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Periodical volume Nr. 237, 08.10.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Feiedenauer 
Anparteiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
Angelegenheiten. 
Lerugspreis Besondere 
mr FiKal-Amkisn 
bei Abholung aus der Geschäftsstelle, 
Rheinslr. 15,1,50 M. vierteljährlich; durch 
Boten insHauö gebracht 1,80M., durch die 
Post bezogen 1,92 M. einschl. Bestellgeld. 
Jecken sßittwodi: 
(Qitjblatt „Seifenblasen". 
sernlpreckier: Hmt pfal^bKrg^gjgtK 
Erscheint täglich aöends. 
Zeitung.) 
Organ für den Iriedenauer Ortsteil von Zchöneberg und 
Zeürksuerein Züdmest. 
Beilagen ureigen 
Jecken Sonntag: 
Klätter kür ckeullcke grauen. 
Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
6efcbäflss1elle: NKeinNr. 15. 
werden bis 12 Uhr mittags angenommen. 
Preis der llgespaltenen Zeile oder deren 
Raum 80 Ps. Die Reklamezeile kostet 
75 Pf. Belagnummcr 10 Pf. 
fernkprecber: Rmt pkahbarg 213S. 
Nr. 237. 
Ilerlin-Aricdenau, Mittwoch, den 8. HKIoöer 1913. 
20. Zayrg. 
WesteMrngen 
auf den „Friedenaucr Lokal-Anzeiger" (monatlich 60 Pfg. frei 
Haus) nehmen entgegen: die HaUpIgesWstSsteüe RheiNstk. 15 
und folgende Geschäfte: 
Papiergeschäft Wllh. Ebers. Adeinftraße 15 
Papiergeschäft Arthur Zschalig, Ldenwaldstraße 7 
Papiergeschäft Frl. Nordheim. Sieglindefttabe 4 
Zigarrenhandlung Paul 3uhl. Südmeslkorso 17 
Zigarrenhandiung E. Hahn. RembrandtsU'. 14. Dürerpl. 
Aciin Selbstabhole» aus den oben genannten Annahmestellen 
kostet der „Friedenaucr Lokal-Anzeiger" monatlich 50 Pfg., durch 
die Post bezogen nionatlich 64 Pfg. (einschließlich Bestellgeld). 
vepelcken 
Letzte Ilacdricdten 
Berlin. In der Gastciner Straße hat sich gestern 
eine schwere Blnitat abgespielt. Der Kaufmann Max 
Jaskvlsky wallte auf feine 'frühere Braut, der Arbeiterin 
Else Stürmer ein Revviveratlentat verüben, als er sie in 
Begleitung ihres jetzigen Bräutigams, des Kaufmanns Valentin 
Kvttik traf. Er feuerte auf seine Braut 4 Schüsse ab, die 
zwar trafen, aber nicht die Bram, sondern deren Schwester, 
die 17 Jahre alle Arbeiterin Margarete. Dann flüchtete 
Jatzkolski und schoß sich selbst eine Kugel in die linke Schläfe. 
Die Verletzte ivurde nach dem Istbankrankenhaus gebracht, 
wo sie gleich nach der Einlieferung starb. Jaskolsky liegt 
im Lazarus-Krankenhaus lebensgefährlich darnieder. 
Magdebürg Heute nacht 1 Uhr stieß auf der Station 
Niederdodeleben ein von Eisleben kommender Güterzng mit 
einem auf der Station rangierenden Giiterzuge zusammen. 
15 Wagen entgleisten. Die Wagen wurden zum Teil 
ineinander geschoben. Die Ursache des Unfalles ist in dem 
herrschenden Nebel zu suchen, der das Einfahrtssignal nicht 
erkennen ließ. Der Materialschaden ist sehr bedeutend. 
Die Berliner Züge nach dem Harz und Bcaunschweig werden 
umgeleitet. 
Wien. Nach einer Meldung des Berliner Korre 
spondenten der Wiener Zeit sollen demnächst drei deutsche 
Hochschulen in der Türkei errichtet werden, und zwar in 
Konstautinopel, Adana und Konia. 
London. Der japanische Staatsmann Fürst Katsnra, 
der schon seit längerer Zeit an Magenkrebs leidet, hat, wie 
Filmhochzeit. 
Hmnoreske von Resi Langer. 
Nachdruck verboten. 
Der nächste Morgen fand mich auf dein Riege 
zu dem Bureau des „Instituts für künstlerische und 
wissenschaftliche Kinematographie". Ein Lift beförderte 
mich in die höchste Region eines Atelierhauses, das 
den Wolkenkratzern meiner neuen Heimat zwar nur 
bis an die Waden reichen würde, aber immerhin einen 
pompösen Eindruck machte. 
