Path:
Periodical volume Nr. 228, 28.09.1913

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 20.1913

Schlachtenlenker, Odin, verschmolz mit dem in glänzender 
Rüstung gehüllten himmlischen Drachentöter, der die Scharen 
der Engel gegen den Teufel und seine Heere führte. Auf 
diesen Erzengel Michael, auf den Züge Odins übertragen 
worden sind, ist der „deutsche Michel" zurückzuführen. Die 
christlichen Priester taten alles, um das strahlende Bild des 
streitbaren Erzengels recht fest der Vorstellung des Volkes 
einzuprägen. Der Name Michel gewann bald große Ver 
breitung, und als unter Heinrich dem Vogler und sodann 
unter Otto I. Michaels Bild auf dem Reichsbanner die 
deutschen Krieg >r zu heiliger Begeisterung entflammt hatte, 
daß sie in den Schlachten bei Merseburg (933) und auf dem 
Lechfelde (955) die gefürchteten Ungarn vollständig schlugen, 
da galt Michael bei allen Völkern Europas als des deutschen 
Volkes mächtiger Schutzherr. Die Identifizierung von 
Volk und Schutzpatron und die Bezeichmmg „Deutscher 
Michel" für die deutsche Nationalität ergab sich darauf leicht. 
o Reifeprüfung. Im städtischen Helmholtz-Realgym- 
nasium im Friedenauer Ortsteil bestanden 10 von 21 
jungen Mädchen als Extraner das Abituriumexamen. Eine 
Schiilerin war von der Prüfung zurückgetreten. 
o Zur Vereinheitlichung des Fortbildungsschnl- 
wesens in Groß-Berlin. Die Bestrebungen der Stadt 
BerliwSchöneberg zur Vereinheitlichung des Fortbildungs 
schulwesens Groß-Berlin, über die wir schon mehrfach be 
richtet haben, finden jetzt auch das Interesse und die Unter 
stützung der Gewerbetreibenden. In der dritten diesjährigen 
Sitzung der ständigen Deputation des Jnnungsausschusses 
der vereinigten Innungen zu Berlin wies Herr Obermeister 
Marcus-Schöneberg auf die Notwendigkeit eines Zusammen 
schlusses des Fortbildungsschulwesens von Groß-Berlin hin. 
Bisher haben die Berliner Handwerker-Fortbildungsschulen 
die Aufnahme von Schülern aus den Nachbargemcinden 
abgelehnt mit der Begründung, daß die Betriebe ihrer Lehr 
herrn sich nicht in Berlin befinden. Da die Nachbarge 
meinden jedoch, abgesehen von den Rücksichten auf ihre 
Finanzverhältnisse, mangels der Schülerzahl in den ein 
zelnen Branchen nicht in dex Lage seien, jede für sich den 
Fachunterricht für die verschiedenen Gewerbe auszubauen, so 
sei ein Hand in Hand gehen der Schulleitungen von Groß- 
Berlin dringend erforderlich. Er bat deshalb, nach dem 
Vorbilde des Schöncbergcr Magistrats, der sich diesbezüglich 
an den Handelsminister gewandt hat, Material zusammen 
zubringen und beim Oberbürgermeister von Berlin in dem 
Sinne vorstellig zu werden, daß auch die Lehrlinge der 
Berliner Vorort gemeinden — natürlich unter Ersetzung der 
Berlin entstehenden Kosten, die Berliner Fachschulen be 
suchen dürfen. Obermeister Jost wies in diesein Zusammen 
hange auf die Fachschule der Berliner Glaserinnung hin 
und bedauerte, das die Vororte von Berlin die Gründung 
von immer neuen kleineren Lokalinnungen begünstigten, ja 
zu solchen direkt aufforderten; derart kleine Organisationen 
seien schwach und leistungsunfähig, dienten nur der Zer 
splitterung des Gewerbes und schwächten die großen Berliner 
Innungen, die unter den heutigen Verhältnissen allein 
Existenzberechtigung hätten; die Fachschulen müßten zweck- 
inäßiger Weise der betreffenden Innung angegliedert und 
von ihr unterhalten und vermaltet werden. Allenfalls 
müsse, um wirklich ersprießliche und fruchtbare Arbeit leisten 
zu können, auch auf dem Fachfchulgebiet ein Groß-Berliner 
Zwcckverband begründet werden. 
