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Periodical volume Nr. 244, 16.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Von Wöbbelin, wo Theodor Körner sein Leben ließ, 
vom Stein-Denkmal in Nassau, von Bonn, wo Arndt 
seine freiheitsbcgcisterten Lieder hinaus unter das Volk 
sandte, von Marbach, von Breslau, ivo Liitzow das Freikorps 
gründete, von der Katzbach, ja von Friedrichshafcn aus, wo 
Zeppelin sein großes Werk vollendete, und von vielen anderen 
historischen Punkten werden schnellfüßige Turner die Ver 
bindung zwischen 1813 und 1913 Herstellen. In Deutsch 
land sind 7350 Kilometer, in Amerika 200, in Brasilien 
400 Kilometer zu durchlaufen, eine Aufgabe, die volle Hin 
gabe des Einzelnen an die Allgemeinheit verlangt, die aber 
von der Turncrschaft, dank ihrer vorzüglichen, bis in die 
kleinsten Glieder gehenden Organisation, voraussichtlich voll 
gelöst werden rvird. — Die Friedenaucr Turner, die an 
den: Eilbotcnlanf zrrnr Völkerschlachtdenkmal als Läufer 
oder Strcckenaufscher mitwirken, fahren Freitag Abend, dem 
17. d. M., pünktlich um 3 / 4 10 Uhr von der Kaisereiche mit 
einem Autoomnibus ab. Sie laufen auf der Chaussee, die 
von Wannsee nach der Glienicker Brücke führt. Der erste 
Läufer hat an dem Kilometerstein 23,3 Aufstellung zu 
nehmen, der vom Bahnhof Wannsee aus von einem Fuß 
gänger in s / 4 Stunden erreicht wird; der letzte Läufer läuft 
bis zum Kilometerstein 25,3, der nur einige Minuten von 
der Glienicker Brücke entfernt ist. 
o Die Ortsgruppe Berlin-Friedenau des Deutschen 
Flottenvcreins tritt auch in diesen: Jahre mit einer reich 
haltigen Vortragsfolge an die,Öffentlichkeit und wird ihre 
Mitglieder und Frcnndc zum erstenmal in diesem Winter 
am Montag, dem 20. Oktober, Abends 8'/z Uhr, im Fest 
saal, Homuthstr. 4/5, versammeln. Den Reigen der dies 
jährigen Vorträge, u. a. wird der Gouverneur a. D. 
Admiral Trnppel sprechen, eröffnet am gen. Tage Herr 
Oberleutnant Graetz mit seiner Durchquerung Afrikas im 
Automobil und Motorboot, ein Vortrag, der nicht nur 
volkskundlich, auch sportlich von großem Interesse sein wird. 
150 farbige Lichtbilder werden die Reise anschaulich machen. 
Wir bitten unsere Mitglieder und Freunde um zahlreiches 
Erscheinen und letztere noch ganz besonders, von der An 
meldung zur Mitgliedschaft, zu der, wie an jeden: Vortrags 
abend, Gelegenheit geboten werden wird, recht stark Gebrauch 
zu machen. Unsere Wehrmacht zur See, die in erster Linie 
unsere Weltinachtstellung trägt und in: Ausland geltend 
macht, zu fördern, das ist gewiß ein Ziel, den: das Interesse 
der weitesten Kreise gehört. Der Eintritt zu den: ange 
kündigten wie zu allen folgenden Vorträgen ist frei. 
o Evangelischer Arbeiterverein für Friedenan und 
Umgegend. Sonnabend, den 18. Oktober d. Js., Nachm. 
0 Uhr, zun: 100jährigen Gedenktage der Schlacht bei Leipzig 
gemeinsamer Kirchgang mit Banner. Antreten der Mit 
glieder im Vereinslokal Kaiser-Wilhelm-Garten, Rheinstr. 65, 
um 5 ! / 4 Uhr. — An: folgenden Sonntag, dem 19. d. Ai., 
Abends 71/2 Uhr, findet eine Festsitzung in Gemeinschaft niit 
dem einladenden hiesigen Krieger- und Veterancnverein im 
oberen Saale Rheinstr. 65 statt. 
