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Periodical volume Nr. 25, 29.01.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

seine Wohnung wohl auch für seine „Burg" hallen. Di« 
kleinen Leute aber, die nur über wenige Räume verfügen 
und von diesen abvermieten, um überhaupt leben zu können, 
würden unter einer Abart der Polizei-Aussicht stehen, wenn 
dem WohnnngSausseher gestaliet sein sollte, sie und ihre 
Aftrrmieter schon um 5 Uhr früh au» den Betten holen 
zu dürfen. Ha» mög wohl.-ulässia sein, wenn begründete 
Beschwerden in sanitärer yver sittlicher Beziehung vorge 
bracht worden sind, eint so einschneidende Maßregelung 
der kleinen Vermieter und Mieter, sie von früh 5 bis 
abends 10 Uhr unter .Kontrolle" zu stellen, erscheint un 
gerechtfertigt und könnte dazu führen, daß viele Tausende 
dieser Armen völlig errperhSloS werden und der Allgemein 
heit zur Last fallen. Dt« Besichtigungszeiten bet 8 2 
müssen danach zum Mindesten ganz beträchtlich eingeschränkt 
werden, sonst könnte die WohnungSau'ficht bald zur 
WohnungS-„ Spitzelet" ausarten. 
o Ja» Hinblick auf die Elektrisierung der 
BerttNep Ltadt- und Vorortbahnen dürfie die Mit 
teilung von'J.tteress« sein,'daß die London Brighton and 
South Coast Bghn, deren elektrische Linien sich bisher auf 
70 Merlen Gleise erstreckten, alle Vorortlinten zu 
elektrisieren beschlossen hat, sodaß daß gesamte elektrische 
Netz der Bahn sich dann auf 190 Meilen belaufen wird. 
Der Londoner ,Standard" bemerkt dazu: die Verwaltung 
sei zu diesem Entschlüsse gelangt, nachdem sie sich von 
den ausgezeichneten Resultaten deS elektrischen Betrieber 
überzeugt habe; die Gesellschaft werde den Einphasen- 
Wechselstrom verwenden, der sich als da« beste System für 
größere Entfernungen bewährt habe. 
o Da- Hypothekenamt iu Weitzensee ge 
nehmigt. Der Minister der Innern hat einem Antrage 
deS Wetßenseer GemeindeoorstandeS entsprochen, der die 
Bildung eines Amte« zur Besorgung zweiter Hypotheken 
für die Borortgemeinde vorsteht. Vorgeschrieben worden 
ist nur, daß eine Genossenschaft gebildet wird, die der Ge 
meinde gegenüber für die Hypothekengelder haftet. Für die 
Hergäbe der zweitsteyigen Hypotheken ist von den Haus 
besitzern etye einmalige Provision von zwei Prozent zu 
zahlen. Die Darlehen sind zu amortisieren und zwar mit 
einem Prozent, soweit sie nicht über 6000 M. betragen. 
Darüber hinau» beträgt die Amortisation zwei Prozent. 
Die Gemeinde will vorderhand für da« Hypoihekeuamt 
eine Anleihe von mehcerrn Millionen Mark aufnehmen. 
o Aus unserem Ätslfe. Ueber die Entwicklung 
der KretSstraßenbahnen im Jahre 1912 dürften einige 
Mitteilungen von Interesse sein. Auf den Linien Lichter- 
felde—Steglitz—Lankwitz—Südende stellte sich die Zahl 
der beförderten Personen auf 5 030 996 und die Betriebs 
einnahmen auf 488 019 M. Für die weitere Kreisbahn 
Lichterfelde—Machnower Schleuse waren die Zahlen ein 
schließlich der am 2. November 1912 eröffneten Linie 
Händelplatz—Parklrirdhos—Müllerstraße folgende: Zahl 
der beförderten Personen 1 253 054, Betriebseinnahmen 
152 053 M. 
