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Periodical volume Nr. 198, 24.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Unterschriften zu leisten hat, damit zu entlasten. Der Ge 
meindevorstand werde künftig vorsichtiger sein in der An 
schaffung von Sachen. 
G.-V. Ott bcanlragt dann, dem Rechnungsleger Ent 
lastung zu erteilen, vorbehaltlich der in geheimer Sitzung 
noch zu erledigenden^Erinnerungen. Es wird so beschlossen. 
Nach der Vorlesung und Unterzeichnung des Protokolls 
wird die öffentliche Sitzung um 11 Uhr geschlossen. Es 
folgt eine geheime Sitzung. 
Die bunte Mocbe 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 17. Oktober 1913. 
Der Tango in Berlin. — Tango auf der Straße. Tango im 
Warenhaus. — Der Rhytmuö der neuen Zeit. — Von Bazillen 
und Mikroben. — Vorsicht! — Der Herr aus Steglitz. — Die 
Berliner und die andern Deutschen. — Der kluge Schlachter meister. 
In Berlin wütet augenblicklich die Tango-Seuche. Als vor 
S ahren in Hamburg die aus Asien eingeschleppte Cholera die 
inwohnerschast dezimierte, stand die alte Lansastadt sicher nicht 
bedeutungsvoller unter dem Zeichen des schwarzen Todes, als 
Berlin heute unter dem Zeichen eines Tanzes steht, der sich mit 
dem brasilianischen Namen Tango schnell eingebürgert hat. 
Zuerst dachte man, wie bei all diesen Erscheinungen, daß es 
sich lediglich um eine vorübergehende Krankheit handle, von der die 
beschäftigungslose jeimt-Mt* d’oreo des Westens ergriffen sei. Aber 
als selbst im Norden und Osten behäbige Schlachtermeisterinncn 
mit vielem Behagen und wenig Grazie sich den Tangofreudcn Hin 
gaben, und als jedes kleine, hübsche Ladenmädel über dem Tango 
fast ihren Liebhaber vergaß, — seu diesen erschütternden Begeben 
heiten kann man wohl sagen, daß dieser Tanz Allgemeingut der 
Berliner Bevölkciung geworden ist. 
Wir können den Tango jetzt sogar schon ans Warenhäusern 
beziehen. Gestern ivurde im Kaufhaus des Westens zum ersten 
Male der Tango im Teeraum als neues Zugmittel der Maren- 
Kathedrale gezeigt. Ich weiß nicht durch welchen Verdienst ich zu 
einer Einladung gekommen nwi. Ich habe bisher noch an keinem 
Tango-Turnier teilgenommen. Ich stelle dies fest, selbst auf die 
Gefahr hin, meine völlige Rückständigkeit und trottelhafte Minder 
wertigkeit vor weitestem Publikum zu dokumentieren. 
Als ich ankam, herrschte ein lebensgefährliches Gedränge, so 
daß der mit Recht gern zitierte Apfel tatsächlich nicht zur Erde 
fallen konnte. Es waren sogar Schutzleute aufgeboten, die mit 
derber Faust die tangowütigcn Berlinerinnen zurückhalten mußten. 
AIs ich, dank meiner Karte, die erregte Menge passieren durfte, 
um ins Allerheiligste zu gelangen, hatte ich^das Hochgefühl eines 
indischen Fürsten, der. nach altem Brauch, an hohen Feiertagen 
als Einziger in die Elefanten- und Elefantcnbeintcmpel schreiten 
darf. Als ich dann aber in dein mit einem müden Parfüm durch 
wehten heißen Raume saß, kam ich mir vor wie mein Onkel Theodor. 
Dieser war kürzlich in Berlin und wollte sich einmal ein recht ge 
wagtes Lustspiel ansehen. Als im zweiten Akt noch immer keine 
Zote aufflammt, und als es auf der Bühne sogar recht behäbig und 
langweilig zuging, wurde er in all seiner Enttäuschung sehr ärgerlich 
und ivollte sein Geld an der Kaffe zurück haben. 
Jedenfalls erlebte ich auch eine Enttäuschung nach dieser Rich 
tung hin. Der Tango, der von einem sehr graziösen Paar vor 
einem violetten Borhang getanzt wurde, war so dezent und ein 
wandfrei, daß ich mir auf jeden Fall hätte mein Geld zurückgeben 
lassen, sofern ich solches bezahlt hätte. 