Nachdem ich eine eiserne Tür auf und hinter mir 
wieder zugemacht hatte, war ich in einem Warterrauni, 
der tatsächlich auf jemanden zu warten schien. Denn 
es war nichts Lebendiges darin. Man frühstückt wohl, 
dachte ich und setzte mich auf das vorhandene Lcdersofa. 
Schon hatte ich mich wieder in meine F.ndlrng-Gcdan- 
kcn versponnen — da geht eine mir zur Rechten ge 
legene Tür auf und schüttet einen Menschen in den 
Raum, lang, dünn, aus seinem weißen Kittel schaut 
ein fashionabler Anzug heraus, der Mann rollt große 
Augcnbälle, dreht mir beinahe den obersten Knopf von 
meinem Paletot ab und, nachdem er mir noch einen 
fühlbaren Klaps seiner knochigen Hand auf meine 
Schulter appliziert, kommt endlich aus seine u Munde 
im unverfälschten ungarischen Dialekt die Bgrüßuug: 
„Hat! Verflucht! HerrHier stehän Sie, und drinn 
brauchen wir Sie wie Solz. Rösch, rosch, keine Zeit 
verlorren und hiencin in Atelier! Fraulein Iulischka 
ist schon kronk vor Worten!" 
Mir taumelten die Gedanken. Was ist? Habe 
ich es mit einem Irrsinnigen zu tun? Doch ich kom 
biniere richtig: Der Kerl verwechselt mich mit einem 
Darsteller, den er erwartet hat, und der ihn wahrschein 
lich sitzen ließ. Also schnell aus der Situation cnie 
Tugend gemacht! Wer weiß, was für Aebcer shungen 
solch ein Zufall bringt! Und geflissentlich ließ ich mich 
von dem aufgeregten Magyaren in das helle, große 
Atelier führen, las Allerheiligste des Filmstreifen. 
aus Tokio gemeldet wird, einen Herzschlag erlitten. Er liegt 
im Sterben. 
Konstantinopel. Das Preßbüro veröffentlicht eine 
Aufforderung des Militärgouverneurs von Konstantinopel, 
durch die alle Ossiziere des 9. Armeekorps in Thrazien er 
sucht werden, sofort auf ihre Posten zurückzukehren. 
Die vienltbolenkrankenkasfe. 
Am 1. Januar 1014 tritt bekanntlich die Kranken 
versicherungspflicht auch für die Dienstboten in Kraft. 
Bisher hatte nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Dienst 
geber bei Erkrankung seines Dienstboten diesem Verpflegung 
sowie ärztliche Behandlung bis zur Dauer von sechs Wochen, 
jedoch nicht über die Beendigung des Dienstverhältnisses 
hinaus, gewähren müssen. Gegen diese Verpflichtung ver 
sicherten sich die Herrschaften in Großberlin vielfach beim 
Abonnementsverein für Dienstherrschaften gegen einen jähr 
lichen Beitrag von 9 M. Sie mußten dafür aber die Ver 
pflichtung übernehmen, bei Erkrankung ihres Dienstboten 
diesem sofort zu kündigen. 
Mit dem 1. Januar k. Js. hört nun diese freiwillige 
Rückversicherung auf. Die Dienstboten müssen sämtlich bei 
einer öffentlichen Kasse angemeldet werden und der Kassen 
vorstand allein hat das Recht, eine Dienstherrschaft von der 
Versicherungspflicht zu befreien, sobald er deren Leistungs 
fähigkeit anerkennen kann. Die Weiterversicherung beim 
Abonnementsverein gilt also nicht ohne weiteres für die 
Leistungsfähigkeit der Dienstherrschaft und deren Befreiung 
von der Versicherungspflicht. Daher ist die Beibehaltung 
der Mitgliedschaft beim Abonnementsverein allgemein nicht 
zu empfehlen, besonders aber ist dieser zu entraten für die 
Dienstherrschaften in Friedenau. 
Denn in Friedenau wird mit dem 1. Januar k. Js. 
eine Land kraukenkasse eröffnet, die Bürgermeister Wal ger 
zutreffend als Dienstbotenkrankenkasse bezeichnete. 
Außer Friedenau wird von den Großberliner Gemeinden 
nur noch Wilmersdorf eine derartige Landkrankenkasse besitzen. 
