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Periodical volume Nr. 119, 23.05.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Friederiarrer 
Unparteiische Zeitung sür kommunale und bürgerliche 
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ZLertin-Iriedellau, Sonntag, dm 12. KKtoöer 1913. 
20. Zayrg. 
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Verl.Leo Schultz, IQin f 11 l»hnn 1 Fernsprecher 
Rnelnstrasse 15. 131“ (II. JUH 1 -J Pflzbg 2129. 
? ^ für den neuen Jaltr- 
Sfhun j.-tZL ange 
nommen Die Pre’se sind bld g weshalb 
wir auch diesesmal wiedr eine rege 
1'eteilignng am Ktklameteil des so gut 
eingeführten „Adressbuch für Friedenau* 
erwarten. Verlangen tio uns. Yerlr lur. 
vepelcken 
Letzte Dachrichten 
Berlin. In der Welfenfrage sind in nächster Zeit 
bestiminte Erklärungen zu erwarten. In einem äußerst 
umfangreichen Schriftwechsel, der zwischen dem Neuen Palais 
zu Potsdam, wo augenblicklich der Prinz Emst August zu 
Braunschwcig und Lüneburg mit seiner Gemahlin weilt, 
und dem Jagdschloß Hubertusstock stattgefunden hat, ist eine 
endgültige Erledigung der durch die bekannten Vorgänge in 
der Welfenpartei hervorgerufenen Schwierigkeiten ermöglicht 
nwrden. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, hat der 
Kaiser vom Prinzen Ernst August persönlich eine ganz be- 
stiinmte Erklärung verlangt, die von dem Schwiegersöhne 
in der gewünschten Form gegeben worden ist. 
Halle a S. Drei Mädchenhändler, die im Zuge 
Kohlsurt-Falkeuberg in Begleitung zn e.er anscheinend 
russischer Mädchen reisten nnd sich verdächtig gemacht hatten, 
fielen der Polizei in die Hände. Ein Gendarm aus 
Müggenberg, der von einem Reisenden auf die Männer 
aufmerksam gemacht morden war, verfolgte sie bis Falkeuberg, 
wo die. Festnahme erfolgte. 
Brüssel. In einer Kohlengrube in Mous in Belgien 
blieb ein Aufzug, der mit 22 Mann besetzt war, an der 
ersten Etage hängen und zerbrach. Einer der Arbeiter fiel 
in den 750 Meter tiefen Schacht und wurde vollständig 
zerschmettert. Sechs andere Arbeiter erlitten schwere 
Verletzungen. 
Konstantinopel. Die von der Pforte erlassenen Ver 
fügungen zur Vorbereitung der Kammerwahlen werden im 
Zusammenhang mit der Abrüstung als günstiges Sympton 
der allgemeinen Lage angesehen. Man glaubt, daraus 
Rückschlüsse auf den Stand der Verhandlungen mit Griechen 
land ziehen zu dürfen. Nach der neuen Organisation der 
Komitecpartei ist anzunehmen, daß der Großwesir Partei 
haupt wird. Die ganze Macht würde somit dem ersten 
Würdenträger des Reiches zufallen. 
Nenyork. In dem Stadtviertel St. George fand man 
eine Frauenhand. Das Gericht ließ sofort feststellen, daß 
die Hand berests eine Woche im Wasser gelegen haben muß 
und daß sie mit Hilfe eines Beiles oder eines Schlächter- 
messers der Frau abgehackt worden sei. Anfänglich glaubte 
man, daß der Fund mit dem Morde an der Anna Anmüller 
zusammenhänge. Dies ist jedoch, wie bereits festgestellt 
wurde, nicht der Fall. 
Oie OLenstbolen-tlranken- 
VerNckerung. 
