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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Totensonntag. 
Von Margarete Entmann. 
Feierliches Glockengeläute verhallt in der trüben At 
mosphäre des Novembertages! Das sind nicht die wöchent 
lichen Sonntagsglocken, die mit harmonisch abgetöntem 
Geläut den Werktag auslösen; das sind nicht die ehernen 
Zungen, die mit brausendem Jubel den Feiertag künden. 
Hörtet ihr nicht durch den feierlichen Ernst der Glocken 
stimmen eine leise Wehmut und doch auch wieder frohe 
Verheißung zittern? — Die Totensonntags-Glocken sind es, 
die so tief im Herzen wiederklingen; die Totensonntags- 
Glocken, die das große Wunder vollbringen: eine in tausend 
Atome zersplitterte Menschheit in einem einzigen Gedanken 
zu vereinen; nämlich im treuen Gedanken an die geliebten 
Verstorbenen. Das ist das Osterfest unseres Herzens, an 
dem der Stein von den Gräbern springt, denen wir den 
Staub nur weihten, und an dem uns die Erkenntnis 
kommt: Was du ewig liebst, ist ewig dein, tot nur ist, 
was vergessen ist. 
Und über der Stadt der Toten wölbt sich der graue 
Novemberhimmel. Die letzten Blätter sinken entseelt zur 
Erde nieder und die Schritte im raschelnden Laub ge 
mahnen an: Sterben — Vergehen. Die schlichten Epheu- 
kleider der Gräber sind von liebenden Händen aufgeputzt 
mit frischem Grün und bunten Blumen; ganz wie im 
Leben: Die der Armen einfach, spärlich; die der Reichen 
bunt und protzig. Aber alle mit derselben Liebe geschmückt, 
alle mit den gleichen Tränen der Sehnsucht benetzt. 
Einen kleinen Knaben sah ich an der Hand einer 
jungen Frau; er wollte um Mütterchens Kummer wissen 
und sie erzählte ihm, für sein Kindergemüt verständlich, 
von dem finstern Elternpaar: Tod und Trennung und von 
deren schönem Kinde: dem Wiedersehen; sie erzählte ihm 
vom Väterchen, der heute neben dem goldenen Thron des 
lieben Herrgotts säße, und daß sie beide einst da oben bei 
den schönen Sternen wieder mit Väterchen vereint wären. 
Die blauen Kinderaugen sahen die Mutter erstaunt an und 
der Kindermund sprach; „Aber Mütterchen, warum weinst du 
denn, wenn's Väterchen so schön hat, t)iel,v l mel schöner 
als wir?" 
Ein altes Weibchen sah ich vor einer Gräbergruppe 
knien; da lagen sie alle: der Mann, der Sohn, die Tochter. 
Ganz allein war sie zurückgeblieben, ganz einsam. Doch 
ihre Augen spiegelten keinen verzweifelten Schmerz; nein, 
vielleicht sogar eine heimliche Freude. Wie lange denn 
noch, dann ist sie vereint mit den Lieben. Der Tod er 
scheint ihr als der verklärte Glaube ihrer Kindheit, mit 
dessen Hilfe sie eine Brücke baut über den finstern Abgrund 
des Todes, hinüber zu einem schönen, sanften Ufer. 
O, ich habe noch viel gesehen, viel Schmerz, viel Er 
gebenheit und viel Aufbäumen gegen das Schicksal. Doch 
mitten in meinen Betrachtungen huben die Glocken aber 
mals zu läuten an: Weine nicht um die Toten! Singen 
wir nicht auch der Natur ihr Sterbelied und siehst du sie 
nicht im Frühling herrlich auferstehn? Und in diese hellen 
Klänge fielen schwer und feierlich die Baßglocken ein: 
O lieb, so lang du lieben kannst, 
O lieb, solang du lieben magst; 
Die Stunde kommt, die Stunde kommt, 
wo du an Gräbern stehst und klagst. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ortsgruppe Berlin-Friedenan des Deutschen 
Flottenvereins. „Westafrika im Lichte der letztjährigen 
politischen Ereignisse" lautete das Thema, über das Herr 
Withelin Kemner, Direktor der Westafrikanischen Pflanzungs 
gesellschaft Viktoria in Kamerun vor einem zahlreich erschienenen 
Publikum — der große Festsaal in der Homuthstraße war 
bis zum letzten Platz gefüllt — sprach. Die Kolonie unsrer 
westlichen Nachbarn Französisch-Guinea, jenes einst von 
Nachtigal für Deutschland besetzte, aber leider an Frankreich 
wieder abgetretene Gebiet, bildete den Beginn der inter 
essanten Schilderungen. Das überaus reiche Land ist von 
den Franzosen zu ihrer glänzendsten Kolonie ausgestaltet 
worden. Die vornehme Hauptstadt Konakry mit ihren wohl 
gepflegten Straßen und dem Gouverneurpalast, der allein 
l 1 Millionen Fr. Baukosten verschlang, geben ein Bild 
hiervon. Die Gummiausfuhr, Gummi ist der Hauptartikel 
des Landes, beträgt 13 Millionen Fr. — 1700 km Tele 
graph und eine Bahn von 600 km erschließen das Innere, 
eine vorzügliche schwarze Polizei hält die Ordnung aufrecht. 