o A» den türkische» Obersten Enver Bey 
haben mehrere türkenfreundliche Herren, die zur Kaiserk- 
Geburtstags >Feier in den Weinstuben von Trarbach 
Nachflz. (Inh. Waldemar Reuter). Moselstr. 1-2 ver 
sammelt,waren, einen Gruß gesandt. AIS die Herren die 
politische Weltlape besprachen, würde von einem Herrn 
angeregt, dem Obersten Dover Bey eine Ansichtskarte zu 
schicken. Der Vorschlag fand sofort die Zustimmung der 
Übrigen Festteilnehmer In ihrem Schreiben beglück 
wünschen dir Herren Enoer Bey zu seinem sichele», ziel 
bewußten, von Vaterlandsliebe zeugenden Vorgehen und 
bringen zum Au?d uck, daß sie froh wären, wenn D-msch- 
land ebenfalls einen solch tüchtigen und larkläittgrn Mann 
besitzen würde. 
o Quittung. Für das Jürgensen-Grabdenkmal 
gingen uns von einer Vereinigung 20 M. zu. Dank der 
Opferfreudgk-tt der Freunde der verstorbenen DichrerS sind 
in letzter Zeit die Beiträge zur Sammlung für die Er 
richtung rin S Jürgensen-Grabdenkmal etwas reichlicher ge 
flossen, sodaß der Ausschuß nunmehr arbeiten kann. Aller 
dings reichen die vorhandenen Gelder noch nicht au? da 
sich die Unkosten noch vergrößert haben. Notwendig ist 
ferner, daß ein kleiner Fond« festgelegt wird, ous deffen 
ZinS und ZinseSzinS die ständige Wiedererwerbung der 
Grabstelle nach Ablauf der Liegefristen möglich ist. 
o Der Verein der Gartenfreunde hielt gestern 
Abend im „Hohenzollern" seine Hauptversammlung ab, die 
der Vorsitzende H-rr RechnungSral Richter gegen 9 Uhr 
eröffnete. Unter Mitteilungen gab rr bekannt, daß eine 
Anzahl Mitglieder, die ihr Laubenland hinter dem Fried 
hof aufgeben mußten, ihren Austritt erklärt haben. Er 
bedauert diesen Abgang sehr, umsomehr, al» der JahreS 
beitrag ein außerordentlich geringer »st, wofür der Verein 
so vieles bietet. Die Stiftungsfeier, die als ein Eitbein- 
rffcn gedacht war, hat im November verschoben werden 
müssen. PaS ist j?doch nicht die Schuld d°8 Vorstandes. 
Kurz vor der für die Anmeldungen festgesetzten Frist er 
hielt der Vorstand von dem Hohenzollernwirt Herrn Müller 
die Mitteilung, daß der obere Saal bereits an den Männer- 
S-sangvkretn vergeben wäre; der Verein der Gartenfreunde 
wöge daher mit dem großen Gaal „füllieb"fnehm,n. Da 
aber bi» dghin erst 37 Teilnehmer angemeldet waren, die 
Ach in dem großen Saal nicht wohlgefühlt hätten, mußte 
der Vorstand die Feier absagen. Obwohl nachher noch 
zahlreiche Anmeldungey eingingen, sodaß mit 70 Teil 
nehmern zu rechnen wer. wärt der große Saal durch seine 
schwere Beheizbarkeit doch nicht geeignet gewesen. Wie er 
erfahren! habe, hatte der MÄnner-Gesangveritn den Saal 
nicht vorher bestellt, abäc der Vorstand jenes Verein« 
habe darauf bestanden, daß er an jenem Tage den Saal 
bekam und so mußte der Verein der Gartenfreund« zurück 
treten. Ueber dfe Zukunft des Vereins habe der Vorsitzende 
keine Besorgnisse; auf 120 Mitglieder werde der Verein 
wohl immer kommen und damit sei er durchaus lebens 
fähig. Herr Gärtner Michael, der für den Verein die 
FcühjahrSpflanzenanzucht besorgte, hat sein hiesiges Grund 
stück aufgegeben uud sein« Gärtnerei weiter nach Schmargen- 
darf zu o'liegen müssen. Den Jahresbericht deS Vor 
standes erstattete darauf der 2. Schriftführer Herr Palka. 
