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Periodical volume Nr. 274, 21.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Gemeindevorstehers über die zwangsweise Beitreibung 
der Stenern zn sprechen. Es sei doch allgemein üblich, 
das; zunächst eine Mahnung erfolge. Wenn davon abge 
wichen werden sollte, so stelle dies ein Novum dar. Bürger 
meister Walger antwortet, daß von einer Aufhebung der 
Mahnung keine Rede sein könne. Das Mahnverfahren 
könne er garnicht ausschalten, da es gesetzlich festgesetzt sei. Aber 
das Mahnverfahren liege eben in der zwangsweisen Beitreibung. 
Wenn das mißverstanden wurde, so bedauere er das. Was aber 
die Sache selbst betreffe, so gingen die Steuern außer 
ordentlich schlecht ein. Das gleiche sei mit den Schul 
geldern der Fall, die seien überhaupt nicht mehr ein-, 
zutreiben. Darum mußte er einmal darauf hinweisen. 
Es bestehe eine Sorglosigkeit bei den Steuerzahlern, die 
garnicht daran denken, daß die Gemeinde auch Ver 
pflichtungen habe. Es handele sich nicht nur um Gemeinde 
steuern, es handele sich auch um Staatsstcuern, die er zur 
bestimmten Zeit auf den Tisch des Hauses legen müsse. 
Durch die Säumigkeit der Steuerzahler war es schon ein 
mal soweit gekommen, daß der Kreis hier eine Zwangs 
vollstreckung vornehmen wollte. Die Behörde lasse man 
gewöhnlich warten; man zahle überall, nur bei der Behörde 
nicht. Da denkt man: Die Behörde kann warten. 
G.-V. Richter stellt darauf eine weitere Anfrage: Er 
glaube, daß in unseren Volksschulen zu viel geprügelt 
werde (G.-V. Kunow: Das schadet garnichts). Besonders 
um einen Fall handelt es sich hier, wo in der Schule in 
der Rheingaustraße ein Kind dermaßen geschlagen wurde, daß 
sich bei ihm Veitstanz einstellte. Es sei ja allgemein 
bekannt, daß in unseren Volksschulen sehr viel geschlagen 
werde, aber dieser eine Fall habe sogar Auftiahme in die 
Zeitung gefunden. Bürgermeister Walger envidert, ihm 
sei nicht bekannt, daß in unsern Schulen soviel geschlagen 
werde. Er glaube auch nicht, daß unsere Lehrer schlag 
fertiger wären, als in anderen Gemeinden. Nach der 
Zusammensetzung unserer Einivohnerschaft kann man doch 
annehmen, daß hier auch ein besseres Schülcrmaterial vor 
handen wäre und unsere Schiller gutartiger' seien als in 
anderen Gemeinden, beispielsweise im Norden oder Osten 
Berlins. Er habe wohl manchmal anonyme Beschwerden 
erhalten, die sich nachher aber stets als unrichtig heraus 
stellten. Er werde die Angelegenheit in der Schuldepntation 
untersuchen lassen. Schöffe Bache erklärt, daß er wohl von 
dem angeführten Fall gehört habe, darüber selbst aber 
nichts wisse. 
G.-V. Richter weist dann auf deu früher gefaßten 
Beschluß hin, daß in der Aula des Reformrealgymnasiums 
Tanzvergnügungen nicht stattfinden sollen. Nun habe der 
Vorstand wiederum zwei Tanzvergnüguugen genehmigt. 