Es war ein wunderbares Spiel der Linien. Leise flössen 
die Farben ineinander rmd die weiche, etwas wehmütige Musik 
konnte den Beschauer eher traurig und nachdenklich stimmen, als 
ihn in den Bereich d?s freundlichen Paragraphen 184 des Straf 
gesetzbuches führen. Unser Walzer und das ekelhafte Gehupse. das 
man früher unter dem Namen Polka schwitzend ausübte, zeigen 
auch nicht im entferntesten den ruhigen Rhytmus und das pracht 
volle Spiel der Linie, wie dieser Kunsttanz, den ich allerdings nicht 
gern von watschelnden Kommcrzicnrätinnen getanzt sehen möchte. 
Gewiß, wir wollen unsern deutschen Walzer nicht aus 
geben. Es liegt in ihm so viel Süße, so viel Innigkeit, Gemüt 
und Tradition, daß wir ihn >vie das deutsche Bolkslicd in alle 
Ewigkeit pflegen sollten. Ein Walzer erklingt und man hört die 
Nachtigallen schluchzen. Ter Aland liegt auf spitzen Giebeln und 
überall riecht es nach Linden und nach Rosen. Wir sollten ihn 
hegen und pflegen mit aller deutscher Treue; aber wir sollten uns 
der Erkenntnis nicht verschließen, daß die neucn Tänze die Aus- 
druckssorm einer neuen Zeit sind. Der Rhytmus schwingt heute 
in einem andern Takt und das selige 1 2 3, 1 2 3 wurde abgelöst 
durch das harte 1 2, 1 2 des Twostcp. Wie man beim Tango 
allerdings den Rhytmus erläutern und zählend darstellen könnte, 
ist mir nicht klar. Man müßte etwa zuerst von 1 bis 77 zählen 
und dann in graziöser Verschlingung der Zahlenreihen wieder 
zurückgehen auf den Ausgangspunkt. Nicht weniger als 1b „Touren" 
hat der Tango. Das erklärte mir eine sehr korpulente Tischnach- 
darin, die durch gefärbtes Haar sich vergeblich bemühte, wie ein 
Bild Tizians auszusehen. 
Jedenfalls stiigmte mich der Tango im Kaufhaus nachdenklich. 
Langsam trank ich meine Tasse Tee zu Ende, Aber ich ivurde ans 
meinem Traum gerissen durch eine Unterlassungssünde, an 
die ich inich selbst erinnerte: 
Ich hatte wieder aus einer fremden Tasse getrunken; hatte 
wieder Waffeln gegessen, die vorher nicht in Karbolsäure getunkt 
waren, und hatte mein Getränk mit einem Teelöffel bearbeitet, der 
vorher nicht abgebrannt und desinfiziert war. 
Mit Schrecken habe ich gelesen, was Professor Metschnikoff, 
der weltberühmte Leiter des Pasteur-Institutes in Paris, von seiner 
Lebensweise gesagt hat. Er brüht die Bananen, ehe er sie 
ißt. Vor dem Gebrauch brennt er Meffer, Gabel und Löffel aus, 
um die Bazillen zu töten. Das Brot wird geröstet, um den 
Mikroben das Lebenslicht auszubrennen. Die Salate werden des 
infiziert; das Wasser wird gekocht. Alle rohen Gemüse und Früchte 
werden nicht eher gegeffen, bis sie nicht 2 Minuten in kochendem 
Wasser gelegen haben. 
Herrjeh, sind wir ein Volk von unhygienischen Sündern! 
Kehr um, o Mensch, um Gottes Willen! 
Noch ist es Zeit, noch ist es Zeit. 
Du schluckst Millionen von Bazillen 
in angebor'ner Wurschtigkeit. 
Hör zu, wie mir die Stunden rinnen, 
und halte Dich, so schwer's auch sei, 
von unten, oben, außen, innen 
bazillen- und mikrobensrei. 
Von meinem Bett, das antiseptisch 
mit Jod und Aether imprägniert, 
erheb ich mich am Morgen skeptisch, 
dieweil mein Bad noch nicht filtrieit. 
Ich putze mir den Mund, den losen, 
mit Kali und mit Kreolin; 
und auf, — pardon, — die Ilnterhoscn 
streu ich das gelbe Zacherlin. 
Der Kaffee, der mir dann gereicht wird, 
hat einen Zusatz von Lysol. 
