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Periodical volume Nr. 248, 21.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friedenauer 
Unparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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Oepelcken 
Letzte !2ackricbten 
Berlin. In der evangelischen Garnisonkirche am 
Kaiser-Friedrich-Platz fand heute mittag 12 Uhr, in Gegen 
wart des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen, eine Trauer- 
feier für die mit dem Zeppelin-Luftschiff „L. 2“ verunglückten 
Offiziere und Mannschaften statt. 
Frankfurt a. M. Gestern abend gegen 11 Uhr geriet 
in Kalbach bei Bonames in der Nähe von Frankfurt a. M. 
der Wohnwagen ziveier Schirmslickerfamilien in Brand. 
Beide Ehepaare- befanden sich zur Zeit des Feuers in einer 
Wirtschaft, während ihre fünf Kinder in dem brennenden 
Wagen schliefen. Eines der Kinder ist den schweren Brand 
wunden bereits erlegen. Bon den vier anderen verletzten 
Kinder» haben zwei so schwere Brandwunden erlitten, daß 
sie kaum mit dem Leben davonkommen dürften. 
Madrid. Hier gehen die Gerüchte, daß schwere Un 
ruhen in Portugal ausgebrochen seien. 
Paris. Seit 25 Jahren forschte die Pariser Polizei 
nach einem Jndioidnum, das von ihr von verschiedenen 
Pariser Hotels als auch von Polizeistationen in- und außer 
halb Frankreichs als gefährlicher Hoteldieb signalisiert worden 
war. Nie gelang es. des Mannes habhaft zu werden; erst 
seit ungefähr 4 Monaten kamen zwei Pariser Sicherheits- 
inspektorcn ans die Spur eines Individuums, auf das die 
Personenbeschrcibung des so lange Gesuchten paßte. Ein 
Zufall führte nun zur Verhaftung des gefährlichen Hotel- 
einbrechers. Die größte Ueberraschung gab es aber, als ,s 
gelang, die Identität des Festgenominenen festzustellen. Der 
würdige Herr in iveißem Bart heißt Thaust, 52 Jahre alt, 
gebürtig aus Marseille, Ritter der Ehrenlegion, angesehener 
Bürger und Klubmitglied, der mit Frau und 6 Kindern im 
Bois Colombes bei Paris eine elegante Billa bewohnt. 
Niemand, selbst seine Familie nicht, ahnte von seinem 
Doppelleben etivas. Sein Diebeshandwerk warf nach dem 
Auswand, den er trieb, 40-bis 50 000 Francs das Jahr ab. 
Angeblich verdiente er das Geld als Goldwarenagent. 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
11. (Nachdruck verboten.) 
„Guten Abend. Herr Westenholtz! Fast hätte ich Sie 
nicht erkannt. So hat also auch Sie der schöne Abend 
noch einmal in; Freie gelockt?" . , . 
Daß sie ihn zum ersten Male nicht bloß mit seinem 
Namen angeredet hatte, wie einen Diener, sondern mit 
dem höflicheren „Herr", war ohne Zweifel ein Zuge 
ständnis an die Wirlung seiner veränderten äußeren Er 
scheinung. Hoiningen aber hatte nichts anderes gehört, als 
die gewinnende Liebenswürdigkeit ihres Tones, und in 
einer Aufwallung fröhlichen Uebermuts antwortete er ihr, 
wie er geantwortet haben würde, wenn er ihr hier unter 
seinem richtigen Namen gegenübergestanden hätte. 
„Ja, Miß Pendleton I Aber eigentlich habe ich hier 
ans Sie gewaltet." _ 
„Auf mich gewartet?" wiederholte sie befrenidet. „Das 
ist doch wohl nur ein Scherz. Sie konnten ja umnöglift) 
wi.'en, daß ich noch einmal ausgehen würde — um so 
weniger, als ich selber noch vor zehn Minuten nicht entfernt 
daran gedacht habe." 
„Es ist möglich, daß Sie nicht daran gedacht haben, 
aber ich wußte trotzdem, daß Sie koniinen würden._ Sagen 
Eie mir doch, mein gnädiges Fräulein: sind nicht jene 
beiden dunklen Eckfenster dort im ersten Stock die Fenster 
Ihres Zimmers?" 
