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Periodical volume Nr. 194, 19.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friederrarrer 
Anparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Wr. 263 
ZSertin-Iriedmau, Freitag, dm 7. Wovemver 1913. 
20. Japrg. 
Depeschen 
Leiste Ilkachrichten 
Berlin, Im Krupp-Prozeß wurde heute Bormittag 
die Beweisaufnahme geschlossen und mit den Plädoyers 
begonnen. Der Oberstaatsanwalt beantragte, die beiden 
Angeklagten Brandt und Eccins wegen Bestechung zu je 
5 Monaten Gefängnis zu verurteilen. 
Straßbnrg i. E. Als der Arbeiter Pierre in Billerupt 
in Lothringen von der Arbeit heimkehrte, fand er seine 
Wohnung in einer unbeschreiblichen Unordnung; der Körper 
seiner Frau lag, mit zahlreichen Wunden bedeckt, am 
Boden. Als er ins Nebenzimmer trat, fand er dort einen 
unbekannten Mann in, Todeskampfe liegen, der auch bald 
darallf verschied. Ein Teil des Mvbilars war verschwunden. 
Das kleine Töchterchen des Arbeiters sagte aus, daß zwei 
Männer in die Wohnung eingedrungen seien; sie hätten die 
Mutter bedroht. Wer der Getötete ist und warum er er 
stochen wurde, konnte bisher noch nicht aufgeklärt werden. 
Anist er dam. Der Notar Högardy im Haag drang in 
die Wohnung seiner Schwiegermutter und tötete seine Frau 
und seine Schwiegermutter durch Beilhiebe. Nach der Tat 
ließ sich Högardy ohne Widerstand verhaften. 
Paris. In einem Hotel des kleinen Städtchens 
Chalet im Departement Maine et Loire feierten zwei 
Brüder Engen und Gustav Poirier ihre Hochzeit mit zwei 
Schwestern Marie und Angele Mallet. An dem Hochzeits 
mahl nahmen ungefähr 60 Hochzeitsgäste teil. Im Laufe 
der Nacht erkrankten von den 60 Hochzeitsgästen 45 unter 
äußerst bedenklichen Vergiftungserscheiiiiiiigen. Zwei von 
den Erkrankten finb bereits gestorben, die übrigen sind in 
Lebensgefahr. Die Polizei ließ die Küche und "die Küchen 
geräte des Hotels beschlagnahmen. 
Rom. Die Mitglieder des Sladtrates von Nom haben 
ihre gestern gemeldete Absicht, ihre Mandate niederzulegen, 
ausgeführt. Es ist tstes im Einvernehmen mit der Mehr 
heit des Stadtausschusses geschehen. Die Euiennung eines 
königlichen Kommissars, der vorläufig die Geschäfte der 
Stadtväter übernehmen soll, wird erivarlet. 
Havanna. Als Felix Diaz, der aus Veracruz hier 
eingetroffen ist, gestern Abend auf der Promenade spazieren 
ging, wurde gegen ihn ein Anschlag verübt. Diaz erhielt 
einen Stich hinter das Ohr und mehrere Schläge mit einem 
Stock. Der Täter konnte verhaftet werden. Diaz ivurdc 
ins Hospital gebracht. 
Silzung cier Gemeindevertretung 
vom Donnerstag, dem 6. November 1013. 
Zu einem Konflikt zwischen Gemeindevertretung und Gcmcinde- 
vorsteher ist es in der gestrigen Sitzung durch einen Antrag des 
G.-B. Ott gekommen. Dieser wünschte, oaß im § 6 der Geschäfts 
ordnung den Gemeindeverqrdueten das Recht eingeräumt werde, 
gegen einen Ordnungsruf des Vorsitzenden die Entscheidung der 
Versammlung anzurufen. Bürgermeister Walger erklärte hierzu, 
daß er nach der Landgemeindeordnung die Ordnung in der Ge- 
meindevertretersitzuug zu wahren habe. Es stehe nach der LGO. 