Das Brötchen, das in Kalk gebleicht wird, 
erhält statt Honig nur Thymol . . . 
Die Hände schnell dann noch gewaschen 
mit Sublimat, das hilft enorm; 
und als Parfüm für alle Taschen 
ein Hauch des edlen Jodoform! 
So leb ich meine Tage weiter 
mit Soda und Formaldehyd. 
Ich bin im Grund der Seele heiter 
als antiseptisches Gemüt. 
lind will ich wie ein Falter nippen 
an meines Mädels Mündlein klein, 
wasch ich ihr erst die roten Lippen 
mit Sublimat und Höllenstein. 
Den Alkohol aus feigen Tagen 
gebrauch ich nur noch äußerlich; — 
drum sterb ich bald. — Den schwarzen Schrägen 
bestreicht mit Teer, — auch innerlich! 
Wenn Ihr mir dann mein Sterbehemde 
mit Chlorkalk noch desinfiziert, 
dann zieh ich in die goldne Fremde, 
nachdem man keimftei mich seziert! 
Ich bin jedenfalls empfindlicher, als der Herr aus Steglitz, 
der in lräftigem Bogen und wohlgezielt vom Bahnsteig aus auf 
die Schienen spuckte. Er wurde von einem Beamten auf das 
„Verbotene" seiner Handlungsweise aufmerksam gemacht, worauf 
er entrüstet sagte: 
„Na, nu stellen Se sich man nich so an! Uff de Schienen is 
det nich jefährlich; da werden de Bazillen doch von de Räder 
totjefahren!" 
O, die intelligenten Steglitzer! Ob ein Kassube oder ein Elsässer 
auch wohl so schlau sein könnte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls 
bestehen in ganz Deutschland schon seit Jahrhunderten Zweifel, 
wer von den vielen Stämmen nnd Völkerschaften die größten 
Kartoffel züchtet. 
Jeder hält sich für den Klügsten, während andere behaupten, 
daß er als Miterfinder des Pulvers überhaupt nicht in Frage komme. 
Die Bayern halten die Preußen für dümmer als sie selber sind, 
und die Preußen wieder seben mit geschürzter Lippe aus die 
Mecklenburger herab! Die Sachsen behaupten von den 
Schlesiern, daß sie schlau „wie Kartoffelklöße" seien. 
In hundert Sprichwörtern und Reimspiclen kommen diese 
Ansichten zum Ausdnrck. Der Schwabe soll erst nach dem 
40 Lebensjahre den Verstand eines mäßig begabten preußischen 
Säuglings bekomme», und von den Pommern wird behauptet, 
daß sie vor dem 40. Lebensjahre dumm sind und nach dem 40. 
nicht gescheit werden. 
Als vor 7 Jahren der Schuster Voigt das Rathaus von Köp-nick 
erstürmte, als dieser triefäugige Strolch in Hauptmannsuniform 
beinahe eine ganze preußische Stadt erobert hatte, da hallte es aus 
allen Provinzen des Reichs in ehrlicher Schadenfreude wider. 
Von der Maas bis an die Memel schlugen alle an ihren Busen und 
behaupteten: „Bei uns hätte so etwas nicht passieren können. 
Jetzt hat sich in Berlin in aller Stille wieder eine kleine neben 
sächliche Begebenheit abgespielt, die unter dcin Gesichtswinkel der 
Intelligenz dem übrigen Deutschland verkündet zu werden verdient. 
Ein Berliner Schlächtermeister hatte in einer Wirtschaft 
einen Gast bedroht und batte ihnr zum Nachdruck seiner Rede das 
Bierglas ein bischen an den harten Schädel geschlagen. Der Herr 
war mit dieser Behandlung nicht ganz zufrieden und klagte gegen 
den Schlächtermeister. Am Tage des Termins erschienen die feind 
lichen Parteien im Gericht und im Korridor stellte der Prozeßgegner 
des Schlächtermeisters diesem seinen Rechtsanivalt vor. Der 
Der Rechtsanwalt redete auf den Schlächtermeister ein. Er solle 
es doch nicht zum Termin kommen lassen, weil eine ungeheuer hohe 
Strafe in Aussicht stünde. Er sei bereit, die Sache aus der Welt 
zu schaffen, nur solle ihm der Schlächtermeister zu diesem Zwecke 
760 Mk. geben; denn er müsse die Richter bestechen und ver 
schiedene andere Schweigegetder zahlen. 
