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Periodical volume Nr. 275, 23.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friedenauer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und öiirgerliche 
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Rheinslr. 15, 1,50 M. vierteljährlich ^ durch Jtdtn sßittwoch: 
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Post bezogen I,!.2 M. cinschl. Bestellgeld. 
Erscheint täglich abends. 
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fernlprecber: Tlrnt plLlzburq '2129. 
Zeitung.) 
Organ für den Kriedenauer Ortsteil non Zchonederg und 
Oe^irksverein Züdmest. 
B e i L a 0 e n 
■Jeden Sonntag: 
Blätter für deutsche grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: Rbeinstr. 15. 
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lir 275. 
Zum CotenfeTt. 
Scbwancnlicd eines Christen. 
Wenn ihr mich einst als stillen Mann 
Auf hartem Schrein hinstrecket. 
Dann hebt nicht lautes Klagen an, 
Das ans dem Schlaf niich wecket. 
Tut, wies es leis die Mutter tut, 
Wenn ihr das Kind im Schoße ruht, 
Von Liebe zugedecket. — 
Singt meinem Leib ein Schlummerlied 
Für müde Gotteskinder, — 
Wo eine Seel' in Frieden schied, 
Wird's Weh dein Herzen linder; 
Des Glaubens Trost heißt: Wiedersehn. 
Wo die Erlösten herrlich geh'n 
Im Schmuck der Ueberwinder. 
Den Palmenzweig. die Vlumen auch, 
Die weißen und die roten, 
Was sonst noch wird nach frommem Brauch 
Als letzter Gruß geboten. 
Bcingls oder nicht, ich red nicht drein, 
Der Lebende hals Ja und Nein, 
Was kümmert das die Toten? — 
Die. Blüte welkt, dürr wird das Laub, 
Jst's wert, den Kranz zu binden? 
Der Leib zerfällt in Asch' und Staub, 
Nachruf verweht in Winden, 
Das Herz, auch wenn es ehrlich weint, 
Lacht wieder, wenn die Sonne scheint, 
Wenn dunkle Sorgen schwinden. 
Das ist des Lebens heilges Recht 
Drum soll's der Tod nicht neiden, 
Gott will kein jammerndes Geschlecht 
An Grabeshügel» iveiden, 
Wer das nur hat, ivas drin verwest, 
Der feiert nie ein Totenfest". — 
Hört, was ich null beim Scheiden: 
Das Kreuz pflanzt auf als Siegspanier 
Zu Häupten meinem Hügel 
Ein festes Bibelwort schreibt mir 
Darauf als Gottes Siegel, 
Daß er zur Fahrt ins Heimatland 
Aus eines Engels weißer Hand 
Gab meiner Seele Flügel. 
Sie schwang sich auf ans Sicht und Bann 
Des über kurz Zerstäubten 
Zum Fluge, dem das „himmelan" 
Nicht Furcht, nicht Zweifel raubten, _ 
Vom Kampfplatz zu den Friedensau'n 
Durch Nacht zum Licht, ins sel'ge Schau'n 
Des unverriickt Geglaubten. — 
Nerlin-Kriedenau, Sonntag, den 23. Mvernöer 1913. 
20. Iayrg. 
Noch zittert durch mein Schmanenlied 
Erdleid mit dunklem Tone, 
Bis es auf güldnen Schwingen zieht 
Zum Fest an Gottes Throne, 
Da singt es mit im höherrr Chor 
Und aus dem Jubel steigt empor 
Des ew'gen Lebens Krone. 
Horts! die ihr Seligkeit als Tand 
Verweist vom Markt der Weisen, 
Den Himmel nennt das Märchenland, 
Dahin die Träumer reisen. 