Bürgermeister Walger antwortet, daß der Gemeindevor 
stand die Erlaubnis zur Benutzung der Aula nicht erteilen 
könne. Darüber habe einzig und allein das Kuratorium 
der höheren Schulen zu verfügen. Er glaube aber Auskunft 
geben zu können. Man habe s. Z. beschlossen, die Aula 
nicht für Tanzvergnügungen herzugeben, damit die Saal- 
besitzer nicht geschädigt werden. Nun ist aber der einzige 
inbetracht kommende Saal verkintoppt worden, sodaß die 
Vereine nach ausipärts gehen müssen. Und da sagte sich 
das Kuratorium, daß es wohl berechtigt märe, auch mal 
für eine fröhliche Veranstaltung die Aula herzugeben, ins 
besondere es auch erwünscht sei, daß derartige Veranstaltungen 
im Orte stattfinden. G.-V. Richter meint, es wäre doch 
auch noch der Kaiser-Wilhelm-Garten da. Bürgermeister 
Walger erklärt, daß dieser Saal für die betr. Veran 
staltungen viel zu klein sei. G.-V. Kunow bemerkt, daß 
der damalige Beschluß gefaßt worden sei, weil man eine 
Schulaula für zu würdig für derartige Veranstaltungen 
erachtete. Er habe gehört, daß schon einmal in der Aula 
getanzt wurde, das Linoleum sei doch nicht der geeignete 
Boden znm Tanzen. Getanzt soll nur in der Turnhalle 
werden. Bürgermeister Walger erwidert, er wüßte nicht, 
daß schon einmal in der Aula getanzt wurde. Jedenfalls 
werde das Kuratorium Anlaß nehmen, nochmals über diese 
Angelegenheit zu verhandeln. 
Es wird nun das Protokoll der vorigen Sitzung ver 
lesen und mit kleinen Abänderungen genehmigt. Darauf 
wird das heutige Protokoll verlesen, genehmigt und unter 
zeichnet. 
Da es erst 1 / 4 9 Uhr, so war die Versammlung dainit 
einverstanden, den Vortrag des Schöffen Sadve über seine 
Reise nach Aachen und über den Verlauf des internationalen 
Kongresses zur Bekämpfung der Tuberkulose zu hören. 
Schöffe Sadve sprach etwa 1 / 2 Stunde und seinen sehr 
sich hin zu murmeln, wovon Sylvia nur das Wörtchen ■' 
„Süßeste" zu verstehen glaubte: 
„Was sagten Sie da?" fragte sie neugierig. Hoi- 
niiigen aber mochte seine Gründe haben, sich nicht zu 
wiederholen. 
„Ich sagte, daß es nun doch an der Zeit ist, von hier 
fortzukommen," erwiderte er, indetn er zugleich den Rücken 
der Strömung entgegenstemmte, die er plötzlich stärker 
werden suhlte." 
,Mas werden wir tun, wenn die Sandbank, auf der 
wir uns befinden, wirklich nur eine Insel ist, und wenn 
wir zu beiden Seiten tiefes Wasser haben?" 
„Dann werde ich allerdings für die Trockenheit Ihres 
Kleides nicht länger garantieren können. Miß Pendleloii! 
Ich werde Sie ins Wasser gleiten lassen müssen; Sie 
werden Ihre Hand aus meinen Nacken stützen, und ich 
werde zum Ufer schwimme». Es wäre eine Sache, die 
weder viel Zeit in Anspruch nehmen, noch irgendwie ge 
fährlich sein würde. Denn wir sind, wie Sie sehen, nicht 
weit vom Ufer entfernt." 
„Oh, ich würde Ihre Hilfe gar nicht brauchen; -denn 
ich schwimme recht gut." 
„Aber nicht in -langen Kleider», meine Gnädigste! 
Und es ist auch glücklicherweise gar nicht nötig, daß Sie 
ein unfreiwilliges Bad nehmen. Ich merke, daß ich auf 
dieser Seite ganz gut bis zum Ufer waten kann." 
Und so verhielt es sich in der Tat. Nach einigen 
weiteren Schritten schon ging ihm das Wasser nur noch bis 
an die Kitie, und es bedurfte nur eines Zeitraums von 
wenigen Minuten, um sie ganz ins Trockene gelangen zu 
lassen. Während er seine holde Last sanft aus den Boden 
’ioaikite» ließ, sorgfältig daraus bedacht, - däh sie..sich 
interessanten und beachtenswerten Ausführungen, namentlich 
über die Tuberkulosebekämpfung, hörte die Versammlung 
ausmcrlsaiu zu und itahm sie mit lebhasteiu Bravo auf. 
