Path:
Periodical volume Nr. 249, 22.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenauev 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Besondere 
^eitn Mittwoch: 
Witzblatt „Seifenblasen". 
Bezugspreis 
Lei Abholung ans der Geschäftsstelle, 
Rheinstr. 15, i,50 M. vierteljährlich; durch 
Koten iriSHaus gebracht1,80M., durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
scrrilpreclier: 71 int pk»l;burg 2129. 
Erscheint täglich aöends. 
Zeitung.) 
Kegan für den Kriedennner -Drtsteii non Zchönederg nnd 
Deürksnerein Züdmest. 
vertagen 
Jeelen Sonntag: 
Matter kür äeulicke grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
Geschäftsstelle: kkeinstr. 15. 
Anzeigen 
werden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 6qespaltcnen Zeile oder deren 
Raum 30 Pf. Die Reklamezeile kostet 
75 Pf. Belagnummer 10 Pf. 
sernlpreiher: Timt pkalzborg 2129. 
Kr. 249. 
Jerlin-Ariedenau, Mittwoch, dm 22. Hkloöer 1913. 
20. Iayrg. 
/Vckrsssduch kür Friedenau 
Verl. Leo Schultz, 1 Qlll fll lahnrt ) Fernsprecher 
Rnelnslrasse 15. lalT (II. JUfil'y.J pfizbg. 2129. 
7? m für den neuen Jahr- 
«nzcisen sr’jÄ’S? 
rommon. Die Preise sind billig, weshalb 
wir auch diesesmal wieder eine rege 
Beteiligung am Reklameteil des so gut 
eingeführten „Adressbuch für Friedenau" 
erwarten. Verlangen Sie uns. Vertr. ter. 
vepelcken 
Letzte Nachrichten 
Landsberg. Auf der Rückreise von einem Ge- 
fangenentransporl wurde der Schutzmann Teschendorf aus 
Köln im Zuge zwischen Schneidemühl und Landsberg 
plötzlich wahnsinnig. Er attackierte die Mitreisenden mit 
dem Säbel. In Landsberg gelang es, den Tobenden fest 
zunehmen. Er wurde in einer Irrenanstalt untergebracht. 
Karlsruhe. Die Badischen Landtagswahlen haben, 
soweit es bisher zn übersehen ist, eine Verschiebung nach 
rechts gebracht: Der Großblock — Liberale und Sozial 
demokratie — hat Mandate verloren. Es wurden gewählt: 
20 Zentrumsangehöxige, 9 Nationalliberale, 1 Fortschrittler, 
3 Konservative, 9 Sozialdemokraten und 1 Wilder. In 
21 Wahlkreisen müssen Stichwahlen stattfinden. 
Rudolstadt. Ja der Nähe von Lautenbcrg (Schmarz- 
burg-Rudolstadt) fand ein Einwohner beim Graben unter 
einer Baumwnrzcl ein Töpfchen mit Vrakteaten (Okel- 
psennige). Das sind Münzen mit nur einseitigem Gepräge 
aus dem elften Jahrhundert. 
Rudolstadt. Ter Sattlergehilfe Johann Streb ist 
vom Schwurgericht wegen Meineides zu fünf Jahren Zucht 
haus verurteilt worden. Wenige Minuten später erhängte 
er sich in der Zelle. 
Lissabon. Wie die Patria berichtet, ist die monar 
chistische Bewegung durch zwei Komitees, ein militärisches 
und eia bürgerliches, geleitet gewesen. Sie sollte mit der 
Ermordung der Minister und höheren Beamten beginnen, 
sodann sollten drei Kolonnen aus den Lissaboner Vororten 
gleichzeitig in Aktion treten. Die Bewegung sollte in 
Oporto, Braga, Eoora und Vianna einsetzen. Das 
Mobiliar der Zeitungen Dia und Nacao wurde demoliert. 
Oporto. Die portugiesische Regierung hat folgende 
Proklamation erlassen: Die Feinde der Regierung haben 
gestern versucht, bei Tagesanbruch eine Revolution in 
Lissabon hervorzurufen. Die Regierung hat dieses ver 
brecherische Vorgehen mit Hilfe der bewaffneten Macht sofort 
unterdrückt. Trotzdem die revolutionäre Bewegung eine 
große Ausdehnung zeigt, ist die öffentliche Ordnung voll 
kommen gesichert. Die konstitutionellen Garantien werden 
aufrecht erhalten. In der Stadt herrscht völlige Ruhe. 