In seiner Herzensangst fuhr der Graß-Berliner Schlächtermeister 
schnell nach Haus und holte das verlangte Geld. Der Prozcßgeqner 
wartete mit seinem Anwalt im Korridor. Sic singen den Schlächter 
meister ab und ließen sich das Geld auszahlen. Sie bedeuteten 
dann dem von Sorgen und Geld befreiten Manne, er könne jetzt 
ruhig nach Hause gehen, die Sache sei erledigt. 
Der Schlachter war nicht wenig erstaunt, als er bald darauf 
einen Strafbefehl wegen Terminvclsäumnis und eine Ladung zu 
einem neuen Termin bekam. Er ging auf das Gericht und erfuhr, 
daß er 2 geriebenen Gaunern in die Hände gefallen war. Auf 
Grund der genauen Peisonalbeschrcibung, die der erstaunte Meister 
von den Beiden gebe» konnte, gelang es aber, das Banditenpaar 
festzunehmen. Es stellte sich heraus, daß der eine Gauner sich in 
einem Maskcnvcrleihgeschäft einen Ta'ar und eine Aktenmappe ge 
liehen hatte. Mit dieser Ausrüstung sing er, in Gemeinschaft mit 
seinem Komplicen, das Opfer ab. Wenn der Karle Gschcitlc in 
Hemmingen so hineingelegt worden wäre, würden sich die Berliner 
sagen: „Na ja, da unten in der Irgend" 
Schade, daß ich nicht erfahren kann, waS jetzt der Karle Gscheitle 
über die Berliner sagt. Heinr. Binder. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o AuSbildungSkursuö für Helferinnen. Wie schon 
mitgeteilt, beabsichtigt der Vaterländische Franenverein zu 
Friedenau auch in diesem Winter einen Ausbildungskursus 
für Helferinnen vom Roten Kreuz zu veranstalten. Damen, 
welche Lust und Interesse für diese gemeinnützige und zum 
Wohle des Vaterlandes höchst wichtige und ivünschenswerte 
Einrichtung haben, werden hierdurch eingeladen, sich mit 
Postkarte bei Herrn Major a. D. von Ungcr, Wielandstr. 5, 
für den genannten Ausbildungskursus anzumelden. Die 
theoretische Ausbildung wird im Dezeinber 1613 und im 
Januar 1914 in Friedenau, die praktische im Februar und 
März 1914 im Garnisonlazarett 1l Berlin zu Tempelhof 
stattfinden. Da stets eine äußerst rege Beteiligung statt 
gefunden hat, so liegt es im Interesse der Damen selber, 
sich möglichst früh zu melden, da naturgemüß die Anzahl 
der auszubtldenden Damen keine unbeschränkte ist. Damen, 
welche im Jahre 1912 und früher zu Helferinnen ausge 
bildet wurden und sich im Besitze des Helferinnenausweises 
befinden, werden darauf aufmerksam gemacht, daß in diesem 
Winter auch ein Wiederholungskursus (Uebung) abgehalten 
werden wird und zwar im Februar und März 1914 im 
gleichen Lazarett. Auch hierzu werden Anmeldungen au den 
Unterzeichneten möglichst bald erbeten. Schließlich findet 
noch ein Kursus statt für die Ausbildung von Damen im 
Lazarettverivaltungsdienst. Dieser umfaßt die Unterbringung 
und Entlassung der Kranken bezw. Verwundeten, die Ver 
pflegung, die Materialverwaltung, die Listenführung, die 
Kaffen- und Buchführung und vieles Andere noch und 
gewährt einen Ueberblick über das gesamte Lazarettwesen. 
Damen, die sich dieser wichtigen, interessanten und bisher 
noch wenig bekannten Ausbildung unterziehen wollen, 
werden ebenfalls um baldige Anmeldung bei Herrn 
Major a. D. von Unger gebeten. Die Ausbildung erfolgt 
im gleichen Lazarett im Februar 1914 an den Nachmittagen. 
