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Periodical volume Nr. 260, 04.11.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenarree 
Anparteiische Zeitung silr kommunale und bürgerliche 
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Organ für den Kriedenauer Ortsteil non Ichbneberg nn> 
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Ar. 2«». 
Nerlin-Iricdenau, Dienstag, dm 1. AovemKer 1913. 
30. Iayrg. 
Wir bitten unsere verehrt. Leser, uns 
Bilder vom alten Friedenau 
(Photographien oder Zeichnungen) für kurze Zeit zur Verfügung 
zu stellen. 
Geschäftsstelle des Friedenauer Lokal-Anzeiger 
Rheinstr. 15. 
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Letzte Nachrichten 
Berlin. Der berüchtigte Ein- und Ausbrecher „Staats 
anwalt König" ist aus der Charitö entwichen. Der Ent 
sprungene ist ein 33 Jahre alter „Arbeiter" Robert Lange, 
der geraume Zeit an der Spitze einer aus vier Köpfen be 
stehenden Kollidiebesbande stand. Nach langen Beobachtungen 
war es endlich Mitte Januar d. I. gelungen, die gefähr 
lichen „Spezialisten" hinter Schloß und Riegel zu bringen. 
Nassau. In der vergangenen Nacht stürzte in Diez 
a. d. Lahn der 34 Jahre alte Hauptmann Glüngez von der 
1. Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 160 die Treppe 
in seiner Wohnung hinunter, als er gegen zwei Uhr sich 
vom Regiment nach Hause begeben wollte. Er erlitt einen 
schweren Schädelbruch und starb kurz danach. 
Frankfurt a. M. Die als Wohltäterin bekannte Frau 
Buisson stiftete dem evangelisch-lutherischen Almosenkasten 
360 000 M., aus dessen Zinsen arme Blinde in Groß- 
Frankfurt unterstützt werden sollen. 
Würz bürg. Hier wurde der Bankier Joseph Roefer 
verhaftet. Roefer war der Begründer der Süddeutschen 
Volksbank in Mergentbeiui (Württemberg), die nach Verlust 
von 050 000 Mark, d. i. -des Aktienkapitals am 15. Ok 
tober liquidieren mußte. 
Karlsruhe. Seit einigen Tagen wird hier der Rechts 
anwalt Dr. Karl Lorenz vermißt. Er ist u. a. Testaments 
vollstrecker im Nachlaß des 1910 verstorbenen Professors an 
der Kunstakademie, Ernst Schurth. 
Krakau. Der Fabrikant Ziembeicki ist in seiner Wohnung 
von drei Banditen überfallen und nach heftiger Gegenwehr 
erschossen morden. Herbeigeeilte Polizisten und Arbeiter 
wurden von den Banditen mit Reoolverschüssen empfangen, 
wobei acht Personen tödlich und mehrere andere leichter 
verletzt wurden. Es gelang den Banditen, zu entkommen. 
Rom. Der Pfarrer von Torri (Toskana) und dessen 
Wirtschafterin sind unter der Anklage verhaftet worden, ein 
ihrem Verhältnis entsprossenes Kind in Petroleum getaucht 
und verbrannt zu haben. Der Pfarrer beteuert seine Un 
schuld und nennt sich ein Opfer böswilliger Verleumdung. 
Die Wirtschafterin, die Mutter des Kindes, hat eingestanden. 
Le Havre. Der Schnelldampfer des Norddeutschen 
Lloyd, „Kronprinzessin Cecilie", unter dem Kommando 
Kapitän Rantzaus, ist gestern Abend von Neuyork kommend, 
im hiesigen Hafen eingelaufen. An Bord des Schiffes be 
finden sich die 22 Schiffbrüchigen des Dampfers „Patrie", 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
23 (Nachdruck verboten.) 
„Oh, das wäre nickt gut. Was sollte denn in diesem 
Fall aus uns werden?" 
„In diesem Fall — Ihre gütige Erlaubnis voraus 
gesetzt — würde ich auch weiterhin seine Stelle einnehmen." 
„Wirklich? — Wollten Sie das? — Aber die wichtige 
Angelegenheit, die Sie durchaus zwingt, nach Frankfurt 
zurückzukehren?" 
„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß es nicht un 
möglich sein würde, meine Dispositionen zu ändern." 