Die Zahl der Mitglieder betrug zu Beginn deS Jahre« 
158, am Schluß 151. Drei Mitglieder sind zugekommen, 
8 traten aus und 2 sind verstorben. Milgltedelvrrsamm- 
lungen fanden 6 statt, außerdem wurden noch einige AuS- 
flüge unternommen. In den Versammlungen wurden ver 
schiedene lehrreiche Vorträge gehalten, die der Jahresbericht 
besonders aufführt. Herr Palka schloß mit dem Wunsch», 
daß der Verein auch ferner blühen und gedeihen möge. 
Ueber die Kaffenverhältnifl« berichtete Herr Krüger. Der 
Vortrag aus dem Jahre 1911 betrug 281,95 M., diesen 
Betrag eingeschlossen stellen sich die Einnahmen insgesamt 
auf 1196.90 M. Die Ausgaben betrugen 1145 M.. so- 
daß ein Bestand von 50,77 M. verbleibt. Dieser Betrag 
dem Reservefonds von 300 M. zugezählt, ergibt ein 
VereinSvermögen von 350,77 M. Die Ausgaben für die 
Vorgarten- und Balkonprämtierung, dt« in obigem AuS- 
gabenbetrag eingeschlossen sind, betrugen 889.40 M. 300 Ds. 
erhielt derVerein hterfürvon derSemetnde, 50 M.vomHauS- 
und Grundbesitzeroerein, sodaß noch 40 M. auS der Vereins- 
kaffe zu decken waren. Der Berichterstatter erwähnte auch, 
daß der Verein durch die Verlosungen in den Versamm 
lungen keine Einnahmen erziele, wie vielleicht einig« Mit 
glieder irrtümlich annehmen. Im Gegenteil habe der 
Verein fast immer noch einig« Zuschüsse zu zahlen. Herr 
Krüger bittet dann die Mitglieder, auch seiner dem Verein 
treu zu bleiben, selbst wenn sie ihr Land verlieren sollten. 
Der Verein verfolge auch ideelle Interessen und nicht nur 
den Zweck, Kohl zu bauen. Er erinnere an die Balkon» 
und Vorgarteoprämiierungen. Auf jeden, der nach Frie 
denau komme, machen die gutgepflegten Vorgärten und 
schön geschmückten Balköne einen ausgezeichneten Eindruck. 
Daher müsse jeder dem Verein treu bleiben, damit man 
unserem Orte noch recht lange diesen Schmuck erhalten 
könne (8ravo). Der Vorsitzende sprach den beiden B-richt- 
e. stottern den besten Dank aus für ihre Mühewaltung. 
Um Kosten zu sparen, habe der Vorstand sitzt auch den 
Austritt au« der Lundwtrtschafttkammer erklärt, von der 
der Verein den s. Zt. erhoffen Vorteil nicht habe. Die 
40 M. Beitrag bedeuten soviel wie 13 Mitgl.eder. Auch 
auS der Deutschen Gartenbaugefillschaft werde der Verein 
wohl demnächst austreien, da die Jnleressen deS Vereins 
mit denen der Gesellschaft nicht gleich laufen. Herr Palka 
berichtete nun, daß er die Kasse geprüft und in bester Ord 
nung gefunden habe. Ec bat, den Vorstand zu entlasten. 
Die Versammlung erteilte die Entlastung Die Neuwahl 
deS Vorstandes leitete darnach Herr Bnicke-. Es wurden 
durch Zuruf wiedergewählt zum Vorsitzenden Herr Rrchnun- S- 
rat R chier, zum 1. SchrifttUhrer Herr Buruütreklor Sudau, 
zum 2. Schriftführer Herr Palka, zum 1. Kassierer Herr 
Bankbeamter Krüger, zum 2 Kassierer Herr Prof. TrochelS, 
zu Beisitzern die Herren Architekt Duntz und Obergärtner 
Stabe. Für Herrn Könecke, der feinen Austritt angemeldet 
hat wurde Herr Architekt Schmidt zum Beisitzer gewählt. 
