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Periodical volume Nr. 37, 12.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenauer 
Unparteiische Zeitung für kemmmale mii> bürgerliche 
Ungelegenheiten. 
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bei Abholung aus der Geschäftsstelle, 
Rheinstr. 15. 1,50 M. vierteljährlich; durch 
Boten ins Haus gebracht 1,80 All, durch die 
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Besondere 
‘Jtdtn Mittwoch: 
Slitjblatt „Seifenblasen". 
femtprtcher: Hmt pfaljburg 2129. tflßsid) stlU’llbO. 
Zeitung.) 
Organ für den Friedenauer Ortsteil van Zchdnederg und 
Geürksverein Ziidwest. 
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Jecken Sonntag: 
Blatter für üeulfcbe grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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sernkprecher: Hmt ptaljbarg 2129. 
Wr. 205. 
Aerlin-Ariedenau, Montag, den 10. Movemöer 1913. 
20. JaPrg. 
^.clre88duc^kür k^rie^enau 
Verl lleo Sohuitr, INI« s,, »I»,!,»- , Pernspreeber 
Nti8ln»trs88s 15. IaIT [N. Jufiry.j Pflzbg. 2129. 
für den neuen Jahr 
gang ,(1914) werden 
schon jetzt ange 
nommen. Die Preise sind billig, weshalb 
wir auch diescsmal wieder eine rege 
Beteiligung am Reklameteil des so gut 
eingeführten „Adressbuch für Friedenau* 
erwarten. Verlangen Sie uns. Vertreter. 
Depetchen 
Cetjtc Hachrichten 
Berlin. Auf dem Untergrundbähnhvf Leipziger Platz 
ereignete sich heute Bormiltag 9 Uhr ein tödlicher Unfall 
dadurch, daß ein Fahrgast, der Gürtler Emil Schwerdtfeger 
aus Lichterfelde, trotz der Warnungsrufe des Bahnsteig 
personals den Versuch machte, den in der Richtung nach 
Aleranderplatz bereits abgefahrenen Zug noch zu besteigen; 
er geriet unter den fahrenden Zug und wurde getötet. Von 
der Direktion der Hochbahngesellschaft wird uns hierzu ge 
schrieben: Der beklagenswerte Unfall gibt uns auss neue 
Anlaß, das Publikum ans die ernsten Gefahren hinzuweisen, 
die bei Besteigung schon im Anfahren begriffener Schnell- 
bahnziige entstehen. Bei dem elektrischen Zugbetriebe wird 
schon lm Augenblick des Anfahrens eine so beträchtliche 
Schnelligkeit entwickelt, daß jeder Versuch, nach Abgabe des 
Abfahrtssignals noch aufzuspringen, stets mit Lebensgefahr 
verbunden ist: das Vahnpersonal ist nicht immer in der 
Lage, solche Versuche zu verhindern. Durch die schnelle 
Zugfolge ist dafür gesorgt, daß den Fahrgästen, wenn sie 
wirklich den eben abfahrenden Zug versäumen, schon in 
kürzester Zeit eine neue Fahrgelegenheit geboten wird. 
Wannsee. Auf der Strecke der Wetzlarer Bahn wurde 
in der Nähe der Bude II bei Wannsee eine männliche Leiche 
aufgefunden. Anscheinend handelt cs sich um einen Selbst 
mörder; die Persönlichkeit des Toten war noch nicht festzustellen. 
Frankfurt a. M. Die infolge Aufhebung der Regent 
schaft in Bayern an den Landtag gelangende Forderung 
auf nochmalige Erhöhung der Zivilliste beträgt, wie die 
„Frankfurter Zeitung" zuverlässig erfährt, rund weitere 
400 000 M. Die Ausgaben für das Königliche Haus er 
höhen sich nach den neuen Vorlagen der Regierung gegen 
früher von 5 402 000 M. auf 6 865 000 M. 
Rom. In den hiesigen diplomatischen Kreisen erzählt 
man sich, die französische Regierung habe angesichts der 
Verschärfung des griechisch-türkischen Konflikts sich in Athen 
und Konstantinopel erboten, in den noch schwebenden Streit 
fragen die Vermittlung zu übernehmen. Da schon Rumänien 
dasselbe Anerbieten gemacht hat, so ruft die französische 
Anregung die Vermutung hervor, als wolle Frankreich seinen 
Einfluß und Prestige in Griechenland nicht durch eine andere 
Negierung verdunkeln lassen. 
