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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

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Drüage zu Nr. 2^2 des .Krlrdeuaurr Lokal- 
Dienstag, den 18. November 1913, 
8. Cehrerfabrt des deutschen 
flottenvereins 
vom 24. bis 29. Juli 1913. 
SBon H. Volkmann, Friedenau. 
„Erwach, mein Volk mit neuen Sinnen! 
Blick in des Schicksals gvldnes Buch 
Lies aus den Sternen dir den Spruche 
Du sollst die Welt gewinnen! 
Erwach, mein Volk, heiß Deine Tochter spinnen! 
Wir brauchen wieder einmal deutsches Linnen zu deutschem Scgetuch. 
Kühn, wie der Adler kommt geflogen 
Nimmt der Gedanke dort den Lauf. 
Kühn blickt der Mann zum Mann hinauf. 
Noch schwebt der Geist des Schöpfers ans den Wogen, 
lind in den Furchen, die Columb gezogen, 
Geht Deutschlands Zukunft auf!! 
Co saug killst ein politischer Sänger Deutschlands in 
prophetischer Vorahnung bei der Jahrhundertfeier des Hansa 
bundes. Auch unseres Kaisers vielgebrauchtes geflügeltes 
Wort: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser", sagt das 
selbe. Die Ziikunst gehört aber der Jugend; somit ist es 
eine der wichtigsten Aufgaben in der jetzigen vaterländischen 
Jugenderziehung, der jungen Generation Verständnis und 
Begeisterung für die einzig dastehende Entwickelung unserer 
Handels- und Kriegsflotte zu vermitteln und einzupflanzen. 
In Erkenntnis dieser Tatsache scheut die Präsidialstelle des 
deutschen Flottenocreuls weder Mühe und Kosten, um 
seit einer Reihe von Jahren deutschen Lehrern und Er 
ziehern auf den sogenannten Lehrer-Flottenfahrten Gelegen 
heit. zu geben, in lebendiger Anschauung die großartigen 
Errungenschaften des deutschen Seewesens in unseren be 
deutendsten Seefahrts- und Kriegshäfen kennen zu lernen, 
um die dort gesammelten herrlichen Eindrücke und Er 
fahrungen, der deutschen Jugend und weiteren Kreisen 
unserer Binnenbevölkerung zu vermitteln und das Verständnis 
auf diesem Gebiete mehr und mehr anzubahnen und zu er 
schließen. So wurden auch in diesem Jahre 316 Lehrer 
aus allen deutschen Gaunen nach Hamburg—Helgoland— 
Brunnsbüttelkoog —Nordostseekanal—Kiel und Lübeck geführt. 
Als Teilnehmer an der diesjährigen Lehrerflottenfahrt (der 
8.) will ich kurz meine Erlebnisse und Eindrücke schildern, 
doch sollen meine Zeilen nicht den Anspruch auf absolute 
Genauigkeit und Vollständigkeit erheben; denn des Inter 
essanten und Sehenswerten wurde soviel geboten, daß eine 
genaue Wiedergabe alles dessen zu weit führen würde; 
darum will ich nur das Wichtigste hier und da heraus 
greifen. Auch in diesein Jahr lag die Leitung in den be 
währten Händen des Herrn Majors a. D. Sckuvarzenberger, 
dem mit großer Umsicht der Neisebeamte der Präsidialstelle, 
Herrr Fritz Prochnewski, zur Seite stand. In kamerad 
schaftlicher und kollegialer Harmonie verliefen die Tage 
unseres Aufenthalts an der ilöafferfantc, so daß auch nicht 
ein einziger Mißklang 'in den ganzen Verlauf der sechs- 
tägigen Fahrt hinein tönte. Von der Memel und Weichsel, 
vom Rhein und von der Donatl und den Alpen, aus allen 
Provinzen und Landen der rveiten detitscheir Gaue eilten die 
zur Lehrer-Flottenfahrt bestimmten Teilnehmer herbei, oft 
schon in der Kleidung und Ausrüstung die Eigenart ihres 
Heimatlandes verratend. Unter den Auserwählten befanden 
sich auch 2 Herren aus Wien und einer von der deutschen 
Auslandsschule aus Eonstanzza in Rumänien; doch war 
letzterer nicht etwa ein erotischer Balkanbewohncr, sondern 
ein ehrlicher Masure aus Ostpreußens Gesildeu. Unser 
Sammelpunkt nach dem Eintreffen in Hamburg, war das 
an der Lombardbriicke — nach ihrem Erbauer benannt 
malerisch gelegene Restaurant „Alsterhut". Wohl keine 
Stadt Deutschlands von den Alpen bis znnl Meeresstrande 
macht auf den Besucher einen so eigenartigen Eindruck als 
Hamburg, desse weißeFlagge mit 3 roten Türmen unseres Vater 
landes Macht und Ansehen nach alleit Erdteilen hinausträgt, ge 
treu dem Wahlspruche: „Tie Welt unser Feld." Der. Weltver 
kehr der Stadt Hamburg ist iin geschäftlichen als auch im ge 
selligen Leben durchaus großzügig. Infolge der Ebbe und 
Flut können die gewaltigsten Seeschiffs-Riesen bis vor die 
Mauent Hamburgs fahren und dort ankern. 
