Path:

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originnlanikel nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o Falsche Goldstücke. Falsche Zehnmarkstücke befinden 
sich im Umlauf. Sie haben einen Metallwert von nur 
15 Pst, sind ans Silber hergestellt und mit Gold über 
zogen; sie tragen das Bildnis Kaiser Wilhelms I., die 
Jahreszahl 1881 und das Münzzeichen A. — Außerdem 
sei auch zur Borsicht gemahnt bei der Annahme der neuen 
20-V arkstücke mit dem neuen Bildnis des Kaisers. Es 
sind mehrere dieser Stücke durchschnitten worden und nach 
Entnahme einer dünnen Goldschicht wieder zusammen ge 
klebt worden. 
o Humboldt-Akademie, Lehrstätte Friedenau (Königin- 
Luise-Lyzeum, Goßlerstr. 15). Einen Vortragszyklus über 
„Biologische Studien" spricht (mit Demonstrationen und 
Exkursionen) der bekannte Kosmos-Schriftsteller, Dr. Heinz 
Velten, am Montag von 8 bis 9 Uhr abends. Beginn: 
13. Oktober. Vorlesungsverzeichnisse s und H'örcrkarten sind 
erhältlich: bei Wertheim, Schmargendorferstr. 36, Buch 
handlung Wohlthat, Rheinstr. Nr. 11, und im Hauptbüro, 
Berlin W. 57, Kurfürstenstr. Nr. 160 I, (Lützow 8794). 
o Der Allgemeine Verband der deutschen Bank 
beamten in Berlin, dessen vor ca. einem Jahr erfolgte 
Gründung weit über die Kreise der Bankangestellten hinaus 
berechtigtes Aufsehen erregte, hält — laut Inserat in der 
vorliegenden Nummer dieser Zeitung — am Dienstag, dem 
14. Oktober in Steglitz, „Albrechtshof" eine Bankbeamten 
versammlung ab, um den in Friedenau und Umgegend 
wohnenden Kollegen, welche dem Verbände noch fernstehen, 
Gelegenheit zu geben, Zweck und Ziel dieser jüngsten An- 
gestellten-Organisation kennen zu lernen. 
o Der Nationalliberale Ortsverein zu Friedenau 
hält am Mittwoch, dein 15. Oktober, 8*/ 2 Uhr abends 
im Restaurant „Kaisereiche", Rheinstr. 54, die Hauptver 
sammlung ab. Die Tagesordnung lautet: Jahresbericht und 
Wahlen gemäß 8 10 der Satzung. Neudruck und Aenderung 
der Satzung. Vortrag des Herrn Geh. Regierungsrates Vogt 
über: „Die Heeresvermehrung in Deutschland und Frankreich, 
ihre Einwirkung auf die innere und äußere Politik", mit 
darauf folgender freier Aussprache. 
o Evangelischer-Vund-Abend. Tie Reihenfolge der 
Darbietungen an dein Evangelischen - Bund-Abend am 
Montag, dem 13. Oktober, Abends 8 llhr pünktlich im 
Realgymnasium, Eingang Homnthstraße, ist folgende: Ein 
geleitet wird die Feier mit der wirkungsvollen Fest-Fantasie 
und Fuge für die Orgel von F. W. König, gespielt von 
Herrn Gesanglehrer Schoelzel. Nach der Eröffnungsansprache 
des Vorsitzenden Herrn Oberstleutnant a. D. Bauer wird 
Herr Generalleutnant z. D. v. Lieber!, Mitglied des Reichs 
tags, einen Vortrag über „Deutschtum oder Weltbürgertum?" 
