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Periodical volume Nr. 229, 29.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

(Kviederrarree 
Unparieiische Zeitung für kommunale und bürgerliche 
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"Jeden küittrvocb: 
Milzblatt »»Seifenblasen". 
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Organ für dm Kriedmauer Ortsteil w# Zchönebmg und 
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Jecken Sonntag: 
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Druck und Verlag von Leo Schultz, Friedenau. 
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Ar. 229. 
Aerlin-Iriedenau, Montag, den 29. September 1913. 20. Zayrg. 
Depelcben 
Letzte Nackrickten 
Berlin. In der Nacht zum heutigen Montag ist der 
bekannte Berliner Universilätsrichter Geh. Regierungsrat 
Prof. Dr. Daude, im Alter von 02 Jahren gestorben. 
Berlin. Aus einem Fenster des Hauses Dahlmann 
straße 12 stürzte sich heute Vormittag die Prioatiere Hvrivitz 
auf das Straßenpflaster; sie ivar sofort tot. 
Di eben Hofen. Gestern nachmittag gab der Leutnant 
Tiegs vom hiesigen Fußartillerieregiment Nr. 10 in seiner 
Wohnung auf den Fahnenjunker Förster vom selben Regiment 
drei Schüsse ab. die diesen schwer verletzten. Tiegs ver 
suchte dann, sich selbst zu erschießen, wurde aber von Nach 
kam daran verhindert und verhaftet. Der Beweggrund der 
Tat ist nicht bekannt. 
Diedenhofen. Der Fahnenjunker Foerster ist gestern 
abend seinen Verletzungen erlegen. Leutnant Tiegs ist im 
Automobil nach Metz in das Militärgefängnis gebracht morden. 
Dresden. Gestern Nachmittag wurde in Herrns- 
kretschen in der Sächsischen Schweiz ein Raubüberfall verübt. 
Ein junger Mann gab auf den Kassierer des Hotels „Zur 
Edmundsklamm" fünf Revolverschüsse ab und verwundete 
ihn lebensgefährlich. Der Räuber entnahm der Kasse über 
500 M. und flüchtete damit, doch der Gendarmerie gelang 
es bald, den frechen Burschen beim Prebischtor zu ermitteln, 
als er gerade gemütlich beim Kaffee saß. Er ist ein 25 Jahre 
alter Uhrmacher aus Merseburg, namens Sonntag. 
Petersburg. Nach Blättermeldnngen ist der Kriegs- 
dampfer „General Bobrykow" an der Küste Finnlands, 
00 Kilometer von Willmanstrand, auf ein Riff aufgelaufen 
und hat ein großes Leck bekommen. An Bord waren der 
Stabschef des Petersburger Militärbezirks Generalmajor 
Gulewitsch, der Brigadekonimandeur der finnischen Schützen 
General Nosbek, der Stabschef der Festung Wiborg und 
noch ein Offizier. Der Dampfer sank schnell. Ein Privat- 
dampfer brachte rechtzeitig Hille und nahm die Passagiere 
auf. General Nvsbeck war vor Ankunft des Prioatdampfers 
ins Wasser gesprungen und hat das Ufer schwimmend erreicht. 
Neuyork. Frau Rebekka Parker-Gay, eine Führerin 
der Gesundbeter in den westlichen Staaten der Union, ist 
in ihren Büroräumen Los Angeles ermordet worden. Die Leiche 
wurdeamBoden liegend mitzertrümmertemSchädel aufgefunden. 
Neuyork. In Fayette bei Jefferson (Mississippi) sind 
vier Weiße und neun Schwarze von zwei Negern erschossen 
worden. Sechs Personen wurden verwundet. Die beiden 
Neger sollen die Untat aus Aerger über Verluste im Hasard 
spiel begangen haben. Die Neger wurden eingefangen und 
gelyncht und ihreLeichen am Bahnhof aufgehängt. Truppen sind 
nach Fayette abgegangen, um weitere Ruhestörungen zu verhüten. 
Ueber die Kran ken kalten- 
verticherung der Dienstboten in 
tfriedenau 
herrscht hier noch immer die größte Unklarheit, wie zahl 
reiche Zuschriften an uns beweisen. 