Ein Trutzlied euch! nach Sängerbrauch, 
Will mit des Odems letzten Hauch 
Das Los der Christen preisen! Görnandt. 
vepescken 
Letzte Uadiricht«« 
Berlin. In einer Sonderausgabe der Norddeutschen 
Allgemeinen Zeitung wird heute ein Ueberblick über den 
Reichsetat für 1014 veröffentlicht. Der ordentliche Etat 
balanziert in Einnahme und Ausgabe mit 3 403 011071 
Mark, das ist gegen die Summe des Vorjahres einschl. des 
Nachtragsetats ein Weniger von 174 387 014 M. Die 
Reichsschuld kann iin Rechnungsjahr 1914 einen Höchststand 
von rund 5200 Millionen erreichen. — Beim Etat der 
Reichspost werden Mittel für verschiedene Grundstücksankäufe 
in Großberlin gefordert, u. a. auch fiir das in Berlin- 
Friedenau am Wilmersdorfer Platz zu errichtende Post 
gebäude. 
Straßburg i. E. In Zabern sind gestern der Feld 
webel Vaillet.und neun Soldaten in Untersuchungshaft ge 
nommen worden. Die Verhafteten sind lauter Elsässer. 
Marseille. Der Postdampfer' „La Plata" bemerkte 
gestern auf der Fahrt von Gibraltar nach Marseille in der 
Nähe von Kap Creus einen deutschen Dreimaster, „Maria 
Alfred", der die Notsignale gehißt hatte. Die „La Plata" 
sandte ein Rettungsboot an Bord des Dreimasters. Der 
Kapitän des Schiffes erklärte, daß ihn das schlechte Wetter 
gezwungen hätte, 16 Tage das Mittelmeer zu kreuzen. Der 
Proviant des Schiffes sei völlig erschöpft und Mannschaft 
und Offiziere hätten seit drei Tagen nichts gegessen. Der 
Kapitän der „La Plata" ließ nun die nötigen Lebensmittel 
an Bord des Dreimasters schassen. 
Messina. Der Panzerkreuzer „San Giorgio" ist bei 
der Ausfahrt aus der Straße von Messina nach Neapel zu 
an der Küste von Santa Agata bei Messina auf Grund 
geraten. Die in der Nähe befindlichen Kriegsschiffe sind 
zur Hilfe herbeigerufen worden. Der Kreuzer hat sich aiif 
die linke Seile gelegt. 
London. Die Times meldet aus Meriko vom 21. 
d. M.: Die Eröffnung des Kongresses durch General Huerta 
entfachte einen Enthusiasmus, wie er seit den Tagen, als 
Porfirio Diaz auf der Höhe seiner Macht stand, nicht vor' 
gekommen ist. Beim Betreten des Hauses wurde der 
Präsident mit einer außerordentlichen Ovation empfangen. 
Die Abgeordneten begrüßten ihn als den Erhalter der 
Integrität der mexikanischen Nation. 
London. In Kalkutta ist gestern ein Anschlag auf 
das Leben des Vizekönigs von Indien entdeckt worden. Eine 
Abteilung Detektivs und Polizeibeamte nahm in einem 
Hause in Redscha unerwartete Haussuchung vor. Die Be 
amten beschlagnahmten eine umfangreiche Korrespondenz, 
aus der hervorgeht, daß die Verschwörer beabsichtigten, den 
Vizekönig bei seiner bevorstehenden Ankunft in Kalkutta zu 
ermorden. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o 25 Jahre Hans- und Grundbesitzer-Verein! Der 
23. November ist der Gründungstag unseres „Haus- und 
Grundbesitzervereins". An diesem Tage wurde vor nun 
mehr 25 Jahren, im Dceikaiserjahr 1888, der Verein aus 
der Taufe gehoben. Da das morgige Totenfest sich nicht 
gut zu einer fröhlichen Feier eignet, so hat der Vorstand 
des Vereins die Jubelfeier acht Tage später gelegt. Sie 
wird am Sonnabend, dem 29. November, in der Aula des 
Neformrealgynmasiums durch Festessen und Ball stattfinden. 
