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Periodical volume Nr. 194, 19.08.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kriedenauer 
Unparteiische Zeitung silr kommunale und bürgerliche 
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Jeden Mittwoch: 
CHitjblatt „Seifenblasen". 
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Organ für -en Kriedenaner Ortsteil non Zchiineberg nn> 
Kerirksuerein Züdmest. 
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Nr. 246. 
ßgmggwgggwgjg 
I3erlin-Iriedenau, Sonntag, den 19. HKIoöer 1913. 
29. Ia-rg. 
OspesrDen 
Letzte rrarhrirhten 
Berlin. Die Ursache der gestrigen Lustschiffkatastrophe 
bat auch die von dem Neichsmarineamt eingesetzte Unter- 
suchungskommissian nicht feststellen können. Wie mitgeteilt 
wird, nimnit das Neichsmarineamt an, daß die Katastrophe 
durch einen Bergasimgsdrand herbeigeführt morden ist, der 
infolge von Knallgasbildung Nahrung gefunden hat, sodaß 
der Brand sich von dem Vorderteil des Luftschiffes aus sehr 
schnell ausbreitete. Das ist ein unglücklicher Zufall; ein 
Verschulden au dem Unglück trifft niemand. 
Friedrichshafen. Graf Zeppelin ist gestern abend 
6 Uhr von München über Lindau fahrplanmäßig hier wieder 
eingetroffen. 
Berlin. Der 2öjährige Schlächtermeister Oskar Jähue 
aus Charlottenbnrg fuhr heute morgen mit dem Zweirad 
nach der Zentralmarkthalle, um einzukaufen. Er hatte eine 
größere Geldsumme bei sich. Am Charlottenburger Ufer, in 
der Nähe der Technischen Hochschule, überfiel ihn ein Un 
bekannter und stieß ihn vom Rad. Es entspann sich ein 
heftiger Ringkampf, der damit endete, daß beide Männer 
die Böschung hinunter in die Spree fielen. Als sich der 
Meister durch Schwimmen auf das Ufer gerettet hatte, war 
der Räuber spurlos verschwunden. Die Charlottenburger 
Polizei hat bisher von ihm keine Spur gefunden. 
London. Das Feuer in der Grube Universal hat 
nachgelassen Es brennt nur noch auf der Nordseite, aber 
die Hoffnung auf Rettung der Eingeschlossenen ist sehr gering. 
Paris. Auf der Strecke Äio-Scfra in der Provinz 
wurde ein Personenzug von Beduinen überfallen. Die 
Beduinen batten Sieine auf die Schienen gelegt, um den 
Zug zum Entgleisen zu bringen. Es gelang dem Lokomotiv 
führer jedoch, den Z >g mit Volldampf über das Hindernis 
hinwegzubringeu. 
Die ÖrundTtcinlcgtmg zu unterem 
RatbauTe* 
Heute Mittag 12 Uhr ist in einer kurzen, schlichten 
Feier der Grundstein zu unserem Rathaus gelegt worden. 
Der Rathausbauplatz an der Lauter-, Nied- und Rheinstraße 
war prächtig geschmückt. Blattpflanzen, Kiefernstämme, 
denen man die Krone gelassen, geschmückt mit Fahnen und 
Kieserngirlanden, die sich von Baum zu Baum zogen, am 
Fuße Erikasträucher, säumten den Weg zum Grundstein und 
den Platz davor ein. Der Gemeindevorstand hatte zu der 
Feier Einladungen nur in beschränkter Anzahl ergehen 
lassen. Es waren zugegen: Bürgermeister Walger, unser 
Ehrenbürger Geheimrat Homuth, die Schössen Bache, Draeger, 
Wossidlo, Sadve und v. Wrvchem, die Gemeindeoerordneten 
Berger, Dreger, Finke, Franzelius, Haustein, Huhn, Kunow, 
Lehment, Dr. Lohmann, Matthies, Sachs, Schönknecht, Schultz, 
Stöcker, Dr. Tänzler, Dr. Thurmann, Uhlenbrock und Wermke, 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
g (Nachdruck verboten.) 