London. Gestern erklärte der Führer der Postbeamten, 
daß er eine Privatunterredung mit dem Generalpostmeister 
Samuel gehabt habe und diesem auseinandergesetzt hätte, 
daß sie vielmehr eine Erhöhung ihrer Gehälter und Löhne 
um 15 pCt. fordern. In Großbritanien herrscht die Meinung 
vor, daß, falls die Antwort der Regierung am Donnerstag 
für die Beamten unbefriedigend ausfalle, diese um die 
Weihnachtszeit in den Ausstand treten werden. 
Die DienTtbotcnkrankenkaTTe in 
Berlin-friedenau* 
Wie bekannt sein dürfte, haben von den Großberliner 
Gemeinden nur die Vorortgemeindeu Friedenau und 
Wilmersdorf die Landkrankenkasse eingeführt. In 
allen anderen Orten sind die Dienstboten der Allgemeinen 
Ortskrankenkasse zugeteilt worden. Da die Leistungen der 
Oltskassen allgemein bekannt sind, werden vielfach die Land 
krankenkassen als minder gut und leistungsfähig angesehen. 
Das ist eine irrtümliche Auffassung. Die Fciedenauer Land 
krankenkasse geht in ihren Leistungen, genau wie die Orts 
krankenkasse, ganz erheblich über die gesetzlichen Mindest 
leistungen hinaus. 
Bürgermeister Walger, der Vorsitzende unserer Land 
soder besser Dienstboten-)Krankenkasse, wendet sich in 
einer Zuschrift an die „Voss. Ztg." gegen einen dort ver 
öffentlichten Artikel von Elize Jchenhäuser, indem er die 
irrtümlichen Ausführungen der Verfasserin berichtigt. 
Da diese Ausführungen unsere Hausfrauen sehr inter 
essieren dürfte, geben wir sie hier wieder. Bürgermeister 
Walger schreibt: 
Die Ansicht, daß ein Dienstbote erst daun als versichert 
gilt, wenn er 6 Monate einer Kasse angehört, beruht auf 
einem Irrtum. Die Mitgliedschaft beginnt vielmehr schon 
mit dem Tage des Eintritts in die versicherungspflichiige 
Beschäftigung, also mit dem Tage des Dienstantritts. 
Erkrankt das Dienstmädchen bereits am ersten Tage, so hat 
sofort die Krankenkasse einzutreten. 
Die Landkrankenkassen werden in dem Artikel 
unterschiedslos als ungünstige Versicherungsträger hin 
gestellt, obgleich ihnen das Gesetz die Möglichkeit ein 
räumt, ihre Einrichtungen nach der Art der Ortskrankcn- 
kassen auszubauen, und auch den sogenannten Grund 
lohn (nicht den geringeren Ortslohu) den Leistungen 
zugrunde zu legen. Von diesem Recht haben die Gemeinden 
Wilmersdorf und Friedenau in der weitgehendsten Weise 
Gebrauch gemacht und haben ihre Landkrankenkassen be 
züglich der Leistungen in jeder Beziehung den Ortskranken- 
kassen gleichgestellt. Trotzdem war es mit Rücksicht auf die 
günstigen Risiken, die die Dienstboten im Verhältnis zu den 
gewerblichen Arbeitern darstellen, möglich, die Beiträge in den 
genannten Landkrankenkassen wesentlich herabzumindern. Es 
muß also gerade im Gegensatz zu der Anschauung der Ver 
fasserin des ersten Artikels gesagt werden: 
„Leider haben Berlin, Charlottenburg und die meisten 
Vororte Berlins auf die Landkrankenkassen verzichtet und 
glücklicherweise sind die Dienstboten in Wilmersdorf und 
Friedenau den Landkrankenkassen unterstellt." 
Um allen falschen Auffassungen zu begegnen, seien nach 
stehend die Leistungen der Landkrankenkasse Friedenau zu 
sammengestellt: 
Im allgemeinen werden die baren Leistungen der 
Kasse, wie bereits bemerkt, nach einem Grundlohn bemessen, 
als welcher der nach den wirklich gezahlten Löhnen stufen 
weise festgesetzte durchschnittliche Tagesentgelt gilt. Von 
diesen Grundlohnstufen kommen für die Dienstboten in Frage 
die II. Stufe mit einem Tagesarbeitsverdienst von 1,50 M. 
bis 2.49 M. 
III. „ .. „ „ von 2,60 M. 
bis 3,49 M. 
Der Grundlohn beträgt in diesen beiden Stufen 1,80 M. 
beziehungsweise 2,80 M. 