Gleich nach der Ankunft in Hamburg und nach Er 
ledigung der für die Flottenfahrer notwendlgen Formaln 
läten unternahm jeder auf eigene Faust jStreifzüge, um av 
hastende Leben und Treiben und den Weltverkehr er 
Handelsstadt kennen zu lernen. Ganz besonders mler- 
essierten mich die ehrwürdigen alten Kirchen, dre typischen 
althaniburgischen Stadtteile mit ihren schmalen Wasserarmen 
oder Floken und das Leben, und Treiben auf der Als er un 
dem Jungfernstieg, dem 70 Meter breiten Prachtkai an: er 
Binnenalster. Nicht vergessen wurde die charakterlstische 
Vergnügnngsgegend von Hamburg, die Vorstadt S. Pau , 
wo man interessante Beobachtungen des nieder cu ich 
Volkshumors machen kann. Nachdem wir uns durch einen 
mehr oder weniger sanften Schlummer gestärkt, bega 
nächsten Morgen nnler sachkundiger Führung die Best > g g 
des Hafens. Unser Weg ging zunächst durch den prach - 
vollen Botanischen Garten zum Bismarckdenkmal In 
wuchtiger, packender Einfachheit erhebt sich hier Deutschlands 
Heros, gleichsam Wacht haltend über dem Außentore des 
deutschen Seehandels. Unser Führer. Herr Major Schwarzem 
berger, wies in kurzen, markigen Worten ans ie c. 9 
unseres größten deutschen Mannes hin und wir s 
spontan „Deutschland, Deutschland über alles an. ®°"“ 
gings herunter nach den St. Pauli - LandungSbruck n zu 
Hamburgs neuester größter Sehenswürdigkeit dem Elbtunnel, 
der 21 Meter unter dem Elbspiegel beide Slbufer ver 
bindet. Dieses gewaltige Werk der deutschen Baukunst s 
450 Meter lang. 4.60 Meter breit und hat eure Uchte H ) 
von ungefähr 8 Metern und ist für Wagen und> S«ß8®9 
eingerichtet. Außer den doppelten Treppen es tz 
recht eingebaute Schacht am Eingänge 6 Aufzuge für Wag 
und Fußgänger. Da bis zur Abfahrtnach 
welche programmmäßig auf 12 mittags fes ges tz , 
viel zu erledigen >var. bestiegen wir den Hafendampfer 
„Primus", um einen Einblick von Hamburgs Seehafen- 
Leben und die so eigenartige und überaus interessante 
Wasserkante zu gewinnen. In freudiger Erregung bestiegen 
wir denj Dampfer, der uns durch eine Hafenrundfahrt die 
Größe und die Ausdehnung des Hafengebiets zeigen sollte. 
Die Schiffswerften, Docks industriellen'Etablissements und 
dazwischen das pulsierende rastlose Schaffen der Tausende 
von Menschest _ macht auf den Binnenländer einen über 
wältigenden Eindruck und offenbart ihm den Begriff der 
Handelsstadt Hamburg, der ersten unter den Handelsstädten 
des europäischen Festlandes. Wenn man die großartigen 
Hafenanlagen, welche die Stadt Hainburg in den letzten 
Jahrzehnten mit einem Kostenaufwand von über 200 Mill. 