o Dem Lagerhanse des Kreises Teltow am Teltow- 
kanal in Tempelhof stattete gestern die ungarische Studicn- 
kommission, die sich gegenwärtig in Berlin aufhält, einen 
längeren Besuch ab. Landrat v. Achenbach, RegierungSrat 
Kanaldirektor Sieoers, der Kreissyndikus Tr. Borgmann 
und Regieruitgsbaumeister Landsberg erwarteten die Herren. 
Die sachkundige Führung durch die weiten Lagerräume mit 
ihren modernen maschinellen Einrichtungen übernahm 
Direktor Sievers, der über den gesamten Betrieb dieser 
Speicherei einen instruktiven Dortrag hielt. Nach der Be 
sichtigung wurde das mit der ungarischen Flagge geschmückte 
Motorschiff „Neukölln" bestiegen und eine Fahrt in das 
Industriegebiet am Tcltowkanal unternommen, die das leb 
hafteste Interesse der ungarischen Gäste fand. 
o Gesellschaft zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. 
Die wirtschaftskritischen Zeiten haben das Problem der Be 
kämpfung der Arbeitslosigkeit wieder stark in den Vorder 
grund gerückt. Um die auf diesem Gebiet in Deutschland 
vorhandenen Ansätze, Versuche und Bestrebrmgen zu beleben 
und zusammenfassend zu organisieren, wurde am 27. Mai 
1911 zu Berlin unter dem Namen: „Gesellschaft zur Bc- 
unter säum bezwungenem Schluchzen. „Mein gUiebies 
Schwesterchen!" 
Der Konsul kehrte ihnen den Rücken. Er war an 
das Fenster getreten und starrte i» das verschneite Straßen 
bild hinein, wie wenn er keinen Teil mehr haben wollte 
an dem, was nun weiter in diesem Zimmer geschah. Und es 
war, als hätten die beiden anderen in der Tat seine An 
wesenheit vergessen. Eine lange Zeit verging, ohne daß 
eines von ihnen nach den aus dem tiefsten Herzen quellen 
den ersten Begrüßungsrufcn das rechte Wort gefunden 
hatte für das, was sie einander zu sagen hatten. Dann 
kam es leise und beklommen von Helgas Lippen: 
„Du hast mit Cäsar gesprochen. Und du hast von 
ihm bereits gehört, was sich ereignet hat — nicht wahr?" 
Henry Frederikien nickte.' 
„Ja, er hat mir von dem Hinscheiden der Großtante 
gesprochen. Ich bedauere es natürlich von ganzem Herzen." 
„Und das war alles, was er dir gesagt hat?" 
„Ich erinnere mich nicht, daß er inir noch etwas 
anderes von Bedeutung erzählt hätte. Was sollte denn 
sonst noch geschehen sein? Was denn sonst noch, Helga?" 
Die junge Frau zog ihn neben sich auf ein kleines 
Sofa nieder und behielt seine Hand in der ihren. 
„Wir werden nachher davon sprechen, Henry — später, 
wenn das Wichtigste abgetan ist. Denn das Wichtigste, 
das, was ich zuerst vom Herzen haben muß, ist, daß ich 
das Geld nicht nehmen will, daß ich es nicht nehmen kann, 
und daß ich dich inständig bitte, es vorläufig noch in 
deiner Verwahrung zu behalten." 