Zuin 1. Januar 1914 werden die Dienstboten ebenso 
krankenkassenversicherungspflichtig wie das gewerbliche Arbeiter 
personal. Wo Landkrankenkassen errichtet sind, werden die 
Dienstboten Mitglieder dieser Kassen. In Berlin, Char 
lottenburg, Schöneberg und anderen Orten ohne Land 
krankenkassen sind die Allgemeinen Ortskrankenkassen für die 
Dienstboten zuständig. Die Herrschaften haben als Arbeit 
geber die Dienstboten bei der zuständigen Kasse anzumelden 
und die Beiträge monatsweise zu entrichten. Sie haben 
das Recht, vom Lohn zwei Drittel der Beiträge abzuziehen 
und sind weiter berechtigt, das Krankengeld gegen den für 
die Dauer der Krankheit gezahlten Lohn aufzurechnen. Bei 
der zuständigen Kasse kann die Dienstherrschaft einen Antrag 
auf Befreiung der Dienstboten von der Versicherungspflicht 
stellen, sofern sie selbst die für die Krankenkassen vorge 
schriebenen Unterstützungen im Krankheitsfälle gewährt und 
hierfür eine ausreichende Leistungsfähigkeit nachweist. Für 
solche leistungsfähige Dienstherrschaften in Berlin und Vor 
orten will der bisher schon bestehende Abonnementsverein 
gegen einen Jahresbeitrag von 30 M. die Versicherung 
übernehmen. 
Der Vertrag mit dem Abonnementsverein ist aber nur 
ein Privatvertrag zwischen letzterem und der Dienstherrschaft. 
Für Erfüllung der reichsgesetzlich festgelegten Pflichten der 
Arbeitgeber haften allemal die letzteren, die sich eventuell 
wiederum nur im Privatklagewege gegen den Abonnements 
verein schadlos halten können. Da die in Friedenau 
beschlossene Landkrankenkasse — wie wir wohl mit Recht 
annehmen — denselben Prämiensatz wie die Wilmersdorfer 
Landkrankenkasse (25 M. pro Jahr und Dienstbote) erheben 
wird, ist es unzweifelhaft am besten, wenn die hier be 
schäftigten Dienstboten bei der Friedenauer Landkrankenkasse 
versichert werden. Für die Versicherungspflichten, d. h. für 
die Dienstherrschaften ist dann jedes Risiko ausgeschlossen. 
Es ist noch wenig bekannt, daß 2 / 3 der Prämie den 
Dienstboten, wenn sie bei der Orts- oder Landkrankenkasse 
versichert sind, vom Lohn in Abzug gebracht werden dürfen. 
Als Mitglied des Abonnementsvereins ist ein Abzug bei der 
Lohnzahlung nicht zulässig. 
Es ist nicht richtig, daß, wie neulich in einem Berliner 
Zeitungsartikel behauptet wurde, das Fortbestehen des 
Abonnementsvereins von Dienstherrschaften gesichert ist, weil 
die Generalversammlung vom 22. d. Mts. die neuen 
Satzungen angenommen hat. Es ist vielmehr das Weiter 
bestehen in Frage gestellt: 1. weil in der General 
versammlung sich höchstens 1500 Mitglieder, die in 
der Versammlung anwesend waren, für die Annahme 
der . neuen Satzungen erklärt haben, während der 
Verein etwa 78 000 Mitglieder zählt, deren Absicht noch 
unbekannt ist; 2. weil alle Mitglieder, deren Einkommen 
nicht mindestens 4500 SD!, beträgt oder die nicht ein Ein 
kommen von mindestens 4000 M. und ein Verinögen von 
Mindens 0000 M. nachweisen können, ihre Befreiung von 
der Versicherung bei der Ortskrankenkasse nicht erwirken und 
soniit dem Abonnementsverein nicht angehören können; 
3. weil alle Mitglieder, die in den Vororten, zu denen 
Eharlottenburg, Friedenau, Wilmersdorf usw. wohnen, sich 
bei diesen Landkrankenkasseu billiger versichern können als bei 
dem Verein; 4. weil alle diejenigen Mitglieder ihren Aus 
tritt aus dem Verein erklären werden, die beabsichtigen, 
ihren Dienstboten den Anteil von dem Versicherungsbetrag, 
der von den Dienstboten zu tragen ist, vom Lohn abzu 
ziehen und nur den Anteil an der Versicherung bezahlen 
wollen, zu dem sie gesetzlich verpflichtet sind. 
