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Periodical volume Nr. 247, 20.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

bewies der zahlreiche Besuch. Die Mitglieder des Ortsaus 
schusses für Jugendpflege mit dem Dezernenten für Jugendpflege 
Herrn Schöffen v. Wrochem waren sämtlich zugegen; ferner 
nrchrere Herren der Gemeindevertretung, dann die Direktoren 
unserer höheren Schulen, Herren Dr. Busch, Prof. Schröder, 
Hannemann, Dr. Lorenz und Frau Rudel, die Rektoren Herren 
Kaul, Jaeschke und Schildberg, der Leiter des Jünglings 
vereins Herr Pfarrer Vetter, viele Lehrer und Lehrerinnen, 
der Vorsitzende des Turnvereins Herr Geheimer Hofrat Fehler, 
der Vorsitzende der Sanitätskolonne Herr Dr. Badt, Herr 
Bürodirektor Sudau u. v. a. Auf dem Schulhofe des 
Gymnasiums hatten sich inzwischen die Jugendlichen zu den 
Freiübungen geordnet. Während die Musik einen Marsch 
spielte, erfolgte der Aufmarsch der Jünglinge und Mädchen. 
Die Freiübungen, vom Turnwart Herrn Kraft vorgeturnt, 
kommandierte der Oberturnwart, Herr Lehrer Kühn, dem 
auch die Gesamtleitung der Veranstaltung oblag. Die 
Neigenführer und Ordner stellte das Reformrealgymnasium. 
Die gut und sicher vorgeführten Freiübungen, nach dem 
Takte des Liedes „Deutschland über alles" ausgeführt, 
wurden mit Beifall aufgenommen. ' Es folgten nun in 
einzelnen Gruppen verschiedene Turnspiele, Wettkämpfe usw. 
Ueberall sah mau die Jugend mit freudigem Herzen bei 
der Sache und die älteren wiederum hatten Freude an 
diesem fröhlichen, Geist und Körper erfrischenden Tun unserer 
Jugend. Eilbotenlänfe der Jugend beschlossen die Spiele. 
Herr Schöffe v. Wrochem betrat nun das Podium und 
hielt folgende Ansprache: 
Geehrte Damen und Herren, liebe Jugend! Die Gemeinde 
Friedenau hat nicht wie andere Gemeinden ein besonderes großes 
Fest veranstaltet zur Feier des Tages der 100jährigen Wiederkehr 
der Völkerschlacht bei Leipzig, sondern die Gemeinde Friedenau 
hat geglaubt, im wahren Sinne der großen Zeit zu handeln, in 
dem sie diesen Tag der Jugend überließ. Der Ortsausschuß für 
Jugendpflege hat deshalb dieses Fest veranstaltet und wir freuen 
uns, daß es einen so vorzüglichen Verlauf genommen hat. Tie 
Spiele zeitigten einen guten Erfolg. Tie Preise werden in 
der Abendveranstaltung verteilt werden. Daß ein solch schöner 
Erfolg erzielt wurde, verdanken wir zunächst dem schönen Wetter, 
das zu solcher Jahreszeit äußerst selten ist. ,Ker guten Cache ivar 
also auch ein gltter Tag bcschieden. Wir danken aber auch den 
Kreisen, die mitgewirkt' habe», dieses schöne Fest zu veranstalten. 
Dank der Gemeinde, die die Mittel gab, Dank den Schulleitern, 
die die Geräte zur Verfügung stellten, Tank den Damen und Herren, 
die alles vorbereiteten, so daß Großes geleistet werden konnte. 
Namens des Ortsausschusses sage ich allen besten Dank. 
Es wurde dann gemeinsam die erste Strophe von 
„Deutschland über alles" gesungen, worauf Herr v. Wrochem 
„Auf Wiedersehen in der Abeudscicr" wünschte. 