Er schüttelte den Kopf, aber er vermied es, sie an 
zusehen, während er erwiderte: 
„Diese Angelegenheit ist zwischen deinem Manne und 
mir bereits vollkommen erledigt, lte.be Helga! Ich würde 
kämpsung der Arbeitslosigkeit" die deutsche Abteilung der 
Internationalen Vereinigung zur Bekämpfung der Arbeits 
losigkeit" begründet. (Geschäftsstelle am Köllnischen Park 3, 
Berlin 80 16). Aufgabe der Gesellschaft soll vor allem sein, 
Kenntnisse über das Problem der Arbeitslosigkeit zu gewinnen 
und alle Mittel und Wege zur Bekämpfung derselben klar 
zustellen. Die Gesellschaft steht durchaus nicht auf dem 
Boden irgend eines Systems, sie will vielmehr der Arbeits 
losigkeit an sich entgegenwirken, sie mildern und soweit 
möglich, beseitigen helfen. Zu diesem Zweck sammelt die 
Gesellschaft einmal alles Material, das sich irgendwie mit 
ihrem Zweck berührt. Neben einer vollständigen Bibliothek 
soll besonders ihr Archiv so ausgestaltet werden, daß hier 
möglichst alles enthalten ist, was von öffentlichen und 
privaten Körperschaften und Untemehmungen zur Ein- 
däminung und Milderung der Arbeitslosigkeit bisher unter 
nommen wurde. Damit dürfte erreicht werden, daß 
Gemeinden und andere Korporationen oder Vereine und 
Privatpersonen, die auf dem Gebiete der Bekämpfung der 
Arbeitslosigkeit Schritte unternehmen wollen, nicht mehr wie 
bisher genötigt sein werden. Materialien und Unterlagen 
selbst mühsam zu beschaffen, sondern dieselben können ihnen 
durch die Gesellschaft vollständig zur Verfügung gestellt 
werden. Weiterhin wird die Gesellschaft natürlich versuchen, 
Anregungen zur Einführung derartiger Maßnahmen zu 
geben und auf Wunsch, soweit möglich, bei ihrer Durch 
führung behilflich zu sein. Von ihren Schriften sind bisher 
zwei Hefte erschienen, und zwar: Heft 1: Die Vergebung 
der öffentlichen Arbeiten in Deutschland im Kampf gegen 
die Arbeitslosigkeit. Heft 2: Der gegenwärtige Stand der 
Arbeitslosenversicherung und -sürsorge in Deutschland. 
o Der Fahrplan der Wilmersdorfer Untergrund 
bahn. Nach der am 12. Oktober stattfindenden Eröffnung 
der neuen Wilmersdorfer Untergrundbahn treten auf den 
Strecken Willenbergplatz—Thielplatz bezw: Uhlandstraße 
folgende Fahrpläne in Kraft. Die Zugfolge wird auf der 
Strecke Fehrbellinerplatz—Spittelmarkt— Nordring Werktags 
von 0.30 bis 8.30 abends alle 2'/^ bis 5 Minuten, vor 
und nach dieser Zeit alle 5—10 Minuten sein. Sonn- und 
Festtags fahren die Züge bis 8.50 alle 10 Minuten, dann 
alle 5 Minuten. Der erste Zug geht ab Fehrbellinerplatz 
5.13 früh, der letzte 1.03 nachts, beide jedoch nur bis 
Spittelmarkt. Der erste Zug vom Spittelmarkt nach Fehr 
bellinerplatz geht 5.31, der letzte 1.11 nachts. Auf der 
Strecke Fehrbelliner Platz bis Breitenbachplatz—Thielplatz 
geht der erste Zug 5.52 früh ab Fehrbelliner Platz, die 
letzten Züge 12.52 und 1.32 nachts, letzterer nur bis 
Breitenbachplatz. Der erste Zug ab Brcitenbackiplatz nach 
Fehrbelliner Platz fährt 6.00, ab Thiclplatz 6,30, der letzte 
ab Thielplatz 12.50 nachts. Auf der Strecke Wittenberg 
platz—Uhlandstraße fährt der erste Zug in der Richtung 
Uhlandstraße 5.34, umgekehrte Richtung 5.37 Uhr, die 
letzten Züge 1,29 beziv. 1.07 nachts. Was die Fahrpreise 
anbelangt, so sind diese die auf der Hoch- und Untergrund 
bahn üblichen, nur kostet die Strecke Thielplatz bis Leipziger 
Platz auch im Tagesverkehr 2. Klasse 30 Pfg. und 3. Klasse 
20 Pfg. 
v In der Vollversammlung der Potsdamer Handels 
kammer, Sitz Berlin, vom 23. d. M. dankte Präsident 
Marggraff, der, von fast halbjähriger Krankheit genesen, 
wieder den Vorsitz führte, in bewegten Worten den Mit 
glieder» und Beamten für die Glückwünsche zu seinem 
75. Geburtstags und für die Widmung des wertvollen 
Geburtstagsgeschenks, einer künstlerischen Uhr aus der König!. 