Herr Reckn ungSrat R'chier, der nun wieder ven Vorsitz 
übernommen hatte, berichtete, daß Herr Böttner au, Frank- 
fürt a. O sich wieder bereit erklärt habe, einen Vortrag 
zu halten; jedoch könne er dies nur in der Zeit vom 15. 
bis 17. Februar tun. Der Vorsitzende strllie der Der- 
sammlung anheim, ob man da« sür den -2. Februar ge 
plante ElSbetnlssrn abermolS versch eben wolle biS zum 
Monat März. Die Ansammlung war hiermit einverstanden. 
PaS Sirbeineflen wird daher erst im März stattfinden. 
Hierauf gedachte der Vorsitzende mit Dank d«r Herren 
Schöffen Lichtheim und Obergärtner Stabe für da» dem 
Berrtu stet» bewiesene Entgegenkommen; er dankte ferner 
den Schrifttührern, Kassierern und Beisitzern für dre ihm 
zuteil gewordene Unterstützung. Herr drücker sprach Herrn 
Obergärtner Stabe seine Anerkennung au», für die prächtige, 
stimmungsvolle Dek-Wtiim der Aula der R'formreal. 
Gymnasiums gelegentlich der KaiserS-GeburtttagS F.steffenS. 
Mit einer Verlosung von angetriebenen Hyazinten, wobet 
jede» LooS gewann, schloß die Versammlung. 
o Dar antiultramontane RelchsverSand oeran- 
staltete am Freitag Abend zu Wilmersdorf irr den Pracht 
sälen de» Westen» eine gut besuchte Versammlung unter 
dem Vorsitze deS Admiral« o. Knorr. Herr Graf 
v. HoenSbroech sprach über: „Die SewerkschaftSrncyHika. 
Z-ntrum und Regierung". Der mit großem Beifall auf 
genommene Vortrag halte zur Folge, daß 62 neue Mit 
glieder dem Antiultramontanen RetchSoerband bettraten 
und eine namhafte Summe gestiftet wurde. Besonder« 
hervorgehoben ward wieder, daß der Verband sich nicht gegen 
die katholische Religion, sondern gegen ihren Mißbrauch 
zu politischen Zwecken richtet. 
o Gründung einer Zweigverwaltung des 
Deutsche« Techniker • Verbandes. Eine ganz be 
trächtliche Anzahl technischer Angestellte. Ingenieure, 
Architekten und Techniker hatte sich am gestrigen Abend im 
Restaurant zur „Kaisereichr" zusammengefunden, um eine 
Zweigverwaltung deS Deutschen Techniker-Verbände» zu 
gründen. Zum Vorsitzenden wurde Herr A. Brückner, 
Canovastraße 4, gewählt. GS werden dieser Gründung 
die weitgehendsten Interessen entgegengebracht. 
o Der Kirchlich.liberal« Verein der Rathanael. 
gemeinde hielt am 23. Januar seine diesjährige erste 
Hauptversammlung im Restaurant „Zum Rembrandt" ab. 
Nach Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden Herrn 
Lehrer Stoff verla« der Schriftführer Herr Richter den 
Jahresbericht de« 3. VereinIjahreS. Hieran schloß sich 
eine längere Besprechung über die Kirchenwahl, in der die 
vom liberalen Verein aufgestellten Kandidaten über die 
Positiven gesiegt hatten. Nach Verlesung de« Kassen 
bericht» durch den Rendanten Herrn Kasten beantragten 
die Kassenrevisoren, die Herren Klüger und Rechenbach. 
Entlastung de» Rendanten, die einstimmig erfolgte. Dem 
Schriftführer sowohl al» dem Rendanten dankten die An 
wesenden sür ihre geleistete selbstlose Arbeit, durch die der 
Verein sich jetzt in so guten finanziellen Verhältnissen bt- 
finde. Herr Stoff dankte noch den Mitgliedern und 
liberalen Freunden für ihr opferwilliges Eintreten bei der 
Wahl. Herr RrchnuogSrat Deicke übermittelt« allen 
Vorstandsmitgliedern, die so anstrengend für die liberale 
Sache und den Verein gearbeitet hatten, den Dank de», 
VkreinS. Um dem Rendanten die Arbeit zu erlrichteru, 
wurde unter Aenderung deS Statut» beschlossen, die 
Beiträge von sitzt ab nur jährlich einzuziehen. Zu Ber- 
trauenimännern wurden die Herren: Lehrer Stoff, Bank 
beamter Richter und OberrrgierungSrat Rohde gewählt. 