0 Einen Vortragszyklus von Meisterautoren ver 
anstaltet in diesem Semester die „Steglitzer Literarische Ge 
sellschaft" im „Logenhaus" zu Steglitz. Es lesen aus ihren 
Werken: Ernst von Wolzogen, Carl Hauptmann, Stetten- 
heim, Olga Wohlbrück, Georg Engel und Georg Hcrniann. 
Der erste Autorenabend, an den: Wolzogen liest, findet am 
27. d. M. statt. Wegen Erlangung von Einzelkartcn und 
Abonnements wende man sich an die Geschäftsstelle der 
Gesellschaft, Steglitz, Albrechtstr. 10. 
0 Ein Tango-Tee wurde vorgestern im Teerauu: des 
„Kaufhaus des Westens" veranstaltet. Der Ansturm zu 
dieser Veranstaltung war so gewaltig, daß zeitweilig der 
Saal gesperrt werden inußte. Der Brasilianer Herr Dnque 
und die Französin Frl. Gaby tanzten Tango-Argentino, 
Brasil-Boston, Marixe-Bräsilien und andere neueste Tänze. 
Die Schaulustigen folgten, während sie Tee und Schokolade 
schlürften, mit sichtlicher Freude den rythmischen Bewegungen 
der Tanzenden. — Heute wurdepm „Kaufhaus des Westens" 
im 2. Stock die erste Berliner Ausstellung 'der Society vf 
Gravers Printers in Coleur eröffnet. Es sind unter den 
ausgestellten farbigen Original-Radierungen und Holzschnitten 
Nanrcn von Roussel, Mackie, Mvnk, Mariett, Lee, Lawrensvn, 
Giles und Almond zu finden. 
0 Ein „Geselliger Abend" findet als Hundertjahr 
feier am Sonnabend, dem 18. Oktober, im Keglerheim 
Bahnschlößchcn (Inhaber Carl Müller), Rheinstr. 28, am 
Wannseebahnhof Friedenau, statt. Der bekannte Reuter- 
rezitator Herr Otto Erich v. Wussow hat seine Mitwirkung 
zugesagt. Das Programm wird dem Tage entsprechend ge 
staltet sein. Auch für nursikalischc Unterhaltung ist gesorgt. 
Ferner wird Herr Müller jeder Dame 1 Mark über 
weisen, die jedoch in: Lokal verzehrt werden muß. Wir 
enrpfehlen unsern Lesern den geselligen Abend in: „Bahn 
schlößchen". Sie werden dort heitere und gemütliche Stunden 
verleben. 
0 Wo ist Koketti? — „Nur in den „Hohenzollern- 
Lichtspielen", Handjerystr, 64", lautet die Antwort. In 
dieser herrlichen Kinoposse ivirken die bekannten und be 
liebten Künstlerinnen und Künstler des Metropoltheaters 
mit, 11. er.: Magda Lessing, Heinrich Peer, Fritz Junker 
mann und Anna Müller-Linke. Diese Namen bürgen für 
eine lustige i Handlung und einen heiteren Abend. Aber 
auch die andern Nummern des Programms sprechen dafiir, 
daß die Zuschauer sich bestens vergnügen. „Mar Linder", 
der König des Kino-Humors, „am Klavier", ist ein Schlager 
voll köstlicher Szenen. Herrlich koloriert ist der Varirce-Akt 
„Miß Balona." Und Tränen werden gelacht bei dem 
ulkigen Bild „Willy als Kavalier/ Wer sich also einmal 
gründlich auslachen möchte, der besuche jetzt die Hohen- 
zollern-Lichtspiele. 
0 Zwei langgesuchte Wechselschwindler verhaftet. 
.Der Schöneberger Kriminalpolizei ist es gestern gelungen, zwei 
Wechselschwindler, die schon seit langer Zeit ihre Betrügereien 
ausübten, zu verhafte::. Es handelt sich um den 
40 Jahre alten Schlossergesellen Johannes Knorre und den 
30 Jahre alten Bauarbeiter Max Petrasf. Sie wurden auf 
frischer Tat ertappt, als sie den Versuch niachten, den Kauf- 
:::a::n K. durch falsche Wechselmanöver zu betrügen. Die 
beiden Schwindler wurden nach Moabit in das Unter 
suchungsgefängnis gebracht. 