„Allerdings I lind ich habe bis vor einigen Minn en 
dort g? esse.', um Briese zu schreiben." 
„Ich habe nicht daran gezweifelt, obwohl iu) von 
niemandem über die Lage Ihres Logis unterrichtet wor- 
Neuyork. In St. Louis hat ein Großfeuer verschiedene 
Getreidelager und Warenhäuser am Quai eingeäschert. Auch 
zwei Stationen brannten nieder. Eine große Anzahl Tiere 
kamen in den Flammen um. Der Gesamtschaden beträgt 
bisher über 1 Million Dollar. 
Ochotsk. Der Dampfkutter des Dampfers „Tula", der 
drei bemannte Barken schleppte, rannte auf eine Sandbank 
auf und wurde von den Wellen an das Ufer geschleudert. 
Die erste Barke sank mit 11 Mann Besatzung und der 
Fracht, drei Mann wurden gerettet. Die zweite Barke 
erreichte ungefährdet das Ufer. Die dritte Barke wurde 
mit der Mannschaft ins Tungusische Meer hinausgetrieben. 
Ihr Schicksal ist unbekannt. 
Oer Arbeilsmarkl. 
Bon Profeffor Dr. Silb-rgleit. 
Eine zweifache Bedeutung ist es, die dem Worte 
„Arbeitsniarkt" beiwohnt. Einmal kann man unter „Arbeits- 
inarkt" die Gesamtheit der Personen, die Arbeit suchen, 
verstehen, zum anderen spricht man vom „Arbeitsmarkt" 
in dem Sinne, daß die Gesamtheit der beschäftigten Arbeit 
nehmer gemeint ist, — also gerade das Gegenteil. Man 
täte aber gut, den Begriff „Arbeitsmarkt" nur in dem erst 
genannten Sinne zu verwenden, während man für die 
Gesamtheit der beschäftigten Arbeitnehmer besser das Wort 
„Beschäftigungsgrad" wählt. Letzteres kennzeichnet die Ver 
hältnisse mehr vom Standpunkt des Arbeitgebers, indem es 
den Umfang der Inanspruchnahme menschlicher Hilfskräfte in 
den einzelnen Zweigen von Industrie, Handwerk und Handel 
angibt. Je mehr solcher Hilfskräfte benötigt werden, um so 
lebhafter ist im allgemeinen der Geschäftsgang. 
Aus einer Zunahme des Beschäftigungsgrades kann 
man aber noch nicht auf eine Abnahme der Zahl der am 
Ort vorhandenen Arbeitsuchenden schließen, da deren Zahl 
auch von den Wanderungen sehr wesentlich bestimmt wird. 
Wenn ein besonders flotter Geschäftsgang in einer Industrie 
zahlreiche Arbeitnehmer von auswärts herbeizieht, so kann 
es wegen des zur Zeit im wesentlichen noch fehlenden Zu 
sammenschlusses und Zusammenarbeitens der Arbeits 
nachweise im Lande leicht kommen, daß der Zustrom weit 
größer ist. als die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften, so 
daß durch die Steigerung des Beschäftigungsgrades nicht 
bloß eine Abnahme, sondern noch eine Zunahme der 
Arbeitslosigkeit hervorgerufen wird. Uebrigens wird bei 
einer Steigerung des Beschäftigungsgrades auch zu berück 
sichtigen sein, ob und inwieweit sie schon allein durch die 
Entwicklung der Bevölkerung bedingt ist. Jeder größere 
Bevölkerungszuwachs bedeutet auch einen Zuwachs an 
Bedarf von menschlichen Arbeitskräften, insbesondere bei 
denjenigen Gewerbezmeigeq, die ausschließlich oder doch 
ganz überwiegend nur für den rein örtlichen Verbrauch 
aibeiten, wie im Handwerk der Bäcker, Fleischer, Schneider, 
Schuhmacher, Barbiere usw. und wie der Kleinhandel der 
verschiedensten Branchen. Dieser Umstand erscheint von be 
sonderer Bedeutung in dem doch ein untrennbares Ganzes 
bildendes Wirtschaftsgebiet von Groß-Berlin, in welchem die 
den war. Auch ohne in die tief.reu Geheimnisse des 
Buddhismus cingedrungen zu sein, kann man bei einem 
Aufenthalt in Indien einiges von seinen philosophischen 
Priestern lernen." 
