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Periodical volume Nr. 45, 21.02.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Beilage zn Nr. 234 des, Friedeuaaer Lokal Auzeiger 
Sonntag, den 5. Oktober 1913. 
Sitzung cler Gemeincleverlretung 
vom Donnerstag, dem 2. Oktober 1913. 
(Schluß.) 
Schöffe v. Wrochem erklärt, er möchte auch einige 
allgemeine Ausführungen machen. Ueber den Abonnenients- 
verein habe man sich sehr eingehend in früheren Sitzungen 
unterhalten. Man war sich aber damals über die Trag 
weite der gesetzlichen Bestimmungen noch nicht klar gewesen. 
Erst durch die Satzungen habe man einen weiteren Blick 
erhalten. Er müsse auch aussprechen, daß es nun keinen 
praktischen Wert mehr habe, beim Abonnements- 
uerein zu bleiben. Wenn einige geglaubt haben, der 
Abvnnementsverein würde ein Borzug sein, weil durch ihn 
die bürokratischen Schwierigkeiten fortfallen, so ist das nicht 
der Fall. Es kommen vielmehr stets die geschäftlichen 
Schwierigkeiten mit der Orts- oder Landkrankenkasse hinzu. 
Bei Antrag auf Befreiung von der Versicherungspflicht muß 
jedesmal erst die Entscheidung des Vorstandes der Kasse 
abgewartet werden. Die Schwierigkeiten sind also durch 
eine Mitgliedschaft beim Abonnementsoerein nicht gehoben, 
sie werden vielmehr erhöht. Daher erübrigt es sich auch, 
auf den Abonnementsverein weiter Rücksicht zu nehmen. 
Er möchte nun aber besonders zu den Beiträgen sprechen. 
Er wolle da zunächst einmal fragen, ob die Wilmersdorfer 
Landkrankenkasse die gleichen Leistungen gewähren wolle 
wie unsere Landkrankenkasse (Bürgermeister Walger: Ja!). 
Dann möchte er doch bitten, Friedenau in dieser Beziehung 
mit Wilmersdorf gleich zu stellen. In Wilmensdorf werden 
2V4 des Grundlohns berechnet. Es dürfte nicht ratsam sein, 
Friedenau ungünstiger als die Nahbargemeinde zu stellen. 
Er stelle daher anheim, den Satz von 3'/ 2 auf 2 3 4 zu 
ermäßigen. Bürgermeister Walger erwidert, daß zunächst 
vom Ausschuß 4 1 /, Proz. des Grundlvhnes wie bei der 
Ortskrankenkasse festgesetzt waren. Man sei jedoch im Vorstand 
dahin gelangt, 3>/ 2 Proz. vorzuschlagen. Für Wilmersdorf 
seien die Verhältnisse noch günstiger als für Friedenau, weil 
diese Kasse erheblich größer ist. Er bitte, bei den 3 1 / 2 Proz. 
zu bleiben, da bei einem Manko die Gemeinde eintreten 
müsse. G.-V. Dr. Tänzler fragt, wie es mit der Tel- 
tvwer Dienstbotenkasse sei. Bürgermeister Walger 
antwortet, daß diese künftig fortfalle. G.-V. Richter führt 
aus, daß sich seine Stellungnahme mit der der Herrn 
Bürgermeister Walger und Schössen v. Wrochem decke. 
Er könne den Dienstherrschaften ebenfalls nur empfehlen, 
kurzen Prozeß zu machen, ihre Kündigung beim Abonnements- 
verein einzureichen und der Landkrankenkasse beizutreten. 