0 Selbstmord verübte heute Nacht in der Naisou äs 
Knntä in Schöneberg die 42 jährige Frau Luise Ludwig. 
Die Kranke hatte sich mit ihrer Nachtjacke an: Bettfosten er 
hängt. Als die diensthabende Wärterin bei ihrem Rundgang 
zu der Kranken kam, war keine Hilfe mehr nröglich. 
0 Polizcibericht. Als gefunden sind hier angeineldet 
morden: 5 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Maulkorb, 1 Hals 
kettchen, 2 Uhren, 1 Kneifer, 1 Buch (englisch) und ein 
Verzeichnis der Vorlesungen (Universität Berlin). Die recht 
mäßigen Eigentümer vorbenannter Gegenstände werden 
aufgefordert, ihre Ansprüche binnen drei Monaten in: hiesigen 
Fundbüro, Feurigstr. 7, Zimmer 6, geltend zu machen, da 
sonst anderweit über die Fundgegenstände verfügt werden wird. 
Verems-NackriekNer» 
Am Freitag tagen: 
Stenographenverein „Stolze-Schrey". */s 9 Uhr in der Gemeinde- 
Mädchenschule, Goßlcrstratze. Diktatschrcibcn in verschiedenen Ab 
teilungen. 
Am 18. Oktober feiert der Verein ehemaliger Schüler der 
Richterschen Handelsschulen E. V. sein 8. Stiftungsfest in: Gesell 
schaftsbaus des Westens, Schöneberg, Hauptstr. 31. Zur Aufführung 
gelangt neben Gesangsoortrngen „Der dunkle Punkt", Lustspiel von 
Kadelüurg und Prcsber. Karten sind in der Geschäftsstelle des 
Vereins, Albrechtstr. 123, erhältlich. 
Die Märkische Gesellschaft von Freunden der Photographie E. V. 
in Berlin-Steglitz eröffnet die Reihe ihrer Lichtöiidervortrage in 
diesem Winterhalbjahr am Montag, dem 20. Oktober, Abends 
8'/, Uhr, in: Fcstsaale des Gymnasiums, Hecsestr. 15, mit dem 
Vortrage des Herrn Dr. Bürner aus Berlin „Durch das Wesertal 
von Munden zur Porta Westsalika". Karten zum freien Eintritt 
verabfolgt Herr Georg Schwabe, Schloßstr. 22. 
—0 I:: das Handelsregister ist eingetragen worden: 
Nr. 41 647. Firma Wilhelm Schlapp in Berlin-Schöneberg. 
Inhaber Wilhelm Schlapp, Ingenieur, Berlin-Schöneberg. 
Als nicht eingetragen wird bekannt gemacht: Branche: 
Agentnr-Geschäst in der Auto- und Aero-Zubehör-Branche 
Gcschäftslokal: Berlin-Schöneberg, Freisinger Str. 13. — 
Bei Nr. 6900. Schleifmaschinen-Verwertungsgesellschaft mit 
beschränkter Haftung: Durch den Beschluß vom 19. Sep 
tember 1913 ist der Sitz der Gesellschaft nach Berlin- 
Schöncberg verlegt. — Gelöscht wurde die Firma S. Birkholz, 
Schöneberg. 