Frankreich, dessen eigenes Heer immer mehr an Leutemangel 
leidet, geht systematisch auf Bildung einer schwarzen Armee 
aus und ist bereits jetzt in der Lage, vier schwarze Armee 
korps ins Feld stellen zu können, die nach Ansicht des 
Redners dank der soldatischen Eigenschaften des westafrika 
nischen Negers sehr ernst zu nehmen seien. Die Neger 
republik Liberia, deren operettenhafte Staats- und Militär 
einrichtungen oft die allgemeine Heiterkeit herausfordern, ist 
zwar kein glänzend geleitetes Land, immerhin für Deutsch 
land nicht unwichtig: wir sind die am Handel Liberias 
höchstbeteiligte Nation. Einen Schatz besitzt Liberia in dem 
Kruneger der Küste, der fast allen Dampfergesellschaften für 
die Tropenfahrt das nötige Heizerpersonal stellt. Das Innere 
des Landes ist beinah unerforscht. Nicht minder verlotterte 
Zustände wie in Liberia herrschen in Spanisch-Guinea; nur 
die unseren Schutzgebieten zum Teil vorgelagerten Inseln 
Fernando Po, Sao Thomö und Principv spielen eine Rolle 
im Welthandel durch ihre riesige Kakaoerzeugung. Redner 
wendet sich jetzt zu den deutschen westafrikanischen Kolonien. 
Togo, dessen brandungsreiche Küste durch die riesige Landungs 
brücke von Lome — sie wurde leider im Vorjahr durch einen 
Sturm zerstört — erschlossen wurde, ist vornehmlich Handels- 
kolonic, zugleich das deutscheste unserer Schutzgebiete: deutsch 
ist hier sogar Verkehrssprache. Ein überaus entwickelungs 
fähiges Land ist ferner Kamerun. Die Kolonie, die etwa 
die Größe Deutschlands besitzt, zerfällt in drei Zonen: die 
llrwaldzone, die bisher fast allein ausgenutzt wird; die Gras 
hochländer, in denen vornehmlich Viehzucht getrieben wird, 
und, die am wenigsten bekannten, Steppengebiete, in denen 
bei beginnender mohamcdanischcr Kultur Ackerbau und 
Viehzucht heimisch sind. Ungemein reich ist die Urwald 
zone an Kautschuk, Gummi, Palmkernöl. Die Ausfuhr 
beträgt 17 Millionen Mark, die Einfuhr 25 Millionen Mark. 
Die größte Pflanzungsgesellschaft ist die Viktoria, die binnen 
kurzem die größte Kakaopflanzung der Welt sein wird. 
Jetzt bereits beträgt die jährliche Produktion an Kakao 
1500 Tonnen, die Hälfte der Gesamterzeugung des ganzen 
Landes. Sehr interessant wird die Arbeit der Pflanzung 
vorgeführt: das Niederlegen der 60 m hohen Urwaldriesen, 
deren Verarbeiten in eigenen Sägewerken, das Kultivieren 
des Bodens, die Anlage der ersten primitiven Gebäude, die 
endlich die glänzenden Paläste der Plantagenleiter krönen. 