'„Und zwei leibhaftige Göttinnen auf Sie losläßt,- 
lachte Sylvia, die erst jetzt daran dachte, ihre Hand aus 
der seinigen zu ziehen. „Las war es doch wohl, was Sie 
sagen wollten, wie ich Ihre galante Bildersprache kenne." 
Sie bediente sich gleich ihm der französischen Sprache, 
die sie nicht minder vollkommen beherrschte wie die deutsche, 
und Hoiningeu, der natürlich jedes Wort verstanden hatte, 
glaubte in ihrem Benehmen eine Freiheit und Bertrau- 
lichk.it zu sehen, die vielleicht amerikanische Gepflogenheit 
war. ihm aber dessenungeachtet ganz und gar nicht gefallen 
wollte. Er hätte unter anderen Umständen an der äußeren 
Erscheinung des Vicomte wahrscheinlich nicht das Geringste 
auszusetzen gefunden, jetzt aber machte ihnr der Herr einen 
äußerst unsympathischen Eindruck, und das Vorurteil, das 
ihm schon seine angebliche Freundschaft mit ocm ehemaligen 
Husarenleutnant Harro Riedberg eingeflößt, steigerte sich 
rasch bis zu einem Gefühl ausgesprochener Abneigung. 
Natürlich fiel es keinem der drei ein, sich um seine günstige 
oder ungünstige Meinung zu kümmern, und die Unterhaltung 
wurde in ungezwungenster Heite feit fortgesetzt. Erst 
nach Verlauf einiger Minuten schien Sylvia sich ihres Autos 
und ihres Chauffeurs wieder zu erinnern. 
„Also morgen früh um zehn Uhr, Westenholtz!" sagte 
sie, ihm ihr reizendes Gesicht zuwendend, in nicht gerade 
herrischem, aber doch immerhin etwas hochmütig ref.hlen- 
dem Ton. Und er hielt es für angezeigt, eine sehr ernste 
Miene aufzusetzen, während er, seine Mütze lastend, er» 
widerte: 
„Der Wagen wird pünktlich zu Ihrem Befehl sein. Miß 
Pendleton!" 
als Mitglied des Rathausbau-Ausschusses Zimmermeister 
Kreuschmer, Gemeindebaurat Altinann, Bürodirektor Sudau, 
Architekt Duntz, Obergärtner Stabe, Polizeikommissar Jacobi 
sowie die sämtlichen Beamten unserer Gemeinde. 
Der feierliche Akt wurde durch Glockengeläut vom nahen 
Turin unserer Kirche „Zum guten Hirten" eingeleitet. Als 
der letzte Ton verklungen, hielt Bürgermeister Walger 
folgende Ansprache: 
Meine Herren! Ter Glvckenklaiig, der eben verhallt ist, er 
innert daran, daß vor 100 Jahren unser Volk nach langer Lcidens- 
zeit sich die Freiheit vom fremden Joch erkämpft hat, doch es be 
durfte noch einer langen Entwickelung bis auf Leipzig Sedan 
folgen konnte, bis der jahrhundertelanges Traum der Deutschen 
Erfüllung fand und der alte, im Kyffhäuser verzauberte Barbarossa 
in Gestalt Kaiser Wilhelms i wiederkehrte. 
Die außerordentliche wirtschaftliche Entioickelung, die der Grün 
dung des Reiches folgte, führte auch zur Gründung Friedenaus. 
So hat schon der Sonnenschein einer glücklichen Gebnrtsstunde der 
jungen Gemeinde den Weg beleuchtet. Tiber die junge Gemeinde 
hat einen schweren Wettkampf mit den großen Rachbargemeinden 
zu bestehen gehabt, doch sie hat ihn bestanden. Dies ist nicht zum 
kleinsten Teil der selbstlosen Auffassung der Gemeindevertretung zu 
verdanken, die für die Bedürfnisse der Bürgerschaft in weitherzigster 
Weise sorgte, und Straßen, Plätze, Schulen und andere Annehmlich 
keiten des Aufenthalts schuf, aber an sich selbst zuletzt dachte. Erst 
als die Gemeinde ausgebaut und die notwendigen Aufgaben zum 
großen Teil gelöst waren, begann sie für die eigene Verwaltung 
die so dringend erforderliche Unterkunft zu beschaffen. 