„Wie? In Indien sind Sie ebenfalls gewesen? 
Aber Sie kennen ja, wie es scheint, die ganze Welt." 
„Wenn nicht die ganze, so doch immerhin einen 
hübschen Teil der winzigen Kugel, an die wir gewöhnlich 
denken, wenn wir in törichter Ueberschätzung von der 
ganzen Welt reden. Ein unwiderstehlicher Wandertrieb hat 
mich eben in vieler Herren Länder umhergejagt." 
„Und was Sie da von den buddhistischen Priestern 
sagten, wie ist es zu verstehen?" 
„Wenn diese seelenkundigen Leute einen andern 
ihren Wünschen gefügig machen wollen, so setzen sie sich 
vor das Haus, in dem sie ihn wissen, blicken es unver 
wandt an und konzentrieren alle ihre Gedanken auf den 
beabsichtigten Zweck. Man hat mir erzählt, daß es ihnen 
auf diese Weise immer gelingt, den gewünschten seelischen 
Rapport herzustellen." 
Sylvia lachte. 
„Sie haben sich also hier ausgestellt und zu meinen 
Fenstern emporgesehen in der bestimmten Absicht, mich 
dadurch zum Herauskommen zu zwingen?" 
„In der Tat, Miß Pendleton," bestätigte er ernsthaft. 
„Und wie Sie sehen, war mein Bemühen nicht ohne Er 
folg." 
„Ich aber habe nicht das Geringste von einem ge 
heimnisvollen inneren Zwange verspürt. Mitten in einem 
Briefe, dessen Vollendung nickt sonderlich dringend war, fiel 
mir ein, daß ich der Baronin Riedverg noch eine Mittei 
lung zu machen hätte. Ich mochte mich auf. sie im Hause 
zu suchen, und weil ich sie nicht gleich fand, unten in 
letzten Jahre einen jährlichen Bevölkerungszuwachs von rund 
100 000 gebracht haben. 
Diesen Verhältnissen trägt das Statistische Amt der 
Stadt Berlin dadurch Rechnung, daß es in seinen vor 
wenigen Jahren eingeführten Uebersichten über den Be 
schäftigungsgrad in Groß-Berlin nur solche Betriebe be 
rücksichtigt, welche zur Zeit der Einführung dieser Statistik 
oder nachher die Mindestanzahl von 25 krankenversicherungs 
pflichtigen Beschäftigten aufweisen. 
Der genannten Statistik des Beschäftigungsgrades ist 
besonders deshalb eine besondere Bedeutung beizulegen, weil 
sie in überaus eingehender Gliederung nach der Art des 
Gewerbes durchgeführt ist. Sie ermöglicht die fortlaufende 
Beurteilung der Konjunkturverhältnisse in den einzelnen 
Zweigen von Industrie und Handel und füllt damit eine 
bisher vorhandene, recht empfindlich fühlbar gewordene 
Lücke aus. 
Da aber selbst diese Statistik nach den vorhergehenden 
Ausführungen noch keine Statistik der Arbeitslosigkeit sein 
kann, so ist man für die Zwecke der letzteren zur Inan 
spruchnahme noch anderer Materialien genötigt. Als solche 
werden wöchentliche Anschreibungen der freien Gewerk 
schaften über die Zahl der bei ihnen vorhandenen Arbeits 
losen überhaupt und unter den Unterstützten insbesondere, sowie 
über die ausgezahlten Unierstützungsbeiträge vom Statistischen 
Amt der Berlin verwandt. Beide Arten von Nachweisungen 
werden in den Statistischen Monatsberichten Groß-Berlin 
regelmäßig veröffentlicht. 