Ueber die Gründung des Vereins sei hier einiges aus der 
„Chronik", die am Festtage den Mitgliedern zugehen wird, 
mitgeteilt. Die öffentlichen Angelegenheiten wurden vor 
der Gründung des Grundbesitzervereins durch die 7,Freie 
Vereinigung" (Vorsitzender mar der noch heute in unserem 
Ort ansässige Oberlehrer Prof. Dr. Frölich) gepflegt. Aber 
da die „Freie Vereinigung" bei der Aufnahme neuer Mit 
glieder sehr wählerisch war, gelang es ihr nicht, eine größere 
Mitgliederzahl zu gewinnen. Sie konnte daher ein Mittel 
punkt für die Besprechung aller wichtigen Gemeindeange 
legenheiten nicht werden. Der Mangel eines solchen Mittel 
punktes wurde umsomehr empfunden, als der im raschen 
Aufblühen begriffene Orte sich oftnials Anforderungen und 
Aufgaben gegenübergestellt sah, die einer schnellen Lösung 
und tatkräftiger Mitarbeit der Bewohnerschaft bedurften. 
Deshalb war in der „Freien Vereinigung" selbst mehrfach 
der Gedanke aufgetaucht, einen neuen Verein zu gründen, 
der mit größerer Wirkung und auf breiter Grundlage den 
gesteckten Zielen zustreben konnte. Es bildete sich daher ein 
„Komitee" aus den Herren Büsing, Culp. Dill, Eggers, 
Fellmann. Frölich, Hasselbach. Küttner, Lefövre, Neitzel, 
Neumann. Schadwill, Stolze und Wille. Diese Herren 
kamen überein, einen Haus- und Grundbesitzerverein 
zu begründen, dem außer Friedenauer Grundbesitzer auch 
Grundbesitzer der angrenzenden Gebiete von Schöneberg und 
Steglitz angehören könnten. Es erging nun an alle 
Friedenauer Grundbesitzer die Einladung zu einer öffent 
lichen Versammlung, die am 23. November 1888 im 
„Friedenauer Casino", Nheinstr. 5. stattfand. Sämtliche 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
„g (Nachdruck verboten.) 
Wir müssen es auf den Versuch ankommen lassen. 
Wir sind, wie ich sehe, in einer mit sehr hohem Gras be 
wachsenen Wiese gelandet. Wenn w.r sie uberschre.ten, 
werden alle meine Bemühungen, Ihr Kleid trocken zu 
halten, wohl ziemlich umsonst gewesen sein. Denn nach 
dem schönen Tage ist das Gras sicherlich naß vom Abend 
tau. Das beste wird sein, wenn nur hart am Ufer met er 
gehen. bis wir etwas von einem Wege entdecken. Wollen 
Sie mir Ihre Hand reichen. Miß Pendleton. 
„Das wird kaum möglich sein, denn ich brauche alle 
beide um mein Kleid aufzunehmen. Aber, wenn S.e 
glauben, daß ich einer Stütze bedarf, so stutzen S.e memen 
2Ini Sie natürliche Unbefangenheit, mit der sie das sagte, 
nnhm ihrem Zugeständnis sofort alles Verfängliche und für 
ste Peinüche" Sie sprachen kein Wort mehr bis sie glücklich 
ehren schmalen Fußpfad erreicht ha ten. der zunächst an 
einem Gehölz entlang führte, um dann m einem richtigen 
2Beac zu enden, breit genug, daß zwei Personen auch in 
ckemlicher Entfernung voneinander auf ihm hatten gehen 
können Wenn Hoiningen den Arm trotzdem nicht fre,- 
aab und wenn Sylvia nichts dagegen einwandte, so „rügte 
sie diese Führung^doch wohl als nicht gerade unangenehm 
empfinden. frf i merte ihnen entgegen. Es kam aus 
S *'isin ’sÄ 1 "Äwen dinier dem Fenster, und -Ine »er. 
n-chi:ch,-,.nd-r Z-» wird stier 
nicht mehr aufgemacht." 
„Ich habe auch nur eine Frag?. Wo geht der Weg 
nach Königsruh und nach de.» „Bellevue Hotel" a»r Flusse ?" 
„Dann müssen Sie ans andere liier," klang es aus 
dem jetzt um ei,re Handbreit geöffneten Fenst r. „Um die 
nächste Brücke zu erreichen, müßten Sie fast eine Stunde 
zurückgehen. Aber zwan-ig Minuten stromaufwärts ist 
eine Fähre. Wenn Sie Glück haben, liegt das Boot auf 
unserer Eeite. Im anderen Fall müssen Sie eben sehen, 
wie Sie hinüberkonrmen. Denn der Ferge ist jetzt natürlich 
nicht mehr da." 