Bürgermeister Wnlger sagte dem Schöffen Sadve noch be 
sonders Dank. Wir werden über diesen Vortrag in der 
nächsten Nummer ausfühJich berichten. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Obcrbeamten der Exekutiv-Pokizei der Groß 
berliner Vororte versammelten sich kürzlich im Steglitzer 
. Ratskeller. Auch Herr Polizeikommissar Jacobi nahm an 
dieser Zusammenkunft teil. Insgesamt waren 14 Orte der 
Kreise Teltow und Niederbarnim vertreten. Polizei-Inspektor 
Hoffmann (Steglitz) begrüßte die Teilnehmer. Darauf fand 
eine Besprechung über die Verbreitrmg und den Handel, 
sowie die Bekämpfung der Schundliteratur und unsittlichen 
Bildwerke statt. Es wurde dann über die Handhabung der 
polizeilichen Vorschriften betr. die äußere Heilighaltung der 
Sonn- und Festtage, insbesondere der Lustbarkeiten am 
Bußtag und Totensonntag verhandelt. Die Erörterungen 
waren recht rege, es beteiligten sich daran die Inspektoren 
Mohr-Lichterfelde undHoffmann-Steglitz, sowie die Kommissare 
Jacobi-Frredenau, Eger-Treptow, Becker-Pankow und Scholz- 
Mariendorf. Mau war einstimmig der Ansicht, daß diese 
Zusammenkünfte im Hinblick auf eine erfolgreiche dienstliche 
Zusammenarbeit, besonders auf kriminellen Gebiete, not 
wendig und wünschenswert wären. Es sollen daher regel 
mäßig alle vier Wochen derartige Sitzungen künftig statt 
finden und zwar jedesmal in einem anderen Ort. 
o Der Verkehr am Totensonntag. Auf der Stadt- 
und Ringbahn wird am kommenden Sonntag (Totensonntag) 
der Verkehr erheblich ausgedehnt. Auf allen Vorortstrecken 
sowie nach Lichtenberg, Friedrichsfelde, Stahnsdorf Friedhof 
und Ahrensfelde verkehren in der Zeit von t 1 Uhr Vorm, 
bis 2 Uhr Nachm, eine größere Anzahl Sonderzüge. Auch 
die Straßenbahn wird nach den großen Friedhöfen zahlreiche 
Sonderwagen verkehren lassen. 
o Ausbildung als Ruderlehrer. Vom 11. bis 
29. Mai n. I. soll in Wannsee ein Kursus für Oberlehrer 
der höheieu Lehranstalten für die männliche Jugend zur 
Ausbildung als Ruderlehrer stattfinden. Die Teilnehmer 
müssen schwimmen können und gesund sein. Zu dem 
Kursus können aus den Provinzen Brandenburg, Schlesien, 
Hannover und aus der Rheinprovinz je vier, aus anderen 
Provinzen je drei Bewerber einberufen werden. Auch au 
nichtstaatlichen Anstalten angestellte Oberlehrer, deren Teil 
nahme an dem Kursus von dem Patronat unter Gewährung 
einer Beihilfe beantragt wird, können berücksichtigt werden. 
Der Knrsusleiter ist Professor Wickenhagen, Lichterfelde, 
Augustastr. 10. 
o Ueber die neue Strastenbahnstrccke im Lauen 
burger Viertel von Steglitz haben wir wiederholt berichtet. 
Es werden über diese Strecken die Linien 61 und 87 ge 
führt werden und zwar soll die Linie 61 bis zur Berg 
straße, die Linie 87 bis zur Mariendvrfcr Straße fahren. 
Als Ersatz für die Verlegung der Linie 87 erhält der 
Schöneberger Oristeil. die Linie 40, die über die Rheinstraße 
und Sarstraße nach dem Auguste Viktoria-Krankenhaus ge 
leitet wird. 
o Schutz der Wassermesser vor Frost. Bei Eintritt 
von Frostmetter sind besondere Vorkehrungen zu treffen, die 
das Einfrieren und somit die Beschädigung des Wafscr- 
inessers verhindern, Namentlich müssen die Kellerfenster und 
Türen, in deren Nähe der Messer steht, geschlossen gehalten 
und (verpackt und die Messergehäuse mit Stroh ausgefüllt 
und bedeckt werden. Im Interesse der Hausbesitzer, die 
im Falle einer Beschädigung des Wassermessers nicht nur 
die Unannehmlichkeit einer Unterbrechung des Wasserzu 
flusses, sondern auch die Wiederherstellungskosten des 
Messers zu tragen haben, wird es liegen, sofort die nötigen 
Maßregeln zu treffen. 
o Einen kugelsicheren Panzer hat der in der Jahn 
straße 30 wohnhafte Ingenieur Oscar Schaumann erfunden. 