Sehr viele Fragen müssen bei der Entscheidung über 
einen Befreiungsantrag bezüglich Einkommens- und Ver 
mögensverhältnisse erörtert werden, und es ist anzunehmen, 
daß die Vorstände der Orts- und Landkrankenkassen, die 
iiber den Antrag in erster Instanz — in zweiter Instanz 
entscheidet das Versicherungsamt, in dritter das Oberver 
sicherungsamt — zu befinden haben, hierbei sehr vorsichtig 
sein werden. Irrtümlich ist auch die Ansicht, daß die 
Dienstherrschaften bei der Zugehörigkeit zur Landkrankenkasse 
größere Unbequemlichkeiten als bei der Zugehörigkeit zn 
einem privaten Versicherungsverein mit in den Kauf nehmen 
müssen. Das Gegenteil ist der Fall Sämtliche Dienst 
boten müssen zunächst bei der zuständigen Krankenkasse ge 
meldet werden und sind bis zur Entscheidung über diesen 
Antrag Pflichtmitglieder der Kasse. Die Befreiung gilt 
immer übrigens nur für den betreffenden Dienstboten; so 
bald der Dienstbote wechselt, müssen sämtliche Formali 
täten — Anmeldung bei der Krankenkasse, Befreiungsantrag. 
Offenbarung der Einkommen- und Vermögensverhältnisse 
usw. — wiederholt werden. Die Erklärung dafür, daß die 
Beiträge bei der Landkrankasse niedriger sind als bei jeder 
Privatoersicherung, liegt darin, daß die Landkrankenkasse 
als öffentliche Einrichtung auf rein gemeinnütziger Grund- 
lage ohne Absicht auf Gewinnerzielung errichtet ist. E. F. 
Lokales 
(Nachdruck unserer o-Originalartikcl nur mit Quellenangabe gestattet.) 
o In letzter Stunde seien diejenigen Leser, die uns 
bisher ihre Adresse noch nicht mitgeteilt haben, daran 
erinnert, daß vom 1. Oktober ab der „Friedenauer Lokal- 
Anzeiger" nicht mehr durch den Zeitungsspediteur Fleischmann 
bestellt wird, sondern durch unsere eigenen Boten ins Haus 
gesandt wird. Da die Abonnentenliste, die nur der Spediteur 
bisher besaß, uns von diesem nicht zur Verfügung gestellt 
wurde, müssen wir die Adressen unserer Abonnenten auf 
andere Weise zu erfahren suchen. Wir haben der heutigen 
Auflage unseres Blattes abermals Bestellpostkarten 
beigelegt und bitten diejenigen Leser, die uns bisher ihre 
Adresse noch nicht mitgeteilt haben, dies nun sofort zu 
tun. Nur wer uns seine Adresse mitteilt, erhält auch 
am Mittwoch unsere Zeitung weiter zugestellt. 
o Kreistagssitznng. Die Mitglieder des Kreistages 
sind zu einer Kreistagssitzuyg auf Sonnabend, 11. Oktober 
1913, Nachmittags 2'/, Uhr, eingeladen worden. 
o Die neue Linie 84 ist gestern von der Großen 
Berliner Straßenbahn eröffnet worden. Wie schon berichtet, 
geht die Linie 84 von der Pappelallce durch die Kastanien 
allee, die Rosenthaler Straße am Hackeschen Markt vorüber, 
die Spandauer-, König-, Französische-, Charlotten- bis zur 
Ecke der Kochstraße, durch die Friedrichstrabe, am Halleschen 
Tor vorüber, die Belle-Alliance-, Pork-, Göben-, Pallas-, 
palriLierbiut. 
Roman von Reinhold Ortmonn. 
31, (Nachdruck verboten.. 
Fa. mein Siiimncl, wann r.cr.ii — laiuiii r 
wähnte am heutigen Morgen diese Absicht nicht »nt einem 
ei'^i^Danials hatten wir uns auch noch nicht ausgesprochen. 
Aber" du darfst mir glauben, daß es sich um feste und un 
abänderliche Entschlüsse handelt." .. seitfert 
So hatte ich mich in der Deutung deines letzten 
Briefes also doch nicht getäuscht? Dieser Mensch hat mcht 
aebalte» war er dir versprochen? Er hat sich al-» ein Un 
würdiger erwiesen? Statt dir eine» Himmel auf Erden 
zu bereiten, hat er dich unglücklich gemacht — der Elende 
- ^Beschwichtigend legte die junge Frau ihre kleine, kühle 
Kaiid aui die Lippen des leidenfchajtlich Aufgeregten. 