Die Abendfeicr begann um 8 Uhr. Aber schon lange 
Zeit vorher war die Aula unseres Reformrealgymnasiums 
bis auf den letzten Platz besetzt. Sehr viele mußten sich 
mit einem Stehplatz begnügen. Der sprichwörtliche „Apfel" 
konnte nicht zur Erde fallen. Der Dezernent für Jugend 
pflege Herr Schöffe v. Wrochem eröffnete den Abend mit 
einer Begrüßungsansprache. Er gedachte darin des Völker 
ringens bei Leipzig und betonte, daß wir schon in der 
Jugend beginnen müssen, unsere Kräfte anzuspannen, um 
die Macht unserem Volke zu erhallen, die ihm Achtung in 
der Welt abringt. Er erinnerte an den dem Reiche über 
40, Jahre erhalten gebliebenen Frieden, gedachte auch der 
25jährigen Rcgiernngszeit unseres Kaisers und brachte auf 
den Vater deS Vaterlandes, den Freund der Jugend, unsern 
Kaiser, ein Hoch aus das begeisterten Widerhall fand. 
Stehend sangen alle die Nationalhymne. Die Geschwister 
Knaak und E. Richter (2 Geigen und Klavier) spielten darauf 
die Ouvertüre zur Oper „Don Juan" von Mozart und 
ernteten reichen Beifall. Margarete Stricsche sprach dann 
in freiem Vortrag und guter Betonung die Oktoberballade 
von Marx Möller. Der Cellvvortrag mußte wegen Erkrankung 
des Herrn v. Freeden ausfallen. Der Knabenchor der 
l. Gemeindcschule sang hierauf „Lützows wilde Jagd" unter 
Leitung des Herrn Lehrer Schmidt. Dieser Gesang war 
eine künstlerische Leistung, die Jungen folgten willig ihrem 
Dirigenten und der frische Ton der hellen Knabenstimmen 
erfreute jeden. Nachdem Friedrich Neschke „Die Leipziger 
Schlacht" von Ernst Moritz Arndt vorzüglich deklamiert 
hatte, hielt Herr Oberlehrer Karge die Festrede. Anknüpfend 
an die letzten Worte des soeben gesprochenen Gedichtes von 
Ernst Moritz Arndk: „Die Leipziger Schlacht", schilderte der 
Festredner die Begeisterung, die das deutsche Volk ergriff, 
als Napoleon, nachdem schon in den vorhergehenden Schlachten 
in Schlesien und in der Mark seine Heere besiegt waren, bei 
Leipzig geschlagen wurde. Es galt dieser Erfolg der Er 
haltung deutscher Sprache, deutschen Volkstums und deut 
schen Geistes. An einer Lichtbild-Karte zeigte der Redner, 
Wenn er sicki noch vor einer kleinen Weile ganz ernst 
haft mit dem Gedanken getragen hatte, die Damen bis zu 
Bartels' Eintresfen der Obhut seines Chauffeurs anzuver 
trauen und mit dem ersten Frühzuge nach Frankfurt zurück 
zukehren, so war von einem derartigen Fluchigelüst jetzt nicht 
mehr die Rede. Denn ob nun Miß Pendleton für den 
dunkeläugigen Franzosen eine Zuneigung empfand oder 
nicht, so viel war jedenfalls sicher, daß sie von dein zwischen 
dem Bicomie und den beiden Riedbergs abgekarteten Spiel 
keine Ahnung hatte, und daß sie in Gefahr war. in irgend- 
eine ihr von dem sauberen Kleeblatt gestellte Falle zu ge 
raten. Nichts in der Well aber würde ihm größere Genug 
tuung bereitet huben als dieMöglichieit, den liebenswürdigen 
Bundesgenossen das Spiel ein wenig zu verderben, lind 
schon uni dieser Aussicht willen war er jetzt fest entschlossen, 
seinen Posten nicht vor der Zeit zu verlassen, lieber Miß 
Sylvia Pendletons Papa machte er sich freilich allerlei 
sonderbare Gedanken. Nach allem, was er über die Er 
ziehung der jungen Fankeedamen und über die Freiheiten 
gehört hatte, die man jenseits des großen Teiches dem 