Das Kriegsministerium zeigt für den Schaumannschen 
leichten Panzerschutz lebhaftes Interesse, um so mehr, als 
das Probeschießen vor der Heeresverwaltung günstig aus 
gefallen ist. Auch der Kronprinz und das Marineamt 
interessieren sich für die Erfindung. Ganz besonders 
bemerkenswert ist noch, daß bereits eine deutsche königliche 
Behörde diese Panzer gekauft hat. 
o Der Natioualliberale Ortsverein veranstaltete am 
Dienstag im Restaurant „Kaisereiche" einen gut besuchten 
nicht an seinen Durchnäßten Kleidern ihre enipjmoiiche 
Toilette verderbe, fühlte er eine leise Berührung ihres 
seidenweichen Haares an seiner Wange. Behutsam setzte 
er sie auf den Boden nieder, und in einem tiefen Atemzuge 
hob sich seine Brust. 
„Nun, dem Himmel sei dank, das ist überstanden," 
sagte er. Und Sylvia hörte im Klang seiner Stimme 
etwas, was nicht darin gewesen wa^, solange sie sich in 
Gefahr befunden hatten, von der Strömung fortgerissen 
zu werden. Das Blut schoß ihr heiß in die Wangen, und 
es kostete sie Mühe, den scherzhaften Ton von vorhin wieder 
zufinden, als sie sagte: 
„Ein richtiges 'Abenteuer — eigentlich das erste, das 
ich erlebe." 
Dabei hatte sie sich, vielleicht nur, um ihm den Anblick 
ihres Gesichts zu entziehen, niedergebeugt, wie wenn sie 
ihr Kleid befühlen wollte. Und er fragte: 
„Sind Sie dennoch naß geworden. Miß Pendleton?" 
„Keine Spur! Das Wasser ist mir in keinem Augen 
blick höher als bis an dic-Knöchel gegangen. Aber wieviel 
Geistesgegenwart Sie gezeigt haben! Wahrscheinlich haben 
Sie es im Kriege gelernt, in jeder gefährlichen Situation 
sofort das einzig Richtige zu tun. Wenn ich nur wüßte, 
wie das Malheur eigentlich geschehen ist. Das Boot war 
ja, wie es schien, an einer Seile ganz aufgerissen. Und 
auf den Grund können wir doch auch gar nicht aufge 
fahren sein. Denn als sie heraussprangen, ging das 
Wasser Ihnen ja gleich bis an die Hüften." 
„Ich vermute, daß ein von der Strömung fortge 
schwemmter Baumstumpf oder etwas dergleichen sich an 
jener Stelle im Flußbett befand. Denn einen Stein oder 
eine Klippe würde man längst beseitigt haben." 
Bereinsabend. Herr Lehrer Wille hielt einen Vortrag über: 
„Die Erziehung zum politischen Denken und Handeln". 
Ter Vortragende ging von der Frage aus, ob im politischen 
Denken des deutschen Voltes der Geist politischer Verantwortlichkeit 
zu spüren ist, wie ihn die Schwierigkeit der deutschen Weltstellung 
erheischt. Gewiß hatte für die Gegenwart das Wort Bassermanns 
Berechtigung: „Daß die politische Regsamkeit und vor allem ein 
früher nie gekanntes Nationalbewußtsein immer weitere Kreise 
erfasse". Und doch ist — wenn wir politisch beichten sollen — 
unter den ärgsten politischen Sünden des deutschen Volkes die Jn- 
tereffelosigkeit, der unpolitische Sinn und die politische Gleichgültigkeit 
zu nennen. Das, was unserer Zeit so bitter not tut, ist nationale 
Bewußtheit, Staatsgefühl, Entschlossenheit zum politischen, zum 
staatsbürgerlichen Denken, Fühlen und Handeln. Der Forderung 
einer politischen Erziehung wohnt wirklich ein bitterer Ernst inne. 