^ Nicht ko Henry! Nicht so! Wenn wir nicht gefunden 
■ nicht 
Vft? S[ ~ SÄ ÄÄ 
und in stineni Hause bliebe. Rach dem. was zwischen .hm 
und mir gesprochen worden ist, gibt es keine Möglichkeit 
eines Selbstbetruges mehr — für ihn so wenig als für 
mich. Wir müßten jeden Schein eines liebevollen, ehe 
lichen Einvernehmens als häßliche, unwürdige Lüge emp 
finden. Und ich bin Hubert viel zu dankbar für alles 
Gute, das ich von ihm empfangen, als daß ich ihm die 
Erniedrigung solcher Lüge zumuten könnte — auch wenn 
ich selber mich stark genug fühlte, sie auf mich zu nehmen." 
„Mein Himmel l Und von alledem ahnte ich nichts. 
Ich hielt dich für die Glücklichste aller jungen Frauen — 
bis zu deinem letzten Briefe. — Und was soll nun ge 
schehen ? Ihr wollt euch scheiden lassen?" 
„Ich bin entschlossen, mich in dieser Hinsicht ganz dem 
Willen Huberts zu fügen. Für mich handelt es sich nur 
um die Lösung eines innerlichen Landes. Die äußere Form 
bedeutet mir nichts." 
„Du könntest es also geschehen lassen, daß er auch 
weiter für dich sorgt, obwohl du körperlich und seelisch keine 
Gemeinschaft mehr mit ihm hast ?" 
„Kannst du mich solcher Erbärmlichkeit im Ernst für 
fähig halten, Henry ? Es ist selbstverständlich, daß ich nichts 
von ihm annehmen werde, nicht einen Pfennig Geld und 
nicht einen Bissen Brot. Aber ich hatte bis zu diesem 
Augenblick gehofft, daß ich darum noch nicht hilflos und 
verlassen sein würde. Habe ich denn nicht einen Bruder? 
Und war es vermessen, zu erwarten, daß er in seinem 
Hause ein Winkelchen für mich bereit haben würde?" 
Aufstöhnend barg Henry Frederiksen das Gesicht in 
den Händen. 
„An mir dachtest du eine Stütze zu finden? — An 
mir? O meine arme, arme Helga!" 
„Was kann dich daran erschrecken? Und weshalb be- 
haft, die dich vielleicht in weit entlegene Gegenden führen 
wird? Nun wohl, warum soll ich dich nicht auf dieser 
Reise begleiten? Warum soll ich nicht teilnehmen an 
deiner Arbeit, oder — wenn es fein muß — an deinen 
Kämpfen und Sorgen? Glaubst du, daß es mir an dem 
nötigen Verständnis fehlen wird, mir, der Tochter eines 
alten Kaufmannsgeschlechts? Oder zweifelst du an der 
Stärke meiner schwesterlichen Liebe? Es wäre ein schlechter 
Lohn für das felsenfeste, unerschütterliche Vettrauen, das 
ich bis zu dieser Stunde in deine Bruderliebe gesetzt habe " 
Der Gefragte verharrte noch immer in der Stellung, die 
sein Gesicht ihrem Blick entzog. Und vergebens harrte 
sie seiner Erwiderung. 
T n . te Don neuem zu ihm sprechen, da wandte 
Easar Frederiksen den Kopf und machte ihr ein Zeichen, 
sich in Geduld zu faffen. Und er mußte doch wohl ein 
guter Seelenkenner sein, der kühle Hamburgische Großkauf- 
mann. Denn nach Verlauf einer Zeit, die der jungen 
Frau freilich wie eine kleine Ewigkeit erschienen sein 
mochte, hob ihr Bruder plötzlich den Kopf und faßte, im 
Uebermaß der Erregung am ganzen Körper bebend, ihre 
beiden Hände. - ' 1 
»Helga, ich will dich etwas fragen! Aber du mußt 
r%r? n l^ e "' ich zur rechten Zeit in deinen Augen 
de» Abscheu und die Verachtung lesen kann, die deine Lippen 
nfir vielleicht großmütig verhehlen wollen. Wenn ich nun 
wirklich oiese hundertundachtzigtausend Mark zurücknähme? 
Wenn ich es nun wirklich täte?" 
r- E"'.uffk,udlich liebenswürdiges Lächeln glitt wie ein 
Gesicht" ^h Ul ei “ en 3)ionient über ihr schönes, ernstes 
„Aber das ist es ja, du törichter Mensch, was ich seit
        
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