weiblichen Geschlecht einräumt, würde es ihn vielleicht nicht 
allzusehr wundergenommen haben, wenn die reizende Sylvia 
ganz allein in der Welt herumgereist wäre. Daß aber Mister 
Pendleton seinem Kinde als Begleiterin und Beschützerin 
eine Person mitgegeben halte, deren wahren Charakter 
auch ein sehr mäßiger Menschenkenner schon nach kürzester 
Bekanntschaft erraten mußte, dünkte ihm einigermaßen be 
fremdlich. Und er fand dafür keine andere Erklärung 
als die, daß auch der amerikanische .Krösus mit den Be 
mühungen, feine Tochter zur Biconiteffe de Marigny zu 
Machen, durchaus einverstanden fei. Wenn dein so war, 
hatte er, der Fremde, ja gewiß keine Beranlasjuug, um 
RUß Pendletons glückliche Zukunft besorgter zu sein, als 
wie Deutschland damals unter der Herrschaft Napoleons 
stand, wie Preußen nur ein kleines Ländchen war, dazu 
arm und ausgesogen durch die Fremdherrschaft. Und von 
diesem kleinen Preußen ging die Bewegung aus. Rußland 
war der einzige Bundesgenosse, als cs gegen Napoleon den 
Krieg erklärte. Erst später traten Oesterreich und noch andere 
deutsche Staaten hinzu. Begeisterung ergriff alle, hoch und 
niedrig, arm und reich, als der König den 'Aufruf erließ. 
Alle kamen. Drei Armeen rückten auf Leipzig. Die Süd 
westarmee unter Schwarzenberg, die Ostarmee unter Blücher, 
die Nordarmee unter dein schwedischei: Kronprinzen Berna- 
dotte. Au Plänen gab der Redner nun eine Beschreibung 
von dem Verlauf der Schlacht. Den Erfolg führte der greise 
Feldmarschall Bücher herbei. lind wenn es nach diesem gegangen 
wäre, wäre Napoleon schon in Leipzig gefangen worden. So 
konnte Napoleon noch mit 30 000 Alaun über den Rhein 
fliehen. Aber auch in der Begrenzung war der Erfolg 
groß und mächtig, er bedeutet Deutschlands Freiheit. Denn 
nach diesem Tage hat kein fremdes Volk wieder deutschen 
Boden betreten. Nächst dem Dank zu Gott, gilt Dank auch 
den wackeren Führern. Der Redner zeigte daun im Licht 
bild das am Sonnabend geweihte Denkmal auf dem Schlacht 
felde bei Leipzig und gab von ihm eine Beschreibung. Er 
stellte daun die Frage, ob noch heute in uns etwas von dem 
Geiste der damaligen Zeit wohne. Und unter Hinweis auf 
die Taten unserer Krieger in Südwestafrika, in China und 
bei anderen Fährlichkeiten bejahte er diese Frage. Doch mit 
Bedauern müsse auch festgestellt werden,' daß eine große 
Masse unseres Volkes nichts wissen und nichts sehen will 
von unserem Feste. Der Umsturz ist ihr Ziel. Es fehlt 
ihnen der geschichtliche Sinn. Hätten sie ihn, würden sie 
erkennen, daß sie einem Trugbild nachjagen. Unser deutsches 
Volk ist es wert, daß wir alles daran setzen, Gut und Blut. 
Er schloß seine Rede mit einem begeistert aufgenommenen 
Hoch auf das deutsche Vaterland. Der Kuabenchor stimmte 
darauf Deutschland, Deutschland über alles au, in das die 
Versammlung mit einfiel. Stürmischer Beifall dankte dem 
Redner für seine prächtige Rede. Der Knabenchor saug 
hiernach „Du Schwert an meiner Linken", worauf die Herren 
Schöffe v. Wrochem, Oberturnwart Kühn und Geheimrat 
Fehler die Preisverteilung vornahmen. Die Sieger in den 
Wettspielen erhielten Eichensträuße, während die Sieger im 
Dreikampf mit dem Eichenkranz geschmückt wurden: 
Am Vormittag waren Ausscheidungsspiele im Sch lag ball. 