Und es zeigt sich schon jetzt, daß die Gemeinden mit Land» 
krankenkaffen erheblich günstiger fahren und ihren Ein 
wohnern die Versicherung billiger gestalten werden, als es 
die Allgemeinen Ortskrankenkassen der anderen Berliner 
Gemeinden werden tun können. Denn die Dienstboten 
stellen wesentlich günstigere Risiken gegenüber den gewerb 
lichen Arbeitern dar. Mithin können die Beiträge bei der 
Landkrankenkasse erheblich geringer bemessen werden. Nach 
dem jüngsten Beschlusse unserer Gemeindevertretung über die 
Satzungen der Landkrankenkasse werden für Dienstboten in 
der II. Klasse (bis zum Monatslohn von 26,80 M.) rund 
25 M., für Dienstboten in der III. Klasse rund 37 M. 
Mein erster Blick siel auf die vielen, zu einzelnen 
Zimmern geordneten Kulissen und die dazugehörigen 
Möbelstücke und blieb wie gebannt an einer jungen, 
schlanlen Gestalt haften, an einem hellblonden Buben- 
lopf, an einem Paar blauer klugen. Himmel, das ist 
sie! 'Das i)t der „Findli n g", stürmte es durch 
meinen Kopf. Doch da puffte mich der liebenswerte 
ungarische Do.lblütlcr schon wilder und bedeutete mir, 
den Paletot auszuziehen. Wie unter einer Suggestion 
tat ich alles, was er von mir verlangte. 
„Also uffgepoßt!" ging es wieder durch den Raum. 
„Hier, wo ich nwchc Strich, ist aißcrste Gränze. Stel 
len Sie ein!" 
Die letzten Worte galten dem Operateur, dem 
„Mann der Kurbel", von dem in technischer Hinsicht 
des ganzen Filmes Heil abhängt. 
Nun erklärte der ungarische Regirmeistcr blitz 
schnell was zu machen wäre. Es handle sich um den 
Schluß eines Films, um die Verlobung, ich entsinne 
mich wohl noch — 
Kurz, ich sage dir, ich spielte, ein Kainz des Kien 
topps, ein Moissi der Zellulose! Du ahnst nicht, was 
in mir für Talente schlummern. Ich streichelte die 
weichen Hände meiner Partnerin, ich küßte ihre weiße 
Haut, ich umfing ihre schlanken Hüften, ich genoß 
den feinen Duft ihres Blondhaares und — als ich 
sie ans Kommando des magyarischen Regisseurs, der 
„Kuß! Küssen!" in den Raum brüllte, wirklich küßte, 
da versank alles um mich, und ich ließ nicht wieder 
locker. Auch sie versuchte nicht die geringsten Anstal 
ten, sich von mir zu befreien. Der Kurbler vollends 
machte sich ein Vergnügen daraus, diesen Dauerkuß 
in die Welt des Lichtes zu retten. Nur der Regie- 
Othello riß uns schließlich auseinander, als das Rattern 
des Aufnahmeapparates längst aufgehört hatte. 
Während der Zeit, die wir nach der Aufnahme 
noch warten mußten, denn man muß doch wissen, ob 
jährlicher Beittag zu zahlen sein. Dies gegenüber dem auf 
30 M. jährlich festgesetzten Beitrage beim Abonnements- 
vecein. Dabei ist noch zu beachten, daß beim Abonnemenls- 
verein die Herrschaft den vollen Beitrag bezahlen muß, 
während bei der öffentlichen Kasse sie berechtigt ist, 2 /s des 
Betrages vom Lohn des Dienstboten in Abzug zu bringen. 
Es dürfte unsere Leser nun wohl interessieren, die 
wichtigsten Bestimmungen aus den Satzungen der 
Friedenaucr Landkrankenkasse zu erfahren. 
Der tz 2 bestimmt, daß versicherungspflichtige Per 
sonen bei der Landkrankenkasse sind: die in der Land- oder 
Forstwirtschaft Beschäftigten, die Dienstboten, die Wander- 
geiverbetreibenden und die Hausgewerbetreibenden. Es 
kommen von den Berufen, außer den Dienstboten, kaum 
100 Personen bei uns in Frage, sodaß die Landkranken 
kasse hier fast nur Dienstbotenkrankenkasse ist. Versicherungs 
frei sind nach näherer Bestimmung des Bundesrats Personen, 
die nur mit vorübergehenden Dienstleistungen beschäftigt 
sind; ferner solche Personen, die in öffentlichen Betrieben rc. 
beschäftigt werden und hier Anspruch auf Krankenhilfe usw. 
