache, 
über die wir in der nächsten Pnmmer berichten werden. 
llokäles 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ueber die Errichtung eines Postgebäudes in 
Friedenau enthält, wie wir schon kurz berichtet haben, der 
soeben veröffentlichte Etat der Reichs-Post- und Telegraphen 
verwaltung nähere Angaben. Es wird für die Erwerbung 
des Grundstücks am Wilmersdorfer Platz von unserer Ge 
meindeverwaltung die 1. Rate von 30 500 M. gefordert. 
Bekanntlich ist unser jetziges Postamt I (Niedstraße, Ecke 
Lauterstraße) in gemietelen Räumen untergebracht. Der 
Mietsvertrag läuft bis Ende Juni 1917. Ueber diesen Zeit 
punkt hinaus kann das Postamt, dem auch die Briefbestellung 
in dem südlich der Ringbahn * gelegenen Teil von Berlin- 
Schöneberg obliegt, in den Räumen nicht belassen werden, 
da diese den stetig anwachsenden Verkehr nicht mehr aufzu 
nehmen vermögen. Dazu kommt, daß bei dem außerordent 
lichen Zuwachs an Fernsprcchanschlüssen im Bezirk des 
Fernsprechamts Wilmersdorf (Pfalzburg und Uhland: der 
Bezirk umfaßt außer Wilmersdorf mit Halensee und Frie 
denau noch Grunewald, Schntargendorf sowie einen Teil 
von Schöneberg und Dahlem) die Aufnahmefähigkeit dieses 
Amtes wahrscheinlich im Frühjahr 1918 erschöpft sein wird. 
Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, bald ein weiteres Fern 
sprechamt zu gründen, das zweckmäßig im Südwesten oder 
Süden von Wilmersdorf unterzubringen ist. Es wird des 
halb beabsichtigt, für das Postamt in Friedenau ein reichs 
eigenes Gebäude zu errichten; das auch zur Aufnahme eines 
Fernsprechamtes ausreicht. Ais Bauplatz ist das von 
der Gemeinde Friedenau angebotene, unbebaute Grundstück 
am Wilmersdorfer Platz, Ecke Schmargcndorfer Straße und 
Handjerystraße mit einer Fläche von 3052 Quadratmeter in 
Aussicht genommen. Der Kaufpreis beträgt 236 500 M., 
das sind 77,49 M. für ein 'Quadratmeter. Der Neubau 
soll im Rechnungsjahr 1915 begonnen werden. Den Grund 
erwerb gleichfalls bis 1915 zu verschieben, ist aber nicht 
zugängig, weil sich die Gemeindeverwaltung darauf nicht 
eingelassen hat; sie will sich jedoch mit einer Anzahlung 
von 36 500 M. begnügen. 
o Ueber die Beitragshvhe zur Landkrankenkasse der 
Stadt Wilmersdorf sind unrichtige Mitteilungen in die 
Oeffentlichkeit gekommen. Danach sollten die Beiträge be 
deutend billiger sein,als in'Friedenau; dem ist aber nicht 
so. Die Beiträge'betragen in Wilmersdorf: für männliche 
und weibliche Dienstboten mit freier Kost und Wohnung 
mik einem monatlichen Barlohn bis zu 36 M. 51 Pfg. für 
die Woche = 26,52 M. jährlich (Stufe III), darüber = 
75 Pfg. für die Woche --- 39 M. jährlich (Stufe IV). Ab 
holung der Beiträge durch Kassenboten monatlich, auf 
Wunsch auch in größeren Zeiträumen. Im übrigen Ein 
zahlung durch Banküberweisung oder Scheckverkehr zulässig. 
Unsere Mitteilung, daß dieLandkranlenkasse Friedenau 
die niedrigsten Sätze in ganz Großberlin erhebt, ist 
also richtig. 
o Warum wird StegM nicht Stadt? Hierzu wird 
der „Voss. Ztg." geschrieben: Steglitz hat längst ein Stud'.- 
bad, einen Stadtpark, einen städtisches Elektrizitätswerk, ja 
sogar Stadträte (?) ist aber chit seinen 83 000 Einwohnern 
immer noch das größte deutsche Don. Die Schuld daran 
hat man bisher der Regierung zugeschoben. Die neuesten 
Verhandlungen im Steglitzer Rathause haben aber gezeigt, 
daß auch die Stadtwerdungstommissiou die Sache nicht mit 
der nötigen Energie betreibt.- Sie hat kürzlich einstimmig 
den Beschluß gefaßt, vorläufig nichts zu tun! Kann man 
sich da wundern, daß auch die Regierung cs nicht eilig 
hat? Da die Gemcindxpertrctnug versagt, so ist für 
Dienstag, 25. November,'«ne öffentliche Vcrsaninilung ge 
plant, in der unter sämtlichcn politischen und kommunalen 
Vereinen des Vrles eine Aussprache über die Sladlwcrdnngs 
frage herbeigeführt werden und'wirksamere Maßnahmen ge 
troffen werden sollen. 
o Die „Bossische Zeitung" iu den Verlag von Ullstein 
übergegangen. In den letzten Wochen haben zwischen dem 
Verlag der „Voss. Ztg." und dem Verlag Ullstein u. Eo. 
Verhandlungen stattgefunden, die die Uebereignung des Ver 
lagsgeschäfts der Vossischen Zeitung zum Gegenstände hatten. 
Diese Verhandlungen sind nunmehr zum Abschluß gelangt. 
Danach wird die Firma Ullstein u. Co. ant 1. Januar 1914 
den Verlag der Vossischen Bettung übernehmen. An den
        
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