—0 Das Konkursverfahren über das Vermögen des 
Kaufmanns Richard Jänckner, Martin-Luther-Straße 3, wird 
ans Antrag des Genreinschuldners nach erfolgter Zustimmung 
aller Konkursgläubiger, welche Forderungen angemeldet 
haben, eingestellt. — In dem Konkursverfahren über das 
Vermögen des Eierhändlers I. M. Richter in Bcrlin- 
Schöneüerg, Cheruskerstr. 34, ist zur Abnahme der Schluß 
rechnung des Verwalters, zur Erhebung von Einwendungen 
aus nachstehendem Programm ersichtlich: 2—2.30 Uhr: 
Festzug vom Rcforlngyinnasiunr — Schwalbacherstraßc — 
durch die Goßler-, Kirch-, Mosel-, Schmargendorfcr- und 
Albcstraßc nach dem Maybachplatz. 2.30—2.45 Uhr: 
Ordnen zu den Freiübungen auf den: Schulhofe des 
Gymnasiunts. 2.45—3 Uhr: Freiübungen aller Schulen 
und Vereine. 3—4 Uhr: a) Dreikampf der männlichen 
Jugend in: Kugelstoßen, Weitspringer: und 100 Meterlaufen; 
1») Zu gleicher Zeit Spiele der weiblichen Jugend und 
Sondervorführungen. 4—4.40 Uhr: a) Entscheidungsspiele 
in Schlagball und Faustbatt; b) Zu gleicher Zeit Sonder 
vorführungen verschiedenster Art: Stabhochspringen, Speer 
werfen, Gerwerfer: usw. 4.40—4.55 Uhr: Eilbotenläufe. 
4.55—5 Uhr: Ansprache. — Beginn der Abendfeier um 
Punkt 8 Uhr si: der Aula des Reform-Realgymnasiurns in 
der Homuthstraße. Begrüßung. Ouvertüre z. Oper „Don 
Juan" von Mozart (Geschrv. Knaak und E. Richter). 
Oktoberballade von Marx Möller (Marg. Striesche). Cello- 
vortrag (Herr von Freeden, Klavierbegleitung Herr Herrmann.) 
Lützows wilde Jagd (Knabenchor der 1. Gemeindeschule). 
Die Leipziger Schlacht (Friedr. Reschke). Festrede (Herr 
Oberlehrer Korge). Du Schwert an meiner Linken (Knaben 
chor der 1. Gemeindeschule). Preisverteiluug. Allegro 
brillante von Ten Have (E. Richter). Romanze in G-dur, 
Menuett in G-dur von Beethoven (K. Knaak, Klavierbe 
gleitung Herr Musikdirektor Scheurich). Das eiserne Kreuz 
(Aufgeführt von Mitgliedern der Jugendvcreinigung zu 
Friedenau). Biederrnciertanz (Ausgeführt von Mitgliedern 
des Jugendklubs der 3. Gemeiudeschule). O Deuischland 
hoch in Ehren (Gemeinschaftliches Lied). 
0 Zu dem großen Eilbotenlauf der Deutschen 
Tnrnerschaft nach Leipzig zur Einweihung des Völker- 
schlachtdenkinals wird uns folgendes geschrieben: Schon von: 
16. Oktober an stehen auf den Landstraßen von: fernsten 
Norden, Osten, Westen und Süden hin nach Leipzigs Ge 
filden nahezu 40 000 Turner in Abständen von 200—300 
Metern verteilt, um schnellen Laufes ein- Urkunde zu über- 
bringen des Inhalts, daß der deutschen Turner Herz und 
Hand dem Vaterlande geweiht sind. Tag und Nacht wird 
die Urkunde von Hand zu Hand weitergegeben, um dann in 
der feierlichen Stunde der Enthüllung des riesengroßen 
Baues, der Zeugnis ablegen soll von dem gewaltigen Frei 
heitskampfe, in die Hände Sc. Maj. des Kaisers gelegt 
werden zu können, lieber Berg und Tal, durch Städle, 
Dörfer und Wälder, an geschichtlich bedeutsamen Stätten 
vorüber geht es eilenden Laufes, sämtliche Königreiche, 
Großherzogtüiner und Herzogtümer, sowie die Freien Städte 
Hamburg, Lübeck uud Breinen werden durchlaufen werden. 