haben. Nach § 6 werden die im § 2 bezeichneten Ver 
sicherten auf Antrag des Arbeitgebers von der Ver- 
sicherungspflicht befreit; wenn sie an diesen bei Er- 
krankung Rechtsanspruch auf eine Unterstützung haben, die 
den Leistungen der Kasse gleichwertig ist. Voraus 
setzung jedoch ist, daß 1. der Arbeitgeber die volle Unter 
stützung aus eigenen Mitteln deckt; 2. seine Leistungs 
fähigkeit sicher ist, 3. er den Antrag für seine sämtlichen 
> Dienstboten stellt, soweit sie durch Vertrag zur regelmäßigen 
Arbeit für mindestens zwei Wochen verpflichtet sind. Ueber 
den Antrag auf Befreiung entscheidet der Kassen 
vorstand. Wird der Antrag abgelehnt, so entscheidet auf 
Beschwerde das Oberversicherungsamt endgültig. Was die 
Leistungsfähigkeit des Arbeitgebers anbetrifft, so hat die 
Ortskrankenkasse für Berlin diese angenommen auf ein Ein 
kommen nicht unter 4500 M. oder ein Vermögen von 
wenigstens 6000 Mark neben einem Mindesteinkommen 
von 4000 M. Es wurden diese Beträge jedoch vom 
Bürgermeister Walger als zu niedrig angesehen. Er hielt 
vielmehr die Nachweisung eines Mindesteinkommens von 
7-—8000 M. für erforderlich. Die Befreiung gilt nur für 
die Dauer des Dienstvertrages und erlischt bereits vorher,- 
wenn der Dienstgeber seine sämtlichen Befreiten zur Kasse 
anmeldet, oder wenn das Versicherungsamt von selbst oder 
auf Antrag eines Dienstboten feststellt, daß der Dienstherr 
nicht leistungsfähig ist. Soweit er die Unterstützung nicht 
gewährt, hat dann die Krankenkasse auf Antrag dem be 
freiten Gesinde die satzungsmäßigen Leistungen zu gewähren. 
Versicherungsberechtigt (freiwilliger Beitritt) sind Familien 
der Film auch scharf ist usw., erklärte ich der süßen 
Iulischka, wer ich sei, aus welchem Grunde ich eigent 
lich gekommen, und bat sie, das soeben symbolisch Voll- 
zogene, die Verlobung nämlich, in die Wirklichkeit um 
zusehen. Sie zögerte natürlich. Aber aber — errötend 
gestand sie, daß ich ihr sofort ungeheuer sympathisch 
gewesen sei, daß ich wirklich ausgezeichnet küssen könne 
und, wenn ich mir sonst nicht an ihrer Armut etwa 
einen Schreck hole, so könne man ja mal weiter darüber 
sprechen. Und so. Sie.seufzte leise. Jetzt kam gleich 
der andere Verlobungskuß, und als der Regisseur uns 
wegen „unbefugten" Küssens in Atelierstrafe nehmen 
wollte, erklärten wir, daß es ganz „befugt“ gewesen 
sei: Wir haben uns nämlich wirklich und wahrhaftig 
verlobt! Wieder rollten ungarische Augcnbälle, aber 
schließlich machte er einen krummen Rücken und gratu 
lierte uns: „Herzlich, ober ganz herzlich!" Und er 
war nicht schlecht erstaunt, als ich dann auch mein 
Inkognito lüftete, ihm meine Karte gab und ihn gleich 
zeitig einlud, so er einmal auf einer Geschäftsreise in 
das Land der unbegrenzten Möglichkeiten käme, bei 
mir vorzusprechen, wo er dann auch Gelegenheit hätte, 
seine Iulischka-Diva wiederzusehen. Siehst du," so 
schloß mein Freund, „nun habe ich meine deutsche Frau 
gefunden. Soeben komme ich vom Standesamt, wo 
ich unsere Hochzeit angemeldet habe. In drei Wochen 
ist sie. Du bist natürlich herzlichst eingeladen." 
„Mensch! Ich gratuliere!" schrie ich auf und lachte. 
,Flber so billig kommst du nicht davon —" 
Verwundert blickte er mich an. 
„Ja, frage nur. was los ist! Du geliebtes Kamel! 
Den Film: Vom Findling zur Millionärin, habe näm 
lich ich verfaßt, und nun gestatte ich mir ergebenst, 
dir die Rechnung für die wenn auch unbewußte Ver 
mittlung einer Ehe zuzusenden. Ich wohne —" (doch 
das darf ich den lieben Leserinnen nicht sagen, sonst 
wollen sie alle von mir heiratsvermittelt sein),
        
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