Denn die Beibehaltung der Mitgliedschaft beim Abonnements 
verein wird keine Erleichterung, sondern eine Erschwerung 
sein, weil doch immer wieder jeder Dienstbote bei der Land 
krankenkasse gemeldet werden muß. Dann meine, er aber, 
wenn nun einmal solche öffentlichen Einrichtungen geschaffen 
werden, so sollten sie von allen benutzt werden. Hinsichtlich 
der Beiträge könne er nicht beistimmen und habe Bedenken be 
züglich der Höhe. Jin Finanzausschüsse sagte man sich, weil 
man noch keine Erfahrung in dieser Sache besitze, die Gemeinde 
aber auch keine Zuschüsse zahlen solle, andererseits man aber 
auch über die Mindestleistungen hinausgehen wollte, so wolle 
man die Beitragssätze der Ortskrankenkasse annehmen. Und 
das ist wohl auch richtig, da es im allgemeinen leichter ist, 
die Beiträge später herabzusetzen als sie hinaufzuschrauben. 
Alan möge es daher bei den vom Finanzausschuß beschlossenen 
Beitragssätzen belassen. G.-V, Ott bemerkt, er habe sich 
ebenfalls gewundert, daß man von 4'/, auf 3% Prozent 
herunter gegangen sei. Die Satzungen haben nun öffentlich 
ausgelegen. Er möchte da mal wissen, ob Einwände oder 
Verbesserungsvorschläge gemacht worden seien. Die Herab 
setzung des Beitrages habe doch seine gewisse Bedenken. 
Man müsse daran denken, die Kasse so zu finanzieren, daß 
sie aus sich selbst bestehen kann. Er möchte dann auch 
wissen, ob von ärztlicher Seite Bedenken geäußert worden 
wären. Bürgermeister Walger erwidert, daß Bedenken 
bezüglich der Satzungen von keiner Seite geäußert wurden. 
Die Fragen, die gestellt wurden, betrafen immer nur den 
Abonnenientsverein. Ueber die Stellung der Aerzte werde 
noch weiteres bei der Einzelberatung der Satzungen gesagt 
werden. Bezüglich der Beiträge sei es wohl richtig, daß 
man im Finanzausschuß sagte, man wolle vorsichtig sein. 
Mittlerweile aber habe der Vorstand weiter gerechnet und 
Vergleiche mit den Ergebnissen der Dienstbotenkrankenkasse 
des Kreises Teltow angestellt und gefunden, daß die Prozent 
sätze der Erkrankungen sehr geringe sind. Und da sei man 
zu der Ueberzeugung gekommen, daß man mit 3V 2 Prozent 
auskommen könne. Wilmersdorf will ja doch sogar mit 
2 3 / 4 Prozent auskommen. G.-V. Dr. Thurmann erwähnt, 
daß die Verwaltungskosten ja immer ziemlich dieselben 
bleiben, ob die Kasse groß oder klein ist und so sei das 
Verhältuis der Beitragsleistung zwischen Wilinersdorf und 
Friedenau wohl richtig. Bei 2% Prozent würde man hier 
ivohl mit einem Fehlbetrag herauskommen. Bürgermeister 
Walger erwähnt, daß die Aerzte sich sehr eingehend mit 
den Satzungen befaßt haben und besonders ein Herr habe 
sehr eingehende Berechnungen aufgestellt. Man habe den 
Wünschen der Aerzte im allgemeinen Rechnung getragen. 
Er habe heute Nachmittag noch einmal nüt einigen 
Aerzten verhandelt. Das nähere werde er später noch 
vortragen. G.-V. Kunow ftagt an, ob zwei Lesungen 
stattfinden, was Bürgermeister Walger bejaht. G.-V. 
Kunow erklärt, daß es ihm in der kurzen Zeit nicht möglich 
war. die ganze Sache vollständig zu durchdringen. Bürger 
meister Walger gibt zu, daß wohl nur wenige die Sache 
ganz durchdrungen haben. Es haben ja aber auch Aus- 
schußvcrhandlungen stattgefunden und er müffe da schon 
ein gewisses Vertrauen erbitten. Man habe ja auch 
nur geringe Abänderungen vom Musterstatut vorgenommen. 