Wenn man sieht, wie immer wieder in allen Schichten der Nation 
die Selbstsucht ihre Feste feiert, wie Fragen wirtschaftlicher, gesell 
schaftlicher und konfessioneller Art unser Volk spalten und weiter 
spalten, so sieht man, daß staatsbürgerliche Erziehung uns nötig 
ist wie das liebe Brot. Für ein solches Volk sind Stunden der 
Einkehr und Selbstbesinnung zur Ueberwindung der inneren Krisis 
unerläßlich. Solche Stunden trug das Erinuerungsjahr 1913, an 
dessen Neige wir stehen, genug in seinem Schoß. Die Erinnerungs- 
tage konnten uns lehren, daß cs wirklich möglich ist, das Trennende 
zu vergessen und unser Leben und unscrere Lebensinteressen von 
höheren, idealen Gesichtspunkten aus zu betrachten, wenn es anders 
uns gelungen ist, den lebendigen Gehalt dieser Zeit wieder möglichst 
rein vor uns erstehen zu lassen: ihren lebendigen Gehalt, das soll 
bedeuten, die inneren Kräfte, die Ideen und Gefühlswerte, die in 
den Ereignissen und in den Männern ihren Ausdruck fanden, und 
die für uns noch ebenso Forderungen bedeuten, wie für die Nation 
von 1813. Im Gedanken an die bewegenden und schaffenden 
Kräfte jener Zeit feierte der Vortragende dann denn Gedanken der 
Erziehung zum poliiischen Denken und Handeln als „das Ver 
mächtnis", als die Mahnung jener Reformer die wertvolle Kräfte 
zur Mitarbeit am Staate in dem Volke frei machten. Was nach 
dem Willen der Reformer mit der Steigerung politischer Rechte 
Hand in Hand geben sollte, das war eine gleichmäßige Steigerung 
des politischen Pflichtbewüßtseins, des staatlichen Verantwortlich 
keitsgefühls. Daher forderte schon Stein mit aller Dringlichkeit, 
ein groß angelegtes politisches Reformwerk müsse gestützt werden 
durch eine ebenso großzügige Erziehungsreform, vor allem 
durch Weckung des „staatsbürgerlichen Geistes" der Nation. 
Diese Ideale, die „nie noch ganz verwirklicht sind, immer 
aber noch wirken können", sind darum auch das Vermächtnis, die 
Wohnung jener Reformer au unsere Zeit, diese Forderungen endlich 
ihrer Verwirklichung entgegenzusührcn. Trum sei in die Fassung 
des Themas auch heute noch derselbe.Sinn zu legen. Erziehung 
zum politischen Denken und Handeln ist „die Bildung des Deutschen 
zu einer Klarheit und Urteilskraft, die ihn befähigt, seine Pflichten 
als Mitglied der Gemeinschaften, der Gemeinde, vor allem des 
Staates zu erfüllen und seine Rechte als solches zum Wohl dieser 
Gemeinschaften zu gebrarrchen." — Wie weit wir noch von der 
Verwirklichung dieser Forderung entfernt sind, zeigt nur zu deutlich 
ein Blick auf das politische Denken und Handeln der Gegenwart. 
Dies wird bestimmt — worauf dör Redner besonders einging — 
einmal durch unseres Volkes Charakter und Geschichte, zum andern 
durch die Begleiterscheinungen des außerordentlichen wirtschaftlichen 
Aufschwungs und die gesellschaftliche Umschichtung in seinem Volks 
körper und endlich durch die Notwendigkeit ünßersterKrafranstrengung 
im weltumspannendem Handel. Trotz mancher unerfreulicher Er 
scheinungen liegt aber kein Grund vor, an unseres Volkes Zukunft 
zu zweifeln. Seit über einem Jahrzehnt ist die politische und 
staatsbürgerliche Erziehung wieder Gegenstand regen Jntereffes 
geworden, nachdem es vor 100 Jahren Fichtes wunderbaren und 
hochbedentsameii „Reden an die deutsche Nation" nicht gelungen 
war, sich dauernd Beachtung zu verschaffen. Man erkennt eben 
immer klarer, daß weder - die wiffenschaftliche, noch die technische 
Ausbildung von vornherein eine Gewähr gibt, daß der damit 
Ausgerüstete seine geistigen und tcchnichen Waffen auch in den 
Dienst der Allgemeinheit stellt, sobald es die Verhältnisse verlangen. 
