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Periodical volume Nr. 93, 21.04.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenarree 
Unparteiische Zeitung für tmmnale und bürgerliche 
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wir auch cliosesnial wieder eine rege 
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eingeführten „Adressbuch für Friedenau 4 
erwarten. Verlangen Sie uns. Vertr ter. 
Depeschen 
£ctjtc D.icJirichten 
Versailles. Der Flieger Ernst Ctoeffler, der mit 
seinem Passagier, Ingenieur Seekatz, um 3 Uhr 15 Min. 
früh auf dem Flugfelde Villacoublay zum Rückfluge nach 
Deutschland aufgestiegen war, stürzte über dem Park von 
Versailles aus einer Höhe von 150 Meter ab. Stoeffler 
blieb unverletzt, seinem Passagier wurde das rechte Bein 
verletzt. Das Flugzeug wurde zertrümmert. 
Nim es. In der Nähe von Malbose im Departement 
Ardeche entgleiste der Expreßzug Paris - Nimes in Süd- 
Frankreich. Der Zug war in voller Fahrt. Die ersten 
beiden Wagen stürzten die Böschung herunter. Zwei 
Reisende wurden getötet, zehn andere schwer verletzt, die 
übrigen Passagiere der entgleisten Wagen konnten nur mit 
großer Mühe gerettet werden. 
Metz. Hauptmann Hildebrand von der 2. Kompagnie 
des Fliegerbataillons Nr. 1, der langjährige Zeppelinsührer, 
ist am Montag mit dem Pserde gestürzt und gestern gestorben. 
Gent. Eine große Knochenmühle und acht dazu 
gehörige Arbeiterhäuser sind trotz der größten Anstrengungen 
der Feuerwehr ein Raub der Flammen geworden. Menschen- 
leben sind nicht zu beklagen, doch ist der Materialschaden 
sehr bedeutend. 
Cadix. Hier ist ein drahtloses Telegramm ange 
kommen, in dem der Kapitän des Lloyddampfers „Kron 
prinzessin Cäcilie" meldet, er habe 2 Mann des gescheiterten 
französischen Dreimasters „Patrie" gerettet. Das Wrack 
stand in Flammen. 
Vigo (Spanien). Der deutsche Dampfer „Kalymnos" 
lief brennend in den hiesigen Hafen ein. Die hellen 
Flammen schlugen aus dem Schiff. Sofort eilten mehrere 
Schiffe, darunter der englische Kreuzer „Cumberland" dem 
deutschen Schiffe zu Hilfe. Alle Versuche, das Feuer zu 
löschen, waren jedoch vergeblich. Man mußte den „Ka- 
Sylvia© Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
20. (Nachdruck verboten.) 
Es war umsonst. Ihre letzten Worte wurden schon 
wieder übertönt von dem Stampfen und Rattern des 
Motors, und Hoiningen hatte es in grenzenloser llnhof- 
lichkeit sogar verschmäht, ihr irgend eiwas zu erwidern. 
Der Weg war von Anfang an nicht gut gewesen, und 
er wurde bald noch viel schlechter. Es ging bergauf und 
bergab durch eine rauhe, unwirtliche Lanofchaft, in der 
die menschlichen Siedlungen offenbar nur sehr spärlich 
waren. Aber die Mühsal, diesen Weg zurückzulegen, 
machte sich für Hoiningen überreich belohnt. 
Als sie wieder die Spitze eines Hügels gewonnen 
hatten, gewahrte er vor sich in der Talsenkuug etwas 
Helles, Bewegliches, das seine scharfen Augen schon wenige 
Sekunden später als Sylvia Pendletons za:t;arb>gen 
seidenen Staubniantel unterschieden. Und nun sah er auch, 
daß sie ihnen mit ihrem Taschentuche zuwinkte. Die 
Baronin aber hatte sich erhoben und rief mit wei hin ver 
nehmlicher Stimme, deren kreischender Klang offenbar die 
höchste Freude ausdrücken sollte: 
„Wahrhaftig, Westenholtz, Sr.' hatten recht. Der 
Bicomte muß den Weg verloren traben, und cs muß ihm 
irgend etwas Unangenehmes zugestoßen sein. Wie herrlich, 
daß Sie diese Ahnung hatten! Und wie sehr freue ich 
mich daß ich nicht ernstlich versucht habe. Sie zur Fort 
setzung der Fahrt nach Bruchsal zu zwingen!" 