Als Sieger gingen hervor die I. Mannschaft des Männer-Turn- 
vercins und die Schlagballmannschaft des Rformrealgyinnasiums. 
Jin Entscheidungsspiel am Nachmittag siegte die Mannschaft des 
Mämmer-Turnvcreins mit 27:11 Punkten. — Der vorgerückten 
Zeit wegen mußte das Wettspiel im Fanstball ausfallen. — 
Ter Eilbotenlauf hatte folgendes Ergebnis: In Gruppe A 
(über 10 Jahre) siegte die I. Mannschaft des Männer-Turnocreins. 
In Gruppe H (unter 16 Jahren)) siegte die Eilbotenmaimschaft 
des Reform-Realgymnasiums. Im Eilbotenlauf der Mädchen 
siegte die Etlbotcnmannschaft des Jugendklubs der II. Gemeinde- 
schule. Im Dreikarnpf siegte Gruppe A (über 17 Jahre): 1. 
Hermann Bierfelder, M. T. B., (80 Punkte), 2. Bruno Mgrtiens, 
Turnv., (57 Punktes, 8. Rudolf Machowiez, Gymii., (53 Punkte), 
4. Ludwig Bickel, Turnv, (51 Punkte), 6. Hermann Falkenberg, 
Gymn., (50 Punkte), 6. Rudolf Walter, M. T. V., (48 Punkte), 
7., Kurt Pfltzncr, Turnv., (48 Punkte), 8. Georg Rieche, Turnv., 
(47 Punktes, 9. Rolf Koch, Ref.-Neatg., (47 Punkte), 10. Hans 
Franke, M. T. V., (44 Punkte), 11. Walter Eisen, M. T. V., 
(48 Punkte) und 12. Walter Nüscher, Gymn., (42 Punkte). 
Dreikampf: Gruppe II (unter 17 Jahre): 1. Herbert Bartsch, Rcalg., 
62 Punkte, Nr. 41; 2. Kurt Saupe, Turnv., 60 P., Nr. 36; 
8. Wechselmann, Gymn., 65 P., Nr. 47; 4. NieSlnchowski, Realg., 
52 P., Nr. 49; 5. Willi Berndt, M. T. B.. 51 P.. Nr. 32; 6. Gcrhnrt 
Müller, Gym., 50 P., Nr. 30; Dnpik, Turnv., 50 P., Nr. 60; 
Herbert Corduan, Gymn., 50 P., Nr. 63; 7. Gerhard Schmeißer, 
Gymn., 49 P., Nr. 35; 8. Fritz Linke, Rcalg., 48 P., Nr. 3k; 
Martin Hermann, Rcalg., 48 P., Nr. 33; Paul Ruhnke, M. T. V., 
48 P., Nr. 38; Eggert. Nealg., 48 P.. Nr. 58; Willi Wolfermann, 
Gymn., 47 P., Nr. 43; Fritz Behrendt, M. T. V., 46 P., Nr. 40. 
Herr v. Wrochem gratulierte den Siegern, dankte ihnen 
und ermunterte sie und auch die anderen Teilnehmer an 
den Wetlkämpfen ferner alle Kräfte anzuspannen, damit 
sich der Spruch bewahrheite ,,Mens saaa in corpore sano“, 
im gesunden Körper auch ein gesunder Geist! — Q. Richter 
erfreute nun mit dem Biolüivortrag Allegro brillante von 
Ten Have und K. Knaak ebenfalls mit den Violinvorträgen 
Romanze in G-Dur und Akenuett von Beethoven. Herr 
Musikdirektor Scheurich begleitete diese Vorträge auf dem 
Flügel. Mitglieder der Jiigendvereinigung führten ein von 
Herrn Rektor Kaul eingeübtes Theaterstück „Das eiserne 
Kreuz" von Wichert auf. Die Damen Fräulein Alüller 
und Fräulein Stoltzenburg, sowie die Herren Kramarski, 
Fleischer, Winter, Richter und Noack boten ein sehr gutes 
Zusammenspiel. Reicher Beifall dankte ihnen. Ebenso 
es ihr Erzeuger war. Aber cs war immerhin der Mühe wert, 
sich über die Lage der Dinge einige Gewißheit zu verschaffen, 
ehe er de» verdächtigen Heiratssliitern das Feld unbestritten 
überließ. 