keinem Gemeindeverordneten dagegen ein Einspruchsrecht zu. Er 
habe schon mit Rücksicht darauf, daß hier mehr städtische Ver 
hältnisse obwalten, sich mancher Rechte durch die Geschäftsordnung 
begeben, er sei aber nicht gewillt, sich noch mehr Rechte nehmen zu 
lassen. Er habe als Leiter einer Landgemeinde höhere 
Pflichten, als ein städtischer Bürgermeister und demnach be 
anspruche er für sich auch mehr Rechte. Wiederholt konnte er 
schon betonen, daß nach der LGO. die ganze Geschäftsordnung un 
gesetzlich sei. Er würde daher gegen einen Beschluß im Sinne des 
Antrages Ott Einspruch erheben. G.-V. Uhlenbrock stimmte 
dem Bürgermeister zu und setzte juristisch auseinander, daß den Ge- 
mcindcoerordneten nach der LGO. keine Rechte auf die Geschäfts 
führung zustehen. Die ganze Geschäftsordnung könne sich auf 
keinen Paragraph der L. G. O. stützen. Die G.-V. Ott, Richter, 
Dr. Heineckcr und Berger konnten sich dieser Anschauung nicht an 
schließen und waren der Ansicht, daß dem Antrage Ott statt 
zugeben sei, selbst auf die Gefahr hin, daß der Bürgermeister 
dagegen Einspruch erheben und im Prozeßwege die Geschäfts 
ordnung für ungültig erklärt werden sollte. Es würde dann 
endlich einmal Klarheit geschaffen. Außerdem habe der Landrat 
aber im Vorjahre selbst die Geschäftsordnung anerkannt. Schöffe 
v. Wrochem stellte den Antrag, einen Ausschuß einzusetzen, der die 
Geschäftsordnung einmal eingehend prüft. Dieser Antrag wurde 
abgelehnt, ebenso siel der Antrag des Bürgermeisters, den Orduungs- 
rufparagraphen in der Gcschäslsordnung zu streichen, da man da 
durch noch eine Verschlimmerung erwartet. Der Antrag Ott da 
gegen wurde in namentlicher Abstimmung mit 21 gegen ö Stimmen 
angenommen. Darauf erklärte Bürgermeister Walger, daß er den 
Beschluß beanstande. G.-V. beantragte utin, das Vcr- 
maltungsstreitverfahreu eiirzu leiten. Dieser Antrag fand 
einstimmige Annahme. Als Vertreter der Gemeindevertretung 
wurde auf Antrag Ott der stellvertretende Gemeindevorsteher 
Schöffe Bache bevollmächtigt. Längere Erörterungen rief wieder der 
Bericht des Rechnungsprüfu'ngsausschusses über dieJahresrechnungen 
von 1911 hervor. Dem Rechnungslegcr wurde die Entlastung er 
teilt, doch wurde in 2 Füllen die Rückerstattung von Kosten beschlossen. 
Es handelt sich einmal um zuviel berechnete Reisekosten der Schul 
direktoren und ferner um kleinere Beträge, die die Schuldirektoren 
aus dem Pauschquantum hätten zahlen müssen. Unter Mitteilungen 
machte der Bürgermeister Angaben über die Bevölkerungsbeivegung 
und die Wohnungsaufnahme. Die Feuerversicherung für die 
Schlippen auf dem Spielplatz am Maybachplatz wurde auf die 
Gemeinde übernommen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung 
wurden nach den Vorschlägen des Vorstandes erledigt. In den 
Vorstand der Landkrankenkasse wurden als Arbeitgeber gewählt 
Bürgermeister Walger, Schöffe v. Wrochem und G.-V. Sachs, als 
Ersatzmänner die G.-V. Dr. Lohmann, Schultz und Berger; von 
den Arbeitnehmern die Dienstboten Pauline Lenick, Luise Beck, Jda 
Richter, Marie Würzler, Jda Koch, Ottilie Krasel und sechs Dienst 
mädchen als Ersatz. In den Ausschuß wählte man 10 Dienstgebcr 
und 20 Dienstboten. Als Vertreter der Gemeinde auf dem 
Verbandstage des Preußischen Landesverbandes der Haus- und 
Grundbesitzervereine wurde mit 14 gegen 10 Stimmen Schöffe 
Sadve gewählt. — Wir bringen nun den Vcrhandlungsbcricht: 
Bürgermeister Walger eröffnet gegen 1 / i 8 Uhr die 
Sitzung. Er entschuldigt die fehlenden Herren Schöffe 
Lichtheim, G.-B. Eggert, Huhn, Kalkbrenner und Dr. Tänzler. 