Hierauf wurden die von dem Verein der Positiven im 
Rathanaelboten vetöffentlichien Angriffe gegen die liberalen 
Kirchknoertreter und den Kirchlich-liberalen Verein verlesen. 
Sämtliche Anwesenden verurteilten da» unfatre Berhalten 
der Positiven. Nach längeren Debatten, woran sich die 
Herren Stoff, Richter, Dr. Vehr, Delck« und Rechenbach 
bttetlizten, wurde beschlossen, k.ine Schritt« gegen den 
Rathanaelboten zu unternehme. ES würde sich hieran 
nur für längere Zeit ein unnützer ZettungSkrieg, ein Frage- 
und Antwortlpiel, entwickeln. Einstimmig wurde folgende 
Erklärung angenommen: 
.Ueber die im Naihana-I-Beten gegen «riS Sirchlich-Liberale ge- 
richten Angriffe, die teils auf U.keuntvir, teils auf Ettsblluog der 
Tr suchen beruden, geht die Hauptversammlung deS tkilchlit-Iiberalen 
Vereins der Nathanae gemeinde — namentlich im Hinblick auf die 
inzwischen verflofscae längere Zeit und da solche, da» berechtigte Maß 
weit üb«.schreitenden Angriffe der liberalen Lache nicht schaden können *- 
zur Tagesordnung über." 
Al« letzter Punkt der Tagesordnung stand die 
VorstandSwahl. Zum 1. Vorsitzenden wurde wieder Herr 
Lehrer Stoff, zum 2. Vorsitzenden Herr BezirkSoorsteher 
10. Kapitel. 
Eine Spur. 
Die Leute, die irgend etwas in dem Schulhaus zu tun 
hatten, mußten, um zu der Hanstür zu gelangen, am 
Arbeitszimmer des Lehrers vorüber. Und zu allen Zeiten, 
wenn dieser nicht mit dem Unterrichten beschäftigt war, 
pflegte er am Fenster etwaigen Besuchern aufzulauern, 
damit sie nicht, mit Uebergehung seiner wenig beliebten 
Persönlichkeit, ihre Anliegen direkt zu seiner Frau brächten. 
Frau Brandts war eine einfache unbedeutende Frau, die 
aber die Gabe befaß, für alle, die mit irgendeiner Klage 
zu ihr kamen, Trost und häufig auch Hilfe zu finden. 
Peter Brandts, der sich dadurch zurückgesetzt fühlte, daß die 
Bauern sich bei seiner Frau Rat holten, den er ihnen 
>esser erteilen zu können glaubte, steckte jedesmal de» 
uchfigen Kopf zum Fenster hinaus, wenn irgendein Br 
ücher nahte. Da er selbst ein hinterlistiger Charakter war, 
o hegte er stets Verdacht gegen Leute, die seine Frau zu 
prechen wünschten, und glaubte immer, es werde bei 
olchen Unterredungen irgend etwas gegen ihn verhandelt. 
Zu den Personen, die es immer wieder versuchten, 
der Wachsamkeit des Lehrers zu entgehen, gehörte unter 
anderen auch Nora Bilcon. Wenn sie es irgendwie ein 
richten konnte, machte sie ihre Besuche im Schulhause nur 
dann, wenn sie wußte, daß Peter Brandis beschäftigt mar. 
Aber da sie naturgeinäß sehr viel an Lady Graßman ge 
fesselt mar, so ließ sich das nicht immer machen, und schon 
mehr als dm,ml hatte der Lehrer sie an seinem Fenster 
abgefangen. 
