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Periodical volume Nr. 241, 13.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Frie-kimer LiKal-Amti-kr 
(Friedenaner 
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ZLerlin-Ariedenau, Wontag, den 13. HKtoöer 1913. 
20. Zahrg. 
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für den neuen Jahr 
gang (1914) werden 
sihon jetzt ange 
nommen. Die Preise sind billig, weshalb 
wir auch diesesmal wieder tiue rege 
Beteiligung am Reklameteil des so gut 
eingeführten „Adressbuch für Friedenau* 
erwarten. Verlangen Sie uns. Vcrlr. tcr. 
Depeschen 
£etjte Hachrichten 
Berlin. Bei einem Radrennen im Stadion ereignete 
sich gestern ein Massensturz, der leider unerwartet tragische 
Folgen gehabt hat. Während es gestern so ausgesehen 
hatte, als ob alle Gestürzten heil davongekommen wären, 
ist heute Nacht der bekannte Amateur-Radfahrer Max 
Hansen einer Gehirnerschütterung, die er bei dein Sturze 
erlitten hatte, erlegen. 
Erfurt. Im Dom hat sich heute während der Früh 
messe ein 50jähriger Müller aus Schlesien erschossen. Unter 
den Andächtigen entstand eine Panik. Der Lebensmüde 
wurde sterbend aus der Kirche getragen. 
Neuyork. Kapitän Wilitsky von den russischen 
Regierungsdampfern „Taimhc" und „Wangetsch" ist nach 
einer dreijährigen Expedition ins Nördliche Eismeer in 
St. Michael (Alaska) angelangt. Er berichtet, er habe unter 
81 Grad nördlicher Breite und 102 Grad östlicher Länge 
ein Land von der Größe Grönlands entdeckt. 
Neuyork. Zu der Brandkatastrophe des Dampfers 
„Volturno" sandte Kapitän Hilch folgendes drahtlose 
Telegramm an die llranium-Gesellschaft: Wahrscheinliche 
Anzahl der Geretteten 485, davon von der Besatzung 25. 
Es scheint also, daß im ganzen 76 Passagiere und 86 Mann 
der Besatzung umgekommen sind. 
Yokohama. Hier wurden vom Gesundhcitsinstitut 
sieben Todesfälle an Pest festgestellt. Es wurden sofort 
alle notwendigen hiegienischen Maßregeln getroffen, um eine 
Weiterverbreitung der Seuche zu verhindern. 
Und wo bleibt friedenau? 
Eine Verkehrsfrage zur Eröffnung der WilmerSdorfer 
Schnellbahn. 
Die Wilmersdorf—Dahlemer-Untergrundbahn ist gestern 
dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Tausende 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
4. (Nachdruck verboten.) 
„Dies ist sehr merkwürdig. Was sagen Sie dazu, 
liebe Frau von Niedberg?" 
In bsnijcf^en Augenblick, da er diesen Nonien hörte, 
wußte Graf H. .aiiigen auch, was es mit der Aehnlichkeit 
auf sich hatte, die er vorhin in dem Gesicht der kleinen, 
dicken Dame zu entdecken glaubte, und indem er vollständig 
aus seiner Rolle fiel, rief er: 
„Ist cs möglich, gnädige Frau — Sie sind Harro 
Riedbergs Mutter?" 
Die Gefragte warf indigniert den Kopf zurück und 
musterte ihn mit einen, geradezu vernichtenden Blick. 
.Verstehe ich reckt, daß Sie von dem Oberleutnant 
Baron von Riedberg sprechen, mein Bester?" 
Hoiningen bejahte mit einer leichten Verbeugung, 
denn es war ihm natürlich sogl.ich zum Bewußtsein ge 
kommen. daß er eine rechtschaffene Dummheit begangen 
habe. Die kleine Dame aber fuhr noch hoheitsooller und 
ungnädiger fort: 
„Es ist niir ebenso neu wie überraschend, das; mein 
Sohn zu einem Chauffeur in Beziehungen gestanden haben 
soll, die eine derartige famil.äre Ausdrucksweise rcchtserä- 
gen könnten." 
„In der Tat - nein, gnädigste Frau Baronin! Es 
fuhr mir nur so heraus. Der Oberleutnant von Il.icd^erg 
ist eben ein sehr leutseliger Herr." 