o Der Austritt aus de« OrtS-Kraukenkasseu konnte 
bisher nur beirn Stellenwechsel oder gegen vorherige 
Kündigung zum Jahresschluß erfolgen. Die Kündigung 
der Mitgliedschaft mußte dann spätestens am 30. September 
bei der Orts-Krankenkasse eingegangen sein. In diesem 
Jahr ist nach Mitteilung der Versicherungsämter eine 
Kündigung der Mitgliedschaft nicht nötig, weil sämtliche 
Ortskrankenkassen sich am 31. Dezember auflösen nnd am 
1. Januar 1914 neu bilden müssen. Die Handlungs 
gehilfen und -Lehrlinge haben deshalb die Möglichkeit, in 
diesem Jahre mit dem Jahresschluß au? der Ortskranken- 
kasse ausscheiden und auch jetzt noch die Mitgliedschaft einer 
Ersatzkaffe erwerben zu können. Im Jannar des nächstcu 
Jahres wäre dann ein Antrag auf Ruhen der Rechte und 
Pflichten bei den Orts-Krankenkaffen zu stellen, um von der 
Beitragspflicht zu der Zwangskaffe befreit zu sein. Nähere 
Auskunft hierüber sowie über alle anderen Krankenver- 
icherungsfragen erteilt kostenlos und sachgemäß die Deutsch 
nationale Kranken- und Begräbniskasse in Hamburg, Holsten 
wall 4. 
o Der Verein der NahrungSmittelbranche Friedenau 
hielt am Mittwoch, dem 15. Oktober seine Monatsversamm- 
üng im Kaiser-Wilhelm-Garten, Rheinstr. 65 ab. Nachdem 
der Vorsitzende Kollege Habermann die Anwesenden, ins 
besondere Herrn Mielke vom Wilmersdorser Verein begrüßte, 
gab er die Tagesordnung sowie eingegangene Schreiben 
bekannt. Das vom Schriftführer Lange zur Verlesung ge 
brachte Protokoll der Septembersitzung wurde ohne Wider 
spruch angenommen. Neu ausgenommen wurden die Herren 
G. Mittag, Ringstr. 20 und G. Buchwald, Kaiserallee 125. 
Neu angemeldet hat sich Herr Brefka, Saarstr. 6. Zu 
Punkt 4, die Privat- und Wochenmärkle, nimmt der Vor 
sitzende das Wort. In seiner längeren und sachlichen Aus 
führung bedauert er, daß trotz des eingelegten Protestes 
vonseiten der Handel- und Gewerbetreibenden die Märkte 
doch abgehalten werden. Der Verein hat sich auch gegen 
den Markt an der Kaiserallee, der den hygienischen und 
sanitären Anforderungen nicht entspricht, beschwerdesührcnd 
an den Polizeipräsidenten von Schöneberg gewandt, es ist 
ihm auch eine Antwort zugegangen, worin mitgeteilt wird, 
daß dem Unternehmer eine Frist von 2 Wochen gestellt 
wird, um Abhilfe zu schaffen, andernfalls der Polizeipräsident 
dagegen einschreiten wird. §Die Frist ist abgelaufen, der 
Markt wird weiter auf diesem Platz abgehalten, ohne daß 
dort das geringste vonseiten der Polizei gegen ihn unter 
nommen wird. Es entspann sich eine recht lebhafte Debatte, 
an der sich auch Herr Mielke vom Wilmersdorser Verein 
lebhaft beteiligte. Dieser gab auch eine geharnischte Eingabe 
des Bezirksvereins Kaiserplatz bekannt, der sich gegen die 
Verschandelung der dortigen Gegend an den Polizeipräsi 
denten wendet und bittet, den Markt dort zu verbieten. 