Mark gebaut hat, in Augenschein niinmt, so darf man als 
Deutscher mit Recht darauf stolz sein. Einige Zahlen, 
welche den Angaben der Hamburger Strom- und Hasenbau- 
depntation entnommen sind, lasse ich hier folgen, um die 
Giöße und Bedeutung des Hamburger Hafens zu erklären. 
Man muß sich vorstellen, daß der Hafen aus verschiedenen 
Einzelhäfen besteht, die seit dem Jahre 1866 in den ver 
schiedenen Bauphasen angelegt sind. Zur Zeit umfaßt die 
gesamte Wasserfläche des Hafens 554,8 Hektar (im Jahre 
1856 erst 24,8 Hektar). Die Gesamtlänge der Kai- und 
Uferstrecken beträgt 66,63 Kilometer, davon sind 22,2 Km. 
Kais, die Gesamtlänge der Kaischuppen beträgt 14 140 
Meter und der gesamte überdachte Lagerraum 478 760 
Quadratmeter. Die Zahl der Kräne beläuft sich auf 806, 
sie vermögen insgesamt 2 Millionen Kilogramm zu heben. 
Ganz besonderes Interesse unserseits gebührte dem größten 
Kran der Welt auf der Werft von Blohm und Voß, die 
auf einem Terrain von 24 Hektar 5000 Arbeitern und 
Beamten Lohn und Brot gemährt, der eine Tragkraft von 
250 000 Kilogramm hat. Es würde zu weit führen, auch 
nur wenige von den mannigfachen, wechselnden und groß 
artigen Bildern des Hamburger Hafens eingehender zu 
schildern. Von starken Schleppern gezogene Sccdampfer, 
Ozeanriesen, prächtige Segelschiffe, Heinere Dampfer, 
Leichter, Schütten, Barkassen, Getreideschiffe niit turmartigem 
Aufbau und dunkle kastenartige Petroleumschiffe ziehen an 
rmseren Blicken vorüber. Da bleibt unser Auge an einen! 
wahrhaft riesigen Ozeandampfer haften. Es war das 
Riesenschiff „Vaterland", das zweite Schiff der Imperator- 
Klasse, das am 3. April 1913 auf der Werft von Blohm 
und Voß im Aufträge der Hamburg-Amerika-Linie vom 
Stapel gelassen wurde und jetzt seinem vollendeten inneren 
Ausbau entgegensieht. Die Wuchtigkeit seiner aufgebauten 
Eisenmassen, seine enormen Dimensionen und Schönheit 
seiner Linien erregen unser Staunen. Dieses Schiffs 
ungetüm ist ein Wunder deutscher Technik und kühnen 
Unternehmungsgeistes. Das Gewicht dieses Ozeanriesen, 
neben dem, wollte man ihn aufrichten, die höchsten Bau- 
iverke verschwindend klein erscheinen würden, beträgt 
50 000 000 Kilogramm und einen Rauminhalt von 50 000 
Tons, das sind 141 500 Kubikmeter. Welche ungeheueren 
Zahlen. Hier könnte man wohl nicht dem Dichter zu 
stimmen: „O nein, o nein, mein Vaterland muß größer 
sein!" Wohl ließe sich noch viel von der Gewaltigkeit 
dieses schwimmenden Palastes erzählen. Doch schon verdrängt 
ein anderes fesselndes Bild das Gesehene. Unsere Zeit 
drängte; denn wir sollten vor unserer Ueberfahrt nach 
Helgoland noch den großen Ozeandampfer August Friedrich 
eingehend besichtigen. Der Laie hat kaum eine richtige 
Vorstellung von der Gediegenheit und dem Komfort auf 
diesen modernen schwimmenden Palästen. Erwähnen will 
ich nur, daß uns an Bord des August Friedrich ein über 
aus aufmerksamer Empfang und eine glänzende ganz uner 
wartete Bewirtung zuteil ivurde, die uns Flottenfahrer 
naturgemäß in eine recht gehobene Stimmung versetzte. 