„Zu leutselig, wie mir scheinen will. Es ist doch wohl 
geraten. liebe Sylvia. daß wir uns erst etwas näher in- 
wanderten hinaus nach Dahlem, um sich die neueste Er 
rungenschaft des Großberliner Verkehrs anzusehen. Tausende 
aber benutzten gestern schon die neue Bahn, sodaß die Hoch 
bahngesellschaft genötigt war, durchgehende Züge vom 
Spittelmarkt bis Thielplatz in erheblich kürzeren Abständen 
als beabsichtigt war, verkehren zu lassen. Besonders am 
Nachmittag war der Betrieb auf der neuen Strecke geradezu 
beängstigend. Die aus acht Wagen bestehenden Züge 
waren überfüllt und von einzelnen Durchgangsbahnhöfen 
war kein Mitkommen. Wenn auch schließlich die Neugierde 
und der Wunsch, die vielgepriesenen neuen, künstlerisch aus 
geführten Bahnhöfe kennen zu lernen, bei diesem enormen 
Verkehr eine Rolle spielten, so zeigte es sich gestern doch 
schon, welch eine wichtige und angenehme Verkehrsver 
bindung auch für den sonntäglichen Ausflugsverkehr mit der 
neuen Schnellbahn geschaffen wurde. In knapp V 2 Stunde 
gelangt man auf der neuen Strecke vom Herzen Berlins bis 
an den Rand des Grunewalds, bis an die Grenze von 
Zehlendorf. Es ist da außer Frage, daß die Bahn fördernd 
auf die Besiedelung der neuerschlossenen Gebiete wirken 
muß; wir werden sicher in ganz kurzer Zeit eine rege 
Bautätigkeit auf den noch heute wüsten Gebieten vom 
Rüdesheimer Platz bis Zehlendorf erleben. Und da drängt 
sich uns von selbst die Frage auf: Wird Friedenau ohne 
Schnellbahn auch fernerhin in der Lage sein, gute Steuer 
zahler für sich zu gewinnen und deren Abwanderung weiter 
nach West-Südwest zu verhüten? 
Es ist notwendig, daß man mit vollem Ernst an diese 
Frage herangeht. Daß sich alle kommunalen Kreise unseres 
Ortes'eingehend mit ihr beschäftigen. Namentlich unsere Haus 
besitzer haben ein großes Interesse an der geschickten und 
befriedigenden Lösung dieser Frage. Aber auch für den 
Haushalt unserer Gemeinde kann ihre Beantwortung nicht 
gleichgültig sein. Könnte nicht unter Umständen der Fall 
eintreten, daß die guten Steuerzahler fortziehen, dafür aber 
<eine mindersteuerkräftige Bevölkerung in Friedenau ihren 
Einzug hält? Daß dann unsere mit großen Kosten ge 
schaffenen höheren Schulen nicht mehr so begehrt sind, da 
gegen die Schülerzahl in den Volksschulen beständig steigt? 
Alle diese Möglichkeiten müssen erwogen und reiflich geprüft 
werden und dies ganz besonders zu einem Zeitpunkte, da wir 
den Grundstein zu urisercm Rathause legen, um damit den 
Willen nach fernerer Selbständigkeit kund zu tun. Es wäre 
verkehrt, nicht hoffnungsvoll in die Zukunft Friedenaus 
schauen zu wollen, aber es wäre wohl auch falsch, sich Tat 
sachen gegenüber und wohlmeinenden Ratschlägen zu 
verschließen. 
Sehen wir uns einmal die Karte des Südwestens von 
Großberlin auf Schnellverkehrsverbindungen hin an. Die 
neue Wilmersdorf-Dahlemer Bahn führt vom Wittenberg 
platz aus mitten durch Wilmersdorf (mit 6 Bahnhöfen) nach 
Dahlem, mit 3 Bahnhöfen. Ihre Verlängerung nach 
Zehlendorf, von dessen Grenze der Bahnhof Thielplatz knapp 
2 Kilometer entfernt liegt, ist beschlossene Tatsache. 
Friedenau bleibt links liegen. Der nächste Bahnhof Rüdes 
heimer Platz ist vom Mittelpunkte Friedenaus fast * 1 / 2 Stunde 
Wegstrecke entfernt, kommt also höchstens für einige westliche 
Straßen inbetracht. Auf der anderen Seite ist die Schöne 
sormieren, ehe wir diese sonderbare Stellvertretung akzep 
tieren." 