Ein kolonialpolitischer Ausblick, die Aufforderung, Spanisch- 
Guinea und Angola zu erwerben und zu einem großen 
deutschen Kolonialreich zu vereinigen, schloß den wahrhaft 
glänzenden, von gediegenster Sachkenntnis getragenen Vortrag. 
o Männer-Turnverein. Am Sonntag, dem 16. d.M., 
fand in Steglitz in der Turnhalle des Paulsen-Gymnasiums 
in der Arndtstraße ein Musterriegenwetturnen der Jünglinge 
der Vereine des 2. Teltower Bezirks des Havelturngaues 
statt. Die Jünglingsabteilung unseres Männer-Tnrnvereins 
beteiligte sich auch hieran mit einer Riege von sechs 
Turnern. Wie schon des öfteren in diesem an Turnfesten 
so reichen Jahre konnte die Riege auch hier einen Sieg 
erringen, und zwar war der Riege in einem heißen Kampf 
der erste Rang beschieden. Mit einer Punktzahl von 13,10 
wurde sie die beste. Nach dem Spruch des Kampfgerichts 
mar die Riege diejenige, welche mit einer Punktzahl 6 die 
größte Schwierigkeit zeigte, sodaß jeder Turner durch 
schnittlich 7,10 Punkte von 10 erreichbaren Punkten erturnte. 
Es ist dies ein für Musterriegen sehr gutes Ergebnis und 
wir können damit vollauf zufrieden sein. Vorturner der 
Riege, welche am Barren, seitlings, mit vorgelegtem Feder 
brett turnte, war H. Birfelder, Mitglieder waren G. Klose, 
R. Walter, P. Ruhnke, P. Woyciel und Br. Martins. 
Allen diesen wackeren Kämpen sei hier Dank für ihre ernste 
Arbeit ausgesprochen. 
Eine Freude war es, große Freude, daß unsere Turner wieder 
einmal einen ersten Sieg mit nach Hause nehmen konnten. Wer 
den Eifer und den Ernst, mit welchen in den wenigen Tagen, 
welche nur zum lieben zur Verfügung standen, gearbeitet wurde, 
gesehen hat, von den Turnern sowohl, wie von ihrem Abteilungs 
leiter, der wird ihnen das erreichte Ergebnis gewiß von Herzen 
gönnen, wird vielleicht auch verstehen, daß es doch eine gute Sache 
sein muß, für die sich die Turner in jeder freien Stunde hingeben, 
stets bestrebt, ihr Bestes im friedlichen Kampf um die Ehre zu 
geben. Im Winter auf dem Turnsaal, im Sommer auf dem Turn- 
platz, immer ist es derselbe frisch-fronim-frei-fröhliche Geist, der die 
Jünger Jahns zusammenruft zu ernster, Muskeln durchbildender 
Arbeit, oder zu lustigen, Herz und Lunge ersrenendcn, Geist 
erhebenden Spielen. Eine gar stattliche Zahl ist es, die sich zu 
unserer Sache bekannt und gar viele unseres Ortes sind darunter, 
aber noch viele, sehr viele stehen uns fern, welche auch Pflichten 
gegenüber ihrem Körper haben und deren Geist sich auch einmal 
gern etwas erholen müßte von der sich immer gleichbleibenden 
beruflichen Arbeit. Nicht oft genug kann man cs denen zurufen, 
immer und immer wieder muß cs ihnen vorgehalten werden, ist cs 
auch oft vergebens, einmal endlich dringt cs doch in das mit den: 
Panzer des falschen Vorurteils umschlossene Herz, das Mahnwort 
„Komnrt zum Turnen!" Es ist nie zu spät dazu, der Familien 
vater oder eingefleischte Junggeselle in reifem Alter, der Streber, 
der Lehrling,, die Schüler und Schülerinnen, ja selbst die Hausfrau 
und Jungfrau finden Anfihlüß im "Turnverein, darum,' Vater, 
komm in unsere Altersabteilung, sende uns den größten Sprößling 
sowie das Nesthäkchen, bringe uns die Gattin, alle, alle „reiht euch 
ein in unsere Kreise, kommt zum Turnen!" W. H 
o Der Plattdütsch Vereen „Waterkant" sör de west 
lichen Vörurte von Berlin veranstaltet am Dienstag, dem 
25. November im Saale des Logenrcstaurants zu Steglitz, 
Albrechtstr. 112a wiederum einen seiner beliebten Familien- 
abcnde, für den der Rezitator Herr Schroeder, Ploen ge 
wonnen ist. Plattdeutsche Landsleute und Freunde der 
plattdeutschen Sprache sind willkommen. Beginn Abends 
9 Uhr. 
o EincnmusikalischenAbend veranstaltet dasLcmm'sche 
Konservatorium am Montag, dem 8. Dezember, Abends 
7'/, Uhr in der Aula unseres Gymnasiums am Maybach 
platz. Programme, die zum Eintritt berechtigen,' sind zum 
Preise von 25 Pfg. zu haben in der Musikalienhandlung 
von Schmartz, Rheinstr. 60 sowie im Konservatorium, 
Rheinstr. 54. 