Das Protokoll führt Bürodirektvr Sudan; anwesend sind 
ferner Baurat Altmann und Assessor Grundmann. 
Unter Mitteilungen gibt der Bürgermeister folgendes 
bekannt: 
Es ist von verschiedenen Seiten gefragt worden, ob der 
Gemeindeoerordnete Huhn ferner Mitglied der Vertretung 
bleiben könne, da er seinen Wohnsitz nach Wilniersdorf 
verlegt hätte. Er erklärte hierzu, daß Herr Huhn als Forense 
sein Amt weiter führen könne; er bleibe solange Mitglied 
der Vertretung als er Grundbesitz in Friedenau habe. 
Die Bevölkerungsbewegung von Juli bis Oktober 
verzeichnet einen Abgang von 5306 und einen Zugang von 
6268 Personen, sodaß der Mehrzugang sich auf 962 Per 
sonen stellt. Somit zählt Friedenau z. Zt. 41 385 Ein 
wohner. 
Die Forensal-Filialbetriebs- Steuerordnung ist 
genehmigt worden und tritt sofort in Kraft. 
Die Wohnungsaufnahme vom Oktober wird demnächst 
im „Friedenauer Lokal-Anzeiger" veröffentlicht werden. Nach 
Prozenten berechnet standen gegenüber den vorhandenen 
Wohnungen im Oktober d. I. 2,03 leer (gegen 4,1 im 
April d. I.). Darnach ist eine erhebliche Besserung im 
letzten halben Jahre eingetreten. Der Prozentsatz stellt sich 
gegenüber demjenigen in anderen Orten hier als sehr günstig dar. 
Im einzelnen standen leer von Wohnungen mit einem Zimmer 
2.1 Proz., von 2 Zimmern 0,9, 3 Zimmern 1,6, 4 Zimmern 
3,5, 5 Zimmern 3,7, 6 Zimmern 6,7, 7 Zimmern 7,4 und 
8 Zimmern 4,9 Proz. 9 und mehr Zimmer standen nicht 
leer. Bei den Geschäftsräumen beträgt der Prozentsatz bei 
solchen mit Wohnung 5,8, solchen ohne Wohnung 8,7. In 
Häusern mit Zentralheizung standen im Oktober 3,5 Prozent 
Wohnungen leer gegenüber 5,3 Proz. im April d. I. 
Der G.-V. Ott hatte eine Anfrage gestellt, wie es mit 
der Angestellten-Versicherung für die Gemeindebeamten 
stünde Der Gemcindevorstand hat sich im Mai d. I. an 
die Reichsversicherungsanstalt gewendet und erst vor drei 
Tagen ist die Antwort eingelaufen. Aber diese Antwort ist 
auch in der Weise erfolgt, daß man nicht weiß, was man 
damit anfangen soll. In den meisten Gemeinden ist die 
'■ Frage noch nicht geregelt. Es handelt sich darum, ob die 
Hälfte der Beiträge die Gemeinde und die andere Hälfte 
der Angestellte tragen soll oder ob dem Angestellten ein 
Recht auf künftige Bezüge gewährt werden soll. Wenn 
eine Kündigung eintritt und darüber eine andere Instanz 
entscheiden kann, so sind die Beamten versicherungsfrei. 
