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Periodical volume Nr. 224, 23.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Krirdenauer 
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Mr. 254. 
ZLertin-Isriedmau, Dienstag, dm 28. KKtoöer 1913. 
20. Iayrg. 
OepelcKen 
Letzte vachrlcdten 
Bilkerfeld. Die englische Regierung hat bei der 
Ritterfelder Luftfahrzeug-Gesellschaft drei neue Kriegsluft 
schiffe bestellt. Der Bau der Schiffe, die dem jüngst erst 
von der Parseval-Werft der englischen Regierung gelieferten 
Kreuzer ähnlich sein sollen, wird in den nächsten Wochen in 
Angriff genommen werden. 
Kassel. Ter Pilot Kühne, der heute um 12 3 /, Uhr 
Nachts in Johannisthal zum Flug nach Paris und San 
Sebastian gestartet war, ist nach etwa dreistündigem Fluge 
bei Groß-Almerode bei Kassel verunglückt und wurde nach 
dem Krankenhaus zum Noten Kreuz in Kassel eingeliefert. 
Seine Verletzungen sind schwer, aber nicht lebensgefährlich. 
Tie Ursache des Unfalls soll ein Vergaserbrand sein. Das 
Flugzeug verbrannte fast vollständig. Kühne hatte eine 
Strecke von etwa 290 Kilometern hinter sich gebracht, als 
ihm der Unfall zustieß. 
London. Der White Star-Dampfer „Teutonic" ist 
auf seiner Fahrt von Montreal nach Liverpool, wo er 
gestern eintraf, mit knapper Rot und nur dank der vor 
sichtigen Führung des Kapitäns dem Schickjal seines Schwester- 
schiffs, der „Titanic" entgangen. Die „Teutonic" verließ 
Montreal am 18. Oktober, 6 Uhr Morgens, mit ungefähr 
100 Passagieren an Bord. Auf der Höhe der Neufundland- 
Sandbänke stiegen starke Rebel auf, die zeitweise jeden 
Ausblick verhinderten. Zwei Mann saßen im Mastkorb, 
zwei andere und ein Offizier standen vorn ain Bug des 
Schiffes, während der Kapitän mit einigen Offizieren auf 
der Kommandobrücke Ausstellung genommen hatte. Gegen 
1 ,1 Uhr Nachmittag?, als das Schiss sehr langsam sich 
vorwärts bewegte, stürzte der Offizier am Ausguck nach der 
Kommandobrücke, und das Signal „Volldampfrückwärts" wurde 
gegeben. Das Steuer wurde herumgerissen, dem der Dampfer 
spielend gehorchte und das Schiff zog in dichtem Nebel 
ganz nahe an einem kolossalen Eisberg vorüber. Kein 
Passagier wußte, in welcher Gefahr das Schiff geschwebt hatte. 
Konstantinopel. Im Ministerrat hat gestern die 
Vorlage betreffend die Neuorganisation der deutschen 
Militärreform-Mission m der Türkei angenommen. Die 
deutsche Mission soll der Vorlage gemäß erheblich verstärkt 
und an ihrer Spitze ein Missionschef gestellt werden. Den 
Reformern sollen, im Gegensatz zu der früheren Gepflogen 
heit, ausgedehnte Vollmachten eingeräumt werden. 
Neuyork. Wie ein Telegramm aus Meriko meldet, 
hoben die Aufständischen einen Militärzug in der Nähe von 
San Salvador in der Provinz Zacatecas mit Dynamit in 
die Luft gesprengt, ll5 Soldaten sind tot, zahlreiche wurden 
verwundet. 
Die „hoehmockeme Wohnung mit 
Zentralheizung u.allem Komfort“. 
In der weitverbreiteten Wochenschrift „Das Haus" 
hat sich neulich ein Steuerrat bitter darüber beklagt, daß er 
in seiner teuren hochmodernen Wohnung mit Zentral 
heizung frieren muß wie ein Kettenhund im Winter. Es 
wird dazu geschrieben: 
Wenn's draußen Stein und Bein friert und man die 
Nase nicht gern zum Fenster hinaussteckt, dann ist es für 
jeden eine „brennende" Frage, daß seine Zimmer eine be 
hagliche, wohlige Wärme durchzieht. Der Mieter, der gut 
heizende Oefen in seinen Wohnräumen hat, ist wegen der 
Wärme seiner Stuben nicht von seinem Hauswirte, sondern 
höchstens von der Pünktlichkeit seines Kohlenhändlers 
abhängig. 