Oie bunte Sloche 
Plauderei für den „Friedcnauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 21. November 1913. 
Der 'Nobelpreis ist nicht nach Berlin gefallen!!! — Indisches, 
Allzuindischcs. — Rabindranath kommt! — Der Tango-Fimmel. — 
Die Gräfin in Moabit. — Ein nobler Kehrichthaufen. — Meyer, 
Müller, Schulze, Schmidt. 
Jetzt ist der literarische Nobelpreis auch erledigt. Es ist 
bedauerlich, daß ihn kein Berliner bekommen hat. Jedenfalls fühlen 
sich sämtliche Stammgäste vom Cafv des Westens zurückgesetzt, und 
einer ist sogar in derartige Verwirrung geraten, daß er dem Ober 
kellner 2 M. zurückgab, die er tags zuvor geliehen hatte. 
Zum mindesten hätte man erwartet, daß Harry Walde», Erich 
Müh'am, Peter Altcnberg oder Jacob EmilMcyer berücksichtigt wurden. 
Aber Rabindranath Tagore? 
Was ist das für ein Herr? Wo wohnt er? Zahlt er Stenern? 
Schreibt er für den „Sturm"? 
Ich muß zu meinem Bedauern feststellen, daß auch mir der 
Name dieses indischen Preisträgers bisher unbekannt war. 
Wohl habe ich einstens mit heißem Bemühen versucht, in die 
güldene Schatzkammer indischer Weisheit zu steigen. Habe die 
tiefsinnigen und weltbewegenden llpaniihaden gewälzt; habe von 
Müllers und Hartnianns Schriften genascht und gläubig dem hohen 
Liede zugestimmt, das Schopenhauer der indischen Religions- 
Philosophie singt. 
Selbst Böhtlingks Werke: 
llbövävßjopLlliskaä uvck 
öibLcksrsvjstzopsviskLck 
suchte ich zu verstehen, obwohl man vor dem Aussprcchcn des 
Titels immer erst einen Anlauf nehmen und drei Mal niesen mußte. 
Aber plötzlich bekam mein Herz einen Stoß. 
Es erkaltete gegen alles Indische, denn ich mußte in der 
Bibliothek ein Buch holen, das den neckischen Namen trägt: 
i1smat«ps'ck^o»t.b«rvLvs<ispLvi3bsck. 
Dieses Wort, für das der Klippschüler eine Schreibfläche von 
mindestens 75 Zentimetern nötig hätte, hat mich der indischen 
Weisheit entfremdet. 
Man weiß ja, wie sich solche Ereignifie zutragen. 
Alan sagt zuerst das Wort 10 Mal schnell hintereinander her. 
Auf diese Weise lernt man es auswendig. Dann spricht man es 
unbewußt vor sich hin und zuletzt wird man ramataparalysiert: 
auf Deutsch: verrückt. 
Damals fragte mich ein Kellner: „Was darf ich bringen?" — 
Ich sagte ihm: 
„Ramätapaniuoatharoavcdapanishad" .... 
Er trat drei Schritt zurück . . . 
„Mit Zitrone oder Essig?" 
„Mit Kommentar" 
Seit diesem Vorkommnis kümmere ich mich um nichts Indisches 
mehr, und ich werde mich hüten, etwas von Herrn Rabindranath 
Tagore zu lesen. Wer weiß: Er hat vielleicht ein Buch geschrieben, 
das den einfachen, allerdings ins Deutsche schwer zu übersetzenden 
Titel trägt: 
1'oxsegurr.hewlli kruu-t.vpvisllack 
Wer näher Hinsicht, merkt, daß dieser Name falsch geschrieben ist: 
Der Setzer hat in einem Anfall von Verzweiflung und Schüttel 
frost einfach die Buchstaben des Alphabets in bunter Reihe durch- 
cinandergeguirlt; — in der stillen und berechtigten Hoffnung, daß 
schon irgend etwas Indisches dabei herauskommen werde! 
Schon verkünden die flinken Berliner Journalisten, daß der 
indische Preisträger noch in dieser Saison an die Spree kommen 
will, um sich der „deutschen" Lesergemeinde vorzustellen. 