Wie ein Zittern der Freute ging es durch Sylvias 
Nerven. Und sie war eine zu ehrliche Natur, als üaß sie 
diese Freude ganz hätte verbergen können. Es lag fast 
ein wenig Koketterie in der Art, wie sie sich näher zu 
Hoiningen neigte und ihn fragte: 
„Glauben Sie, daß Ihr Freund Bartels nnch heute 
abend ebenso sicher und ebenso schnell gefunden haben 
würde, wie Sie mich gefunden haben?" 
„Ich wage nicht, diese Frage zu beantworten. Miß 
Pendlelon — aber es mag wohl sein, daß er Sie nicht ge 
sunden hätte." 
„Aber Sie halten den ganzen Vorfall doch wohl 
lediglich für einen Zufall — nicht wahr?" 
„Ob er die Folge eines Irrtums war oder etwas 
anderes — ich segne ihn, weil er mich in ccn Stand 
setzte. Ihnen einen geringfügigen Dienst zu erweisen." 
„Sylvia — liebe Sylvia," schrillte die Stimme der 
Baronin vom Hoteleinganü her, „Möchten Sie nicht 
die von der „Kronprinzessin Cecilie" auf hoher See gerettet 
waren. Sie erzählen, daß drei Mann der Besatzung von 
einer riesigen Sturzsee über Bord gespült wurden und trotz 
aller Anstrengungen nicht gerettet werden konnten. Die 
anderen blieben drei Tage lang im Sturm und ohne Lebens 
mittel auf dem Meere, bis sie im Zustande völliger Er 
schöpfung von dem deutschen Dampfer aufgenommen worden 
seien. Die „Patrie" selbst ist durch ein Feuer völlig zer 
stört worden. 
Madrid. Ein Telegramm aus Huelva bringt die 
Nachricht, daß auf der der Rio-Tinta-Gesellschaft gehörenden 
Mine San Dioniso eine Feuersbrunst ausgebrochen sei. Die 
Situation wird als äußerst ernst bezeichnet, doch wird mit 
geteilt, daß sich die Leute überall ruhig verhalten. Fünf 
englische und zwei spanische Werkführer, die in den 
brennenden Schacht San Dioniso hinabgestiegen waren, 
sind darin erstickt. 
Neuyork. Die „Associated Preß" meldet aus Mexiko: 
Der amerikanische Geschäftsträger hat dem Präsidenten 
Huerta ein Ultimatum zugestellt. Huerta müsse sofort die 
Präsidentschaft niederlegen und dürfe weder den Kriegs 
minister Blanquet noch irgendein anderes Mitglied seines 
Kabinetts als Nachfolger hinterlassen. Das Ultimatum 
wurde am Sonntag abgesandt und ist noch nicht beantwortet 
worden. 
Die GeldwirtTcbaft der deutschen 
Städte. 
Aon Oberbürgermeister Dr. Scholz, Charlottenburg. 
In einer nicht allzu fernen Vergangenheit vollzog sich 
in allen Gemeinden — wie das noch heute bei den kleineren 
unter ihnen der Fall ist — der Geldverkehr auf die denk 
bar einfachste Weise. Die regelmäßigen Einnahmen liefen 
in bar in die Gemeindekasse und erwarteten, dort zinslos 
liegend, bis sie durch Ausgaben konsumiert wurden. Das 
mag für kleine Verhältnisse und geringe Beträge unbe 
denklich sein. Anders aber wurde es, als mit dem 
Wachstum der Bevölkerung und der Steuerkraft immer 
höhere Summen zu den regelmäßigen Zahlterminen sich an 
häuften, als andererseits auch die zunehmende Anleihewirt- 
schast unter Umständen hohe Beträge auf einmal in die 
Kasse brachte, deren Ausgabe erst allmählich erfolgen konnte. 
Es drängte sich gebieterisch die Forderung der nutzbaren 
Anlegung dieser zeitweilig verfügbaren Gelder auf. Anderer 
seits bedingte die äußerst produktive Tätigkeit der Gemeinden, 
insbesondere auf baulichem Gebiete, oftmals plötzliche Aus 
gaben, für welche die Deckung in der Kasse nicht vorhanden 
und auf dem Anleihewege nicht schnell genug erreichbar 
mar: man wurde zur Aufnahme kurzfristiger Anleihen, 
sogen, schwebender Schulden, gedrängt. Zu diesen beiden 
Momenten trat ein weiteres, wichtiges hinzu: der Wunsch, 
dem Publikum den Verkehr mit den städtischen Kassen nach 
Möglichkeit durch Schaffung moderner Einrichtungen zu 
erleichtern. 