Neuyork. In den Vereinigten Staaten herrscht eine 
abnorme Kälte. Eine Kältewelle, die von den Seen des 
westlichen Amerikas kommt, ist über das Land nieder 
gegangen. Aus zahlreichen Städten werden große Schnee- 
fälle gemeldet, und auf den Flüssen ist die Schiffahrt durch 
starken Eisgang lahmgelegt. Besonders stark ist die Kälte 
in den Städten an der neuenglischen Küste. Von dort aus 
werden zahlreiche Todesfälle gemeldet. Die Temperatur ist 
eine so tiefe, wie sie seit vielen Jahren in den Vereinigten 
Staaten um diese Zeit nicht zu verzeichnen war. 
Das Odarlottenburger 
Hypotbekenaml. 
Nachdem bereits mehrere Groß-Berliner Gemeinden 
wie Schöneberg, Neukölln und Weißensee, Einrichtungen für 
Gewährung von zweiten Hypotheken getroffen haben, unter 
breitet der Magistrat von Charlottenburg den Stadt 
verordneten eine Vorlage, deren Gegenstand die Bürgschafts 
übernahme für die Pfandbriefe eines Hypotheken-Bankvereins 
für zweite Hypotheken bildet. 
Danach erklärt sich die Stadtgemeinde Charlottenburg 
bereit, bis zu einer Höhe von 20 Millionen Mark die 
Garantie für Schuldverschreibungen (Pfandbriefe) eines auf 
Grund bestimmter Satzungen zu gründenden Hypotheken- 
Bankvereins zu übernehmen, sobald diesem mindestens 100 
Mitglieder beigetreten sind. Nach dem Satzungsentwurf 
des Magistrats setzt sich der Verein aus Eigentümern Char 
lottenburger Hausgrundstücke zusammen und beleiht nur 
Hausgrundstiicke seiner Mitalieder gegen Einräumung zweiter 
Hypotheken. Die erforderlichen Mittel sollen durch Ausgabe 
von Pfandbriefen beschafft werden, für die die Stadt bis 
zur Höhe von 20 Mill. Mark die Bürgschaft übernimmt. 
Der Erwerb der Mitgliedschaft des Bereins ist an ein Ein 
trittsgeld von 500 M. geknüpft. Nach einjähriger Mitglied 
schaft haben die Vereinsmitglieder Anspruch auf satzungs 
mäßige Beleihung ihrer Häuser, soweit verfügbare Mittel 
vorhanden sind. Von besonderer Bedeutung ist, daß die 
Nachhypotheken nur als unkündbare Tilgungshypotheken ge 
geben werden und die vorhergehenden Belastungen in 
Tilgungshypotheken umgewandelt werden müssen, wodurch 
eine allmähliche Grundentschuldung angebahnt wird. Zur 
Sicherung der Stadtgemeinde dient eine ganze Reihe der 
Satzungsbestimmungen, vor allem die Nachschußpflicht der 
Mitglieder im Falle der Ueberschuldung oder Zahlungs 
unfähigkeit des Vereins und die ständige Beaufsichtigung 
der Vereinsgeschäfte durch einen Magistratskommissar, der 
vom Magistratsdirigenten bestellt wird. 
Die Stadt selbst wird, sobald der Hypotheken-Bank- 
verein mit der Ausgabe von Pfandbriefen beginnt, eine 
eigene Sicherheitsrücklage für die Garantieübernahme in der 
Weise ansammeln, daß alljährlich ein Betrag von 1 Prozent 
des Nennwertes der in jedem Jahr neu begebenen Pfand 
briefe zu diesem Zwecke aus städtischen Mitteln bis zu einer 
Höhe der Gesamtrücklage von höchstens 5 Prozent des 
Nennwertes der insgesamt umlaufenden Pfandbriefe zurück 
gestellt wird. 
Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß sich die Re 
gierung und auf ihre Veranlassung die Gemeinden des Haus 
besitzers in dieser trostlosen Zeit annehmen. Und es ist die 
Pflicht der Hausbesitzer, den Kommunen dafür dankbar zu 
sein, daß diese es über sich gebracht haben, auch einmal 
der gebende Teil zu sein. Ob allerdings derartige städtische 
Hypothekenämter dauernd dazu angetan sind, die Hypotheken 
not zu beseitigen, kann erst der Erfolg in der Zukunft 
lehren. Es sei mir an das Wort des Vorsitzenden des 
Zentralverbandes, Justizrat Dr. Baumert, erinnert, der auf 
dem Brandenburgischen Städtetag erklärt hat, daß die Be 
zwingung der Not der 2. Hypothek durch städtische Hypo 
thekenämter ausgeschlossen sei, weil solche Aemter doch nur 
in größeren Städten errichtet werden können und weil sie 
bei Geldkrisen doch versagen würden. Justizrat Dr. Baumert 
erblickt die Lösung dieser Frage in der Basierung dieser 
Aemter auf breitere Verbände (Provinzen), verbunden mit 
der Selbsthilfe der Hausbesitzer. — Aus unserem Leserkreise 
wird uns zu dieser Sache geschrieben: Wie Friedenau es 
nicht verstanden hat, rechtzeitig Anschluß an eine Schnell 
verbindung mit Berlin zu finden, so drückt man sich jetzt 
auch um das so notwendig Hypothekenamt herum mit der 
Vertröstung auf kommende bessere Geldverhältnisse. Sollten 
solche — was für die nächsten Jahre ausgeschlossen er 
scheint — wirklich eintreten, dann können die Hypotheken 
bedürftigen auf die kommunale Hilfe verzichten. Also auch 
in dieser Beziehung ist Friedenau iin Hintertreffen, aber 
nicht auf der Höhe. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Unsere Kaiserin begeht heute die 55. Feier ihres 
Geburtstages. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land 
und aus allen Herzen, fern und nah. dringt ein treues Ge 
denken als stiller oder beredter Wunsch empor bis an den 
Kaiserthron. Und nicht nur unsere Lande, sondern auch die 
fremden Staaten und Länder blicken voll Verehrung zu ihr 
auf, denn wohin sie kam, wußte die deutsche Kaiserin sich 
Achtung und Liebe zu erwerben. Mit weisem Sinn und 
warmem Herzen folgt sie allen Interessen ihres hohen Ge 
mahls, sei es das Wohl des Volkes nach außen, wie nach 
innen betreffend, oder das des Einzelnen, der Rat, Hilfe 
und Unterstützung heischend, sich dem Kaiserthron bittend 
naht. So ist die Kaiserin, die es versteht, eine musterhafte 
Mutter im eigenen engsten Kreise zu sein, im besten und 
weitesten Sinne eine Landesmutter zu nennen. Denn 
überall ist ihr Auge bereit, zu sehen, ihre Hand zu helfen. 
Gott segne sie und ihren Lebenslauf zum Heile des Kaiser 
hauses und des deutschen Vaterlandes! 
o Das Abraupen der Bäume hat alljährlichem der 
Zeit vom 1. November bis zum 15. März zu geschehen. 
Der Amtsvorsteher weist im amtlichen Teile dieser Nummer 
auf diese Bestimmung hin. Säumige verfallen nicht nur in 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
12. (Nachdruck verboten.) 
Sie warf ihm dabei einen Seitenblick zu, in dem 
ziemlich deullich etwas von der Hoffnung zu ie.en war, daß er 
doch vielleicht inzwischen seinen Sinn geändert haben lönnte. 
Er aber halte auf ihre letzten Worte nur eine laichte Ver 
beugung und nach einer kleinen Weile die Frage : 
„Würden gnädiges Fräulein vielleicht die Güte 
haben, mir die gegenwärtige Adresse Ihres Herrn Vaters 
5 i geben 7" 
Mit einer Gebärde der Ueberraschung hob Snlvia bet» 
Kopf. ' . 
„Mein Papa logiert im „Hotel Ritz" zu Paris. Wes 
halb aoer wünschen Sie das zu wissen'/" 
„In meiner gegenwärtigen Stellung muß es für mich 
doch von großem Interesse sein, mir den Namen und die 
Adresse von reichen Herren zu merken, die dem Autosport 
ihre Teilnahme zuwenden. Kann ich Ihnen auch für den 
Augenblick meine weiteren Dienste nicht zur Beifügung 
stellen, so darf ich sie Ihrem Herrn Vater doch vielleicht 
zu irgendeiner späteren Zeit anbieten." 
„Ja so!" sagte sie mit einem unverkennbaren Ausdruck 
der Enttäuschung, und dann machte sie eine Bewegung, 
als ob sie sich von ihm verabschieden wolle, um ihren 
Weg allein fortzusetzen. Hyjningen aber kam ihr Zuvor. _ 
„Darf ich Sie darauf aufmerlsam machen, An; 
Pendleton, daß es für eine junge Dame ni'+’t mtlith ut, 
in einer wildfremden Stadt um diese Stunde aue.u zu 
promenieren'/" 
»Warum nicht? Wer sollte mir denn etwas tun?" 