Hoiningen empfaild beinahe etwas wie Bewunderung 
für die lnip'eliose Unverschämthcit dieser Frau, die sich 
durch nicht-länger als für einen kurzen Augenblick aus der 
Ihmnos" schließlich auf den Strand laufen lassen. Die ge 
samte Mannschaft konnte gerettet werden. 
Neuyork. Dem New Mrk Herald zufolge glauben 
die Freunde des Erpräsidenten Castro von Venezuela, daß 
dieser entweder tot sei oder als Gefangener in Venezuela 
zurückgehalten werde. Schon seit einem Monat hätten sie 
vergeblich versucht, Nachricht von ihm zu erhalten. 
Zum Reformationsfeft 
„Die deutsche Geschichte seit der Reformation ist ein 
großer, geistlicher Bau; der Architekt, der ihm die Seele ein 
haucht, ist das aufrichtig fromme und vom göttlichen Geist 
belebte deutsche Gemüt" — so sagt der verewigte sächsische 
Kircheurat I). Friedrich Meyer. Und „ohne die Tat des 
31. Oktober 1517 wären für Deutschland niemals die 
Oktobertage von 1813 und die Septembertage von 1870 
gekommen!" — so schreibt der Verfasser des Werkes „Luther 
als Erzieher". Fürwahr: nie haben mir es deutlicher 
gefühlt und verstanden, als in diesem Jahre erhebendster 
deutscher Erinnerungen, wie eng, ja unlösbar die beiden 
zusammengehören: gut Deutsch und gut Evangelisch. Wer 
anders als Luther, der tatfrohe Sproß aus sächsischem 
Bauerngeschlecht, hat uns den weltüberwindenden Idealismus 
wieder heraufgeholt aus den Tiefen deutschen Gemütes, in 
denen er, sein selbst nicht mehr bewußt, schlummerte und 
träumte! Jenen Idealismus, der nicht untergeht in der 
sichtbaren Welt, der auch in trüben Zeiten und dunklen 
Führungen sich den Glauben an Gott bewahrt, der mitten 
im Kampfe sich bereits freut des gewissen Sieges! Wer 
anders als Luther, der aufrechte Sohn eines auch in den 
kleinsten Dingen aufrechten und wahrhaftigen Elternpaares, 
hat den Weg gebahnt zur unwandelbaren Treue gegen das 
Gewissen, zu unverbrüchlicher Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, 
und damit zu der geistigen, wie auch zu der äußeren und 
politischen Freiheit, deren wir uns heute im deutschen 
Vaterlande erfreuen dürfen. So ist es in Wahrheit Luther- 
geist, der in den großen Männern der Befreiungszeit 
lebendig war, der das unerträgliche Joch vom Nacken des 
deutschen Volkes schüttelte, der dem Bauer und Bürger den 
Weg freilegte zur Mitarbeit an den Geschicken seines Volkes 
und dadurch zur rechten Lebensfreude und zu frohem 
Schaffensdrang. Wenn die deutschen Protestanten am 
Reformationsfest sich dieser Zusammenhänge bewußt werden, 
so enthält das wahrhaftig keine feindselige Spitze gegen die 
deutschen Katholiken. Auch für sie ist die Reformation von 
weltgeschichtlicher und segenbringender Bedeutung. Luthers 
Büste in der Kehlheimer Walhalla gilt dem großen deutschen 
Mann, und wenigstens in der Vergangenheit haben edle 
Katholiken anerkennen dürfen, daß es etwas Eigenes um 
den deutschen Katholizismus ist, weil die katholische Kirche 
in segensreicher Wechselwirkung mit der evangelischen leben 
kann und muß. Zum mindesten sollten sie begreifen, daß 
die Mehrheit des deutschen Volkes allen Grund hat, sich 
Lulhers und der Reformation zu freuen. Die Dankbarkeit 
für Luthers Tat ist selbst ein Stück Religion. Denn es ist 
eine Fülle von unersetzlichen Gütern, die seit dem Entstehen 
Fassung bringen ließ. Aber seine Gedaiiken waren in 
diesem Moment doch viel zu sehr mit anderen und wich 
tigeren Dingen beschäftigt, als daß sie sich noch lange bei 
der „trefflichen" Frau von Riedberg hätten aufhalten sollen. 