Anders der Mieter einer „hochherrschaftlichen Wohnung 
mit Zentralheizung"! Er hat es zwar äußerst bequem: 
Früh morgens braucht er nur den Hahn aufzudrehen und 
er hat in ganz kurzer Zeit ein schön durchwärmtes Zimmer, 
aber — ja, ein Aber ist nämlich dabei: Die Zentral 
heizung nniß im Gange sein und auch gut funktionieren. 
Streiken die Sammelheizung oder der heizende Hauswart, 
dann kann der arme Niieter, wie es neulich dem Herrn 
Steuerrat im 2. Stock links erging, die schönsten und aus 
giebigsten Studien über „Gefrierfleisch" machen. 
Der Herr Rat hatte doch in seinem Mietvertrag als 
vorsichtiger Mann ausgemacht, daß er eine Zimmerwärme 
von 15 Grad Reaumur zu fordern habe, und zwar vom 
15. September bis l. Mai täglich, vom 1.—15. September 
und Mai außerdem dann, wenn früh gegen 7 Uhr die 
Temperatur weniger als 10 Grad Reaumur betrage. Von 
Anfang bis Mitte Dezember hatte er nun fast täglich mit 
seiner Familie in seiner hochherrschaftlichen Wohnung 
jämmerlich gefioren, da die Zimmerwärme den ganzen Tag 
über nicht höher als 10 bis 12 Grad Reaumur stieg. 
Frau Rat, erst vor wenigen Wochen von einer Erholungs 
reise aus dem Süden zurückgekehrt, empfand die winterliche 
Kühle in den Zimmern besonders unangenehm und war 
beständig der Gefahr einer bösen Erkältung ausgesetzt. Der 
Wirt wurde brieflich zur genügenden Heizung aufgefordert 
und ihm erklärt, man würde zu den gesetzlichen Mitteln. 
Mietzinsabzug und vorzeitiger Kündigung, greifen, wenn 
der Heizungsmangel nicht unverzüglich behoben würde; 
diese Aufforderung wurde nach vergeblichem Abwarten nach 
Ablauf einer Woche nochmals wiederholt. Mit der Be 
gründung, er habe sein Möglichstes getan und könne nichts 
dafür, wenn den Herrschaften die Temperatur nicht genüge, 
weigerte sich der Hausbesitzer. Abhilfe zu schaffen. 
Sie können unbesorgt sein, werter Herr Steuerrat! Das 
Gesetz gibt Ihnen das Recht, einen Teil der Miete einzu 
behalten und Ihr Dertragsverhältnis ohne Einhaltung einer 
Kündigungsfrist, also z. B. jetzt gleich für den 1. Januar, 
zu kündigen. Bei dem nicht unbedeutenden Mietzinse, den 
Sie zahlen, dürfen Sie mit Fug und Recht auf eine gut 
durchwärmte Wohnung rechnen, und niemand wird Ihnen 
zumuten, das Mietverhältnis länger, als die Sachlage unbe 
dingt gebietet, fortzusetzen. Auch wenn Sie sich nicht vor 
sichtigerweise sogleich im Mietverträge eine Mindestdurch- 
schnittswärme ausgemacht und eine bestimmte Heizungs 
periode ausbeduugen hätten, müßte der Hauswirt Ihnen 
dennoch eine Temperatur von etwa 15 Grad Reaumur ver 
schaffen. wie sie nach der Verkehrssitte als für Wohnräum^ 
angemessen angesehen wird. 
Er könnte dem Verlangen, die Heizung in Betrieb zu 
setzen, auch nicht etwa entgegenhalten, „es sei erst September" 
oder „es sei doch schon Mai", wenn draußen jeden Morgen 
alles im Rauhreif glitzert. Ter Vermieter hat Ihnen, Herr 
Rat, bei fruchtlosem Ablaufe der zur Abhilfe gestellten Frist 
„den vertragsmäßigen Gebrauch der Wohnung nicht gewährt 
(8 242 BGB.), und Sie sind deshalb in Ihrem Rechte, 
wenn Sie zum 1. Januar diesem unwirtlichen Hause den 
Rücken kehren. 