Durch diese Gründe veranlaßt, andererseits durch 
Gesetzgebung oder Verordnungen fast nicht beschränkt, 
konnten sich die städtischen Einrichtungen immer mehr ver 
kommen ? Ich bin ja aus dem Punkte, vor Erschöpfung 
und Hunger zu sterben." 
„Lassen Sie mich also hoffen, daß Bartels nicht 
kommt," flüsterte die junge Amerikanerin, und ohne eine 
Antwort abzuwarten, sprang sie leichtfüßig aus dem Wagen. 
Mit einem tiefen Glücksgefühl im Herzen blieb Hoiningen 
Zurück. Nie zuvor hatte ihm Sylvia einen ähnlichen Be- 
weis ihres Vertrauens und ihres Wohlgefallens gegeben 
als mit diesen letzten Worten, die für ihn sicherlich nicht 
weniger bedeutsam wurden dadurch, daß sie ihr vielleicht 
halb gegen ihren Willen entschlüpft waren. In der Tat 
fühlte Sylvia etwas wie eine leise Anwaildlung von Reue. 
Und hundertmal während der nächsten halben Stunde 
legte sie sich die Frage vor, was Westenholtz jetzt wohl 
von ihr denken würde. Aber sie vermochte sich seltsamer 
weise trotzdem keine ernsthaften Vorwürfe zu machen. 
Die Beweise von Ergebenheit und von persönlicher Anteil 
nahme, die er ihr an diesem Nachmittag erwiesen, hatten 
einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Und wenn sie vor 
übergehend geneigt gewesen war. ihm wegen seines sonder 
baren Benehmens gegen die Baronin und gegen den 
Vicomte de Marigny zu zürnen, so war diese kleine 
Mißstimmung längst verflogen vor der sicheren Empfindung, 
daß dies Benehmen denscloen Beweggründen entsprungen 
sei, die ihn getrieben hakten, alle seine Kräfte für ihre 
Befreiung aus einer peinlichen Lage einzusetzen. 
Warum also hätte sie ihm nicht zu erkennen geben, 
sollen, daß sie sich ihm zu Dapk verpflichtet fühlte? War 
der gesellschaftliche Rangunterschied zwischen ihm und ihr 
wirklich ein stichhaltiger Grund, ihm vorzuenthalten, was 
sie jedem ritterlichen Manne ihrer eigenen Kaste anAner- 
tennung seines Verhaltens schuldig gewesen wäre? — 
vollkommnen und berechtigten neuzeitlichen Anforderungen 
anpassen. 
I. Im allgemeinen kann festgesetzt werden, daß heute 
das Geschäftsgebaren einer großstädtischen Kasse bereits völlig 
banktechnische Formen zeigt, wenn anders sie nicht hinter 
der Zeit zurückbleiben will. Die Stadtverwaltungen bedienen 
sich im Verkehr mit Banken nicht nur, sondern auch mit 
Steuerzahlern und Lieferanten im weitesten Umfang des 
Scheck- und Ueberweisungsoerkehrs, sie stehen mit ihren 
Nebenkässen und mit Bankhäusern in Kontokorrentverbindung, 
sie beleihen ihre Werte (Lombardverkehr), sie geben und 
nehmen Wechsel, sie geben — wenigstens einige unter 
ihnen' — Hypothekendarlehen in großem Umfange, sie 
machen unter Umständen Ultimogeschäfte, sie unterhalten 
bedeutende Sparkassen, kurz, es gibt, abgesehen von den 
reinen Spekulationsgeschäften, kaum einen Zweig des Bank 
wesens, der nicht von ihnen betrieben wird. Es muß im 
allgemeinen unumwunden anerkannt, ja höchsten Lobes 
gewürdigt werden, daß die Gemeindebeamtenschaft, der an 
sich und ihrer Vorbildung nach derartige Aufgaben mehr 
oder weniger fremd waren, sich mit großem Geschick in die 
veränderte Sachlage gefunden hat. Trotzdem liegt es nahe, 
besonders im Zeitalter der Spezialisierung auf allen 
Gebieten, daran zu denken, die rein geldwirtschastliche Seite 
einer großstädtischen Finanzverwaltung einer banktechnisch 
durchgebildeten Persönlichkeit anzuvertrauen. Was den 
Tätigkeitskreis dieses städtischen Finanzdirektors, wenn wir 
ihn so nennen wollen, anlangt, so gibt schon die oben er 
wähnte Aufzählung bankmäßiger Geschäfte einer Groß 
stadt, die sich im Interesse von Gemeinde und Bevölkerung 
noch erweitern läßt, die nötigen Fingerzeige. 