G.-V. Kunow meint, daß redaktionell doch noch verschiedene 
Aenderungen erforderlich wären. Es heiße ferner, der 
Dienstbote müsse der Dienstherr Vs der Beiträge zahlen; 
das sei Theorie, in der Praxis werde der Dienstherr die 
Beiträge ganz oder höhere Löhne zahlen müssen. Bürger 
meister Walger bemerkt, er möchte entraten, den Text, wie 
er von der Regieruug aufgestellt wurde, zu ändern. Er 
habe manches ans Zmeckmäßigkeitsgründen stehen lassen, 
was vielleicht hätte anders gefaßt werden können. — 
Hierauf erfolgt Idie Beratung der einzelnen Paragraphen. 
G.-V. Dr. Tänzler fragt an, ob der Begriff „Dienstbote" 
festgelegt sei, ob darunter Kinderfräulein usw. zu verstehen 
wären. Bürgermeister Walger erklärt, daß der Begriff ge 
setzlich nicht festgelegt ist, aber aus den Entscheidungen der 
Gerichte usw. feststeht. Portiers gehören nicht zu den Dienst 
boten. G.-V. Kunow weist auf verschiedene Satzfehler hin. Es 
wird wiederholt dazwischen geredet, was sich G.-V. Kunow 
verbittet. Bürgermeister Walger bittet ebenfalls, zuzuhören, 
es sei ihm unmöglich, zu antworten, wenn ständig da 
zwischen geredet werde. G.-V. Haustein meint, man sei 
doch schließlich nicht dazu da, kleine redaktionelle Aenderungen 
hier vorzunehmen, das könne der Vorstand machen. 
Ob da ein Wort mit D oder T. geschrieben werde, möge 
der Vorstand erledigen. Bürgermeister Walger er 
widert, daß er für jede Anregung die gegeben werde, 
dankbar sei. G.-V. Kunow meint, daß, da er auch von 
anderer Seite eine ähnliche Aeußerung wie die des Herrn 
Haustein gehört habe, er ferner keine Hinweise mehr machen 
werde; er könne ja dann nach Hause gehen! — G.-V. Dr. 
Thurmann bittet, im 8 14 bestehen zu lassen, „sofern sie 
nicht einer anderen Orts- oder Landkrankenkasse angehören", 
anstatt einfach einer „Krankenkasse", da es verschiedene 
Privatkassen gibt, die auf Schwindel basieren. Dem stimmt 
G.-V. Richter zu. Es wird darauf der Wortlaut des Ge 
setzes gewählt, der auch von Knappschaftskassen usw. spricht. 
G.-V. Dr. Thurmann wünscht im § 22, daß den frei 
willig Versicherten nur Krankengeld gewährt werde. Er 
verliest eine Statistik, wonach gerade diese Versicherten die 
Krankenkassen in hohem Maße in Anspruch nehmen. Da 
außerdem das Einkommen nicht deklariert zu werden braucht, 
so kommt es vor, daß Hausgewerbetreibende, die 3000 und 
4000 M. Einkommen haben, sich der Kasse anschließen, nur 
um freie ärztliche Behandlung, Medizin usw. zu erhalten. 
Dann seien die Aerzte auch der Meinung, daß ihnen hier 
durch viele Privatpatienten entzogen würden. Bürgermeister 
Walger glaubt, daß der letztere Grund wohl der hauptsäch 
lichste für die Ablehnung der Aerzte sei und das habe ihn ver 
stimmt. Er sei aber trotzdem für die Abänderung, weil nur 
wenige Personen tatsächlich in Frage kommen. G.-V. Dr. 
Thurmann bedauert, wenn eine Schärfe in die Ver 
handlung komme, das sei nicht seine Absicht gewesen. Nicht 
allein der Aerzte wegen, sondern auch auf Grund der 
Statistik schlage er die Abänderung vor. G.-V. Richter ist 
für volle Leistung auch an die freiwillig Versicherten. 
Man müßte sonst auch die Beiträge für diese ver 
kürzen. Denn für gleiche Leistungen müßten auch 
gleiche Rechte sein. G.-V. Dr. Thurmann verwahrt 
sich gegen den Vorwurf, daß er antisozial wäre. 