Die neuesten Zahlen der letztgenannten Art führen bei 
den wichtigsten Verbänden zu nachstehenden Feststellungen: 
Vergleicht man den Beschäftigungsgrad Groß-Berlins 
anfangs Juni dieses Jahres mit dem gleichen Zeitpunkt des 
Vorjahres, so ergibt sich eine Zunahme beim männlichen 
Geschlecht von 436 000 auf 443 000, beim weiblichen Ge 
schlecht von 196 400 auf 200 300, bei beiden Geschlechtern 
von 632 400 auf 643 300, d. i. sonach eine Steigerung 
beim männlichen Geschlecht um 7000 oder 1,61 Proz., beim 
weiblichen Geschlecht um 3900 oder 1.20 Proz., bei beiden 
Geschlechtern mithin um 10 900 oder 1,17 Proz. 
Indessen sind auch gewisse Industrien zu nennen, die im 
Vergleich zum Vorjahre eine geringere Zahl von Be 
schäftigten aufweisen. Als solche kommen vornehmlich die 
Holzindustrie und das Baugewerbe in Betracht. Gegenüber 
dem 1. Juni 1912 ging die Zahl der Beschäftigten in der 
Industrie der Holz- und Schnitzstoffe beim männlichen Ge 
schlecht von 17 145 auf 15 731, d. i. um 1414 oder 
8,25 Proz. zurück. Im Baugewerbe ist beim männlichen 
Geschlecht eine Abnahme von 21 740 auf 19 811, d. i. um 
1929 oder 8,87 Proz. festzustellen. Hervorzuheben ist, daß, 
wenn es überhaupt zu einer Steigerung des Beschäftigungs 
grades gekommen ist, dies in erster Linie der Entwicklung 
der Maschinen- und insbesondere dcp; Elektrizitätsindustrie 
zu danken ist. So weist die Zahl der Beschäftigten der 
Maschinenindustrie bei den Männern eine Zunnahme auf 
von 149 583 auf 155 799, d. i. um 6216 oder 4.16 Proz., 
bei den Frauen von 41 374 auf 43 423, d. i. um 2049 
oder 4,95 Prozent, bei beiden Geschlechtern von 190 957 
der Garderobe aber meinen Mantel und meinen Schleier 
hängen sah, faßte ich den Entschluß, noch ein wenig 
frische Luft zu schöpfen. Ich kann Ihnen auf mein Ehren 
wort versichern, daß ich dabei nicht eine Sekunde lang an 
eine Begegnung mit Ihnen gedacht habe." 
„Was ich ebensowenig bezweifle, als es meinen felsen 
festen Glauben an einen geheimnisvollen Seelenmagnetis- 
mus zu erschüttern vermag." 
„Nun, ich habe kein Interesse daran. Ihnen diesen 
Glauben zu nehmen. Aber da ich nun wirklich hier bin: 
weshalb wünschten Sie denn durchaus, mich noch an diesem 
Abend zu sprechen?" 
„Weil ich mir mit Ihrer gnädigen Erlaubnis die 
Freiheit nehmen wollte, einige bescheidene Fragen an Sie 
zu richten?" 
„Die gnädige Erlaubnis ist Ihnen erteilt." 
„Es handelt sich um die Baronin von Riedberg, Miß 
Pendleton!" 
„Oh, ich kann mir wohl denken, daß Sie die Absicht 
haben, sich über sie zu beklagen. Es ist ja ein beson 
deres Mißgeschick, daß Sie vom ersten Augenblick an ge 
genseitig sehr wenig Gefallen aneinander gefunden zu haben 
scheinen. Zwischen uns republikanisch erzogenen Ameri 
kanern und den Herrschaften von der deutschen Aristo 
kratie besteht eben ein unüberbrückbarer Unterschied der 
gesellschaftlichen Anschauungen. Und ich fürchte sehr, daß 
ich mich vergeblich bemühen würde, die gute Baronin zu 
den weinigen zu bekehren." 
„Dürfte ich vielleicht um eine etwgs nähere Erklärung 
bitten, denn ich habe nicht das Vergnügen, Sie vollständig 
zu verstehen." 
„Aber, mein Himmel, Sie sind doch sonst nicht so 
schwer von Begriffen. Uns ist es immer erfreulich, aus
        
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