Natürlich! Nach Berlin! 
In die Stadt des „Mansoduhns", wie sie Heine vor sitzt bald 
100 Jahren schon genannt hat. 
Gewitzte Geschäftsleute veranstalten dann schnell einen un 
geheuren Rabindranath-Rummel im „Sport-Palast" oder in den 
Ausstellungshallen des „Zoo", und die Sache ist gemacht. 
Es ist schwer zu schildern, wie schnell hier, in der S'adt des 
Bluffs, ein Name, ein Schlagwort, ein Begriff, ein Blödsinn in 
die Menge getragen wird. 
So ging cs jetzt wieder mit dem Tango. 
Im Osten Berlins hat sich eine Zigarettenfabrik aufgetan, — 
die „Tango-Zigarettenfabrik". In der Gvltzstraße hat sich 
das alte Behrens-Theater schnell umgetauft in das „Tango- 
Theater", — in der Potsdamerstraße schillert und blinkt m dem 
kaltnebcligen Abenddunkel ein „Tango-Kino" in tausend Farben. 
Und jetzt erscheint eine Anzeige in den Berliner Blättern, die 
wörtlich lautet: 
„Tango-Pension" 
Guter, geselliger Verkehr. 
Martin-Luther-Str. 9, hpt. 
Tie Pensionsinhaberin, — cs muß schon «ine solche sein, denn 
ein Mann bringt schwerlich solchen Unsinn zusammen, hat vergessen 
zu bemerken, daß sie selber den Tango-Fimmel hat, — daß das 
Esten tangöttlich schmeckt, und daß die Zimmer in tangotischem Stil 
eingerichtet sind. Hoffentlich merkt sie bald, daß es schon wahre 
Tangorillas sein müssen, die ihre Tangoldstücke dorthin tragen. — 
Dafür leben wir ja aber in Berlin! 
In der Stadt der Gräfin Fischlcr von Treuberg, die 
augenblicklich vor den Schranken in Moabit steht. Dieser echte 
Großstadtfilm rollt Bilder ab, die eben nur in Berlin einem hohen 
Adel und freundlichen Pabliknm gezeigt werden können. 
Es ist, als ob ein Kapitel aus dem Pitaval oder aus Sues 
lüsternen Gaunerromanen aufgeschlagen würde. 
Eine schmutzige Winkelprostitnieit- steigt allmählig durch günstige 
Konjnktur zur woh habenden Fricdrichstraßcndame empor. Tann 
gelingt es ihr, in London einen verlotterten deutschen Grasen einzu- 
sangen, dem sie für die Namensheirat 25 000 Mark zahlen will; der 
sich mit ihr trauen läßt und den sie dann, geschmückt mit dem 
gräflichen Namen, um den geheischten und versprochenen Lohn prellt. 
Sie kommt a s Gräfin wieder nach Deutschland, kuppelt, trinkt, be 
trügt, stapelt hoch und in dem noblen Kehrichthaufen, der nachts unter 
greller Bogcnlampenbeleuchtung in der Gegend der Behren- und 
Jägerstraße vom Schicksal zusammengefegt imrd, spielt die „Gräfin" 
eine bedeutende Rolle. Sie hat erste Referenzen aus guten Häusern. 
Hat mittlerweile eine 17jährige Tochter, die sie gleichfalls verkuvpelt 
und endlich, durch einen kleinen Zufall, wird die ganze schmutzige 
Wäsche dieser alternden Heldin vor dem Gericht gewaschen .... 
Dem Satiriker liefert eine solche Verhandlung unschätzbaren 
Stoff. Etwa 80 Zeugen und Zeuginnen sind geladen. Alles Namen 
von Klang und meistens, leider Gottes, aus guten, adeligen Häusern. 
Auch eine Prinzessin wird vor den Richtern erscheinen. Eine richtig 
gehende Prinzessin, die bezeugen soll, daß sie sich gleichfalls mit — 
Heiratsvermittlungen beschäftigr hac. 
Kurz: Es stinkt zum Himmel . . . 
Ter Reinliche hält sich die Nase zu, aber selbst der im Ernst 
verharrende Zuschaucr muß lächeln, wenn er vernimmt, daß die 
Zeugen vielfach am Erscheinen verhindert sind . . . Ter eine weilt 
im Ausland, der andere hat Gicht, der dritte hat Arterienverkalkung, 
der vierte Gelenlaffektioncii, der fünfte hals an der Leber, — alles, 
alles schwere zum Teil wirklich vornehme Erkrankungen, wenn man 
so die ärztlichen Atteste böit, die den armen Sündern den peinlichen 
Zeugen-Gang nach Moabit ersparen sollen. 