„Es gibt vielleicht keine Gefahr für Ihr Leben; aber 
Sie könnten doch fatalen Belästigungen ausgesetzt sein." 
„Das müssen Sie als Bewohner dieses Landes na 
türlich besser wissen als ich. Aber es gibt ja ein sehr ein- 
saches Schutzmittel, indem Sie mich auf meinem Spazier 
gange begleiten." 
„Es würde mir selbstverständlich eine Ehre und ein 
außerordentliches Vergnügen sein. Aber da ich nicht bloß 
an mich denken darf, möchte ich Ihnen auch das wider 
raten." 
„Oh! — Und aus welchem Grunde?" 
„Weil wir vermutlich dem Herrn Vicomte de Marigny 
begegnen würden, der vor kurzem in Begleitung eines 
anderen Herrn diesen nämlichen Weg eingeschlagen hat." 
„Nun? Und was weiter? Inwiefern braucht Sie 
das zu kümmern? Haben Sie etwa auch gegen den 
Vicomte eine Abneigung wie gegen die arme Baronin?" 
„Ich habe Herrn de Marigny an diesem Abend zum 
ersten Male in meinem Leben gesehen, und ich hatte bis 
jetzt nicht die Ehre, ein Wort mit ihm zu wechseln. Aber 
ich vermute, daß er sehr unangenehm berührt, oder zum 
mindesten sehr erstaunt sein würde, wenn er Ihnen zu 
dieser Stunde in Begleitung Ihres Chauffeurs begegnete." 
Es schien, daß sie eine rasche Entgegnung, vielleicht 
ein Wort dcs Widerspruchs auf den Lippen hatte. Aber sie 
besann sich dann doch eines andern und sagte mit einem 
kleinen Auslachen: 
„Wie komisch doch mitunter diese Schicklichkeitsbegriffe 
sind! Niemand findet etwas Anstößiges darin, daß ich den 
ganzen Tag in Ihrer Gesellschaft zubringe, daß ich viel 
leicht stundenlang neben Ihnen sitze und mich mit Ihnen 
unterhalte. Damit aber, daß ich Sie zu meinem Schutz 
auf einen abendlichen Spaziergang mitnehme, versündige 
ich mich gegen die guten Sitten. Nun, meinetwegen I Ich 
will Ihnen glauben, daß Sie recht haben, und weiß Ihnen 
Dank für die Warnung. Aber ehe ich Ihnen Gutenacht 
sage, möchte ich Sie noch etwas fragen, was Sie mir nicht 
verübeln dürfen." 
„Gegen diese Gefahr sind Sie ein für allemal gefeit, 
Miß Pendleton!" 
„Nun, wer weiß! Im Grunde geht es mich ja gar 
nichts an; aber nachdem ich nun einmal heute das für 
Ihre Tante bestimmte Frühstück verzehrt habe, möchte 
ich wohl etwas Näheres über diese Tante wissen — vor 
ausgesetzt, daß sie überhaupt existiert." 
„Sie zweifeln also an der Wahrheit meiner Worte?" 
Trotz der ungewissen Beleuchtung sah er, daß ihr das 
Blut in die Wangen stieg und daß ihre Augen seinem 
Blick auszuweichen suchten. 
„Sie hätten doch recht gut e nen Grund haben können, 
sich einer Heiner» Notlüge zu bedienen," sagte sie zögernd. 
„Und es fällt mir, offn gestanden, schwer, mir vorzu 
stellen, daß diese Tante, die Sie so fürstlich zu bewirten ge 
dachten, eine ältere Dame sein sollte — vielleicht eine 
würdige Matrone mit runzligem Gesicht und schneeweißen 
Locken." 
„Gnädiges Fräulein beschreiben meine verehrungs 
würdige Verwandte, wie wenn Sie sie bereits gesehen 
hätten. Sie ist wirklich alt genug, um alle menschlichen 
Torheiten bereits weit hinter sich zu haben." 
„In der Tat?" rief Sylvia lebhaft. „Dann möchte 
ich sie wohl geleaen lich kennen lernen. Papa und ich 
werden voraussichtlich im Herbst wieder nach Frankfurt
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.