Wenn wir heute, am Tage der Schlacht bei Leipzig, die 
unserem Volke die Freiheit brachte, den Grundstein zu unserem 
Rathaus legen, so ist dies umsomehr ein Tag hoher Freude, als 
die Vorgeschichte dieses Baues eine Leidensgeschichte ist, wie sie in 
der Historie der Rathäuser wohl selten zu finden sein dürfte. 
Schon vor vielen Jahren war der Bau eines Rathauses geplant, 
aber wegen dringenderer Aufgaben immer wieder verschoben 
worden. Als aber wirklich ans Werk gegangen rverden sollte, und 
statt des bis dahin in Aussicht genommenen Bauplatzes ein neuer 
-vorgeschlagen wurde, entbrannte eüi'KäulpsFTKr'lcUs von Inter 
essenten, teils von Uneigennützigen mit allen Mitteln geführt wurde 
und dein Gemeindevorstand viel Schwierigkeiten bereitete. Schließ 
lich aber wurden die Mehrheitsbeschlüsse des Vorstandes und der 
Gemeindevertretung von allen oberen Instanzen als richtig anerkannt, 
und wir sind heute bis zur Grundsteinlegung gediehen. Tie an 
fänglichen Gegner des jetzigen Projektes haben sich als verständige 
Männer mit den Tatsachen abgefunden, und erneut und eifrig mit 
gearbeitet und geholfen, das Werk zu fördern. Die Streitaxt ist 
begraben und in schöner Einigkeit stehen wir alle hier zusainmen, 
um den Gtnndstein für das Rathaus zu legen, das zwar nicht der 
letzte Ban der Gemeinde ist, aber doch einen gewissen Abfchluß 
unserer Entwickelung nach außen hin darstellt. 
Wir ivollen dabei dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck 
geben, daß dieser Bau glücklich und ohne Unfall vollendet iverden 
möge, daß er ein Wahrzeichen für den einigen, aufopfernden Bürger 
sinn der Gemeinde werde, und daß in ihm die Selbständigkeit, die 
Wohlfahrt und das Glück der Bürgerschaft allzeit ernste Förderer 
und unerschrockene Verteidiger finden mögcj 
Bürodirektor Sudau überreichte darauf Bürgermeister 
Walger die Gründsteinurkunde, die dieser zur Verlesung 
brachte. 
Die Urkunde über die Grundsteinlegung des Rathauses 
der Gemeinde Berlin-Friedenau lat folgenden Wortlaut: 
Heute, an: 18. Oktober 1013, am Tage der 100jährigen Wieder- 
kebr der Völkerschlacht bei Leipzig, im Jubilänmsjahre der 
25 jährigen Regierung des Kaisers und Königs Wilhelm II. und 
im 39. Jiihre des Bestehens der Gemeinde Friedenau legen wir 
den Grundstein zu einem Rathause, das ein dauernder Merkstein 
in der Geschichte des Ortes bleiben soll. 
Sie neigte grüßend den Kopf und verschwand mit 
ihren beiden Begleitern im Innern des Hotels. Hoiningeu 
lenkte seinen Wagen in die Garage, in der er bereits zwei 
andere Fahrzeuge liehen sah, und begab sich in das unfern 
gelegene kleinere Hotel, wo nach der getroffenen Abrede fein 
Chauffeur Hasenkainp ihn erwarten sollte. 
Pünktlich und zuverlässig wie immer, kam der Gesuchte 
ihm respektvoll schon auf dem halben Wege entgegen. 
„Guten Abend, Hasenkamp l" 
„Guten Abend, Herr Graf!" 
„Sie haben zwei Zimmer für mich bestellt und meinen 
Kaffer hinausschaffen lassen?" 
„Zu Befehl, Herr Graf! Ich habe mir erlaubt, alles 
für die Toilette des Herrn Grafen zurechtzulegen." 
„Es ist gut. Ich danke Ihnen. Gehen Sie jetzt hin 
über in das „Britannia-Hatel" und sehen Sie naa> dein 
Wagen. Sobald ich mich umgekleidet habe, sehen wir uns 
dort in der Garage wieder." 
Er ging ins Haus, und Hafeukamp blickte ihm mit 
einein kleinen Kopffchüttcln nach. So kurz war er von 
seinem liebenswürdigen und allezeit heiteren Herrn visher 
nur selten abgefertigt worden, und eine so verdrießliche 
Miene hatte er kaum jemals an ihm bemerkt. 