In dem Tagesarbeitsverdienst ist der Wert der Sach 
bezüge (Wohnung und Beköstigung) mit 1,55 M. für den 
Tag einbegriffen. 
Krankenhilfe wird auf die Dauer von 39 Wochen, also 
auf eine weit über die gesetzliche Forderung hinausgehende 
Zeit geleistet. Sie umfaßt ärztliche Behandlung und die 
Versorgung mit Arznei usw. vom Beginn der Krankheit ab. 
sowie die Gewährung eines Krankengeldes in Höhe von 
90 Pf. in der II. Stufe und 1,40 M. in der III. Stufe 
vom 4. Tage ab. auch für Sonn- und Feiertage. An 
Stelle der Krankenpflege wird auf Antrag des Dienstherrn 
oder des Dienstboten Krankenhauspflege gewährt, wenn die 
Krankheit aysteckend ist, oder wenn die Behandlung im 
Hause eine erhebliche Belästigung des Dienstherrn darstellt. 
Die Wochenhilfe wird in weitgehendster Weise auf die 
Dauer von 8 Wochen geleistet; sie besteht aus den Heb 
ammendiensten, der ärztlichen Geburtshilfe und einem 
Wochengelde in Höhe des Krankengeldes. An Stelle des 
Wochengeldes kann auch Kur und Verpflegung in einem 
Wöchnerinnenheim gewährt werden. 
Den Schwangeren wird bei Arbeitsunfähigkeit infolge 
Schwangerschaftsbeschwcrden ein Schwangerengeld in Höhe 
des Krankengeldes gezahlt und die freie Behandlung durch 
Aerzte und Hebammen gemährt. 
Schließlich erhalten die Wöchnerinnen, die ihre Neu 
geborenen stillen, von der 7. bis zur 12. Woche ein Still 
geld, das die Hälfte des Krankengeldes ausmacht. 
Das Sterbegeld beträgt in der zweiten Grundlohnstufe 
54 M. und in der dritten 84 M. 
Die Leistungen der Landkrankenkasse Berlin-Friede 
nau entsprechen also den weitgehendsten Anforderungen. 
Es kann deshalb von einer „kärglichen" Landkrankenkasse, 
wie es in dem gen. Artikel heißt, keine Rede sein. 
Trotz der hohen Leistungen hat die Kasse ihre Beiträge 
aus den bereits angeführten Gründen verhältnismäßig niedrig 
Sylvias Lbauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
§8 (Nachdruck verboten.) 
Der Franzose machte, große Augen, in denen sich 
deutlich genug seine vollkommene Verständnislosigkeit spie 
gelte, und der alte Herr sah sich dadurch veranlaßt fort 
zufahren: 
„Ich sage Ihnen das deshalb, weil ich Grund habe 
anzunehmen, daß der, den Sie irrtümlich für einen 
Chauffeur gehalten baden, in Wahrheit mein Sohn ist." 
Der Vicomte de Marigny hatte wohl kaum in seinem 
Leben weniger geistreich ausgesehen als in diesem Augen 
blick. .. 
„Wäre das — wäre das denkbar?" brachte er mit 
Anstrengung heraus. „Cr sagte, sein Name wäre Westen- 
holtz." 
Um die glatt rasierte Oberlippe des Grafen zuckte es für 
einen Moment wie die Versuchung zu einem Lächeln. 
„Wenn er das gesagt bat, so hat er damit keineswegs 
die Unwahrheit gesprochen; denn meine Familie führt den 
Namen Westenholtz mit demselben Recht wie den Namen 
Hoiningen. Darf ich nunmehr fragen, mein Herr, mit wem 
ich die Ehre habe?" , . . . 
, Wenn der Graf sich in einiger Aufregung befand, so 
hatte er dazu sicherlich seine guten Gründe. Er war zu 
einer für seine Gewohnheiten ganz außergewöhnlich frugen 
Stunde von Frankfurt abgereist, weil s i e Schweiler, 
die verwitwete Gräfin Bruchhausen, ihm teilte möge 
Minute mehr gelassen haben würde, wenn er es ni.yt 
getan hätte. Die eigentliche Urheberin dieser Unruhe aber 
war keine andere als die Gralin Herta Treueniels, die 
die alte Dame durch einen sehr bedeutsame» Brief unsanft 
aus ihrer gewohnten Behaglichkeit aufgeschreckt halte. 