halten, ein Thema, das bei der bekannten glänzenden 
Vortragsweise des Redners großes und zeitgemäßes Interesse 
bietet. Zwei Gesangsvorträge der Konzertvereinigung der 
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirchc a) Kennt ihr das Land so 
wunderschön von Hegar, l>) der Kaiserhymne von Richard 
Wagner beschließen den ersten Teil. Nach der Pause wird 
nach dem Vortrage des Niederländischen Dankgcbetes Herr 
Plärrer Mgnn-Chgr^ottenburg über „Deutsch-evangelisch, 
eine notwendige Parole" sprechen. Im Anschluß hieran 
gemeinschaftlicher Gesang mit Orgelbegleitung des Luther- 
liedes (l. V.) „Ein feste Burg". Ein kurzes Schlußwort 
unseres Herrn Pfarrer Vetter wird die Feier, zu der alle 
evaugclischen Männer und Frauen von Friedenau und 
Umgegend herzlich geladen sind, beschließen. Der Eintritt 
ist frei, Programme am Eingang zum Saal für 10 Pf. zu 
lösen. Um recht pünktliches Erscheinen wird besonders ge 
beten. Anmeldungen zum Beitritt zum Zweigverein 
Friedenau des Evangelischen Bundes werden am Abend gern 
entgegengenommen. , 
o Die Akademie für Musik John Petersen veran 
staltete kürzlich im Festsaal des Reform-Realgymnasiums 
ein Schüler-Konzert. Schon die Fülle des großen Saales 
ließ das Interesse weiterer Kreise für die Leistungen dieses 
Instituts deutlich erkennen. Das Programm bot eine viel 
seitige Abwechselung zwischen Gesang-, Klavier-, Violine- und 
Cello-Vorträgen, die ausnahmslos bewiesen, mit wie ernstem 
Kunstverständnis an dem Institut gearbeitet wird. Selbst 
die Schüler der Elementarklassen mit denen das Konzert 
begann, legten Zeugnis ab für die Vorzüglichkeit der päda 
gogischen Methode auch der Elementar-Lehrer. Die Schüler 
der Oberklassen aber boten zum Teil Leistungen, die auf 
künstlerischer Höhe standen. 
o Das große Hcrbst-Preiskegeln im Gcsellschaftshaus 
des Westens, Schöneberg, Hanptstr. 30-31, findet jetzt 
nur noch an 2 Tagen statt und zwar am Sonnabend, 
dem 11. und Sonntag, den 12. Oktober. Anfang Wochen 
tags um 6 Uhr Nachm, Sonntags um 3 Uhr Nachm. 
Auf der großen Dauergeldbahn 1. Preis 1000 Nt., 2. Preis 
800 M., 3. Preis 600 M., 4. Preis 400 M.. 6 Kugeln 
1 M. ist bis jetzt immer noch mit 6 Kugeln 49 Holz hoch. 
Preisverteilung am Sonntag nach Schluß des Kegeins. 
Drei kleine Geldbahnen und eine Wild? und Geflügelbghn 
— 4 Kugeln 50 Pf. — rechnen Freitag, Sonnabend und 
Sonntag bezw. Sonnabend und Sonntag zusammen ab, 
am Sonntag 12 Uhr Nachts Preisverteilung. Hohe Tages 
und Stundenpreise. Alle Kegelfreunde von Nah und Fern 
sind zu diesem Schlußkegeln freundlichst eingeladen. Am 
Sonntag, dem 5. d. Mts. erhielten die ersten Preise auf 
Bahn 1 (Kleine Geldbahn) Herr Strich-Nowawes .mit vier 
Kugeln 33 Holz, auf Bahn II Herr Teschner-Berlin mit 
4 Kugeln 35 Holz, auf Bahn VI Herr Strich-Nowawes mit. 
4 Kugeln 32 Holz und Bahn V (Wild- und Geflügelbahn) 
Herr Rinke-Berlin mit 4 Kugeln 32 Holz. 
o Verhaftung eines Schwindlers. Der früher in 
der Hauptstraße zu Schöneberg wohnhafte Mützenmacher 
Ludwig Mertel legte sich, um seine Existenz zu fristen, 
auf den Schwindel und rechte durch ganz Deutschland. Er 
pflegte höhere Beamte aufzusuchen, denen er erzählte, er 
habe soeben von seiner Gattin ein Telegramm erhalten, daß 
seine einzige Tochter gestorben sei. Unter Tränen bat der 
Schwindler dann um Reise- und Zehrgeld, daß er auch in 
den meisten Fällen in Beträgen bis zu 100 M. erhielt. 
Auch bei Geistlichen stellte er sich ein und teilte ihnen mit, 
daß seine Frau, mit der er sich auf der Reise in der be 
treffenden Stadt saufgehalten habe, vor einigen Stunden 
plötzlich am Herzschlage gestorben sei. Nachdem er dann 
den Geistlichen gebeten hatte, bei der Beerdigung die Leichen 
rede zu halten,' erzählte er. daß ihm ans der Reise sein 
Geld vollständig ausgegangen sei, und daß er nun in seine 
Heimat fahren müsse, um dort Kapital flüssig zu machen. 