Porzellanmanufaktur. Die Versammlung beantwortete darauf 
das bekannte Rundschreiben des Kriegsministers wegen Ein 
stellung von verabschiedeten Osfizieren in kaufmännische 
Dienststellungen dahin, daß dem Uebertritt von Offizieren, 
die auf Handelshochschulen, Handelsfachschulen u. ä. die er 
forderliche Ausbildung erlangt haben, in den kaufmännischen 
Beruf Bedenken nicht entgegenstehen. Es ist der Handels 
kammer trotz wiederholter Hinweise nicht gelungen, die am 
deutsch-ostafrikanischen Handel beteiligten Firmen des Bezirks 
für die geplante Ausstellung in Daressalam 1914 zu inter 
essieren. Die Versammlung beschloß, die Mitgliedschaft der 
deutschen Handelskammer in Genf zu erwerben. Die 
Handelskammer lehnte es ab, zu den vorliegenden Eingaben, 
die sich gegen ein Gesetz zur Regelung des Waffenhandels 
richten, Stellung zu nehmen, solange der Gesetzentwurf 
selbst noch nicht vorliegt. Die deutsche Leuchtmittelindustrie 
strebt die Aufhebung der für sie unerträglichen Leuchtmittel 
steuer an. Die Steuer wirkt besonders erschwerend ans den 
dir dankbar fein, wenn wir kein Wort mehr Darüber zu 
verlieren brauchten." 
„Mein Mann konnte das Geld nur unter dem Vor 
behalt nieiner Zustimmung annehmen. Und ich habe diese 
Zustimmung in demselben Augenblick verweigert, wo er 
mir von deiner freundlichen Absicht Mitteilung machte. 
Hier kommt es allein auf mich an und auf das, was ich 
in meinem Interesse für gut und zweckmäßig halte." 
„So muß ich dir zu meinem Bedauern erklären, daß 
ich wegen — wegen gewisser Veränderungen in meinen 
geschäftlichen Dispositionen nicht mehr in der Lage bin, 
fremdes Gelb zu verwenden oder auch nur zu verwalten. 
Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich schon in allernächster 
Zeit auf längere Zeit verreisen muß. Und du begreifst, 
daß ich —" 
„Henry I" rief sie angstvoll, während ihr Blick wie 
hilfesuchend zu dem noch immer unbeweglichen Konsul hin- 
überirrte. „Was für eine Reise ist das? Wodurch ist sie 
notwendig geworden? Und wohin willst du gehen?" 
„Oh, es ist durchaus nichts dabei, was dich beun 
ruhigen müßte. 
Du denkst vielleicht an eine Flucht vor ineincn 
Gläubigern, oder möglicherweise sogar an eine Flucht vor 
dem Staatsanwalt. Aber du darfst unbesorgk sein. Es ist 
von dem einen ebensowenig die Rede als von dem anderen. 
Ich habe eben nur die Absicht, etwas Neues anzufangen 
und im Auslands die dazu erforderlichen Verbindungen 
anzuknüpfen. 
Dis Bahn ist vollständig frei. Alle meine Verbindlich 
keiten sind geregelt. Aber die Sorge für die fernere Ver 
waltung deines Verinögens würde mich mit einer Mühe 
und einer Verantwortlichkeit belasten, die ich unter den ob 
waltenden Umständen wirklich nicht auf mich nehmen (an»." 
Export nach Amerika und nach einer rneihe anderer Länder. 