„Aber das ist schrecklich unangenehm. Sie wissen, daß 
alle unsere Arrangements auf Grund des einmal feftge- 
siellien Reiseprogramms getroffen find. Die Hotelzimmer 
find bestellt, und mein Papa hat für jeden Tag meine 
Adresse. Wenn wir ihm jetzt telegraphieren, wird er sicher» 
l ch e.was Schlimmes dahinter vermuten und in lebhafte 
Unruhe versetzt werden." 
„Das wollte ich auch gar nicht vorschlagen. Aber es 
liehe sich doch vielleicht ein anderer Wagen auftreiben —" 
„Gewiß kein zuverlässigerer als der meinige, gnädige 
Frau l Ich verbürge mich dafür, daß Sie den kurzen 
Tausch nicht bereuen werden." 
„Am Ende fahren wir ja auch nicht in die Wildnis 
'nein," nahm jetzt Sylvia wieder das Wort. „Und es 
uns jederzeit frei, die Eisenbahn für die Rückfahrt 
. die Weiterreise zu benutzen, wenn — wenn wir 
einen Anlaß dazu haben sollten. Wie ist Ihr Name, 
Chauffeur?" 
Hoiningen zauderte ein wenig. Auf die Frage war er 
nicht vorbereitet gewesen, und so einfach auch immer es 
fein mochte, irgendeinen beliebigen Namen zu nennen, 
ließ ihn doch die vornehme Aufrichtigkeit seiner Natur vor 
einer wirklichen, handgreiflichen Lüge zurückschrecken. Aber 
er kam auf einen Ausweg — rasch genug, um nicht 
durch allzu langes Zögern einen Verdacht zu wecken. 
„Kurt Dietrich Westenholtz, mein gnädige^ Fräulein," 
sagte er, innerlich froh, daß sein umfänglicher Familienname 
ihm dies kleine Vkrfteckspiel gestattete. Glücklicherweise sah 
er nichts von dem sarkastischen Lächeln, das bei dieser 
Vorstellung die fleischigen Lippen der Baronin von Ried 
berger Bahn. Sie führt vom Nollendorfplatz zur Haupt 
straße, an der Ringbahn. Sie soll weiter geführt werden 
durch das Schöneberger Südgelände und nach Lankwitz- 
Lichterfelde. Der nächste Schöneberger Bahnhof (Haupt 
straße) ist von Friedenau etwa gleich so weit entfernt wie 
der Bahnhof Rüdesheimer Platz. Die dritte Schnellbahn 
durch den Kurfürstendamm, die bisher nur bis zur Halte 
stelle Uhlandstraße fertig ist, soll über den Hochmeisterplatz 
nach Halensee, Schmargendorf, Grunewald (Roseneck) ebenfalls 
nach Dahlem an den Rand des Grunewalds geführt werden. 
AlleGemeindenimSüdwestenGroßberlins erhalten also Schnell 
bahnverbindung. Auch Tempelhof wird Anschluß an das 
Schnellbahnnetz bekommen. Nur Friedenau bleibt abseits 
liegen. Auch die Dampfbahnen, Ringbahn und Wannsee 
bahn, berühren nur die Grenzen unseres Ortes und kommen 
als Schnellverbindungen nach dem Zentrum Berlins kaum 
in Frage. Wir sind also einzig und allein auf die Straßen 
bahnen angewiesen und daß diese keine idealen Verkehrs 
verbindungen mehr darstellen, ist bekannt. 
So wäre es doch wohl sehr zu erwägen, ob Friedenau 
nicht den Versuch machen sollte, Anschluß an das Unter 
grundbahnnetz Großberlins zu erlangen. Meines Erachtens 
nach nützt uns da auch die vielbegehrte Ost-West-Omnibus- 
verbindimg nichts, wodurch die Fahrt weder beschleunigt, 
noch verbilligt würde. Das richtigste bleibt eine Unter 
grundbahn, deren Züge unmittelbar auf die bestehenden 
Bahnen übergehen. Durch den Zweckverband ist die Sache 
jetzt nicht mehr so leicht, aber bei gutem Willen wird sich 
alles ermöglichen lassen. Die vorzuschlagende Friedenaner 
Schnellbahn wäre eine Verbindung der Wilmersdorfer mit 
der Schöneberger Untergrundbahn und zwar vom Bahnhof 
Hauptstraße nach dem Bahnhof Breitenbachplatz. 