Kurt Dietrichs Unglück hatte es nämlich gewollt, daß 
die Fenster des von der Gräfin Treuenfels in dem Heidel 
berger Hotel bewohnten Zimmers eine» weiten Ueberblick 
über die Fahrstraße gestatteten und daß sie an dem Mor 
gen von Hoiningens Weiterfahrt schon ungewöhnlich früh 
zeitig aus den Federn gekrochen war. Hinter der Gardtiie 
verborgen, hatte sie der Abfahrt der reizenden jungen 
Amerikanerin zugesehen, und ihre scharfen Augen hatten 
auch in der Chauffeur-Vermummung mit unfehlbarer 
Sicherheit den hübschen Kurt Dietrich erkannt. Ob es 
nur weibliches Mitteilungsbedürfnis gewesen war, oder 
ob auch ein wenig Eifersucht dabei ihre Hand im Spiele 
gehabt hatte, jedenfalls hatte sie nichts E ligeres zu tun 
gehabt, als in einem ausführlichen Briefe an ihre alte 
Freundin und Gönnerin, die Gräfin Bruchhausen, über ihre 
interessante Entdeckung zu berichten und diesen Bericht mit 
einer Fülle pikanter Einzelheiten über Aussehen und Be 
nehmen, der bezaubernden jungen Amerikanerin, sowie 
mit allerlei boshaften Anspielungen auf die „Tugend 
wächterin" Frau von Ri.dberg auszuschmücken. 
Wie eine Bombe war dies Billett in das stille Haus 
der alten Dame gefallen. Ohne auch nur eine einzige 
Minute zu verlieren, hatte sie sich zu ihrem Bruder 
begeben, um ihm die sensationelle Neuigkeit mitzuteilen 
und unter Berufung auf die Ehre der Familie ein so 
fortiges energisches Eingreifen von ihm zu verlangen. 
Denn beim Lesen von Gräfin Hertas witzigem Geplauder 
hatte sie bereits eine Vision von einer Gräfin Hoiningen 
auf Westenholtz gehabt, die auf ihre Besuchskarten setzen 
mußte: „nee Pendlet»»", deren Vater drüben in Amerika 
den stolzen Beinamen eines „Schmalz ", „Schweine-" oder 
„Sliefelkönigs" führte, und die mit ihren Manieren einer 
Dollar-Prinzessin das Ansehen der Familie rettungslos 
ruinierte. 
Zu etwas so Entsetzlichem durste es natürlich niemals 
kommen, und kein Mittel war zu scharf und zu drastisch, 
um es zu verhindern. Noch ehe sie den Grafen Hoiningen 
aufsuchte, hatte sie an die Gräfin Treuenfels eine dringende 
Bitte um nähere Auskünfte telegraphiert. Aber die schöne 
Herta fand, daß es vielleicht nicht zweckmäßig fei, sich 
noch tiefer in diese Familienangelegenheit einzumischen, und 
sie hatte darum ihre Zofe veranlaßt, zu antworten, daß 
ihre Herrin Heidelberg schon wieder verlassen habe. Darauf 
war aus Frankfurt eine zweite Depesche an den Portier 
des Heidelberger Hotels abgegangen, und sie hatte inso 
fern ein besseres Ergebnis gehabt, als der Mann in der 
Lage gewesen war, ihnen Heilbronn und Bruchsal als 
die nächsten Raststationen auf Miß Pendletons Automobil 
tour anzugeben. Er konnte es, weil Sylvia Auftrag ge- 
geben hatte, ihr etwaige dringende Nachrichten ihres Vaters 
dorthin nachzusenden. Und wenn auch über diesem Hin- 
und Hertelegraphieren viel Zeit vergangen war, so war 
doch die Auskunft früh genug gekomnien. um dem alten 
Grafen bei Tagesanbruch die Abreise nach Bruchsal zu er 
möglichen. Er hatte wahrhaftig alles getan, was in seinen 
Kräften stand, um sein Eintreffen zu beschleunigen, und 
es waren denn auch wirklich nicht mehr als zehn Minuten 
gewesen, um die er zu spät gekommen war. 
In Marignys Kopfe hatten unterdessen die Gedanken 
mit Blitzesschnelle gearbeitet. Er war nicht einfältig, und 
nachdem er der ersten Ueberraschung Herr geworden war, 
sagte er sich, daß diese plötzliche Wandlung der Dinge für 
ihn selbst noch keineswegs mit Notwendigkeit eine Wand 
lung zum Besseren bedeuten müffe. Wenn schon der ein-
        
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