Es wurde beschlossen, den Antrag ans Aufhebung der Leuchl- 
mittelsteuer zu unterstützen. Weiter beschäftigte sich die 
Kammer mit verschiedenen Verkehrssragen usw. 
o Die Meisterprüfung im Schneiderinnengemerbe 
bestand Frl. Margarete Markworth aus Berlin-Friedenau. 
o Bürgcrjnbilättm. 40 Jahre Friedenauer Bürger ist 
amMvntag, dem 29.V.M., der Gastwirt Herr Fritz Behrendt, 
Odenwaldstr. 7, Ecke Blankenbergstraße. Herr Behrendt, 
der den Feldzug 70/71 mitgemacht hat, war Begründer des 
hiesigen Kriegsveteranenvereins, Mitbegründer des hiesigen 
Krieger- und Landmehrvereins und des Kricgervereins in 
Schmargendorf. Am 22. September vollendete Herr Behrendt 
sein 62. Lebensjahr. 
o Zwangsweise Behandlung kranker Schulkinder. 
Die Schulärzte in Breslau haben beobachtet, daß bei vielen 
Volksschulkindern eine Behandlung ihrer durchaus heilbaren 
Leiden trotz vielfacher, teilweise jahrelanger Bemühungen 
der Schulärzte nicht durchzusetzen sei. Die Schuldeputation 
Breslau hat sich deshalb veranlaßt gesehen, in einer Ver 
fügung an die Rektoren und Hauptlehrer der städtischen 
Volks- und Hilfsschulen darauf hinzuweisen, daß in solchen 
Fällen Zwangsmittel -zu Gebote stehen. Es heißt in der 
Verfügung: 
„Wenn die Eltern trotz wiederholter Warnungen sich fortgesetzt 
weigern, ihre tränten Kinder behandeln zu lassen und die Mnß- 
nahmen vereiteln, die die Schulverwaltung zum Zwecke der Schul 
fähigkeit der Kinder für notwendig erachtet, dann sind wir be 
rechtigt, beim Vormundschaftsgericht Anzeige zu machen, die viel 
leicht die Entziehung der elterlichen Gewalt nach § 1666 Bürger 
liches Gesetzbuch oder die Einleitung der Fürsorgeerziehung auf Grund 
des Gesetzes betreffend die Fürsorgeerziehung Minderjähriger vom 
2. Juli 1910 zur Folge ivürde. Zunächst werden in einem solchen 
Falle die Schulärzte die Schülschwester veranlassen müssen, in ge 
eigneter Weise auf die Eltern einzuwirken. Sollte dies jedoch 
keinen Erfolg baden, dann ersuchen ivir unler eingehender Dar 
legung aller Verhältnisse und unler Angabe der bis dahin ge 
troffenen Maßnahmen an uns zu berichten, damit wir die weiteren 
notwendigen Schritte tun können." 
Zugleich nimmt i»c Verfügung hinsichtlich derMeinignng 
der Schulkinder von Ungeziefer im städtischen Kinderhort 
Bezug auf eine ältere Verfügung vom Jahre 1911, die 
unverändert bestehen bleibt. 
o Ein Ritter ist den Telephonistinnen erstanden! 
In der illustrierten Wochenschrift „Die Deutsche Frau" 
(Verlag der „Deutschen Frau" sVelhagen & Klasings, 
Leipzig) nimmt sich Ernst Nicmann dieser viel verklagten 
aber nicht minder klagenden Beamtinnen an. Er schreibt: 
Die Bewerberinnen für den Telephonistenberuf müssen wahre 
Wunder der Gesundheit und Muster christlicher Langmut 
sein; sie werden wiederholt gesiebt und ärztlich untersucht, 
ob ihre Nerven auch' den Attacken des Dienstes standen- 
halten vermögen: was sonach von Amtes wegen getan 
werden kann, um einen glatten Fernsprechverkehr herbeizn- 
zuführen, ist getan worden. Aber die große Verkehrs 
steigerung hat trotz aller Erleichterungen und technischer Ver 
besserungen auch die Telephonnervosität wieder vermehrt, 
und die Beamtinnen klagen viel über unhöfliches und unge 
bührliches Benehmen cholerischer Teilnehmer. Jede gering 
fügige Berzögijging, die in dem Massenvcrkehr gar nicht zu 
vermeiden ist, wird zum Gegenstand einer gereizten, zwcck- 
losen Erörterung gemacht, in die dann je nach Temperament 
und Biidnng des „Angeschlossenen" allerlei Ungereimt 
heiten und Bosheiten für die Beamtin hineinfließen. 