Nach längerem Verweilen, an dieser gastlichen Stätte ver 
abschiedeten wir uns dankbar, nur uns zur Ueberfahrt nach 
Helgoland zu rüsten. Von schönstem, sonnenhellem Wetter 
begünstigt, bestiegen wir den von der Hamburg-Amerika- 
Linie gestellten Dampfer Silvana und eilten dem offenen 
Meere zu. Langsam verschwand das Hafenbild und die 
überaus landschaftliche Schönheit der Elbufer. Schon haben 
wir rechts Glückstadt, die einstige Konkurrenzgründung 
Hamburgs, und daitn links Cuxhaven, dessen starke Küsten- 
befestigungen droheitd den Eingang zu der hier 22 Kilometer 
breiten Elbinündung schützen. Hinter uns gegenüber er 
kennen wir ziemlich deutlich die Einfahrt vom Kaiser- 
Wilhelm-Kanal. Nachdem wir die verschiedenen Feuerschiffe 
passiert hatten, gewannen wir das offene Meer, das sich 
schier endlos vor unseren Blicken ausdehnte. Wir halten 
ruhige See, und das Gefühl der Bangigkeit, das wohl 
diesen und jenen inanbetracht der bevorstehenden See 
krankheit beschlichen, inachte einer freudigen Stimmung Platz, 
die noch vermehrt wurde durch das gute Mittagsmahl, 
welches wir in dem schönen Speisesaal unseres Dampfers 
einnahmen. Programmäßig trafen wir um 7 Uhr Abends 
auf der Reede von Helgoland ein. Im Purpurglühen der 
Abendsonne lag das rote Felsenciland mit seinen zerklüfteten 
Steinmassen vor uns, und mit freudigem Ausruf begrüßen 
wir das vielumstrittene Land, das jetzt so friedlich im 
Schutz der deutschen Flagge und der Kriegsschiffe vor uns 
liegt. Wohl niemand hat es geahnt, daß wenige Wochen 
später in den sturmgepeitschten Wogen der Nordsee bei 
Helgoland die brave Besatzung unseres Zeppelin 2 ihren 
Untergang finden sollte. (Schluß folgt.) 
ZuTcbriften 
(Für diese Rubrik übernehmen wir keine Verantwortung.) 
Falkenjagd in Friedenau. 
Mit großer Freude habe ich von der kürzlich in diesem Blatte 
veröffentlichten Notiz Kenntnis genommen, daß die beiden seit 
mehreren Atonalen auf der Friedenauer Kirche hausenden Wander 
falken geschossen worden sind. Erleichtert atmete ich auf, als ich 
diese Mitteilung las, kann ich meinen Tauben, die ich wegen der 
täglichen Habichtstöße nicht mehr herauslassen konnte, doch nun die 
Freiheit wiedergeben, uni sich, wie früher, wieder hoch in den 
Lüsten zu tummeln. Ich bin Herrn St., dem wackeren Schützen, 
außerordentlich dankbar für seine Tat. Ich glaube auch, Herrn W. 
aus seine Ausführungen dahin beruhigen zu können, daß die beiden 
geschossenen Vögel tatsächlich Wanderfalken gewesen sind, denn cs 
war mir durch die täglichen Beobachtungen längst bekannt, daß sich 
zwei dieser Räuber, die uns Taubenzüchtern eine große Anzahl 
unserer Lieblinge geschlagen und verjagt haben, seit Anfang Juli 
dieses Jahres auf der hiesigen Kirche aufhielten. Die von Herrn 
W. geäußerten Ansichten, kaun ich selbst als Naturfreund nicht 
teilen, denn der Wanderfalke ist bekanntlich einer der gefährlichsten 
Räuber, der auch unter den Brieftauben enormen Schaden an 
richtet und dessen Vernichtung deshalb mit allen Mitteln betrieben 
werden sollte. Mir will es scheinen, als ob Herr ZV. sich auch 
nicht annähernd einen richtigen Begriff davon machen kann, wie 
diese beiden Burschen in den letzten vier Monaten in Friedenau 
und Umgegend gehaust und welchen großen Schaden sie angerichtet 
haben, denn sonst wäre es unverständlich, daß Herr ZV. sein Be 
dauern darüber ausdrückt, daß diese beiden „schönen Tiere", nach 
denen er vorher wohl nie ausgeschaut und die er vielleicht auch 
nie gesehen hat, abgeschossen werden. Man muß es mit eigenen 
Augen gesehen haben, wie dieses Raubgesindel unsere Lieblinge 
stundenlang abjagte, bis die Tauben total erschöpft endlich ihren 
Schlag aufsuchten. Bon mir allein haben die Falken während 
dieser Zeit 5 Tauben geschlagen und wohl an IS verjagt, natürlich, 
wie immer, die wertvollsten. Eine weitere Anzahl Tauben haben 
die Räuber bei ihren Stößen verletzt, sodaß die armen Tiere nach 
großen Schmerzen trotz sorgfältigster Pflege nachher eingingen. Im 
Ganzen beziffere ich den Verlust an Tauben durch die beiden 
Raubvögel hier und in der Umgegend in den letzten 4 Monaten 
auf mehrere hundert Stück. Bei dieseni angerichteten großen 
Schaden wird wohl ein jeder sagen müssen, daß die Vernichtung 
der beiden Wanderfalken sich als sehr notwendig erwies und daß 
die Abschießnng, für uns Taubenzüchtcr wenigstens, die wir in 
erster Linie daran interessiert sind, doch eine Ruhmestat bedeutet. 