Nachdem er ein paar hundert Schritte weiter ge 
schlendert war, wandte er sich ohne bestimmten Grund, nur 
einem halb unbewußten inneren Antrieb folgend, nach 
dem Hotel zurück. Es gab da eine große Anzahl er 
leuchteter Fenster, und er hatte keine Ahnung, wo sich 
Sylvia« Zimmer befinden mochten; trotzdem aber richtete 
er seine Blicke mit einer ganz eigenen, zärtlich warmen 
Empfindung auf die beiden Eckfenster des ersten Stockwerks, 
wie wenn sie es fein müßten, hinter denen das reizende 
Köpfchen der jungen Amerikanerin sich eben jetzt über ein 
Briefvlatt neigte. Wohl eine Biertelstunde lang stand er 
aus deui nämlichen Fleck und schaute hinauf, dis plötzlich 
das Licht hinter den undurchsichtigen Vorhängen erlosch. 
Du kam es über ihn wie die Erkeiininls einer knabenhaften 
Dummheit, die seinen Jahren recht schlecht anstehen wollte, 
und er nahm sich zum zweite» Male vor, sein Herz künftig 
besser in acht zu nehmen. 
Nur die Schwierigkeit, in dem leichten Abendwinds eine 
Zigarette in Brand zu bringen, hielt ihn nwy für eine 
kurze Zeit auf feinem bisherigen Beobachterposten f.ft. 
Aber er hatte keine Veranlassung, dem »ectifchen Spiel 
dieses Abendlüftchens, das iy»i sein Zündholz dreimal 
ausblies, zu zürnen. Mütde er doch ohne dies Ungefähr 
um eine der größten Fretiden gekommen fein, die der 
abenteuerrciche Tag für ihn in Bereitschaft gehabt. 
Vom Hoiel her kam leicht.» Schrittes eine schlanke 
Mädchengestalt daher, von einem ofsenen'Staubmcmtei an 
mutig umwallt, und das Köpfchen halb in einem, locker 
um Wangen und Kinn gefchlungensn Schleier versteckt. 
wurde lebhaft applaudiert der Biedermeiertanz von Mit 
gliedern des Jugendklubs der 3. Gemeindeschule nach 
dem Gesang: Als ich noch im Flügelkleide. Der Tanz 
mußte wiederholt werden. Damit schloß die in allen Teilen 
schön und würdig verlaufene Veranstaltung. Möge sie unserer 
Jugendbewegung neue Freunde gebracht haben. 
Eine weitere Feier zur Erinnerung an die Leipziger 
Schlacht veranstalteten der Veteranen- und Kriegerverein 
in Gemeinschaft mit dem Evangelischen Arbeiterverein, 
In den oberen Sälen des Kaiser Wilhelm-Gartens ver 
sammelten sich die Mitglieder beider Vereine am gestrigen 
Sonntag zu einer Festsitzung. Nach Begrüßung der zahl 
reich Erschienenen durch den Vorsitzenden Hauptmann der 
Gardelandwehr Schindler hielt dieser nachstehende Festrede: 
Lieben Freunde und Kameraden! Die Schlachttage von Leipzig. 