Vielleicht beeilt sich Herr Rabindranath etwas, damit er noch 
bei Zeiten das echte Berlin kennen lernt, das sich da draußen jetzt 
so ungcschniinkt in dem hellen Lichte gerichtlicher Beweisaufnahme 
den erstaunten Blicken bietet. 
Ta kracht und poltert 'cs nur so von Grafen und Baronen. 
Selten, daß einmal ein Herr Schulze oder Lehmann, ein Müller oder 
Krause genannt wird. 
lind es sind ihrer doch so viele! — 
Man staunt, wenn man die Statistik der Namen liest. 
Es ist ein Stück Berlin, das sich darin widerspigelt. Wir 
haben hier: 
15 401 Cchnlzes, 5760 Krügers, 
10 880 Müllers, 6240 Hoffmanns, 
10 180 Schmidts, 5170 Ncumanns 
0 400 Meyers, 5090 Lehmanns. 
Die Familien Schröder, Krause und Wolf ffind in je rund 
4000 Exemplaren im Berliner Adreßbuch vertreten. Im 3. Tausend 
vewcgen sich die Fischer, Lange und Schneider. Jnr zweiten die 
Namen: Hcrinan, Killn, Franke, Werner, Voigt, Cohn, Koch und 
Scholz. Von folgenden Familien gibt es in Berlin über 1000: 
Wagner, Günther, Wegner, Heinrich, Klein, .Lorenz, Weiß, Bohl, 
Hahn Köhler, Friedrich, Seidel, König, Lenz, Engel uns Ulrich. 
Die Schulzes führen unbedingt. 'Sie werden sich sobald auch 
nicht die Krone nehmen lassen. Man wird sich aber wundern über 
die verhältnismäßig wenigen Meyers. 
Das hat seinen Grund. 
Der Schwank „Meyers", der vor zwei Jahren in Berlin 
auftauchte, und der jetzt wieder bis zum Erbarmen gespielt wird, 
hatte natürlich alle Meyers in erster Linie angelockt. 
Die meisten Meyers sind dabei an Langeweile gestorben. 
Biele aber haben auch aus Verzweiflung Lysol gefrühstückt. Ein 
Mittel, um sich dieser Welt im allgemeinen und traurigen Schwänken 
in: besonderen mit Erfolg dauernd zu entziehen. 
Hcinr. Binder. 
Je schöner desto dümmer. 
Auf einen Absatz über schöne Frauen, die unser Mitarbeiter 
H. Binder in seiner vorletzten „Bunten Woche" behandelt hatte, 
war uns das Schreiben einer Dame zugegangen, das wir dem 
Verfasser zustellten. Darauf erhalten wir und damit auch die 
liebenswürdige Einsenderin, die nachstehende Antwort: 
Sehr verehrte und gewiß sehr schöne Frau! 
In einem geharnischten „Eingesandt" an die Redaktion be 
schäftigen Sie sich niit »reinem Artikel vom 8. 11. d. I. Sie unter 
stellen mir dabei, daß ich der Sünder bin, der den Schlachtruf in 
die Welt geschleudert hat: „Je schöner, desto dümmer". Siegreifen 
zurück in die Geschichte und nennen die Frauen Ludwigs XI V. und 
Augusts des Starken „hervorragend schön". Ich habe diese Damen 
leider nicht persönlich gekannt, wohl aber weiß ich, daß der milde 
Schein der Vergangenheit sie uns heute in verklärtem Licht zeigt. 
Denken Sie nur daran, daß Schillers Laura herzlich schlecht Klavier 
gespielt hat, daß Egmonts Klärchen sogar geschielt hat, und daß 
die bekannte Maria Stuart mit sehr vielen Pickeln und Sommer 
sprossen besäet war. Und dann sehen Sie sich die Idealbilder an, 
die man sich von den Damen heute macht. Daß cs unter den 
schönen Menschen auch kluge und überragend bedeutende Menschen 
gibt, ist selbstverständlich. Sehen Sie sich nur den größten aller 
Deutschen an, besten ebenmäßige Hülle am 22. März 1832 in der 
Fürstengruft in Weimar beigesetzt worden ist.
        
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