Es wird auch wiederum lebhaft bedauert, daß sich die Haus 
und Grundbesitzer, die doch ein großes Interesse an der 
Vermietung ihrer Läden haben, nicht ins Werk setzen und 
gegen weitere Abhaltung von Märkten protestieren. Es 
mache doch wirklich keinen netten Eindruck, wenn in einer 
Straße 5 bis 6 Lüden leer stehen. Ueber den Petroleum 
handel sprach darauf Kollege Lange in sehr eingehender 
Weise. Er streifte den Petroleummarkt im allgemeinen und 
kam sodann auf die sogenannten Rabatt-Abkommen. Von 
vielen Seiten werden diese Abkommen als günstige Ab 
schlüsse gehalten, jedoch ist dieses nicht der Fall, sondern 
eine Verpflichtung, die man bei der Petroleum-Gesellschaft 
eingeht. Diese Verpflichtung besteht darin, daß sich der Be 
treffende süc eine geraum: Zeit, und das ist in den meisten 
Fällen 2—3 Jahre, fest verpflichtet, von der bctreffenden 
Gesellschaft zu nehmen. Man kann dann ohne we leres von 
solchem Vertrage nicht zurücktreten und dafür empfiehlt es 
sich, solche Verträge gründlich durchzulesen evtl, den einen 
oder den anderen zu Rrte zu ziehen. Redner betont noch 
ausdrücklich, jetzt keine neuen Verträge einzugehen, da die 
meisten bis Ende 1914 oder gar 1915 laufen. Ueber die 
diesjährige Ausstellung berichtete Kollege Lange ynd teilte 
der Versammlung mir, daß es gelungen ist, nur erste Firmen 
zu gewinnen und daß daher die Ausstellung eine recht 
imposante sein wird. Es wird hier wiederum dem Friede 
nauer Publikum etwas besonderes geboten. Alle Kollegen 
werden gebeten, in ihren Geschäften eine recht rege Propa 
ganda für die Ausstellung zu machen. Nachdem Herr 
Mielke für die Einladung gedankt hatte und dem Verein 
ein ferneres Blühen und Gedeihen wünschte, schloß der 
Vorsitzende die Versammlung um 12 Uhr. 
v Eilbotenlauf. Am Südwestkorso in Friedenau ist im 
Allgemeinen auch Abends noch reges Leben. Am 17. 
Oktober zwischen 11 und 12 Uhr Nachts war der Verkehr 
jedoch vervielfacht. Welches Interesse der auch durch unseren 
Ort gehende Eilbotenlanf der Deutschen Turnerschaft in 
unserem Friedenau ausgelöst hatte, konnte man an den er 
wartungsvollen Mienen der Passanten mit Vergnügen cnt- 
nehmen. Und als nun gar die einzelnen Läufer ihre Posten 
bezogen, um im gegebenen Moment ihrerseits die Urkunden 
raschen Laufes weiter zu befördern, waren sie bald Mittel 
punkt dichter Menschengruppen, die in lebhaftem Gespräch 
das Gelingen des Ganzen besprachen. Hier und da noch 
einige hastige Fragen, ob die Anjchlußposten besorgt, und 
schon sausen Radfahrer heran, die die Nachricht bringen, 
daß in einigen Minuten der Läufer zu erwarten sei. Allge 
meine Spannung, die sich noch steigerte, als der Kraftwagen 
der Fahrtleitung in rascher Fahrt herannahte, das Zeichen, 
daß irr den nächsten Sekunden auch unser Läufer einzusetzen, 
habe. Mit cinöm Male ein lautes: „Da kommt er ja schon!" 
Im Nu Mantel bei unserein Mann herunter, einige Meter 
dem in vollstetn Laufe heransausenden entgegen, und schon 
hat er seinerseits die Metallbüchse in den Händen, um, alle 
Kraft selbst einsetzend, zum Gelingen des Ganzen beizutragen 
Manchem der Umstehenden war das Vorbeihuschen der leicht- 
gckleideten Gestalten kaum recht zum Bewußtsein gekommen, 
als unser erster Mann schon freudestrahlend zurückkommt 
und berichtet, daß auch er dem Nachbar alles gut über 
geben. Bit dem Gefühl „Bei uns hat's gut geklappt!* 
schütteln sich die Freunde die Hände mit dem Wunsche, daß 
dem großgedachten Unternehmen der Deutschen Turnerschaft 
volles Gelingen befrieden sein möchte. Dem vaterländischen 
Unternehmen war auch bei uns behördlicherseits mit großem 
Wohlwollen begegnet. Mit Dank kann anerkannt werden, 
daß für die Laufstrecke seitens der Polizciorgane unseres 
Ortes in anerkennenswerter Weise Vorsorge getroffen 
war, den Läufern freie Bahn zu schaffen. Punkt 
3 / 4 12 Uhr hatte der erste der in Friedenau stationierten 
Turner die Urkunde in der Hand und beförderte sie rasenden 
Laufes weiter, 11 Uhr 47 sauste der letzte Mann aus der 
Kaiserallee hinüber nach Steglitz, und von Hand zu Hand 
weitcrwandernd, erreichte die Stafette um 12 Uhr 27 Min. 
bei Kilometer 23,3 die Friedenauer Turner, auch hier 
ging alles glatt von statten. Unsere Turner hatten sich init
        
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