Bisher haben nur Steglitz, Charlottenburg und Schmargen 
dorf die Frage entschieden. In 14 Gemeinden ist die Sache 
noch in der Schwebe. Die Angelegenheit ist seitens der 
oberen Behörden noch vollständig ungeklärt. Er werde nun 
in den nächsten Tilgen den hierfür eingesetzten Ausschuß 
zusammenberufen, um zu einer Entscheidung zu kommen. 
G.-V. Ott meint, daß die betr. Beamten doch die Beiträge 
schon vom 1. Januar d. I. ab zahlen, vielleicht könne man 
ihnen die Rückzahlung dieser Beiträge in Aussicht stellen. 
Bürgermeister Walger: Darüber könne noch nichts gesagt 
werden, der Ausschuß muß sich damit erst beschäftigen. Das 
weitere werde sich finden. G.-V. Ott: Er möchte das nur 
Sylvias Chauffeur, 
Roman von Louis Tracy. 
26. (Nachdruck verboten.) _ 
„Es wäre vergebliche Mühe gewesen. Miß Pendle- 
ton," erwiverte Maiigny mit dem Versuch eines Lächelns, 
das nach allem anderen eher als »ach Herzensfröhlichkeit 
aussah. „Ihr Chauffeur ist unbewegl'.ch." 
„So sieht er allerdings au-. Warum schauen Sie so 
finster, Westenhoitz? Sind Sie ungehalten über Ihren 
Freund Bartels?" .. 
„Gewiß nicht. Miß Pendleton! Und ich hoste. Sie 
haben Ihre Meinung von gestern abend nicht üver Nacht 
geändert." _ 
Daß er sie an ihr unüberlegtes Wort erinnerte, ver 
letzte für einen Monicnt ihren Stolz. Sie zog die Augen- 
brauen ein wenig in die Höhe, und es klang kühler, 
als sie erwiderte: ^ . 
„Ich weiß nicht recht, was für eine Meinung das ge- 
wesen fein soll. Bartels crzählie mir gestern abend von 
seinem neuen Mißgeschick, und ich nahm an, d,.;z >^ie sich 
inzwischen mit ihm über i ie weitere Stellveriretiing ge 
einigt haben. Denn am Ende ist das doch ledigl.ch eine 
Angelegenheit zwischen Ihnen und ihm." . , 
„Ich hatte die Absicht, den Chauffeur Bartels als Ersatz 
für den weinigen anzubieten," mischte sich jetzt der Vicomte 
mit etwas belegter Stimme ein. „Aber Westenhoitz be 
stand darauf, Sie mit seinem Wagen noch bis Karlsruhe 
zu bringen." 
„Nur bis Karlsruhe?" wiederholte «ylma erstaunt. 
„Ich glaubte, die Verabredung gälte für den ganzen Rest 
meiner Tour." ' . 
„Das war es auch wohl, was der sr“ r Vicomte 
meinte" sagte Hoiningen mit einem scharfen Blick a..j d.n 
Franzo'en. „Er ist nur eben mit deu geographischen Ver 
hältnissen Deutschlands nicht so recht vertraut, wie wir ja 
erst an» gestrigen Abend erfahren tonnten. 
Cr lach. ,e, und ..in» die Li^,en Ms Vicomte ver 
zogen sich, >o daß seine weißen Naublierzähne auf- 
jchimmerten. 
„linal ck ist ein guter L.hriueister," entgegnete er. 
„Mein Mißg schick oom gest i »en Aoenü hat mich gelehrt, 
vorsichtig zu je»! — nicht vivs; in oezug auf mich, sondern 
in bezug auf andere und die Veurtei.ung ihrer Pläne. Sie 
müssen mir also schon gestatt», daß lch in meinen Ge 
danken vorläufig »och nicht über Karlsruhe hinausgehe." 
„Ich verstehe das nicht recht. Aber es ist mir auch 
genug, von Ihnen zu hören, lvohin Sie Ihren dl» Ballon 
zunächst zu steuern gedenken." 
„Ich hoffe, heule abend in Karlsruhe zu sein. Die 
Baronin sagte mir, daß Sie dort den Sonntag zu ver 
bringen gedenk.». Wenn das der Fall ist, darf ich viel 
leicht hoffen. Ihnen dort wieder zu begegnen?" 