Aber eine derartige Bestimmung bestehe bei keiner Kasse. 
G.-V. Dr. Tänzler ist auch dafür, daß dann die Beiträge 
für die Versicherungsberechtigten ermäßigt werden. Bürger 
meister Walger stimmt zu. Es wird beschlossen, den 
freiwillig Versicherten nur Krankengeld zu gewähren. Für 
Wöchnerinnen war eine Beihilfe für Hebamme und Arzt 
bis zu 15 M. vorgesehen. Auf Antrag des G.-V. 
Dr. Thurmann werden nach längeren Erörterungen über die 
verschiedene Art der Geburtshilfe die Worte „bis zu 
15 M." gestrichen. Gestrichen wird auch das Wort 
„Vertrauensarzt" und dafür „Arzt" gesetzt. Für Operationen 
wird festgesetzt, daß diese in den von der Kasse zu be 
stimmenden Krankenhäusern und (auf Antrag Thurmann) in 
denjenigen klinischen Anstalten, in denen die Aerzte ihre 
Kranken zu behandeln pflegen, erfolgen. Durch das letztere will 
man schnelle Ausführung von Operationen ermöglichen. Bei 
den Beiträgen werden für die freiwillig Versicherten die 
Sätze auf 2 / 3 festgesetzt. Ueber die Höhe der Beiträge selbst 
liegen drei Anträge vor: Antrag Richter: 4 l / 2 Proz., Antrag 
des Gemeindevorstandes: 3 1 / 2 Prozent und Antrag v. Wrochem: 
2% Prozent wie in Wilmersdorf. Der Antrag Richter 
wird abgelehnt, der Antrag des Gemeindevorstandes mit 
großer Mehrheit angenommen. Damit fällt der Antrag 
v. Wrochem. Die Beiträge sind somit auf 3 / 2 Prozent des 
Grundlohnes festgesetzt, was einem jährlichen Beitrage von 
24,96 M. in der II. Klasse (bis 28,20 M. Monatslohn) 
und 37,44 M. in der III. Klasse entspricht. Es wird dann 
noch erörtert, wie man sich die Einziehung der Beiträge 
denkt, worüber aber noch keine Klarheit geschaffen werden kann. 
Die Satzungen sind dann in erster Lesung beschlossen. 
Bürgermeister Walger beantragt, die 2. Lesung sofort vor 
zunehmen, da die Zeit drängt, um die Satzungen noch zur 
Genehmigung einzureichen. Die Vertretung ist mit der 
sofortigen zweiten Lesung einverstanden. Es wird 6n bloc- 
Annahme beantragt. G.-V. Kunow widerspricht jedoch, 
worauf Bürgermeister Walger die einzelnen Paragraphen 
schnell hintereinander aufruft. Das Wort wird in zweiter 
Lesung nicht begehrt. Die Satzungen sind dann auch in 
zweiter Lesung genehmigt. 
Es tritt nun eine kurze Pause ein. Nach dieser be 
richtet Bürgermeister Walger, daß im Anschluß an den 
intemationalen Tuberkulosekongreß in Berlin eine Informations 
reise vom 15. Oktober ab stattfindet, die in München beginnt 
und über Nürnberg,Heidelberg. Baden-Baden, Frankfurt a. M., 
Gießen nach Berlin führt. Es empfiehlt sich, den Fürsorge 
arzt, Herrn Dr. Heinecker, an dieser Reise teilnehmen zu 
lassen. Er stelle die Beschlußfassung anheim. G.-V. 
Dr. H ein ecke r gibt noch nähere Auskunft über den Zweck 
der Reise. G.-V. Richter beantragt, die 350 M. Reise 
kosten zu bewilligen. Es wird so beschlossen. 
Die Teilung der IIIII des Realgymnasiums im 
lateinischen Unterricht wird genehmigt. Eine neue Lehrer 
stelle ist dafür nicht erforderlich. 
Genehmigt wird auch die Errichtung einer neuen 
Lehrerstelle an der 1. Gemeindeschule zu Michaelis d. Js. 