In Amerika sind bereits Turner des Nordainerikanischcn 
Turnerbundes vom Kapitol in Washington über Phila 
delphia nach Neuyork geeilt und haben die Urkunde dem 
Dampfer nach Bremerhaven übergeben, von wo sie von 
Bremer Turnern in Empfang genvnunen und über Bremen, 
Hannover und Magdeburg nach Leipzig weiter befördert 
wird. Mit dieser Urkunde vereint ist die der Turner aus 
Brasilien, die den Lauf von Santa Maria da Bocca über 
Santa Cruz, Neu-Hamburg nach Poto Alegro ausgeführt 
haben. Der durch Berlin und Friedenau konnnende 
Lauf beginnt in Tauroggen, er soll zwischen 10 und 11 Uhr 
in Berlin eintreffen und wird dann, vereint mit dem aus 
Rügen vom Brandenburger Tor durch Charlottenburg und 
Wilmersdorf-Friedenau im Zuge der Kaiser-Allee 
passieren, voraussichtlich Freitag nachts 11 Uhr 50 Min. 
Hier in Friedenau wird die Urkunde von Bkitgliedern des 
Spandaner Turnbezirks befördert, während die Friedenaucr 
Turner ihre Laufstrecke hinter Wannsee von km 23,3 ab 
erledigen müssen. Die Ausgangspunkte der einzelnen Läufe 
sind: Bremerhaven, Königsberg, Rugard, Tauroggeu, 
Myslowitz, Kelheim, Friedrichshofen, Gravelotte, Waterloo. 
Sie umspannen mit ihren 22 Nebenläufen das ganze Reich. 
Die Germania auf dem Niederwald wird in langer Kette 
über Frankfurt und Eisenach :::it Leipzig verbunden, von 
der Befreiungshalle in Kelheim werden die Bayern mit 
ihrem Lauf einsetzen, um durch Thüringen hindurck die 
Mahnung König Ludwigs I. in Leipzig zu überbringen: 
„Möchten die Teutschen nie vergessen, was den Befreiungs 
kampf notwendig machte und wodurch sie gesiegt." Vom 
Waterloo-Schlachtselde, von Wesel, von: Hermannsdenkmal 
über Kassel, wo cs auf Kosten der Deutschen „immer lustik" 
herging, vom Brocken, von: Kyffhäuser wird nach Leipzig 
die Kunde kommen, daß die deutsche Turnerschaft der 
gewaltigen Volkserhebung vor hundert Jahren gedenkt. 
an ihn: vorüberschritt, sich gedrängt fühlte, ihn: etwas 
Freundliches zu sagen. 
„Wir werden eine gute Fahrstraße bis Dar:nstadt 
haben — nicht wahr?" fragte sie, „eine Straße, die Ihnen 
erlaubt, alle Vorzüge Ihres Wagens zur Geltung zu 
bringen?" 
. Weftenholtz bejahte, ohne zu ahnen, worauf sie mit 
dieser Frage hinauswollte, aber das Blut stieg ihn: vor 
Freudein die Wangen, als die junge Amerikanerin fortfuhr: 
„Dann werde ich mich nachher mit Ihrer Erlaubnis 
neben Sie setzen, Weftenholtz! Einen wirklichen Genuß hat 
man auf einer Autofahrt doch, immer nur aus dem Sitz bei 
dem Fahrer." 
Sie nickte ihm zu, ohne eine Erwiderung abzuwarten, 
und der Graf blickte ihr nach, solange ihre holoe Gestalt 
zwischen den Stämmen sichtbar blieb. Er fühlte sein Herz 
in rascheren Schlägen pochen. Dann, aber besann er sich! 
auf das. Törichte der Empfindungen, die sich da in ihm zu 
regen begannen, und suchte sich durch die Erwägung zu 
ernüchtern, wie ganz anders vermutlich Miß Sylvia Pcnd- 
letons Benehmen sein würde, wenn sie in ihn: nicht ledig 
lich den gemieteten Chauffeur sähe, den Angehörigen einer 
tief unter ihr stehenden Gesellschaftsklasse, den sie sehr 
wohl mit herablassender Liebenswürdigkeit bebandcln 
durfte, weil die unüberbrückbare soziale Kluft zwischen ihr 
und ihm jede Möglichkeit einer vermessenen Mißdeutung 
von vornherein ausschloß. 