Damit wurde das Fenster wieder geschlossen, und die 
beiden Wanderer sahen ein, daß sie hier auf irgendwelchen 
Beistand oder auch nur auf weitere Auskünfte nicht zu 
rechnen hatten. 
„Eine erfreuliche Aussicht!" konnte Hoiningen sieh 
nicht enthalten zu bemerken. Und auch Sylvia schien 
etwas besorgt. 
„Ich für meine Person würde mir ja nicht viel daraus 
machen, wenn das Boot nicht da ist," sagte sie, während 
sie weitergingen. Das Fatale ist eben nur, daß Frau 
von Riedberg auf mich wartet." 
Es war ein merkwürdiger Unterschied zwischen ihrem 
heutigen Benehmen und ihrem Verhalten während des 
von dem Vicomte de Marigny herbeigeführten Abenteuers 
auf dem Wege nach Bruchsal. Und Hoiningen empfand 
diesen Unterschied niit dem innigsten Vergnügen. 
„Auch das sollten Sie sich nicht allzusehr zu Herzen 
nehmen," lachte er. „Bei Leut,n von der Art der Ba 
ronin findet sich immer ein Mittel, ihre Erregungen zu 
besänftigen." 
Der Sarkasmus in seinen Worten war so unverkenn 
bar, daß Sylvia sich's nicht versagen konnte, zu fragen: 
„Warum sind Sie so schlecht auf die Baronin zu 
sprechen, Herr Westenholtz?" 
„Das ist eines von jenen Dingen, über die ich mich 
Ihnen erst zu einer späteren Zeit erklären möchte. Miß 
Pendleton." 
„toie ist abscheulich gegen Sie gewesen, ich weiß es 
wohl; aber " 
„Oh, ihr Benehme i gegen mich habe ich ihr längst 
verziehen, und wenn mich niht alles tauscht, b.n ich ihr 
sogar mehr Dank schulcig, als ich je in meinem Leben 
werde abtragen können." 
Das war nun ivieder eine Anspielung, für die Sylvia 
unmöglich Verständnis haben konnte; aber sie hatte ent 
weder kein Inter sse daran, sich Aufklärung zu verschaffen 
oder sie wurde durch irgend etwas anderes abgehalten, 
weitere Fragen zu stellen. Nach einem geraumen Srhweigeil 
erst nahm sie wieder das Wort: 
„Was werden wir also beginnen, wenn sich das un- 
g'ückjelige Fährboot drüben am anderen Flußuser be 
findet?" 
Hoiningen fühlte sich verpflichtet, aufs neue ihren Arm 
zu nehmen, denn der Weg führte abermals durch ein Ge- 
hölz und war deshalb wirllich dunkel genug, uin solche 
Fürsorge zu rechtfertigen. 
„Das beste ist, wenn wir uns darüber vorläufig gar 
keine Gedanken machen," meinte er. „Es gibt ja so viele 
andere und interessantere Dinge, über die man sich auf 
einem Spaziergange unterhalten kann. Zum Beispiel, 
wenn Sie mir etwas von Ihren vielen Reisen erzählen 
würden. Miß Pendleton. Vorhin auf dem Wasser war 
ich es, der die Kosten de.r Unterhaltung tast ganz allein be- 
streiien mußte. Wenn Sie gerecht sein wollen, inüssen 
Sie anerkennen, daß es jetzt an Ihnen ist, sich zu revan- 
chieren. Sie sind in Ihren jungen Jahren schon so viel 
in der Welt herunigekonunen. Lagen Eie mir also: wo 
hat es Ihnen am besten gefallen?" 
Und die Tochter des amerikanischen Krösus gab ihm 
so bereitwillig Auskunft auf seine Frage, wie wenn es 
die natürlichste Sache von der Welt wäre, daß sie sich mit 
einem Chauffeur über ihre tiefsten und schönsten Reise- 
eindrücke unterhielt. Nach wenigen Minuten schon waren 
sie mitten in einem so lebhaften Geplauder, daß tzylviZ
        
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