Düppel, Königgrätz und Sedan stehen in flammender Lapidarschrift 
am Sternenhimmel des deutschen Volkes. Daher ohne Leipzig kein 
Düppel, ohne Düppel kein Königgrätz und ohne Königgrätz kein 
Sedan. Sein unvergleichlicher Glanz erfüllt auch heute noch unsere 
Herzen. Wievielmehr die Völkerschlacht von Leipzig, deren 
100 Jahrjahrfeicr jetzt überall, wv die deutsche Zunge klingt, festlich 
begangen wird. Wir können deshalb an diesem hohen Ehrentage 
des deutschen Volkes nicht teilnahmlos vorübergehen, ohne uns 
jener einig denkwürdigen Zeit vor NX) Jahren zu erinnern, wo die 
Franzosen noch im Lande waren. Wir gedenken dabei in Dank 
barkeit gegen Gott den Ehren der ivunderbarcn Wege, die zur 
Vernichtung deS Feindes geführt haben. Einmal war es die 
furchtbare Kälte auf den Eis- und Schneefeldern Rutzkands, die 
mörderischer unter der französischen Armee aufräumte, als Pulver 
und Blei, als Gewehre und Kanonen. Ein Gottesgericht! Bei 
den darauf folgenden Kämpfen und in der Völkerschlacht war 
es die heilige Begeisterung aller deutschen Männer und Jünglinge, 
die als karar teutonicas von Altersher dem Feinde den Garaus 
gemacht hatte. Freudig hatten unsere Altvordern, killt und Jung 
ihr Leben, ihr Gut und Blut für das Vaterland geopfert. Ich 
kann darauf verzichten, Ihnen aus der Kriegsgeschichte über die 
einzelnen Schlachten und Gefechte von Leipzig Näheres zu berichten. 
Ihre Blätter (haben Ihnen das Wissenswerteste schon in diesen 
Tagen reichlich gebracht. Es genügt Ihnen zu sagen, daß Napoleons 
Macht durch die vorausgegangenen Siege unserer Väter von Katzbach, 
Großbeercn, Tcnneivitz, Kulm, Wartenberg und Hagelberg soivie 
zuletzt von Leipzig gebrochen wurde und daß er mit seiner Armee 
aus der Flucht nach Frankreich begriffen ivar. Nun war endlich 
unser Vaterland vom Feinde befreit, alles atmete freudig auf. 
Seitdem hat kein Franzose mehr deutschen Boden betreten, — bis 
auf diesen Tag. Dach was das Hoffen und Sehnen des deutschen 
Volkes nach allen jenen schweren Opfern und Kämpfen damals 
begeistert erstrebte — das, was das Ziel hochgemuter edler 
deutscher Männer, wie des gottbegnadeten Theodor Körner, Ernst 
Moritz Arndt». A. erfüllte — ein Deutsches Reich mit eineni starken, 
mächtigen Kaiser an der Spitze, kam, dank der dabei beteiligten 
fremden Staatsmänner, auf dein Wiener Kongreß nicht zustande — 
sondern nur ein kraft- und saftloser deutscher Bund niit rund 40 
souveränen deutschen und anßerdentschcn Fürsten unter Bevormun 
dung Oesterreichs, der ivcdcr die Freiheit, noch die Einheit Deutsch 
lands erstrebte. Erst niiter unserem unvergeßlichen alten Helden- 
kaiscr Wilhelm I. mit seinem großen Kanzler Bismarck, wurde unser 
jetziges herrliche, freie Deutsche gleich gegründet. Und wenn wir 
heule ganz besonders des unvergeßlichen Tages von Leipzig freudig 
gedenken, dürfen ivir uns im Geist var unserm großen Heldenkaiser 
und seinen Paladinen verneigen, vor allen jenen treuen 'und tapferen 
Kämpen, die nunmehr jenseits der Sterne ihre Verklärung gefunden 
haben. Wir gedenken aber auch heute J>es gegenwärtigen Trägers 
der deutschen Kaiserkrone und ihrer Macht und Kraft, uiiscrcs ge 
liebten Kaisers, der gestern auf dem Leipziger Schlachtfclde inmitten 
seines deutschen Volkes geweilt und sich vor dem Lenker der Völler 
und Schlachten gebeugt hat. Mit unseren Kameraden niid Freunden 
verbinden wir uns heute in diesem kleinen Kreise in den Wünschen 
für das Gedeihen und Wohlergehen unseres gebicbten Vaterlandes 
und indem wir unsere Herzen und Augen auf unsern kaiserlichen 
Herrn richten, vereinigen wir unsere Hoffnungen und Gebete für ihn, 
indem mir einstimmen in den Ruf: Unser Kaiser Hurrah! 