Der „Abvnnemrntsverein von Dienstherrschaften sür 
kranke Dienstboten" bittet uns um Veröffentlichung folgender 
Zeilen: 
Trotz ausgiebiger Besprechung in der Presse herrscht 
vielfach noch Unsicherheit dariiber, wie sich die Krankenver 
sicherung der Hausangestellten vom l. Januar k. Js. ab 
gestalten wird. Es sei deshalb noch einmal darauf hinge 
wiesen, daß die nach dem Gesetze zulässige Befreiung von 
der Versicherungspflicht nur bei regulären Dienstboten 
erfolgt, und zwar auf Antrag des Dienstgebers, wenn 
dieser dem zu Befreienden einen Rechtsanspruch auf eine 
den Krankenkassenleistuugen gleichwertige Unterstütznng ein 
räumt, und wenn seine Leistungsfähigkeit sicher ist. Wer 
als sicher leistungsfähig angesehen werden soll, bestimmt 
das Gesetz nicht; die Entscheidung darüber ist vielniehr den 
einzelnen Kassenvorständen überlassen, auf Berufung end 
gültig dem Obcrversicherungsamt. Wenn nun übertriebene 
Forderungen für den Nachweis der Sicherheit aufgestellt und 
die Befreiung nur in besonderen Ausnahmefällen genehmigt 
werden sollten, so widerspräche das dem Sinne des Gesetzes. 
Es kann nicht die Absicht des Gesetzgebers gewesen sein, 
eine zugebilligte Vergünstigung so zu erschweren, daß sie 
hinfällig wird. Es wäre auch ungerechtfertigt und müßte 
große Erbitterung Hervorrufen, wenn weite Kreise der Be 
amtenschaft. der freien Berufe und des Kaufmannsstandes 
von der Wohltat der Befreiung ausgeschlossen sein sollten. 
Im übrigen sind die Befreiungsanträge erst im Dezember 
dieses Jahres an die zuständigen Orts- oder Landkranken» 
kasscn zu richten, soweit nicht, wie in Berlin, die Ver 
mittelung durch den Abvnnementsverein von Dienstherr 
schaften geschieht. Einer Anmeldung der Dienstboten bezw. 
einer Beitragszahlung au die betr. Krankenkasse bedarf es 
in diesem Falle nicht, da die Befreiung vom Eingänge des 
Antrages an wirkt. 
Die Allgemeine Ortskrankenkasse zu Berlin hat erklärt, 
daß alle Mitglieder des Abonnements-Vereins von Dienst- 
herrschaften, die ein Einkommen von mehr als 4500 M., 
oder ein solches von mehr als 4000 M. neben 6000 M. 
Vermögen haben, ohne weiteren Nachweis befreit werden 
sollen. Sie hat sich, sicher durchaus im,(Interesse ihrer 
Mitglieder, durch dies Zugeständnis, auf der anderen Seite 
vor allen Schäden gesichert, die ihr aus etwaigen An 
sprüchen befreiter Dienstboten erwachsen könnten. 
Es empfiehlt sich nun, selbst da, wo die Beiträge, — 
demnach aber auch die Leistungen*) — geringere sein sollten 
als bei dem Abonnements-Verein, die Dienstboten zu be 
freien, eiunial, um diesen die weiteste Fürsorge gewähren zu 
können, zum anderen aber, um die bei den Kassen unum 
gänglichen zeitraubenden Formalitäten bei Erkrankungen der 
Dienstboten zu vermeiden. Die bei dem Abonnementsverein 
versicherten Dienstboten können bekanntlich, nach wie vor, 
lediglich mit der Beitragsqnittung, sämtliche öffentlichen 
und fast alle Privatheilanstalten Berlins und der Vororte auf 
suchen, sowie ca. 3000 Aerzte, 500 Zahnärzte und alle anderen 
Einrichtungen in Anspruch nehmen. Kranken- und Auf- 
nahmescheine, Abstempelung der Verordnungen usw. fallen 
dabei fort. 
Alles Entgegenkommen der Krankenkassen kann doch 
nicht verhindern, daß die Versorgung mit ärztlicher Hülfe 
und dergl. sehr erschwert wird, weil auf eine gewisse Kon 
trolle nicht verzichtet werden kann. Das ist aber gerade 
für den Privathaushalt außerordentlich störend, weil die 
Besorgung der Krankenscheine in den Kassenlokalen die 
Dienstboten immer in den Vormittagsstunden lange Zeit 
ihren Arbeiten entzieht. Jedenfalls ist besonders die Be 
fragung der bei dem Verein auch in weit größerer Zahl 
wirkenden Aerzte ungleich bequemer. 