Man erkennt auch immer deutlicher, daß die vielbewunderte 
Organisation unseres deutschen Schulwesens einen Ausbau nach 
der Richtung der staatsbürgerlichen Charakterbildung dringend 
nötig hat. Es handelt sich dabei neben staatsbürgerlichenr Unterricht 
hauptsächlich um einen neuen Anspruch an Herz, Phantasie, Willens 
kraft, d. h. um staatsbürgerliche Erziehung, besonders für das 
höhere Schulwesen, damit die denkwürdige Mahnung unseres 
Kaisers ihre innerste Erfüllung bekomme: Wir wollen nicht junge 
Griechen und Römer, sondern junge Deutsche erziehen. Der Vor 
tragende schloß mit der Zuversicht, daß auch in diesem Punkt es 
deutscher, ernster Arbeit möglich sein werde, den Vorsprung unserer 
cnglichen Vettern in politischer Reife einzuholen. 
An den interessanten und formvollendeten Vortrag 
schloß sich eine freie Aussprache, an der sich außer dem Vor 
sitzenden Herrn Geh. Regierungsrat Vogt die Herren 
wissenschaftl. Lehrer Levnhardt, Redakteur Schaack und 
Rechnungsrat Richter beteiligten. Hierbei wurde die Frage 
staatsbürgerlicher Erziehung auch von amderen Gesichts 
punkten ans betrachtet. Nach einem Schlußwort des Vor 
tragenden schloß der Vorsitzende den offiziellen Teil des 
Abends; bei angeregter Unterhaltung blieb die Versammlung 
- aber noch längere Zeit beisammen. 
o Daö Max Bruch-Konzert am Dienstag, dem 2ö. No 
vember ist ein reines Wohltätigkeitskonzert. Alan füllte den 
Friedenauer Parochialverein, der soviel Gutes unter den 
Friedenauer Armen und Bedürftigen stiftet, nicht im Stiche 
lassen, und auch der Friedenauer Kircheuchvr durch den Besuch 
des Konzerts erfreuen, der so oft an Sonn- und Feiertagen und 
„Und das Boot? Glauben Sie, daß es verloren ist?" 
„Gewiß nicht. Man wird cs leicht wiederfinden und 
ohne Mühe flotlinachen. Das Unglück ist in jeder Hinsicht 
glimpflich genug abgelaufen, wie aber, Miß Pcnöleio», 
haben sich dabei wahrhaft glorreich benommen." 
„Oh, Sie sollen mir keine Komplimente machen. Sie 
würden mich damit in Berlegenheil bringen, denn was 
alles müßte ich dann nicht erst Ihnen sagen! 
„Aber —" 
„Nun gut; wenn es durchaus nicht anders sein kann, 
so sagen Sie, was Sie nicht unterdrücke» können." 
„Ich will Ihnen gar leine Komplimente machen. 
Denn ich weiß wohl, daß Ihnen an dergleichen sehr wenig 
gelegen ist. Aber ich darf doch.wohl aussprechen, daß die 
Natur Sie meiner Ueberzeuglmg mach dazu geschaffen hat, 
die Braut eines Soldaten zu werden." 
„Die Natur ist ein Weich.-Herr Westenholtz! Und 
Frauen beabsichtigen zuweilen allerlei, was sie nachher doch 
nicht zur Ausführung bringen. Außerdem — ich kenne ju 
gut wie gar keine jungen Männer von soldatischem Beruf. 
Uebrigens, so reizend cs hier auch ist, darf ich doch nicht 
vergessen, daß Sie bis auf die Haut durchnäßt jein müssen. 
Wo sind wir denn eigentlich?" 
„Auf dem Wasserwege hätten wir wohl noch vier bis 
fünf Kilometer bis zu unserem Hotel gehabt. Wie viele 
es auf dem Landwege fein mögen, entzieht sich zunächst 
noch meiner Schätzung." 
„Hoffentlich ist der Weg nicht weiter, als ein Mädchen 
ihn laufen kann." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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