Sie sind sich darüber klar geworden, daß die alte gute 
Heizung mit in Ordnung befindlichen Kachelöfen nie ver 
sagt, daß sie gesünder ist, als die die Luft austrocknende 
Zentralheizung mit ihren häufigen Versagern. Die Möbel 
platzen dann nicht an allen Ecken und Enden, Ihre Wohnung 
bleibt frei von Schwaben. Oestreichern, Russen, Flöhen und 
Wanzen, denen die Zentralheizung als anziehender Schlupf 
winkel und Brutgelegenheit dient. Sie merken auch bald, 
daß Sie bedeutend billiger wohnen und sich wie Ihre An 
gehörigen wohler fühlen, als in der hochmodernen Wohnung 
mit allen neuzeitigen Schikanen, die so häufig versagen. — 
Anmerk. der Schriftleitung: Wir möchten dazu be 
merken, daß es auch Ausnahmen gibt in Häusern, die alle 
modernen Hilfsmittel der Bequemlichkeit aufweisen. Anderer 
seits zeigen allerdings die häufigen Klagen über Mängel in 
hochmodernen Häusern, daß da nicht alles so ist. wie man 
es erwarten und verlangen kann. Es gibt eben auch da 
solche und solche. 
lokales 
(Nachdruck unserer o-Origlnalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Die Hmldesperre abermals verlängert. Durch 
gemeinsame Bekanntmachung des Regierungspräsidenten zu 
Potsdam und des Berliner Polizeipräsidenten wird mit 
Genehmigung des Landwirtschaftsmmisters zum Schutze gegen 
die Tollwut die Hundesperre im Landespolizeibezirk Berlin, 
den Groß-Berliner Vororten, mehreren Gemeinden und Guts 
bezirken in den Kreisen Osthavelland, Teltow und Nieder 
barnim, sowie in der Stadt Spandau bis zum 23. Januar 
1014 verlängert. 
o Vom Wilmersdorfcr Leepark. Die Erdarbeiten 
zur Herstellung deS Seeparkes, der bekanntlich Anschluß an 
den Schöneberger Stadtpark erhält, sind zwischen der Kaiser 
allee und der Schöneberger Grenze jetzt soweit gediehen, daß 
sie zum größten Teile vollendet sind und mit dem Pflanzen 
der größeren Bäume begonnen wird. Desgleichen ist der 
Bau der Promenadenwege irt den gärtnerischen Anlagen in 
Angriff genommen morden. Die an der Nordseite dieses 
Parkteiles entlangführende Fahrstraße ist bereits provisorisch 
reguliert. Die Freigabe für den öffentlichen Verkehr wird 
aber erst erfolgen, wenn die Herstellung des Parkes weiter 
fortgeschritten ist. In dem Teile zwischen Augusta- und 
Rudolstädter Straße sind die Erdarbeiten bereits vor 
längerer Zeit in Angriff genommen worden. Jedoch stellen 
sich den Arbeiten zwischen der Augusta- und Mannheimer 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
17 (Nachdruck verboten.) 
Hounngcn hatte genug gehört und gesehen. Er glaubte 
wahrzunehmen, daß Sylvias Gesicht heiterer war als 
während ihrer Fahrt nach Heilbronn, und diese vermeint 
liche oder wirkliche Entdeckung hatte ihm aufs neue eme» 
Stich ins Herz gegeben. Es wäre ihm ja ein leichtes ge- 
we>en, sich unter irgendeinem Vorwände dem Tische zu 
nähern; aber er fühlte sich feiner Selbstbeherrschung in 
diesem Augenblick zu wenig sicher, als daß er nicht lieber 
davon Abstand genommen hätte. Auch bemerkte er, daß 
Sylvia im Begriff stand, auf einem kleinen Präsentier 
brett eine Portion Tee und einen Teller mit Biskuits her- 
zurlchien. Das war ohne Zweifel eine für ihn ,cIbft be 
stimmte Erfrischung, und er wollte nicht, daß man ver- 
gebcns nach ihm juche. 
So kehrte er in die Garage zurück, wo er Marignys 
Chauffeur mit einer bewundernden Untersuchung seines 
Wagens beschäftigt fand, und aufs neue entspann sich eine 
freundschaftliche Unterhaltung zwischen ihm und dem 
»Kollegen". 