Die Strecke müßte vielleicht führen von der Ringbahn durch 
die Hauptstraße zum Lauterplatz (Haltestelle Friedenauer 
Rathaus), dann durch die Schinargendorfer Straße zum 
Friedrich-Wilhelm-Platz (Haltestelle), von hier durch die 
Goßler- und Hertelstraße zum Südwestkorso nach dem 
Breitenbachplatz. Die Führung nach dem Rüdesheimer 
Platz dürfte wegen der zu harten Kurven nicht günstig sein. 
Ebenso ist es wohl auch nicht nötig, die Bahn weiter durch 
die Rheinstraße etwa bis zur Kaiscreiche zu führen. Diese 
Strecke käme erst dann in Frage, wenn auch Steglitz sich 
uns anschließen sollte. Bei der gedachten Linienführung 
Hauptstraße — Friedrich-Wilhelm-Platz — Breiten 
bachplatz hätten wir einerseits den direkten Verkehr nach 
Berlin über die Schöneberger Untergrundbahn, die bekanntlich 
über die Kurfürstenstraßc-Gleisdreieck noch direkten Anschluß 
an die Hochbahn erhalten soll, sodaß das Umsteigen am 
Nollendorfplatz fortfällt, allerdings dafür auf Bahnhof Gleis 
dreieck (nach Berlin) zu erfolgen muß. Auf der anderen 
Seite erhalten unsere Einwohner Anschluß an die Dahlemcr 
Strecke, was zunächst jedenfalls nur für den Ausflugsverkehr 
Vorteile hätte. Dieser Verkehr käme gleicherweise auch für 
die Schöneberger Einwohner inbetracht und die Dahlemer 
wiederum erhalten auch Verbindung nach Schöneberg. Einen 
nicht zu unterschätzenden Vorteil aus dieser Bahn aber ge 
winnt Schöneberg, dcssen Bahn dadurch rentabler würde. 
Nun spielt neben anderen Schwierigkeiten namentlich 
berg umspielte, und glücklicherweise kam Sylvia einer augen 
scheinlich beabsichtigten Aeußerung ihrer Gefährtin zuvor. 
„Wie es scheint, kennen die Hotelleute unsere Ab 
sichten besser als wir selbst," sagte sie lachend. „Sehen 
Sie nur, li.be Baronin, man hat unsere Koffer bereits 
aufgeladen, ohne daß wir es bemerkten. — Bitte, mein 
Freund, dies kommt in den Wagen hinein. Und feien 
Sie recht vorsichtig mit meiner Kamera, deren Wohl 
ergehen mir besonders am Herzen liegt. — Aber was tun 
Sie denn da, Westenholtz?" 
Die Frage war dadurch veranlaßt worden, daßHoiningen 
sich eben anschickte, seine dem Hotelpagen gemachten Ver 
sprechungen einzulösen. Und er ließ sich durch den erstaunten 
Zuruf nicht aus der Fassung bringen. 
»Ich bezahle meine Schulden, gnädiges Fräulein!" 
„Aber es ist doch selbstverständlich, daß alle Ausgaben 
von mir bestritten werden. Ich habe Sie nicht beauftragt, 
etwas für mich zu verauslagen." 
Er verbeugte sich ehrerbietig. 
„Es handelt sich in diesem Fall um eine rein persön 
liche Angelegenheit, Miß Pendleton." 
„Das ist etwas anderes," erwiderte sie ein wenig von 
oben herab, denn es mochte ihr nun doch an der Zeit 
scheinen, diesen Chauffeur, der jedenfalls einen ihr ganz 
neuen Typus darstellte, in die geziemenden Schranken zu 
verweisen. „Uebrigens, wo haben Sie denn Ihren Koffer ?" 
„Ich war nicht auf eine größere Tour vorbereitet, als 
ich unvermutet mit Bartels zusammentraf," erklärte er der 
Wahrheit gemäß. „Aber ich habe Vorsorge getroffen, daß 
meine Sachen mir mit der Eisenbahn nach Darmstadt nach 
gesandt werden." 
Für den Augenblick war nichts weiter zu sagen.
        
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