Dieser ' aber soll immer höflich und geduldig bleiben; 
auch wenn in der nächsten Minute andere kommen, die be 
dient sein wollen. Die vielleicht vvr Aufregung noch 
Zitternde soll gleich wieder alle Unbill vergessen haben und 
dienstfrendig zur Weiterarbeit bereit sei. Alan wende nicht 
ein, daß ich übertriebe. Wer die Verhältnisse kennt, wird 
mir zustimmen, daß die Telephonistinnen unter den An 
fechtungen ihres Dienstes viel zu leiden haben, mehr als im 
allgemeinen bekannt ist. Denn die Postverwaltnng ist gegen 
Teilnehmer mit hitzigem Teniperainent sehr nachsichtig und 
sucht Streitigkeiten gern gütlich zu schlichten. Zwischen den 
Fällen, in denen Teilnehmer wegen Beleidigung des 
Personals zu einem ernsten Gespräch vvr den Kadi zitiert 
werden, liegen sicher hundert andere gesellschaftliche . Ent 
gleisungen, die in den Zehn Geboten nicht gerade untersagt 
sind, aber ivie Nadelstiche auf das seelische Gleichmaß der 
Beamtinnen wirken. Es gibt Teilnehmer, die ein wahrer 
Schrecken des Fernsprechamtes sind. Ta es vergeblich war, 
sie durch Ueberrcdung ans den Pfad der Tugend zu Ivcken, 
hat man ihre Anschlüsse auf dem Amt mit einem warnenden 
Mene Tekel bezeichnet, damit sich das Personal im Umgang 
„Und ivel!» ich dir nun keinerlei Berantworttichtcil 
auferlegte — wenn ich dich recht von Herzen bäte, dos 
kleine Kapital, das in deinen Händen bisher so gut auf 
gehoben war, und dessen ich ganz und gar nicht bedarf, in 
deinem neuen Unternehmen anzulegen — ohne jede Ver 
pflichtung zur Rückzahlung innerhalb einer bcstimmtenZeil/" 
„Dann würde ich trogdem bei meiner bestimmten Ab 
lehnung verharren müssen. Ich bedauere aufrichtig, daß 
du dich darüber, wie ich annehmen muß, noch gar nicht 
gehörig mit deinem Manne ausgesprochen hast. Den» 
ich glaube, daß du dich in einem Irrrum befindest, wenn 
du annimmst, die Rückzahlung dieses Geldes fei etwas für 
dich ganz Bedeutungsloses. Hubert war, als ich am Morgen 
mit ihm sprach, keineswegs dieser Meinung. Und er kann 
eure augenblickliche Vermögenslage wahrscheinlich besser 
übersehen als du." 
„Nein, Henry, nicht ich befinde mich da in einem Irr 
tum, sondern du bist es, der von irrigen Voraussetzungen 
ausgeht. Mein Mann hat weder das Recht noch die Ab 
sicht, von diesem Gelde etwas für sich zu verwenden; denn 
es besteht keine Jntneffengemeinschafk mehr zwischen ihm 
und mir." 
Er sah sie betroffen an. und dann, als ihm das Ver 
ständnis für die Beoentung ihrer Worte aufging, geriet 
er auj's neue in heftige Erngung. 
„Was ist das, Helga? Was soll das heißen? Keine 
Intersssengemeinschast? Willst du damit sagen, daß i.jr 
willens seid, euch zu trennen?" 
In ruhiger Zustimmung neigte Helga das Haupt. 
„Wir haben ein Uebcrein.oyunen in diesem Sinne 
vetroffen, Henry." 
(Fortsetzung folgt.)
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.