„Je mehr ich Ihre Maschine ansehe, desto besser gefällt 
sie mir." sagte der andere. „Ich würde mich gar nicht 
wundern, wenn sie der unsrigen die Stange hielte, obwohl 
wir ja viel mehr Pserdekräste haben. Allzu scharf dürfte 
der Wettkampf freilich wohl nicht werden. Denn wenn 
der Vicomte sich's in den Kopf gesetzt hat, dag cs nicht 
geschehen darf, holt ihn kein Teufel ein. Ich habe mich 
schon oft genug gewundert, daß wir bis jetzt immer mit 
heilen Gliedern davongekommen sind." 
„Nun, vielleicht können wir es nachher auf der Fahrt 
nach Bruchsal mit einem kleinen Wettrennen versuchen," 
warf Hoiningen hin. Der andere aber grinste vieldeutig. 
„Wird ganz darauf ankommen, was für Absichten 
mein Herr mit dieser Fahrt verbindet," sagte er. „Ich 
für meine Person glaube kaum, daß heute aus unserem 
Wettrennen etwas werden wird." 
„Und warum glauben Sie es nicht? Welche be 
sonderen Absichten sollte denn Herr de Marigny hegen?" 
Der Chauffeur zuckte die Achseln. 
„Weiß ich's?" brummte er. „Ich weiß nur, daß er 
vollständig verrückt in die junge Dame ist, die Sie fahren. 
Pendleton heißt sie — nicht wahr?" 
.Ja." 
„Verdenken kann man's ihm ja weiter nicht. Denn 
daß sie ein reizendes Geschöpf ist, muß ihr der Neid 
lassen. Wie kommen Sie denn mit ihr aus?" 
„Vortrefflich." 
„Will's glauben. Würhe auch lieber mit ihr fahren 
als mit dem Vicomte. Aber da kriegen wir ja, wie es 
scheint, angenehmen Besuch." 
Ein allerliebstes Hotelstubenmädchen in kokettem weißen 
Häubchen war in der Tür der Garage erschienen, ein Prä 
sentierbrett mit Tee und Gebäck in den Händen. 
„Wer von Ihnen heißt Westenholtz?" fragte sie, 
während ihre blanken Augen unverwandt an Hoiningen 
hängen blieben. Offenbar wünschte sie lebhaft, daß er 
der Gebuchte sein möge, und sie lächelte ihm äußerst 
Uebenswürdig zu, als er nun wirklich ihre Frage bejahte. 
»Ich soll Ihnen das von der jungen Dame bringen, die 
vorhin mit dem Auto angekommen ist." 
»Ich danke. Hat sie Ihnen sonst eine Bestellung für 
mich aMetragen?" 
was sie tun will, kann ich Ihnen verraten, daß sie im 
Begriff ist, sich von dem schwarzbärtigen Herrn die alten 
Kirchen und das Rathaus zeigen zu lassen. Eine etwas 
bedenkliche Sache, wie mir scheinen will," fügte sie lachend 
hinzu. 
Hoiningen aber fragte in einem Ton. dessen Schärfe 
der Geschwätzigen offenbar entging: 
»Warum bedenklich?" 
^.-Weil die Mama oder was sie sonst sein mag. sitzen 
geblieben ist, um Ansichtskarten zu schreiben. 
, „ "0b'". lachte Marignys Chauffeur, „das Gefährliche 
soll, wie ich denke, erst noch kommen. Eine Kirche oder 
ein Rathaus ist ein wenig geeigneter Ort für ein galantes 
Abenteuer. Aber zwischen Heilbronn und Bruchsal gibt 
es allerliebste Plätzchen, an denen — na, ich will weiter 
nichts gesagt haben." 
Die Anwesenheit des Mädchens hielt Hoiningen ab, 
eine Frage nach dem Sinn dieser geheimnisvollen An 
deutungen zu stellen. Und die Kleine zeigte nicht die 
geringste Neigung, sich zurückzuziehen. Der angebliche 
Westenholtz hatte offenbar besondere Gnade vor ihren Augen 
gefunden. 
„Jedenfalls ist die alte Dame eine sehr gefällige 
Person," plauderte sie, jetzt dicht neben dem Grafen 
stehend und zu ihm aufsehend. „Sie mag ja auch aus 
eigener Erfahrung wissen, daß es immer hübscher ist, wenn 
zwei miteinander allein sind, als wenn noch ein Dritter 
zuhört. 
Der Chauffeur des Vicomte, der die Bemerkung des 
jungen Mädchens ersichtlich ebensogut zu deuten wußte, 
wie ihre Augensprache, lachte gutmütig und sagte, daß 
er sie aus ein Viertelstündchen allein laßen wollig
        
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