Zum Armenpfleger wird an Stelle des Lehrers Schmidt, 
der sein Amt niedergelegt hat, Kaufmann Palka gewählt. 
Betr. die Bewilligung von Mitteln für die Grund 
steinlegung des Rathauses bittet Baurat Altmann 
namens des Rathausbauausschusses 800 M. zu bewilligen. 
Auf Ersuchen des G.-V. Kunow gibt Baurat Altmann 
noch die Kosten im Einzelnen an. G.-V. Richter hält den 
Betrag für recht erheblich, wo es sich doch nur um eine 
kleine Feier handeln soll. G.-V. Kunow meint, daß der 
Betrag von 50 M., der in die Kupferbüchse getan werden 
soll, etwas hoch sei. Man brauche doch nur einige Kupfer 
münzen hineinzutun. Baurat Altmann meint, wenn man 
eine Feier veranstalte, müsse es auch eine würdige Feier sein, 
sonst sollte man lieber auf eine Feier ganz verzichten. Eine 
Feier ohne festlichen Rahmen veranstaltet man nicht 
gerade an dem Tage und in Friedenau. Die 
Münzen, die in die Büchse getan werden sollen, haben doch 
wohl den Zweck, sie späteren Geschlechtern mit zu über 
liefern. Man werde daher auch einige Jubiläumsmünzen 
mit hineintun. Die Mehrkosten von 140 M. für ein Zelt 
beantragt der Rathausbauausschuß nicht, da er der Ansicht 
ist, daß es nicht regnen werde. Es wird also eine „trockene" 
Feier sein. — Die 800 M. für die Feier der Grundstein 
legung des Rathauses werden darauf bewilligt. 
Bürgermeister Walger beantragt nun, die Herren 
Bauwart Linke und Baupolizeisekretär Wilhelm zur Bau 
fachausstellung in Leipzig zu entsenden. G.-B. Ott kann 
nicht einsehen, daß diese beiden Herren von der Baufachaus 
stellung wertvolles für die Gemeinde mitbringen können. 
Im Tiefbau sei nichts mehr zu schaffen und Herr Wilhelm 
sei doch Vürobeamter. Baurat Altmann führt aus, daß 
gerade Herrn Wilhelm als Beamten der Baupolizei Einblicke 
in die Praxis gegeben werden müßten. Dem stimmt auch 
G.-V. Haustein zu. Bürgermeister Walger und Schöffe 
Draeger halten auch die Entsendung des Herrn Linke für 
wertvoll, da auch Neuerungen in der Kanalisation und in 
der Straßenbefestigung ständig erfolgen. Die Kosten be 
tragen für beide Herren insgesamt 104,60 M., sind also 
nicht erheblich. Die Vertretung bewilligt diesen Betrag. 
Es kommen nun die Nachtragsvorlagen zur Beratung. 
Der Anlage von Blitzableitern auf sämtlichen Gebäuden des 
Friedhofes in Gütergotz wird zugestimmt. 
Ebenso wird der vom Bürgermeister vorgelesene Ver 
trag mit den Wasserwerken zur Lieferung des Wassers für 
das Friedhofsgrundstück in Gütergotz zum Preise von 8 Pf. 
für das Kubikmeter genehmigt. 
G.-V. Richter weist noch darauf hin, daß man beim 
Punkt 4, Landkrankenkasse nicht beschlossen habe, daß un 
wesentliche Abänderungen der Satzungen, die das Oberver 
sicherungsamt vorschlagen sollte, dem Gemeindevorstand 
selbständig überlassen bleiben sollen. Bürgermeister Walger 
bittet um diesen Beschluß, den er schon in seiner einleiten 
den Rede sich ausgebeten hatte. Es wird so beschlossen. 
Mit der Verlesung und Unterzeichnung des Protokolls 
wird die öffentliche Sitzung um 11 Uhr geschlossen. 
Die bunte Mocke 
Plauderei für den „Friedenauer Lokal-Anzeiger". 