„Der Spaß scheint nicht ganz nach den Wünschen des 
Herrn Grasen ausgegangen zu sein," dachte er. „Schade! 
Es wäre gar nicht übel gewesen, wenn er bei der Ge 
legenheit ein bißchen Geschmack an solchen kleinen Aben 
teuern gewonnen hätte." — 
Hoiningen aber war in diesem Augenblick in der Tat 
nicht (ehr weit davon entfernt, allen Geschmack an dem 
seinigen zu veilicren. Rach der 'Meinung, die er sich von 
der Baronin Riedberg gebildet hatte, war er nicht mehr 
arglos genug, au den „wunoerjanien Zufall" zu glauben, 
der den Vicomte de Marigny gerade an diesem Abend 
nach Darmstadt und in das „Britannia-Halel" geführt 
Während andere Gemeinden in der Regel am Beginne ihrer 
Entwickelung sich ihr Rathaus errichten, schreitet Berlin-Friedenau 
erst jetzt, nach beinahe vollendetem Ausbau dazu. 
Das Bedürfnis für ein eigenes Verwaltungsgebäude war zwar 
seit langer Zeit vorhanden, indessen wurde der Bau eines solchen 
immer wieder zurückgestellt, weil andere notwendige Aufgaben zu 
erfüllen waren, wie zuletzt die Neubauten des Reformrealgymnasiums, 
des Lyzeums (der Königin-Luise-Schule) und einer dritten Ge 
meindeschule, und weil man aus kluger Vorsicht die Gemeinde zu 
gleicher Zeit nicht über ihr Vermögen belasten wollte. 
Bercils im Jahre 1900, als die Einwohnerzahl des Ortes 
schon auf 18 000 und die Zahl der Gemcindebeamten auf 75 ge 
stiegen war, wurde unter den Architekten des Deutschen Reiches 
ein Jdeenwettbewerb zur Erlangung eines Entwurfs für den 
Neubau eines Rathauses ausgeschrieben und folgende 3 Preise für 
die besten Entwürfe festgesetzt: ' 
I. Preis von 2600 M. 
n. „ „ i8oo .. 
iir looo „ 
Als Bauplatz stand das an, Wilmersdorfer Platz belegene Ge- 
meindegrnndstück von rund 3000 Quadratmeter Flächeninhalt zur 
Verfügung. Der Wettbewerb verlies indessen ergebnislos. Das 
Preisgericht verniochle keinem der 9(5 eingelieferten Entwürfe die 
festgesetzten Preise zuzuerkennen, da in den meisten Fällen die 
Preisbewerber sich nicht an die Hauptbestimmungen des Programms 
gehalten, auch die festgesetzte Baukostcnsumme erheblich überschritten 
hatten. Trotzdem wurde mit Rücksicht auf die große Mühe und 
und auf die vielen achtenswerten Lösungen und Einzelheiten, welche 
einige Entwürfe auswiesen, die Gesamtsumme der Preise in 
drei gleich hohen Beträgen an die Verfasser der besten Entwürfe, 
Architekten 
, Josef Reuters in Berlin-Wilmersdorf 
Walter Zander in Berlin-Schöncberg und 
Einil Schlüter in Berlin-Lichterfelde 
verteilt. 
Gleichzeitig bei der Beschlußfassung über die Ausschreibung des 
Jdeenwetibemerbs wurde dem Gemeindebaurat Herrn Ältmnnn der 
Auftrag erteilt, seinerseits, jedoch außer Konkurrenz, einen Entwurf 
für ein Rathalls zu ferligen. Die von ihm ausgearbeiteten drei 
Entwürfe sahen verschiedene Lösungen vor. Die Gemeindever 
tretung bestimmte einen der Entwürfe zur Ausführung und faßte 
hierzu in ihrer Sitzung vom 25. April 1907 folgende grundsätzliche 
Beschlüsse: 
1. Das Gnmdstück ist »ach Möglichkeit so zu bebauen, daß ein 
tunlichst großes zusamnicnhäiigendes Stück zlir späteren Ver 
wendung übrig bleibt, 
2. von der Anlage einer Dienstwohnung für den Gemeinde 
vorsteher ist abzusehen,' 
8. desgleichen von der Errichtung eines Ratskellers. 