Er hat:e Sylvia wiedergesunden, und er hatte sie gefunden, 
ehe es zu spät gewesen war. Diese Gewißheit war es, die 
sein Herz mit einer unermeßlichen Flut hellsten Jubels 
erfüllte. 
7. Kapitel. 
Sylvias Augen leuchteten, als Hoiningen seinen Wagen 
ganz nahe bei ihr zum Stehen brachte; aber ihre Wangen 
waren sehr bleich. Deutlich genug waren die Spuren der 
ausgestandenen Seelenangst noch immer auf ihrem schönen 
Antlitz wahrzunehmen. 
Der erste Teil der Fahrt war ja so angenehm und 
unterhaltend gewesen, als sie es sich nur immer hätte 
versprechen können. Der Wagen lief trotz seiner Schnellig 
keit sanft wie ein Schlitten im tiefen Schnee, und der 
Bicomte zeigte sich als der liebenswürdigste Eauseur von 
der Welt, wyloia fühlte wohl, daß seine Art, hübsche 
Dinge zu sagen und sie auf die Schönheiten der Gegend 
aufmerksam zu machen, nicht die feine, kluge und zart 
fühlende Art war, die sie mit so viel Freude au der Gesell 
schaft ihres Chauffeurs Westenholtz erfüllt hatte. Und merk 
würdigerweise waren ihre Gedanken auch jetzt viel mehr 
bei jenem als bei ihreni galanten französischen Begleiter 
gewesen. Aber sie hätte nicht eine verwöhnte junge Dame 
sein müssen, wenn sie nicht auch an den geistvollen Artig 
keiten wie an dem schlagfertigen Witz des Bicomte einiges 
Wohlgefallen gefunden hätte. Seine Huldigungen waren 
ja weit entfernt von zudringlicher Dreistigkeit, und nicht für 
einen Augenblick kam ihr. die Empsindung, daß sie unrecht 
der Reformationskirche der deutschen Nation und der 
Menschheit überhaupt zugekommen sind. 
„Luthers weltgeschichtliche Tat", so schreibt Amold E. 
Berger, der bekannte Darmstädter Lutherforscher, in seiner 
Schrift: „Ursachen und Ziele der deutschen Reformation 
(Säemann-Derlag, Berlin W35) „hat eine doppelte Seite: 
sie wandte sich einerseits an das Individuum, andererseits 
an die Gesellschaft. Indem er gegen eine ganze Welt von 
Feinden die Gewissensfreiheit als das unveräußerliche Recht 
des Individuums für sich in Anspruch nahm und kraft 
dieses Rechts allein sich behauptete, hat er zuerst die Vor 
aussetzungen geschaffen, aus denen auch jene sittliche , und 
intellektuelle Freiheit erwachsen ist, welche wir als die 
unentbehrliche Lebenslust unseres geistigen Daseins empfinden: 
hätten wir keinen Luther gehabt, so hätten wir auch keinen 
Kant und keinen Goethe haben können. Unsere Gesellschaft 
aber hat Luther von einem ungeheuren Druck geschichtlicher 
Traditionen befreit: indem er den römischen Kirchenbau zer 
schlug, den Staat und alle weltlichen Ordnungen der kirch 
lichen Vormundschaft entrißF,hat er der Laienkultur ihr 
selbständiges heiliges Recht und ihre Freiheit erstritten und 
sie gelehrt, ihre Stärke und ihre Zukunft zu suchen im 
nationalen Gedanken. Indem Luther endlich den Nachweis 
erbrachte, daß all unser Handeln in der Welt, wofern es 
geheiligt wird durch deu Glauben, christliches Handeln ist 
oder Gottesdienst, hat er zum ersten Male — was dem 
Humanismusnichtgelungen war — die Religion mit dem Welt 
leben in Einklang gebracht, die Religion zum Herzschlag des sitt 
lichen Charakters gemacht, für die gesanite sittliche Arbeit in 
allen Standes- und Berufsarten die Anknüpfung an das 
Ewige gefunden und somit das Christentum zum ersten 
Male als soziale Religion verstehen gelehrt. Freilich sind 
weitaus nicht alle jene Verheißungen, unter denen die 
Reformation in das Leben trat, erfüllt, ja zum Teil werden 
sie erst heute wieder ganz begriffen. Aber der deutsche 
Protestantismus ist nun mehr denn ein Jahrtausend jünger, 
als der römische Katholizismus; dies läßt hoffen, daß seine 
größten Leistungen ihm noch bevorstehen. Die werden 
kommen, wenn ihre Zeit erfüllt ist; und wenn inzwischen 
nur der echte Luther, der Besieger römischen Christentums, 
in deutschen Herzen dauernd lebendig bleibt, dann wird auch 
nicht zu besorgen sein, daß „der große Moment" finde „ein 
kleines Geschlecht". 