So glückte es ihm in vielen Fällen, Beträge von über 
100 M. zu erschwindeln. In Bayreuth ereilte ihn endlich 
das Geschick. Dort versuchte er, einen Pfarrer zu prellen, 
der jedoch vor einiger Zeit von einem Amtsbruder, den 
Mertel betrogen hatte, gewarnt worden war. Der Geistliche 
ließ den Gauner festnehmen. 
Die bunte Mocke 
Berlin, den 10. Oktober 1913. 
Hedwig Müller..— Ein Hinte«treppenskandal. — Die Salome 
aus der Kanonierstraße. — Ein kleiner, netter Roman. — Berliner 
Verkehreromaatik. — Zukunftsträume. — Mister Gänscktein. — 
Musikidiotie. 
Wir haben soeben in Berlin wieder ein Schauspiel wildester 
Gassenromantik erlebt. Ein Tippmädchen aus der Kanonierstraße 
stand mit echt berliner Frechheit^ vor den Geschworenen. Sie hat 
einen ihrer Liebsten umgebracht, und weil sie sich vor den Schranken 
als deklamierende Heldin gab, wurde sie von der öffentlichen Meinung 
mit Beschlag belegt. 
Hätten sich die hauptsächlichsten Blätter mit ein paar Zeilen 
über diese ekelhafte Mordaffäre begnügt, — kein Hahn hätte nach 
dieser traurigen Vorstadtheldin gekräht. Aber Hedwig Müller war 
Inhalt und Kern aller Leitartikel. Hedwig Müller war die Losung 
des Tages; Hedwig Müller wurde geschickt um die Quartalswende 
zu einer schrillen Sensation aufgebauscht und ich weiß: In den 
kleinen Kneipen des Nordens und Ostens wurden Wetten auf 
gelegt, ob Hedwig Müller verurteilt oder freigesprochen würde.. 
Selbst der diagnostische Scharfblick des Staatsanwaltes suchte 
mehr hinter dieser jammervollen Fratze, als tatsächlich vorhanden 
war. Er stellte sie als eine Heldin, so zwischen Judith und Mag- 
dalena hin. Und dieses arrogante, echt berliner Kind, war alles 
andere, als eine ragende Erscheinung. Diese Salome aus der 
Kanonierstraße war kein Raublier, keine Kanaille, keine Bestie 
mit saugendem, versengendem Blick. Sie gehört zu den dumm 
dreisten,' äffischen Katzen, die 'die noch dümmeren Männer am 
höllischen Feuer der Eifersucht rösten, um sie dann zu verzehren. 
Und zwar so, daß man die Knochen zwischen den hübschen Zähnchen 
knacken hört Nichts von Opheliens holder Tollheit, — nein, nur 
suchend nach Sensation, nach Pose und lauter, dröhnender Aus 
drucksform der eigenen, verderbten Seele. 
Ihre Redewendungen entlehnte sie spottschlechten Kolportage- 
romanen. In der Untersuchungshaft schrieb sie sogar „Memoiren", 
die in einem der größten Blätter Berlins zum Abdruck kamen! 
Sie hätte besser Tüten geklebt oder Korken geschnitzt; eine in Moabit 
gern geübte Beschäftigung. 
Dieser ekelhafte, banale Hintertreppenroman konnte sich nur 
in Berlin abspielen. In dieser Stadt, in der die Zeit gleich einem 
rasend gewordenen Rad schwingt, konnte dieses armselige Geschöpf 
so viel Publikum für seine Pose finden; konnte diese traurige Ge 
schichte so viele Nerven wohlig rütteln. 
In nicht allzu ferner Zeit werden wir Hedwig Müller wieder- 
treffen. Als Titelheldin eines saftigen Schundromanes, der in 
Lieferungen zu zehn Pfennig die Herzen der Köchinnen höher 
schlagen läßt. Vielleicht auch wartet ein findiger Kinobesitzer die 
kurzen zwei Jahre ab, die man ihren „Schwingen" als Fessel an 
gelegt hat. (So wurde von einem der begeisterten Tintenkuli und 
Preßkawassen tatsächlich geschrieben!) — Dann aber werden wir 
die Medea aus dem Norden wiederlreffen in G.anz und, Gloria. 
Und den gutgläubigen Kinobesuchern n irb sie dann mit entsprechenden 
Films die „Geschichte ihrer Leidenschaft" erzählen, und leise wird 
sich in den.Herzemder schauenden Faluikmödche» -er.UMch^egen, 
es auch so weit zu bringen, auch so berühmt zu werden, wie 
Hedwig Dlüller aus der Kanonierstrrße! 