Daß der Beitrag — im Einverständnis mit der Auf 
sichtsbehörde — auf 30 M. pro Jahr erhöht werden 
mußte, erklärt sich ohne Zwang aus der enormen 
Erweiterung der Leistungen, welche denen der Ber 
liner Allgemeinen Ortskrankenkasse für 43,20 M. Beitrag 
genau angepaßt sind: Verpflegung im Krankenhause, ärzt 
liche und zahnärztliche Behandlung, (erstere auch im Hause 
der Herrschaft), Krankengeld von 1,50 M. pro Tag auf die 
Dauer von 39 Wochen, Wochengeld 8 Wochen, Schwangeren 
geld 6 Wochen, Arzneien, Bäder: Brillen, Bandagen u. a. 
Heilmittel bis zum Betrage von 100 M., Sterbegeld bis 
zu 90 M. usw. Wenn dazu nun behauptet worden ist, 
daß diese Fürsorge viel zn weit gehe, so muß doch darauf 
hingewiesen werden, daß der Verein gezwungen war, auch 
die Mehrleistungen, die die Berliner Ortskrankenkasse im 
Interesse ihrer Versicherten gewährt, und die also auch von 
jeder Dienstherrschaft gewährt werden müßten, zuzubilligen. 
Häufig hat ja aber auch gerade die mangelnde Versorgung 
in Krankheitsfällen unsere Dienstboten dazu getrieben, sich 
anderen Berufen zuzuwenden, und es ist nicht ausgeschlossen, 
daß der Mangel au geeigneten Kräften wesentlich durch die 
neue Sachlage gehoben werde, daß schon jetzt bei der durch 
schnittlich nur 8 wöchigen Verpflichtungsdauer, für Anstalts 
verpflegung seitens des Abonnements - Vereins jährlich 
500 000 M. und für ärztliche Behandlung nur in der 
Sprechstunde 260 000 M. gezahlt werden und daß von 
rund 100 009 Dienstboten alljährlich mehr als 60 000 den 
*) Trifft sür Friedenau nicht zu, wo zwar zur Landkranken 
kasse geringere Beiträge zu zahlen sind, aber die gleichen 
Leistungen des Abonnements-Vereins gewährt werden. Schristl.) 
Sylvias Chauffeur. 
Roman von Louis Tracy. 
8, (Nachdruck verboten.) 
'«Zugegeben I Wir haben also in der Tat nicht mehr 
viel Zeit zu verlieren. Wo kann man hier in der Nähe 
eine Chauffeur-Ausrüstung, das heißt, einen Staubmantel 
und eine Mütze kaufen?" 
„Herr Graf, ich verstehe nicht — —'* 
„Sie werden schon dahin kommen, mich zu verstehen. 
Sie besitzen doch bereits eine genaue Aufzeichnung der 
Route und die erforderlichen Karten ?" 
„Gewiß! Aber " 
„Haben Sie also die Freundlichkeit, sie mir auszu 
händigen. Das dürfte mich zugleich bei Miß Pendleton 
als Ihren Stellvertreter oder vielmehr a's Ihren Platz 
halter legitimieren. Denn ich werde selbstverständlich nur 
so lange für Sie eintreten, bis Sie uns mit Ihrem wieder 
hergestellten Wagen folgen können. Auf mehr als höchstens 
drei Tage kann ich mich unmöglich einrichten." 
„Das alles kann doch unmöglich Ihr Ernst sein, Herr 
Graf! Und für einen Scherz — bei allem schuldigen 
Respekt —" 
„Für einen Scher; würde ich mir sicherlich nicht ge 
rade die gegenwärtige Situation ausgesucht haben, das 
haben Sie ganz lichtig empfunden, Bartels! Es wird 
also doch wohl mein Ernst sein. Oder fürchten Sie viel 
leicht, ich könnte Ihre Miß Pendleton auf irgendeine 
weltentlegene Insel entführen?" 
„Damit Halls leine Gefahr. Sie ist nicht von der 
Gattung derer, die sich mir nichts dir nichts entführen 
lassen. Aber " 
„Aber Sie würden es vorziehen, daß ich Ihnen meinen 
Wagen leihe, bis der Ihrige wieder dienstfähig geworden 
ist, nicht wahr? Nein, mein Lieber, derartige Hoffnungen 
müssen Sie sich vergehen lassen. An das Steuerrad meines 
Autos kommt keine andere Hand als die mcinige oder die 
meines braven Hasenkamp." 