„E- soll mir recht sein, »venn der Zufall uns dort zu 
sammenführt. Aber wir »vollen keine bestimmten Verab 
redungen treffen. Eine Vergnügungsreise, auf der man 
sich nicht seine volle Freiheit beivahrt, zu tun und zu lassen, 
was einen» eben in den Sinn kommt, hat von vornherein 
ihren schönsten Reiz verloren." 
Der Vicomte biß sich auf die Unterlippe. Er wußte 
genau, wie sorgfüliig die Amerikanerin ihren Reiseplan 
ausgearbeitet hatte, und wie genau sie sich an die einmal 
getroffenen Dispositionen hielt. Wenn sie sich jetzt den 
Anschein gab, als verabscheue sie jeden Zwang, so mußte 
sic dafür "Gründe haben, denen er unmöglich eine für ihn 
selber schkneichelhafte Deutung geben konme. Aber er kam 
nicht mehr dazu, seinem Befremde» oder seiner Betrübnis 
Ausdruck zu geben. Denn eben tauchte die Baronin Ried- 
berg auf der Bildfläche auf, erhitzt und aufgeregt, wie wenn 
sie von irgendeiner sehr anstrengenden Arbeit käme. 
„Entschuldigen Sie, teuerste S»)lvia, wenn ich Sie 
warten ließ," sagte sie, während sie die Stufen herunter- 
hastete. „Aber ich mußte notwendig noch an den armen 
Harro telegraphieren." 
Erst jeüt fielen ihre Augen auf Hoin ngen, und die 
Bestürzung über seinen Anblick spiegelte sich mit einer 
beinahe komischen Deutlichkeit in ih en Zügen. . 
„Was — was ist denn das?" brachie sie stotternd 
heraus. „Wieder dieser Wagen und dieser Chauffeur! 
Der Vicomte hatte mir doch gesagt " 
Vielleicht hätte sie in ihrer ersten Ueberraschung eine 
Unklugheit begangen, wenn nicht Marigny besonnen genug 
gewesen wäre, ihr ins Wort zu fallen. 
„Miß Pendleton hat leider nicht nur den Glauben an 
mich, sondern sogar das Vertrauen in meinen unschuldigen 
Wagen verloren," sagte er, indem er Sylvia einen Blick 
schmerzlichen Vorwurfs zusandte. Sie aber schien dieses 
Hin und Her nun endlich überdrüssig, denn in einem Ton, 
der sie als ihres energischen Vaters rechte Tochter kenn 
zeichnete. erklärte sie: 
„Um des Himmels willen — wollen wir es nicht 
endlich als eine desinitiv erledigte Angelegenheit ansehen, 
daß Westenhoitz an Bartels Stelle tritt, bis wir wieder in 
Frankfurt fein werden? Wir haben gewiß keinen Schaden 
davon, und wenn die beiden Hauptbeteiligten selbst damit 
zufrieden sind, so sehe ich wirklich keinen Grund, weshalb 
wir noch länger darüber debattieren sollten." 
Eine kleine Stille folgte ihren Worten, denn sie waren 
mit einein Ausdruck gesprochen, der in der Tat alle weiteren 
Einwendungen abschneiden mußte. Es geschah gewiß 
selten genug, daß Sylvia als die gebietende Herrin auf 
trat. Aber wen» sie sich eininal dazu veranlaßt sah, 
geschah es auch sicherlich in einer Weise, die keinen Wider- 
spruch aufkommen ließ. 
Als wollte sie durch verdoppelte Liebenswürdigkeit 
verhindern, daß die Baronin, die in der Tat etwas be 
treten aussah, sich ernstlich verletzt fühle, fragte sie sie 
sehr freundlich, welcher c-eite des Wagens sie den Vor 
zug gäbe, und über den» Austausch von Höflichkeiten, den 
die erheuchelte Bescheidenheit der würdigen Dame heraus, 
beschlvor, vergingen noch etliche Minuten. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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