Gesangliche und deklamatorische Vorträge des Herrn 
Konzertsängers Hahn (Friedenau), unter Mitwirkung des 
Herrn Chordirigenten Charton (Schmargendorf), gaben dem 
Fest die rechte Weihe. Gedankt wurde auch dem Gemeinde- 
vorstand für die den alten hilfsbedürftigen Veteranen über 
wiesene Spende. 
£ckalcs 
(Nachdruck unserer o-Originalarlikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Ordensverleihung. Der Königl. Kronenorden 
3. Klasse wurde dem hier, Wicsbadcuerstr. 84, wohnenden 
Professor Dr. Emil Koehne verliehen. 
o Neue Berliner Fernsprechämter. Um die be 
stehenden Berliner Fernsprechämter zu entlasten, werden 
zurzeit neue Aemter gebaut, die 1014 bezw. 1015 in Be 
nutzung genommen werden sollen. Amt Norden in der 
Oranienburger Straße erhält eine Erweiterung für 10 000 
Anschlüsse und damit später ein neues Amt. Eine weitere 
Entlastung fordern das Amt Mvritzplatz, das Hauptfern- 
sprechamt.uud das Amt in der Körncrstraße. Der Neubau 
für Amt Moritzplatz (Erweiternngsamt) kommt nach der 
Auch wenn seine scharfen Augen ihm nicht gesagt hätte», 
wer diese Dame sei, würde er es an dem Pochen seines 
Herzens gefühlt haben. Er schleuderte die eben ange 
zündete Zigarette aus den Boden und lüstete seinen Hut. 
„Guten Abend, Miß Pendleton!" 
Ueberrascht blieb sie stehen. Denn sie hatte ihn nicht 
erkannt und würde ohne seine Anrede sicherlich achtlos 
an ihm vorübergeschritte» sein. Wie hätte sie auch in 
dem elegant gekleideten jungen Herrn den Chauffeur ver 
muten sollen, den sie bisher nur in der einfachen und 
wenig kleidsamen Uniform seines Berufes gesehen hatte I 
Auch wenn er ein viel besserer Schauspieler gewesen wäre, 
als er cs nach den bisher abgelegten Proben zu sein 
schien, würde Gras Hauungen in solchem Anzüge den 
Sprößling einer alten vornehmen Familie kaum habe ver 
leugnen können. Sein Wuchs, seine Hände und Füße, 
seine Haltung und seine Bewegungen, alles gab Kunde 
von einer edlen Abstammung wie von einer ausgezeichneten 
Erziehung, und es war immerhin gut, daß er selber sich 
dessen so wenig bewußt war, weil es ihm andernfalls 
wahrscheinlich an Tlut gefehlt haben würde, das verwegene 
Spiel noch länger fortzusetzen. 
Für die Dauer einiger Sekunden hatte er Sylvias 
schöne Augen mit eine n «reffen, erstaunten Blick auf sich 
gerichtet gesehen, und er hatte dabei die Beobachtung 
gemacht, oatz ihr leuchiendes Blau sich bei dieser abend 
lichen Beleuchtung in ein seltsam tiefes Schwarz gewandelt 
zu haben schien. Dann war wieder das bezaubernde 
Lächeln, das ihni mm schon mehr als einmal die Sinne 
verwirrt hatte, um ihre Mundwinkel gehuscht, und sw 
Halle freundlich seinen Gruß erwidert. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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