Mit aller Beschleunigung wurde nun der baureife Entwurf 
und der Kostenanschlag aufgestellt. Iluniittelbar vor Abschluß 
dieser Arbeiten kani die Ausführllug wieder ins Stocken, weil, wie 
schon eingangs erwähnt, die notivendigcren großen Schulbauten die 
Kraft derj Gemeinde voll in Anspruch nahm. Erst wieder im Jahre 
1910 ivurde die Rathausbaufragc von neuem aufgerollt, als das 
Anwachsen der Verwaltung infolge der schnellen Entwickelung des 
Qrtes dazu drängte. 
Starke Meinungsverschiedenheiten bestanden innerhalb der Ge- 
meindckörperschafteil hinsichtlich der Platzfrage. Während die einen 
an dem Grundstück am Wilmersdorfer Platz festhielten, folgten die 
anderen dem Vorschlage des Ausschusses über die Verwendung der 
Genieindegrundstückc: das Rathaus auf den Grundstücken am 
Marktplatz zu errichten. Hier-hatte die Gemeinde inzwischen das 
neben ihrem alten Besitz „Riedstraße 2" belegene Nachbargrundstück 
„Riedstraßekl" von dem Kommissionsrat Sachs käuflich erworben, 
die nun beide vereint einen Flächeninhalt von 80(5(5 gm ergaben. 
Bei der NeuaufsteUung der Balieniwürfe hatte sich die größere 
Ausnntzbarkeit und bessere Anordnung der Geschäftsräume auf 
diesem Grundstück ergeben. Trotzdem lehnte die Vertretung in 
ihrer Sitzung vom 1. Juni 1911 die Errichtung des Rathauses da 
hatte. Cr witterte dahinter eine ganz bestimmte Absicht 
und ein abgekartetes Spiel, dessen Cndzweck zu erraten 
ihm nicht allzu schwer dünkte, und unablässig beschäftigte 
ihn der Gedanke, ob die gefällige Beschützerin damit nicht 
vielleicht auch einem geheimen Wunsche der jungen Ameri 
kanerin Crfutlung verschafft habe. 
Schließlich konnte das alles ihm ja sehr gleichgültig 
sein, und er hat.e wahrhaftig blutwenig 'Veranlassung, sich 
den Kopf über die Herzensangelegenheiten und die Zu- 
kunstsabsichten einer jungen Dance zu zerbrechen, die er 
vor wenigen Stunden zum ersten Male gesehen hatte, und 
die er wahrscheinlich niemals wiedersehen wurde, wenn ihr 
Zusammensein morgen oder überniorgen sein Ende er 
reichte. Aber die lebhafte Freude, mit der er dem 
kommenden Tage entgegengesehen hatte, war durch das 
Auftauchen des Vicomte so gründlich verdorben worden, 
daß er in seiner Verstimmung gar nicht dazu kam, sich 
über das Törichte aller derartigen Grübeleien Rechenschaft 
abzulegen. 
Er kleidete sich in den Abendanzug, den Hasenkamp 
mit allem anderen Unentbehrlichen sehr sorgfältig eingepackt 
hatte und ging in das Schreibzimmer seines Hoteis hin 
unter, um ein Telegramm an seinen Vater aufzusetzen. 
Die Abfassung fiel ihm nicht ganz leicht, denn er wollte 
sich ebensowenig einer unwürdigen Notlüge bedienen, als 
er daran denken konnte, dem Grafen die wahre Ursache 
seines Ausbleibens mitzuteilen. Der alte Herr hatte durch 
die Ereignisse seiner eigenen ziemlich stürmischen Jugend 
hinlänglich bewiesen, daß er in gewissen Dingen ziemlich 
vorurleiisssei war, und das Verhältnis zwischen Vater 
und Sohn war ein so freundschaftliches, daß Kurt Dietrich 
im allgemeinen sicherlich keine Veranlassung hatte, Ge 
heimnisse vor seinen, alten Herrn zu haben. Aber einen 
Punkt gab es doch, in dem Graf Hoiningen senior keinen 
verstand; das war sein Standesbewußtsein und die
        
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