Auch der Naturfreund wird unter diesen Umständen die Ver 
nichtung billigen, denn es gibt doch wirklich noch genug andere 
nützliche Tiere, die das Auge des Naturfreundes entzücken können. 
Also, fort mit diesem Raubgesindel. 
Ein Friedenauer Taubenzüchtcr. 
Die Angelegenheit der Bcseitiguung des Taubenstößerpaares 
von unserer Kirche auf dem Friedrich-Wilhelm-Platze treibt wunder 
bare Blasen. Ganz besondere Heiterkeit hat das Eingesandt des 
entrüsteten „Erhalters der Naturdenkmäler" in unserer Heimat 
bcroorgcrufen. Prinzipiell muß er der englischen Regierung bittere 
Vorwürfe machen, daß sie hohe Schußprämien für Erlegung von 
Tiger», Pantern und Leoparden aussetzt, denn schließlich müssen 
diese „Naturdenkmäler" ja auch einmal von der Daseinsfläche ver 
schwinden, rvas allerdings in diesem Jahrhundert nicht der Fall 
fern wird. Diese blutdürstigen grotzeir Räuber töten aber ihre 
Opfer, bevor sie dieselben zerreißen. Der Wanderfalke tut dieses 
aber nicht. Es ist mit scharfen Görz'schen Gläsern beobachtet worden, 
ivie die Toubcnslößer aus dem Kirchturms den mit den Flügeln 
um sich schlagenden Tauben zuerst den Kropf aufgerissen und 
dann die Eingeweide mit Gier verschlangen, als sich die Tauben 
noch inimer vergeblich ihrem Peiniger zu entwinden versuchten. 
Solchen Tierquälern ein Ende zu bereiten, ist entschieden ver 
dienstlich. Der Erhalter der Naturdenkmäler scheint sich aus der 
Erhaltung der Baudenkmäler nichts zu machen. Er hätte nur 
sehen sollen, wie die Tanbenräuber die Türme und Wasscrgosscn 
mit ihren, Auswurf und den Abfällen ihrer Mahlzeiten beschmutzt 
und die Regenabflußrohre verstopft hatten, sodaß das schmutzige 
Wasser an den Außenmauern herabließ dann märe ihm wohl etwas 
von der Pflicht der Erhaltung unserer Baudenkmäler aufgedämmert, 
einer Pflicht, welcher die Kirchenverwaltung nachkam, als sie die 
Erlaubnis zur Beseitigung der Veranlasser dieser Mißstände gab. 
Man kann doch kaum annehmen, daß ein „Konservator der Natur 
denkmäler" auch gegen die Vernichtung von Wanzen, Flöhen, 
Mäusen, Ratten und anderen Schädlingen zu Felde ziehen wird, 
wegen der Befürchtung, daß diese „Naturdenkmäler" dadurch aus 
gerottet werden könnten. E. F. 
Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie ergebenst, nach 
stehende Zeilen in Ihrem geschätzten Blatt aufzunehmen. In 
einem Eingesandt beklagt sich ein Herr K., daß meine Hündin 
immer ohne Leine hcruni läuft, und bei ihren, trächtigen Zustand 
den, Publikum sehr gefährlich werde. ! Ich muß hierauf bci.ierken, 
daß meine Hündin nicht trächtig istj außerdem lasse ich sie auch 
nie ohne vorschriftsmäßigen Maulkorb herumlaufen. Ich habe 
leider die Bekanntmachung nicht gelesen, sonst würde ich nicht 
gegen deren Vorschriften verstoßen haben. Aber Herr 5k. hätte ja, 
wenn es ihm nur auf die Sicherheit des Publikums ankam, mich 
nur daraus aufnicrksam machen brauchen, ich hätte gewiß seine 
Ratschläge befolgt. Es kommt mir jedoch vor, als wem, cs dem 
Herrn wohl nur darauf angekommen sei, wie auch die Einsenderin 
Frau B. in der Nummer vom 16. d. Mts. sehr richtig bemerkte, 
nur Aerger zu bereiten. Frau Ä. bin ich sehr dankbar, daß Sie 
mich daraus hingewiesen hat; ich werde Ihren wohlgemeinten Rat 
befolgen, und auch Herr K. soll mit mir zufrieden sein. 
Hochachtungsvoll Neumann, Kaiscrallce 123. 
Vernaschtes 
*o Friedrich II., der Eiserne. Bor 5lX1 Jahren, am 19. November 
1413, ivurde Friedrich II., der Eiserne, Kurfürst und Markgraf von 
Brandenburg, zweiter Sohn Friedrichs I., geboren. 8 Jahre alt, 
wurde er mit der Erbprinzessin von Polen verlobt und seit 1422 
als Thronfolger am polnischen Hof 10 Jahre lang erzogen, bis der 
plötzliche Tod seiner Braut das Verhältnis löste. Eine gewisse 
Schwermut verließ ihn seitdem nicht wieder: in dieser Stimmung 
wurzelte auch seine schwärmerische Religiosität, die ihn zu Kloster- 
stiftungen und Pilgerreise» antrieb. Seit 1437 regierte er die 
Marken, zog sich absichtlich von der Reichspolitik zurück und schlug 
die polnische und böhmische Königskrone aus, um seine Kraft der 
inneren Stärkung der 5kurlande und ihrer Stellung gegenüber dem 
slawischen Osten zu widmen. Er zerbrach die Verbindungen der 
Städte, bändigte die Selbständigkeitsgelüste Berlin-Köllns durch die 
Reforniationen von 1442 und 1447, legte eine starke Besatzung in 
1451 vollendete kurfürstliche Schloß und zwang durch Konkc 
mit dem Papst 1447 die Bischöfe in die Landsässigkeit zurück. Nach 
außen sicherte er die Kurlands durch Erbverträge mit Mecklenburg 
und mit Sachsen und Hessen, den Vertrag mit dem Erzstift 
Magdeburg, den Kauf der Landvogtei über die Lausitz, Kotlbus 
und andere Herrschaften und vor allem den Erwerb der Neumark 
vom deutschen Orden. 1470 trat er die Herrschaft seinem Bruder 
Albrecht Achilles ab, ging gegen Ende desselben Jahres auf die 
Plassenburg und starb 1471 zu Neustadt a. d. Aisch. In der 
Berliner Siegcsallce steht von ihm eine Tcnkmalsanlage, ausge 
führt von Calandrelli. 
*o Ihren Bußtag feiern die meisten deutschen Staaten am 
19. Novenlber. So ist an diesem Tage Bußtag in Anhalt, Braun 
schweig, Bremen, Hamburg, Lippe, Lübeck, beiden Mecklenburg, 
Oldenburg, Preußen, Reuß ältere und jüngere Linie, Sachsen, 
Sachsen-Altenburg, Sachsen-Koburg-Gotha, Sachsen - Meiningen, 
Sachfen - Weimar, Schaumburg-Lippe, Schwarzburg-Rudolstadt, 
Schwarzburg - Sondershausen, Waldcck und Pyrmont. Den 
23. November ist Bußtag in Baden, den 28. November Bußtag in 
Württemberg. 
"o Von der Verbreitung der Trunksucht geben einige Zahlen 
einen kleinen Begriff. Die 16 Trinkerfürsorgestellen der Rhein 
provinz bekamen im Jahre 1912 in ihre Bearbeitung 1960 Fälle 
1832 männliche und 128 weibliche. Die Zahl der eingegangenen 
Fälle betrug in einigen deutschen Städten: 916 (!), 383, 374, 312, 
292, 163, 168 „sw. Dabei ist zu bedenken, daß die Trinkerfürsorge 
stellen bei weitem nicht alle Alkoholiker und Alkoholikerinnen ihrer 
Stadt erreichen.
        
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