„Selbstverständlich habe ich mit feinem Gedanken an 
etwas so Unmögliches gedacht. Aber " 
„Nun verschonen Sie mich aber endlich mit Ihrem 
ewigen „aber", wenn wir gute Freunde bleiben sollen. 
Sie sehen doch, was ich beaofichtige. Ich werde als ein 
gewöhnlicher Chauffeur, den Sie um diese kleine Gefällig 
keit ersucht haben, die Damen bis zu dem Punkte fahren, an 
dein >sie uns erreichen können, und Sie werden daraus 
bedacht sein, daß ich mich nicht allzuweit von Frankfurt 
zu en'ferncn brauche. Sobald- sich der Schaden und die 
vermutliche Dauer der Reparatur übersehen lassen, werden 
Sie niir telegraphieren, wo ich Sie erwarten darf, und 
dann werden wir wieder die Rollen tauschen, ohne daß 
Miß Pendletons Glaube an Ihre Zuverlässigkeit Ei «büße 
erlitten hätte. Wenn Sie nicht geraciezu ein eigensinniger 
Narr sind, werden Sie dagegen keine weitere Einwendung 
erheben." 
2. Kapitel. 
Bor dem „Hotel Bristol" hielt zufällig eine ganze 
Reihe von Wagen, als Graf Hoiningens Auto anfuhr, 
genau eine halbe Stunde nach seiner Begegnung mit dem 
unglücklichen Bartels. Hasenkamp war mit mehr auf deni 
Wagen, und den Grafen würden selbst seine besten Freunde 
schwerlich ohne weiteres erkannt haben. Denn feine elegante 
Toilette war unter einem ganz gewöhu'ichen leinenen 
Chauffeur - Staubmantel verschwimden, und die mächtige 
Schutzbrille verdeckte einen »u ui Teil feines Gepchts. 
Energisch winkte er einen der vor dcni Portal herum 
lungernden Hotelpagen ;u sich heran. 
„Hör' zu, mein Junge! Weißt du, wer Miß Pendle- 
tou ist!" 
„Jawohl, es ist die junge amerikanische Dame, die in 
unserem Hotel ein Appartement von drei Zimmern innehat." 
„Ja, die wird es wohl fein. Haft du etwas davon 
gehört, daß sie ein Auto erwartet?" 
„Ja. Tie Koffer, die sie mitnehmen will, sind schon in 
das Vestibül hinuntergeschafft." 
„Ausgezeichnet! Du wirft also einen Hausdiener oder 
einen Gepäckträger auftieiben, der sie auf meinen Wagen 
verlädt, und zwar so plötzlich als möglich. Wenn das ge 
schehen ist, wirst du Miß Pendleton melden, ihr Auto sei 
zur Abfahrt be.cit. Mach' deine Sache gut, und jeder 
von euch, der Gepäckträger und du, erhält von mir fünf 
Mark." 
Der Boy machte ein verdutztes Gesicht, denn er war 
sicherlich nicht gewohnt, einen gewöhnlichen Chauffeur mit 
so fürstlichen Trinkgeldern oder Trinkgeld-Versprechungen 
um sich werfen zu sehen. Nachdem er aber seine pfiffigen 
Augen »och einmal hatte über die prächtige Karosserie des 
ausnehmend schönen Automobils dahingleiten lassen, mußte 
ihm die Sache wohl etwas plausibler vorkommen; denn 
er nickte zustimmend und beeilte sich, au die Ausführung 
des erhaltenen Auftrages zu gehen. 
Leider schien er die Reihenfolge der von ihm ver 
langten Verrichtungen seinem Gedächtnis nicht mit der 
nötigen Sorgfalt eingeprägt zu haben. Denn noch war 
das Gepäck nicht sichtbar geworden, als Hoiningen, neben 
seinem Wagen stehend und in das Studium einer Karte 
vertieft, fast unmittelbar an seiner Seite eine helle weib 
liche Stimme vernahm, die in tadellosem Deutsch, aber 
mit einem allerliebsten englischen Akzent, sagte:
        
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