Da ist mir der Roman eines anderen Fräulein Müller 
doch lieber. Sie heißt Irmgard Müller und ist die Tochter eines 
steinreichen Berliner Fabrikanten. Um ihre Heirat aber schlingt sich 
ein blühender Kranz moderner Romantik . . . Ein Offizier vom 
alten Adel lernte die Dame kennen. Sie ward ihm Ereignis, 
Schicksal und Glück. Aber er litt unter dem Bewußtsein, daß die 
in engen Schranken alter Tradition lebenden Eltern niemals ihre 
Einwilligung geben würden zu einer Heirat nüt einem Fräulein 
Müller! Der Mann wußte sich zu helfen. 
Es gibt in Berlin mehrere verarmte und herunterge 
kommene Mitglieder des Adels, die ihren Namen gern zu 
Heiraten hergeben. Aus diesem Grunde trifft man an der Spree 
viele fragwürdige Damen, die mit allen Rechten als Gräfin oder 
Baronin un Adreßbuch stehen. Sie haben sich mit ein paar braunen 
Lappen den Namen gekauft, indem sie mit dem Kavalier die Ehe 
eingingen, ihn dann abfanden und sofort die Scheidung einleiteten. 
Das sind keine Märchen der Großstadt. Ich selber kann ein Dutzend 
dieser adligen Damen hier aufzählen. 
Diesen in Berlin hinreichend bekannten Geschäftsbetrieb machte 
sich der Liebende zu nutze. Er ließ seine Braut in England mit 
einem Mitgliede eines uralten deutschen Adelsgeschlechtes trauen. 
Dieser Biedermann durfte keinerlei Gatteurechte beanspruchen. 
Nach Erledigung der Formalitäten, die dem Pseudogatten sicherlich 
keine seelischen Kampfe bereiteten, wurde die Scheidung auf deut 
schem Boden vollzogen. 
Den Eltern des Liebenden wurde die Auserkorene jetzt als die 
geschiedene Gräfin vorgestellt, und eine solche war ihnen 
s e l b st v e r st ä n d l i ch willkommen. 
Man sieht: Die Romantik stirbt nicht aus. Selbst in Berlin 
nicht. Ja, vielleicht ist man hier, an der Geburtsstätte der Hedwig 
Müller mehr, als anderwärts bemüht, ihre Blüten zum Kranze zu 
winden. Selbst unsere krassesten Ausdrucksformen der Wesistadt, 
unsere ratternden Verkehrsmittel, suchen sich ein Stückchen 
dieses Kranzes zu retten. 
•* So wurde die neue Strecke der Untergrundbahn 
Wittenbergplatz —Dahlem eröffnet. DieBahnhöfe der neuen 
Anlage zeigen, dpß sich Kunst, Poesie, Großstadtverkehr, sinnreiche 
Architektur wohl vereinen lassen. 
Der Ilntergrundbahnhof „Nürnberger Platz" erinneit mit 
seinen Kunstschmiedearbciien und mit wertvollem ornamentalen 
Schmuck au die alte Reichshauplstadt. Der Bahnhof „Fehr. 
belliner Platz" mahnt an die geschichtliche Vergangenheit 
Kriegerische Embleme und sonstige Zierat erinnern an die Tage von 
Fehrbellin. Bahnhof „Heidelberger Platz" .... Eine alt 
romanische. unterirdische Säulenhalle empfängt den Fahrgast. 
Schimmerte nicht der glitzernde Sckienenstrang, wahrlich, man 
müßte wähnen, im Ottheinrichsbau mit schönen Burgfräuleins zu 
wandeln. „Rüdesheimer Platz", lieberall Ranken und Reben 
in Malerei und Plastik. Man glaubt, die Sonntagsglocken über 
dem weinseligen Tal zu hören. Und das schmale Silberband der 
Schienen, — ist es nicht des Stromes sanftes Bild? 
Welche Gedanken lassen sich hier noch verwirklichen! Wie könnte 
die Phantasie der schaffenden Künstler hier wirken! Was hülle sie 
schon alles schaffen können! Der Ilntergnindbahnhof Nürnberger 
Platz hätte die Form 'eines riesigen Trichters haben können, in den 
Männlein und Weiblein in sanften Schwingungen Hineingleiten 
Hätte man den Bahnhof „Heidelberger Platz" nicht in Gestalt des 
großen Fasses bauen können? Den Bahnhofsvorsteher vielleicht als 
Perkeo vermummt! 