Berlin, den 3. Oktober 1913. 
Visitenkarten als Wohnungsplan. — Eine reizende Neuheit. — 
Das Hauptbuch derBoarding-HouseAkt.-Gesellschaft.—Geheimnis 
volle Gründungen. — Der König von Albanien. — Glatzköpfe 
gesucht. — Das weggewehte Manuskript. 
In Berlin gibt es täglich etwas Neues. 
Einmal sind es Tango-Kleider, dann ist es ein Riesenkonkurs. 
Heute ist es die Eröffnung einer Ausstellung von oder für irgend 
wen oder was; gestern war es ein literarischer Tee mit vielen 
abenteuerlichen Frisuren und ekelhaften „Eigenkleidern". 
Jetzt ist es eine Neuheit, die man loben muß. Sie liegt auf 
dem gewiß harmlosen Gebiet der Visitenkarten. 
Tie Besuchskarten von gestern enthielten außer dem Namen 
auch Stand und Titel des Besitzers. Die ganz Ehrgeizigen fügten 
wohl noch Orden und andere goldene Reize hinzu, wahrend Vor 
strafen, Ehescheidungen und anderer. Komfort der Neuzeit fehlten. 
Eine Visitenkarte der Zukunft enthält neben dem Namen nur 
noch die Wohnung und vor allem die Aufzählung der Verkehrs 
möglichkeiten für den Fall eines Gegenbesuches. 
Eine vor mir liegende Karte zeigt diese praktische Neuerung 
in folgender Form: 
vr. A. II . . . . 
Bcrlin-Wilm«rsdorf, Tübingerstr. 8 
(beim Kaiserplatz). 
Am Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau 
Strassenbahnlinien: 66, 69, F, J, 0, 69, W. 
Das ist für die Großstadt eine erfreuliche Erfindung. Denn 
wer sich ohne Plan und Ortskenntnis hier ein einziges Mal „zu 
rechtgefragt" hat, fühlt das dringende Bedürfnis, mit eigener Er 
kenntnis sein Ziel aufzusuchen. Denn meistens bekommt man in 
Berlin miteincm.Mein-armer-lieber-Mann-Sie-sind-wohl- 
aus-Kötzschenbroda-Lächeln" die erbetene Auskunft, und dann 
ist das steinerne Meer der Riesenstadt so verworren und schwer 
ergründbar wie das Hauptbuch der Boarding-House Akt.-> 
Gesellschaft. 
Die Leser werden sich erinnern, daß ich bei der Gründung 
dieses pompös aufgeschirrten Unternehmens am Kurfürstendamm 
eine respektvolle und wehmütige Millionen-Pleite vorausgesagt habe. 
Aber man glaubte es nicht. Die Trojaner glaubten ja auch nicht 
an die Weissagungen des ehrbaren Göttermadchens Kaflandra, da« 
mit beredten Worten vor dem hölzernen Pferd gewarnt hatte. DaS 
hölzerne Pferd aber war ein Waisenknabe gegen den Riesenbluff 
des „Boarding-House", wenn man so sagen darf. Elf Millionen 
i n d vertan; die gutgläubigen Baumeister und Lieferanten protzen- 
hafter Inneneinrichtungen ringen heftig die Hände, und nur die 
Gründer freuen sich des Lebens, weil noch daS Lämpchen glüht. 
Der Konkursverwalter hat die „Bücher" geprüft und Ueber- 
raschungen dabei erlebt, die ihm sicher üble Laune und schlechte 
Verdauung beschwerten. Das Kaffabuch des glorreichen Hotels, 
das doch immerhin zwei Jahre zum Sterben gebrauchte, enthielt 
nur einen einzigen Posten. Der Verwalter weint seinen 
Schmerz darüber in folgenden Worten aus: 
Es ist nur der Eingang von 25 pCt. des Aktienkapitals 
mitsamt 2 pCt. Gründungsspesen und 3 vCt. Stempel einge 
tragen, insgesamt 600 000 M. Dafür, daß die Einzahlung dieser
        
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