Unsere Schulen feierten heute das Reformationsfest 
durch zwei Gottesdienste in der Kirche zum guten Hirten. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die snächste Gemeiudevertretcrsitzung findet am 
Donnerstag, dem 0. November d. Js., Abends 7 Uhr im 
Sitzungssaale des Reformrealgymnasiums (Homuthstraße) 
statt. Die Tagesordnung finden unsere Leser im Anzeigenteil 
dieser Nummer. 
o Ueber die Verlegung des Wannseebahnhofs 
Friedenau weiß die „Post" folgendes zu berichten: Die 
seit längerer Zeit schwebenden Verhandlungen, die zwischen 
daran getan haben könnte, sich ihm anzuvertrauen. Dann, 
nachdem sie auf den falschen Weg abgebogen waren, hatten 
sich freilich die Annehmlichkeiten der Fahrt sehr wesentlich 
verringert. Der du Ballon war sicherlich ein ausgezeich 
neter Wagen für gute Straßen, aber seine Bequemlichkeit 
ließ viel zu wünschen übrig, wenn es sich um die Bewäl- 
tigung so schlechter Wege handelte, wie sie jetzt einen 
passieren mußte». Seine schwere Bauart und sein langes 
Chassis machten alle Unebenheiten der Straße für die In- 
fassen empfindlich fühlbar, und Sylvia konnte nicht um- 
hin, ihrer Ueberraschung Ausdruck zu geben. 
„Man hat mir doch gesagt, die Straßen zwischen 
Heilbronn und Bruchsal seien sehr gut. Diese hier aber ist 
die erbärmlichste, auf der ich bis jetzt in Deutschland ge- 
fahren bin. Wir befinden uns doch nicht etwa auf einem 
falschen Wege?" 
„Gewiß nicht. Miß Pendleton l Es gibt allerdings 
zwei verschiedene Wege nach Bruchsal, und es mag sein, 
daß sich der andere in etwas besserem Zustande befindet. 
Dafür aber ist dieser hier bedeutend kürzer, und mein 
Chauffeur hat jedenfalls aus diesem Grunde geglaubt, ihm 
den Vorzug geben zu sollen.- 
Sylvia beruhigte sich, bis plötzlich etwas Unvermutetes 
geschah. Als der du Ballon aus einer der vielen Tal 
senkungen heraus wieder bergauf klettern sollte, verweigerte 
er nämlich den Dienst. Der Chauffeur kletterte mit einer 
halblauten Verwünschung von seinem Sitz herab, um nach 
einer kurzen Untersuchung der Maschine sehr kleinlaut zu 
erklären, daß m.an nicht weiter könne, weil er versäumt 
habe, den Benzinbehälter zu füllen und weil man un 
glücklicherweise auch keinen Reservevorrat mitgenommen 
habe. Der Bicomte erheuchelte eine gewaltige Entrüstung 
über dies Geständnis- Er machte dem Chauffeur die
        
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