Die Schaffung größtmöglicher Sicherheit bei gleich 
zeitiger Bequemlichkeit des Publikums im Barverkehr, die 
möglichste Ausbreitung des bargeldlosen Verkehrs bei den 
städtischen Kaffen, die Regulierung des augenblicklichen 
Bedarfs und der zeitweilig disponiblen Mittel der 
einzelnen Kaffen untereinander, die möglichst nutzbringende 
Anlage verfügbarer Bestände, die Beschaffung sowohl 
des vorübergehenden Bedarfs durch Aufnahme schwebender 
Schulden, wie des dauernden durch Begebung fester Anleihen, 
die Pflege des Kurses der eigenen Obligationen, der best 
mögliche Ankauf der zu Tilgungszwecken benötigten Papiere 
— die letzteren Zwecke vielleicht erreichbar durch regelmäßige 
persönliche Vertretung an der am Ort befindlichen oder be 
nachbarten Börse — endlich etwa eine kaufmännische Be 
ratung der Verwaltung der städtischen industriellen Werke: 
der Aufgaben, die eines solchen Mannes warten, sind wahr 
lich genug. Denkt man noch, über den Rahmen der schon 
jetzt bei den Großstädten üblichen Geschäfte hinaus, an eine 
Nutzbarmachung sonstiger-, bankmäßiger Einrichtungen im 
Interesse des Publikums' — beispielsweise die Eröffnung 
von verzinslichen Kontokurrentkonten für die Steuerzahler — 
so wird man zugeben müssen, daß es an einem ausreichenden 
Tätigkeitskreise für einen derartigen Beamten wohl nicht 
fehlen dürfte. 
II. Der Geldverkehr der Städte beginnt immer freiere, 
den Vankgebräuchen sich annähernde Formen anzunehmen. 
a) Es ist bei großen und mittleren Gemeinden nahezu 
Hoiningen hatte unterdessen den Hotelportier zu sich 
herangerufen und auf seine Fragen von ihm erfahren, daß 
um fünf Uhr nachmittags ein Automobil von Frankfurt in 
Bluchsal angekommen sei, daß der Chauffeur, der den 
leeren Wagen geführt, sich erkundigt habe, ob Miß Pendleton 
schon angekommen sei, und daß er auf die Mitteilung hin, 
sie würde zun: Abendessen im Hotel erwartet, erklärt habe, 
er würde nach dem Souper noch einmal vorsprechen. 
„Etwas später," fügte der Mann hinzu, „kam auch noch 
ein anderer Chauffeur mit der nämlichen Frage. Der 
aber hatte keinen Wagen bei sich, und er hat auch nichts 
vom Wiederkommen gesagt." 
„Ich danke Ihnen, mein Freund," erwiderte Hoiningen. 
„Das war es, was ich zu erfahren wünschte. Nun aber 
haben Sie wohl die Freundlichkeit, drinnen im Hotel 
Herrn von Riedberg aufzusuchen und ihm auszurichten, 
daß ich ihn in dringender Angelegenheit sogleich zu sprechen 
wünsche." 
„Sie wünschen ihn zu sprechen — hier auf der Straße ?" 
„Ja, ick kann meinen Wagen nicht verlassen, und 
wenn Sie dem Herrn sagen, daß es sich um etwas sehr 
Dringendes handelt, wird er schon kommen." 
Und der Herr Oberleutnant kam in der Tat. Seine 
Mutter hatte natürlich nicht unterlassen, ihn über den An 
teil aufzuklären, den der verhaßte Chauffeur-Stellvertreter 
an dem Zusammenbruch ihres schönen Planes gehabt, und 
er fühlte sich darum sehr geneigt, mit dem unbequemen 
Menschen ein Hühnchen zu pflücken. Mit seiner arrogan 
testen und hochmütigsten Miene trat er an den Wagen 
heran, blies Hoiningen eine dicke Wolke Zigarettenqualm 
ins Gesicht und fragte mit jenem geringschätzigen Ton, 
durch den einfältige Menschen zu markieren lieben, daß. sie
        
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