Was wird sich alles noch begeben, wenn erst diese Gedanken 
weiter ausgesponnen werden! Wenn erst der Appenzeller Platz 
(Juhul) seinen Bahnhof hat. Wie sphärenhast kann die Station 
Platz" könnte ein zweites Bayreuth erstehen, und welch» erotischen 
Möglichkeiten ergeben sich, wenn erst tie Straßen rm Norden, tu- 
Kameruner-, die Samoa- und die Guinea-Straße ihre fflilgerechicn 
Ilntergruudbahnhöse haben werden! Man denke: wie farbenfroh 
und wild diese Plätze angelegt werden können! Hagenbeck muß 
sein gesamtes Material dazu liefern. Und welche englische Steifheit 
könnte am Bahnhof „Liverp ooler-Straße" eingeführt werden! 
Mit Tennis, Beefsteak, Kaugummi und allen Attributen deü 
Jnselreiches! .... 
Vielleicht sperrt man dort auch den Mister Ganseklein in 
einem dicht vergitterten Käsig von seiner oberirdischen Wirksamkeit 
ab! Ich gebe zu, daß nicht jeder Leser ohne weiteres wissen wird, 
wer dieser Herr ist. „ , , . , , 
Er wird in Berlin aber leider nur allzu bald darüber belehrt 
werden, denn an allen Anschlagssäulen, rn allen Zeitungen prangen 
frech und aufdrinqlick die Worte: 
Mister Eänseklein 
Uebertrifft alle Kanonen und 
sonstigen Musikidioten! 
Dann folgt der Name des ehrenwerten Lokales, allwo dieser 
ehrenwerte Gentleman sich Mühe gibt, des Lebens Unverstand 
einer dankbaren Zuhörermenge beizubringen. 
Es ist bekannt, daß die Kapellmeister der Kaffeehauskapellen 
gleicherzeit Clowns sein müssen. Nicht überall. Aber doch in den 
meisten Nachtlokalen'Berlins. Wobei ick,^bemerken will, daß diese 
Unsitte, wie ich in diesem glorreichen Sommer zur Genüge sah, 
auch nllmählig die sonst so gesunden und kulturell hoch stehenden 
Proviuzstädte ' des deutschen Reiches ergriffen hat. Ueberall sieht 
man diese langhaarigen Herrchen nicht nur dirigieren, sondern dazu 
auch springen, schreien, singen, turnen, schießen, sich auf den meistens 
sehr dicken Schädel stellen und die widerlichsten Tollheiten verüben. 
Diese Erscheinung ist eine Bloßstellung und eine Prostitution 
des gesamten Musikerberufes und die Musiker selbst müßten 
sich weigern, ihren gelernten Beruf und ihre Kunst in den Dienst 
derartiger Pöbclei zu stellen. 
Ich kenne den Herrn Gänseklein nicht persönlich, aber da er 
in einem größeren Lokal seine Clownerien betreibt, muß er schon 
ein leidlich guter Musiker sein. Er ist jedenfalls Idiot. Das geht 
aus der Anzeige klar hervor, denn sein Brotgeber spricht von den 
„andern" Musikidioten. Vielleicht kommt das Königliche Polizei 
präsidium zu der löblickien Einsicht, Idioten nicht öffentlich auf 
treten zu lassen. Der Mann kann plötzlich doch gemeingefährlich 
werden! Wenn er nicht an der Kette liegh oder auch sonst nicht 
den geringsten Nasenring trägt, ist das ahnungslose Publikum 
wehrlos. Der Ruhm dieser Leute ist durch skrupellose Reklame in 
die Höhe geschnellt, und wir haben jetzt in Berlin schon sieben erst 
klassige „Kanonen" oder „Musik-Idioten." Alles ehrenwerte Männer, 
von Mister Meschugge bis zum Mister Gönseklein ..... 
Sieben griechische Siädte stritten sich einstmals um die Ehre, 
der Geburtsort Homers zu sein. Das ist schon lange her . . - 
Heute streiten sich sieben große Cafös in Berlin in Prozessen und 
Plakaten, wer den größten „Musikidioten" sein eigen nennt, und 
auf wessen Podium die größte „Kanone" mit schriller Stimme in 
den dicken Bier- und Weindunst einer halbbetruntenen Menge Zoten 
brüllt, bei denen ein ausgewachsener Orang-llutang erröten könnte! 
Heinr. Binder. 