Zwei Tage nach der Unterredung Sir Williams 
Doktor Penfold kam Nora wieder einmal nach dem Schul 
haus. Sie war die Ueberbringerin eines Billetts von Lady 
Graßman, die sich der Hilfe der Lchrersfrau bei einem 
bevorstehenden Wohltätigleitsbasar versichern wollte. Ehe 
sie die Haustür erreichen konnte, flog das Fenster des 
Arbeitszimmers auf, und der Kopf des Lehrers schaute 
heraus. 
„Wohin, Fräulein Nora?" rief er. 
Nora teilte ihm mit, in welcher Angelegenheit sie 
kam, und der Lehrer meinte: „Oh, dann brauchen Sie 
sich gar nicht erst hinaufzubemühen. Meine Fra» ist augen 
blicklich sehr beschäftigt, und ich werde ihr das Billett über 
geben." 
„Aber Lady Graßman wünschte eine Antwort," ent- 
gcgnete Nora. „Vielleicht kann ich im Garten warten und 
sie gleich mitnehmen." 
„Es ist durchaus nicht nötig," erklärte Brandis, „daß 
Sie Ihre kostbare Zeit opfern, liebes Fräulein, ich werde 
die Antwort nach der Villa hinüberschicken." 
„Schön, Herr Brandis," entgegnete das Mädchen, 
und um ihn ein wenig zu ärgern, fuhr sie fort: „Sie 
wollen Rob auf seinem Rad schicken. Aber er wohnt 
doch gar nicht mehr bei Ihnen. Soviel wir gehört haben, 
bewohnt er seit einiger Zeit das kleine Häuschen am Wald 
rand, wo er sich als Hundchändler niedergelassen hat." 
„Sie haben da etwas ganz Falsches gehört, Fräulein 
Bilcon," versetzte der Lehrer ärgerlich. „Sie können sich 
doch wohl denken, daß meine gesellschaftliche Stellung mir 
zu lieb ist, als daß ich meinem Sohn erlauben würde, 
einen so niedrige» Beruf zu ergreifen. Allerdings be- 
schäsiigt sich Robert mit der Aufzucht von edlen Hunden, 
aber er denkt nicht daran, Hundehändler zu sein. Er ist 
gewissermaßen Kompagnon von Sir Harry Dunloo, der 
ja, wie Sie wissen, sich schon lange mit diesem edlen 
Sport beschäftigt. Selbstverständlich denkt Robert nicht 
daran, aus dem Verkauj der Tiere Nutzen zu ziehen, er 
könnte das auch gar nicht, da die Tiere nicht ihm, sondern 
dem Baron gehören. Seine Aufgabe ist lediglich eine 
erzieherische. Soviel ich weiß, ist Sir Harry heute bei 
ihm, um zu sehen, wie weil seine Zöglinge sind, und um 
sich mit Robert über deren fernere Erziehung zu beraten." 
Nora lächelte sehr liebenswürdig, denn es war ihr ja 
gelungen, Brandis zu ärgern und zu gleicher Zeit, etwas 
über Robert zu erfahren. Dann entschuldigte sie sich, daß 
sie so einfältig gewesen sei, nicht zu begreifen, wie wichtig 
Roberts neuer Beruf sei. verabschiedete sich rasch und 
eilte davon. 
der Baron heute drüben im Häuschen anwesend sei, hatte 
sie auf einen Gedanken gebracht. Scit ihr junger Freund 
und Bewunderer dort hinübergesiedelt war, hatte sie ihn 
nur ein- oder zweimal ganz vorübergehend im Städtchen 
getroffen und, wenn sie sich auch lieber die Zunge abge 
bissen hätte, als dies jcinand zu gestehen, sie vermißte 
den immer lustigen und ihr so ergebenen Jüngling sehr. 
Die Tatsache, daß der alte Baron heute bei ihm war, er 
möglichte es ihr, den Sohn des Lehrers in seiner neuen 
Behausung aufzusuchen, ohne fürchten zu müssen, daß 
man.diesen Besuch übel deuten werde. 
(Fortsetzung folgt.»
        
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