4. Kapitel. 
Da die Baronin Riedberg weder eine besonders 
passionierte noch eine hervorragend leistungsfähige Fuß- 
üängerin. war. hatten die Damen für ihren Ausflug nach 
der Ruine Dreieichenhain beträchtlich mehr Zeit gebraucht, 
als Hoiningen es vorausgesehen. Er hatte schon ange 
fangen, sich zu beunruhigen, und er atinete erleichtert auf, 
als er endlich Sylvias weißen Schleier in der Ferne auf 
tauchen sah und bald auch den Klang ihrer lieben, weichen 
Stimme hörte. 
Die Baronin machte ein höchst unglückliches Gesicht, 
seufzte und schnaufte zum Erbarmen und ließ sich in die 
Polster fallen, als ob sie wirklich nahe daran gewesen 
wäre, vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Als Sylvia 
sie in ihrer unwiderstehlich liebenswürdigen Art um die 
Erlaubnis bat, sie für eine kleine Weile allein lassen zu 
dürfen, weil sie sehr gern den Platz neben den: Chauffeur 
eingenommen hätte, machte sie nur eine schwache, ge 
währende Handbewegung und schloß wie in tödlicher Er- 
inüdung die Augen. Hoiningen aber fühlte sich trotz all 
seiner eben erst gefaßten guten Vorsätze wie von einem 
wohligen Glutftron: durchrieselt, als er seinem schönen 
Passagier beim Aujsteigen bcbilslich sein durfte. Nienials 
hatte ihn der Besitz seines Kraftwagens mit ähnlicher 
F:ende erfüllt, als jetzt, da er ihn: das Glück dieser holden 
Nachbarschaft verdankte, und wie in dankbarer Liebkosung 
lieber seine Finger über das blitzende Steuerrad hingleiten, 
dessen Druck die Maschine so leicht und willig gehorchte. 
Mit jenem bewunderungswürdigen Scharfblick, den sie 
zuweilen für die geringfügigsten Vorgänge in ihrer Uin- 
gebung besaß, hatte Sylvia diese Bewegung beobachtet, 
und nachden: sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte, 
sagte sie lächelnd: 
„Es ist ein reizendes Auto, das Sie da führen, Westen- 
holtz, und ich begreife vollkommen, daß Sie ihn: sehr zu 
getan sind. Aber es ist doch wohl nicht Ihr Eigentum?" 
„Doch, Miß Pendletou l Ich kaufte es vor einigen 
Monaten während eines Aufenthalts in Frankreich, wo ich 
mich auch zun: Chauffeur ausbilden ließ. Es stellte damals 
einen ganz neuen Typ dar, und ich war von seinen: 
Aeußern wie von den Vorzügen des Mechanismus so ent 
zückt, daß ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, es 
zu erwerben." 
„Sie müssen ja ein kleines Vermögen in diesem Besitz 
angelegt haben; aber ich zweifle nicht, daß Sie es wieder 
Herauswirtschaften werden. Denn es wird Ihnen niemals 
schwer fallen, Passagiere für einen so wunderhübschen 
Wagen zu finden. Uebrigens: der Chauffeur Bartels, 
der uns ursprünglich fahren sollte, ist ein guter Freund 
von Ihnen — nicht wahr?" 
„Ich darf ihn wohl so nennen. Man kommt sich 
ziemlich nahe, wenn man sich in so schweren Zeiten kennen 
lernt, wie wir beide." 
„In schweren Zeiten? Was für Zeiten wären denn 
das gewesen?" 
„Wir kämpften in Südwest-Afrika Seite an Seite 
gegen die Herero und die Hottentotten, Miß Pendleton I" 
Mit einem halb scheuen und halb bewundernden Blick 
. sah sie ihn von der Seite an. 
„Ohl Sie haben einen Krieg mitgemacht? Aber ich 
hoffe, Sie haben wenigstens kein Menschenleben auf dem 
Gewissen?" 
Hoiningen zögerte; dann sagte er verbindlich aus 
weichend : 
„Sicherlich keines, das auf Rechnung meines Kraft- 
wagens zu setzen wäre, gnädiges Fräulein! Und es wäre 
doch wohl schließlich nur das, was tzoie beunruhigen oder 
mit Mißtrauen gegen mich erfüllen könnte." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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