Die Mell am Montag, 
das aller Sensatian abholde und vornehme Organ, nimmt 
in der ihr eigenen Art Stellung zu der Veröffentlichung des 
Herrn Gymnasialdirektor Dr. Busch-Friedenau. Nachdem 
das Blatt die Berichtigung des Genannten mit den üblichen 
Ausfluchten abgelehnt hatte, sah sich Herr Dr. Busch ver 
anlaßt, die Angriffe der „W. a. M " im „Deutschen Philo- 
logen-Blatt" und auch in den Spalten unserer Zeitung 
zurückzuweisen. 
Es ist bekannt, daß der Staatsbürger im allgemeinen 
gegen Blätter vom Schlage der „W. a. M." wehrlos ist, 
und daß es oft erst nach langwierigen Prozessen möglich ist, 
tte Berichtigung'einer Beschimpfungen erlangen. uDOicher 
schließlich die Veröffentlichung der genannten Erklärung im 
„Deutschen Philologen-Blatt" und auch in unserer Zeitung 
vor einen Leserkreis gekommen ist, der in der in Betracht 
kommenden Frrge doch zuständiger ist, als das Leserniveau 
der „W. a. M.", so braucht man sich über die Ablehnung 
der Berichtigung seitens dcs genannten Blattes nicht weiter 
aufzuhalten. 
Die besondere Art der „W. a. M." zeigt sich jedoch in 
der nachstehenden kleinen Episode. Herr Direktor Dr. Busch 
hatte in seinem Artikel zurückgegriffen auf eine Charakteristik 
der Montagsblätler, die unser Mitarbeiter Heinrich Binder 
vor mehreren Monaten an dieser Stelle gegeben hatte. 
Binder hatte dabei diese Berliner Presseerscheinungen be 
leuchtet und seine Kritik durchaus sachlich begründet. Denn 
darüber besteht doch wohl selbst bei den Herren von der 
„W. a. M." kein Zweifel, daß in keinem Blatt im ganzen 
deutschen Reich so viel Schmutz mit ebenso viel Behagen 
zusammengetragen wird, wie in der sogenannten „Montags 
presse", zu der allerdings auch gewisse Organe, die an 
anderen Wochentagen erscheinen, gehören. 
Weil nun die Herren aus der „W. a. M." unsern 
Mitarbeiter nicht kannten, oder ihn anscheinend mit einem 
Herrn ähnlichen Namens verwechselten, der vor zwei Jahren 
in einem Prozeß eine etwas mysteriöse Rolle spielte, setzten 
sie sich flugs hin und schrieben, Herr Direktor Dr. Busch 
habe eine „geistige Anleihe gemacht bei einem der ausge 
fallensten Winkeljournalisten Berlins'. . . Dröhnend fügten 
die Herren noch hinzu, sie würden auf die Sache noch 
zurückkommen. 
Mittlermeile suchten sie nun anscheinend, nach gern 
geübtem Brauch mit bekanntem Eifer nach wichtigen 
Argumenten gegen die Kritik und die Persönlichkeit unseres 
Mitarbeiters. Nachdem sie nichts fanden, und nachdem sic 
ihre anfängliche Verwechslung wohl eingesehen hatten, setzten 
sie vielmehr ihre erste Anpöbelet etwas abgeschwächt also 
fort: Die von Herrn Dr. Busch zitierte Plauderei stamme 
von einem „sogenannten Journalisten, den kein Mensch in 
Berlin ernst nimmt. Auch uns hat dieses Köterchen ins 
Bein gebissen. Wir haben aber nichts davon gespürt." 
Wir haben es wirklich nicht nöiig, unsern Mitarbeiter 
gegen diese Anwürfe in. Schutz zu nehmen. Wer die 
Spalten der ersten Blätter der Reichshauptstadt, wie auch 
solcher der Provinz, kennt; wer besonders die literarischen 
Erscheinungen der neueren Zeit verfolgt, für den erledigt sich 
die Frage von selbst, wer wirklich ernst genommen wird: 
Unser Mitarbeiter, oder sämtliche betriebsamen Redakteure 
der „W. a. M." 
Es liegt die Vermutung: nahe, daß nach der Auffassung 
der „W. a. Alt." überhaupt nur der „ernst" genommen zu 
werden verdient, der sein Handwerk auf dem Niveau der 
Blätter ihres Schlages ausübt. Danach können wir nur 
jeden Schriftsteller' beglückwünschen, der von dieser Art 
Presse nicht „ernst genommen" wird.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.